Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 40. Freitag den 26 Febmar. 1909 (Nachdruck verZoten.) ssz Oas täglicde Brot. Noman von C. V i e b i g. 19. Kapitel. Am selben Tag, einige Stunden bevor Berta bei Reschkes vorfuhr, war Artur wieder dort erschienen. Er kam mit Sack und Pack; viel war es nicht, er konnte es bequem allein tragen, das Beste war versetzt. Den Hut schief auf das ungeordnete Haar gerückt, an scheinend sorglos pfeifend, trat er in den Keller ein: aber sein Blick war scheu. Die Klingel schrillte und zeterte und keifte bösartig. Mit einem kurzen Lachen warf er sein Paket hin.„Mörsen! Da wären wer ja wieder in dem alten Loch!" Etlichen, die ihn mit einem Frcudengeschrei: „Das ist der Arlur Mit seiner Haartour," begrüßte, bekam eine Ohrfeige, daß ihr der Kopf wackelte. Mit lautem Geheul stürzte sie gegen die Glastiir. »Er haut mirl Der freche Bengel haut mir!" Sie weckte dadurch Vater Reschke, der noch schlafend, also unsanft amgeschrcckt, mit einem zornigen Grunzen nach seinen Pantoffeln suchte. Besorgt stürzte Mutter Reschke hinterm Ladentisch vor. „Elli, hülste's Maul. Verdammte Jöhre! Artur, aber um Jotteswilln, Atur, wat fällt Dich denn ein?! Hier haste 'ne Schoklade, sei man stille, Ellichen! Kinder, vertragt Euch doch, Ihr macht einen ja janz ncrfös!" „Sc soll das nich singen," brummte Artur.„Willste stille sein?! Untersteh Dich noch mal!" Elli hatte mcht nötig, wieder aufzukreischen, schon riß Vater Reschke die Glastiir auf. Er stand auf der Schwelle in heruntergctretenen Filzpantoffeln und zog sich mit beiden Händen das Beinkleid herauf. „Zum Donnerwetter, was's denn los?! Krach, an'n frühen Mörsen?!" „An'n frühen Morjen—?!" rief Frau Reschke sehr spitz. „Dct könnte man nu jradc nich behaupten. Jleich zwölwe! Du solltest man lieber Tojilctte machen!" „Wer schon," brummte er.„Sei nur nich jleich so jroß' schnauzig! Nanu, Artur? Was soll denn das allcns?!" Elli hatte sich über das in Zeitungspapier verpackte Bündel hergemacht und entrollte die Habseligkeiten des Bruders. Verdrießlich stieß Herr Reschke niit dem Fuße da- nach. Er war jetzt oft schlechter Laune, nicht nur, weil seine Frail ihn jeden Tag wegen der in der Zentralhallc gemachten Einkäufe herunterriß und ihm die Schuld an der abnehmenden Frequenz des Kellers in die Schuhe schob, sondern auch, weil ihm seit einiger Zeit seine Augen zu schaffen niachten. Er hatte sich schon eine Brille gekauft und konnte doch nicht gut sehen. Wenn er an die Helle des Tages kam, tränten ihm die Augen und er blinzelte. Er schob's auf das nahende Alter: über die Mitte fünfzig hinaus, da war nicht viel mehr zu wollen. Mit einer Art Sehnsucht fing er an, jener Zeit zu gedenken, in der er als Knabe wie ein Falke weithin über die grüne Flur geschaut. Jetzt warf er seiner Frau einen bösen Seitenblick zu und grämelte:„Nicki mal ausschlafen, immer kujonieren--- Nanu. Artur, wozu schleppste denn det allens her? Was?!" Artur wechselte mit seiner Mutter einen schnellen Blick Diese sagte rasch:„Atur wird'n paar Tage bei uns bleiben. Mit de Stelle bei'n Rechtsanwalt iS nischt los. Jk habe ihn ooch zujercdet: det hat er nich nötig. BiS sich wat Bessres finden tut, kann er uns ja helfen!" „Helfen—?! Wer haben ja alleene nischt zu tun!" Ja, Du! Det Du nischt tust, wecß ik sa leider schonst lange. Wer ständen heut anders da, wenn Du'n andrer Mann tvärst! Aber mit Dir is ja nischt zu wollen, keen Hund aus'n Ofen zu locken. Na ne— kommste nich heute, kommste morjen! Ins Bette liegen bis mittag, ccne Weiße nach der andre kippen! Un ik kann mir alleene in'n Laden schinden, de Vcene in'n Leib stehn, wcjcn'neu Sechser den Mund fusselig reden!" „Na, ick, mcene, zu übernehmen brauchstc der ooch jrade nich mehr, Mutter! Stunden, wo keene Katze kommt. Mor- jens, leider Jotts, ooch man wenig los!" Er zuckte die Achseln.„Kinderspiel!" „Kinderspiel— wat?!" Nun wurde die Reschke giftig. „Hast Du'ne Ahnung! Du weeßt ja jarnich, wat Arbect is! Det sage ik der, verhungern könntste, wenn ik nich wäre! So'n fauler Kopp!" Nun ärgerte sich Reschke wütend, aber er wagte es nicht recht, den Aerger an seiner Frau auszulassen. So fuhr er den Sohn an: „Also schonst wieder keene Stelle? Is det erhört? Schämen sollste der, immer rumlungern, den Eltern uf de Tasche liegen! Det hat nu'n Ende! Entweder Tu has in zwei Tagen'ne neue Stelle oder ich wer' der zeigen, wo der Zimmermann daS Loch jelassen hat?" „Untersteh der," kreischte Frau Reschke-laut auf.„Atur kann so oft kommen, wie er will, un so lange, wie er will. Atur, jeh man rin, mein Sohn, un lege Deine Sachen in de Kammer ab. Sowie Trude aus's Jeschäft kommt, soll se ausräumen. Jeh man, jeh," ermutigte sie ihn, als er noch zögerte.„Dct wäre ja noch schönter, den Sohn det HaiiS verbieten!" „Sohn— Sohn—?! Hahahaha?" Reschke schlug eine dröhnende Lache auf. „Jawoll," schrie sie,„Sohn! Da is jar nischt zu lachen!" Und als ihr Mann sich mit einer Grimasse von der Schwelle zurückzog, rannte sie ihm nach...Ik habe bare Sieben- hundert in die Ehe jebracht, ik wer' doch Wohl Aturn nich det Haus verbieten lassen— meinen Sohn!" „D ein Sohn, jawoll, aber nich mein Sohn," brüllte er ihr entgegen. Krach, schlug sie die Tür hinter sich zu. Die Kinder im Laden hörten die Eltern drinnen weiter zanken. Mit einem Stöhnen sank Artur auf die umgestürzte Tonne und hielt sich die Augen mit beiden Händen zu. Er wollte das Gezänk drinnen nicht hören, und doch lauschte er darauf: es drang ihm wie mit Donncrgetöse in die Ohren. „Ei weih," flüsterte Elli, die, auf den Zehenspitzen stehend, den.Kopf vorgestreckt, mit gespannter Aufmerksamkeit horchte, „nu jibt's Dresche!" Da sprang Artur auf. Sein Gesicht zeigte einen der- wilderten Ausdruck. Es war ihm, als stürzten die Keller- wände auf ihn ein. Und stieg da nicht auch Mine die Keller- treppe hinunter und versperrte ihm mit ihrer Gestalt noch den Ausweg zu Licht und Freiheit?! „Geh man rein, Ellichen," stieß er mit gepreßter, seit- sam bebender Stimme hervor,„geh man rein?" Und als sie ins Zimmer schlüpfte, halb von ihm gedrängt, halb von der Neugier gezogen, sah er mit sich keuchendem Atem verstört um. Fort, fort, hier konnte er nicht mehr bleiben! Hier hielt er's nicht aus: er mußte fort! Heraus ans dem Keller? Sein unstet irrender Blick traf den Ladentisch— keine Mark, keinen Groschen! Und da war die Kasse!——— Der Schlüssel steckte— nein, der Schub stand sogar halb offen. Viel war ni-stt darin, lauter kleine Münze— halt, da ein Goldstück im besonderen Gefach und verschiedene Fünf- markscheine! Hastig griff er zu.———— Nein, nicht alles! Er warf die Scheine wieder zurück. Nur das Zwanzigmark- stück. NM sich vor der ersten Not zu schlitzen! Wiedergeben würde er's ihnen bald! Seine Pulse hämmerten, das Blut war ihm zn Kopf gestiegen und railichte in seinen Ohren———— Dieb, Dicbl Die Augen quollen ihm ans den Höhlen. Zitternd sah er sich um, zögernd. Jetzt ertönte drinnen ein wütender Fluch, ein Krachen, Poltern und Klirren. Tritte näherten sich der Glastür. Da raffte er sein Bündel zusammen, da stürzte er fort. Als Mutter Reschke, tvenige Augenblicke später, mit einem ganz dick aufgelaufenen Auge aus der Stube kam, war der Keller leer. „Wo is denn Atur?" fragte sie Elli, die wie ein Eich- dechschen hinter ihr hcrschlüpfte. „Weg," sagte die Kleine gedankenlos: sie war eben dabei, zu überlegen, was sie jetzt wohl am besten der Mutter ablnren fömifr. Wenn die Eltern ttneins waren, blühte ihr Weizen; da suchte jeder Teil sie aus seine Seite zu ziehen, und am Ende erlangte sie von beiden etwas. Als Trude nach Hause kam, widersetzte sie sich, die Kammer zu räumen; sie bat und weinte: nur nicht wieder bei Grete schlafen! Es hals ihr nichts, sie mußte ihre Sachen wieder in die Küche tragen. Aber sie murrte und trotzte— da blieb sie lieber die halbe Nacht weg!— Trude hätte es am Abend nicht notig gehabt, so lange auszubleiben. Als sie, zum ersten Mal seit Monaten wieder, sehr spätmn die Blaulackierte trommelte, trotzigen Gesichts, den Hut verwegen auf dem verwehten Haar, öffnete ihr Grete und wisperte ihr zu, sie solle nur leise in ihre Kanuner schleichen, Artur sei nicht da. „Was Artur nicht gekommen? Das's ja famos. Hätt ich das jewußt!" Jetzt erst bemerkte sie, daß Grete weinte. „Na. was's denn schon wieder los? Dresche jekriegt?" Grete gab keine Antwort, sie schüttelte nur den Kopf lind schluchzte herzbrechend. „Na, so was," sagte Trude leichthin. Das hatte für sie weiter kein Interesse. Sie war todmüde und empfand nur, erleichtert, die Wohltat, jetzt in der Kammer schlafen zu können. Aber allein genoß sie ihr Bett doch nicht; sie fand Berta darin vor, die bei Elli auf dem Sofa hatte kampieren sollen, es sich jetzt aber, da Artur nicht da, aut dem besseren Lager recht bequem gemacht hatte. Sie lag querüber, Trude mußte sie wecken, wenn sie auch Platz finden wollte. (Fortsetzung folgt. Z (Nachdruck VerVoten.) Li Der Goldkäfer, Won E. A. Po c. „Nun, Jup, vielleicht bast Tu recht, aber welch glücklichem Um- stände verdanke ich die Ehre Deines Besuches?" „Was Massa in einen?" „Hast Dil mir von Herrn Legrand irgend etwas auszurichten?" „Nein, Masia, ich bringen bloß diesen Brief." Hier überreichte mir Jupiter ein Billett folgenden Inhaltes: Mein Lieber! Wie kommt es, daß vir uns solange nicht mehr gesehen haben? Hoffentlich haben Sie mir mein zerstreutes Wesen bei unserem letzte» Zusammensein nicht übel genommen. Ich glaube es locnigstens nicht. Seit Ihrem letzten Hiersein hatte ich oft- mals Grund, unruhig zu sein. Ich habe Jbnen etwas zu sagen und weiß doch kaum wie, ja, ob ich es überhaupt sagen soll. Ich befinde mich schon seit ein paar Tagen nicht ganz wohl, und der arme, alte Jupiter plagt mich ganz unerträglich mit seiner wohlgemeinten Beaufsichtigung. Wurden Sie es für mög- jich halten— er hatte sich neulich einen dicken Stock geschnitten, mit dem er mich züchtigen wollte, weil ich ohne ihn den ganzen Tag allein aus dem Festlandc in den Bergen umhergestreist war. Ich glaube, nur meinem zämmerlichen Aussehen habe ich es zu verdanken, daß ich ohne Prügel davoirkann Meine Sammlung hat sich seit unserem letzten Beisammen- sein nicht vergrößert. Wenn es Ihnen irgendwie möglich ist, so kommen Sie mit Jupiter herüber. Bitte, kommen Sie doch! Ich möchte Sie noch heute abend in einer wichtigen Angelegenheit sprechen. Ich vcr- sichere Sie, daß das. was ich Ihne» mitteilen will, von außer- ordentlicher Wichtigkeit ist. Ganz der Ihrige. William Legrand. In dem Tone dieses Brieses lag etwas, das mich unruhig machle. Ich erkannte Legronds gewohnten Stil absolut nicht wieder. Worüber mochte er nur wieder nachgrübeln? Welche neue Grille spulte in seinem leicht erregbaren Hirn? Weis konnte das für eine„außerordentlich wichtige Angelegenheit" sein, die er mit mir besprechen wollte? Jupiters Bericht ließ auf nichts Gutes schließen. Ich fürchtete schon, das andauernde Mißgeschick hätte rneinen Freund um den letzleu Rest seines Verstandes gebracht. Ohne einen Augenblick zu zögern, machte ich mich bereit, dem Neger zu folgen. Als wir das User erreichten, bemerkte ich auf dem Boden des Kahnes, den wir besteigen mußten, eine Sense und drei Spaten, alles dem Anscheine nach ganz neii. „Was soll das, Jup?" fragte ich. „Tie Sense, Massn,'und die Spalcn?" „Ja, was tun die hier?" „Tie Sense und die Spaten ich haben gekauft in der Stadt für Maffa Will und haben geben müssen dafür verteufelt viel Geld." „Aber so sag' mir doch im Ramm alles Geheimnisvollen, was denn Dein Massa Will mit dem Spaten und der Sense vor hat?" «Das sein mehr, als ich weiß, und der Teufel soll mich holen, wenn Massa Will eS selbst wissen. Aber alles gckonnnen von dem Käfer." Da ich sah, daß aus dem Alten nichts herauszubringen war, weil alle feine Gedanken um den Käfer zu kreisen schienen, stieg ich ins Boot und zog das Segel auf. Mit günstigem, starkem Winde liefen wir bald in die kleine Bucht nördlich vom Fort Moultrie ein und erreichten von dort zu Fuß in zwei Meilen die Hütte. Es war ungefähr drei Uhr nachmittags, als wir an- kamen. Legrand hatte uns mit verzehrender Ungeduld erwartet. Er ergriff meine Hand mit einem nervösen Eifer, der mich be- unruhigte und meine Meinung über seinen Gesundheitszustand nur bestärkte. Eine geisterhafte Blässe lag über seinen Zügen, und seine tiefliegenden Augen sprühten in unnatürlichem Glänze. Nach- dem ich mich nach seinem Befinden erkundigt hatte, fragte ich, da ich nichts Besseres zu sagen wußte, ob er den Käfer schon von Leutnant G. zurückerhalten. „O ja," antwortete er und ein heftiges Rot stieg in sein Ge- ficht.„Ich bekam ihn am folgenden Morgen zurück. Von diesem Käfer würde ich m'ch niemals wieder trennen. Wissen Sie auch, daß Jupiter mit seiner Ansicht vollkommen recht hatte?" „Mit welcher Ansicht?" fragte ich. von traurigen Ahnungen, erfüllt. „Daß der Käfer von wirklichem Golde sei," entgegnete er mir mit solch tiefem, ernstem Tone, daß mir unaussprechlich bange dabei wurde.„Dieser Käfer wird mich zum reichen Manne machen," fuhr er mit triumphierendem Lächeln fort,„er wird mir wieder zu den Besitzungen meiner Familie verhelfen. Ist es also zu verwundern, daß ich ihn so hochschätze? Ich brauche ihn bloß richtig anzuloendcn, um all das Gold, das er andeutet, zu be- kommen. Jupiter, ach und hole den Käfer." „Was? Den Käfer, Massa? Will nix haben zu tun mit dem Käfer, Massa müssen ihn holen selbst." Darauf stand Legrand ernst und würdevoll auf und brachte den Käfer, den er in einen Glasbehälter eingeschlossen gehalten. Es war ein wundervolles Insekt, zu jener Zeit in der Natur- gesckichte noch unbekannt und deshalb vom wiffcnschatflichen Stand- punkte aus von hohem Werte. An dem einen Ende des Rückens b« tandcn sich zwei runde Flecken, mn entgegengesetzten ein länglicher. Die Flügeldecken waren ungemein hart und glänzend und glichen brüniertem Golde. Das Insekt hatte ein ganz beträcht- lichcs Gewicht, und als ich alle diese Ilmstände erwog, mutzte ich mir sagen, daß Jupiters Ansicht nur zu erklärlich sei; wie jedoch Legrand dazu kam, dieselbe zu teilen, war mir absolut unverständlich. „Ich habe zu Ihnen geschickt," fuhr er, als ich den Käfer ge- nugsam betrachtet, in stolzer Beredsamkeit fort,„Um Sie um Ihren Rat und Beistand zu bitten, wenn ich dem Winke des Schicksals und des Käfers folge..." „Mein lieber Lcgrand," unterbrach ich ihn rasch,„Sie fühlen sich gewiß unwohl und täten besser daran, sich ein wenig zu schonen. Legen Sie sich zu Bett; ich werde ein paar Tage bei Ihnen bleiben, bis Sie wieder hergestellt sind. Sie fiebern ja und..." „Fühlen Sie mir doch nur einmal den Puls." sagte er. Ich tat es und fand wirklich keine Spur von Fieber. „Äber Sie können auch ohne Fieber krank sein. Erlauben Sic mir doch, Ihnen etwas zu verschreiben. FürS erste, legen Sie sich zu Bett. Dann wollen wir..." „Sie irren sich," fiel er mir ins Wort.„Ich befinde mich so wohl, wie es bei der Aufregung, unter der ich leide, nur möglich ist. Wenn Sie mir wirklich wohlwollen, so befreien Sie mich von der Aufregung." „Und wodurch könnte ich es?" „Durch eine Kleinigkeit. Jupiter und ich wollen einen Ausslug in die Berge auf dem Festlaiide nnternchmen und bedürfen dabei der Hülfe einer Person, der wir vertrauen können. Sie sind der einzige, zu dem ich Zutrauen habe. Und ob unsere Be- mühungcn erfolgreich sein werden oder nicht, jedenfalls würde sich die Aufregung, die Sie jetzt an mir bemerken, legen." „Es soll mir eine Freude sein, Ihnen jeden Gefallen zu er- weisen," erwiderte ich,„aber wollten Sie vielleicht sagen, daß jener unglückselige Käfer mit dem Ausflug in die Berge in irgendeiner Verbindung steht?" „Allerdings l" „Dann muß ich Ihnen leider erklären. Legrand, daß ich mit einer solch absurden Geschichte nichts zu tun haben will!" „Das tut mir leid— sehr leid, denn so müssen wir die Sache allein ausführen." „Allein ausführen!" dachte ich.„der Mann ist ganz von Sinnen."„Wie lange wird wohl ihre Abwesenheit dauern?" fragte ich dann. „Wahrscheinlich die ganze Nacht. Wir werden sogleich aus- brechen und unter allen Umständen bei Sonnenaufgang wieder zurück sein." „Und wollen Sie mir auf Ihr Ehrenwort versprechen, daß Sie, wenn Sie diese Grille befriedigt und die ganze Käseraffäre er- ledigt haben, nach Hause zurückkehren und meinem Rate als dem eines Arztes unbedingt Folge leisten werden?" „Ja, ich verspreche es; aber nun wollen wir aufbrechen und keine Minute Zeit verlieren." Mit schwerem Herzen entschoß ich mich, meinen Freund zu be- gleiten. Es mochte gegen vier Uhr sein, als wir uns auf den Weg machten, Legrand, Jupiter, der Hund und ich. Jupiter sührte die Sense und die beiden Spakcn mit und bestand darauf, alles allein au tragen, allerdings, wie mir schien, mehr aus Furcht, sein Herr könne mit den Werkzeugen irgendein Unheil anrichten, als aus einem Uebermaß von Fleiß und Gefälligkeit. Er sah im höchsten Grade bissig aus, und auf dem ganzen Wege kam kein anderes Wort über seine Lippen als hin und wieder der Fluch:„Der ver- dammter Käfer!" Ich selbst trug ein paar Blendlaternen, während sich Legrand nur mit dem Käfer beschäftigte, den er an das Ende einer Peitschenschnur gebunden hatte und mit der Miene eines Beschwörers hin und her drehte. Als ich diesen letzten klaren Be- weis von der Geistesverwirrung meines Freundes erhielt, konnte ich mich der Tränen fast nicht mehr erwehren. Ich hielt es jedoch für das beste, einstweilen auf seine Ideen einzugchen, bis sich mir Gelegenheit bot, energischere Maßregeln anzuwenden. Mittler- weile versucht« ich, jedoch vergebens, den Zweck dieses Ausfluges aus ihm herauszulocken. Nachdem es ihm einmal gelungen war, mich zum Mitgehen zu bewegen, schien er nicht geneigt, über irgendeinen unwichtigeren Gegenstand zu reden und antwortete auf alle meine Fragen nur mit den Worten:„Werden schon sehen." Am oberen Ende der Insel setzten wir in einem Kahne über die Bucht, erkletterten das hohe Ufer des Festlandes und schritten in nordwestlicher Richtung durch eine ungemein wilde und öd« Gegend weiter, in der auch nicht eine einzige menschliche Fußspur zu entdecken war. Legrand führte uns mit Sicherheit und blieb nur dann und wann einen Augenblick stehen, uni nach Wegzeichen zu spähen, die er offenbar selbst bei einem seiner früheren Ausflüge gemacht hatte. (Fortsetzung folgt.) Der unbekannte peftalozzi, der öozialpädagogc und 8ozialpoUtxhcr. Ueber dieses Thema hielt an der Universität Zürich Genosse Robert Seidel. Dozent für„Allgemeine Pädagogik, ein- schließlich Sozialpädagogik und für Geschiwte der Pädagogik auf Grundlage der Kulturentwickelung" seine Auirittövorlesung Die Vorlesung, die uns Pestalozzi in einem neuen Licht zeigte und die Zuhörer mächtig ergriff, verdient weiteren Kreisen in ihren Hauprzügen mitgeteilt zu werden. Einleitend gab Genosse Seidel das Bild de? falschen Pestalozzi wieder, des Pestalozzi, der der breiten Masse des Volkes nichts weiter als ein großer Mann, den meisten Gebildeten nichts mehr als der Verfasser des Erziehungsromans„Lienhard und Gertrud" ist. In monarchischen Ländern wird er der Lehrerschaft als Apostel der mütterlichen und häuslichen Erziehung vorgeführt. Einmal gilt er als verirrter, religionsloser Mensch, das andere Mal als frommer, gläubiger Christ, nach dem Herzen der Kirche. Auch die Darstellung Pestalozzis als Reformator der Volksschule und als großer Schulmeister ist falsch. Der unbekannte und wahre Pestalozzi ist niehr. Der wahre Pestalozzi ist der S o z i a l p o l i t i k e r und Sozialpädagoge des 18. Jahrhunderts und der bürgerlichen Ge- s e l l s ch a f t. Er ahnte mehr als er erkannte, daß die sozialen und politischen Zustände das Schulwesen bestiminen und trat mit Feuereifer für soziale und politische Ztcformcn ein. Endziel lvar die soziale und fitlliche Hebung des Volkes. Aus der Zeit der Auf- klärung. die alles Bestehende über den Hansell wirft, ging er hervor, uird als Kind dieser Zeit lebte und lvirkte er. Er wird von den Vertretern dieser Staats- und Gesellschoftsumwälzung als Erzieher angestellt mrd krärtig unterstützt, iveil fie in ihm den pädagogischen Pfadfinder und Bahnbrecher erblicken. Pestalozzi war ein Kind seiner Zeit.„Der Mensch hängt ganz von der Zeit ab, in der er in die Welt kommt," schreibt Friedrich II. an Voltaire und„die Zeit tut alles: Götter und Menschen schafft sie"... an d'Alembert. Wie sah eS nun in Pestalozzis Welt, in Zürich, in der Milte des 18. Jahrhunderts aus? In der ganzen Schweiz lvar an Stelle der früheren Demokratie eine Aristokratie ge- treten, die durch Zensur und andere Mittel der Unterdrückung das ganze öffentliche Leben erstarren ließ. Die Bauern ilnd das industrielle Proletariat auf dem Lande lebten im größten Elend und in Unwissenheit. Ganze Scharen von Bettlern durchstreiften das Land; Bcltlerjagden waren an der Tagesordnung. Die Zustände waren so. daß Äntistes FinSlcr, Pfarrer am Großmünstcr schreibt: „Im großen und ganzen konnte eine Aenderuitg nur aus einer gänzlichen Umgestaltung aller Verhältniffe, ans einer Revolution hervorgehen."/ Im Gegensatz zu dieser elenden Lage deS Landvolkes und dieser tödlichen Erstarrung, war das geistige Leben Zürichs rege, ja sogar schöpferisch. Wre ist das erNärlich? Gen. Seidel findet, daß das Stück Demokratie, das die städtische Bürgerschaft noch besaß, daß Wohlstand und Muße, die Gnmdlagen des geistigen Lebens, dies ermöglichten. Reger Handel und geistige Ucberliefcrung trugen das ihrige dazu bei. Es ist das große Verdienst zweier hochbedeutender Männer, B o d m e r S und BrcitingerS, durch Wort und Tat, eine ganze Generatioir junger Empörer gegen die alten Zustände in Staat und Gesellschaft erzogen zn haben, die Sulzcr, Lavatcr, Fllßli, Hirzel, Pestalozzi, Geßner und andere. In der„Helvetischen Gesellschaft zur Gcrwe", die Bodmcr zur Fortbildung junger Republikaner gegründet hatte, wurden die Pläne für die Znklinst geschmiedet und Träume schöner Zukunft geträumt, Vieles nahm bald praktische Gestalt an. 174ü erschien in Magdeburg eine Erziehungslehre von Foh. Georg S n l z e r aus Wintcrthur, der später ein berühmtes Mitglied der Berliner Akademie wurde. Hierin werden schon die An- s ch a u u n g, das T n r n e n, die Handarbeit und der Moral- Unterricht befürwortet.„Nie bat die gebildete Welt sich so ernst und viel mit Unterricht und Erziehung beschäftigt, wie im 18. Jahrhundert, daL man auch das Jahrhundert der Pädagogik nennen könnte." Und die Schweiz leuchtete voran. 1718 schon veröffent- lichte Jean Pierre de Crousaz von Lausanne ein großes Werk über Erziehung, 1743 erschien die erwähitte Schrift SulzerS, 1753 gab Isaak I s c l i n von Baiel seine„Philosophischen und patriotischen Träume eines MenschenfteundeS" heraus mit der Forderung einer Rcsorm der Erziehung und 1738 trat die epochemachende Schrift des Luzerner RegiernngSratcs Urs Balthasar ans Licht: „Patriotische Träume eines Eidgenossen von einem Mittel, die ver- alrete Eidgenossenschaft wieder zu verjüngen". Und dieses Mittel ficht Balthasar in einer N a t i o n a l c r z i c h un g. die in Deutsch- land Fichte erst 1800 in seinen Reden an die deutsche Nation predigt. 13 Jahre vor Gründung des Basedowschen PhilantropinS in Deffa», 1761, gründet Martin Planta in Zizers bei Chur eins Anstalt, i» der Jünglinge, wie Planta selbst sagt, zu„Verschworenen für die Herbeiführung einer besseren Zukunft erzogen werden sollen". Er genoß die tatkräftige Unterstützung der berühmten Helvetischen Gesellschaft, gegründet 1761 in Schinznach. In diese Zeit hinein wird nun Pestalozzi geboren und gemäß seiner Anlage wird er ein Kämpfer für die Gesellschafts- und Staalsumwälznng des 18. JahrhnndertS. Als er 26 Jahre alt war. hatte er selbst schon Wünsche über Volkserziehung sowie einen Auf- iatz über die soziale Umwälzung in Sparta und über die soziale Ungleichheit als Quelle des Verderbens in jedem Staate ver- öffcntlicht. Die jungen Patrioten, wie sie vom Volk genannt wurden. schritten von der Theorie zur Tat. 1762 klagten L a v a t e r und Fützli den Landvogt Grebel von Grüningen der Tyrannei und des Betruges an. 1764 bewirkten Lavarer und Schinz die Bc- strafung des Pfarrers Hotlinger in Dältlikou wegen SitllichkeitS- vergehen. 1767 erschien ein Ftugblait in Form eine?„Bauern- geiprächs", worin die Pairiorcn kräftig für daS Recht der Genfer Bürgerschaft eintraten, ihr Regiment nach ihrem Willen einzurichten. Der Verfasser Müller mußte flüchten und wurde auS der Eid- genoffeufchaft verbannt. Pestalozzi erhielt wegen Verdachts, Müller zur Flucht verholfen zu haben, vier Tage Arrest und einen scharfen Verweis. Das Preßorgan der Patrioten, der„Erinnere r" wurde unterdrückt. So wurde Pestalozzi zum Feind des Staates gestempelt und aus ihm ausgestoßen. Pestalozzi hat an der Wiege unseres ZcitunaSivesenS gestanden. Er war Mitarbeiter des„ErinnererS" und schrieb soziale, politisch-, pädagogische und moralische Aussätze. Später wandle er sich ganz dem Sozialismus zu, indem er 1782 in Baden eine Wochenschrift: „Das Schweizer-Blatt" herausgab. Prächtige volkswisienschastliche. politische, pädagogische Artikel wechseln da mit einander ab. Er schreibt über die Sittlichkeit des BaucrnvolkeS: er zeigt, wie die Verbrecher nur schwache Menschen in imgliicklichen Umständen seien, während die schwachen Menschen in glücklichen Umständen im Rats- saal und in der Kirche sitzen. Er schreibt heute über die Bedeutung der Handarbeit und ein ander mal über die Freiheit, welche Volks- fegen sei. 1789 wurde die feudale Gesellschaft und der Despotismus in Frankreich weggefegt. Wie Klopstock und Goethe begrüßt auch P. dieses Ereignis und verteidigt wie Kant in einer flammenden Schrift„Ja oder Nein?" die Revolution. Er schreibt:„Die absoluten Regierungen haben sich immer Rechte angemaßt, die mir einem wahrhaft guten Zustand der gesellschaftlichen Menschheit unverträglich sind"...„Die Freiheit hat der Menschheit allcnt- balbcn gutes getan. Sie hat die Tugenden entwickelt, den Wohl- stand gefördert, Gesetz und Ordnung begünstigt." Den christlichen Heuchlern in Staat und Gesellschaft ruft er zu:„Die Welt wird nicht christlich regiert, Regierungen und Staat handeln wider das Christen- tum. Eine christliche Armee, eine christliche Schlacht, christliche Feldprediger. christliche Finanz- imd KabinettSopcrationen, christliche Polizei- Mauthe und christliche Maßnahmen. der blinde Gehorsam der Unteren und die Allmachtsrechte der Oberen widersprechen den« wahren Christentum." Die Geistlichen wüßten das wohl, wenn sie die Großen entschuldigen, vergäße!» eS aber immer, wenn sie die Kleinen anklagen. Pestalozzi bemerkt:„Man wird sagen, ich rede der Anarchie daS Wort," der Zweck aber fei, ohne diese Volköfehlcr zu leugnen, deren Ursachen zu entwickeln. Er denunziert sich selbst als parteiisch, aber für das Volk.„Ich bin parteiisch. Ja. Mein ganzes Herz hängt an der Hoffnung, daß die Welt nicht cnd- lich dahin komme zu fragen:„Was ist das Recht des Volkes und zu behaupten, eS fei keines unter der Sonne." Weiter fordert er staatliche Vildungsanstalten fürs Volk, damit es sich„unabhängig Brot, ungchudclte Tage und ein ehrenhaftes Alter versa,affen könne. Im Stäfnerhandel von 1793 nimmt Pestalozzi lebhaft Partei für die Bauern, den Regierenden ruft er zu:„Es ist im Volke viel guter und wenig böser Wille." Im Jahre 1793 brach die alte Eidgenoffenschaft zusammen. Pestalozzis GesinmmgSfreunde keimen ans Staatsruder. Die Kämpfe in Nidwalden gegen die Franzosen schafften viel Elend und eine Menge Waisenkinder. Pestalozzi wurde Waiscnvater in Stau? und bekam als 63iähriger Mann endlich den längsterstrebten pädagogischen Wirkungskreis. Er erwarb sich hier unsterblichen Ruhm. Nicht lange— und da-Z Waisenhaus mustte aufgehoben werden. In Burgdorf erhielt er erst an der Hinlersäsfen-, dann an der Bürger- schule und endlich auf dein Schloß ein lveiiereö Wirkungsfeld, und er erwarb sich ein glänzendes Jeugnis für feine Erziehungsarbeit. ES erschienen hier die Elcmcntarmethodenbiichcr. Ii» Juni 1800 gründete der weitsichtige Minister der Künste und Wistenfchaften der Helvelik. Albrecht Stapfer, eine schweizerische Gc- sellschaft von Freunden deS ErziehuugSwescns mit dem Zwecke, P. zu fördern. Das Jahr 180S, das den Sturz der Helvctik brachte, reißt Pestalozzi wieder mitten ins politische Leben. Er wird neben anderen in die Kausulla nach Paris delegiert, feine Forderungen legte er nieder in der Schrift:„Ansichten über die Gegenstände, auf »velche die Gesetzgebung HelvetienS ihr Augenmerk vorzüglich zu richten hat." Er fordert Volksbildung, GcrcchügkeitSpflege und eine gerechte, progressive Steuer. Er verlangt, daß dreimal Z6S Taglöhne(!) steuerfrei sein sollen, fordert das freie Wahlrecht. Napoleon ivies aber die Forderung der Volksbildung ab mit den Worten:„Ich beschäftige mich nicht mit dem A B E." Im letzten Teil seiner Vorlesung behandelte Genosse Seidel Pesiaiozzi als Sozialpädagogeu, der erkannt hat. daß Bildung und Erziehung von den 10 i r t s ch a f t l i ch e n, sozialen u n d p o l i t i s ch e n Zustünden und Einrichtungen abhängig sind. Folgen der fchlcrbastcn Staats- und GeiellschaftS- cinrichtmigen seien die vielen„VerstandcSesel, VerstandeSnarrrn und BerftandeSbestien".„Ja. der Staat ist schuld"... ruft er wieder- holt au?.— Weil die Menschen von Natur wesensgleich sind und hauptsächlich von den Umstäuden gemacht und verändert werden, so müssen bessere Zustände geschaffen werden.„Im Sumpf des Elend? wird der Mensch kein Mensch"...„Die erste Pflicht de» Menschen ist, der Armut seiner Mitmenschen, aufzuhelfen, damit ein jeder ohne Drang und Kummer de» LebeuZ Notdurft erstreiten möge." lind diese erste Pflicht sei besonders die erste Pflicht der Negierenden. „Ewig wird es... eine imividerfprcchliche Wahrheit bleiben, daß die Einporhebung der niedersten Stände an» ihren Tiefen ein un- umgängliche» Bedürfnis der Nationalsitilichkeit ist." Aber P. ist nicht bloß erkennender und betrachtender, sondern auch lvollender Sozialpädagoge. Nach P. ist wahre Volksbildung allseitig, harmonisch, sie ist physische, geistige und sittlich- Bildung. P. fordert deshalb mit Kraft auch die berufliche Bildung, Bildung zur Arbeit. Kunst und Wirtschaft. Der Arme hat ein gesellschaftliche» Recht darauf, daß ihm der Staat Mittel zur ArbeUSbilduug verschaffe. Das Privateigentum ist eine gesellschaftliche Kunstschöpfung und hat keine Daseinsberechtigung, sofern Staat und Gesellschaft dem Armen keine Möglichkctt geben, seine Arbeits- und Kunstkräste auszubilden.„Der Mensch ist nicht de» EiaentlimZ, sondern daS Eigentum de» Menschen willen da." „Der Menschen Anspruch ans Zkalirung und Decke, d. h. an ein die Menschennatur befriedigendes Dasein, ist von GottcS und des Christentums wegen höher alS alles Eigentum und alles Herrschaft?- recht." P.» Stellung zu Gott und Religion erhellt am besten an? den Worten:„Wenn' du dem Armen hilfst, daß er Ivie ein Mensch leben kann, so zeigst du ihm Gott."„Sich selbst überwinden, für andere leben und ein heiteres Gcmiit und dankbares Herz am Rande des Grabe» zeigen, das beweist, daß ein Mensch Sieligion hat." Danach hat P. gelebt und gewirkt, als ganzer, herrlicher Manu, der nichts für sich, aber alles für das Volk erstrebte. Mit den Worten:„Pestalozzi. Du Unbekannter, Du sollst unS in der treuen, hingebenden Arbeit für unser Volk imd für die Menschheit Vorbild und Leuchte sein!" schloß Genosse Seidel seine Vorlesung. kleines feiiilleton. Technische?. Technische Lasteubeförderung einst und jetzt. linker diesem Titel hat Profcffor K a m m e r e r von der Technischen Hochschule in Charlottcnburg ein höchst intcreffantcs Buch vor- öffrntlicht. Er nennt die Arbeit eine Studie über die Eni- Wickelung der Hebemaschinen und ihren Einfluß auf WirlschaftS- leben'und Kulturgeschichte. Die kapitalistische Wirtschaftsweise zeigt überall daS Bestreben, nicht nur die Gütcrproduktion den jeweiligen wirtschaftlichen Verhäliniffen de» Landes anzupaffen. fondern auch den Güterverkehr möglichst rationell einzurichten und zu organisieren. Weltwirtschast und Weltverkehr sind die beiden Mittel gewesen, durch die da» heutige industrielle Leben mit dem Riescmnas; seiner Erscheinung erst möglich lvurde. Deshalb durfte sich die Jngenieurwisscnschaft auch nicht darauf beschränken, für die Gütcrproduktion Werkzeug und Maschinen zu vcrbcffern, neue Arbeitsmethoden zu ersinnen, sondern eS waren auch jene tech- uischen Mittel zu schaffen, die der heutige Güteraustausch der Völker benötigt. Wie die Entwicklung der modernen Lastenbeförderung im einzelnen vor sich ging, schildert Professor Kämmerer in fesselnder Weise. Räch einer kurzen historischen Einleitung über die Hebe- Maschinen der Antike und deS Mittelalters lernen wir die neu- zciiliche Lastcnbsfördcrung im Bergbau, im Hüttenwerk, in Hafen- anlagen, in Werften und an Bord der Schiffe sowie die heutigen Schiffshebewerke selbst kennen. Uebcrall zeigt sich die gleiche Er- schcinung: die erste maschinelle Anwendung zur Beförderung von Lasten geschah durch die primitivsten Hilfsmittel: Göpel, Wasser- rad, Tretrad, Kurbel. Die Muskelkraft des Menschen mußte überall nachhelfen. Erst als die Dampfmaschine konstruktiv fertig gestellt war, konnte die Mcnschenkraft und Mcnschcnarbeit in größerem Umfange verdrängt werden. Ende des 19. Jahrhundert» zeigt sich nun auf allen Gebieten der Lastenbeförderung ein neuer Umschlag: die Dampftnaschiuc wird durch die elektrische Be» triebSlvcisc verdrängt. In den meisten Kapiteln bringt Kammerer am Schluß Rentabilitätsberechnungen. Wir entnehmen daraus, welche erhöhte Leistungsfähigkeit die elektrische Betriebsweise den früheren Methoden gegenüber besitzt. So betrugen die gesamten Betriebskosten einer Elektrofördcrmaschinc im Jahre 1903 pro Kilometer Tonne 0,11 M., im Jahre 1800 durch alte Göpelfördcr- niaschinen 1,23 M. Ein altes Walzwerk mit Handlangerdienst er- forderte LI Menschen zum Betrieb; ein modernes Walzwerk für die gleiche Arbeit nur 7 Mann. Dabei ergibt die Gegenüberstellung der ÄrbcitSbcrcchnuug beider Betriebe, daß heute die Entwickclung der Dampfmaschine bei einem modernen Walzwerk der gleichen Arbeitsleistung pro Jahr mit einer Bctricbsersparnis von LLOOO Mark gerechnet werden kann. In den großen Hafenanlagcn sehe» lvir heute in langer Reihe die gewaltigen Kaikrane aufgestellt. Mit spielender Leichtigkeit heben diese Wunderwerke moderner Jngenicurkunst die größten Lasten, die schwersten Eisenbahn- Waggons werden mit einer geradezu unheimlichen Geschwindigkeit gefaßt, geschwenkt und wieder heruntergelassen. Eine zahlen- mäßige Gegenüberstellung zeigt, daß die gesamten Betriebskosten für eine Tonne gehobene Last bei einem Trctradkaikranc aus dem Jahre 1708 0,30 M. betragen haben, bei einem elektrisch fcctnebencn Kaikrane aus dem Jahre 1900 hat man für die gleiche Arbeit»- lcistung einen halben Pfennig, also den 00. Teil zu rechnen. Auch beim Schiffsbau in Werften und bei der Lastenbefördernng auf den Schiffen selbst führt der Vergleich zwischen früher und jetzt zu ähnlichen Resultaten. So lehrt uns Kämmerer in seinem Rückblick auf die Eut- Wickelung der Hebemaschinen zugleich erkennen, wie die Technik besonders im 19. Jahrhundert das Wirtschaftsleben umgestaltet hat. Als Mittel zur Bewegung schwerer Lasten tritt uns zu Beginn des MaschinenzcitaltcrS— gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts— der Taml>ftran am Kai entgegen. Mit seinem massigen gebogenen Schnabel'aus Walzeisen auf einem schweren Quadcrfundamcnt lastend, mit langsamen Bewegungen und mit dem sailchenden Geräusch des auspuffenden Dampfes ertveckt cr den Eindruck eines Untieres aus der Urzeit. Wenn cr erst zugefaßt hat, cnt- wickelt cr eine gewaltige Hubkraft, aber cr braucht Menschen als Handlanger, die mit Schliugketten die Last an seinem Haken be- festigen. Wegen seiner Unbchilslichkeit im Zufassen, wegen seiner Langsamkeit und Schwerfälligkeit ist er nur für Schwerlasten ge- eignet, nicht aber für schnelle Massenbewegung verwendbar. Noch herrscht der Mensch nicht frei über die Maschine, sondern er ist zum Teil noch ihr Diener. Der Dampfkran dieser ersten Zeit er- innert noch etwas an die Vorläufer der Dampfmaschine, an die ersten Feucrmaschincn von Newcomen, bei denen der Hahnstcucrcr unablässig nach dem Takt der Maschine die Dampf- und Wasser- Hähne auf- und zudrehen mußte. In dieser Frühzeit der modernen Technik erscheint die Maschine wie ein Dämon, der den Menschen zu seinem Sklaven macht, der nur den Unternehmer bereichert, den Arbeiter aber bis auf seine letzten Kräfte ausbeutet und häßlich, schwerfällig und anscheinend kulturfeindlich auftritt. Ein ganz anderes Bild gewährt schon rein äußerlich der moderne elektrisch betriebene Stablwerkskran: wir erblicken einen zierlichen, frei über die Halle gespannten stählernen Gitterträger und von ihm hcrabragcnd einen schlanken, nach allen Richtungen beweglichen Zangenarm; das ganze wird von einem einzigen Mann beherrscht, der mit sanftem Druck auf den Steuerhebel die elck- irischen Ströme steuert und mit ihrer Hilfe die schlanken Stahl- glieder des Kraus zu raschen Bewegungen zwingt, so daß sie ohne Zutun eine» Handlangers den glühenden Stahlblock greifen und durch die Luft schtvingcn; dabei ist kein anderes Geräusch zu hören, al» das leise Surren der Elektromotoren. Hier ist der Mensch nicht mehr ocr Diener, sondern der Herr, nicht mehr seine Muskelkraft, sondern seine Umsicht, Ucberlegung und Energie leisten die technische Arbeit. Der königlich preußische Professor kommt sogar in seiner Studie beinahe zu sozialistischen Gedankengängen. Er schließt räinlich sein Buch mit den Worten:„Diese auf der ganzen Linie in Angriff genommene Entlastung der Menschheit von körperlicher Arbeit eröffnet zugleich den Begabten die Möglichkeit, Wissenschaft- »ich und künstlerisch tätig zu sein, bahnt also mittelbar der Freiheit und der Entwickclung eine Gasse. Beherrschung der Naturlraft zur Herbeiführung eines»nenschcnwürdigcn Daseins für alle: Das ist im letzten Grunde genommen das letzte Ziel der Jngenicurkunst." lverantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchbruckerei ll.VerlagSanstalt Paul Singer SiTo..B«rlinL\V.