Anlerhaltungsblatt des'Dorwärts Nr. 34. Donnerstag den 18 Februar. 1908 lNachdnilk verboten.) � Oas täglicbe Brot. Roman von C. V i e b i g. ..Nu wird'S Tag!" Mutter Reschke stemmte die Arme in die Seiten.„Js's möglich, so eener hat de Dreistigkeit? So eener, der nich ufs Jymnasium war, der nich mal weefe, wie sich jebild'te Leute benehmen! Da haste recht, da stimme ick der bei— von den was jefallen lassen?!— Noch schönter. Ne, det haste nich nötig: da wird sich ebent wat anders finden." „Wird verdammt schwer halten," sagte er düster. In diesem Augenblick hörte man drinnen Vater Reschkes dröhnenden Baß und Trudcs spitzes Lachen. „Se sind da! Still, Artur, still," fliisterte hastig die Mutter.„Je man rin, mach en freundlichtes Jesichte! Wird sich allens finden. Heut find wer fidel!" Sie schob ihn zur Küche hinaus. Trude war sehr lustig vom Spaziergang zurückgekehrt: sie lachte öfter laut auf, ohne jede Veranlassung, und warf den Oberkörper hintenüber. Herr Ladewig behielt ein beständiges Schmunzeln bei, schüttelte Artur freundschaftlich die Hand, zupfte an seiner Piqu6-Weste und sah Trude verliebt an: aber er sagte nicht viel. Vater Reschke hatte ihn aufs Sofa genötigt, da saß er nun, hatte Elli an sein Knie gezogen und ließ sie mit seiner Uhrkette spielen. „Js die von Jold?" fragte die Kleine naseweis.„Kaufst Du Deine Frau auch eine von Jold?" Alle lachten. „Ja, unse Elli," sagte Reschke stolz,„die is helle!" Nun trug Frau Reschke die Pute auf und legte selbst vor, dem Gast das größte Stück. Sie nötigte:„Na, man los, Kinder, cßt los! Vater, schenk doch ein! Herr Ladcwig, Se werden bessren Mosel jewohnt sind, aber keencn, der so von Herzen kommt! Trude, rück doch zu Herrn Ladewig ufs Sofa, der sitzt ja da so mutterwindelalleene, wie der Punkt ufs I." „Damit er sich nicht bangt," sagte Trude und rückte neben den jungen Mann. Vater Reschke schenkte wacker ein, die Zungen lösten sich, die Unterhaltung kam in Fluß. Elli lief mit dem Putenbein, das ihr der Vater zum Abnagen gegeben, um den Tisch, zupfte ihre Schwester, zupfte den jungen Mann, nippte aus allen Gläsern und kreischte ausgelassen. Herr Ladewig erzählte von Kottbuser Spezialitäten, die sein Vater alle am Lager hatte: Gänsebrüste prima Qualität, braunen Baumkuchen mit weißem Zuckerguß und andere Herrlichkeiten. Frau Reschke schaute ihn ganz verzückt an: dabei troff ihr die Fettsauce vom Mund nieder auf die Serviette, die sie mit zwei Klammernadcln auf dem mächtigen Busen befestigt. Man war im besten Vergnügen, als es an der Hintertür klopfte. Der dummen Elli, die öffnete, hatte man's zu ver- danken, daß Mine hereinstolperte, die sich nicht recht näher traute und unter Stottern eine Ausrede, warum sie ae- kommen, vorbrachte. Als sie die scheu gesenkten Lider hob und Artur bemerkte, überflog ein Freudenschein ihr ver- störtes Gesicht. Frau Reschke bot Mine nichts an, nötigte sie nicht ein- mal zum Sitzen— das hatte gefehlt, daß die heute hier hereinschneite! Nanu, wie sah die denn aus?! Sie war plötzlich so auffallend kühl zu der Nichte, daß diese gedrückt sagte, sie wolle nicht stören und wieder gehen. Niemand hielt sie zurück. Aber ein letzter Blick streifte Artur, so flehend, so ver- zweiflungsvoll, so bedeutsam, daß er sich Wider seinen Willen cmporgezogen fühlte und unter dem gemurmelten Vorwand, er wolle Mine vorn zum Laden herauslassen, vor ihr her zur Glastür schritt. Niemand achtete auf die beiden: sie hatten alle mit sich zu tun. Vater Reschke stieß eben zum soundsovielten Male mit dem Gast an: er war bereits im Stadium der Rührung an- gekommen und lallte mit tränenverquollener Stimme:„Prost — lieber Ladewig— mein lieber Ladewig, hochverehrter Herr Ladewig— sehr anjenehm— sind nur bei einfachen-- prost— bei einfachen Leuten, aber im Schoß— prost— einer jlücklichen Familie!" Herr Ladewig, vom reichsichen Essen und Trinken an- gefeuert, lispelte in Trudcs Ohr und verschlang sie mit schwimmenden Blicken. Trude selbst sah in ihren Schoß und kicherte unausgesetzt, aber sie litt es, daß Herr Ladewig ihre zarte Taille mit seinen klobigen roten Frost-Fingern um- faßte. Frau Reschke betrachtete das Paar auf dem Sofa mit wahrhaft mütterlichen Blicken, und Elli machte sich das all- gemeine Jnanspruchgenommensein zunutze und verschlang noch den letzten Gurkensalat und alle übrig gebliebene Schlagsahne. Im dunklen Laden fühlt sich Artur von Mines kalten, zitternden Händen umfaßt. „Ich war bei der— ich mußt der sprechen— de warst nich zu Haus— ich Hab der gesucht— ich muß der sprechen, Jeses, Jefes, Arturl Die Angst! Se haben mer gekündigt — der Erschte is vor die Tür— wo soll ich hin?! Was mach ich?! Ich trau mer nich in'n Dienst. Keiner will mich mehr — kann mich auch keiner mehr brauchen— mer sieht mer'sch ja an!f Artur, Artur!" Sie klammerte sich an ihn. Er stand wie betäubt, von einem lähmenden Entsetzen befallen. „Sag mer doch— Artur— hilf mer, was mach ich?!" „Was weiß ich— was weiß ich?" stammelte er. „O Jeses, Arthur, bedenk doch! Was machen wer? Wenn ich auch tu, als wär's nich, es ist doch da. Un es kommt, es kommt bald! Arturl" Sie rüttelte ihn verzweifelt. „Um Gottes willen, nich so laut!" Zitternd legte er ihr die Hand auf den Mund.„Kannste nich zu Deinen Eltern? Geh doch zu Deinen Eltern!" „Ne, ne, s o laß ich mer nich zu Hause seh'n! Nie." Ihre Stimme erstickte fast, eine glühende Schamröte überzog ihr Gesicht.„S o komm ich nich heeme." „Ja, was machste denn da— was wachste denn da," sagte er mechanisch, wie geistesabwesend. Sie schrie laut auf.«Du wirst mer doch nich in Stich lassen, gelle, Artur?!" Wären die in der Stube jetzt nicht so laut geworden, sie hätten die Stimme hören müssen, diese einzelne Stimme, die doch wie ein gewaltiger Chor den ganzen Jammer der Kreatur verkündete. Der Schrei ging unter im Gelächter und lustigen Ge- dudel. Zitternd stand Artur. Eine jähe Verzweiflung überkam ihn, wild sah er sich um: Alles schwarz— schwarz— ewige Finsternis! Kein Lichtstrahl! Mit den geballten Fäusten hieb er hinein ins feste, un- durchdringliche Dunkel.„Verfluchter Keller!" Sie hing sich an ihn.„Schimpf nich, Artur, es nutzt nischt. Denk lieber, was mer machen wollen!" „Da is nischt zu denken, da is nifcht zu machen! Daß du's nur weißt, seit gestern bin ich auch meine Stelle los." Zurücktaumelnd stieß sie einen unartikulierten Laut aus— das traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Auf diese Stelle hatte sie eine unklare Hoffnung, aber doch immer eine Hoffnung gesetzt.„Los— Deine Stelle— Du bis nich mehr da— was nu?l" „Ich wer mich doch nich hudeln lassen," murrte er, seine Angst unter Trotz versteckend. „Ach, Artur!" Sie brach in Tränen aus. Kein lautes Schluchzen, aber ein Schluchzen tief innen. „Schrei nich so," fuhr er sie an und preßte ihre Hand, daß seine Nägel ihr ins Fleisch drangen. „Ich schrei ja nich." Ihre Stimme klang ganz leise, wie verlöscht. Da packte ihn der Schmerz: in Träneik'ausbrechend, umschlang er sie und schluchzte an ihreni Halse. Stumme Minuten in tiefer Dunkelheit. Sie hielten sich umfangen wie zwei Verbrecher, zitternd angesichts des Schafotts. Ein Ruf schreckte sie auf. „Atur! Atur, wo bleibste denn?" „Mutter!" Sinnlos vor Furcht, riß der junge Mensch sich los, ließ Mine stehen und rannte zurück ins Wohnzimmer. Sie war allein im Dunkel— ganz allein! Nein, doch nicht allein! Ein banger Seufzer zitterte durch die Finsternis und antwortete ihrem Seufzer. Fast hätte sie aufgeschrien vor Schreck, eine feuchtkalte Hand berührte die ihre. Un- hörbar war es herangeschlichen, jetzt schmregte es sich an sie. Es hauchte in ihr Ohr:«Sei nich traurig, Mine!" „Grete!" Mehr konnte sie nicht sagen, unaufhaltsam raunen ihre Tränen. Und die häßliche Stimme hauchte: „Sage es Jesu, Du hast sonst nimmer Solchen Freund und Bruder. Sage es Jesu l" „Nc, ue, laß mer in Ruhl" Unwirsch riß sich Mine los und stürmte zum Keller hinaus, die Tür hinter sich zuwerfend. (Fortsetzung folgt.) der jüngste der Planeten.*) i. Während die Entdeckung des achten Planeten, des Uranus, durch den großen Astronomen tzerschcl 1781 ebenso wie später die vtr Ceres dem Zufall zu verdanken ist, und die Entdecker gar nicht die Absicht gehabt hatten, nach einem neuen, noch un- bekannten Gliede unseres Sonnensystems zu suchen, ist die Auf- suchung des den Namen Neptun führenden Planeten von vorn- herein planmäßig angelegt worden und aur Grund schwieriger theoretischer und rechnerischer Untersuchung erfolgt. Gewisse Abweichungen im Laufe des Uranus von der für ihn berechneten Bahn drängten mit Notwendigkeit dazu, die Existenz eines bisher noch unbekannten Planeten an der äußersten Grenze des Planeten- systems anzunehmen. Nur durch die Einwirkung eines solchen ließen sich die fraglichen Abweichungen erklären. Tie Unter- suchungen wurden schließlich von zwei Seiten, und zwar völlig un- abhängig voneinander, durchgeführt, und beide Untersuchungen führten fast zu dem gleichen Resultat. Man vermochte mit er- heblicher Sicherheit anzugeben, wo der noch unbekannte Körper am Himmel zu suchen sei. und tatsächlich wurde er auch nahe an der bezeichneten Stelle aufgefunden. Es war dies ein Triumph der astronomischen Wissenschaft, der auf das glänzendste zeigte, auf welchen festen und wohlbegründeten Fundamenten ihre Theorien aufgebaut sind. Das Aufsehen, welches die Entdeckung des neuen Planeten— und zwar nicht nur in der wissenschaftlichen Welt— erregte, war ein gewaltiges, und man bezeichnete sie direkt als die größte ivissenschaftliche Tat des ganzen 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1821 veröffentlichte der Pariser Astronom Bouvard neue Tafeln des Jupiter, Saturn und Uranus, zu deren Bc- rcchnung ein umfangreiches Beobachtungsmaterial benutzt worden war. Die Beobachtungen der ersten beiden Planeten wurden durchgängig durch diese Tafeln genügend dargestellt, anders aber verhielt es sich mit denen des Uranus. Von Uranus lagen vor Beobachtungen seit der Entdeckung(1781) bis zum Jahre 18L9 und ferner 17 ältere, bis zum Jahre 1721 zurückreichende Be- obachtungcn von Flamstced Bradley, Mayer und Lcmonnier. Wurden diese Beobachtungen sämtlich zur Ableitung emer Bahn des Uranus benutzt, so stellte die so gefundene Bahn die Be- obachtungen vor 1731 leidlich dar, während die Tarstellung der neueren als ungenügend bezeichnet werden mußte. Die nur auS den neueren, von 1781 bis 1829 reichenden Beobachtungen berechnete Bahn genügte den ihr zugrunde gelegten Beobachtungen vollkommen, vermochte aber die vor 1781 liegenden Beobachtungen nur schlecht darzustellen. In dieser Zwangslage glaubte Bouvard von der Benutzung der 17 alten Beobachtungen absehen zu müssen und leitete die Bahn des Uranus nur aus den Beobachtungen nach 1781 ab, indem er die Genauigkeit der alten Beobachtungen in Zweifel zog. In der Einleitung zu den Uranustafeln sagt er aber selbst, daß cr�cs der Zeit überlassen müsse, zu entscheiden, ob die vorhandene Schwierigkeit ihren Grund in der Ungenauigkeit der alten Beobachtungen habe oder von einer fremden und un- bekannten Kraft herrühre, die auf den Planeten«ingewirkt hätte. In den ersten Jahren nach ihrer Veröffentlichung schlössen sich Bouvards Tafeln den UranuSbeobachiungen gut an, bereits 1828 aber konnte Airy an Cambridger Beobachtungen deutliche Ab- weichungcn nachivciscn. 1530 betrugen diese bereits 20 Bogen- sekunden, 1849 99 Sekunden und stiegen 1844 schon auf 2 Minuten an. Diese Störungen der Uranusbcwcgung mußten bald die Auf- mcrksamkeit der Astronomen auf sich lenken, und Besse! scheint der erste gewesen zu sein(1823), der eine Untersuchung vorzunehmen beabsichtigte. Er selbst kam nicht mehr dazu, die Arbeit aus- zuführen, übertrug sie aber 1838 seinem Schüler Flemming, der jedoch bereits 1849 starb. Der Gedanke, die Uranusstörungen auf *) Wir entnehmen diese Ausführungen dem in der Samm- kung„Aus Natur und Geisteswclt"(Verlag von B. G. Teubner, Leipzig) erschienenen Band„Die Planste n". Von Professor Dr. Bruno Peter. Mit 18 Figuren im Text.(Preis geh. IM., in Leinwand geb. 1.25 M.) die Einwirkung eines noch unbekannten Planeten zurück» zuführen, war schon mehrfach erörtert worden, Hansen glaubte zu ihrer Erklärung sogar zwei solche Körper annehmen zu müssen, eine eingehendere Untersuchung des Problems war aber noch von keiner Seite wieder in Angriff genommen worden. Da veranlaßte A r a g o inr Sommer 1845 den jungen Leverrier, der ihm als guter Mathematiker und Rechner bekannt war, fich damit zu beschäftigen. Leverrier ging bei dieser Arbeit mit außerordentlicher Sorgfalt und Vorsicht zu Werke. Zunächst berechnete er in vollster Strenge die durch Saturn und Jupiter, die chicr allein in Betracht kommen konnten, auf Uranus ausgeübten Störungen. Ein Vergleich mit den gleichen von Bouvard gefundenen Größen zeigte, daß einerseits in den Bouvard-schcn Störungsausdrücken eine große Anzahl kleiner Glieder nicht berücksichtigt waren, und daß andererseits eine recht erhebliche Zahl kleiner Rechenfehler vorhanden war. Weiter aber ergab fich. wenn die Bouvardschen Tafeln nach beiden Richtungen hin verbessert wurden, daß trotz- dem die erheblichen Abweichungen im Laufe des Uranus bestehen blieben. Nunmehr schritt Leverrier dazu, neue Bahnelemente für Uranus abzuleiten. Benutzt wurden hierzu die Beobachtungen vor 1781 und 262 sorgfältig ausgesuchte Beobachtungen, die von 1781 bis 1845 reichten. Keine aus diesen Beobachtungen hergeleitete Bahn vermochte dem Laufe des Uranus in befriedigender Weise Genüge zu leisten. Erst nach diesen umfangreichen Vorarbeiten war mit Sicher- hcit klargestellt, daß die Abweichungen in dem Laufe des Uranus nur durch die Einwirkung eines noch unbekannten Körpers er- klärt werden könnten. Von der Annahme, daß in so großen Ent- fernungen von der Sonne das Ncwtonsche Gravitationsgcsetz nicht mehr in aller Strenge Gültigkeit habe, sah Leverrier ohne weiteres ab, da diese in keiner anderen Tatsache einen Stützpunkt findet. Einem großen, den Uranus umkreisenden Satelliten, dessen Existenz von einigen vermutet wurde, konnten die Störungen eben» falls nicht zugemutet werden, da diese sonst in ganz anderer Form hätten auftreten müssen; auch hätte ein Satellit von einer Größe» welche Störungen von so erheblichen Beträgen verursachen könnte, schon längst bemerkt worden sein müssen. Ferner war auf den Widerstand des Weltäthers als Störungsursache hingewiesen worden und auf die Möglichkeit, daß ein großer Komet sich auf Uranus zu bewege. Auch diese beiden Hypothesen erwiesen sich in keiner Weise als stichhaltig, und als einzige plausible Ursache für die Uranus- störungen mußte Leverrier einen noch uichckannten Planeten an- nehmen. Wo war dieser nun zu suchen, und welche Bahn be» schrieb er? Zur Lösung beider Fragen standen nur die Ab- weichungcn zwischen Beobachtung und Rechnung im Laufe des Uranus als Material zur Verfügung. Zunächst läßt fich durch eine einfache Ueberlegung nachweisen, daß der gesuchte Planet sich nicht zwischen Saturn und Uranus bewegen kann, sondern daß seine Bahn noch außerhalb der Uranusbahn liegen muß. Bewegte er sich zwischen Saturn und Uranus, so müßte seine Bahn ganz nahe der UranuSbahn liegen, und seine Masse köunte nur unbedeutend sein, da er anderenfalls auch auf Saturn Störungen von erheb- lichcr Größe ausüben müßte. Die Umlaufszeitcn von UranuS und dem gesuchten Planeten wären dann aber nur wenig von- einander verschieden, und die Störung des Uranus durch den letzteren könnte sich innerhalb eines ganzen Uranusumlaufes nur während der kurzen Zeit bcmcrklich machen, wo beide Planeten aneinander vorbeigingen. Das entspricht aber nicht den be- obachteten Tatsachen, so daß der neue Planet außerhalb der Uranusbahn anzunehmen war, und zwar weit außerhalb und auch von beträchtlicher Masse; anderenfalls würde man auf ganz ähnliche Verhältnisse stoßen wie bei seiner Annahme ztvischen Saturn und Uranus. Di« Entfernung des Planeten von der Sonne durfte andererseits aber auch wieder nicht zu groß angenommen werden, da sonst seine Einwirkung aus Uranus und Saturn wesentlich die nämliche sein würde, während doch nur bei Uranus nicht zu erklärende Störungen bemerkt worden waren, bei Saturn aber nicht. Für die Fixierung der Entfernung bot fich Leverrier in der Bodeschen Reihe ein Anhalt, und er nahm diese ent- sprechend an, daß der neue Planet von der Sonne ungefähr doppelt so weit entfernt sei als Uranus. Bei Annahme der drei- fachen. Entfernung würde es erforderlich gewesen sein, seine Masse als sehr groß anzunehmen, und außerdem hätte dann auch seine Einwirkung auf Saturn bemerkbar sein müssen. Es war ein sehr glücklicher Zufall, daß Leverrier für die Annahme der Ent- fernung die Bodesche Reihe als Ausgangspunkt nahm und damit den tatsächlichen Verhältnissen sofort gleich leidlich nahe kam; anderenfalls würde wahrscheinlich eine längere Reihe von zeit» raubenden Versuchen erforderlich gewesen sein, bis er einen brauch- baren Wert erhalten hätte. Da die Neigungen der Bahnen von Jupiter, Saturn und Uranus gegen die Erdbahn sehr klein sind und die in Frage kommenden Störungen des Uranus sich nur in Störungen der Länge, nicht aber auch in solchen der Breite äußerten, nahm Leverrier noch an, daß der gesuchte Planet sich direkt in der Ebene der Erdbahn bewege. Diese Annahme mußte auf jeden Fall der Wahrheit sehr nahe kommen. Näher können wir an dieser Stelle auf die Rechnungen Leverriers nicht eingehen. Der Weg. den er einschlug, war der umgekehrte wie bei den Störungsberechnungen: indem er von den beobachteten Störungen des Uranus ausging, suchte er die Elemente des unbekannten Planeten, durch den diese StöruiMN bewirkt werden. LevcrrierS Rechnungen ergaben �chliehlich für die Bahn des gesuchten Planeten die folgenden Halbe große Achse...... 36154 Erdbahnhalbuicsser Siderische Umlaufszeit.... LI? 387 Jahre Exzentrizität........ 0 10761 Länge des Pcrihels..... 284° 45' Mittlere Länge am 1. Januar 184? 318 47 Masse........... Vn« Sonnenmasse. Indem Seöetrier die Dichte des unbelannten Planeten gleich der des Uranus annahm, erhielt er für den scheinbaren Durchuicsscr desselben 3'�; der Planet hätte sonach durch seine Scheibe als solcher unter den Sternen erkennbar sein müssen. Die Gefangenen auf SacKalin. Im Jahre 1875 tauschten die Russen mit den Japanern die Kurilischcn Inseln für Sachalin auÄ Und vom selben Jahre an begannen sie Juchthausgefangene nach der Insel zu senden. Die Japaner gereute es jedoch bald, daß sie auf die Insel verzichtet hatten, die so große Lager von Kohlen in ihrem Schöße barg, und deren Flüsse und Seen wie das sie umgebende Meer reich an wertvollen Fischen waren. Mittlerweile ist nun durch den Frieden von Portsmouth die südliche Hälfte der Insel wieder Besitztum der Japaner getvorden, wafjrend Rußland die nördliche Hälfte behielt. Die Russen schaffen die Verbrecher in großen Abteilungen von Hunderten nach der Insel über das Meer. Die Schiffe fahren von Odessa ab. Die Reise dauert volle drei Monate. Aber der Ge- fangenentransport geht auch über Sibirien mit der Eisenbahn vor sich, was der kürzere Weg ist. Als nach dem Kriege die Japaner auf die Insel kamen, fanden sie dort 8000 Gefangene. Das sachalinsche Gefängniswesen hatte mehreren der Sträflinge völlige Freilassung versprochen, sofern sie in die Freiwilligenkorps eintreten wollten, die verhindern sollten, daß die japanischen Truppen auf der Insel landeten. Es» war ja eine ganz vergebliche Hoffnung, daß eine Handvoll armer Unglück- iicher Verbrecher die Japaner abwehren könnten, aber inzwischen machten sich viele der Gefangenen die durch den Krieg und die Beschießung der sachalinsche» Küsten hervorgerufene Unruhe zunutze und brachten es fertig, nach dem sibirischen Festland zu ent- fliehen. Die Gefangenen auf Sachalin ertragen mancherlei Schlimmes während der Reihe von Jahren, die sie in den schmutzigen, unheimlichen Gefängnissen eingesperrt ge- halten werden,'wo kein lebenweckender Sonnenstrahl hinein- dringt. Nach der Gefängniszeit erhalten sie Erlaubnis, sich auf der Insel als Kolonisten niederzulassen ustb ein Stück Land urbar zu machen. So sind auf Sachalin einige zwanzig russische Kleinstädte entstanden. Die Landstriche der Insel, die sich im all- gemeinen zur Kultivierung eignen, find in der Regel sumpfig und mit Buschwerk und Wald bewachsen, und deshalb ist es beschwerlich, sie urbar zu machen. Tie Gefangenen kommen zur Rodungsarbcit mit Säge, Spaten und Axt, die die Gefängnisvcrwaltung ihnen liefert. Sie übernachten da draußen unter freiem Himmel, bis sie sich, so gut es geht, ärmliche Hütten errichtet haben. Aber viele werden der ganzen Sache überdrüssig und ergreifen die Flucht. Ihn Juni und Juli erreicht die RodungZarbeit ihren Höhe- Punkt; dann werden auch die meisten Fluchtversuche unternommen. Die Tage sind lang geworden und die Nächte warm; die Deserteure flüchten nach Norden, und die dichten wilden Wälder bieten ihnen Deckung. An der Stelle, wo der Sund zwischen Insel und Festland am schmälsten ist, dringen sie aus dem Wald hervor und schleichen sich nach dem einen oder anderen giljakischen Fischerdorf, wo sie sich ein Boot stehlen oder es mit Gewalt nehmen, um über den Sund zu setzen. Zuweilen zimmern die Flüchtlinge von Baum- stänrmen ganze Flöße zusammen und setzen damit vom Land ab. sogar dort, wo der Sund meilenbreit ist. Sie nehinen verschiedene Dinge mit, die sie brauchen können, namentlich Feuerzeug und einen Topf, um Essen darin zu kochen. Schiffe sind solchen Expeditionen begegnet, und wenn die se� fahrenden Flüchtlinge auf dem Floße gefragt wurden, wohin die Reis- gehe, antworteten sie enthusiastisch:„Wir fahren dorthin. zur Mutter— Rußland!" Die Flucht wird auch zur Winterszeit unternommen, da der Sund in seinem schmälsten Teil zufriert und die Eisdecke so stark wird, daß sie sowohl Fußgänger wie Schlitten zu tragen vermag. Sind die Flüchtlinge wohlbehalten nach Sibirien hinüber- gekommen, so wenden sie sich sofort nach Westen dem Amur zu; dann gehts durch Transbaikalien und über den Baikalsee ins» Jrkutsker Gouvernement. Sie stehlen und betteln sich durch, und es gelingt wirklich einigen, das Uralgebirge zu passieren, enorme Entfernungen zurückzulegen und in Rußland ihre ersehnte Heiinat zu erreichen, aber in der Regel nur, um wieder den Behörden in die Hände zu fallen und zurückgesandt zu werden in das Gefäng- nis und in die Verbannung. Die meisten Flüchtlinge werden viel früher eingefangen. Die wilde Taiga(Urwald), durch den die Flüchtlinge hin- durchmüssen, um nicht ergriffen zu werden, fürchten sie sehr. Wie wilde Tiere wählen sie die einsamsten Waldesgründe, drängen sich vorwärts durch Schilfdickicht und durch Wildnisse von Buschwerk und Schlingpflanzen. Sie müssen über ganze Berge umgestürzter Baumstämme, die ihnen im Wege liegen, oft sinken sie bis zu den Hüften in Sümpfe und Getvässer, während sie wilo mit den Händen heruinfechtcn, um gange Wolken schrecklich stechender Mücken zu verjagen. Zuweilen geschieht es auch, daß der Flüchtling, der Wochen«, ja monatelang von muffigen Brotkrusten leben mußte, während seiner wilden Flucht durch die Taiga, alle Verkehrswege meidend, den Sprapazeii erliegt und zun» Fraß für die Marder und Zobel des Urwatdes wird. Oder er schleppt sich, abgezehrt vom Hungern, zermartert von Insekten, durchweicht, besudelt, zerfetzt, init zerschlagenen. verschwollenen Beinen nach bewohnten Stätten und sieht, daß man ihn wieder zurückführe ins Gefängnis!.... Schon bevor es dem Flüchtling gelingt, von Sachalin fortzu» kommen, kann sein Schicksal besiegelt sein. Die Gi'jaken liegen auf der Lauer an Waldwegen unü schleichen sich an den Flüchtling heran, um ihn mit dem Gewehr niederzuschießen wie ein andercs Wild, wie einen Seebären oder ein Eichhorn. Die Gefänanisver- waltung zahlt fünf Rubel(10 M.) für jeden Flüchtling, lZer tot oder lebendig eingeliefert wird, und außerdem erhält der giljakische Jäger auch noch die Kleider des Flüchtlings. Die Giljaken Pflegen einen eingcftmgencn Flüchtling zu zwingen, alle Kleidungsstücke auszuziehen. Ein nackter Mann, sagen sie, ist ungefährlich; er kann nicht Wehr noch Waffen bei sich verbergen. Nach Sachalin werden sowohl tveibliche wie männliche Straf» gefangene verbannt. Wenn die Schiffe der russischen Freiwilligen- Flotte sich Alexandrowsk auf Sachalin nähern, und das Gerücht geht, daß sie weibliche Arrestanten mitführen, dann wird eS lebhast in dem großen Gefängnis im Orte und in seiner Umgebung. Eskortiert von bewaffneten Soldaten ziehen die Verbannten in dichten Haufen nach dem Gefängnis und den Baracken, die inner» halb der Gefängnismauern aufgeführt sind. In den ersten Reihen gehen die jungen Mädchen, die„weggeheiratet" werden sollen; ihnen folgt eine Schar verheirateter Frauen, sowie Männer und Kinder. Alle gehen gebeugt unter Bündeln und allerhand Kram, die sie auf dem Rücken tragen. Im Gefängnishof erhalten die unverheirateten Frauen eine geräumige Baracke angewiesen, während den verheirateten, von denen die meisten freiwillig in die Verbannung gegangen sind, erlaubt wird, die Freude des Wiedersehens mit ihren Männern in den Zellen zu genießen. Schon am nächsten Tage ordnet die Gefängnisvcrwaltung eine Art Schönheitskonkurrenz an. Weit und breit herum werden Boten geschickt nach ledigen Ansiedlern, die sich beeilen, in bester Verfassung zum Stelldichein zu erscheinen. Die Behörden bestimmen selbstherrlich, wer Erlaubnis haben soll, sich eine Lebensgesährtin zu wählen. Und die Heiratsbeslissenen werden zu den Frauen hineingelassen, wo sie dann in Ruhe vcr- weilen dürfen. Die Frauen sitzen vornübergebeugt da, während die Heiratskandidaten sich den Pritschen nähern und schweigend, mit hartem Ausdruck in den rauhen Gesickitern sie betrachten. Alle fühlen sich im Anfang bedrückt und schamerfüllt, aber wenn die erste Verlegenheit überwunden ist, raffen sich die Männer auf, um ihre Wahl zu treffen und sich die Frau zu sichern, deren Aeußeres ihrem Geschmack am meisten entspricht. Sie nehmen an der Seite der Erwählten Platz, und die Unterhaltung beginnt. Die erkorene Frau fragt zu allererst ihren zukünftigen Haus- Herrn, wie seine Hütte aussieht, ob er einen Samowar(Tee» Maschine) besitzt, ob er immer gut zu ihr sein, und sie nicht schlagen werde. Ter Mann erklärt ihr, wie es mit seiner primitiven Haus- Haltung bestellt ist, und wenn so ein Paar einig geworden ist, wird der Pakt sofort von den Gefängnisautoritäten besiegelt. Um sich so liebenswürdig wie möglich gegen seine neue Hälfte zu zeigen, leiht der Ansiedler Fuhrwerk— und müßte er auch seine letzten Kopeken dafür aufwenden— um seine„Hausfrau" heimzufahren nach seiner unheimlich ärmlichen Hütte, die nun» erst auf einige Zeit aus dem einsamen Schneckenhaus, das sie war. in ein strahlendes Liebcsschloß verwandelt wird. S i g. O. P a t u r s s o n. kleines f cuUleton. Kunstgewerbe. Ein Museum der Geschmacksverirrungen. Sin«. Schöpfung ganz neuer und ganz besonderer Art beherbergt seit lurzein das Landesgewerbemuseum zu Stuttgart. Der Direkror des Museums. Professor Pazaurek, hat dort in einem ziemlich entlegenen und— damit kein Unheil und keine Verwirrung angericktet wird— von den kunstgewerblichen Vorbildern ganz abgesonderten Raum eine Abteilung kunstgewerblicher Geschmacks- verirrungen eingerichtet. Die Absicht, die ihm dabei vor- schwebte, ist ziemlich klar. Wenn es bisher in unseren Kunstgewerbemuseen ausschließliche Praxis war, durch Vor- führung vorbildlicher Leistungen auf den Geschmack und das Unterscheidungsvermögen des Publikums einzuwirken, so ist es zweifellos ein ebenso berechtigtes und wirksames pädagogisches Ver- fahren, durch Vorführung von abschreckenden Beispielen oder, wie der mildere Ausdruck lautet, von„Gegenbeispielen" zu zeigen, w i e man es nicht machen soll. Die neugeschaffene Abteilung der Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe ist in drei große Gruppen einaeleilt: Beraehen aeaen das Material. Vergehen gegen die Konstruktion, Vergehen gegen die Dekoration. Die Materiaüiinden erstrecken ncv zu- nächst aus schlechtes oder wunderliches Material: hierher gehören unter anderem auch die— wie es Pazaurek nennt—.Material- piiiipcleicn', wie sie uns etwa in den Arbeiten aus Zigarrendauch- binden oder den gelbe» Zigarreubändchen entgegencreten,� oder schlechter Kombinalionen von fei nicht zuia«imenpastenden Materialien oder Materialienbegriffen, unter denen wieder die Grenj- Verschiebungen zwüchen den Materialien von besonderem Jntereste stnd. Gelneint ftnd hier alle Objelte. die im Geist emes anderen Materials gearbeitet sind, olio Töpferei, die in Holz- oder Metallformen auftritt. Eisen in Kartonageart. über- Haupt alle Sachen, die nicht daS sind, was sie vor- täuschen. Unter den Sünden wider die Gesetze der Konstruktion finden wir zunächst alles, was den Zweck nicht erfüllen kann in der Form, in der es uns entgegentritt sGefästc, die nicht stabil find oder sich nicht reinigen lasten, übertrieben starke Ecken, Kanten und Borsprünge bei Sitzmvbeln). Sinnwidrigkeiteu zwischen Form und Gebrauchszweck(g. B. Thermometer in der Form einer Reitpeitsche, Tintenzeng in Gestalt eines Revolvers), ferner Konstruktions- pimpeleien und KonstrnktionSatttappen(etwa Sitzmöbel ans Geioeiheu) und endlich das weite Gebiet, das sich unter dem Begriff »Kitsch" zusanimenfasten lägt. Hier finden wir den ganzen unkünstlerischen Masienschund namentlich in seinen verbreiietsten Unterabteilungen: Hnrrakirlch. Devotionalienkitsch