Zlnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 32. Dienstag den 16 Februar. 1909 (Nachdruck verboten.) 811 Das tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g. Mine, in ihrer Herzensangst lief in den Reschkeschen Keller: mit einem etwas erheiterten Gesicht verließ sie ihn wieder. Die Reschke traf doch immer das Richtige. Nicht nur, daß sie eine Stelle wußte— ein paar Häuser weiter herauf, das junge Ehepaar, bei dem früher die schöne Auguste gedient, suchte ein Mädchen— nein, sie schimpfte auch ordentlich auf die„hungcrleidschen Hauptmanns" mit ihre vier Treppens," so daß es Mine wieder leichter ums Herz wurde. Sie legte ihre Sache vertrauensvoll in Frau Reschkes Hände, und als der nächste Ziehtag herangekommen war, zog Mine bei Bankbuchhalter Biek auf.— Heitere junge Leute, lauter neue Sachen, eine blitzblanke Küche mit unzähligen Töpfchen, blauen Bändern und Küchenspitzen. Und nur zwei Treppen! Da hatte Mine eS einmal gut getroffen. Den ersten Abend, als sie in der niedlichen Küche am Spültisch stand und das Geschirr von dem reichlichen Abendbrot abwusch— hier wurde nicht geknausert, das merkte sie schon— kam die junge Frau zu ihr heraus. Sie war im Negligch einem hübschen hellblauen Morgenrock mit vielen Spitzen, der ihrem runden Kindergesicht reizend stand. „Minna," sagte sie,„wir werden Sie„Anna" rufen; ich heiße nämlich Else, aber inein Mann nennt mich„Minnie", und das ist denn doch zu ähnlich mit Ihnen! Also„Anna"!" Sie lachte fröhlich und sah Mine mit ihren hübschen Augen freundlich an.„Ich glaube, wir werden sehr gut zusamnien auskommen, zu tun haben Sie ja auch nicht zu viel. Ich gehe jeden Tag zur bestimmten Stunde aus und hole meinen Mann ab, dann muß das Essen natürlich fertig sein. Nach Tisch schlafe ich ein bißchen, dann können sie ungestört das Ab- waschen besorgen, und abends hole ich wieder meinen Mann ab. Sonntags gehen wir immer zu meinen Eltern, da brauchen Sie garnicht zu kochen, und Mama hilft mir über- Haupt viel und"— sie stockte, denn von drinnen rief die Stimme des Gatten:„Minnie, Minnie!" Da kam er schon.„Aber Minnie," sagte er vorwurfts- voll,„wie lange stehst Du nun schon hier! Du sollst doch nicht so lange stehen!" Besorgt legte er den Arm um ihre Taille. «Komm rein, leg Dich wieder aufs Sofa!" „Ja, ja!" Sie schmiegte sich zärtlich an ihn.„Und Du sitzt bei mir und liest mir vor." Sie nickte dem Mädchen lächelnd zu:„Also„Anna"!" „Wieso„Anna"? Ich denke, sie heißt„Mine"!" Die junge Frau lachte hell.„Aber Männe, das geht doch nicht! Wenin Du nun„Minnie" rufst— und das tust Du doch recht oft— und sie versteht„Mine"— hahahaha!" Sie lachte ausgelassen.„Das wäre'ne nette Verwechselung! Hahaha!" Er fand das auch urkomisch und lachte kräftig mit. Die Arme um einandergeschlungen, gingen sie ins Zimmer zu- rück; noch lange tönte ihr heiter zärtliches Gelächter bis in die Küche. Warum war Mine nur so traurig?! Hier würde sie es ja so gut haben. Sie hielt mit Spülen inne, ließ die nassen Hände an der blauen Schürze herunterhängen und stierte vor sich hin. Träne auf Träne kollerte über ihre Wangen— nicht einmal ihren Namen sollte sie behalten! Am anderen Morgen— die junge Frau war noch nicht aufgestanden— kam der junge Eheniann in die Küche. „Anna," sagte er,„ich muß nun fortgehen. Die Reschke hat mir gesagt, was Sie für ein ordentliches Mädchen sind. Nun sorgen Sie mir auch recht gut für meine Frau, es soll Ihr Schade nicht sein! Wenn sie aufsteht, bekommt sie ihren Tee, und da sie so früh nicht viel essen mag, muß sie um elf zwei weiche Eier haben, und um zwölf, ehe sie mich abholt, ein paar Kakes und ein Glas von dem Ungarwein, der auf dem Büfett steht. Wenn Sie gerade gute Brühe haben, können Sie ihr auch zwischendurch eine Tasse Bouillon bringen. Und lassen Sie sie um Gottes willen nicht auf einen Shchl steigen oder was heben— füttern Sie lieber den Vogel, der hängt so hoch! Sie sind ja eine verständige Person, passen Sie gut auf!" Und damit ging er, nicht ohne vorher noch einmal an die Schlafstubentür zu schleichen und zu horchm, ob sie auch noch schlief.- Es war eine gute Zeit, die Mine bei guten Menschen der» brachte. Niemand sagte ihr ein böses Wort, Herr Biek klopfte sie auf die Schulter, und die junge Frau dankte ihr für alleS mit einem zärtlichen Lächeln. Die Mutter der Frau Biek, eine stattliche, wohlbehäbige Dame, die jetzt fast täglich kam, um während der Abwesenheit des Gatten nach der Tochter zu sehen, beschenkte das Mädchen mit einer Bluse, mit Schürzen und ab und zu mit einer Mark. Es fehlte Mine an nichts, und doch schrieb sie nicht nach Hause, wie gut es ihr ging— sie schrieb gar nicht. Und doch lehnte sie oft am Kochherd und rührte wie geistesabwesend in den Töpfen— immer herum. immer herum— und merkte nicht, daß sie überkochten und der Schaum zischend auf der Herdplatte zerfloß. Sie war zerstreut, oft fehlte ihr mitten in der Rede das Wort; dann stand sie und sah ihre junge Herrin an mit so glanzlosen, erloschenen Augen, wie ein armes Tier, das klagen möchte und doch nicht sprechen kann Der März kam und die österliche Zeit. Schon wehten warme Lüfte, die Erde taute auf: die Peü.'rsilienwurzeln, die Mine in einem Kistchen vorm Küchenfenster pflegte, schlugen ganz grün aus. Eine scharfe Sonne lugte in alle Winkel und zeigte jedes Stäubchen. Die junge Frau Biek ließ sich nicht daran hindern, eine gründliche Frühlahrsreinigung der ganzen Wohnung vorzu- nehmen. Kein Gegenstand durfte auf dem Platze bleiben, die Möbel wurden gerückt, die Wände abgestaubt, die Betten ge- klopft, die Parkettböden im Salon und Eßzimmer ab- gescheuert und dann mit neuer Bohnermasse eingerieben. Es war im Salon. Die Gardinen waren abgenommen, die Fenster standen weit offen, der zartblaue Himmel des Vor- frühlings sah hinein. Jauchzende Kinderstimmen tönten von der Straße, auf dem Fensterbrett hüpften zwitschernde, sich jagende Sperlinge. Heitere Helle, überall neugierig tastende Strählchen. Mine schob die schwere Bohnerbürste vor sich her; die Brust wogte ihr unter hastigen Atemzügen. Immer wieder hielt sie inne. schnappte nach Luft und wischte sich den Schweiß ab, der ihr auf der Stirn perlte. Frau Biek stand auf einer Fußbank und polierte selber das Glas der Pendüle auf dem 5taminsims: da trotzte sie so- gar dem Verbot ihres Mannes, da ließ sie keinen anderen heran. Es war ihr liebstes Hochzeitsgeschenk: stand doch mit goldenen Buchstaben über dem Werk:„Die Uhr schlägt zweien Glücklichen". Plötzlich wankte sie von der Fußbank herab, sank mit einem Seufzer auf den nächsten Stuhl und schloß die Augen. Auch Mine hatte die Augen halb geschlossen: sie war sehr blaß, die Lippen preßte sie fest aufeinander, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Aber ihre Hände ließen die Bürste nicht fahren, gleichmäßig, wie von einer Maschine getrieben, glitt das eiserne Gewicht hin und her. „Wein— Anna— hören Sie nicht?' seufzte die junge Frau.„Anna— Wein!" Polternd fiel die Bürste zu Boden. Mine stürzte ins Eßzimmer nach dem Büfett, die Dielen krachten unter ihrem schwerfällig unbehilflichen Lauf. Der Pfropfen saß tief in der Flasche: sie hatte gar keine Kraft mehr in den Armen, so sehr sie sich auch anstrengte. Sie mußte die Zähne zu Hilfe nehmen. Selbst blaß wie der Tod, hielt sie der Herrin das Glas an die Lippen. Diese trank, schon nach dem ersten Schluck färbte sich ihr junges Gesichtchen wieder rosig.„Ah— I Danke, inun ist's schon wieder gut! Sagen Sie nur Mama nichts. und ja meinem Mann nicht, daß ich die Uhr poliert habe, die wären außer sich. Es wird mir doch nichts schaden?! Machen Sie nur Ihre Arbeit weiter. Ein bißchen rasch, damit alles fertig ist, wenn er nach Hause kommt." Mine bückte sich und griff nach dem Bürstenstiel; schon setzte sie wieder an, da ließ sie jäh die Bürste fallen, torkelte und faßte mit beiden Händen nach ihrer Taille, als fühlte sie da einen unsäglichen Schmerz. „Ich kann nid) mehr!" Ihre schneebleichen Lippen zuckten kvie von verhaltenem Weinen. Die junge Frau hob den Kopf. Ein paar Augenblicke starrten sich die beiden Frauen stumm an. Durch das un- verhängte Fenster flutete jetzt vollstes Sonnenlicht mit un- barmherziger Klarheit— da gab's nichts mehr zu verbergen. „Was fehlt Ihnen?" stotterte die junge Frau. Keine Antwort. Mit einem Aechzen, das fie unter einem Hüsteln zu verstecken suchte, kauerte sich Mine nieder und tastete wie blind auf dem Boden herum. Sie konnte nicht aufstehen, sie lag wie niedergeschmettert, wie ein Tier auf allen Vieren. „Sind Sie krank?" Keine Antwort. „So antworten Sie doch!" Kein Wort, nur ein Wimmern. „Aber— Anna— 1" Das weiche Kindergesicht der jungen Frau war plötzlich wie zu Stein erstarrt. Ihren blauen Morgenrock an sich raffend, damit er den Schmutz nicht streife, verließ sie das Zimmer. lIortsctzung folgt.) Gottfried Sckadow. Dem feudalen Zeitalter des Rokoko wurde durch die große fran- zösische Revolution ein Ende gemacht. Ein« Art von bürgerlicher Kultur löste die aristokratische ab, die während des 18. Jahr- Hunderts namentlich in Frankreich zur höchsten Blüte gebracht und zugleich dem sicheren Verfall entgegengeführt war. Die fundamentalen Umwälzungen, die in den wirtschaftlichen Verhältnissen, in den politischen, religiösen und gesellschaftlichen Anschauungen Platz griffen, mußten natürlich auch auf die Kunst einwirken. Der deka- dente, bis zum Uebermaß verfeinerte und versüßlichte Rokokostil. dessen Meister als die treuesten Vertreter aller feudalen und revo- lutionsfeindlichen Instinkte erschienen, konnte der ernsten Würde des Zeitalters nicht mehr genügen. Man suchte nach neuen lünst- lerischcn Ausdrucksformen und fand oder vielmehr glaubte diese zu finden in der römiscben Antike. Dem alten Römertum ent- nahmen sowohl die bürgerlichen Helden als auch die Künstler der Revolutionszeit ihre Vorbilder, und Napoleon benutzte dann die in theatralischen Pomp umgewandelten Formen des antikisierenden Klasfizismus, um seinen Kaiserthron damit zu dekorieren. Der „E m p i r e st i l"(d. h. der Stil des Napoleonischcn Kaiserreiches) entstand und breitete sich als„Klassizismus" von Frankreich über den europäischen Kontinent aus. In Deutschland hatte die Wissen- schaft diesen neuen Kunstanschauungen bereits vorgearbeitet. Durch den Archäologen Winckelmann war das Gespenst der Antike mitten in die lebendige EntWickelung der bildenden Künste hineinverpflanzt worden, und die ersten Geister Deutschlands vor allem Goethe, waren der neuen Modeströmung zum Opfer gefallen. Die „klassische" Antike galt als die höchste Lehrmeisterin der Künstler und wer es wagte, allein der Natur und den Eingebungen des eigenen Genies zu folgen, wurde als„Naturalist" und„Manierist" verworfen. Im Jahre 18l>1 veröffentlichte Goethe in der Zeit, schrift„Propyläen" einen Artikel, der in diesem Sinne eine„flüch- tige Uebersicht" über den damaligen Stand der bildenden Künste in Deutschland gab und namentlich an den Berliner Künstlern als� den Hauptbcrtretern des Naturalismus scharfe Kritik übte. Auf diese Angriffe antwortete der Berliner Bildhauer Gott- fried Schadow in einem Artikel, der den„charakteristischen Kunstsinn" im Gegensatz zu dem nach formaler Schönheit streben- den Klasfizismus verteidigte. Nicht durch die Nachahmung der Antike— das war die Quintessenz seiner theoretischen Ausfüh- rungen— sondern allein durch treue Nachahmung der Natur lasse sich etwas Wertvolles und Eigentümliches schaffen.„Homeride sein wollen, wenn man Goethe ist! Hätte ich doch die Macht, diese unverzeihliche Bescheidenheit zu verbietenl" Schadow war damals 88 Jahre alt. Auch er hatte seine künstlerischen Studien, wie es üblich war, in Rom betrieben, aber seine gefunden Instinkte be- wahrten ihn davor, sich der klassizistischen Mode mit Haut und Haaren zu verschreiben. Er wurzelte als Künstler zum Teil noch im Rokokozeitatter, ging im wesentlichen aber seine eigenen Pfade. Ein starkes Quantum rücksichtsloser Derbheit stellte seine Kunst in scharfen Gegensatz zu der tändelnden Grazie und spielerischen Phantastik der Reifrockzeit, und eine nüchterne und unbestechliche Beobachtungsgabe lenkte ihn, trotz gelegentlicher Abirrungen, immer wieder auf das ehrliche Studium der Natur zurück. Gott- fried Schadow war sicherlich kein überragendes Genie, aber er� war eine eigenartige, rückgratstarke Persönlichkeit und ein sehr ge- wandter und solider Techniker, der sich noch im Besitze der damals schon vielfach mißachteten Ausdrucksmittel der alten künstlerischen Tradition befand. Obwohl Schadow eS während seines langen Lebens(er starb erst 18Sl> als Scchsundachtzigjähriger) zu mancherlei äußeren Ehren und offiziellen Würden gebracht hat und obwohl er fast 46 Jahre lang die Berliner Akademie als Rektor und Di- rcktor leitete, so wurde doch seinem Schaffen die Anerkennung der Zeitgenossen und namentlich der zeitgenössischen Künstle» nicht«U verdienten Maße zuteil. Seine Kunstanschauungen, die uns heute in gewissem Sinne„modern" anmuten, erschienen dem damals herrschenden Klassizismus als längst überwundene Verirrungen. Der an die Antike sich eng anlehnende„Idealist" Christian Daniel Rauch war der rechte Mann der Zeit, dem die großen bildhaue- rischen Aufträge zufielen. Der alte Schadow wurde vergessen und nur Schuljungen lernten in der patriotischen Geschichte, daß die von Napoleon entführte und in den sogenannten Freiheits- kriegen wieder zurückeroberte Viktoria auf dem Brandenburger Tor sein Werk sei. Eine von der Akademie der Künste veranstaltete Aus- stcllung gibt jetzt Gelegenheit, das gesamte Schaffen des eigen- artigen Mannes wenigstens in seinen charakteristischen Grund- zügen kennen zu lernen. Etwa 100 plastische Arbeiten und zahl- reiche Zeichnungen find vereinigt, darunter manches bekannte, in der Mehrzahl aber Sachen, die sich im Privatbesitz befinden und daher der Oeffentlichkeit bisher nicht zugänglich waren. Wie auch sonst oft in solchen retrospektiven Ausstellungen, sehen wir auch hier mit Erstaunen, daß die berühmten Werke, denen der Künstler seinen Namen verdankt, weder zum Besten noch zum Charaktc- riftischsten gehören, was er-geschaffen hat. Es sind das gerade die Arbeiten, in denen Schadow dem Geschmack seiner Zeitgenossen Konzessionen machte und darauf verzichtete, lediglich der Stimme des eigenen künstlerischen Gewissens zu folgen. Zu dieser Gruppe schwächlicher Kompromißwerk« gehören die Reliefbilder römischer Fahnenträger aus einem Saal des Berliner Schlosses, die alle- gorischen Statuen(.Die Hoffnung" u. a.). ein Teil der Denk- mäler(„Blücher" in Rostock) und meines Erachtens auch das viel- gepriesene Grabmal des jugendlichen Grafen von der Mark(Dorotheenstädtische Kirche in Berlin). Das letzt- genannte pflegt noch heute als SchadowS Meisterwerk zu gelten. Man läßt sich durch die zweifellos virtuose und sehr effektvolle Hauptfigur des schlafenden Knaben bestechen und empfindet nicht, wie wenig„monumental", wie kleinlich, rührselig, fade und gcnrc- Haft das Ganze in Auffassung und Ausführung ist. Die drei Parzen im oberen Halbrund konnte ein Eberlein nicht süßlicher gemacht haben. Schadow lehnte sich in dieser wie in einzelnen anderen Arbeiten an die Antike an; er brachte gegen seine Ueber- zeugung dem herrschenden Klassizismus ein Opfer. M-an hat den Eindruck, als wollte er den Gegnern zeigen, daß er auch nach der Mode arbeiten könne. Aber er täuschte sich: er konnte es nicht. Die Vergewaltigung seiner angeborenen und durch llare theo- rctische Erwägungen gefestigten Künstlernatur mißlang ihm stets, so oft er sie auch versuchte. Der antikisierende Stil widerstrebte ihm durchaus. Sobald er im Sinne der klassischen Vorbilder zu stilisieren anfängt, wird er von allen guten Geistern verlassen. Man erkennt das am deutlichsten in seinen Denkmalentwürfen. wo die Hauptfigur in der Regel eine eigenartige, ruhige und kraft- volle Porträtstatue ist. während ans den Eockelreliefs die unge- heuerlichsten Mißgebilde antiken Stils ihre Orgien feiern. Aber alle diese gelegentlichen Verirrungen und Entgleisungen des Künstlers vergißt man, sobald man sich in die intimen Schön- hcitcn seiner Porträtbüsten vertieft, von denen die Aus- stcllung einige dreißig enthält. Diese äußerlich unscheinbaren, redlichen und sauberen Arbeiten wirken zunächst wie Abgüsse nach dem lebenden Modell. Alle zufälligen Details, jedes Fältchcn und jede Warze sind sorgfältig wiedergegeben. Man ist von der Pein- liehen und unbestechlichen Wahrheitsliebe des Künstlers von vorn- herein unbedingt überzeugt und glaubt ihm, ohne eidliche Be- kräftigung, daß er nichts verschwiegen und nichts hinzugesetzt hat. Und doch fehlen den Werken alle eigentlich realistischen Mätzchen, und doch sind sie nichts weniger als bloße exakte Mvmentauf» nahmen. Bei nähcrem Zusehen erkennt man. daß diese Köpfe keineswegs sklavisch der Natur nachgeformt wurden. Obwohl der Künstler den vollkommenen Eindruck des frischesten Lebens zu wahren wußte, hat er sich doch nicht ängstlich an daS Modell geklammert. Er hat vielmehr ziemlich stark„idealisiert", aber ftei- lich auf andere Art. als die damaligen Klaffizisten es zu tun pflegten. Er gestaltet, wie alle großen Porträtistcn, die äußere Erscheinung des Individuums zum charakteristischen Spiegelbilde des Innern. Er prüft die Bildnismodelle auf Herz und Nieren und schreibt ihnen feinen Befund ins Antlitz. Er zeichnet rück- sichtSloS und unerbittlich alles auf, was er gesehen hat. Aber frei- lich: er sieht nicht alles. Aus seiner Goethebüste spricht fast nur die feierlich steife Exzellenz, und sein Wieland könnte irgend ein lebenslustiger alter Abbe sein. Den ganz Großen wird Schadows Bildniskunst nicht gerecht— darüber dürfen wir uns nicht täuschen. Um sg wunderbarer aber ist in der Wiedergabe der hausbackenen Alltäglichkeit, mag es sich um die breite Spießer- fratze des grobschlächtigen Friedrich Nicolai handeln oder um den süffisanten Aristokratenkopf der spitznäsigen Charlotte v. Hochberg, um den ausgemergelten Rasseschadel des Salomon Veit oder um die fette Behäbigkeit der königlich preußischen Hofhure Gräfin von Lichtenau.' Was Schadow auf diesem Gebiete schafft, sind durch- weg Meisterwerke allerersten Ranges. M»t einem gewissen grim» migen Humor scheint er sich in die Psychologie d«S Berliner Philistertums vertieft zu haben, und mit unverkennbarer Schaden- freude verewigt er ihre charakteristischen Dokumente. Zwar gibt er feiner Neigung zum Karikieren immer nur in sehr diskreter Weise nach, ober sie verläßt ihn niemals ganz. Namentlich die Form und den Ausdruck des Mundes benutzt er als Mittel schärf- ffct und geiftrcichstcr Charakteristik. In ihnen gibt er gewisser- rnaßcn die Quintessenz der ganzen Physiognomie. Unerschöpflich ist er hier in der Entdeckung und �einhumoristischen Ausgestaltung neuer mtimer Nuancen. Man must schon zu den Porträtbüsten der italienischen Frührenaissance zurückgehen, um ähnliche Wunder- werke in urwüchsigster Lebenssrische und vollendeter technischer Meisterschaft zu finden. Das alte Berliner Witzwort„Schadows Ruhm ist in Rauch aufgegangen" gilt für die Gegenwart nicht mehr. Man hat heute längst erkannt, wie hoch der einst mißachtete schlichte Raturalist über dem klassizistischen Pathetiker steht, und die Wahrheit des Satzes, den Sckadow in der oben erwähnten Polemik Goethe ent- gegenhielt:„Durch den charakteristischen Sinn, nicht durch das Streben nach formaler Schönheit ist die deutsche Kunst groß ge- worden," dürfte heute von keinem Einsichtigen mehr bestritten werden. Das Gespenst der Antike hat unsere Kunst auf ihrem naturgemäßen Entwickelungsgange irregeführt, und die deutsche Plastik stände heute auf einem anderen Niveau, wenn die klassi- zistische Strömung die gesunde Tradition nicht für Jahrzehnte unterbrochen hätte. An die Art und Weise des alten Gottfried Schadow mußten die modernen künstlerischen Verjüngungsbestre- Hungen unserer Tage wieder anknüpfen. _ John Schi koloski. <&aldverwUrtiitic[ und ihre folgen. Die Anstrengungen aller Kulturstaaten, die landliche und städtische Bevölkerung vor den Folgen der finnlosen Entwaldung zu schützen, haben in den letzten Jahrzehnten die Wissenschaft vom Walde in einem weit höheren Grade gefördert, als es in der Forst- künde der Fall war. Das Studium der Bedeutung des Waldes nicht nur als..Holzlieferant", sondern als llnwctterschutz. als Luft- reiniger. als yrbarmacher des Landes und Verbcsserer des Klimas hat stch zu einem besonderen Zweig der Botanik ausgewachsen. Einer der Eifrigsten in dieser Richtung, R. H. Fran? ö, hat es unternommen, in einem Werk„Aus dem Leben des Wäldes" die Tragödie zu schildern, die ganze Landstriche Europas betrasen, nachdem Menschenhände in den söaumreichiümern habgierig gewütet und gemordet. Diese Schlachtcnberichtc aus dem Leben des Waldes erinnern an das alte Wort„aus deinen Gebeinen wird ein Rächer erstehen". Roch heute leidet Frankreich darunter. daß es vor und während der großen Revolution feine Wälder niederschlug, um Gold aus Holz zu machen. Drei Millionen Hektar Wakd ließ damals(vor mehr als 100 Jahren) eine wahnwitzige Spekulationsfchar füllen und noch heute muß infolgedessen Frank- reich für mehr als 100 Millionen Franken Holz im Auslande kaufen, nachdem es allein doppelt so viel ausgegeben hat, um nur im französischen Teil der Alpen, wo die Folgen der Entwaldung am verheerendsten auftraten, durch Aufforstung des ärgsten dieses nationalen Waldfrevels wieder gut zu machen. Aus die Sünde wider die Natur ist Todesstrafe gesetzt. Die Landschaft erstarrt, wo man sie ihres schönsten Schmuckes freventlich beraubt. Der Süden Europas ist ein warnendes Beispiel für jene. die nickt daran glauben wollen, daß die Natur strafen kann. In den südlichen Alpen begann dieses Sühnegericht erst vor wenigen Jahrhunderten; die leblosen Einöden Syriens und der griechischen Berge beweisen, daß oft Jahrtausende nicht mehr gut machen können, was ein Geschlecht gesündigt hat. Die Erfahrungen an den entwaldeten Abhängen der probenza- lischen Berge haben erst in den letzten Jahrzehnten das Schulbeispiel geliefert, wie sich Entwaldung der Gebirge rächt. So verstehen wir, warum in Südtirol, in der Schweiz, auf dem Apennin Gegenden von einst sprichwörtlicher Ueppigkcit steinige Wüsten ge- worden sind. Der französische Bericht über den Zustand der Alpen der Provence, die man durch systematische Entwalbung zugrunde gerichtet hat, gibt mit trocknen einfachen Worten ein erschütternd anschauliches Bild davon. Er sagt: Man kann sich in unseren gc° mäßigten Gegenden gar keinen Begriff von diesen brennenden Berg- schluckten machen, wo es nicht einmal einen Busch gibt, um einen Bogel zu schützen, wo der Reisende nur da und dort einen aus- getrockneten Lavendelstengcl findet, wo alle Quellen versiegt sind, wo ein düsteres, kaum vom Gebrumm der Insekten unterbrochmes Schlveigen herrscht. Aber da bricht plötzlich in der Schwüle ein Gewitter kos. Und dann wälzen sich in einem Nu in diesen ge- borftenen Becken von der Höhe der Berge Wasscrmassen herab, die verwüsten, ohne zu befruchten, die überschwemmen, ohne zu er- frischen, und die den Boden durch ihre rasch vorübergehende Er- scheinung noch öder machen, als er durch ihr Ausbleiben war. Der Mensch zieht sich notgedrungen auö diesen schauerlichen Einöden zurück, und die Ortschaften werden verlassen. So entstehen die berüchtigten Torrentcn, die Wildbäche der Alpen, durch die jeder mehrtägige Sommerregen die Flüsse aus- treten und weit unten lachende Alpentäler mit Schutt verheeren läßt, die unschuldig sind daran, daß Eigennutz und Unverstand im Hochtal und Ouellgebiet den Wtald zerstört haben. Die Zahlen der Statistik reden eine uns bestürzt machende Sprache. Frankreich hat 3000 solcher Wildbäche, Tirol südlich vom Brenner 522, das Pustertal allein 171. Und jeder Wiltckach ist eine Quelle von vielem Unglück und steter Armut. Er ist jederzeit bereit, als„Mure" den Boden mitzureißen, als wandelnder Berg von Gc- schieben, schlammiger Erde und Felstrümmern in die Täler zu stürmen. Dann wehe den Dörfern, über die sich eine Mur ergießt» Die Häuser werden eingedrückt, der Wald wird weggefegt, seme mächtigen Stämme knicken um tvie Zündholz, und viele Jahre danach bleicht noch ein Felscnkar, unfruchtbar und wüst über einst reichen Feldern und lauschigem Wald. Wo sich diese Tragödie oft tviederholt, dort wird das Schweigen der Verlassenheit dann heimisch So könnten und müßten die ganzen Alpen verarmen; verkarsten, müßte auch der reiche Kranz der deutschen Mittelgebirge, wenn die Liebe zu unserem Wald so tief sinken würde, wie sie im Herzen der habgierigen venetianischen Krämer erlosch die für die Pfahlroste ihrer Stadt und ihre Schifte den Eichenwald niederschlugen, der einst auch das Karstgebirge der Meeresuser übergrünte, und den dann der flämische Hirte mit seinem Weidevieh nicht mehr aufkommen ließ, als es noch Zeit war. Heute ist es vielleicht zu spät. Oesterreich hat sechzig Millionen Bäume pflanzen lassen im istrianischen Karst— und noch immer ist der Tschitscheuboden grausige Wildnis. Heute ist es zu spät für das verschmachtete Hella?, für das ver- armte Syrien und die vertrockneten Jonischen Inseln. Albanien, das„weiße Land", war im Altertum ein schwerer Wald. Solange Wald die Bodenkrume auf den griechischen und kleinasiatischen Gebirgen festhielt, grünte dort das Paradies von Europa. Das wußte der naive Naturglaube wohl; nicht umsonst sagte man im alten Syrien: der Tau des Hcrmon befruchtet sie Landschaft. Aber in großen Drama der Antike blieb Hellas nicht frei von Schuld. Kriegsläufe, Unverstand. Habsucht, Abkehr von der Natur, das Eindringen slawischer Hirtenvölker, das sind die einzelnen Szenen im Trauerspiel vom Untergang der alten Gärten Griechen- lands. Die Wälder fielen. Man täfelte in Byzanz über die dogmatische Bedeutung des Buchstaben i. duldete aber gelassen, daß sich Günstlinge der Zäsaren der Wälder bemächtigten. Man fürchtete die Strafe(Lottes, wenn man um eine Linie von der Rechtgläubig- koit abwiche, aber man vergaß, daß die Strafen des Unverstandes nicht weniger hart sind. Und man wüstete unverständig im Orient, der einen baumfeindlichen Himmel hat. Griechenland verdorrte buchstäblich. Wo die Garten- und Rosenstädte KleinajicnS ihren Glanz verbreiteten, ist heute steinige Halbwüste. Nirgends gibt eS jetzt so kahle und unfruchtbare Felsen, wie am türkisch-griechi scheu Küstensaum. Seine Berge liegen da, wie ein bleicher Leichnam er- storbener Natur, und ihr traurig weißes Leuchten zwischen heiter blauem Meer und traurigem Himmel sagt dem Menschen: Verehre den Wald und schone ihn, denn er ist der Bürge deiM? Lebens i__ Kleines f eullleton* Di« drohend« Vernichtung der Nmgara- Fälle läßt die Amen» kaner nickt zur Ruhe kommen. Die Bevölkerung trennt sich dabei in zwei Parteien. Die Vertreter der Technik halten den Bestand sogenannter„Natnrschönheiten" für durchaus überflüssig, wenn durch ihre mit einer AuSnnyung verbundenen Zerstörung ein praktischer Vorteil gewonnen werden kann. Im anderen Heerlager ist man über diese Partei außer sich und wünscht der Menschheit derartige gewaltige Eindrücke der Naturkraft zu erhalten. Im besten Falle wird der Streit auf ein Kompromiß hinauskommen, denn die Partei der Naturfreunde hat schon einen so großen Verlust an der Beeinträchtigung der Niagara- Fälle durch die Technik erfahren, daß sie sich dabei bescheiden muß, noch einen Rest retten zu können. Ein amerikanischer Geologe, der sich besonders eingehend mit der Geschichte der Riagara-Fälle be- schäftigt hat, Dr. Spencer, hat sein schwerwiegendes Urteil über Sein oder Richtsein der Riagara-Fflle abgegeben. Der Wasserstand oberhalb der Fälle ist infolge der Anzapfimg zugunsten der Elektrizität und anderer Werke schon sehr erheblich gefallen. Wieviel Wasser diese Anlagen verbrauchen, geht aus der eindrücklichen Tatsache hervor, daß im letzten Juni, als eine einzige Gesellschaft ihren Betrieb vorübergehend einstellte, das Wasser in dem großen Becken oberhalb der Fälle mehr als eine» Zoll stieg. Die betreffenden Werke hatten allerdings einen Verbrauch von 800 Kubikmetern in der SekuSel Nack der Ansicht von Dr. Spencer ist die Erhaltung der Fälle in einiger Groß- artigkeit jetzt nur noch eine Frage von„Jollen". Wenn den Plänen weiterer Ausnutzung keine Schranken gesetzt werden. wird der berühmte Hnseisenfall an feinem oberen Rand von rund 1000 Meter auf 500 Meter zusammenschrumpfen, sein Durchmesser von 400 Meter auf 250 Meter. und er wird dami überhaupt ausschließlich auf kanadisches Gebiet bescki lnkt sein. Die amerikanischen Fälle werden gleichfalls in ihrer südlichen Hälfte zum Austrockne» kommen und im übrigen nur noch schmale Wasserstteifen bilden. Phyfiologisches. Was der Mensch aushalten kann. Die Katastroph« von Messina hat tvieder eine Reihe von Beispielen gegeben. die zeigen, welche außerordentliche Wider'�mdSfähigkeit der menschliche Körper unter den ungünstigsten Bed ngrmgen entfaltet. Zehn Tage nach der Katastrophe glaubten die Aerzte versichern zu können, daß unter den Ruinen alles Leben erloschen sei: die Tatsache» haben diese Annahme berichtigt: noch zwölf, vierzehn, ja achtzehn Tage nach der Katastrophe konnten aus den Trümmern Unglückliche gerettet werden, die noch am Leben waren. Man erlebte eine Wiederholung der Ereignifle Bei dem Erdbeben von 1783. wo nacb nchtzehn und elf Tagen noch Lebende aus den Trümmern Messinas geborgen wurden. Die jüngsten Ereignisse im Erdbebengebiere geben einen, wissen- fchaftlichen Mitarbeüer des„Journal des DöbarS" den Anlas; zu einer Untersuchung der Widerstandssäbigkeil des Menschen. Bei den meisten der spät Geretteien von Mesiina haben die Verschütteten in ihren unterirdischen Gefängnissen immerhin kümmerliche Nahrungs- mittel ausfindig machen können; es fehlt aber auch nicht an Fällen, wo die lebendig Begrabenen wehrlos dem Hunger und Durste preisgegeben waren und doch wochenlang am Leben blieben. Am 12. Januar wurden drei Opfer des Erdbebens aus den Trümmern gezogen, die dreizehn Tage lang ohne die geringste RahrungS» aufnähme gelebt hatten. Aber selbst diese erstaunliche Widerstands- kraft bezeichnet keineswegs die äußerste Grenze menschlicher Aus- dauer. Der Matrose Benigne Bouret, der 182l den Schiffbruch deS .Neptun' überlebte, lebte neun Tage ohne Nahrung und ohne etwas anderes zu ffch zu nehmen, als ein kleines Glas Branntwein mit Meerwasser vermengt. Dabei hatte er gegen die Kälte und die Feuchtigkeit zu kämpfen und mußte seine Körperkräfte aktiv anstrengen/ um nicht von den Wogen fortgeschleudert zu werden. Die Ueberlebenden von Courrieres, die zwanzig und mehr Tage im Erdinnern verbrachten, verfügten immerhin über einige, wenn auch kärgliche Nahrungsmittel. Dagegen hat der französische Arzt Dr. Löpine einen Fall beobachtet, wo ein junges Mädchen, das an einer Berengung der Speiseröhre litt, sechzehn Tage lebte, ohne daS geringste zu essen oder zu trinken. Sie war dabei noch krank, aber gerade die Krankheit scheint in solchen Fällen die Wider- standskrast zu vermehren, da der geschwächte Körper weniger Kraft abgibt und infolgedessen auch geringere Nahrungszufuhr verlangt. Außerordentlich intereffant ist der Fall Antonie Viterbis, eine? Beamte», der während der Revolution vom Gerichte in Bastia zum Tode verurteilt wurde und der, um der öffentlichen Hinrichtung zu entgehen, sich entschloß, freiwillig Hungers zu sterben. Er führte genaue Aufzeichnungen über die Wirkungen des Hungers und DursteS: dabei fällt auf, daß die Hungergefühle nur in der ersten Aeit und auch � nur dann sporadisch austtaten, während ein furchtbares Durstgefühl ihn bis zum Tode begleitete. Noch am siebenten Tage spricht er nur vom Dnrsie, bemerkt aber ausdrücklich, daß er keinen Hunger verspüre und bezeichnet sein Allgemeinbefinden, vom Durste abgesehen, als gut. Km Nachmittage überkommt ihn die letzte Anwandlung von Hunger: nachdem sie überwunden ist, bleibt nur der Durst zurück. Er stirbt am 17. Tage. Aehnlich ver- läuft der freiwillige Hungertod eines deutschen Kaufmannes, der in seinen genauen Auszeichnungen auch nur vom Durste spricht. Er trinkt am fünften Tage etwas Wasser: am achten aber vermag er auch das Wasser nicht n,ehr zu genießen, eS verursacht ihm Uebelkeit; er lebt„och zehn Tage, inSgesanit also achtzehn, ohne die geringste Nahrungsaufnahme. Die Physiologie verzeichnet eine Reihe von Fällen, in denen die Ausdauer noch größere Leistungen voll- bringt. In Messina wurden<1783) noch nach 22 und 23 Tagen Lebende auS den Trümmern gezogen, und 1684 wurden vier Grubenarbeiter in Horsel in Belgien nach 24 Tagen noch lebend aus der Grube gerettet, ohne daß sie Nahrungsmittel besessen hätten. Die..Philosophical transactionS" berichten von einem Fall, bei dem ein Mann ebenfalls 24 Tage lang ohne Nahrung in einer Höhle verbrachte, ehe Hilfe kam. Dabei wird auch daS Beispiel erwähnt, bei dem eine Person 32 Tage lang im Schnee verbrachte, wobei allerdings anzunehmen ist, daß eine Art Schlaf und Erstarrung die Fortdauer des Lebens begünstigt hat. Die Medizin kennt Fälle, in denen hysterische Personn sehr lange fasten können: Debove hat einen Suggestionsversuch mit einer Hysterischen vorgenommen, bei dem die Patientin vierzehn Tage lang nichts aß, wobei nur eine sehr geringe Gewichtsabgabc beobachtet wurde. Hierher gehören auch die Leistungen der sogenannten Hunger- künstler, die in den meisten Fällen jedoch sich das Recht auf Wasser vorbehalten. So hat Tanner 1830 vierzig, Succi 1890 vierund- vierzig und Merlatti 1886 fünfzig Tage gefastet. Aber daS find Fälle, die unter anderen moraluchen Bedingungen sich ereignen als die unfreiwilligen Hungerns, Ivo die Angst vor dem Tode und die Ungewißheit der Rettung an der Widerstandskraft zehren. Immerhin gibt die Erfahrung Beispiele, in denen der Mensch unter den furcht- barsten Umständen eine Nahrungsenthaltung von zwanzig bis dreißig Tagen ertragen kann, ohne zu sterben. Naturwissenschaftliches. Das Koffein im Tee. Die anregende Wirkung deS Tees Auf den menschlichen Organismus ist bekanntlich größer als die von 5kaffec oder- gar Kakao, man schrieb deshalb dem Tee ein beson- dcrcS Gift zu. das Teein, das viel schädlicher sein sollte als das äm Kaffee enthaltene Koffein. Diese Meinung hat sich als irr- tümlich herausgestellt: es gibt kein besonderes Teegift. Was den hohen Wert sowohl des Tees wie des Kaffees und Kakaos als an- regende Eenußmittel bedingt, ist ein und derselbe Stoff, das Koffein, bei allen drei Pflanzen; nur enthält der Tee ungefähr dreimal soviel davon als Kaffee ch-d dieser wiederum hat einen höheren Koffeingehalt als Kakao. Es gibt nur sehr wenige Pflanzen, die Koffein in wahrnehmbaren Mengen enthalten; außer den drei genannten gehört dazu nur noch die Kolanuß, die von den Negern deshalb so gern gekaut wird, und noch ein paar andere südamerikanische Pflanzen, derer» Verbreitungsbezirk aber sehr begrenzt ist. Um so mehr muß man den großen Scharfsinn der Naturvölker in der Auffindung der koffeinhaltigen Pflanzen bewundern. ES gibt keine koffern» haltigen Pflanze, die nicht schon seit uralter Zeit von den Menschen als Genußmittel verwandt wurde. Trotzdem das Koffein bereits längere Zeit den Chemikern be- kannt ist, ist man sich über sein Vorkommen und seinen Zweck innerhalb des pflanzlichen Organismus noch nicht einig. Der Che» mikcr P. A. Du Pasquicr veröffentlicht nun in der„Vierteljahrs- schrift der Naturforschcnden Gesellschaft Zürich' eine lange Reihe von Untersuchungen und Experimenten, deren Ergebniffe geeignet find, ein neues Licht auf die stritttgen Fragen bezüglich des Koffeins zu werfen, und auch weitere Kreise ihrer biologischen Bedeutung halber interessieren dürften. Beim Teestrauch findet sich das meiste Koffein in oen jungen Blättern und den noch unentwickelten Linospen, die daher zu den besten Sorten Verwendung finden. Wahrscheinlich ist der Sitz des Swffes in den mittleren Schichten des Blattgewebes, dem sogenannten Mesophyll und Palisaden- gewebe; in der Oberhaut, der Epidermis, war bis jetzt keine Spur davon nachweisbar. Japanische Chemiker halten das Koffein für eine plastische Substanz, die bei der Eiwcißbildung Verwendung findet. Die genauen und trotz der Schwierigkeit der Materie aufs peinlichste durchgeführten Experiment« Du Pusquiers machen cs wahrscheinlich, daß wir in dem Koffein ein seltsames, in der Pflanzenwelt sonst kaum wahrgenommenes Abfallsprodukt haben, das sowohl hinsichtlich der Rolle, die eS im pflanzlichen Organismus spielt, wie seiner chemischen Zusammensetzung nach eine merk. würdige Aehnlichkeit mit der Harnsäure im tierischen Körper hat. Das wäre eine neuerliche Bestätigung der Ansicht, daß zwischen dem Stoffwechsel der Pflanzen und Tiere kein durchgreifender Unterschied besteht. Außer dem alkalischen Koffein befinden sich im Tceblatt noch zwei andere Bestandteile, auf die das Publikum mehr acht hat als auf den Stoff, auf dem eigentlich die Wirkung des Tees bc- ruht: ein Gerbstoff, der den Geschmack, und ein ätherisches Oel. das das eigentümliche Tcearoma verursacht. Bei der Qualität spielen nur die beiden letzteren Stoffe eine Rolle; das ist ein großer Mangel und geradeso, als ob man Alkohol nur mit der Zunge untersuchte: jedenfalls sollte stets beim Teekauf berück- sichtigt tverdeu, daß billiger Tee nicht geringer zu sein braucht als teuerer, soweit cs den Koffeingehalt betrifft. Teeblättcr sind in frischem Zustande nicht verwendbar, sie müssen erst eine Reihe von Operationen durchmachen. Durch Gärung wird der Gerbstoff teil- Iveise entfernt, der durch seinen bitteren Geschmack unangenehm wirken könnte, wodurch zugleich auch noch ein gut Teil Koffein frei wird. Durch Welken und Trocknen wird den Blättern der Wassergehalt entzogen und daS aromatische, leicht sich verflüchti- gende Oel in Freiheit gesetzt. Der Anbau des TccS breitet sich immer weiter aus. Dem Stammland China sind in den letzten Jahrzehnten bedeutende Konkurrenten in Br'tisch-Ostindien. Ceylon und dem Kongostaat erwachsen: auch in Mittelamcrika und am Kaukasus denkt man bereits an Teeplantagen. Selbst in Europa haben wir eine Gegend, die sich dafür eignen würde, das Land um die ober- italienischen Seen und die Riviera; doch dürfte eine Teekultur da« selbst unter.den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen kaum reu» tabel sein. Physikalisches. E i n e leuchtende Luftschicht. Der Himmel zeigt zu» weilen eigentümliche Lichterscheinungen, die durch die gewöhnliche Wirkung der Sonnenstrahlen nicht erklärt werden können. Eine große Berühmtheit hat unter diesen die sogenannte„falsche Dämmerung' erlangt, die mehrfach nach starken Vulkanausbrüchen beobachtet wurde und auf die Anwesenheit von vulkanischem Staub in höheren Schichten deS Luftmeereö erklärt zu werden pflegt. Ein nach Zeit und Art wesentlich anderes Phänomen ist der blaue oder grüne Strahl, der in manchen Gegenden sowohl im Gebirge wie in Wüsten kurz vor dem Aufgang oder nach dem Unter- gang der Sonne gesehen wird. Diele Erscheinungen zusammen mit dem allbekannten Alpenglühen will der Physiker Greville in einer der Pariser Akademie der Wissenschaften eingereichten Arbeit sämtlich durch eine und dieselbe Tatfache erklären, nämlich durch daS Vorhandensein der sogenannten Umkehrschicht in der Almosphäre. Seit längerer Zeit ist durch die Auflassung kleiner Pilotballons mit Instrumenten zur Messung von Temperatur und Luftdruck nach- gewiesen worden, daß zwar bis zu einer Höhe von 12000 Metern die Temperatur dauernd abnimmt, dann aber wieder steigt. Die Luftschicht, die_ ein so unerwartetes Verhallen zeigt, hat nach den bisherigen Forschungen eine Dicke von ungefähr 1'/» Kilometern. Diese Schicht wäre nun nach der Annahme von Greville leuchtend und müßte demnach in dem vom Erdschatten gebildeicn Kegel einen leuchtenden Kegclstumpf bilden. Professor DeSlandreö, ein Astronom von Welttuf, sucht die Ursache aller jener Erscheinungen in der Wirfung der unsichtbaren ultravioletten Strahlen der Sonne, die durch die Luftschicht stärker gebrochen werden, als die sichtbaren Lichtstrahlen, und ihrerseits eine PhosphoreScenz der Lustteilchcn in deil oberen Schichten der Attnofpbäre hervorrufen. Vielleicht ließen sich diese beiden Annahmen mit einander vereinigen. «erantw. Redakt.: EarlWermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag- Vorwärts«uchdruckerei».BerlagsanstaltPaul Singer Sceo..BerlinS�V.