Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 43. Freitag den 5 März. 1909 (N-SdruL btiteten.7 ü] Das tägliche Brot» Roman von G. V i e b i g. Die ganze Nacht träumte Berta von Fräulein Haber- korns strafendem Blick und ihrer alten schwarzen Leder- tasche.— Auch Mine träumte, wilde, beängstigende Träume, aus denen sie plötzlich jäh erwachte. Es mochte gegen Morgen sein, ein bleicher Schimmer des sich lichter färbenden Himmels fiel gerade auf das Bett. Ihr war sehr schlecht. Von einer peinvollen Angst getrieben, stand sie auf, tappte mit bloßen Füßen an ihren Korb und suchte ihre notwendigsten Habseligkeiten zusammen,— daß sie nur ja alles beisammen hatte, wenn sie zu so einer Frau mußte! Sie fühlte es: ein ungeheures Etwas bereitete sich in ihr vor. Ein schrecklicher Frost trieb sie wieder ins Bett zurück. Da kauerte sie, halbaufgcrichtet, in kalten Schweiß gebadet, die Knie krampfhaft heraufgezogen, die Ellbogen an die Seiten gepreßt, mit verzerrtem Mund. Als die Sonne kam, Weckte sie Mathilde, die ruhig neben ihr schlief.— Ein Sonnentag war angebrochen, ein letzter Maitag, so warm, so golden, daß der Sommer schon da schien mit reifender Fülle. Es wurde drückend heiß. Die wilden Akazienbäume am Tempelhofer Feld, die des Morgens noch in Knospen gestanden, blühten am Mittag. Als der Sonnenball sich endlich neigte und ein erlösender Lufthauch die Schwüle des Tages milderte, ertönte oben in Mathildes.Kammer ein dünnes, schmerzliches Stimmchen— der erste Schrei! Es war ein Mädchen. 21. Im Mietsburcau in der Jägerstraße hatte Mine den Dienst gefunden. Herr Müldner selber hatte sie gemietet. In seinem etwas schäbigen Ueberzieher und dem blank gebürsteten hohen Hut war er rastlos durch die überfüllten Räume des Vermietungs- lokals gestrichen. Unter all den Mädchen und Frauen, die sich drückten und stießen und vordrängten, hatte er sie heraus- gefunden, sie, die bescheiden in einer Ecke stand und krampf- Haft fest ihr Zeugnisbüchelchen in der Hand hielt Er hatte sich ihre Atteste angesehen, während sie verlegen an ihrer Schürze zupfte— glänzend waren die ja nicht! Aber er hatte init keiner Wimper gezuckt. Wenn man keine großen Mittel hat, darf man keine hohen Ansprüche niachen, noch dazu, wenn fünf Kinder im Hause sind. Mit heimlicher Besorgnis hatte er sie beobachtet— würde sie sich's übernehmen?! Daß das Jüngste erst acht Tage alt war, verschwieg er. Mit heimlicher Besorgnis hatte auch sie einen scheuen Blick auf ihn gewagt— würde er sie nehmen! Trotz der Zeugnisse?! Wenn er sich schon daran stieß, wo sollte sie dann wohl einen Dienst herbekommen? Und sie mußte doch einen Dienst haben! Alles Blut wich ihr aus dem Gesicht, zitternd stand sie auf ihren Füßen, die noch schwach waren von der Ent- Hindling und geschwollen von der Anstrengung des weiten Weges und des langen Stehens. Ein Last fiel ihr vom Herzen, als er sagte:„Ich gebe sünfundvicrzig Taler!" Sie atmete tief auf. Da sie nicht sofort sprach, nahm er an, sie zögre. die Fünf- imdvierzig seien ihr nicht genug, und so setzte er hastig hinzu: „Fünfzig! Das ist aber auch das Alleräußerste." Sie waren beide froh, daß sie sich gefunden hatten. Gern hatte Mine ihre letzte Mark an der Kasse bezahlt und dann den Mictstaler. den Herr Müldner einem dünnen Portemonnaie entnommen, wie ein Riesengeschenk mit glücklichen Augen be- trachtet.---- So war Mine nun schon über ein Jahr im Müldncrschen Hause. Die blasse Frau Müldner, die ein ctoiger Husten quälte, hatte noch kein so gutmütiges Mädchen gehabt. Hier war Mine ganz an ihrem Platz: von der ersten Stunde an, in der sie mit dem schweren Tritt ihrer knarrenden Sckuhe an das Lager der noch kranken Frau getreten und dieser das schreiende Kind ans dem schwachen Arm genommen, bis heute, da sie noch immer mit der gleichen Unermüdlichkeit Windeln wuscht Herr Müldner hatte bessere Tage gekannt: guter Leute Kind, hatte er ein eignes Geschäft besessen: es war nicht seine Schuld, daß es damit bergab gegangen war. Er hatte Un» glück gehabt: trotz allen Fleißes ließen sich gchabte Verlust« nicht ausgleichen. Und er war, wie praktische Leute tadelnd sagten, von einer unglaublichen Vertrauensseligkeit, die sein« sonstige Tüchtigkeit lahm legte. Dazu fünf Kinder, ziemlich rasch hintereinander, und eine kränkliche Frau! Er mußte froh sein, jetzt eine Stelle im Statistischen Bureau gefunden zu haben. Die Müldnersche Wohnung war nur klein, parterre, in einem sogenannten Gartenhaus der Eisenacher Straße gelegen: es war immer ziemlich dunkel dort uird auch etwas feucht. Im größten Zimmer, das durch eine Gardine in zwei Hälften geteilt war— in der einen Hälfte wurde gegessen,— schliefen Frau Müldner und die drei ältesten Ksinder. Auf dem Flur, in einer dunklen Kabuse, stand Herrn Müldncrs Bett. In einem kleinen Stäbchen, neben der Küche, schlief Mine mit den beiden Jüngsten. Dann hatten sie noch den Salon mit den hellblauen Ripsmäbeln: der war ein Heiligtum. Mine hatte sich nach und nach zu einer gewissen Autorität aufgeschwungen, die Kinder hingen ihr cm wie die Kletten und fürchteten doch den Schlag ihrer arbeitsrauhcn Hand, durch den sie oft die schwache Mutter vertrat. Hier in dem arbeitsvollen Einerlei eines beschränkten Haushaltes hatte sich Mine entfaltet: nicht zu einer Blume, wie sie in freier Luft und Sonne gedeiht, aber zu einem harten, zähen Gewächs, das Hitze und Kälte gleich gut verträgt, das auch hinter Mauern, auf dem kleinsten Fleck Erde fortkommt. Wenn Mine sich an ihrem AusgangSsanntag in dem Spiegel sah, wunderte sie sich selber, daß sie erst Mitte Zwanzig war. Schon so viel Falten in der Stirn! Die Hüsten stark, der Rücken breit. All ihre Kleider hatte sie mit Mühe und Not weiter gemacht, denn Neues anzuschaffen, dazu langte es jetzt nicht. Nur ihr �schtvarzwollncs Staatskleid, in dem sie einmal einen seligen Sonntag verlebt, war noch unverändert. Das hatte sie in den Schrank der Herrsckwft hängen dürfen: an der Wand ihrer Kammer wäre es sonst stockig geworden. Sic holte es nur vor, um es. wegen der Motten, ab und zu zu klopfen. Sonntags es anzuziehen, wenn sie, mit sämt« lichen Kindern und dem Kinderwagen, in den Tiergarten zog, dazu war es ihr viel zu sckwde. Und an ihrem freien Sonntag, wenn sie in Mathildes Stube ibr Kind auf dem Schoß wiegte, da tat es auch noch das alte Golmützer Blaue, dessen Taille sie ganz ausgelassen und mit dunkleren Flicken unter den Armen ausgebessert hatte: dem schadete es nicht mehr, wenn es auch einmal naß gemacht wurde. Mines kleine Frida— Mathildes„Bräutigam" hieß Friedrich, daher der Name— war ein munteres Mädchen, und wenn man sagte:„Fridchen, kille, kille," und sie mit zwei Fingern vorn am Hälschen zwicke, quiekte es laut vor Ver- gniigen. Sie konnte schon lange lachen. Und wie dick sie war! Ordentliche Hängcbacken. Viel dicker, als die kleine Irma von Müldners: und sie war doch nur vierzehn Tage älter als die. Mine verglich im stillen immer die beiden Kinder mit emander. Und dann wußte sie noch nicht, ob sie sich so darüber freuen sollte, daß ibre Frida dicker war als die Irma: sie liebte beide. Auch klüger war Fridchen. Wunderbar genug: denn während sie sich Tag und Nacht mit der Irma beschäftigte, mit ihr schäkerte, ihr vorsprach und vorsang, lag Fridchen die ganzen Vormittage allein in ihrem Kissen in der ver- schlossenen Stube. Mathilde hatte sich entschließen müssen, eine Aufwarte- stelle für den halben Tag anzunehmen: das, was Mine geben konnte— und sie gab alles,»vas sie verdiente— reichte nicht für beide. Heut brachte Mine einmal wieder ihren Monatslohn hin: dann ging sie immer mit besonderer Freudigkeit. Sie konnte es sich nicht versagen, unterwegs ein balbes Pfündchen Kaffee für Mathilde und eine Kuchenschnecke für ihr Kind zu kaufen. Da die Läden heut, am Sonntag nachmittag, geschlossen waren, ließen der Kaufmann und der Bäcker sie hinten herum herein. So lief sie mit ihren Schätzen nach der Colonneustraße, ! Es war gar kein so weiter Weg, kleine dreiviertel Stunden» > aber heute kam er ihr endlos vor. Sie war so freudig un- fipimtbuf, so schnsu'chtig erregt. V!erzchn Tage tiafic sie ihr kleines Mädchen nicht gesehn? Jetzt sing es schon an, sie zu kennen, sich zu freuen, wenn sie kam. Beschwingten Schrittes eilte sie weiter. Wie die Leute hinaus ins Freie strömten t Alte und Junge, alle geputzt. Bei einem kleinen Mädchen in weißem Kleid, mit gewelltem blondein Haar, siel ihr Elli ein: und bei Elli dachte sie an Ncschkes. und so auch an Artur. Wie es ihm wohl gehen mochte? Hoffentlich gut. Ob er sich wieder zu Hause ange- funden hatte? Und wenn schon, und wenn er ihr auch einmal begegnen würde— das war doch jetzt alles schon lange her, vus und vorbei. Eine Köchin mit ihrem Schatz— er noch ein ganz junger Mensch— streiften an ihr vorbei: sie stürmten eilig in der Richtung gen Wilinersdors. Da gedachte sie. ohne sonderliche Erregung, jenes Sonntags, an dem sie mit Artur dort hinaus in die Felder gewandert. Wie die Zeit verging! Das waren mm schon zwei Jahre her. Und ihre Gedanken glitten wieder zurück in die Gegen- tvart. All das. was gewesen, lag wie ein Traum hinter ihr, sowohl Freud als Leid. Sie wußte kaum mehr, daß ihr das alles einstmal sehr nahe gegangen war. Wozu auch daran denken?! Man hatte genug zu denken: so viel zu sorgen siir jeden konimenden Tag, für so viel wichtige Sachen. Herr Müldner sagte dies, Frau Müldncr das, die Kinder ivollten jenes. Jetzt mußte gekocht werden, und jetzt gescheuert, und jetzt gewaschen, und jetzt die Kleinen ausgefahren, und jetzt die Stiesel geputzt, und jetzt Feuerung getragen, und jetzt Gott weih was. Da blieb einem keine Zeit, über das nach- Ludeicken, was nun einmal war, wie es war. und sich doch nicht ändern ließ. lJortsctzung folgt.) lingt uns dies, so können wir mit zieinlicher Sicherheit annehmen, daß sie das Wort„the" bedeuten. Bei genauer Untersuchung» finden wir nicht weniger als sieben solcher Zeichenstelluirgen, und zwar die Chiffren; 4 8. Wir können also annefpnen, daß; t bedeutet, 4 das Zeichen für h und 8 das Zeichen für e ist, und hätten damit schon einen großen Schritt nach vorwärts getan. Nachdem wir dies eine Wort gefunden haben, können wir! einen anoeren unendlich wichtigen Punkt feststellen, nämlich der, schiedcne Wortanfänge und Endurlgen. Sehen wir uns die Stelle an, wo die Kombiiration; 4 8 zum vorletzten Male vorkommt — nicht weit vom Ende der ganzen Schrift. Wir wissen, daß das welches unmittelbar darauf folgt, den Anfang eines neuen Wortes bildet und von den sechs Zeichen, die auf dieses„the" folgen, sind uns nicht weniger als sünf bekannt. Diese Zeichen »vollen wir in die Buchstaben des gcivöhnlichcn Alphabetes über- setzen und für die uns noch unbekannte,» einen leeren Raum DaS„the" können wir bald fallen lassen, weil es kein Teil de? t anfangenden Wortes sein kann: denn wenn wir das ganze Alphabet nach cincin passenden Buchstaben durchsuche»», so würde sich doch keiner finden, der»nit den vorhandenen ein Wort bildete, So sind wir also auf t es beschränkt, und wenn wir noch einmal wie zuvor das Alphabet durchsacken, finden wir einzig und allein den Buchstaben r. der in Verbindung mit t ee einen Sinn, das Wort tree nämlich, er- gibt. So haben, wir einen neuen Buchstaben erkannt, der durch das Zeichen( dargestellt ist, und zwei nebeneinander stehende Worte „the tree". Sehen wir etwas weiter, so finden wir balo wieder die Kombination; 4 8 und wollen sie diesmal als Endung für das. was unmittelbar voransteht, gebrauchen. Wir haben dann folgende Anordnung: the tree;( �? 3 4 the oder in die uns bekannten Buchstaben übersetzt� the tree ihr+? 3 h the Lassen tot« tlufi fß« die itr.Wannlc'n Tchristzcichen freien Raum »der setzen wir Pünktchen, so erhalten wir folgende Lesart: the trce ihr... h the und denken sofort univillkürlich an das Wort through. Diese Ent- deckung jedoch verschafft uns drei neue Buchstaben, o, u und g, die sich unter den Zeichen-s-? und 8 verbargen. Durchsuchen wir nun die Chiffre von neuem, um Verbin- düngen bekannter Zeichen herauszufinden, so entdecken wir ziem- lich am Anfang die Anordnung: 8 8( 8 8 oder cgrce was offenbar den Schluß des Wortes degree bildet. Auf diese Weise haben wir wieder einen neuen Buchstabett gefunden, nämlich d unter dem Zeichen f. Vier Zeichen hinter dem Wort degree sehen wir die Kom- tination; 4 6(; 8 8" Uebersetzen wir die bekannten Zeichen in Buchstaben und stellen die unbekannten durch Pünktchen dar, so lesen wir th. rtce, und weiden unbedingt an das Wort„thiricen" erinnert und mit gwei neuen Buchstaben— i und n unter den Zeichen G und*— bekannt gemacht. Betrachten wir nun den Ansang des Kryptogramms, so finden letr die Verbindung' 6 3'-F+ t Uebersetzen wir dies nach unserem vorherigen Schema, so erhalten wir . good und kommen leichk zu der Neberzeugung, daß das erste Zeichen A bedeutet, der Anfang der Chiffre also lautet: A good Doch müssen wir nun unseren Schlüssel, soweit wir ihn ge- künden, in eine Tabelle ordnen, um größere Klarheit zu erhalten. Wir wissen, daß Wir kennen also bis jetzt nicht weniger als zehn der wichtigsten Buchstaben, und eS ist unnötig, auf die Details der Lösung noch weiter einzugehen. Ich habe Ihnen genugsam gezeigt, daß Chiffren dieser Art sehr leicht lösbar sind, und auf welche Prinzipien man ihre Lösungen aufbaut. Doch glauben Sie mir, daß die vorliegende Ccheimschrist wohl die einfachste ist, die ich je kennen gelernt. Ich will Ihnen nun eine vollständige Uebersctzung der Zeichen geben, die das Pergament enthielt: „31 good glaß in the bishop's Hostel in the devil's seat forty- one degreß and thirtecn minutes northeast and by north main branch seventh limb east fide shoot from the lest eye of the death's head a bce line from the tree through the shot fisty feet out." „Ein gutes GlaS im Bifchofshotcl in des Teufels Sitz einund- vierzig Grad und dreizehn Minuten nordöstlich und nördlich Haupt- ast siebenter Ast Ostseite schieß von dem linken?luge des Toten- kopfcs eine kerzengerade Linie von dem Baum durch den Schuß fünfzig Fuß hinaus." (Schluß folgt.) Krankenpflege im Raufe. Bon Dr. Bettina Steininger. Komfort ist ein Heilfaktor. Wo Kunst und Wissenschast sich ber- einen und alles ersinnen und erdenken, was dem Kranken zur Be- guemlichkeit, Erleichterung und Heilung dienen mag, wird auch die Widerstandskraft des Kranken erhöht und Geduld und Hoffnung er- hatten. Da sehen wir beim Betreten des Krankenzimmers, wie es sein soll, auf den ersten Blick, daß hier jede Annehmlichkeit Ver- Wendung findet; das Zimmer ist hell, luftig, nach Osten oder Süden gelegen, tun dem Kranken die belebende Kraft des Sonnenlichtes zu gewähren. Die Ausstattung ist einfach und zweckmäßig. alles Ueberflüfsige, Staubsaugende ist entfernt, wodurch KrankheitSkeimen möglichst wenig Gelegenheit zuin Haften- bleiben gegeben wird. Das nach allen Grundsätzen der modernen Hygiene ausgestattete Bett ist von allen Seiten zugänglich, damit man bei Untersuchungen und Hilfeleistungen bequem an den Kranken herankommen kamt. Ein Bettschirm steht bereit, um bei Lüftung des Zimmers den Kranken vor Zug zu schützen. Ein Rescrvcbctt oder Chaiselongue zum Umbetten ist vorhanden. Auf einem Tische stehen die Medikamente, Gläser, Eisbeutel. Thermometer und Wärmeflasche, kurz alles zur Pflege Erforderliche. Wo aber eine vielköpfige Familie in ein paar NSumen zusammengedrängt lebt, die zugleich Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und Küche sind, da bleiben diese Forderungen ein frommer Wunsch; da müssen wir nachdenken, erfinden und improvisieren, uni trotz dieser ungünstigen Verhältnisse zum Ziele zu kommen. Um so mehr sehe man hier doppelt peinlich au! Reinlichkeit und Ordnung und sorge durch vernünftige Lüftung für frische, reine Luft. Die Furcht vor Erkältung ist die Veranlassung, daß Tür und Fenster meistens ängstlich geschlossen gehalten werden und so trifft man in den Krankenzimmern oft die ungeiündeste und unangenehmste Atmosphäre. Freilich darf sich der Kranke nicht erkälten, bei Masern- und Scharlachkranken ist sogar größte Vorficht nötig. Um daher den Leidenden möglichst wenig zu beeinträchtigen, offene man den obere« Flügel oder die Kippfenster; unter Umständen lüfte man durch den Nebenraum. Auch halte man die Luft möglichst staubfrei. Viel Staub wird unnütz erzeugt beim Kehren und Abstäuben mit dem Fcderbüschek. Dabei wird der Staub von einer Ecke in die andere gejagt und der Kranke dadurch empfindlich belästigt. Hygienischer ist es, daS Zimmer und die darin befindlichen Gegenstände feucht mit fest aus-- gerungenem Tuche zu reinigen und sie sofort abzutrocknen; so tchaden weder Staub noch zu viel Wasserdämpfe dem Kraitken. Luugenauslvurf, besonders von Tuberkulösen, toll in einem Spuck- naps aus Porzellan, wenn es nicht ander? geht, in ein Glas, in den, sich ettvas Wasier befindet, ausgehustet werden, damit die Weiter- Verbreitung der Keime nach Möglichkeit verbindert wird. Um zu trockene Lust zu beseitigen und ihr ein Präparat mitzu- teilen, das ber Kranke einatmen soll, bedient man sich des Inhalier- apparates. Ist ein solcher nicht zu beschaffen, so kamt er durch einen Topf kochenden Wassers ersetzt werden. Aus den Topf setzt man einen passenden Trichter mit der weiten Oeffnung nach unten: aus der engen Oeffnung strömt der Dampf. Die verordnete Substanz wird dem Wasser zugesetzt. Ein behagliches Bett ist für den Kranken eine Hauptfrage. In einem bequemen Bett verhält sich der Kranke ruhiger, viele Schmerzen werden gelindert, der Schlaf komntt leichter. Eine liebevolle Hand kann durch geschicktes Ordnen des Lagers dem Leidenden große Wohl- taten erlveisen. Darum sehe man sorgfältig darauf, baß daS Laken glatt und falrenloS gespannt ist; durch häufiges Wechseln in der Lage des Patienten suche man bei langwierigen Krankheiten daS Dtirchliegeu zu verhüten, denn diese schwere Komplikation kann durch Wundinfektion das Leben kosten. Besonders bei Gelähmten und stark Abgemagerten ist das Wundliegen zu befürchten. Gc- fährdet sind die Stellen, wo Knochen stark vorspringen und stärkerem Druck ausgesetzt sind. Dies sind das Kreuzbein, dte Fersen und die Schulterblätter. Durch peinliche Sauberkctt, undurchlässige Unter« lagen bei Unreinlichen, besonders aber durch Waschen der diö- panierten Stellen mit spirituösen Flüssigkeiten kann daö Aufliegen verhütet werden. Der Erfolg ist dann ein Maßstab für die Geschicklich- keit und Gewistenhasligkeit ver Pflegenden. Vorzügliches leisten auch Luft- und Wasserkissen. Auch ebenso hergestellte Fersenringe gibt es. die man sich auch leicht selbst herstellen kann, indem man Watte zn einem Ringe formt und mit einer Binde umwickelt. Damit ein kranker, schmerzhafter Körperteil— um ein Bei- spiel zu nehmen, ein entzündetes Kniegelenk— von der Schwere der Bettdecken entlastet wird, bedient man sich der Reifenbahre. Gut kann man sie improvisieren, indem man zwei Tonnenreifen mit den Enden zu beiden Seiten deö Bettes zwitschen Bettrand und Matratze steckt. Gibt man dann noch unter das kranke Bein ein Häckselkissen oder legt man zwei Sandsäcke zu beiden Seiten des Knies, Ivodurch schmerzhafte Bewegungen verhindert werden, dann wird matt die Genugtuung haben, daß mancher Kranke erleichtert aufatmet. Noch zwei Vorrichtungen können am Krankenbette angebracht werden: etne Schlinge, die am unteren Bettrande befestigt tst, und an der sich Kranke, die sich nicht selbst aufzurichten verntögen, in die Höhe ziehen können; zweitens eine Schnur zum Aufhängen des Eisbentels, damit seine Schwere ans Kopf oder Brust nicht so empfunden wird. Das obere Ende dieser Schnur wird etwas höher als das Bett an einem Nagel in der Wand befestigt, das andere Ende am unteren Bettrande, dazwischen wird der Eisbeutel aufgeknüpft. Man sehe darauf, daß im Eisbeutel keine überflüssige Luft ist, die leicht durch einmaliges Umdrehen des Beutels vor dein Schließen zu entfernen ist. Zur vollständigen Ausstattung eines Bettes gehört ein verstell- bares Keilkissen, damit Kranke, die schon aufsitzen dürfen, eine Stütze finden. Ein umgekehrt ins Bett gesetzter Stuhl kann es einiger- maßen ersetzen. Die Kopfkissen werden entfernt, der Stuhl mit den Beinen nach oben und der Lehne mit den Kopfkissen nach dem Rücken des Pattenten zu aufgestellt. Noch mehr erleichtern kann man das Sitzen im Bett, indem man ein zusammengerolltes Kissen unter den Knien und eins am Fußende des Bettes anbringt. Für das Heben und Tragen von Kranken sind ebenfalls ein paar Griffe wissensivert. Wird ein Schwerkranker oder Bewußtloser von zwei Personen getragen, so fassen beide an der gleichen Seite des Kranken an. Soll ein Kranker gehoben werden, so schlingt er die Arme um den Hals de? Trägers und zieht die Beine etwas an. Eine Hand greift unter daS Gesäß, eine über den Leib, die Hände schlingen sich ineinander und der Kraule wird behutsam gehoben und langsam abgesetzt. Einige Sorgfalt und sachgemäßes Vorgehen erfordern auch mehrere ärztliche Verordnungen, die viel in der Therapie angewendet werden, nämlich Darmgicßungen und die Umschläge. Der Ctnlauf wird«in> tcftcn mit einem Irrigator gemacht. Ter Kraute befindet sich i» Seiteulage, die Knie find angezr�en. Damit die Spiye de? AnsatzrechreS gut gleitet, ölt mau sie. Zur Eutfcrming der Lust auS dem Schlauche wird etwas Wasier abgelassen. Bei der Einziehung wird der Irrigator nur in mähiger Höhe gehalten, so läuft der Inhalt langsam ein und hat Zeit sich zu verteilen. Bon den Umschlägen ist der betannteste uud am meisten an- cewcnbete der nach seinem Erfinder Priehnitz genannte. Es ist ein feuchter Umschlag, der längere Zeit liegen bleibt. Er wird folgender- weise hergestellt. Ein weiches Stück Zeug am besten Leinen, wird in Wasser von Stubenwärme getaucht und fest ausgedrückt, dann auf den kranken Körperteil gelegt. Darüber kommt wasserdichter Stöfs(Guttapercha oder Billrothbalist) oder ein Stück Wollzeug, die den feuchte» Umschlag überall gut überragen. Den Abschluh bildet eiu drittes Tuch, das fest angezogen und mit Sicherheitsnadeln fest- gesteckt wird. Nach dem Abnehmen des Umschlages soll der Kranke gut abgetrocknet werden. Die kalte Einwickelung oder nasse Ganzpackung erstreckt sich auf den ganzen Körper. Eine wollene Decke und ein fesi anSgeruugenes Laken werden auf dem Bett ausgebreitet. Der entkleidete Patient legt sich darauf, die Arme liegen dem Körper an. da? Laken wird über ihn zusammengeschlagen, die wollene Decke darüber. Die Packung muh am Halse gut anschlichen und da» an den Fühen lleberstehende umgeschlagen sein. Breiumschläge stellt man in der Weise her, daß man Leiusamen »nit Wasier zu einem dicken Brei kocht. Der Brei wird dick auf Leinwand ausgestrichen und diese über den Brei zusammengeschlagen. Bor der Auwendung des Umschlages überzeugt mau sich durch Au- legen an die Wange, dah er nicht zu heih ist. Die Diät des Kranleu ist ein Kapitel für sich uud wird meist vom Arzte angeordnet. Um den daniederliegenden Appetit anzu- regen, sorge man möglichst für Abwechselung und bereite die Speisen sorgfällig zu. Ihr Geruch und Geschmack habe etwas Verlockendes, man serviere sie appetitlich, ja zierlich. Liebevoller Zuspruch ist oft nötig, besonders bei Tuberkulosen, deren Genesung und Heilung nur zu häufig cm der mangelnden Ehlust scheitert. Schliehlich ist im Jnteresie der Volksernährnug immer wieder daran zu erinnern, dah Milch ihrem Nährwert nach da- preis- würdigste tierische Nahrungsmittel ist. In Deutschland ist gegenüber anderen Ländern der Milchkonsnm geringer, was sicherlich mit von der Unkenntnis ihres Nährwertes herrührt. Nicht für alle? lasien sich in der Krankenpflege Regeln auf- stellen. Viele? errät Liebe und HerzenSmkt. Wann ein Besuch ermüdet oder nicht, ob es den Kranken erleichtert, von seinen Leiden zu sprechen, oder ob es ihn peinlich berührt, das alles richtig zu treffen, dazu gehören offene Augen eines Milenipfindenden. Nur noch eine kleine Regel. Man spreche in Gegenwart dos Patienten niemals leise über ihn. Oft nicht frei von Zweifeln, horcht er ge- spannt, um über seinen Zustand etwaS zu erfahren, und kombiniert sich aus ein paar Worten oft fein ganzes Schicksal. Dies ist be- sonders bei chronischen, imheilbaren Krankheiten nicht außer acht zu lasien, Ivo die Pflegenden, ohne es zu bemerken und zu wollen, in dieser Hinsicht manchmal lässig werden. kleines feuilleton. Kulturhistorisches. Kulturgeschichtliches in unserer Sprache. Auher den im Unterhaltungsblatt Nr. 39 angeführten deutschen Worten gibt es noch viele andere, die den Stempel vergangener Kulturepocken tragen, aber heute ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben. Wer denkt z. B. bei dem Wort.Tapete" daran, dah eS ursprünglich soviel wie Teppich bedeutete? Im Altertum pflegten nämlich die reichen Familien die Wände ihrer Wohnhäuser mit kostbare» Teppichen zu bekleiden, wie dies zum Teil jetzt noch ini Orient ge- schieht. Obwohl wir statt dessen billigeres Papier verwenden, be- zeichnen wir dieses doch noch mit dem aus dem Griechischen stammenden Ausdruck.Tapete". Ost bittet man jemand, an den man einen Brief schreibt, um .Post wendende" Antwort. WaS heiht denn das? Dieser Ausdruck hatte»irsprünglich eine ganz wörtliche Bedeutung. Bekanntlich bildeten in der.guten, alten Zeit", als es noch keine Eisenbahnen gab. die Pofikmscben da? einzige Vehikel zur Ueber- Mittelung von Briefen und Paketen..Postwendend" erwiderte man einem Briefschreiber, wenn man das Antwortschreiben demselben Postwagen zur Beförderung übergab, der den ersten Brief gebracht hatte, nun umwendete und wieder nach seinem Ausgangspunkte zurückfuhr. Auch an manche alte Recht-Zgebräiiche erinnern gelviffe Bezeichnungen. So war zum Beispiel der Ansdrnck„eine Urkunde aufnehmen" wört.ich gemeint. Nach dem altgermanischen Recht wurde das Eigentum an einem Grundstück dadurch übertragen, dah man die Veräußerung auf einem Blatt Papier protokolliene. dieses Blatt ans das zu veräußernde Grundstück legte, darauf ein Stück Erde warf nnd dann das Schriftstück mitsamt der Erde vom Boden aufnahm. Dieser Vorgang sollte sinnbildlich den Eigentums- iiberliang veranschaulichen. Viele Ausdrücke wieder erinnern an da? waffenklirrende, allezeit rauflustige Mittelalter. Man bricht für jemand eine Lanze, wenn man ihn gegen Angriffe schriftlich oder mündlich verteidigt. Aber ursprünglich geschah die Verteidigung nicht mit geistigen Waffen, sondern mit wirklichen Lanzen. Die Gegner stürmten im Turnier zu Pferde mit eingestemmten Sporen auf einander los und suchten sich gegenseitig„ans dem Sattel zu heben"— auch dieser Ausdruck wird heute noch bisweilen bildlich gebraucht. Eine Fehde begann damit, daß man dem Gegner den Handschuh zuwarf, was symbolisch den Abbruch der früheren stenndschaft- lichen Beziehungen veranschaulichen sollte. Noch weiter zurück geht der ebenfalls noch beute angewandte Ausdruck„auf den Schtld erheben". Wenn die alten Germanen einen der Ihrigen zum Heerführer oder König erwählt hatten, hoben sie ihn, um seilte Erhöhung anzudeuten, aus einem Schild empor. Auch das Zunftwesen deZ Mittelalters hat in uuserer Sprache manche Spuren hinterlaffen. Wir sprechen bisweilen davon, daß man irgend einem Bösewicht.daS Handwerk gelegt" habe. Da» geht auf folgenden Branch zurück: Bekanntlich hatten die Zünfte ganz genaue, bis in alle Einzelheiten der betreffenden Branche gehende Bestimmungen für ihre Mitglieder ausgearbeitet. Wer diese Anordnungen übertrat, zun, Beispiel eine Ware herstellte, die einer anderen Zunst vorbehalten war, der wurde von der Zunft für seine Verstöhe bestraft. In schwereren Fällen nahm man ihm sein Handwerkszeug weg, so dah er sein Gewerbe nicht weiter ausüben konnte. Damit war ihm„da? Handwerk gelegt". UebrigenS wurde dieses Mittel auch von den Gesellen mißliebigen Meister» gegenüber angewandt, als die Organisationen der.Knechte" erstarkt waren. Von alter- ber gehen die Dentschen gern in? Wirtshaus. Deshalb ist es kein Wunder, wenn auch daS Wirtshausleben unsere Sprache um mancherlei Ausdrücke bereichert hat. Wer seine Zeche nicht gleich bezahlen konnte oder wollte, dem wurde, falls er einigcn Kredit beim Wirt hatte, die Schuld mit Kreide an die Wand oder an die Tür geschrieben. Daher der Ausdruck„jemand etwas ankreiden". Wer viel schuldig war, der saß tief in der Kreide. Im Wirtshans wurde aber nicht nur getrunken, sonder» auch viel gespielt. Infolgedessen ist unsere Sprache reich an Svieler» ausdrücken, wie z. B.„auf dem Spiele stehen",„seine Karten aufdecken",„alles auf eine Karte oder aus einen Wurf s e tz e n" u. a. m. Sein Geld betvahrte man früher in Geldbeuteln auf, während man heute im allgemeinen seinen Mammon, Notabene wen» man solchen bat, dem praktischeren Portemonnaie anznvertraue» pflegt. Trotzdem hat sich der Geldbeutel aus der guten alten Zeit mit großer Hartnäckigkeit in unserer Sprache erhalten. Wir lese» gerade jetzt oft genug von Angriffen aus den Geldbeutel der Arbeiter, wir stellen immer wieder die Herrschaft des G c l ds acks fest, obwohl diese? Möbel schon längst in die Rümpel- kämm er gewandert ist. Auch bei vielen anderen Worten ist der ursprüngliche Sinn ganz verblaßt.„ Z lv e ck" ist ein oft angewendeter Ausdruck. Doch wie viele, die sich dieses Wortes bedienen, denken wohl daran, daß eS ursprünglich den— Nagel in der Mitte der Schießscheibe be- deutete, nach dem man beim Schießen zielte. Diese wenigen Beispiele, denen sich noch viele andere hinzufügen ließen, zeigen, wie lange in unserer Sprache die Erinnerung an längst entschwundene Zeiten lind Gebräuche fortlebt. Technisches. Künstliches Meteoretfen. Die Meteore, oder Ivi« man richtiger sagen sollte, Meteoriten, sindvon mannigfacher Zusammensetzung, weshalb man sie aucki nicht im allgemeinen als„Steine" bezeichne» darf. Man unterscheidet vielmehr in der Wissenschaft die aus Eise» und die an- Gestein bestehenden Meteoriten. Die eine fast reine Eiscnmasie darstellenden Himmelskörper kommen fast ebenso häufig auf die Erde herab als die anderen und sind besonders genau er- forscht. Die auffälligste Eigenschaft an ihnen ist das Netz von Linien. das sich auf ihrer Oberfläche bildet, wenn diese poliert nnd dan» mit einer Säure geätzt wird. ES tritt dann ein eigentümliches Gitterwerk hervor, daS nach seinem Entdecker den Namen der Widmannstättenschen Figuren erhalten hat. Jetzt ist eS gelungen, diese sonderbaren Figuren auch künstlich zu erzeugen. Zunächst hat Profesior Berwcrth ans Wien in einer an daS Eisen- und Stahl- Institut eingesandten Arbeit nachgewiesen, daß das Meteoreisen eine enge Verwandtschaft mit dem in unserer Industrie bereiteren künstlichen Stahl besitzt. Wenn ein Stahl mit einem Gehalt von 3.3? Proz. Kohlen» stoff hergestellt wird, kann man darin sogar die erwähnten Figuren zur Erscheinung bringen. Profesior Berwerth hat im Naturhistorischen Museum in Wien eine der reichsten und großartigsten Sammlungen von Meteoriten zur Verfügung, die im ganzen�auS 015 Stücken verschiedener Gegenden und verschiedener Fälle besteht. Alle diese Steine zusammen haben ein Gewicht von fast 70 Zentnern. Davon bestehen 282 ans Eisen. 28 ans Eisen und Gestein. 355 au? Gestein ohne Eisen. Der Forscher bat zahlreiche chemische Analysen über die Zusammensetzung der eisernen Meteorite ausgeführt nnd gibt eine Liste von 15 Bestandteilen, die sich also dem Eisen beimische«» und ihm oft eine durchaus stahlartige Beschaffenheit erteilen. Peraiiiwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck n. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanftaltPaul Singer SlEo..BerlinS V/.