Anttthaltimgsblatt des vorwärts Nr. 47. Dienstag� den 9 März. 1909 iCTlaäbtuä tzerbslm.). 463 Oae tägliche Brot. Roman von C. V i e b i s. Gedanken kamen und quälten sie. die sie sonst no'ck, nie- nmls gequält hatten; Gedanken an ihre kleine Frida. Ob die jetzt schlief? Oder ob die jetzt weinte? Mathilde würde doch gut gegen sie sein? Ja. gut war die schon, aber ob die auch aufpaßte? Und mit einem Male erschien ihr Mathilde so sonderbar, und alles, was ihr bei ihrem Dortsein nicht auf- gefallen war, fiel ihr jetzt auf. Die war doch zu zerstreut. Und wenn die nun so den ganzen Vormittag auf ihre Stuf- »vartstelle ging und Fridchen einschloß?! Der Angstschweiß brach Mine aus. sie saß wie erstarrt.„Ach, Fridchen, Fridchen l" Irina quäkte unwillig auf, sie wollte weiter gefahren werden. „Ss--ss— schlaf, schlaf!" Unausgesetzt schob Mine wieder den Wagen, immer auf und nieder, immer hin und her, bis daS Morgengrauen sich durch die Spalten der Jalousie stahl. Es fröstelte sie, obgleich sie sich einen Unterrock über- geworfen hatte, und die Luft in dem- engen Stäbchen neben der Küche sehr drückend war. Alle möglichen Stellungen der- suchte sie, der Rücken war ihr ganz steif, das eine Bein auch, die Füße waren ihr eingeschlafen, die Arme eiskalt. Da nahm sie das Kind aus dem Wagen und kroch, es im Arme haltend, in ihr Bett. Weich bettete sie es an ihre Brust. Und da war es endlich zufrieden. Tappte mit den kleinen Bänden an ihr herum, reckte die Beinchen, schmiegte sich wohlig an, stieß einen glucksenden Laut des Behagens aus und wurde dann ganz still. Mine fühlte ein warmes Wohlgefühl durch ihre Glieder rinnen: die Angst, die sie die ganze Nacht gequält, wich. Fest drückte sie das schlafende Kind an sich und beugte sich ganz darüber in selbswergessender Hiugabe. Sie hielt ja ihre kleine Frida im Arm. So kam auch ihr noch der Schlummer für eine kurze Stunde. 22. Hatte es schon immer bei Müldncrs Arbeit gegeben, jetzt gab es noch viel mehr zu tun. Die Kinder wurden krank, eins «ach dem anderen an Windpocken. Schlimm war das weiter nicht, sie saßen m ihren Betten und spielten, aber sie waren weinerlich und verlangten ihre AbWartung. Und die Enge der Wohnung erschwerte alles. Mine kam kaum ein paar Stunden aus den Kleibern. denn abends spät erst war es ihr möglich, ihre Küche zu reinigen und das Geschirr abzuwaschen. Morgens in aller Frühe mußte sie schon wieder heraus, um den ungeduldigen Patienten das Frühstück zu bringen und die verwühltm Betten zu machen. Frau Müldner tat ihr Möglichstes: aber sie war so schwach, die Kinder tyrannisierten sie in unerhörter Weise, wenn Mine nicht dazwischen fuhr. „Setzen Se sich man stille im Salong, Frau Müldner, sons werden Se ooch noch krank.— Wollt Ihr wohl stille sein?t" Mine donnerte mit der Faust gegen die Tür, hinter der die Kinder lärmten.„Ich wer' Euch!" Und dann nahm sie ihre Frau beim Aermel und schob sie in das blaue Heilig- tum.„Da gehn Se man rin!" Sie arbeitete sich ehrlich ab: gewandt war sie nun einmal nicht es ging ihr noch immer ein bißcken langsam von der Hand. Todmüde sank sie spät in ihr Bett, die Lider sielen ihr sofort zu; und wenn dann auch Irma unruhig strampelte und schrie, und sie den Wagen hin- und herfahren oder das Kind im Arm wiegen mußte, sie tat's mit geschlossenen Augen im Halbschlaf. Denken konnte sie gar nicht. Sie wußte ja auch. Fridchen war wohl, sonst hätte Mathilde geschrieben. So vergingen vierzehn Tage, Mines Sonntag war ge- kommen. Aber wenn die Kinder auch wieder so weit gesund waren, Frau Müldner hatte sich jetzt gelegt an völliger Er- schöpfung. Herr Müldner mit seinem Sorgengesicht kam in die Küche.„Mine, es tut mir leid, Sie können heute nicht weg. Na, da werden Sie ein andermal zum Vergnügen gehnl" „Ja, ja," sagte sie. Stiefel konnte sie doch nicht anziehn, die Füße waren ihr so geschwollen, daß sie immer in Latschen laufen mußte. Aber traurig war's ihr doch, als sie um fünf Uhr. wo sie sonst auszurücken Pflegte, noch unangezogen in der Küche saß, Jrmachen auf dem Schoß. Die anderen Kinder, die der Baten aus der Stube vcrtviesen. machten mit Blechdeckeln, die sie vo» den Borden genommen, einen furchtbaren Lärm um sie her. Heut hatte sie wieder mehr Zeit, heut mußte sie so sehn an Fridchen denken. Ein Glück, daß Mathilde nicht geschrieben hatte— wie hätte sie wohl abkommen sollen?! Jetzt würden die in der Colonnenstraße auf sie tvarten. Hoffentlich ver« gaß Mathilde, wenn sie auch nicht kam, doch die Kuchenschnecke fiir�Fridckien nicht! Mine sah im Geist, wie die kleinen weißen Spitzchen, die sich Zähne nannten, an der Schnecke nagten. Nein, so dicke Bäckchen hatte Irma doch lange nicht! Und sie preßte einen Kuß auf Irmas Wange und dachte dabei an das kleine blonde Mädchen in der Colonnenstraße. Sie hörte das Lärmen der anderen Kinder gar nicht: sie war weit>veg. Da klopfte es an der Hintertür. Wahrscheinlich wieder das Mädchen von der Herrschaft vorne parterre, die sich, wie neulich, den Radau in der Jartenwohnung verbitten ließ. „Pst, seid stille," drohte Mine, und dann öffnete sie. Ein langes Mädel, im ansgewachsnen Rock, stand auf der Schwelle. Gott im Himmel! Mine starrte, als sähe sie ein Gespenst. „Grete?! Grete Reschke!?" Sie fragte es zweifelnd: es war ja so lange her, daß sie Grete nicht gesehen, und die hier war so hochgeschossen! Schlichtem blieb Grete draußen stehen. „Ne. Grete, wo kommste her?! So komm doch rin, Grete, de darfst. Ne, wie ich mer freue! Ich Hab der ja so lange nich jesehn, Grete! Nach dir Hab ich wohl mal verlängert. Wie haste mer denn nur gefunden, Grete?" „Er is wieder da," bauchte Grete kaum verständlich, in zitternder Begier, der andern ein Glück zu verkünden. Sie war aufgeregt, ihre Sprache dadurch noch undeutlicher: ihre Lippen zuckten, ihr Atem ging rasch. „Was sagste? Wer is da? Wer denn?" ..A— tur!" „Ach so." Mines plötzliche Neugier war schon gestillt „Der—?I" Na ja. dann war's ja gut. Enttäuscht sah Grete die Cousine an. sie hatte gehofft, der eine große Freude zu bereiten. Darum hatte sie sich nach» mittags der Versammlung der Heilsarmee entzogen?! Darum war sie atemlos nach der Colonnenstraße gelaufen: dort sollte, nach Bertas Erzählung, Mine bei der Mathilde wohnen oder doch gewohnt haben, denn ach— leider war's schon lange Herl Tie Drohung der Mutter:„Wenn de zu den Frauenziinmer jehst, schlage ik Dir alle Knochen in' Leibe kaputt," hätte sie nicht zurückgehalten, Mine aufzusuchen: wohl aber die Scham, eine grenzenlose Scham, die ihr das Blut in die Wangen trieb, wenn sie an ihre Mutter dachte. Was würde Mine über die sagen?! Schimpfen, ja. Und sie, konnte sie dem widersprechen? Nein. Ach nein! Grete war alt genug, sie war auch klug genug, die Mutter hätte gar nicht so laut zu schreien brauchen, daß eS den ganzen Keller durchschallte, sie wußte doch alles. Und so war sie nicht zu Mine gegangen: sie hatte sich geschämt. Aber heute schämte sie sich nicht, heute konnte sie ihr Freude bringen-» Artur war wieder da! Zu ihrer Enttäuschung traf sie in der Colonnenstraße nur Mathilde an, und zwar in Hut und Schal, fein in schwarzer Seide, zum Ausgang gerüstet: gerade verschloß sie ihre Stubentiir. Grete erfuhr, Mine wohne nicht mehr bier. sondern Eiscnacher Straße bei einem, namens Müldner: die Nummer wußte Mathilde nicht. Da war nun Grete von Haus zu Haus gelaufen und hatte mit verlegnem Gelispel und heißem Erröten nach„einem, namens Müldner" gefragt. Endlich hatte sie gefunden: und nun freute sich Mine nicht einmal! „Ne, wie groß de geworden bis!" sagte Mine und zog sie in die Küche.„Da setz der! Nu erzähl, wie de mer ge- funden hast" Grete sagte, daß Mathilde, die sie im Moment des Aus» gchcns angetroffen, ihr die Adresse genannt Mine wurde ganz bestürzt. Was? Mathilde, sagste, ging MlS? Wart nich uf mer? Un in schwarze Seide?! Allein? Fridchen nich uf'n Arm?!" Sie packte Grete derb an.„Wo war Fridchen?!" „Was für'n Fridchen?!" „Na, mein Fridchen, mein kleenes Mädel!" „Ach so." Grete wude blutrot und schlug verlegen den Blick zur Erde.„Ne. ich Hab ihr nich jcsehn!" ,.O Gott, ne!" Mine war ganz unglücklich.„Ne. nu geht se ooch am Sonntagnachmittag weg, un läßt Fridchen ganz alleene! Sagte se denn, w,nn se wiederkommen täte? Oder, wohin se ginge? Oder warum se fortging?" Aber Grete wußte auf alle Fragen keine Antwort.„Artur iZ wieder da," stieß sie noch einmal heraus, mit aller Anstren- gung, und sah mit den blassen Augen begierig und forschend in Mines Gesicht. Keine Spur von Freude stieg in dem auf, und auch kein Schimmer verschämter Röte, kein Zucken ver- riet Ueberraschung: die Züge blieben ganz gleichgültig. Grete war ganz enttäuscht. Die ganze Nacht hatte sie nicht schlafen können; auf dem Küchentischbett. in dem so oft ihre Träne geflossen, vor dem sie oft auf den Knien gelegen, in verzücktem Gebet Arturs Rettung erflehend, hatte sie sich ruhelos in freudiger Erwartung geworfen. Von dem Augen- blick an, da sie gestern, im Abendduirkel auf der obersten Stufe der Treppe kauernd, Artur erkannt hatte, der sich scheu an ihr vorbei in den Keller stahl, stand es bei ihr fest: das mußte Mine gleich wissen! Wie würde die sich freuen! Sie konnte sich jetzt nicht in Mines Wesen hinein finden —» hatte die denn den Artur gar nicht mehr lieb? Und doch hatte Mine an jenem Sonntag, an dem fie iin Dunkel des Kellers, hinter der großen Rolle verborgen gesessen, an Arturs Hals gehangen und bitterlich geschluchzt und immer wieder seinen Namen gerufen. (Fortsctzimg folgt.) Der Regenwurm und feine Verwandten in der erdgefebiebte/) Zahlreiche Tiere scheiden in ihren Geweben kohlensauren Kalk ab, um Schalen und Skelette zum Schutz und zur Stütze ihres Weichkörpers zu bilden. Die einzelligen Kammerlinge oder Kreide- tierchen erzeugen zierlich« Kalkgehäusc von mannigfaltiger Form. Die Kalkschiuämme festigen die fleischige Masse ihres Korpers durch zahlreiche Kalknadeln. Tie Korallen bilden Achsen- und Rindcnskelette aus kohlensaurem Kalk. Die Röhrenwürmer scheiden kalkige Röhren aus, in denen sie ihren weichen Ztörper verbergen. Die Moostierchen fertigen kalkige Zellen zun, Schutz ihrer zarten Organe. Die Armfüßer und Muscheln hüllen sich in paarige, die Schnecken und manche Tintenfische m unPaare Kallschalen ein. Tie Secsterne, Seeigel und Seelilien schützen sich durch ein aus zahl- reichen Kalk stücken zusammengesetztes Hautskelett. Die Wirbel- tiere lagern kohlensauren Kalk in ihren Knochen ab. Alle diese Tiere können durch Anhäufung ihrer Kalkbestand- teile gesteinsbildcnd wirken. Ganz besonders wichtig sind in dieser Hinsicht die kalkabscheidendcn Tiere deS Meeres. Diese sind teils auf dem Meeresboden festgewachsen, wie die Kalkschwämme, die Korallen, die MooSiierchen, die Röhrentvürmer. die Seelilien, die Armfüßer und manche Muscheln, teils kriechen sie auf dem Meeres- boden umher, wie die meisten Krcidetierchen, Muscheln, Schnecken und Stachelhäuter, teils schwimmen sie frei im Wasser, wie einige Kreideticrchcn. Muscheln und Schnecken. Die festsitzenden Kalk- knldner des Meeres erzeugen an Ort und Stelle mächtige Kalk- ablagcrungen, von denen die Korallenriffe und Austernbänke die bekanntesten sind. Eine fast noch größere Rolle in der Geschichte der Erde als bic Korallen haben die Regenwürmer gespielt, wie Darwin in J einem bewundernswerten Buch über„Tie Bildung der Ackererde urch die Tätigkeit der Würmer" gezeigt hat. Die Regenwürmer nehmen sowohl pflanzliche als tierische Kost zu sich. Sie verschlucken Erde, um sich die darin befindlichen orga- »nsch«n Bestandteile anzueignen, fressen halbverwelkte»nd frische Slätter und Blüten, aber anch Stückchen Fleisch und Fett und selbst tote Tiere ihres eigenen Geschlechts. Die Blätter werden entweder #) Diese Ausführungen sind dem in der Sammlung„Aus Natur und Geisteswelt"(Verlag von B. G. Te ubnernn Leipzig) «rschienenen Bändchen„Korallen und andere gesteins- b i l o e n d e Tiere" von Dr. Walter May. Professor cm der Technischen Hochschule zu Karlsrulj«(Preis geheftet 1 M., in Leinwand gebunden l,L5 M.) entnommen, das die gestcinsbildcnden Dier« nach Bau, Lebensweise und Vorkommen, besonders ausfuhr- Ifg) di« für den Bau der Erdrinde wichtigen Korallentiere schildert. am Rand mit den Lippen erfaßt oder auf ihrer Fläche durch der» Schlundkopf angcsogen. In zenem Fall werden sie meist mit der Spitze voran in die Röhren gezogen und ebenso werden Blattstiele und den Würmern dargebotene Paprervreiecke behandelt, so daß die Regenwürmcr wahrscheinlich durch Betasten eine dunkle Bor- stellung von der Gestalt des hineinzuziehenden Gegenstandes er- lange», also eine gewisse Intelligenz besitzen. Die Blätter oienenl ihnen nicht nur zur Nahrung, sondern auch zum Verstopfen der Röhren, um dag Eindringen der untersten kalten Luftschichten zu verhindern. Auch Federn. Haare, Wolle und kleine Steinchei» werden zu diesem Zweck vcrwenSet. Das Aushöhlen der Röhren geschieht teils dadurch, daß bis Erde infolge der Ausdehnung des vorderen Körperendcs zur Seite gedrängt wird, teils durch Verschlucken der im Weg stehenden Erde. Die Wände ver Röhren werden mit aus dem Darm ent» leertcr Erde zementiert. Die Röhren enden oft mit einer Er- Weiterung, in der ein oder mehrere Würmer zusammengerollt den Winter verbringen. Die von den Würmern verschluckte Erde wird an der Oberfläche in wurmartig gekrümmten Exkrementen wieder abgegeben. In allen Ländern hat man diese Exkremente beobachtet, in Nizza und Indien solche von beträchtlicher Größe in Gestalt kleiner Türmchen. Darauf beruht die geologische Bc- dcutung der Regenwürmer. Darwin l'emühte sich, die Menge feiner Erde zu bestimmen, die von den Würmern auf die Oberfläche geschafft wird. Daß oiese sehr groß sein muß, kann man schon aus der großen Zahl der Rvgcnwürmer schließen. Auf einem Acker Gartenland leben gegen 50 000, auf einem Acker Werdeland gegen 25 000 und auf einem Acker Getreideland gegen 17 000 Würmer. Genauer kann man die Menge der heraufgefchafften Eroe nach der Schnelligkeit bc- stimmen mit der aus der Oberfläche liegende Gegenstände, z. B. Schichten von Kohle, Kalk und Kreide, zum Einsinken gebracht werden. Darwin fand aus diese Weise, daß im Laufe von zehn Jahren durchschnittlich eine Humusschicht von 5 Zentimeter Dicke gebildet wird. Zu einem etwas geringeren Wert gelangte er durch die Gewichtsbestimmung der Exkremente. Das Gewicht der jährlich auf einem Acker Landes angehäuften Exkremente beträgt durchschnittlich 1500 Kilogramm. Diese würden, gleichmäßig aus- gebreitet, in 10 Jahren eine Schicht von 2Vj bis 4 Zentimeter bilden. Indem die Regenwürmer die Erde tieferer Schichten an die Oberfläche schaffe», setzen sie immer frische Flächen der Ein- Wirkung der Kohlensäur« und der Humussäurcn aus, die die Zer- sctzuug bedingen. Ferner zerkleinern sie selbst die Erde, teils durch chemische Einwirkung ihrer Körpcrsäfte, teils durch mecha- nische Zerreibung im Muskelmagen. Sie reinigen sie von Steinen, indem sie eine Schicht bilden, die durch ihren Körper hindurch- gegangen ist. den nur sehr kleme Steinchen passieren können. Blätter werden von ihnen in den Boden gezogen und diesem da- durch rascher einverleibt. Ihre Röhren durchlüften den Boden und erleichtern das Hinabdringcn der Wurzeln. Viele Samen- körner verdanken ihre Keimung nur dem Umstand, daß fie von Würmern bedeckt wurden. So spielen die Regenwürnwr eine große Rolle im Haushalt der Natur, die noch dadurch erhöht Wirf, daß sie durch Zerkleinerung der Erde die Abtragung des Landes vor- bereiten. Wie die Regenwürmcr in selbstgegrabenen Gängen des Bodens, so leben gewisse Ringelwürmer deS Meeres in frei sich erhebenden Röhren, die von ihrem Körper ausgeschieden werden. Diese Röhren sind bald häutig, bald mit Sand inkrustiert, bald verkalkt und mit einem Teckel verschließbar. Di? in ihnen lebenden Würmer schauen gewöhnlich mit ihrem Vordercnde aus der Röhrcnmündung hervor und gewähren durch ihre bunten und verschieden geformten Kiemenanhänge einen schönen Anblick. In den Aquarien fesseln sie neben den Seerosen in erster Linie das Auge der Besucher. Ganz besonders eigenartig ist der gewundene Schraubenwurm, bei dem die Kieme am vorderen Kürperende ein zierliches Spiral- blatt bildet, an dessen Außenrand die zahlreichen gesiedertcn irnd gebändert?» Kicmcnfäden wie auf einer durchbrochenen Wendel- treppe angeordnet sind. Bei einer anderen Art trägt oas Kopfende drei Paar rote baumförmige Kiemen und zahlreiche gelbe, sehr bewegliche Fühlfäden. Di« Fäden dienen zum Herbcistrudeln der aus pflanzlichen Stoffen bestehenden Nahrung. An den hinteren, in der Röhre steckenden Körperabschnitten sind oft auf kleinen Fuß- stummeln sitzende Borstenbüschel vorhanden. Die Würmer können zwar aus ihren Röhren herauswanoeni, tun dies aber nur, um ungünstigen Lebensbedingungen zu entgehen, meist kurz vor dem Absterben. Als Gesteinsbildner kommen unter den Röhrenwürmern nur die kalkabsonderndcn Scrpuliden in Betracht. Bei Jtaparicc» in Brasilien beteiligen sich Serpnlidenröhrcn am Ausbau der Riffe, indem sie zusammen mit Kalkalgcn die obere Hälfte der Riffe darstellen und einen Kalkstein bilden, in dem schließlich jeve Spur der röhrigen Struktur verschwindet/ Auch große Strecker» ocr Bermudasinjeln sind aus Serpularöhrcn gebildet. An der Südseite der Inseln befinden sich zahlreiche Vi bis 6 Meter große, aus Scrpularöhren gebildete Atolle. Die Würmer leben nur an der Außenseite, während die 1 Meter tief« Lagune von toten Röhren umgeben und mit feinem.Kalksand bedeckt ist. Aus fossilen Scrpularöhren sind der Serpulit der obersten Stufe des Malms in Norddeutschland und der Serpulasand im oberen Ccnoman der Sächsischen Schweiz zusammengesetzt. SLafeec den Rohren!vüe«ern sind noch zKci andere, allerdings se'hr abweichende Würmergruppen als Kalkbildner zu nennen, die MooZtierchcn oder Bryozocn und die Armfüßer oder Brachiopoden. Hauptmanns„Gnlelda"/) (L e s s i n g- T h e a t e r.) DaS.Griselda"-Schauspiel, daS von dem Hauptmanntreuen Premierenpublikum des Lesfing-TheaterS, wie schon berichtet, mit großen Ovationen für den Dichter aufgenommen wurde, schließt sich ein daS Ganze überschauender Rückblick bestätigt in dieser Hinsicht den unmittelbaren Eindruck— nicht zur dramatischen, auch nicht zu einer allgemeinen dichterischen Einheit zusammen. Nicht nur in dem Sinne, daß wie in allen seit dein»Fuhrmann Henschel" erschienenen Stücken Hauptmanns— die vortreffliche„Rose Berndt" aus- genommen— die Kraft der Phantasie beim Werk der Ausgestaltung nach oft glänzenden Ausätzen erlahmt und hinter der Intention zurückbleibt, sondern eS scheint hier auch, ähnlich wie in dem Märchenstücke„Pippa", selbst die Grundlage einer solchen, wenn nicht Einheit gebenden. so doch erstrebenden Intention zu fehlen. Empfinden und Verhalten der handelnden Personen verläuft in einer Reihe unvermittelter Gegensätze, die nicht auS einer dem Wesen ihrer Charaktere eingeborenen psychologischen Zwiespältigkeit. sondern letzthin in der bunten, unverarbeiteten Fülle dwergierender Einfälle, die die Versenkung in die alte Sage bei dem Poeten auslöste. begründet scheinen. Wie sich an Stelle geschlosiener größerer Akte ein Nacheinander lose verbundener Einzelszenen schiebt, so bröckelt auch die Symbolik, die Hauptmann in dre Handlung einspinnt, in lauter einzelne Gedankensplitter und Aphorismen auseinander. Wenn aber in der unbestimmten Märchenatinofphäre der„Pippa" unter all dem verwirrcnden Gewoge der Andeutungen der Sinn des Ganzen dunkel blieb, ohne daß direkte Widersprüche offenbar wurden, drängen sich solche in diesem Werke, das ein Seelendrama sein will und so eine ganz andere Art abwägender Kontrolle zuläßt, ja beansprucht, unabiueisbar. daS Befremden steigernd, auf. Freilich, wie hätte eS auch einem nachdenklichen Poeten unserer Tage einem derartigen Stoffe gegenüber anders gehen können? Die Fabel, wie sie in der Ueberlieferung vorliegt, wendet sich an eine Hörerschaft, die das Empörende in den vom vornehmen Herrn Markgrafen an seinen, bäuerlichen Eheweib verübten Quälereien gar nicht oder nur stumpf enipsindet, eine Hörerschast, welche knech- tlsche Unterwürfigkeit bei der Fra« nicht als weibliche Selbst- emwürdigung. vielnrehr als Tugend uiid die nach langen Jahren erfolgende Wiederaufnahme der Gattin in die eheherrliche Huld— die Huld eines ebenso hochgeborenen wie niedrig gesinnten Nichts- nutzes— als»Lohn der Tugend" anzusehen vermag. Alle Um- gesialtungcn, die man an einem solchen Stoffe vollziehen mag. um ihn» für ein verseinertes Gefühl interessante Beziehungen und Motive abzugewinnen, können bei dieser seiner Eigenart nur auf ein inehr oder minder gewaltsames Uminterpretieren hinauslaufen, das sich, von außen herangebracht, in allerhand Widersprüche verwickeln muß. So oder so gelvcndet. es bleibt dabei ein Rest, an dem jegliches Bemühen scheitern muß. Eine Umformung, wie sie Schmidt-Bonn an der nicht weniger alten Märe vom„Grasen von Gleichen" in seinem Drama vorgenommen— eine Umformung. die auf dem Hintergrund der in der Fabel gegebenen Situation das Gemälde einet geradlinig, groß und natürlich aufsteigenden LeidenschaftSentwickelung vorführt, ist hier unmöglich. Die sanftmütige Griselda erscheint in den ersten Szenen deS Hauptmannschen Stückes als trotzig eigenwillige, herbe Bauerndirne, «in Gegenstück zu Shakespeares„Widerspenstigen", Graf Ulrich als ein halb verrückter Wüstling, der übersättigt von der frisierten Eleganz der seinen Damen, in Feld und Wald nach flüchtigen und derben Abenteuern jagt. So tritt er als einfacher WanderSmann in das Gehöft von Griseldas Eltern, mit frech begehrlichen Blicken daS frische Mädchen musternd, das sich in seiner Arbeit nicht stören läßt. Nicht in spröder Zurückhaltung, feindselig ausfahrend, weist sie den Auf- dringlichen ob. Der ungewohnte Widerstand entflammt die Leiden- schaft deS tierischen Gewaltmenschen nur noch mehr. AlS sie ihn einen Betrunkenen schilt und das für ihn herangeholte Wasser höhnend über seinen Kopf gießt schleppt er sie vor den Augen der Eltern in die Kammer. Die Brutalitäten des Ehemanns, von denen die Fabel erzählt, verblaffen fast vor der Roheit dieses Hauptmannschen Liebhabers. Die ziveite der neun Szenen, auS denen sich daS Stück zusammensetzt, spielt an den, gräflichen Hofe. Eii, würdiger Oheim predigt den, zurückgekehrten Vagabunden die Pflicht, für einen legitiinen Erben zu sorgen. Da taucht im Geiste Ulrichs die Erinnerung an Griselda, die er seit jenem Tage niemals wiedersah, von neuen, auf. Das wäre ein Spaß, der die geölten Schranzen noch giftiger ärgern würde als alles frühere: wenn er ein so kraft- volles, ungezähmteS Menschenkind, die Tochter von Leibeigenen, an Stelle einer der schwächlich blaffen Puppen seines Standes zum Altar führte. Um zu verblüffen, in Rechnung aus die verdutzten Gesichter will er sie heiraten. Nicht weniger pathologisch ist die Art der Freite. Statt vorher bei der tödlich Beleidigten in aller Stille anzufragen. zieht er mit prunkendem *) Die Buchausgabe erschien im Berlage von S. Fischer in Berlin. Gefolge bor ihr HauS und betreibt die Werbung, als fei ihm daran gelegen, Griselda noch bitterer zu kränken. E» spricht die gleichen Worte ivie bei der ersten Begegnung, und gant wie damals amwortet das Mädchen. Nur der Ton ihrer Stimme ist noch schroffer geworden. Das Gekicher der Damen und Herren verwirrt sie keinen Augenblick. Man rümpft die Nase über die un- gezogene, ungewaschene Kuhmagd, die schließlich, zum äußersten ent- schloffen, ein Messer zieht. Wer von den Höflingen der Kampf- bereiten einen Kuß raubt, soll— verspricht Graf Ulrich, belustigt und entzückt— als Preis ein Rittergut aus seiner Hand erhalten. JcdeS Bewußtsein fehlt ihm, wie tief er die von ihm Erkorene so herab- setzt. Er triumphiert, als der Jüngling, der sich zur Wette meldet, niedergezwungen beschämt zur Seile schleichen muß. Nun ist die Reihe an ihm selber. Blitzschnell entreißt er ihr das Messer und umschlingt sie mit Riesenkraft. Die Beute gehört ihm. Auf die Frage, ob sie ihn, als Eheweib folgen wolle, bewegen sich die blaffen Lippen der Ohnmächtigen zu einem willenlosen Ja. Von diesen ersten Bildern ging bei allem Peinlicheit, das sie entHallen, eine siarke. eigenartige Bühnenwirkung aus. War auch Ulrichs Tun und Treiben Wahnsinn, so hatte der Wahnsinn immerhin Methode. Die Dichtung schien darauf gerichtet, einen TypuS männlicher Seelenroheit in höchster Reinkultur zu zeigen— unier Verhältnissen, die eine sonst nicht mögliche Entfallnng alle» in solcher Sinnesart latent enthaltenen Tendenzen gestatten— und von diesem Punkr aus das Schicksal der Griselda-Ehe zu beleuchten. Wobei eS denn freilich rätselhaft blieb, wie der Dichter das Bauern- mädchen, dem er so viel Brunhildisches verliehen, in irgend welchem Anschluß an die Sage zu einer das Unrecht um der Liebe willen ruhig wagenden Dulderin umwandeln wollte. Aber das, was zuerst als Ricktung gebendes Motiv sich abhebt, verschwindet dann. Nicht nur Griselda, Ulrich selber erhält ein völlig veränderte» Gesicht. An die pathologische Studie schließt sich in dem Bild der Ehefeier eine symbolische Verherrlichung deS neugeschloffencn Bundes, die in unüberbrückbarem Widerspruche zu dem Borangegangenen sieht. Der entartete Wüst- ling beginnt auf einmal in Ronsseausche» Farben zu schillern. Er preist sich als den Mann, der unbeirrt durch falschen Schein sich ein Weib zur„Männin" genommen hat, das dem Willen ewiger Natur gemäß in harter Arbeit mit der Scholle rang. Spaten und Sichel führen lernte. Er ist stolz, daß sie, während die Hofdamen in rat- loser Unwissenheit um sie herumsiehen. jedes Korn, das er ihr reicht, beim ersten Blick erkennt, und heißt sie zum Beweise ihrer Kunst im Angesicht der festliche» Gesellschaft den Rasen vor der Schloßterrasse mähen. Die schlichten Bauernreinie, die sie bei de» Arbeil singt, dünken ihn, köstlichste Musik. Ebenso ist in Griselda jeder dunkele Schatten der Erinnerung, jede Spur des Trotzes aus- gelöscht. Wiederum ein andere» Antlitz trägt der Ulrich der letzte» Szenen. Nicht als gefühlloser Barbar, wie wir ihn zuerst kennen lernten, sondern als ein verstiegener Phantast verliebter Leidenschaft, der in dem vergötterten Wesen keinen anderen Gedanken als den an sich selber dulden will, peinigt er die Arme. Er, ihr Schänder, er, der die Schutzlose verhöhnen ließ und jene Wette einging, möchte sie jetzt als Heiligtum vor jeden, profanen Blick hüten. Schon daß sie mit den, eigenen Vater freundlich spricht, reizt seine Ungeduld. Er haßt— noch widerwärtiger im Egoismus seiner Liebe als früher in dem Egoismus seiner Ausschweifungen— das Kind, das sie erwartet, weil er Griseldas Herz dann mit ihm werde teilen müssen. Den Arzt hält er, weil kein Mann die.Herr- liche unbekleidet sehen soll, vom Lager fern. Er selbst betritt ihr Zimmer nicht, doch leidet er in der Vorstellung all ihre Qualen un, so tiefer mit. Unbegreiflich scheint eS, daß Hauptmanns im Kern doch so gesnnde Griselda die heimliche Entlvenduiig ihres KindeS durch den Gatten in Geduld erträgt, und dam, erst, als Graf Ulrich noch im», er auf den beiseite geschafften Knaben eifersüchtig, sie ohne Angabe eines Grundes verläßt, ihr Bündel schnürt— daß sie, statt ihr Kind zu suchen, stunin, und still zu den Eltern zurückkehrt. In der bäuerlichen Tracht erwacht auch wieder der alte Trotz. Freventlich von ihrem Mann verlassen, schwört sie, nie mehr sein Schloß zu be- tteten, eS sei denn, um als Magd die Spuren ihrer Tritte von den Treppen abzuwaschen. Und just das verlangt Graf Ulrich alö Sühne für die Schmach. die sie durch ihre Flucht ihm angetan. In dieser Weise wird mit höchst gekünstelter Motivierung jener Zug der Sage, daß Griselda auf Befehl des Gatten schmutzige Dienste verrichten muß, am Schluß des Dramas eingefügt.' So trifft der eifersüchtige Tyrann sein Weib und sinkt reuig der rasch Verzeihenden in die Arme. Eine Versöhnung, der aber, wenn sie auch der anstößigen Tendenz der alten Fabel aus de», Wege geht, alles in tieferen, Sinne Ueber- zeugende Befreiende fehlt. _ Conrad Schmidt. Kleines f einlleton* Musik. Man kann Herrn Robert Kothe wahrlich denkbar sein, daß er es unternommen hat, deutsche Volkslieder wieder zu erwecke», und dabei das alte LieblingSinftrument, die Laute, wieder zu benutzen. Seit längerem in Berlin und anderswo gut bekannt, hat er am Sonntag tn einem der von Frau Margarete Walkotte veranstalteten volkstümlichen Abende sich auch dem Publikum deS Gewerkschafts- Hauses vorgestellt. Sein Interesse ist nicht baS vorwiegend Theoretische rein historischer Veranstaltungen: er will die alten Schätze zu neuen »nachen und trifft dabei das Richtige. Hier ist Tradition im besten Sinne des Wortes I Haben wir heutzutage sonst oft das Gefühl, als finge mit unserer Zeit die Welt von vorn an. so werden wir hier in einen grogen Zusammenhang der Zeiten hineingestellt und bekommen ein Gefühl für echt Nationales. Allerdings muff der Zusammenhang erst wieder geknüpft werden. Was man so deutsches Volkslied nennt, geht bereits im 17. Jahrhundert zurück und ist seither kaum wieder zu originalem Leben gelangt. Dazu bat merk- würdigerweise wohl auch der groffe Aufschwung der Musik in den letzten ztvei Jahrhunderten beigetragen. Wo sie mit der Dichtung zusammentraf, Ivurde sie deren Herrin. Gerade das Gegenteil spürten wir am Sonntagabend. Wir haben schwerlich eine Stelle bemerkt, an der eine musikalische Formung und Betonung in die poetische Formung und Betonimg so eingegriffen hätte, wie eS bei den meisten Kunstliedern unserer musikalischen Klassiker und selbst Romantiker üblich ist. Um diese Natürlichkeit der alten VerbindungSweise von Text und Musik zu erkennen, dazu bedurfte eS allerdings besonderer Forschungen; und eS ist nur wenig über ein Jahrzehnt her. daff dies erkannt wurde. Robert Kothe bringt freilich nicht die eigentlichen alten Weisen, wie fie in niedreren Liederhandschrifte» sLocbheimer Liederbuch und der« gleichen) aufgezeichnet sind: vielmehr haben er und sein Mitarbeiter Heinrich S ch e r r e r die alten und anscheinend auch neue Texte im Sinne der alten Liedcrmusik selber komponiert(und bei G. D. W. Callwcy in München sowie bei F. Hofmeister in Leipzig herausgegeben!. Daö Volkslied! Der kurze Name soll uns nicht verleiten, an ein gemeinsames Schaffen durch eine Volksmenge zu denken. Ge- schaffen ivird auch Derartiges jeweils von Einem. Aber der Eine ist kein Kunftdichter noch Kunstmusikcr: d. h. er widmet nicht seinen Lebensberuf der höchstmöglichen literarischen und musikalischen Fach- bildung. Ihm ist's auch nicht ums Urheberrecht, einschliefflich der Wahrung jedes Wortes, jedes Tones zu tun. Von Beruf irgend »ver, dichtet und tont er als Liebhaber und überläfft fein Produkt seinem Schicksal. Wird deshalb auch nicht mit Namen genannt. Eher ist schon der Bortragende der Fach- und BcrufSmensch— der„arme Spielmann", der z. B. in dem von Kothe gesungenen schlesischen Volksliede zum Preise des Bauernstandes vom wohl- habenden Bauer» gefüttert wird. Im Mittelalter begleitete den Ge- fang der„Fidler" auf dem unserer Violine vorausgehenden Instrument. Gegen Ende des Mittelalters kam von den Arabern her und mit arabischei» Namen die Laute nach Europa und wurde nun etliche Jahrhunderte lang daS, was heute Violine und Klavier find, doch ohne ihnen ähnlich zu sein. Am ähnlichsten in Anlage und Gebrauch ist sie der heutigen Guitarre, hat aber(wie die Mandoline) einen birn- oder schildkrotförmigen Schallkastcn. Kothes Instrument ist mit sechs auf„Bünden" zu greifenden Saiten be- spannt, neben denen noch drei leere, frei mittönende Saiten(Baff- chorden) laufen, ausgehend von einem an den Hals für die Haupt- saiten angesetzten besonderen Hals(Erzlaute). So lassen sich Be- gleitungen spielen, die reich an akkordischcr Fülle sind— ganz abgeseheit davon, daff die Laute auch Melodie und mehrstimmigen Satz bringen konnte. Allerding? werden uns nur schwache Andeutungen von dem ver- mittelt, was die Laute einst dem Musiker und Musilfteunde war. Eher bekamen wir schon einen Einblick in die Fülle dessen, was die Volkslieddichtung geleistet hat. Gerade ihr weitgespanntes Interesse an allem Menschlichen in Freud und Leid, in seliger Erhebung wie in schallbaftestein Späh, und ganz besonders an dem Fühlen der verschiedensten Berufskreise trug damals zur Volkstümlichkeit bei und sichert ihr eine solche beim heutigen Wiedererstehen. DaS wurde uns auch klar, als die Veranstalterin deS Abend S, bereits als Sängerin bekaitnt, als Rezitatorin Lieder aus„Des Knaben Wunderhorn" vortrug. Auch hier die Spannweite vom „hungernden Kind" bis zu den„90 X 9 X 90* Schneidern, deren genügsame Fröhlichkeit uns vor einiger Zeit ein anderer Lautcnsänger. Sven Scholandcr, in einer allerdings noch markanteren Weise zu Gemüt geführt hat. Der Dank für einen solchen Abend gilt auch dxr sympathischen. rasch die Herzen fesselnden Vortragsweise der beiden„Konzertgeber". DaS heißt: soweit ein solcher Ausdruck für die Natürlichkeit der beiden Bortragenden überhaupt pafft I Robert Kothe trägt zu dem volkstümlichen Eindruck seiner Gesänge auch durch die Vermeidung des in Konzerten üblichen SalonNeides beiz und sein Wanderanzug macht geradezu seinen Bortrag noch glairbhafler. Ihm'gebührt Dank und Gerechtigkeit auch barin. daff man ihm nicht etwas anderes zuschreibt, als er, der „ftische Spielmann", in der Tat ist. Mit den aus dem Boden voll entwickelter Kunst wirkenden Komponisten und Dichtern. Sängem und Jitstrumentalisten, und ebenso mit den Erkennern der Ver- ganaenheit ihn zu verwechseln, würde ein Unrecht an diesem eiftigen Verfechter einer vordem von vielleicht niemandem und jetzt nur von wenigen gepflegten Kunst sein. Brauchen tun wir allerdings mehr, als Kolbe uns bietet i und lohnen würde sich noch manches, wa» nicht mehr seine Abficht ist. Gerne möchten wir einmal alte Verantwortl. Redakteur: HanS Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Volkslieder genau in den Weisen von damals hören; möchte» erfahren, wesien die Laute noch weiterhin fähig war; möchten vergleichen lernen, um auch die gegenwärtige Musik noch deutlicher in den groffen Zusammenhang stellen zu können, von dem»mS diesmal so hübsche Andeutungen gemacht worden sind. sz. Völkerkunde. Die Hochzeit der Toten. In wie vielen Dingen die Rcsormbestrebuugen und die Arbeit der Lehrer und Missionare aus das chinesische Volksleben auch Einfluh gewinnen mögen: an dem tief eingewurzelten Totenkullnö der Chinesen scheitern die Neuerer. Allein die Liebe und Verehrung der Chinesen für ihre Abgeschiedene» zeitigt auch seltsame Blüten: in einein römischen Blatte schildert ein in China weilender italienischer Missionar einen wunderlichen Brauch, von dem die Chinesen nicht lassen wollen: die Verheiratung der Toten. Diese seltsamen„Hochzeiten" werden von eifrigen Ver- Mittlerinnen sorglich betrieben, die unter den Toteiiliften die guten Partien aussuchen und die Abgeschiedenen dann„zusammenführen". Stirbt ein Jüngling in einer Familie, so erscheint alsbald die rührige Heiratsvermittlerin.„Euer Sohn ist wirklich in die andere Welt übergegangen?" Weinend bestätigen die unglücklichen Eltern die Trauerkunde. Die Vermittlerin bringt nun ihren Vorschlag zu Gehör:„Ich kenne ein gute?, hübsches, tugendhaftes Mädchen gleichen Alters, das in dieser Woche gestorben ist. Laßt uns die beiden jungen Leute verheiraten." In der Regel willigen die Eltern ein, und nlm eilt die Vermittlerin zu der Familie des verstorbenen Mädchens, um mit ihr zu verhandeln. Ist die Einigung erzielt, so ivird diese unheimliche Hochzeit gefeiert. Der Missionar hat einer solchen Zeremonie in einem Dorfe im oberen Dangtsetal beigewohnt. Alle Verwandten und Freunde folgten dem Sarge der jungen Braut. Die für europäische Ohren unerträglichen chinesischen Musikbanden lassen ihre Weisen er« schallen,' und wenn der groteske HochzeitSzug daS Grab deS Bräutigams erreicht, so steigert sich die Musik zu einem ohreu- betäubenden Lärm. Alle Einzelheiten deS feierliche» Vorganges sind genau festgelegt und werden von einem geremonienmeistcr über- wacht, der bald der einen Familie, bald der anderen ei» Zeichen gibt, worauf die Hinterbliebenen wie auf Kommando abwechselnd weinen. Dann wird der Sarg des Mädchen? neben den ihres „Gatten" gestellt, und die Feier gewimrt nun einen neuen Charakter. Das altüberlieferte groffe Totenbankett wird gefeiert. Die Chinesen glauben, daff die Guten im Jenseits mit der Erlaubnis belohnt werden, wieder in die irdische Welt zurückzukehren. Die Anhänglichkeit und Liebe der Hinterbliebenen sorgt für die Gäste aus dem Jenseit» und bietet ihnen prunkvolle Gastmähler. Auf einem freien Platz wird au? Bambus eine groffe Tribüne errichtet und hier werden die Lebensmittel für die Geister niedergelegt. Die unsichtbaren Gäste zählen da oft nach vielen Tausenden. Jeder Geist hat seinen Platz, der mit einer roten Kerze bezeichnet ist. An jedem Platze steht eine mit Reis gestillte Taste, ein Pokal für den Reiswein und die beiden kleinen Ehstäbe. die den Chinesen als Besteck dienen. Am Eingang zu dem Festplatz war eine groffe Papierfigur aufgestellt, die den Herrn der Geisterwelt symbolisiert, der hier über seine Untertanen wacht. Sind alle Vorbereitungen beendet, so begibt sich ein Priester zum Kirchhof und ladet die Geister zum Mahle ein. E» ist ein eigenartiger Anblick; die Nacht bricht herein, Tausende von Kerzen glühen in der Dunkelheit und erst mit dem Morgendämmcrn endet die seltsame Zeremonie. Astronomisches. DaS Sterngewimmel der Milch st raffe. Die plan« mähige Verwertung der Photographie für die Erforschung des Sternenhimmels hat der gesamten Himmelskunde eine neue Grund- läge gegeben und man kann wohl sagen, daff überhaupt für keine andere Naturwiffenschaft die Photographie von einer gleich großen Bedeutung geworden ist. Wenn die photographische Himmelskarte vollständig vorliegen wird, rechnet man darauf, daß sie die Stellung von fast zehn Millionen, genauer 9 854 000 Sternen zu kennen. Nicht all drese Sterne können nun auch des näheren berücksichttgt werden; immerhin wird der nach der Karte angefertigte Katalog die stattliche Summe von 2 876 000 Sternen enthalten. Es kann auch schon jetzt der Schluß gezogen werden. daff zwar auf beiden Halbkugeln des Himmels die Verteilung der Sterne im ganzen eine gleiche ist, daff aber, wenn die aller- schwächsten Sterne auffer Berückiichttgung bleiben, ihre Dichte auf der nördlichen Halbkugel gröher ist als auf der südlichen. Die größte Ansammlung von Sternen findet zweifellos in der Milchstraffe statt. Es gibt aber auch noch Gegenden des Himmels, die eine groffe Fülle von Sternen aufweisen und doch ziemlich weit von dem Ring der Milchslraffe"gelegen sind. DaS eigentliche Wesen der Milchstraße ist. wie der deutsche Astronom Prosesior Max Wolf in einer besonderen Schrift über dies Gebilde ausgeführt hat, noch immer recht wenig bekannt, und man hat sich bisher eigentlich mehr mit Vermutungen oder gar Phantasien begnügt. Die große Schwierigkeit der Erklärung liegt darin, daff die Milchstraße in ihrem Verlauf große Verschiedenheiten aufweist. Profeffor Wolf neigt zu der Anficht, daff die Milchstraße als ein Ueberbleibsel eine? ftüher noch weit ausgedehnteren Universums aufzufasien ist, betont aber bescheidentlich die große Unsicherheit, in der sich die Wissen« schast diesem Naturwunder gegenüber immer noch befindet. vorwärt» Buchdruckerei u.verlaglanjtaltUaul Singer �Eo.. Berlin S W,