Zlnterhaltungsblatt des Horivnrts Nr. 38. Mittwoch� den 24 Februar. 1903 LNachdruS vervoten�l 67] Das tägliche Brot Roman von C. V i e b i g. „Das is'ne Niedertracht," schrie Bertas Stimme,«wie können Se sich unterstehn un zu ihr sagen, ich hätte eins von die Törtchen genommen?! Ich weiß gar nich, wieviel es waren. Wenn aber eins von die Törtchen fehlt, haben Sie's genommen. Sie mit Ihrem großen Maul!" „Nanu," schrie die Köchin dagegen,„halten Se man Ihre dreckigtc Schnauze, sonst wer' ich der Herrschaft janz andere Dinge von Ihnen stecken, Sie scheinheilige Schmeichelkatze, Siel Wer schleckt denn inimer rum? Ich habe schon sufzehn Jahr in hochherrschaftliche Häuser jedient, ich habe dct Zeugs schon so ville unter jehabt, ich mag's jar nich inehr. Un da kommt man noch hier in Verdacht, un muß sich von der Ollen sagen lassen, man wär'ne Nafchliese! Nu wird's Tag! Meinen Se, ich hätt Ihnen neulich nich gesehn,'s Buffett mit'n andren Schlüssel ufschließen un bei de Finessen sehn?!" „Marie!" Berta schrie hell auf. „Ja, kriegen Se man'nen Schreck, ich weiß allens. Ihnen Hab ich längst uf'n Strich. Sie waren so beim Schlecken, kecn Hören un keen Sehn. Laß de Olle mir nur noch mal kommen, der wer' ich schon Bescheid jeden. Un mit die andren Köchinnen, warum die so viel jcwechselt haben, det weiß man nu auch!" „Ich sag es Frau Seliger, daß Sie'n Kind haben! Ich sag eS, daß Ihr Bräutigam nachts—" Klatsch schallte eine Ohrfeige. „Sie können noch eene kriegen, wenn's jefällig is! Mein Bräutigam trägt hier nischt weg, der nimmt nischt, wie andre Leute. Sie wollen noch über andere reden— Sie?!" Schmetternd fiel drinnen eine Tür ins Schloß. Mine klapste an. Berta öffnete: ihr Kopf war rot, ordentlich aufgequollen, ihre Augen fuhren unruhig umher.„Was willst�" fragte sie hastig. „Ach, Berta," sagte Mine, noch ganz verdutzt von dem Gehörten und setzte rasch den Fuß zwischen die Tür. denn es schien, als wollte Berta gleich wieder zumachen. „Na, was is denn los? Rasch, ich Hab keene Zeit!" „Ach, Berta, ich muß der was sagen— mir geht's nich gutt— ne, sehr schlecht!" Sie stockte: Berta hörte so gar nicht hin. immer drehte sie den Kopf und horchte in die Wohnung zurück. Jetzt war wohl die Zeit schlecht gewählt, Mine fühlte das: aber konnte sie denn warten? Mit einem Entschluß äußerster Bedrängnis stieß sie heraus:„Nimm mer meinen Korb in Verwahr! Se haben nier ufgesagt—'ne neue Stelle Hab ich nich, krieg ich ooch nich, ich bin"— zitternd holte sie Atem, es wollte ihr doch nicht über die Lippen—•„ich bin— ich bin— ach, siebste! Nimm mer meine Sachen, bis ich weeß, wohin dcrmit! Gott im Himmel, wo soll ich hin?!" Das war ein Verzwciflungsschrci, den die Stcinwände des Flurs widerhallten. Berta blieb eiskalt.„Ja," sagte sie und zuckte die Achseln,„das hätt ich der im voraus sagen können, daß's so kommt! Deinen Korb, o ja, den würd ich wohl nehmen, ober wer weiß, ob ich selber noch lange hier bin?!" Sie sah sich wieder unruhig uni.„Ich glaube nich. Un wenn schon, ocnn schon, je eher je lieber weg! Deinen Korb mußte wo anders unterstellen." „So rumschupsen— de guten Sachen!" wimmerte Mine und senkte den Kopf auf die Brust. Bertas Blick überflog die gebeugte Gestalt: dann sagte sie, von einer flüchtigen MitleidSregung blitzschnell durchzuckt: „Warte man, Mine, Dein Geld! Ich Hab Der ja noch immer nich de ganzen zehn Mark wiedergegeben, dreie waren noch Rest! Tu haste fünfe. Du wirst se-brauchen!" Und che Mine etwas erwidern konnte, murmelte Berta: „Ich Hab jetzt keene Zeit— adjöl" Und sperrte ihr die Tür vor der Nase zu. Wohin——— gl Zerrissenes Nachtgewölk überjagte den Himmel, ein linder Regen feuchtete jetzt die Erde. Keine Zuflucht, so spähend sie auch mit brennenden Augen um sich stierte. So lange sie noch ein paar Mark hatte, da ging's ja noch, irgend jemand würde sie aufnehmen — aber dann— dann?! In einem jähen Entsetzen versagten ihr die Füße: sie sank auf die Steintreppe eines Hauses nieder. Ein Hund, der herrenlos umherstrich, kam und schnoberte um ihre Füße. Sie wagte es nicht, ihm einen Tritt zu geben. Wie Halt suchend, griff sie um sich und krampfte dann die Hände mein- ander. Sie wollte weinen und konnte nicht, ihr Gesicht verzog sich kläglich. Immer tiefer senkte sie den Kopf, sie kauerte sich ganz zusammen. Mine merkte es nicht, daß sie den Vorübergehenden auffiel: erst als der Portier des Hauses herauskam:„Sie, was setzen Se sich denn hier so hin?" schreckte sie auf. So rasch sie konnte, lief sie davon, ohne Antwort zu geben. Wie weit sie gelaufen, wußte sie gar nicht: längst lag die Göbenstraße hinter ihr. Dies waren jetzt dunklere, ein- samere Straßen. Jmnicr weiter trottete sie, in einer sinn- losen Angst, nur hinein ins Dunkel, immer tiefer hinein, wo sie keiner sah. Sie schwitzte und fror. zugleich. Plötzlich fingen dia Häuserreihen zu beiden Seiten an zu schwanken, die Lichter tanzten hin und her, der Boden unter ihren Füßen schaukelte, vor ihren Augen war Finsternis, in ihren Ohren betäubendes Rauschen. Mit einein Stöhnen umschlang sie den nächsten Laternenpsahl und suchte sich daran festzuhalten.----- „Fehlt Ihnen was?" fragte plötzlich eine Stimnie. Da standen auch schon eine ganze Menge Menschen um sie her. «Jotte doch, die arme Frau," sagte ein junges Mädchen. „Ich wer rasch en Jlas Wasser holen!" Aus dem nächsten Keller brachte ein Mann einen Stnhl „Setzen Se sich man!" Verschiedene Hände drückten sie nieder. „Haben Se Hunger?"„Haben Se sich weh jetan?" „Ne, waS is Ihnen bloß?"„Soll ich Se nach de Unfall» station bringen?" So brauste es um Mine herum. Die Stimmen waren ihr schrecklich: sie schämte sich so sehr.„Danke," murmelte sie scheu. Und dann raffte sie sich auf mit einer verzweifelten Kraftanstrengung und ivehrte die Leute ab, die sich um sie drängten, imd zwang sich, auszuschreiten, und ging stracks davon. War die eingebildet! Die Mitleidigen ließen sie laufen. Aber Mine taumelte noch: sie wäre gefallen, hätte sich nicht eine Hand unter ihren Arm geschoben. Eine weiche, etwas verschleierte Stimme sagte gutmütig:„Jottchen, ab�x nei, wenn ei'ni so was passiert, niitten auf de Straß! Un denn jleich all die Leute! Ich will Sic gern nach Haus' bringen, wo wohnen Sie denn?" Mine zitterte, die andere sah ihr besorgt ins Gesicht. „Ach Herrsch, Jottchen, Mcnschenskind, nu erkenn ich Ihnen erst! Wir haben uns ja öfters bei de Reschken i» Keller gesehn! Sind Se nich de Nichte? Dacht ich doch schon heut morgen, wie'ne Spinne über de Wand lief, daß mir was Besondres bevorstand. Aber auf Ihnen Hab ich's mer nich jedcntet! Kenn Sie mer nich? Ich bin ja de Ma- thildchcn, die bei Hauptmanns jedient hat! Jottchen, Se müssen mer doch auch kennen— de Mathildchen!" „Ja, ja!" Mine lächelte matt, und dann drückte sie der Mathilde krampfhost die Hand.„Bringen Se mer weg— bitte! Ich bin so— so—" Ein trocknes Schluchzen, das sie nicht unterdrücken konnte, ließ sie nicht aussprechen. Stumm klammerte sie sich an Mathilde. Und diese sagte, indem sie den Arm der Erschöpften fest an sich drückte:„Kommen Se rauf bei mer! Ich wohn hier jleich bei, wo'L nach's Tcmpclhofer Feld jeht, im Hof, vier Treppen. Wenn's Ihnen nich zu hoch is? Na, denn kommen Se man erst mal da rauf!" In dem kleinen erbärmlichen Zimmer der ungeheuren � Mietskaserne, die Proletarier bewohnten vom Boden bis zum 'Keller, erzählte Mine ihre Geschichte. Sie erzählte weit- �chweisig, mit bieten Wiederholungen, jede Kleinigkeit fiel ihr ein. Wie ein eiserner Reifen löste es sich ihr vom Herzen. Es war das erstemal, daß sie sich aussprach. Die Mathilde hatte i'zr den einzigen Stuhl angeboten. Sie selber saß auf ihrem Korb, hatte die bebenden Hände Mines zwischen die ihren genommen und sah mitleidig drein mit ihren verträumten Augen. Zuletzt weinte sie. (Fortsetzung folgt.) Der)ZcKnindvrier2iger der deutfeben RomanUteratui% Z u Friedrich Sp-icl Hägens achtzigstem Geburt 3- tage am 2 4. Februar. Friedrich Spielhagcn, der es nun bis auf 80 Jahre gebracht hat, begann seine schriftstellerische Arbeit vor rund 50 Jahren; fein erster großer Roman, der ihm einen Namen schuf, erschien 1861, in einer Zeit, da cndlidh in die Stickluft schlimmer, langer politischer Reaktion ein erfrischender Wind hincinzublasen begann. Dieser Roman befaßte sich mit der Epoche deutschen Kulturlebens, die zur Märzrevolution heraufsiihrte, und schloß mit den Berliner Barrikadenkämpfen. Der Gegensatz von Bürgerlich und Adlig er- füllte die Handlung, und nach den Menschen lvar der Roman ge- nannt, von denen Goethe gesagt hat:„Problematische Naturen, ivelche keiner Lage gewachsen find, in der sie sich befinden, und denen leine genug tut. Daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt." Spielhagen wollte nicht einen historischen Roman schreitien, sondern wollte zu einer Generation reden. Er ivollte die Generation, zu der er selbst gehörte, auf- peitschen. Die Ideale der Märzrevolution wollte er ihr wieder einschärfen, und diese Arbeit bat er dann jahrzehntelang fortgesetzt: Die liberal-denwkratischen Märzgedanken sind ihm der Maßstab aller Dinge geblieben. Spielhagen hielt sich in der„Atmosphäre der großen ethischen und politischen Ideen" jener von Hoffnungsträumcn schweren Zeit und er ging an sein SchriftstelleNverk mit dem Glauben: der Be- ruf des Künstlers sei gleichsam der Beruf eines Arztes. Er ge- hörte der Zeit, in der die Formen dichterischen Schaffens wichtige politische Kampfmittel waren. Die Zensur, die keine freie Tages- presse aufkommen ließ, drängte den Journalismus in die Dicht- kunst und schuf die Epoche des jungen Deutschland. Die großen Romanwerke, die von Laube und Gutzkow geplant und geschrieben wurden, sollten Zeitromane sein, in denen der Mei- nungskampf des Tages eine Arena fand. Unmittelbar an den iimgdeutschen Roman knüpft dann Spielhagen an: er hat die alte Form des politischen Gegenwartsromans erfolgreich bis in die achtziger Jahre hcrübergetragen, bis in die Zeit, wo die Tagesprcsse zum letzten Maie so wie in den Zeiten des alten Bundestages be- vormundet und geknebelt war. Dann freilich, nach dem Ablauf des Sozialistengesetzes, war die politische Notwendigkeit dieser Roman- art dahin und in den Vordergrund kam der Roman, der mit künstlerischen Mitteln die Art gesellschaftlicher Schichten wirklich- kcits�reu wiedergeben wollte. Eine Generation von Roman- dichtcrn wuchs herauf. Sie setzte sich kritisch schon um die Mitte der achtziger Jahre mit Spielhagen auseinander, bestritt ihm die echte gcstaltungskrästige Dichterschaft, aber der große Ernst seines Arbeitens wurde nicht verkannt; Julius Hart nannte ihn in einer Streitschrift von 1884, die Spielhagcns Werk zum Ge- Winnen neuer Richtlinien für die EntWickelung des deutschen Romans scharf unter die Lupe nahm: einen„edlen, bedeutenden Schriftsteller". Ties Urteil, das also den Unterschied vom Dichter betont, ist heute da? allgemeine. Die Zeit der sechziger und siebziger Jahre verstand unter einem Dichter sehr etwas anderes als unsere Gegenwart, die dem Begriff schärfere Grenzen zieht. Spielhagens Zeit forderte von der Dichtung Gesinnung. Das Herweghstbe Wort galt:„Selbst Götter stiegen vom Olymp hernieder und kämpften auf der Zinne der Partei." So sagt auch Spiclhagen in seinen„Beiträgen zur Theorie und Technik de? Romans", die Zeugnis ablegen von seinem ernsthaften Ringen um Wesen unh» Form seiner Kunst:„Der Dichter muh immer, weil er gar nickt anders kann, auf einem bestimmten Stand- Punkt stehen. Und wohl ihm und wohl seinen Lesern, je fester er auf diesem Standpunkt steht und freilich auch, je höher dieser Standpunkt ist". DaI ist ja auch heute unsere Ansicht: je höher der Dichter als Kulturmensch steht, um so mehr wird seine Dichtung bedeuten, um so weiter wird sie in die Zeit hinauswirken. Von dem bloßen Formästhetentum, bei dem der bedeutende Mensch nicht sichtbar wird, ist hier nicht die Rede, und das schlug natürlich auch Spiclhagen nicht als Höchstes an. Allen wollte er mit seiner Arbeit dienen, nicht bloß denen, deren Herzen„im ästhetischen Takt schlagen". Für Spiekhagen war aber der höchste Kulturstandpunkt der Zeit in den achtundvicrziger Ideen gegeben, die ihm politisch und ethisch zugleich waren'und die seinen Menschen so ganz erftillten, daß sie alles, was er an dichterischen Eigenschaften besaß, ihrem Kampfzwecke dienstbar machten. Sie gaben ihm das große hin- reißende Pathos der nicht eben gedankentiefen Rede, das in den mittleren Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts als ein Stück Ausdruck der Zeiffeele weit verbreitet war und von dem noch einige spärliche lebende Reste in Schrift und Wort in unsere Gegemvarh herüberreichen. Ilnd dann saßen jene Ideen diesem Schriftsteller tief im Blut, tiefec als den zungdeutschen Vorläufern, die sie allzu- sehr nur im Gehirn trugen; aus dem Temperament wirtten sie nun auf die Gestaltungskraft l�rüber, so daß Spielhagen im kon- zentrierten Bau seiner Romane weit mehr gab als Gutzkow, der ein Jahrzehnt vor den Problematische» Naturen mit den neuen Bänden seiner Ritter vom Geist bewies, daß er die große Fülle gesellschaftlicher Bilder, die ihn erfüllten, nicht zum einheitlichen Kunstwerk zusammenzufassen vermochte. Daß der Spielhagcnsche Roman aber inneren Zusammenhang mit der jungdeutschen Epoche hat, verraten mit großer Deutlichkeit seine führenden Gestalten. Jene geistreich, redegewandten Köpfe sind's, die man kurzweg Salonhcldcn nennt und die für uns heute unverdaulich geworden sind. Nickt nur im Roman, auch im Drama. Sie stellen bei Spielhagen den Typus der„Ueberlegenen" dar, den Gustav Freytag zuerst in die Dichtung herüberholte. In diesen: Typus drückte die aufftrebcnde bürgerliche Klasse aus. daß sie sich der herrschenden Kaste des Adels gesellschaftlich ebenbürtig fühle. Politisch konnte sie'S noch nicht, und so träumte sie sich um so williger in die Siege im Salon hinein, die von den Schriftstellern tröstend herrlich ausgesponnen wurden. Spielhagens Ernsthaftigkeit sah in diesen Romanhclden freilich nicht bloß eine» vagen Trost, sie hatten in seinen Augen eine wichtige, vorbildliche Aufgabe. Sie sollten Werber des bürgerlichen Selbstbewußtseins gegenüber der herrschenden Gescllschaftsschicht sein, und als die nachwachsende radikal-realistische Generation über den TypuS spottete, entgegnete Spielhagen:„Wenn ihr Romanheld jemand nennt, der für das Leben zu gut und zu edel ist, und desgleichen man im Loben schwer- lich findet, so ist Romanheld der höchste Ehrentitel." Der Typus hat längst seine Bedeutung verloren und so ist es heute nicht schwer festzustellen, wie wenig lebcnswahrschcinlich seine Vertreter bei Spielhagcn sind und wie oft auch dieser Schriftsteller, als er sie gestaltete, von den theoretischen Forderungen abwich, die er für den Roman aus dem Studium der großen epischen Dichter der Per- gangenheit und den Wahrheitsforderungen der Gegenwart heraus- holte. Er hatte sich mitten in eine kämpfende Klasse hineingestellt und ihr wollte er helfen mit der„erhabenen Kritik der Dichtkunst ... im Kampfe für die dreimal heilige Majestät des Guten, Wahren, Schönen". So baute sich die Handlung seiner Romane im wesentlichen auf dem politischen Gegensätze von Adel und Bürger- tum auf, so gab er einer Reihe von Romanen Titel, die geradezu politische agitatorische Schlagworte waren, und so hat er auch trotz theoretischer Feindschaft gegen dergleichen seine Lieblingshelden durch die schmeichelhaftesten Bciworte herausgestrichen, indes die Junker oft in Sprache, Benehmen und Erfolg glattweg lächerlich gemacht werden. So hapert es denn mit dem historisch-dvkumentarischen Werte der Spielhagcnschen Romane: nur die Ideen haben historische Wahr- heit, ohne doch das ganze Denken und Fühlen ihrer Epoche zu geben, die Menschen aber entsprechen der historischen Wahrheit nicht. Und das konnte bei seiner Art zu arbeiten nicht anders sein. Er ging nicht, wie ein Künstler tun würde, von fester Wirklichkeit aus, um von hier, das Individuelle je nach der aus der Aufgabe erwachsenden Notwendigkeit festhaltend, zum Typischen zu gelangeu, sondern entwarf umgekehrt zunächst ein theoretisches Charakterbild von jedem Typus, den er darstellen wollte, und trug dann indivi- duelle Züge auf, aus der Erinnerung an Menschen, die den ein- zclnen Typen entsprachen. Davon hat Spielhagen in seinem selbst- biographischen Buche: Finder und Erfinder erzählt. Man weiß also gut Bescheid. Und da ist es nun wieder höchst bcmerkcns- wert, wie SpielhagenS erfinderischer Verstand immer wieder darauf verfällt, zu Vorkämpfern der bürgerlichen Ideen blaublütigc Per- sonen zu wählen. Selbst im Straßcnkamps haben sie diese Rolle. Dieser Zug ist aber auch anderen bürgerlichen Schriftstellern jener Epoche eigen, z. B. Freytag und auch Gutzkow. Er hängt zusammen mit den ideologischen Hoffnungen des deutschen Bürgertums. Schlug sich ein Adliger zum Liberalismus, so galt dies als ein Zeickcn vom Zerbröckeln der Macht des Adels und war zugleich eine zugkräftige, agitatorisch wirksame Empfehlung der liberalen Ideen. Man hat in solchen Merkmalen und in Spielhagcn überhaupt so recht den Ausdruck der Zeit, die der rcalpolitischen Klärung der Klassenstandpunkte voraufging. Das wird noch um ein gutes Stück deutlicher, wenu man folgende Wort? aus den Problema» tischen Naturen hinzunimmt, Worte des Helden Oswald Stein:„Ich fand mich stets, ohne es zu wollen und manchmal ohne cS zu wissen, wo immer in der Geschichte der große Gegensatz zwischen Aristrokraten und Plebejern hervortrat, auf Seite der letzteren. Ich war ein geschworener Anhänger der Gracchen und anderer römischer Demagogen; ich schlug mich mit den Jndepcn- denken gegen die Kavaliere und ich gestehe, daß ich in den Bauern- kriegen viel mehr Sympathie gehabt habe für die armen, unter- drückten, gchudelten, geknechteten und infolge dieser brutalen Be- Handlung meinetwegen auch brutalen Bauern, als für die hoch- mögenden, reichSfrciherrlichcn und trotz oder vielmehr wegen all der Freiheit und Herrlichkeit nicht minder brutalen Grasen und Barone." Diesem Zug des Herzens nach links ist Spielhagen zeitlebens treu geblieben, aber nicht in dem Sinne, daß er sich ganz nach liuTä geschlagen hätte, er hat sich nur nicht wie andere bürgerliche Raditale gegen die Masse, die er von links andrängen sah, abge- kchlosscii. Durch seine Romane zieht sich der Glaubenssatz von der„Solidarität aller menschlichen Interessen", von„Recht und Pflicht, uns aus dieser Erde auszuleben nach allen Kräften mit den anderen Menschensöhnem die mit uns gleiche Rechte und freilich auch gleiche Pflichten haben". In dem Romane In Reih und Glied(1886),:n dem Lassalle zu dem Helden hat Modell stehen müssen, ist der Gedanke in dem Worte gegeben:„Das Feldgeschrei heißt jetzt nicht mehr einer für alle, sondern alle für alle." Und anders ausgeführt ist er wiederum in Hammer und Amboß(1869), den: Roman, der das soziale Grollen der Zeit deutlich vernehmen läßt. Nicht Hammer ojjer Amboß, sondern Hammer und Amboß soll es heißen, weil jeder beides in jedem Augenblicke sei. Und da dröhnt dann der wuchtige Satz,„daß wie der Herr den Sklaven, so der Sklave den Herrn korrumpiert, und daß in politischen Dingen der Vormund zu- gleich mit dem Bevormundeten verdummt". Spielhagen hat die Rolle der modernen industriellen Massen gespürt, aber nicht begriffen. Schon in der Fortsetzung der Proble- matischen Naturen, in den« Roma» Durch Nacht zum Licht deutet er an, was er gewahrt: der einzelne, der früher alles war und bestimmte,„gilt heutzutage, und wäre er noch so bedeutend, wenig; die ganze Kraft liegt in der Masse, die in dichtgeschlosscner Kolonne, langsam aber unaufhaltsam auf der Bahn des Fortschritts weiterdrängt." Aber doch wieder ist es Spiclhagcn nicht gegeben, ein Bild dieser Masse zu geben. Julius Hart wagte in seiner Schrift von 1884 nicht zu viel mit der Frage:„Was erfahren wir eigentlich vom Elend der Massen, wo führt uns der Autor in die Hütten, wo entrollt er uns Bilder, lebendige Bilder aus dem Dasein des Volkes, in allen und nicht nur in drei oder vier Schichten. An dieser Stelle ist die Achillesferse dcS Spielhagcnschen Schaffens." Zola hat diese moderne Welt mit dokumentarisch- wuchtiger Deutlichkeit gemalt; dazu half ihm seine Forderung, der moderne Gesellschaftsroman müsse einen wissenschaftlichen, expcri- mentellen Charakter tragen, aber diese Forderung lehnte Spiel- Hagen ab. Er hat den Gegemoartsroman gewollt, und hebt sich mit dem, was er gab, lebensstark ab von der Schemcnmaskerade des sogenannten historischen Romans, die neben seinem Werk in bunter Verlogenheit gespreizt dahinposte; aber das künstlerische Mittel, das die fortschreitende, neue Gegenwart darstellen konnte, lag nicht in seiner Art. Er hat 1876 in dem Roman Sturmflut die Zeit des Krachs im neuen Deutschen Reiche geschildert und ein groß- angelegtes, festgebautes Werk und dennoch unvollständiges Zeit- gemälde gegeben. Und ein Jahrzehnt später hat dann noch einmal ein großer Roman— ,,W a s will das werden?**)— in die Zeitgeschichte einzugreifen versucht. Die Mittel waren durch- aus die alten, und von einem Eindringen in den Kern der Zeit- bewegung kann nicht gesprochen werden, aber das Wort war offen und ehrlich: der Liberalismus, der das Sozialistengesetz geschehen ließ, und Biswarck, der es machte, beide trifft SpielhagenS Zorn, er geißelt die hochgedichene Heuchelei der Gesellschaft und gibt dem Worte verstärkten Hall. daS er„von einem der ersten Geister in einer Vorlesung vor der besten Gesellschaft" gehört: wir mögen es nun zugeben oder nicht, in jedem von uns st eckt ein Stück von einem Sozialdemokraten. Das war zwar auch nur eine bürgerliche Phrase, aber damals im Jahre der vcr- schärften Tonart des Sozialistengesetzes wars immerhin ein tapferes Wort. Aber in diesem Romane und kurz vor jenem Ausspruche steht auch geschrieben:„ich wiederhole meinen alten Satz, daß, wenn sie(die moderne Menschheit) gesunden soll, die Genesung nur vom Haupte ausgehen kann, nicht von den Gliedern: von der Minorität der Erbpächter der Bildung und Intelligenz, nicht von der Majorität dcS großen Haufens. In ihm ist aufgespeichert die unermeßliche, motorische Kraft, mittels welcher der elektrische Strom erzeugt wird, den aber nur wir, die Wissenden, in die tausend und aber- tausend Kanäle zu leiten verstehen, die alle wieder einem Zentrum zustreben: der Befreiung des Menschengeschlechts". So scholl es aus dem Märzjahr in eine anders gewordene Zeit, für deren politisches Denken die Unterscheidung von Gebildeten und llnge- bildeten keine Parteimerkmale mehr liefern konnte. Gefühlt hat natürlich Spielhagen die veränderte Zeit; der Roman Ein neuer Pharao(1889), der gegen das Strebertum und die Sklavcndemut und den Materialismus Bismärckischer Zucht vom Lcder zieht, ruft klagend ein Wehe über die„Lemuren der Vergangenheit", die verständnislos in der neuen Zeit umher- wanken und selber nicht mehr verstanden werden. Und doch hat das Fühlen dieser Tragik de» zeiteifrigen Mann nicht stumm oder gar verbittert gemacht. Große Werke sind nicht mehr aus seiner Feder gegangen, nur kleine, die sich wohl mit Zeiterscheinungen auseinandersetzten, wie der Roman Sonntagskind mit den Arbcitcrverhaltnissen und Faustnlus mit dem Uebermenschcn- Problem, die aber doch für sich oder im ganzen Lebenswerk nicht viel wiegen. Was Spielhagen bedeutet, liegt ganz ausgedrückt in den Romanen von den Problematischen Naturen bis zum Buche Sturmflut. Diese Werke geben auch das Beste, was er an meijter- *) Dieser Roman ist gleich den anderen Hauptwerken in der fünsbändigen wohlfeilen Auswahl enthalten, die der Verlag von L. Staackmann, Leipzig von Spiclhagcns Werken veranstaltet hat. haften Schilderungen von der Küste der Ostsee und aus den Buchenwäldern und Kornweiten PommernS geschaffen hat. Denn dieses schöne Stück Erde hat der in Magdeburg Geborene in den Tagen der Kindheit und der Jugend mit hellen Sinnen einsaugen können.__ fij. (Nachdruck vcrvolc».) Vaucanfon und seine Hutornatcn. Von Dr. Alfred Kind. Das Wörtchen„Auto" und alles, was damit zusammenhängt, hat heut die Meirschheit fasziniert. Jener Märchentraum aus der Kindheit der Erdbewohner, daß ein Gebilde von Menschenhand„von selber" funktioniert, als hätte es Vernunft und überhaupt lebendigen Odem in seinem Leibe aus Holz, Eisen, Leder oder sonst einer bc- liebigen Materie, dieser Traum ist uns heute eine alltägliche und doch in seinen Variationen immer wieder angestaunte Erfüllung. Für die geschichtliche Betrachtung hat dies Wunder ganz plötzlich ein- gesetzt,, als es dem denkenden Geist gelang, die Spannung von Dämpfen und die elektrische Kraft zu überwältigen; innerhalb weniger Generationen bedeutete dies eine Revolution aller gesell- schaftlichen Zustände, wie sie für unser Wissen vom belebten Uni- versum beispiellos dasteht. Kurz vor Beginn dieser Epoche— c3 sind heute auf den Tag 200 Jahre her— wurde einer der genialsten Erfinder und Konstrur- teure geboren, der, ein wenig später, ein James Watt oder Edison hätte werden müssen. Es ist Jacques de Vaucansoiu Er wuchs im Jesuitenkollegium von Grenoble auf und zeigte schon als ganz kleiner Knabe seine fabelhafte Begabung für mechanische Kunst- werke. Kaum hatte er die Zusammensetzung der Wanduhr be- griffen, so baute er sich selber eine, deren Schlagwerk mit größter Präzision arbeitete. 1735 kam er nack, Paris und schon 1738 stellte er der dortigen Akademie der Wissenschaften den ersten seiner bc- rühmten Automaten vor, von denen weiter unten die Rede sein wird. Die Bewunderung von ganz Europa war nicht unberechtigt, und die französische Regierung begriff, daß dieser Mann im Dienste der praktischen Technik noch anderes werde leisten können, als die Er- findung bloßer Spielzeuge des LuxuS. 1741 ernannte ihn deshalb der Kardinal Fleury zum Inspektor der staatlichen Seidensabriken. 1748 wurde er in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Vaucanson hat ans dem Gebiete der Textilindustrie Bedeutendes geschaffen. Ein Bericht hierüber würde indessen zu sehr abseits ins Spezialtechnische führen. Bemerkt sei nur, daß auch damals die Arbeiter eines Tages gegen ihn Front machten, in der bekannten mißverständlichen Auffassung, als könne die soziale Umwälzung durch Vernichtung einiger Maschinen gehemmt werden. Der Irrtum war begreiflich, und uns fällt es natürlich jetzt leicht, diese Vorboten der „großen" Revolution zu deuten. Vaucanson rächte sich drastisch und ironisch, wie einer, der reich im Geiste ist und dem es nicht darauf ankommt, an die Demonstration einer Absurdität eine Fülle von Arbeit und Ideen zu«krschwenden. Er baute eine neue Web- Maschine, an der ein richtig funktionierender Esel saß(ein künst- licher Automat natürlich) und das prachtvollste Blumenmuster zutage förderte. Die Lehre ivar bitter und vielleicht höhnisch; unS ist sie ein tragischer Witz der Weltgeschichte. Nun die Automaten in Gestalt von Menschen- und Tierform. Sie sind nicht ohne Vorgänger. Ein Bericht aus dem Altertum bei AuluS Gellius besagt:„Mehrere griechische Schriftsteller, unter ihnen der gelehrte Favorinus, versickern, Archytas hätte eine hölzerne Taube konstruiert, die vermöge eines mechanischen Antriebes fliegen konnte. Sie hielt sich schwebend, indem sie der Schwerkraft geschickt entgegenarbeitete durch die Bewegung der verborgenen Kraft in ihrem Innern. Fiel diese Taube zu Boden, so konnte sie sich von allein nicht wieder erheben." Diese antike Nachricht mag für manchen der heutigen Flugtcchuiker von Interesse sein. Aus dem 16. und 17. Jahrhundert wissen wir ferner von einer selbstrudernden Galeere, die Schlottheim in Augsburg für Rudolf II. baute; von einem Orgelwerk des Achilles Laugeubucher in Augsburg, das eine Vesper von 9996 Takten selbsttätig spielte; von einigen sich selbst bc- wcgcndcn Wagen(Automobilen) der Nürnberger Mechaniker Farfler und Hantsch... Der Automatismus hat ober noch ganz andere Köpfe bewegt. Blaise PaScal mühte sich mit der Erfindung einer automatischen Rechenmaschine ab, deren gelungene Konstruktion jetzt endlich zu den allcrneustcn Errungenschaften der Kontortechnik gehört. L e i b n i z verwandte auf die Konstruktion seiner Rechenmaschine rund 199 99(1 Frank. Sic konnte alle vier Arten der Rechnung selbsttätig leisten und wurde von Lcibniz den Londoner und Pariser gelehrten Gesell- scbaftcn um 1763 vordcmonstricrt. Sie funktionierte aber unsicher. In Wiclands Deutschem Merkur findet man diese und ähnliche Maschinen der Zeit beschrieben. Menschenähnliche Figuren, von altersher„Androiden" ge- nannt, sollen von verschiedenen Philosophen des Mittelalters gebaut worden sein. Ich erwähne nur, daß Descartcs beweisen wollte, ein animalisches, d. h. bewegtes Wesen brauche keine Seele zu haben. So konstruierte cr einen Automaten in Gestalt eines jungen Mäd- chens, das er scherzend sein„Töchterchen Francine" benannte. Bei Gelegenheit einer Seefahrt öffnete die neugierige Schiffsbesatzung den Koffer mit der Puppe, vermutete Zauberei und wars das Kunst- werk ins Wasser. Der erste Androlüe. mit dem Vaucanson auf den Plan trat, war der„Flötenspieler". ES war ein Faun, der auf einem Postament saß, nach dem Modell der schönen Statue des Coyzsevox im Tuilericngarten. Die Figur spielte 12 verschiedene Melodien mit ausnehmender Sicherheit. Das Musikinstrument bestand in einer Querpfeife, die von den?lrmen entsprechend hin- und her- bewegt wurde. Die Lippen der Puppe spitzten verflachten sich, je nachdem die Stärke des blasenden Luftstrom-- moduliert werden mußte. Ein Klappenvcntil versah die Aufgabe der menschlichen Zunge. Ein anderes Werk Baucansons lvar der„T r o m m e I- schlüge r". Dieser stand aufrecht und hatte vor sich eine der großen Trommeln jener Zeit hängen. In der einen Hand hielt er ein Flageolett, worauf er einige zwanzig verschiedene Kontertänze blies; in der anderen einen Trommclstock, mit dem et in der geschicktesten Weise die Begleitung markierte. Zu der Aufführung von Marmontcls„Klcopatra" hatte Vau- canson eine künstliche Natter verfertigt, die sich im gegebenen Moment zischend auf den Busen der Schauspielerin stürzte. Diese Natter nahm das Interesse des Publikums fast mehr in Anspruch als das ganze Stück. Als man einen Kritiker nach seiner Meinung darüber fragte, erwiderte er, er sei derselben Ansiäst wie die Natter. Das größte Aufsehen erregte aber die„E n t e" Baucansons. Die Ente schwamm, watschelte, trank, wühlte im Schlamm, schnat- tcrte, fraß, schluckte, schlug mit den Flügeln, reckte den Hals, drehte den Kopf nach allen Seiten und— ließ was fallen, lind dies war das Merkwürdigste: sie tat alles genau nach Entenart. Wäre der Bericht davon nicht auts genaueste verbürgt, man könnte denken, er selber sei eine Eine. Wenn die Ente etwas schluckte, so liefen hastige Bewegungen durch ihren Hals und Kropf bis in den Magen hinein. Dort war irgend eine Vorrichtung, die den Fraß nack Form und Farbe verwandelte, so daß er nunmehr den Auswurfsstokfen glich. Gewiß alles, was man nur verlangen kann. Die Exkremente flössen in Röhrchen zum Schlvanzcnde, wo sich eine Art Schließ- muskcl betätigte. Gegen Ende seines Lebens beschäftigte Vaucanson das Projekt eines Automaten, der für die wissenschaftliche Medizin von besonderer Wichtigkeit sein muß!«. ES sollte die Herzarbcit und die gesamte Wlutzirkulatchn, die man seit IVO Jahren kannte, sinnfällig vor- geführt werden. Ludwig XVl. lvar für den Plan außerordentlich eingenommen und gab einem Anatomen den Auftrag, nach Guyana zu reisen und dort die Eigenschaften und die Herstellung dcS Gummis näher zu studieren. Vaucanson brauchte zu dem Modell vor allem ein Röbrensvstem von der Elastizität der Blutschlag. ädern(Arterien i des Körpers. Es ist mißerordentlich schade, daß Vaucanson, von der Langsamkeit seiner Helfer entmutigt, schließlich von seinem Vorhaben abstand. Es ist wahrscheinlich, daß man an einem so vorzüglichen Modell die Bedeutung der Herzklappcnfehlcr schon damals regelrecht erkannt haben würde. < Schluß folgt.) kleines f cullWoii. Physiologisches. Das Gehirn während der Hypnose. Die Erklärung der hypnotischen Erscheinungen bescbäfligl die Forscher nunmehr seit über zwei JaKrzchnrcn, ohne daß heute'chon eine rinbeillichc Theorie bestünde. Es gib! immer noch Lerne, die den hypnotischen Zustand in etwas mysteriöser Weise als„eine Enveiteriuig der Fähigkeiten und einer Ei höbung der seelischen Kräne"' bezeichnen und darin etwas Ucbemormales und Wunderbares erblicken. In Bekämpiung derartiger Aufsasiungen erörtert William Mac Dougall in der Zeitschrift„Brnin* l„DaS Gehirn") einen Standpunkt, wonach es zur WesenSen'orschung hypnotischer Erscheinungen angebracht sei, von de» leichteren Formen der Hypnoke auszugehen, die sich den Vorgängen des nonnalen Bewußtseins noch stark annähern, um dann zu einer be- fncdigenden Erkenntnis im wirklichen lvisiensckafUichcn Sinne zu gelangen. Der englische Gelehrte verrritt die Anschauung, daß der hypnotische Zustand nck in engster Weise dem normalen«chlaf an- schließt, wie die« schon duräi die nahe Verwandtschaft der Mittel dargetan iverde, die beide Zustände hervorzurufen imstande sind. Der Ausschluß aller Fonne» von Sinnesreizen, die Vermeidung aller aufregenden oder gemütsenchütternden Gedanken und die strenge Konzentrierung der Ansmerksamkcit auf einen einzigen SinncSeindruck sind beiden gemeinsam. ES ist auch lehr «vohl möglich, daß der normale Schlafzusland in Hypnose umgewandelt werden kann und umgekehrt, so daß zwischen beiden Zuständen keine scharfe Grenze besteht und sie vielmehr in unmerklichen Uebergängen zusammenfließen. Beide hängen von einer Disiozialio»(wörtlich: Auslösung. Spaltung) des Gehirns ab. Bc- kamiüich sieht man heute in der Seele nicht mehr jenes einheitliche Wesen, das irgendwo— euva gar in der Zirbeldrüse— seinen Sitz hat. Die moderne Physiologie kennt vielmehr keine lokalisierte Psyche, sondern nimmt an. daß der Mensch sich aus den verschiedenste» organischen Gruppen zusammensetzt, deren Einzel- bewußtsein sich in dem Ich vereinigt. Ebenso wird, wenn von einer DissoZialion dcS Gehirns die Rede ist. angenommen, daß die im Wachen zu einer Einheit verschmolzenen einzelnen BewußtscinSsphären sich in der Hypnose gleichsam spalten. Er- müdung und anästhetische Mittel vermögen dieser Spaltung Bor« schuv zu leisten und einzelne Bewußtseinökomplexe vollständig aus- zuschließen. In der Hypnose erreicht diese Dissoziation einen hohen Gead und umfaßt große BewußlseinSgebiete. Aber auch dann bleibt ein geivisser Teil des Seelenlebens normal. Dieser steht unter dem Einfluß des Hypnotiseurs, der imstande ist, auch während der Hypnose ihm Eindrücke zuzuführen, die dann in ihrem weiteren Verlauf von den übrigen Teilen unabhängig find. Selbstverständlich sind diese Anschauungen nichts weiter als eine Annahme. Ihre Richtigkeit vorausgesetzt, würde die Heilkraft der hypnotischen Suggestion einfach in einer willkürlichen Verteilung der Rervenenergie im Gehirn durch die hypnotisierende Perion liegen. Durch die Ablenkung der Rervenenergie auL ge- wissen Hirnprovinzen wäre eS möglich, ein überarbeitetes und un- gewöhnlich reizbares Nervenzentrum oder Körperorgan zu be- cinflusien und im weiteren Verlauf auch das Allgemeinbefinden da- durch günstig zu verändern, daß die üble Gewohnheit der lieber- anstrengung ausgeschaltet wird. Astronomisches. Die Bewegungen der Erde. Der französische Astronom Camille Fla m marion richtet einen interessanten Brief an den „New Jork Herald":„Wieder eine neue Entdeckung, die wahrhaft außerordeiitliti und kaum glaublich erscheint I Der Erdboden, der uns so stark und sicker erschien und dem wir uns so ruhig ander- trauten, ist in Bewegung; zweimal am Tage erfährt er eine all- gemeine Sckwingung, erhebt sich und senkt sich gleich dem Ozean inner dem Einfluß der Flut»nd der Ebbe. Die häufigen seismischen Stöße, die die Erdoberfläche erschütterten, beweisen uns bereits die Beweglichkeit der Erdmassen. Eber diese unzeitigen Be- wegungen. die unsere Aufmerksamkeit erst dann fesieln, wenn ihre Kröfk durch vernichtende Wirkungen bemerkbar wird, treten nicht regel- mäßig auf, und setzen ivieder aus. und man kann glauben, daß zwischen solchen seismischen Errcgungsperioden Pauken liegen, in denen die Erde sich ruhig befindet. Doch das ist nicht der Fall. Die Oberfläche der Erdteile, so will eS jeyt erscheinen, ist nicht weniger beweglich wie die des Meeres, wo die Wasser unter der doppelten Anziehungskraft der Sonne und dcS Mondes sich täglich zweimal heben. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft diese Erdoszillationen zu beobachten und die interessantesten Versuche sind unrernommen worden, um dicke Vertikal bewegungcn mesien zn können. Aber die gewonnenen Resultate waren gering, ividersprachen einander und konnten nicht die Grundlagen zu sicheren Schlußfolgerungen abgeben. Seit einigen Jahren untersucht nun ein deutscher Gelehner, der Astronom Hecker nn Potsdamer Observatorium dieselbe Frage. Er hat zwei Horizontalpendel konstruiert, die 25 Meter über dem Boden eines Zimmers angebracht find, in dem die Temperatur und der Feuchtigkeitsgehalt das ganze Jahr über mit größter Genauigkeit auf dein gleichen Niveau gehalten wird. Die Schwingnngs- weilen, die gemesien werden sollen, sind vollkommen unsichtbar und erreichen nickt em Hundertstel einer Bogcnsckunde. ES ist jetzt ge- Ilingen, sie durch ein sinnreiches Verfahren, das in Kürze nicht er- klärt werden kann, sichlbar zu machen. DaS Resultat dieser Beobachtungen, das eine Frucht jahrelanger stiller Forschung ist, scheint jeden Zweifel auszuschließen und gipfelt in der Erkenntnis, daß der ganze Erdball einer periodischen Schwingung unterliegt, die den Ebbe- und Fluterschei- nungen deö Meeres analog ist. Die anscheinend so bewegungslose Erooberfläche wird täglich zweimal um fast zwanzig Zentimeter gehoben. Mein Kollege Lallemand hat das Ergebnis dieser Untersuchungen jetzt der Sociöre Astronomique de France mitgeteilt. Wie kommt es nun, daß wir diese innere Flu: der Erde nicht fühlen? Weil die ganze Umgebung dieselbe Bewegung miimackt und uns der unbewegle Punkt fehlt, von dem aus die Veränderung kontrollierbar wird. Es ist dasselbe wie mit der Mecrcsflul, deren Erickeuiung den Reisenden auf hoher See völlig enrgehr. Erst an der Rüste kann man die Veränderung der Hüde deö Wasserspiegels beobachten. Schon kennen ivir zwölr für uns unsichtbare Erdbewegungen, von denen mehrere für unser Leben entscheidend sind. Wir kannten bisher: 1. die täglich« Umdrehung der Erdkugel um ihre Achse in 23 Stunden 50 Minuten; 2. die Revolution der Erde um die Sonne in SOblit Tagen; 3. das Vorrücken der Nachtglcichen in 25 765 Iahten; 4. die monatliche Bewegung der Erde»m das Gravitation: zentruni von Erde und Mond; 5. die durch die Anziehungskraft des Mondes bewirkte Veränderung, die alle IfU/, Jahre eintritt; 6. die hundertjährige Veränderung der Schiefe der Ekliptik; 7. die hundertjährige Veränderung des AbstandeS des Miitel- punkieö der Erdbahn von der Sonne; 8. die im Zeilraum von je 21(XX) Jahren einirciende Verschiebung der größlen Achse der Erdbahn; v. die Schwankungen, die durch die stetö wechselnde Anziehungskrafr der Planeren einstehen; 10. die Veränderungen des Gravitaiions- zentrums des Sonnensystems, um das die Erde jährlich kreist; 11. die allgemeine Bewegung des Sonnensystems gegen das Stern- bild des Herkules und 12. die Bewegungen der Erdpole, die die Breiten verändern und die an den Polen eine Schmingung von etwa zwölf Metern erreichen. Man sieht, wie sehr sich die wisien» kchastlichen Anschauungen seit jene» Zeile» verändert haben, da man die Erde für einen unbeweglichen feststehenden Körper ansah." Berantworil. Redalteiu:: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlsgsaiistalt Paul Singer SrEo.. Berlin LW.