Knterhaltungsblatt des Horwarts Nr. 37. Dienstag> den 23 Februar. 1909 .(SlatSbcuä UstDolen.) 80] Das tägliche Brot. Noman von G. V i e b i g. Ueber das Gemurmel, das Gewisper, das Gesurr hinweg erhob sich durchdringend die Stimme des Redners. „Wo ist die erste Seele— wo— wo?! Bruder, Schwester, was ist dein Ziel, Himmel oder Hölle? Denk an die Ewig- keiti Rette deine Seele!" Bittend, drohend, beschwörend klang es:„Rette, rette deine Seele!" Eine hohe Mädchenstimme intonierte: „Weißer als Schnee, ja, weißer als Schnee!" Und mächtig fiel der Chor ein: „O wasch mich im Blute jeht weißer als Schnee!" Wieder rief der Redner: „Der Teufel und die Heilsarmee hassen sich. Daß so viele Menschen die Hcilsarniee verfolgen, kommt daher, weil sie in der Gewalt des Teufels sind. Seht hier! Engel und Teufel und arme Seele!" Auf dem Podium erschienen drei Gestalten. Mine er- kannte die hübsche Blonde vom Eingang: die hatte jetzt ein weißes Tuch über den Kopf gehängt, und ihr 5Äeid wurde verhüllt durch ein großes weißes Laken. Sie war der Engel. Dem Engel gegenüber stand der Teufel, ein zottiges Fell um die Schultern, zwei Hörner an die Stirn gebunden. Und zwischen beiden ein junges Mädchen, halb Kind, halb Jungfrau: die arme Seele. „Wo führt der Weg?" sprach die Seele mit ängstlicher Stimme.„Ich wohne im Dunklen, da ist niemand, der mir ihn weist!" „Ich weise Dir den Weg." Der Teufel verstellte die rauhe Stinmie ganz fein.„Konun her, liebe Seele, reich mir deine Hand, dann wandelst du auf Blumenpfaden und sehr bequem! Ich gebe Dir Schmuck und schöne Kleider, goldne Ketten und diamantene Ringe. Du sollst zu Bällen und Konzerten gehen, sollst singen tmd tanzen, Du bist den Augen angenehni. Du hast Freunde und Anbeter, Dein Haar kräuselt sich in Locken, Du hüpfest an der Freude Hand!" „Wer bist Du? O, sage mir, wer Dil bist. Du lieber Mann!" „Ich bin ein Fürst, ein Fürst gar mächtig. Mein sind die Länder von Sonnenaufgailg bis Niedergang. Mein ist die ganze Welt—" „Glaube ihm nicht," fiel hastig der Engel ein,„wohl ist er ein Fürst, aber ein Fürst der Hölle. Arme Seele, leg nicht die göldnen Ketten und dian'.antncn Ringe an, sie sind die Schlingen, die die Hölle nach Dir auswirft. Schinücke Dich nicht mit schönen Kleidern, sie sind Gewebe der Sünde! Kräusele nicht Dein Haar in Locken, sie sind Fallstricke, die die Arglist dir legt! Suche nicht Vergnügungen, sie sind An- stiftungen des Bösen! Höre nicht, was Freunde und Anbeter sagen, es ist der Teufel, der aus ihnen spricht! Er will Dein Verderben. Er reißt Dich in den Suinpf— immer tiefer, tiefer, tiefer sinkst Du ein. Schon ist Dein Herz versunken— immer höher, höher steigt der Schlamm. Jetzt geht er Dir bis zum Hals— jetzt füllt er Dir schon den Mund— Du ächzst. Du gurgelst, Du erstickst---- und der Teufel ist schnell hei der Hand und nimmt Deine Seele und wirft sie in einen glühenden Ofen, die Flammen der Verdammnis umlodern Dich, Deine schönen Locken werden zu feurigen Schlangen, die Dein Haupt umzüngeln � o Du arme Seele—" Ein gellender Schrei ließ Mine aufschrecken. Grete hatt� sich in die Höhe gebäumt, beide Hände vor sich streckend, schrie sie laut:„Trude!" Dann brach sie zusammen, vornüber, mit der Stirn die vordere Bank streifend. Mine bemühte sich angstvoll um sie. Sie hielt sie im Arm: alle Glieder Gretes zuckten im Krampf, knirschend biß sie die Zähne aufeinander und verdrehte die Augen. Hilfesuchend sah sich Mine um. Aber niemand nahm Notiz von ihnen, aller Aufmerksamkeit war auf daS Podium gerichtet, wo Engel und Teufel die arme Seele hin- und herzerrten. Atemlose Spannung. Fiebernde Anteilnahme. Endlich der Triumphgesang des Engels: „Gerettet, gerettet! Kommet her zu mir, hier ist daÄ Heil! Tretet ein in die Heilsarmee— wo ist die erste Seele— wo— wo—?!" „Hallelnja, Hallelujal" Eine junge, gutgekleidets Frauensperson stürzte auf das Podium. „Ich war eine arge Sünderin," rief sie und fiel aus die Knie.„Ich putzte mich, ich ging zu Tanz. Hallelnja, jetzt bin ich gerettet! O wie ist es schön, gerettet zu sein, gerettet, gerettet!" „Sind noch mehr Seelen da?! Keine Seelen mehr?!'* Die Offiziere verteilten sich im Saal und durchforschten die Reihen. „Keine Seele mehr? Rette, rette deine Seele!" Und noch andere stürzten auf das Podium, Mäimer, Frauen, in buntem Durcheinander: und alle bekannten sie ihr» Sündhaftigkeit und priesen das Glück, gerettet zu sein. Ein verzückter Jubel hatte sich aller Teilnehmer bs« mächtigt.„Hallelnja, Hallelujal" tönte es von allen Ecken und Enden. Das Klavier dröhnte unter harten Akkorden, los schmetterte der Gesang, aus hundert Kehlen wie aus einer Kehle: „lieber mir. über mir, ja cS rauschet, In die tiefe Flut ich getauchet � lieber mir, über mir. ja es rauschet Waschend weiß wie Schneel" Fiel die Decke nieder? ES war Mine, als senke sich ein ungeheurer Druck herab— ha, die entsetzliche Luft hiert Verdutzt sah sie sich um: waren die denn alle verrückt? Wie konnte sie nur jemals hier eine Zufsiicht finden wollen?! Wäre sie nicht so traurig gewesen, sie hätte gelacht. Ihre ganze Aufmerksamkeit richtete sich nun auf Grete. So leicht auch deren dürftiger Körper war, es kostete doch Mines ganze Kraft, sie in ihrer tiefen Ohnmacht bis zum Ausgang zil bringen. Draußen schlug Grete bald die Augen auf. Mine saß auf einem Balken und hielt ihren Kopf im Schoß. „Grete, was haste denn nur?! We is der jctz?" „Mich is oft so elend," flüsterte das Mädchen.„Un denn hatt ich auch Hunger, im denn dacht ich an—" Sie sprach nicht weiter, ein Schauer überlief sie. Arm in Arm schlichen beide durch das dunkle Gäßchen Zwischen den Bretterwänden. Nur einen begrenzten Aus» schnitt des Himmels konnten sie sehen, mit mattflammenden Sternen daran. 18. Kapitel. Mine hatte keine Hoffnung mehr. Es war der letzte Abend vor ihrem Dicnstaustritt. Sie saß in der Küche, den Ellbogen auf den Tisch gestemmt, den Kopf in die Hand ge» stützt. Herr und Frau Biek waren zu Hause: drinnen im Zimmer erklang lustiges Gelächter, lustiger als das Trillern des Kanarienvogels. Es waren doch gute Leute! Vorhin war Herr Biek draußen gewesen und hatte ihr schon den letzten Lohn ausgezahlt: morgen, wenn er von der Bank kam, sah er sie vielleicht nicht mehr, was neue Mädchen sollte schon mit dem Frühesten aufzichn. Er hatte ihr noch fünf Mark über den Lohn auf den Küchentisch gelegt und gesagt:„Sie sind hmner sehr aufmerksam gegen meine Frau gewesen. Sie hätten jahrelang bei uns bleiben können— schade!" Da hatte sie weinen müssen, weinen ohne Unterlaß. Jetzt hatte sie keine Tränen mehr: olle ausgeweint. Morgen um diese Zeit stand sie längst auf der Straße— ja, auf der Straße. Wenn es nur gutes Wetter war, daß ihr der Korb nicht verregnete! Sie»mißte ja nicht einmal, wo sie den unterstellen sollte. Bei Artur?! Ach, der konnte sein Zimmer nicht beibehalten, wenn er keine Stelle mehr hatte. Bei Reschkes?! Die hatten sie je herausgejagt. Bei Berta—? Halt, das war noch ein Gedanke! Die war von zu Hause, die ließ die Kanieradiu nicht im Stich. Wenn sie sich noch heute abend aufmachte und die fragte? Schwerfällig erhob sie sich und pochte an der Stubentür: sie würden ja nichts dawider haben, wenn sie ausging, aber sagen wollte sie's doch wenigstens. Drinnen ein Geplauder. ein Gekicher; ihr Klopfen wurde gar nicht gehört. So machte sie sich leise davon. Heut war ein linder, milder Abend, ein Abend, der Vollm Frühling verheißt. Unter den alten Bäumen der Pots- damer Straße duftete es; es war, als hätten all die braunen Blattknospen Leben bekommen. Tief im Baum regte sich's, ein Treiben, ein Schwellen— es drängte zum Licht. Als Mine dahin schritt, fühlte sie's in ihrem Schoß sich regen, eine treibende Unruhe, ein mahnendes Klopfen— es drängte zum Licht. Sie dachte plötzlich an zu Hause. Einer Vision gleich sah sie durch die fruhlingsfeuchten Acste hindurch, die La- ternenschein silbrig beglänzte, weit, weit die Heimatflur. Da tat die Erde jetzt ihren Schoß auf, da roch der Acker kräftig nach Nahrung und Gedcihn. Junge Saat schoß auf, früh- lingsgrüne, Hoffnungsfrische Saat, und aller Blicke hingen daran mit Freuden. Sie machte sich das Bild gar nicht klar, aber sie cmp- fand's unbewußt, mit einem dumpfen Schmerz: ihre Saat würde niemand mit Freuden begrüßen. Immer langsamer, immer schwerer wurde ihr Schritt. Nun war sie am Selingerschen Hause; sich an der Portierloge scheu vorbeidrückend, schlich sie über den dunklen Hof, die Hintertreppe hinauf. Wenn nur nicht die Köchin da warl Vor der genierte sie sich. Noch war sie nicht ganz oben, so hörte sie schon lautes erregtes Sprechen lFortsctzuug folgt.) Seine jVlajestat Ocbs� Eine Pariser Karncvalsskizze von Wilhelm Holzamer. Huldvollst, mit den gütigen, großen, glcickigültig-trencn Augen. die Seinem Gesckileckte eignen, schaute der Gewaltige über die Menge, ihm zujubelte. Er liebte daS große Gepränge, den Glanz der Feite, die bunten Unifornten und phaiilastisckcn Gewänder, die stolzen Reiter und die geschmückten Frauen und Jungfrauen, die schmettern- den Fanfaren, die Seineu Ruhm vertündeten und die überströmende Beliebtheit bei Seinem Volke, die geschmückten Häuser und prangenden Triumphbogen. Und Er liebte die sanfte, inilde Wärme des Frühlings und deit strahlenden hellen Glanz der Sonne, der eine Gloriole um Sein Hernchcrhaupl legte und Seine edle Seele mit allem Schönen und Wunderbaren erftillte, was diese kurze Jrdischkeit zu bieten vermochte. Er liebte es, den» Er sah darin einen flüch- tigcn Vorglauz des Nachruhms, der durch alle Zeiten strahlt und den zukünftige Geschlechter in allen Tönen und Stimmen, in Wort und Klang, in Metall und Stein feiern und den weiteren Nach- kommen verkünden werden. Er war Seiner Herrschaft der Hundertste und halte den Namen RomuluS gewählt, um auch in Seinem Namen Seine Bedeutung auszudrücken und zu bekräftigen, denn Er liebte, als echter Fran- zoie, die großen Worte und die historischen Veziehuugen und nannte sich eben RoniuluS. Er ftanimte aus einem alten Ge- schlechte, reich an Gliedern und versprechenden Sprossen, weit- verzweigt in dem Lande der grünen Weiden und der behaglichen Sattheit, der gefüllten Schober, des duftenden Heues und der strotzenden Garben. Aber dennoch war Er ganz plötzlich und un- erwartet zu der Höhe Seiner Macht aufgestiegen; denn es waren noch andere aus Seinem und einem anderen Geschlcchte gewesen, die ihre RegierungSansprüche hätten geltend machen können. Aber Er überragte sie alle schließlich, wenn auch nicht an Bedenlung und Alter, so durch Seine gewaltige Gewichtigkeit, und so kam eS, daß eines leuchtenden Tages die Gesandten Seines Reiche? kamen und Ihm huldigten, als dem Erwählten, mit Kosen und Streicheln, und sie führten Ihn in Sein neuererbte? Reich ein und führten Ihn auf seinen erhobenen Thron. Und nun genoß Er in feierlichem Umzüge die Wonnen Seiner Macht, die Lust Seiner hahen Stellung, die unerineßliche Vedeutung Seiner Größe und Gewichtigkeit und die anhänglichen, liebenden Gefühle Seines Seiner bedürfenden Volkes. Er fühlte das größte aller Herrschergesühle: das Gefühl SemeS unbedingt Notwendig- und Unembehrlichseins. Vor Behagen vor sich Sich hiitbrummend, in tiefen, inbaltS- und bedeutungsvollen Tönen, die jedesmal die treuergebene Besorgt- heit harrender Diener herbeiriefen, genoß Er Seinen Triumph. Er sah die Straßen gefüllt mit Zuschauern, groß und klein, jung und alt, begeistert alle, strahlend alle im Anblick Seiner ge- wichtigen Herrlichkeit, lachend, jubelnd, winkend, rufend, hingerissen in den aufrichtigsten, überschwänglichsten, anhänglichsten Gefühlen, außer sich in der überwältigenden Wonne, hre tiefsten und höchsten menschlichen notwendigsten Bedürfnisse in Ihm befriedigt zu sehen, •) Am Fastnachtdienstag wird in festlichem Zuge ein preisgekrönter Ochse(boeuf gras) durch die Straßen von Paris geführt. in Ihm die Verkörperung ihre? innersten Lebensinhaltes und eigentlichsten Lebensgedankens erblicken zu dürfen und Ihm huldigen zu können. Zu Festen und Feiern führte Er die Menschen, zu glänzenden Mahlen und fröhlichen Gelagen. Er liebte sie mit dieser großen Liebe, mit der sie Ihn liebten. In dieser Liebe und Gegenliebe sah Er die wahre Würde und die wahre Krone Seiner Herrschaft, die eigentliche Fruchtbarkeit, den Segen und Erfolg Seines Herrschen?, und Er kannte kein größeres und schöneres Gefühl, als diese Liebe sich betätigen zu sehen, als sie selbst zu betätigen bis zur völligen Hingabe, zur vollen Aufopferung für Sein Volk, Seine Gelreuen und Getreuesten und alle die, die Ihn mit Kosen und Schmeicheln umgaben und Seine Futterkrippe immer nur voller füllten. Er sah in Seiner Würde und in dem Glänze Seines Herrschens nicht nur Rechrc, die Ihm die sichtbare Gnade des Zufalls verliehen halte. Er sah auch die große Pflicht in ihnen, die alles in sich fassende, in sich begreifende Pflicht der Hingabe, der völligen Auf- gäbe all Seiner egoistischen Meinungen, Absichten, Zwecke und Vor- haben, Plane und Wünsche und Bcdürftiisse an die Bedürfnisse Seiner Untertanen bis zum Letzten und Kleinsten; denn dieses war der Stolz und die Auffassung Seines Geschlechts von alters her, dem alle Seine erlauchten Vorfahren treu geblieben waren. Das war der große und unvergängliche Ruhm aller Seiner Ahnen und sollte auch der Seine werden. Würdig in die Reihe Seiner großen Vorfahren wollte Er Sich stellen und in ihren Fußstapfen wandeln. Und so waren vor Seiner Huld alle gleich, allen gab Er, die fordernd, bittend und begehrend zu ihm kamen. Nicht mit bloßen Versprechungen und schwungvollen Vertröstungen speiste Er sie ab, Er brachte ihnen das wahre Fleisch, das nährte und kräftigte, den Körper stählte und das Mark und die Knochen stärkte und den Geist zu allen großen Taten und den tiefsten Gedanken des Nachmittags- schlummerS fähig machte. Aber Er wußte nicht, daß viele waren, die hungrig nach Seinen Füllen und lleberflüssen schrien. Ein nichtsnutziges Schrauzentum hatte Ihm das verborgen und das Weltbild in einem falschen Sinne und im Geiste des dunkelsten Mittelalters ausgemalt. Er wußte nicht, daß viele sich herbeidrängten, hungrigen, knurrenden Magens, und leeren, brennenden Gedärmes wieder abziehen mußten, mit enttäuschten Hoffnungen, mit unerfüllten Wünschen, matt, elend, ge- brachen, allen Widerwärtigkeiten, allen Härten und Schwierigkeilen des Lebens, allen Roheiten und Niedrigkeiten preisgegeben, leidend an diesem grausamen Elend, an diesem menschenunwürdigen Dasein, das die natürliche Volkskraft untergrub und alles neue Aufstreben in Keim und Trieb erstickte. Und nur, weil die, die im Ueberflusse hausten, für die Bc- dürftigen, die ihnen als die Parias des Lebens galten, und die eS bleiben sollten, nichts übrig lassen und abgeben wollten. Der Große RomuluS hörte wohl die Rufe um Nahrung, die Schreie nach Sättigung, aber Er mußte fühllos bleiben. Die Schranzen flüsterten Ihm die Ohren taub mit ihren süßen Reden und verlogenen Darstellungen. Und so war Er selbst machtlos gegen diesen stärkeren Teil der Menschheit, die sich mit alrererbren Rechten gewappnet hatte und nun verruchte Vorteile ausnutzte, um sich zir den vollen Fleischtöpfen vordrängen und sie für sich zu behalten, de» anderen nur die leeren Schüsseln hinhaltend und sie noch mit Spott und Hohn überschüttend zu ihrem Hunger. RomuluS der Hundertste horte die Bitten und fordernden Rufe, und Er senkte unwillig das horngekrönte Haupt. Man hatte Ihm gesagt, da? sei eine kläffende Meute roter Hunde, die hinter Ihm her beulten und nicht genug haben könnten. Eine rote Rotte, elende Gesellen, nichtswürdiges Gesindel, Anarchisten, Verschwörer, Revolutionäre, Auswurf der Menschheit, Abschaum der Gosse, die alles Bestehende stürzen wollten und gegen die erhabene Gerechtigkeit der bürgerlichen Ordnung ankämpften, um die der- meintliche Ungerechtigkeit, die ihnen zugefügt worden, zu rächen; die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Taten umsetzeil wollten, während das doch, nach altem verbrieftem Rechte, festgelegt in den Akten der großen Revolution, nur Worte seien, die die Machthaber bald als Köder benutzen könnten, bald dem Nimmersatten Moloch Volk um die Ohren hauen müßten. daß sie davon klingelten und sausten und der Moloch sich auf eine Zeitlang ruhig verhielt. Darum verabscheute RomuluS der Hundertste, der Gewaltige, der Große, der Gewichtige und Gute, der Außerordentliche und Einzige die rote Rotte und gab ihr nichts von Seinem Fett und Fleisch. Denn Er war überzeugt worden, daß nur so die Welt be- stehen und ihre heilige Ordnung segensreich werden könnte. Hinter Seinem Triumphwagen, zur Zenlenarfeier Seiner Dynastie durch die Straßen der Lichlstadt Paris gezogen, mochten die roten Hunde heulen. Uird nrit tiefem Sinnen und in die allererhabensten Gedanken Seiner erlauchten und unergründlichen Geistigkeit versunken, zog RomuluS, der Herrscher Ochs, in das Schlachthaus ein. Die vollen Magen vergnügten sich in überstürzenden Festen, da- mit sie rascher leer wurden, um sich mit seinem frischen, saftigen Fleische wieder füllen und von neuem ergötzen zu können. Und daS lustige Volk von Paris, mitten in der Dürre der Fasten, hatte wieder einmal, übermütig, wie eS ist, seinen fettesten Ochsen im Lande bejubelt. RomuluS den Hundertsten ans dem Geschlechte der BourbonnaiS, berühmt von alters her. Und es hatte jubelitd die Einrichtung der Welt in ihren Gegensätzen und Un- ABerBrCcfBatfeHen verspottet und sich selbst nicht dabei geschont. Denn Romulus ist kein Herrscher, sondern er ist eine Herrschaft, die Herrschast dcS Geldsacks in ihrer entwickeltsten Maftzucht. Das deutfcbe faftnacbtfplcL Tie komische Kraft und derbe Sinnlichkeit, die sich in der „grobiamschen' Epoche des deutschen Mittelalters so urwüchsig und ungeschlacht auslebte, feierte ihre unbändigsten Feste zur Fastnacht- zeit und entfaltete ihren dramatisch dichterischen Sinn in den Fastnachtspielen. Diese Spiele sind uns daher nicht nur wichtig als die bedeutsamsten Keime und Ansätze eines weltlichen deutscheu Dramas, sondern sie stehen auch da als die frühesten kolosialischen Dokumente germanischer Heiterkeit und Humors. Ein erschüttern- des, alle Fesseln zerberstendes Lachen dröhnt durch diese Schnurren und Possen, eine ungeheure Gesundheit tobt sich in ihnen aus, und der Rundgesang geht um wie in Auerbachs Keller:„Uns ist so kannibalisch wohl als wie SSV Säuen." Die langen strengen Fasten, die die Kirche vor der Passionszeit angeordnet hatte, hatten all die Lustbarkeiten und Feiern, mit denen das Volk dereinst den Frühlingsanfang begleitet verdrängt, so dass sie erst am Auferstehungstage wieder hervorbrechen konnten. Äber einen noch grösseren Teil ihrer Feste verlegte die ungeduldige Menge vor die freudenlose Zeit des Fastens, und so brauste denn der volle Strom der mächtig cmpordrängcnden Lebenslust in den letzten Tagen der Fastenzeit, besonders zu Fastnacht, am stärksten und wildesten gegen die Stauung, die die Kirche errichtet und brach sich Bahn in Umzügen, Vcrmummungen, in Tänzen, Liedern und Spielen. Ein« Zeit des Rausches, des Jubels und der Sinn- lichkeit war hier geschaffen, aus der, wie einst bei dem Dyonisossest der Athener, das Drama geboren werden sollte. Schüchtern sehen wir Elemente des Humors und des Realismus zwar schon in den komischen Zwischenspielen der geistlichen Mysterien im 14. Jahr- hundert aufblitzen, aber keck und frei wagte sich das welilickie Drama erst im Ib. Jahrhundert hervor, wo es bald im FastnachtS- spiel die Herrschaft erlangte. Seit Jahrhunderten hatte sich ja schon in der mittelalterlichen Literatur ein Schatz von kleinen Erzäh- lungcn, Schlvänken, Scherzsprüchen angesammelt, aus dem in Italien, hauptsächlich durch Boccacios Meisterschaft, die Kunstform der Novelle entstand. Komische Charaktertypen, lächerliche Frage- und Rätselspiele waren so gegeben und liefen in aller Munde um; sie wurden aber besonders häufig erfunden, gebraucht und aus- geschmückt zur Fastnacht, gleichsam dem„Höhepunkt der Saison" in den grossen Städten, wo Patrizier und Zünfte in ihren Trink- stubcn sichs wohl sein liessen. Wie man für diese Zeit die Mägen schon lange vorher abhärtete, damit sie das„gross Schlemmen und Saufen" gehörig aushalten könnten, so wetzten erfinderische und übermütige Köpfe beizeiten ihren Scharfsinn, um für die Narren- Woche einen recht tollen Mummenschanz, ein paar saftige Spruch- lein und einen kräftigen Scherz in Neimen vorzubereiten. Frei- willig sammelten sich dann, wie die ersten Kommödiantcn des Aller- tums, ein paar gleichgesinnte Burschen und zogen in allerhand Per- kleidungen als Narren, Bauern, Bettler, wilde Männer und der- gleichen von Haus zu Haus, rückten wohl in den Trinkstuben oder auch in den Privathäusern von Bekannten ein paar Bänke als Bühne andeinandcr und begannen etwas vorzuspielen, wofür sie dann eine gastliche Bewirtung erhielten.� Pfeifer zogen ihnen voraus; ein Vorläufer oder Ausschreier�lührte sie. In vielen der uns erhaltenen Fastnachtspicle lässt sich diese Eingangssituation noch ganz deutlich erkennen. Der„Ehrenhold", wie der Anführer nach dem ritterlichen Festordner bei Turnieren noch bisweilen genannt wird, leitet mit einem Spruch an den Wirt die Vorstellung ein, bittet um Platz und Ruhe, erklärt den Zweck dcS Kommens und gibt den Inhalt des Stückes an. Dann treten die einzelnen vor und sagen ihren Spruch je nach der Maske, die sie vorstellen, als Liebesnarren, als Trunk-'', als Quacksalber oder als Teufel, kurz als einer jener Typen, wie sie die Volksliteratur dar- bot. Qder jeder erzählt ein lustiges Erlebnis, ein komisches Stück- lein. Endlich spricht dann der Chorführer als„Ausschreier" den Epilog, bittet um Entschuldigung wegen allzu grosser Derbheiten. womit es aber nicht sehr ernst gemeint war und fordert wohl auch in diesem„Gescgenreim" einen Trunk für die Spieler. Dann blasen die Pfeifer noch einen Tanz und die Gesellschaft zieht weiter. Von einer dialogischen Verknüpfung, einer dramatischen Handlung ist zunächst keine Rede. In Rütselspielen macht sich dann zuerst mit Frage und Antwort ein ganz primitiver Dialog bemerkbar, und aus dem Zwiegespräch entsteht ein Streitgespräch, das wohl auch in eine Schlägerei ausartet, an die dann ein Prozcss geknüpft wird. Die Gerichtsverhandlung wird zum eigentlichen Hebel, um den sich die dramatische EntWickelung des Fastnachtspieles dreht. Komische Rechtsfällc sind ein uralter Stoff der Posse. Das dramatische Element der Gerichtsszenen licss sich am reinsten aus der Wirtlich- keit in die Kunst übertragen. Der Prozess Adams und Evas mit dem lieben Gott als Richter erscheint daher immer wieder in den Mirakclspielen und in lustiger Verzerrung in den Fastnachtspielen. Ein Reichtum an Figuren, eine wechselnde Fülle von Themen kommen durch dieses Prozcssclement in die Schwänke. Da tritt der Richter auf mit den Schöffen, ferner Kläger und Beklagter, dann die lange Reihe der Zeugen. Nicht selten handelt es sich um Streit- fachen zwischen Braut» und Eheleuten, weil solche Situationen g» den derbsten Unanständigkeiten Anlaß geben. Die Ansichten der Schöffen gehen auseinander; die ernsthaft- gerechten wollen den Sünder nach altgermanischem Recht an dem Glied« strafen, mit dem er sich vergangen; die anderen sind mehr für eine Geldstrafe. die man versaufen kann. Ter würdige, aber ungeduldige Richter spricht den Disputierenden zu:„Ihr L-chöffen, seht die Soch' recht anl� Mich dürstet! Macht's kurz! Laßt uns gahnl" und entscheidet natürlich höchst unparteiisch für die Geldstrafe. Sehr beliebt find auch die Preisgerichte, bei denen etwa eine Frau dem einen Apfel bietet, der die größte Narrheit begeht, und die zehn Kandidaten sich im tollsten Unsinn übertrumpfen. So weitet das Fastnachtspiel seine Formen allmählich aus, und wenngleich daS epische Element in langen Erzählungen noch immer überwiegt, so entstehen doch auch nicht ungeschickt angelegte Einakter, in denen sich in einer Kette von Szenen eine Handlung recht flott abrollt. Aber auch seinem Inhalt nach entfaltet sich daS Fastnachtspiel im 15. Jahrhundert immer mehr und zeigt neben dem Possen» hast Burlesken politisches Pathos und religiöse Innigkeit. Immer reicher und voller werden die Töne, die erst so schrill und lustig klangen. Synagoge und Kirche streiten sich um den rechten Glauben; die faustischen Spiele von der Frau Jutta und dem Thcophylus zeigen die Macht des Bösen. Ter Teufel, als Vater aller Tor- heilen und Sünden, erscheint bald als betrogener Betrüger, als gefoppter Possenreißer. Sogar die schaurige Prophezeiung vom Antichrist wird satirisch umgebildet und in„des Antichrist Fast- nackt" enthüllt sich der falsche Messias als Herr der Narrheit. Selbst biblische Stücke, wie das Urteil Salamonis, werden zu Fastnacht gespielt. Zur Zeit Luthers kommt dann ein ernster Ton in diese Spiele. Das ausgezeichnetste Fastnachtsspiel vielleicht. das erste, das unter dem Einfluß des antiken Schauspiels ent« stand, ist das niederdeutsch-protestantische Drama„Vom ver» lorencn Sohn" von Burkard Waldis, in dessen Wirtshausszenen neben dem tiefen Ernst ein dcrbfröhlicher Humor lebt. Solch wuchtiger und fast tragischer Grundakkord ist aber doch nur eine seltene Ausnahme in den Fastnachtspielen. Gewöhnlich sind sie, auch wo sie Zeitfragen behandeln und die herrschenden Zustände scharf kritisieren, doch von einem herzhaften Lachen und einem groben Spott getragen. So werden zum Beispiel in einer kecken Allegorie Fastnacht und Fasten einander gegenüber gestellt und die Fastnacht ist der Sittenverderbnis angeklagt; aber sie wird freigesprochen, iveil sie die rechte Zeit für Tollheit und Aus» gclasscnheit sei; hingegen soll jeder, der nicht fröhlich ist,„zu Dummbach" in den Bann erklärt werden. Besonders kühn ist in solchen aktuellen Spielen, die sich mit Fragen der Gegenwart be» schäftigen, Hans Schnepper er, genannt R o s e n p l ü t. von Nürnberg, der Büchscnmcister und Wappcndichter, dem eine Reihe vorzüglicher politischer Spiele zugeschrieben werden. Im Spiel vom Papst, Kardinal und Bischöfen schiebt immer einer auf den anderen die Schuld wegen des unchristlichcn Treibens, die geistlichen Fürsten auf die weltlichen, die Ritter auf die Bürger und Bauern.„Des Türken Fastnachtsspiel" läßt den türkischen Kaiser in Teutschland erscheinen, um Hilfe von aller Not zu bringen. Die Grossen protestieren gegen sein Erscheinen in ge- spreizten Worten, aber die Städter wenden sich an ihn und nehmen ihn auf; ein grimmiger Stolz lebt in des Bürgermeisters prächtiger Rede, eine trotzige Verzweiflung darüber, daß die Städter bei den hoffnungslosen Verhältnissen des Landes als den letzten Aus» weg ihre Zuflucht zu dem grausamen Großtürken nehmen müssen. Eine blutige Satire auf das verkommene Ritterwcsen ist„Die verdient Ritterschaft", wo die Adligen dem Kaiser all ihre Misse» taten und Fehler beichten. Eine edle Auffassung vom Wesen der Frau, wie sie sich sonst im Fastnachtsspiel kaum findet, offenbart sich in dem schönen, der Arthus-Sage entstammenden Stück„Der Luneten Mantel", in dem die junge Königin den llntreue ver- ratenden Mantel getrost anlegt, während die Frau des Narren eS lieber nicht tut, da sie nicht recht lveiß, wie die Sache ablaufen wird. Sonst ist hauptsächlich von ungetreuen und schlechten Weibern die Rede. Die buhlerische Phyllis benutzt den libestollen Wcltweisen„Aristotilcs" als Reitpferd; die sckwne Helena er- scheint als Weltverderberin; eine böse Sieben wird in eine Pferde» haut genäht. Besonders werden die alten Weiber mitgenommen. vor denen sogar der Teufel Reissaus nimmt, und die man mit herz» haften Schlägen„wieder jung schmiedet". Schlimm geht's den „Ehekrüppeln", die sich nur durch Dummstellen, wie beim„Kälber- brüten", vor dem Zorn der Ehehälfte retten können; ihnen folgt die unabsehbare Zahl der Liebesnarren, die zumeist Bauern sind. Als ein echt bürgerliches Produkt, das nur in den Städten gedieh. wendet sich das Fastnachtspicl mit Schärfe gegen die anderen Stände. Tie Ritter erscheinen als Verschwender und werden, zum Beispiel im Neithart-Spicl, sogar von den Bauern betrogen und reingelegt; die Geistlichkeit wird bitter verspottet; am schlimmsten aber geht es den Bauern, auf die alle nur erdenkliche Unfläterei und Zoterei gehäuft wird. Ihre Unmäßigkeit, Plumpheit. tierisches Wesen zeigt sich schon in den Namen: Fretcndusel, Weinschlunt, Nascnstank, Mückenfist, Molkenbauch usw. Ein Symbol bäuerlicher Art wird aufgestellt in dem„Spiel vom Dreck". in dem Bauern und Aerzte ehrfurchtsvoll ein Exkrement un- geheuren Umfanges umstehen und den Verfertiger als einen kerngesunden Mann loben und preisen. Es dringt auch bisweilen» wie ähnlich im Volksbuch vom Eulcnspiegel. der Geist der Diener» tmb Knechtsschlauheit durch, die ihren Herrn an der Nase führen; so im Dialag von Salomon und Markolf, in dem anmutigen Spiel vom„Kaiser und Abt", demselben Stoff, den Bürgers Ballade de- handelt, am genialsten in dem schweizerischen Spiel vom klugen Knecht, der einzigen wirklichen Komödie unter den Fastnachtspielen. Es ist das gleiche, aber ganz selbständig behandelte Motiv wie in der klassischen französischen Farce„Maitre Pathclin": Der schlaue Knecht betrügt den Bauern, den Tuchkaufmann, dann vor Gericht den Richter, indem er sich auf den Rat seines Anwalts stumm stellt, dann aber auch den Verteidiger, indem er seiner Geldforderung gegenüber ebenfalls stumm bleibt. Aus einer städtischen Kultur und bürgerlichen Kreisen wächst das deutsche Fastuachtspicl so allmählich zu immer größerer Aus- idchnung und Bedeutung. Soweit die deutsche Zunge klang, wurden solche Spiele wohl aufgeführt; wir wissen von Spielen von Reval »ind Lübeck bis nach Basel. Ausgangs- und Mittelpunkt des Fast- nachtspiel aber war und blieb Sf ü r n b e r g. Die beiden ersten Dichter, die wir beim Namen kennen, Roscnplüt und der aus Worms eingewanderte Barbier Hans F o l z leben in Nürnbergs Nürnberger sind die Vollender und letzten Vertreter der Gattung. .Hans Sachs. Peter Propst und Jakob Ahrer. Hans Sachs ist der Meister der Fastnachispiele, von denen er 64 gc- schaffen. Alle Roheit und Gemeinheit ist aus seinen heiter gütigen, lebhaft klaren Szenen entfernt. Er weiß den Stoff, der thm aus Novellen- und Schwanksammlungen reichlich zufließt, an- mutig umzuformen und anzuordnen. Wie rührend schlicht ist seine Frau Wahrheit, die niemand Herbergen will, wie harmlos ehrbar sind seine Bauern, selbst wenn sie in lockere Boccacciosche Ge- schichten verwickelt sind! Er wettert gutmütig gegen Weiber und Pfaffen, zeichnet reizende Genrcszcnen, wie im„Krämerskorb", und versucht sich sogar in so dramatischen Szenen, wie der, wo die Bürgersfrau bei der Kupplerin statt des Domherrn ihren Mann trifft. Hans Sachsens bescheiden kleinmalendcm Talent war die anspnithSlose Form des Fastnachtspielcs am genehmsten und er leistete hier dramatisch sein Bestes. Bei Ahrcr herrscht bereits der Einfluß der englischen Komödianten, der das Fastnachtspiel zu einem Lustspiel umformt und neue Elemente einführt. Seitdem ist das deutsche Drama noch manch verschlungene Jrrpfade ge- gangen, bevor es zur Höhe kam, aber Fastnachtsspiele sind nur noch in bewußter Anlehnung und zu besonderer Ehrung dieser deutschen dramatischen Erstlingsform gedichtet worden,, so von Goethe im„Pater Brey", so von einigen Romantikern, wie Tieck, A. W. Schlegel, Schölling. Dr. P. L. Kleines feuületon» Naturwissenschaftliches. Das Koffein im Tee. Zu diesem Thema, da? bereits in Nr. 32 des UntcrhaltungSblatts behandelt wurde, lvird uns von einem Chemiker geschrieben: ES ist nicht ein und derselbe Stoff, der den Tee. den Kaffee und den Kakao zu anregenden Genußmitteln macht, sondern nur im Tee und Kaffee bewirkt dies das 1820 von Runge in Berlin entdeckte Koffein, das in den Kaffeebohnen zu '/z b's 1 Proz. und in den Teeblättcrn zu 2 bis 4 Proz. enthalten ist. Die Kakaobohnen einhalten statt dessen einen anderen, zwar ähnliche.', aber doch deutlich vom Koffein unterschiedenen Stoff, das Theob.omin und zwar auch zu 1 bis 2 Proz. Koffein ist außer in den schon in obenrrwähntem Artikel an- geführten Kolanüssen noch in einer anderen Pflanze enthalten. So in den in ganz Südamerika alö e r b a M a t v als Tee benutzten Glättern einer Stechpalme, IIsx PoraAua�onsis, zu etwa 1 Proz. Von diesem Matv- oder Paraguay-Tee werden in Südaiucrika jähr- lich etwa 30 Millionen Kilogramm als Tee verbraucht; auch in Nordamerika ist der Verbrauch davon nicht unbedeutend, dagegen haben die Bemühungen, ihn auch in Europa einzuführen, ebenso geringen Erfolg gehabt, wie die der Kolanüsse und der ans ihnen hergesiellten Fabrikate, da sie dem europäischen Geschmack wenig zusagen. Als koffeinhaltiges Genußmittel ist noch die sogenannte G u a r a u a p a st e zu nennen, die von den Eingeborenen Brasiliens aus dem Samen eineö brasilianisches Strauches, Paulünia sorbilis, in Teigform zubereitet und getrocknet in dunkelbraunen Stangen exportiert wird. Gnaranapaste enthält bis zu 5 Prozent Koffein. Obgleich es also den höchsten Koffcingehalt hat, ist doch seines eigenen Geschmackes wegen sein Absatz in Europa ein beschränkter. Alle diese von ganz verschiedenen Pflanzen abstammenden Stoffe verdanken ihre Verwendung als Genußmittel ebenso wie Kaffee und Tee einem mehr oder weniger großen Gehalt an Koffein; sie wurden von den Eingeborenen der verschiedenen Länder ihrer anregenden Wirkung wegen in verschiedenen Formen genossen, ohne daß sie eine Ahnung davon hatten, daß diese Wirkung bei allen von ein und demselben Stoffe herrührt. ES ist dies ein Beweis dafür, daß der Mensch unter allen Zonen eine bestimmte, angenehme Wirkung auf sein Gefäß- und Nervensystem auszuüben sucht und deren bedarf. Zu der in oben angeführten Artikel erwähnten„merkwürdigen Lehnlichkcit des Koffein mit der Harnsäure", möchten wir bemerken, daß im menschlichen Organismus eine allmähliche Ueverfiihrung des Koffeins in Harnsäure stattfindet. Zunächst werden von dem Koffein die Methylgruppen abgespalten und eS in Tanthin über» geführt, das sich in vielen tierischen Sekreten, im Blut, Leber und Harn findet und durch weitere Spaltung resp. Oxydation in Harn» säure übergeführt wird. Aber man kann auch umgekehrt auf syn» thetischem Wege das Koffein aus seinen Zerfallproduklen herstellen. Diese Synthese des Koffeins wollen wir ihrer Schwierigkeit und ihrer wissenschaftlichen Bedeurung wegen hier noch mit einigen Zeilen streifen. Bekanntlich war der H a r n st o f f der erste organische Stoff, der 1773 von Wähler künstlich aus unorganischen Stoffen hergestellt wurde, wodurch die bis dahin geltende Ansicht, daß die Bildung organischer Substanzen nur mittels der geheimnisvollen„Lebens- kraft" möglich sei, widerlegt wurde. Seitdem hat man eine Reihe anderer organischer Stoffe aus anorganischen herstellen gelernt, dar» unter auch die der Harnsäure und des Tanthins. Man hat auch bald die nahen Beziehungen dieser Stoffe zu den Pflanzenstoffen Koffein und Theobromi» erkannt. Aber eS gelang lange nicht. die Harnsäure in Koffein überzuführen, weil es bisher nicht möglich war, die Harnsäure und das Tanthin zu mcthhlisieren. Da kam der Berliner Chemiker Emil Fischer nach langen vergeblichen Versuchen dadurch zum Ziele, daß er Dimethylharnsäure auf einem Umwege herstellte und diese dann in Koffein überführte. Dieser Prozeß war außerordentlich mühsam. Dian kann sich denken, daß das auf diese Weise erhalteue Koffein sich wesentlich teurer stellt, als da? aus Kaffeebohnen oder Teestaub gewonnene, und daß dieser Darstellung eine praktische Bedeutung vorläufig nicht zukommt. Aber in wissenschaftlicher Beziehung ist die Möglichkeit der künstlichen Herstellung doch ein sehr großer Er» folg, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß man auch noch einen kürzeren und billigeren Weg dazu findet. Srellte sich doch das zuerst erzeugte künstliche J'.digoblan auch wesentlich teurer als das natürliche der Indigopflanze, und doch ist jetzt erstereS weit billiger als letzteres, so daß jetzt daS künstliche Indigo in be» deutenden Posten aus Deutschland nach dem Heimatlande der Indigo« pflanze, Ostindien, exportiert wird. Technisches. Die Flugmaschine der Brüser W r i g h t. Die An» sänge der Wrightschen Flugversuche jenseits des Atlantischen OzeanS waren in ihren ersten Stadien mit einem geheimnisvollen NimbuS umgebe.n, der sie sehr lange Zeit unischleiert hielt. Anfänglich hielt wan die Nachrichten, die aus der Union herübcrdrangen, für Hum» bug oder doch wenigstens für stark übertrieben. Jedenfalls aber wußte man so gut ivie nichts von dem Wunderapparat, der nach Schilderungen von Augenzeugen Ktilometerflüge zu vollbringen vcr» mochte. Heute verhält sich dies anders. Man kennt die Maße und die Einrichtung des Wrightschen Drachenfliegers recht genau. In der„Deutschen Zeitschrift für Luftschiffahrt" gibt Ingenieur John Rozendaal, der Gelegenheit hatte, Wilbur Wright auf Flügen zu begleiten, eine genaue Schilderung der Maschine. Er schickt ihr allerdings die Bemerkung voraus, daß es nicht ratsam wäre, sich an eine Nachahmung zu wagen, um damit Flüge zu vollführen» Ohne jahrelange Arbeit und Erfahrung sind die Handgriffe nicht zu erlernen, deren es bedarf, und man wird jedenfalls klüger daran tun, den FlicLer von Wright zu kaufen und sich durch ihn oder einen von ihm ausgebildeten Schüler in die Kunst des Fliegens ein» führen zu lassen. In der Hauptsache besteht der Wrightschc Apparat aus zwei parallel laufenden Tragflächen von 12'ch Meter Länge bei 2 Meter Breite. Die Längsrichtung dieser Flächen steht senkrecht zur Flugrichtung. Sie sind in der Flugrichtung leicht parabolisch gewölbt und mit der Hohlscite nach unten gerichtet. Die Vorder» feite ist 5 Zentimeter stark, nach hinten zu laufen sie bis zur Stärke des Bauwollstoffcs, mit dem sie bespannt sind, spitz zu. Tie Trag» flächen sind durch zwei Rechen von je acht Streben miteinander ver» Kunden. Die Stabilität des Ganzen wird durch kreuzweise gespannte Stahlsaitcn erhöht. Die Streben sowie daS ganze Gerüst und die Luftschrauben sind aus„Spruce", einem sehr leichten und gleich» zeitig außerordentlich festen amerikanischen Tannenholz gefertigt. DaS ganze Hokzwerk ist mit Alumininmsarbe gestrichen. Die Ge» samtlänge bcS Fliegers beträgt rund 9 Meter und sein Gewicht 354 Kilogramm. Auf der unteren Tragfläche, etwas mehr nach rechts, ist der Motor nwnticrt, der die Luftschrauben antreibt, die nach außen schlagen und sich also in entgegengesetztem Sinne bc» wegen. Um dieses zu erzielen, ist die Kette, die die linke Schraube antreibt, gekreuzt. Während des Fluges ändert Wright die Ge» schwindigkcit des Motors nicht. Will er langsamer fliegen, so braucht er nur schneller alö unter gewöhnlichen Umständen zu steigen, wodurch der Gang der Maschine eine Hemmung erfährt. Daß Wrights Apparat nicht auf Rädern läuft, sondern gleichsam abgeschossen wird, bedeutet einen großen Vorteil: eS wird so der Abflug auf jedem Terrain möglicb, was bei der Rüdcrmaschinc aus» geschlossen ist. Wright braucht lediglich eine 21 Meter lange Holz- schiene, einen 8 Meter hohen Fallbleck und ein zirka 799 Kilogramm schweres Gewicht. Dinge, die sich binnen kurzer Zeit improvisieren lassen, sofern sie nicht mitgcführt werden können. Selbst ein Baum kann den Fallvlock ersetzen. Aerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag»anstatt Paul Singe: LcTo..Ber!in 3 W.