Zlnterhaltungsvlatt des Horwärls Nr. 48. Mittwoch, den 10 März. 1909 tNachdra» tzerZolen.l i7] Das tägliche ßrot. Roman von C. V i e b i g. Grete faltete die Hände, flehend suchten ihre Blicke die her Cousine. Mine beachtete sie aar nicht, sie murmelte für sich:„Ne, tno mag bloß de Mathilde hin sein? Un Fridchen?! Daß ich »nch hingehn kann un nach ihr kucken!" Unruhig trat sie hin und her, rückte an diesem Gerät und an jenem, zuletzt nahm sie Irma wieder auf den Schoß und setzte sich, Grete gegenüber, an den Küchentisch. Ein Gespräch kam nicht in Gang: sie waren sich doch fremd geworden. „Biste eingcsejent?" fragte Mine endlich, nur um etwas gu sagen. Grete schüttelte verneinend den Kopf.„Kost Jeld. Mutter sagt:„Mumpitz"." Aber aus de Schule biste?" „Hm." „Lcrnste denn jetzt was?" Grete nickte eifrig. „Wo denn?" „Bei de— Heilsarmee!" „O Jesus, biste noch immer so verrückt?" rief Mine und schlug die Hände zusammen.„Na, komm mer da nich mehr mit! So'ne Faxenmacherl" Grete lächelte mild, fast mitleidig: ein sanftes Rot vcr- schönte ihr Gesicht. Und dann erhob sie sich und bot Mine die Hand.„Rette Deine Seele," sagte sie deutlicher, als sie sonst zu sprechen pflegte. Die Tränen standen ihr dabei in den Augen. „Ja, ich weiß. Du bis gutt!" Mine küßte sie.„Besuch mer ooch wieder,'s wird mer immer freuen." „Artur is— wieder da," sagte Grete abermals, als Mine schon die Tür hinter ihr schließen wollte, und drehte sich noch einmal auf der Schwelle um.„Biste ihn böse?" „Ne, warum?! Adjc, Grete!" Damit machte sie die Küchentür zu. Langsam, langsam schlich Grete durch die Straßen, schwer trug sie an ihren Gedanken. Daß die Mine sich nicht freute, nun da der Vater ihres Kindes wiedergekommen war! War das Liebe gewesen?! Konnten die Menschen, deren Seelen noch nicht gerettet waren, denn überhaupt lieben? Ach, die Armen, die wußten noch nicht, was Liebe ist! Inbrünstig suchte ihr Blick den Himmel, als wollte er ihn durchdringen nach dem der da wahrhafte Liebe lehrt. Ihre Lippen bewegten sich: „Komm zu Jesu! Du hast sonst nimmer Solchen Freund und Bruder!" Ein Schauer überflog ihren jungfräulich zarten Körper mit der noch flachen Brust. „Die Rose im Tal, der helle Morgenstern Der schönste unter tausend für die Seel'" klang es in ihr, und ihr Blick verschleierte sich feucht in Sehn- sucht, ihre Lippen öffneten sich zu einem Seufzer unbewußten Verlangens. Als sie auf einer Bank am nächsten Schmnckplatz zwei Hcilsarmcesoldatinnen bemerkte, gesellte sie sich zu ihnen. Bald erhoben sie alle drei ihre Stimmen zu einem Gesang, unbekümmert darum, daß ein Haufe lachender Kinder sich um sie versammelte, und bald auch Erwachsene mit spöttischen Mienen stehen blieben.— Heute nacht hätte Mine zum erstenmal wieder Gelegen- heit gehabt, einen ruhigen Schlummer zu tun. Eine seltene Stille lag über der kleinen Wohnung: die genesenen Kinder schliefen ihren festesten Kinderschlaf, selbst Irma stieß kein unruhig meckerndes Tönchen aus. Und doch konnte Mine nicht schlafen: die Augen brannten ihr, so lange hatte sie schon ins leere Dunkel gestarrt. Sie ärgerte sich über sich selber, daß sie die schöne Gelegenheit zum Schlafen nicht besser nützte: was brauchte sie denn immerfort an Grete zu denken, an Mathilde und— an Fridckcn?.! Wie vom Himmel war doch die Grete heruntergcfallenk Fast ein und ein halbes Jahr hatte sie nicht von der gehört und gesehen, und nun war sie auf einmal da und brachte ihr Kunde von Fridchen! Nein, da? ging nicht mit rechten Dingen zu! Mine war nicht ganz umsonst bei Mathilde in die Schule' gegangen, eine abergläubische Regung beschlich sie: sie schmierte und zog sich die Decke höher an den Hals. Daß die Grete so plötzlich gekommen, das war„Bestimmung", wie Mathilde sagte. Wohin die Mathilde nur gegangen sein mochte? Eine ängstliche Neugier quälte Mine. In schwarzer Seide? Sonst pflegte Mathilde doch nie das Schwarzscidene anzuziehen, das war ja ihr Hochzeitskleid, hing, in einen Bettüberzug eingenäht, an der Wand und harrte des glücklichen Tages, au dem es, mit Myrtensträußchen geschmückt, vorm Traualtar rauschen sollte. Und nun ging sie darin aus, so mir nichts dir nichts, am ganz gewöhnlichen Sonntag? Mine zermarterte ihr Gehirn. Und Fridchen, so ganz allein? Konnte dem Kind nich! etwas zustoßen?! Alles, was sie jemals an Schauergeschichten gehört: von Kindern, die, im Zimmer eingeschlossen, mit Streichhölzern gespielt und die Betten in Brand gesteckt, oder aufs Fensterbrett geklettert und hinabgestürzt waren, all das fiel ihr ein. Sie vergaß ganz, daß Fridchen zu solchen Streichen noch viel zu klein war. Der Angstschweiß brach ihr aus, die Lippen zitterten ihr. Aufgeregt wälzte sie sich von einer Seite auf die andere. Ihr armer Verstand half nicht auS, ihr Herz pochte und pochte und wollte sich nicht zufrieden geben. Es ging etwas vor— wäre sonst Grete erschienen?! Das bohrte sich in sie ein: eine fixe Idee. Sehnsüchtig suchte ihr Blick den schmalen Schimmer, der durch die Ritzen der Jalousie fiel. Wenn's doch erst hell wäre! Was sie sonst, in ihrer Müdigkeit, oft gähnend ver- wünscht, das verlangte sie jetzt begierig— den Tag! Wäre es nicht am besten, sie liefe gleich morgens nach der Colonnen- straße, schlüpfte dort ins Haus, sowie der Wächter aufschloß, und sah selbst nach, was los war? Sie hatte ja doch sonst keine Ruhe. Und bis die hier aufstanden, war sie wohl wieder zurück: sie wollte ja nur nachsehen, einen einzigen kurzen Augenblick. Selbst nachsehen— ach ja! Dieser Entschluß gewährte ihr einige Beruhigung: sie schlief auch ein. Aber im Traum sah sie den Reschkeschen Keller, Berta, Artur— und Grete, immer wieder Grete! Die stand auf der Schwelle mit blassem, ernstem Gesicht und wies nach oben: unentwegt zeigte ihr dünner Finger. Was sagte sie— was?! Mit einem Schrei fuhr Mine aus dem Schlaf. Nein, nun war es ihr ganz gewiß, das hatte was zu bedeuten! Der Morgen schimmerte. Sie konnte nicht rasch genug in ihre Kleider kommen. Den Hausschlüssel nahm sie vom Nagel im Flur und schlüpfte dann aus der Tür. Kein Halten: sie mußte nach der Colonncnstraße. Durch die noch stillen Straßen rannte sie wie gejagt. Immer im Galopp. Noch fuhren keine Pferdebahnen: ein- zelne, besonders früh zur Arbeit gehende Männer drehten sich lachend nach ihr um. Sie mußte selber lachen, war sie nicht närrisch, so zu rennen? Die schöne Morgenluft kühlte ihr die heißen Lider und machte ihr den Kopf freier. Zu solcher Zeit war sie früher oft in die Felder gegangen, die Sichel in der Hand, um das taufeuchte Gras zu schneiden. Hell und golden, wie ein riesiger blitzblanker Teller, hatte sich die Sonne hinterm Sandberg gehoben. Ach, das war schon lange her! Jetzt stand die Sonne hinter den hohen Häuserreihen, und ihre Strahlen fingerten scheu über die Dächer. Immer im Galopp. Mine hätte nicht geglaubt, daß sie noch so gut laufen könnte. Wenn auch nicht mehr wie ein jähriges Fohlen, so doch immer noch so geschwind wie Bläß, die Kuh, die in des Vaters Stall stand. Mine seufzte und rang nach Luft. Die Bläß würde sie wohl nie mehr wieder« sehen! Die zu Haus wollten ja nichts mehr von ihr wissen. Immer im Galopp Unft Tar sie in der Hauptstraße, die erste Pferdebahn kain il,r entgegen— nun Ecke Colonnenstraße. Immer rascher. Endlich das letzte Haus! Das Tor wurde eben auf- geschlossen: Arbeiter, die in die Fabriken gingen, begegneten ihr auf dem Hof. Atemlos stürzte sie die bielen Treppen hinauf. Tie Mathilde würde einen«chreck bekonime», wenn es so früh bei ihr anpochte. Tie lag wohl noch und schlief, vor halb acht brauchte die nicht auf ihrer Auswartstelle zu sein. Poch, poch! Tie Tür war natürlich noch verschlossen. Keine Antwort. Mine klopfte stärker. Das mußte man sagen, die hatte einen guten Schlaf. „Mathilde! Sic!" Mine nahm die ganze Faust: auf- wachen mußte sie doch! „Mathilde! Mathildchen! Ich bin's, de Mine!" Horch, rührte es sich nicht drinnen? Mine stand lauschend, mit vorgencigtein Kopf. Nichts! Nur das Hämmern ihres eigenen Herzens. Eine unerklärliche Angst überfiel sie plötzlich— warum machte sie denn nicht ans? „Mathilde! Jeses, machen Sc mcr doch ufl Ich Hab ftcnc Zeit. Mathilde!" Aber jetzt! Innen ertönte ein Winseln nun erschrockenes Kindcrweinen I Aber ganz schwach, ganz matt, wie aus heiser geschrieencr Kehle. „Fridchen!" Mine warf sich gegen die Tür, daß die in den Angeln zitterte. Sie lugte durchs Schlüsselloch: von innen steckte der Schlüssel nicht. „Fridchen, Fridchen!" Alles still. Verzweifelt sah sich Mine um: mit sinnloser Heftigkeit donnerte sie aufs neue gegen die Tiir. „Mathilde! Fridchen!" „Nanu, so'n Radau?! WaS's denn los?" rief eine Stimme, und die Nachbarin linker Hand steckt? den Kopf zn ihrer Tür heraus. Auch rechter Hand erschien jetzt ein alter Mann: beide waren notdürftig bekleidet. Die Nachbarm in Unterrock und Barchent-Nachtjacke, die Haare unter einer schmutzigen Nacht-. mütze versteckt: der Nachbar mit zerschlissenen Hosen und wollenem Hemd. „Na. ängstigen Se sich man nich," sagte die Frau; ,.villeicht schläft sc!" „Ne, ach ne!" Mine weinte fast.„Fridchen, Fridchen!" Sie pochten mit vereinten Kräften. „I, denn wird se woll jestern abend jarnich nach Hanse jekonimen sind," sagte endlich die Frau. Sich nach ihrer Wohnung zuwendend, schrie sie in die Tür:„Alma! Alma, sagtstc nicht jestern:„Mntta, wat de olle Mathilde sich us° takelt!" Jing se nich weg, so jejen viere, in schwarze Seide?" „Jawoll," krähte eine spitze Stimme, und ein junges Mädchen in knrzeni, himmelblauem Flanellröckchen, die Füße, noch ohne Strümpfe, in zerrissenen Latschen, zeigte sich. Eine große Brennschere hielt sie in der Hand. Neugierig starrte sie unter ihrer wuschigen Mähne hervor auf Mine.„Ach. det is des Mächen, die ihr Kind bei die Mathilde hat! Sie, Ihre Kleene hat de janze Nacht jebrüllt, wie an'n Spieße!" „Fridchen!" Mine wurde totenblaß. „Herr Schminski, Sie wissen ja Bescheid, sehn Se doch mal bei'n Schlosser rum, det die Person bei ihr Kind kommt." sagte die Nachbarin. Gutmütig trottete der Alte ab. Mine kniete vor der Tür nieder, versuchte durch das Schlüsselloch etwas zu sehen und rief kosende, beschwichtigende, zärtliche Worte. „Tu. Mutta," sagte das junge Mädchen mit der Brenn- schere,„Bruno singt immer det von..Male mit'n Klaps", wenn er se bejejent. Se hat ooch'n Klaps weg: schon mehr wie ccncn. Du hättst ihr mal sehn sollen, wie se jestern los- jondelte— zun Radschlagen! Un'neu jrünen Strauß trug se an de Brust!" Verschiedene Leute kamen jetzt die Treppe herauf: Herr Schminski hatte Alarm geschlagen. Auf einmal ivußte jeder etwas über Mathilde zu berichten. Sie stellten sich alle um Mine auf. „Sie. Fräulein," sagte der Flickschneider, der geradd gegenüber, fünf Treppen, auf de? anderen Hofseite wohnte, »wie konnten Se d e r bloß det Kind anvertrauen?! Ick habe ihr öfter abends mit de Kleene an'n Fenster stehn je sehn. Ick dachte jeden Oogonblick: Nu schmeißt se't runter! Vorjestenr abend war se janz aus'n Häuschen, da stand se alleene an'n Fenster, splintersasernackicht, in'n Hemde, un nippte ihren Myrtenstock ab. Un lachte immerzu." „Wat Se nich sagen?!" Das ganze Interesse wendete sich jetzt dem Schneider zn. „Mit die is's an'n Ende," sagte er in demselben Tonfall, wie:„Tie Hose is fertig."„Jeht ihr man suchen, die liegt irgendwo in'n Kanal. Ick wer' man jleich uf de Pollezei abschieben un Meldung machen." (Fortsetzung folgt.) V)cyy Kba und frau JVIirit. Tie Zeit der ägyptischen Ausgrabungen ist längst vorüber. Was die Männer der Wissenschaft von alten Gräbern nicht fanden, das plünderten die Fellahs und Beduinen aus, und da der Handel mit Mumien, altägyptischcm Schmuck und echten Papyrusstreisen zurückging, so entstand in unserer erfindungsreichen Zeit eme schwunghafte Industrie, welche sich mit möglichst echten, möglichst alten Sarkophagen und anderen Kostbarkeiten aus der Zeit den Pharaonen beschäftigt. Unter diesen Umständen war es ein Er- cignis, als vor einiger Zeit ein italienischer Gelehrter, Schiap- parelli, ein vollständig intaktes, 4000 Jahre altes Toppclgrab cnt- deckte, welches bis jetzt nur durch«inen großen Erdrutsch vollständig verborgen geblieben war. Tic große Wichtigkeit des Fundes bestehr nicht iu der Entdeckung der Mumien oder der Wertgegenstände, wie sie zu Hunderten in den großen Museen Europas zu sehen sind, sondern darin, daß das Toppelgrab für sich«ine wohlerhaltcns ägyptische Häuslichkeit mit der intimen Atmosphäre eines glücklichen Ehelebens enthielt. Als vor 4000 Jahren der Ingenieur und Architekt Kha vier Tage nach dem Tode seiner Frau sich zur letzten Ruhe niederlegte. ahnte er sicher nicht, daß die traute Heimlichkeit»er kleinen Woh- nung, die er sich bei Theben für seine tote Frau und sich einrichten lieh, nach vier Jahrtausenden in einem fremden Land, vor fremden Menschen enthüllt würde. Der italienische Forscher hat nämlich das ganze Grab im Museum seiner Baterstadt Turin, genau so wie cS aufgefunden worden war, aufstellen lassen. Was darin alles aufgefunden wurde, davon kann man sich eine Borstellung machen, nach einer im Museum hängenden Photographie, welche den Zug von ägyptischen Lastträgern zeigt, die unter der Führung Schiapparellis allein die im Grab enthaltenen Möbel transportierten. Es sind nicht weniger als zwanzig mit Kisten und Koffer» beladcne Fellahs. Das Grab, so wie es jetzt im Turiner Museum steht, ist nichts geringeres, als eine wohleingerichtete allerliebste kleine Haushaltung, in welcher nach altägyptischer Vorstellung oer Haus- Herr und die Hausfrau ihr behagliches Leben nach dem Tode fort« zusetzen gedachten. Sehe» wir uns zunächst einmal die beiden an. Herr Kha, wie aus dem fünfzehn Meter langen PapyruZ- streifen seines'Sarges'hervorgeht, lvar zu Lebzeiten bei den großen Bauten von Theben als Architekt beschäftigt, liegt balsamiert und von Bändern umwickelt in seinem vergoldeten Savgtrog. Er muß ein großer starker Mann gewesen sein, 1,70 Meter hoch, mager und muskulös, mit einer mächtigen Stirn und einem kühnen Gesicht. Er trägt ein kurzes Tuch um die Hüften und keinerlei Schmuck. Seine Frau, Mrit, ist klein, graziös und nur 1,50 Meter hoch. Sie war bei ihrem Tode höchstens 24 Jahre alt, und der goldenen Gesichtsmaske nach, die auf ihren Wunsch ihre Züge verewigen sollte, mutz sie eine reizvolle kleine Schönheit gewesen sein. Alle beide tragen um den Kops lange Kränze, geflochten aus Perseablumen. Noch jetzt kann man jede Blüte, jeden Blütenstil, jedes Blatt unter» scheiden� gerade, als ob die Kränze vor einigen Wochen hingelegt worden wären. Der Kultus, den die Aeghpter mit ihrem Leichnam trieben, ist gerade kein Zeichen einer sehr hochentwickelten inneren Kultur oder eines tiefen Naturverständnisses, und doch danken wir gerade diesem Totenkultus die intime Kenntnis des Lebens zweier Menschen vor vier Jahrtausenden. Der Architekt Kha muß eine Künstlernatur gewesen sein. Das sieht man an dem Stil der Möbel, der Stühle mit eingelegter Holzvcrziernng und des mit einem Lederüberzug bedeckten Sofas. Alle Möbel sind in ihren einfachen Formen Muster eines feinen Geschmacks. Die Wasserwage, die Schachteln mit Pinseln und Farben, das ganze Handwerkszeug, das neben dem Sarge liegt, alles das sind Produkte eines hochentwickelten Kunstgewerbes. Herr Kha muß auch ein Sammler gewesen sein und er scheint eine besondere Vorliebe für Stöcke gehabt zu haben. Es befinden sich nicht weniger als ein Dutzend derselben in dem Grabe. Einer davon steht allerdings seiner Form und seinen» Zwecke nach in einem furchtbaren Gegensatz zu den elegant ein- gelegten Spazierstöcken. Es ist der„ftürbasch", die massive aus Leder, Holz und Eisen gearbeitete Peitsche, mit deren Hilfe alle oie großen ägyptischen Prachtbauten errichtet wurde». Mit diesem Totschläger wurden widerwillige Sklaven einfach niedergehauen. N!ur mit einem so cnisehlichcn Znchtm'.ticl konnte die Disziplin unter den kriegSgesangencn, zur Sklavenarbeit vertvcndetcn und Wie Lasttiere behandelten Böller aufrechterhalten> Verden. Daß der Ingenieur Kha seine Frau liebte, sieht man nicht nur an der sicher von ihm selbst angeordneten Einrichtung ihres Grabes, sondern vor allem an dem reichen, feinen Schmuck, den er ihr geschenkt. D« steht noch ihr Nähkörbchcn mit einem aller- liebsten Durcheinander von vergoldeten Scheren, Fadenknäucln mit toeißcr und roter Seide, einem elfenbeinernen Handspiegel, Kämmchen mit Edelsteinen, angefangenen Stickarbeiten und da- zwischen getrocknete Rosinen.damit sie ja gleich wieder etwas in den Mund zu stecken habe, wenn sie aufioacht, um wciterzusticken. In 12 reizenden kleinen Koffern aus bemaltem Holz, mit Elfenbein und Perlmutt eingelegt, liegt ihre Wäsche. Sie war ein raffiniert angekleidetes kleines Weib, Frau Mirit, und hatte viel Ordnung. Ihre Wäsche ist weich wie Battist, von einem feinen Elfcnbcinton; gestickt, mit reichen Goldfranzen verziert und sorgsam gebügelt und zusammengelegt. In jedem Koffer liegt andere Wäsche. Da Hemden, dort Mäntel, dort Gürtel und dort wieder Tischtücher und Servietten. Alles peinlich sauber, mit ihreni Zeichen gestickt. Eine Art Waschtisch enthält die Toilettengegenständc, vor allem eine Perücke niit hundert fein geflochtenen Zöpfchen, Alabaster- flaschen mit Parfüm, Onyrbüchsen mit Salben und eine ganze Plnzahl der feinen kleinen Instrumente zur Gesichts- und Haud- pflege. Aber auch Tafelgeschirr in reicher Auswahl, Früchte, frische und eingemachte, Brot und Bisquits sind vorhanden. Wenn der Ingenieur Kha und seine kleine Frau wieder aufwache», können sie. ohne in Verlegenheit zu kommen, jeden Besuch zu Tisch ciu- laden. Das reizendste an diesem Ehegrab, dieser Grabesche, der zwei dicrtausendjährigen Menschen ist aber die Atmosphäre der Liebe, die in dieser kleinen Totenhaushaltung noch jetzt weht. Eines der erhaltenen Kleidungsstücke läßt mit Sicherheit darauf schliesien, daß der ägyptische Ingenieur seine Frau auch auf Reisen mitnahm. Sie befitzt nämlich einen großen Reisemantel niit weiten Seiten- taschen, in die man Wäsche hineinstecken konnte und den man nachts im Zelt ausbreitete, um darauf zu schlafen, lind dann noch eins. Im Grab stehen, vollständig gerüstet mit den feinsten Leintüchern und Spitzendecken, zwei wcißlacktcrtc Betten. Am oberen Ende, anstatt der Kopfkissen zwei niedere schcmclartige Gestelle aus Holz, in die man den Kopf legte. Die alten Aegypter müsien einen guten Schlaf gehabt haben, daß sie ein solches Kopfkissen bequem fanden. Aber auch da sorgt Herr Kha. Sein Kopfschemel ist aus einfachem, lackiertem Holz; der der Frau aber zum Schutz für ihren kleinen Hals mit Leder überzogen und mit farbigen Bändern geschmückt. Wie gut muß es gewesen sein zu sterben, wenn man im Grabe schon die Ehebetten rüstete für das Wirde rerwa che n. A. F. f>anö v. jviarccs. Die Ausstellung von Werken des Malers Hans v. MaröeS, die Vor kurzem in München gezeigt wurde, ist jetzt, durch einige Arbeiten vervollständigt, nach Berlin geschafft und in den Räumen des SezessionöhauseS untergebracht worden. Fast das ganze Lebenswerk deS großen Meisters, der seinem eigenen Urteil nach flets ein Lehrling blieb, sieht man hier beisammen, und dem Kunst-- reunde ist die seltene, wahrscheinlich nie wiederkehrende Gelegen- heit geboten, sich über daS Wesen, Schaffen und Streben eines Künstlers gründlich zu unterrichten, der in der Geschichte der Malerei des 10. Jahrhunderts eine ganz einzigartige Stellung einnimmt. Als MaröcZ in» Jahre 18K7 im Alter von 20 Jahren ans dem Leben schied, war sein Name mir in den Kreisen seiner Berufs- genossen bekannt. Und auch diese, mit wenigen AuLnahnien. hielten rhn lediglich für einen querköpfigen Sonderling. DaS große Publikum, ja selbst die Kritiker und Kunstgeschichtschreiber jener Zeit wußten überhaupt nichts von ihm. Die Schuld daran trug nicht allein das Publikum, sondern zum großen Teil auch MarveS selbst. Denn nach- dem er sich von den Schlacken der akademischen Tradition befreit, und sich selbst gefunden hatte, war er kaum noch mit einein Werk an die Oeffentlichkeit getreten. Nur einmal gelang eS dem Berliner Kunsthändler Gurlitt, ihm ein paar Arbeiten für eine Ausstellung abzuringen. Die Großherzigkeit eines begüterten Freundes, Konrad Fiedler, ermöglichte eS ihn», ohne Rücksicht auf den materielle» Erfolg zu schaffen. Er schloß sich in sein römisches Atelier ein und arbeitete, unermüdlich und nie befriedigt, an Werten, die er selber nur als niedere Vorstufen zu dem hochragenden Wunderbau be- trachtete, der seinem Streben als letztes Ziel vorschwebte. Keine seiner Schöpfungen genügte ihm. Er hielt sie in der Werkstatt zu- rück, und nur die Intimen sahen und bewunderten sie. In diesem Verzicht auf laute und breite Anerkennung lag keinerlei Tragik. MareeS hatte sein LoS freiwillig gewählt. Er verschmähte den �cr- splitternden und verwirrenden Kampf um öußeren Ruhm. eS genügte ihn,, daß er selber an sich glaubte, und er wußte, daß seine Zeit einst kommen werde. Der Einsame und Unbekannte ist nie an sich irre geworden und er hat schon bei Lebzeiten eine kleine Anzahl hochstrebender junger Künstler um sich geschart und zum begeisterten Glauben an sich gezwungen. Ich nenne nur den großen Bildhauer Adolf Hildebrand, der zum Kreise MaröeS gehörte und der selber freudig bekennt, daß er das Beste seiner Kunst den Anregungen deS verstorbenen Freundes verdanke. Bildende Kunst ist Gestaltung für das Auge. Ihre Aufgabe be» steht darin, sichtbares Sein zu möglichst klarem und möglichst reichem Ausdruck zu bringen. Das Ziel der Malerei in» speziellen ist— auf die einfachste Fonnel zurückgeführt— nichts weiter, als mit Hilfe der Linie und der Farve auf einer Fläche den Eindruck eines dreidimensionalen Raumes hervorzubringen. Von diesen elenientaren Betrachtuiigeil ausgehend, richtete Mörses sein Streben zunächst auf die inaleriichc Gestaltung des Raumes. Jedes Gemälde muß, wenn es auf den Beschauer ruhig und klar wirken soll, vor allem die Grmidrichtnngei» des Horizontalen und des Senkrechten scharf zum Ausdruck bringet». Eine ebene Wiese und eine Mauer, ein Wasser- spiegel und ein Baumstamm geben dem Beschauer das beruhigende Gesühl eines klaren räumlichen Verhältnisies zur Bilderscheinung. Dieser einfachsten Hilfsmittel bedient sich Maröes mit Borliebe zur Erreichung des genannte» Zwecks. Den so geschaffenen Raum gilt es nun mit Figuren, mentchlichen, tierischen usw. zu bevölkern. Aber diese Gestalten sollen nickt als bloße Staffage dienen, sondern sie sollen mit dem Rauin, in dem sie stehen, als ein— im künstlerischen Sinne— organisches Ganzes verwachsen. Sie sollen auch ihrerseits den Eindruck des Räumlichen so stark als möglich klären und bereichern. Die bloße Nachahmung der Natur kann zu diesen» dem Künstler vorschwebenden idealen Ziele nicht führe». Denn jeder Natur- ausschnitt wird eine Menge Details aufweisen, die dein Zwecke des Kunstwerkes widersprechen. Der Künstler wird also diese Details fortlassen, dafür aber andere, die der Naturausschnitt nicht bietet, hinzufügei»— kurz, er wird„stilisieren" müssen. Macves ging. ebenso wie Vöcklin mid andere, in dieser Hinsicht den radikalsten Weg, indem er bei der Ausarbcitnng des einzelnen Kunstwerkes die Narür überhaupt nicht mehr zu Rate zog. Unterstützt von einen» bewundernswerten Formengedächtnis fer konnte ganze Akte mit allen Details sehlcrsrei aus dem Gedächtnis hinzeichnen) silchte er frei aus sich heraus etwas Neues zu schaffen. Er wollte aus einen» Guß ein arganischeS Ganzes gestalten, das die künstlerischen Ab- sichten völlig zum Ausdruck bringt und in dieser Reinheit und Vollkommenheit in der Natur selber sich nicht findet. Nach einen» ähnlichen Ziel hatten freilich auch die so- genannten„Idealisten" der akademischen Richtung gestrebt. Der Unterschied zwischen ihnen und MarüeS war aber der. daß jene sich für ihre Zwecke der Formen- und Farbensprache der alten Meister bedieiiten, während dieser durch ein inniges und eindringendes Studium der Natur die Gesetze»hrer Fornlen und Farben>n sich ausnahm und dann aus solcher intimen Kenntnis heraus neue färben- und Formenlompositioiien schuf. DaS ist die gewaltige luft, die diesen modernen Neu-Jdcalisten von den Epigonen der Antike und Renaistance trennt. Nicht in der toten Sprache des Praxiteles, des Rubens oder Michelangelo wollte Marves zu den Menschen des 19. Jahrhunderts sprechen, sondern in neuen Tönen, die die Natur selbst ihn lehrte und aus denen er seine ureigne Melodie sich bilden konnte. Wohl war er nach Noin gepilgert»nd hatte dort die für die Entlvickclung seiner Kunst entscheidenden Ein- drücke empfangen— aber er wurde ein„Lehrling der Alten" ledig- lich in dem Sinne, daß er sich, durch die Antike angeregt, zu der- selben Selbständigkeit gegenüber der Natur durchrang, die die Alten besessen halten. Wird schon der wahrhast naturalistische Künstler die Welt mit den unbefangenen und unverbildeten Augen eines Kindes betrachten und nur das in seinen Werken wiederzugeben suchen, was er selbst mit seinen Sinnen Ivahrgenommen hat, nicht lvas andere vor ihn» und neben ihn, sahen und darstellten— so hat der Idealist sich überdies von allem zu befreien, was Erziehung, Mode, Gewohnheit usw. an fremden SchönhcitSbegriffen in ilm gepflanzt haben. Der Schönheit empfindende und Schönes schaffende Sinn muß von allein Schutt der Tradition gereinigt werden und daS wiedergeborene Künstler-Ich muß das ihn» ureigentllmliche Ideal sich selber bilden. Diesen Aufgaben war das Lebenswerk Maroes' gewidmet. Zu einem vollkommenen Ausdruck dessen, was er bat sagen Ivollen,»st er freilich nicht gelangt. Mitten auf den, Wege»st der rastlos Suchende zusammengebrochen, er hat das Ziel, eine auf der klare»» Verkörperung seines individuellen Schönheitsideals beruhende neue Monumentalkunst zu schaffen,»»icht erreicht. Seitdem Maröes dieses Ziel klar erkannt hatte, hat er, außer wenigen Porträts und deu Fresken in der Zoologischen Station in Neapel, kein Werk völlig voll- endet. Die Neapeler Fresken, zu denen die Ausstellung einige interessante Studien»nd Entwürfe zeigt, mußte er in verhältnismäßig kurzer Zeit fertigstellen, und er durfte später keine Veränderungen an ihnen vor- nehmen. Dieser äußere Zwang allein schützte die Arbeiten vor der Vernichtung. Denn alles, was MaröeS sonst schuf, wurde immer wieder und wieder verändert und übermalt, biö schließlich oft nur ein Schalten boi, dem übrig blieb, was der Künstler anfangs be- abfichtigt hatte. Marues hat kein fertiges Werk, wohl aber neben zahlreichen Entwürfen eine Menge halbzerstörter Ruinen hinterlassen. Die großen Gemälde der Ausstellung: die Drciflügelbildcr„Raub der Helena",„Die Werbung",„Die drei Reiter"»nd»Die Hesperiden" sowie die Einzeltafcln„Drei Jünglinge",„Rosseführer und Nymphe",„Goldenes Zeitalter" und andere dürfen nicht als vollendete Schöpfungen angesehen und gewürdigt»verde,,. So meisterhaft sie durchweg in der großzügigen Einfachheit der Koniposition und ü» manchen herrlichen Details(uaincntlich den wunderbaren Akten) find, so ist doch kein einzige? von ihnen ein völlig abgerundere-Z, in allen Teilen gleichmäßig durchgearbeitetes Kunstwerk. Sie geben alle mehr oder weniger nur Andeulungen von dem. was MaröeS gewollt hat. Sie sind sozusagen Konzepte, nach denen erst später die Reinschrift ausgearbeitet werden sollte. Wie er selber seinen Jüngern immer loi'cbcr erklärte, kam es ihm zunächst nur darauf an. die Bausteine für die ne>', monumentale Kunst herzu- richten. Erst wenn er die elementaren Ausdrucksformen gefunden, wenn er gewissermaßen die Sprache geschaffen hatte, wollte er darangeben, in der neuen Sprache feine Hymnen zu fingen. Von diesem Gesichtspunkt ans wollte er seine Schöpfungen von den Blicken der Oeffentlichkeit verborgen halten, bis er des Sieges sicher war, «nd von diesem Gesichtspunkt aii3 muffen wir die hintcrlaffeuen Arbeiten des Künstlers bewachten. Aber ivemi auch MoreeS' Lebenswerk im einzelnen und im ganzen unsenig blieb, so ist eS doch nicht vergeblich gewesen. Schon bei Lebzeiten des Meisters hat seine Kunstanschauung in begeisterten Jünglingöherzen Wurzel geschlagen und Früchte gebracht. Heute, Ivo der Entwicklungsgang der Malerei einer neuen Mouumentalkunst entgegenstrsbt. wird der zu früh Verstorbene in vieler Hinsicht als Führer dienen. Freilich nickt in dem Sinne. daß man die Aeußerlichkeiten seiner persönlichen künstlerischen Handschrift nachzubilden sucht, sondern indem man gerade an seinem Vorbilde lernt, daß eigenes, unbeeinflußtes Studium der Natur und ein aus diesem Studium sich ergebendes selbständiges Schönheitsideal die Wege sind, die zum Ziele führen. Das letzte Ziel aber war für Maroes und ist für die werdende Maleraeneraiion der Gegenwart: eine große monumentale Stilkun st, wie die alten Griechen und die Renaissance sie be- sessen haben, nach neuen Prinzipien und auf neuen Grundlagen für unsere Zeit zu schassen. John SchikotvSki. kleines Feuilleton. Haarwachstum und Haarschneiben. Der berühmte Wiener Dermatologe Professor Hcbra hat bereits vor vielen Jahren im Gegensatz zu allen anderen Theorien die Ursache der häufigen Kahlköpfigfeit in dem Schneiden der Haare zu finden geglaubt. Eine Bestätigung dieser Ansicht liegt/ wie ein Aufsatz in den ..Blättern für Volksgesundheitspflege" ausführt, in den Unter- Buchungen des französischen Arztes Jean Pader in Nimcs, der sich Idamit'beschäftigt hat, durch 75 Tage das Wachstum verschiedener Kopfhaare zu messen. Er ging dabei so vor, daß er einzelne Haare mittels Farbe bezeichnete und nun in ihrer unmittelbaren Nähe einige andere Haare alle vierzehn Tage dicht an der Wurzel ab- schnitt. Nach etwa 11 Wochen bestimmte er die Summe aller abgeschnittenen Stücke und fand, daß nach fünfmaligem Schneiden die zusammengehörigen Stücke keine größere Länge zeigten als ihre Rachbarn. Er fand im Gegenteil, daß sie bisweilen hinter diesen zurückblieben. Zunächst wußte er dieses Verhalten nicht zu deuten, zu dem erst später Dr. Pohl in Berlin eine Erklärung fand. Aus den Arbeiten dieses Fachmannes geht hervor, daß das Kurzschneiden oder Rasieren die Haarwuchsgeschwindigkcit keines- Wegs vergrößert, sondern im Gegenteil für etwa vier Wochen ver- iringert. Auch in den verschiedenen Lebensaltern ist die Gc- schwindigkeit nicht gleich, und ebenso hat bis zu einem gewissen Grade die Jahreszeit Einfluß. Auch wachsen einzelne Teile des Kopfhaares, nämlich die Randstreifen an den Schläfen und im Nacken, langsamer als die übrigen Haare. Schließlich zeigt es sich, daß selbst Haare, die dicht nebeneinander stehen, nicht mit gleicher Schnelligkeit wachsen. Es ergab sich vielmehr die merkwürdige Erscheinung, daß je zwei bis vier benachbarte Haare des Kopfes in einer engeren Abhängigkeit voneinander stehen, so daß immer ein Haar einer solchen Gruppe eine Zeitlang schneller wächst als die übrigen, woraus dann dieses schnellere Wachstum auf ein anderes Haar derselben Gruppe übergeht und so weiter, bis der Kreis wieder geschlossen'st. Dies Spiel wiederholt sich un- aufhörlich. Infolgedessen findet auch das Ausfallen und der Ersatz der Haare abwechselnd statt, so daß kleine abgegrenzte Stellen !der Kopfhaut kahl werden. Erst nach Bekanntwerden dieser Tat- fache vermochte inan die Messungen des Haarwachstums in rationeller Weise durchzuführen. Man weiß nunmehr, daß vom tll. bis zum 17. Jahre durchschnittlich 12,5 Millimeter im Monat, vom 20. bis 24. Jahre 15 Millimeter und bis zum 60. Jahre •11 Millimeter Zuwachs statrfindct. Wenn der Gesamtorganismus erkrankt, z. B. bei Fieber, nimmt das Wachstum ab und hört bei gewissen Gesundheitsstörungen vollständig auf, so daß ein Ausfall der Haare stattfindet, das aber nach erfolgter Gesundung wieder ausgeglichen wird. Diese Erscheinung ist namentlich beim Typhus allgemein bekannt. Die Ergänzung des in dieser Weise aus- gefallenen HaareS findet ganz von selbst statt und ist niemals auf �Rechnung eines Haarerzeugungsmittels, das der Patient in seinem Schrecken über den Verlust in der Zwischenzeit etwa gebraucht hat, zu setzen. Allerdings geschieht dies nicht allzuselten, und manche von den pomphaft klingenden Attesten für wertlose Haarwucks- mittel sind hierauf zurückzuführen. Der Hauptgrund der Agitation gegen das Haarschneiden liegt in dem dichteren Haarwuchs de» weiblichen Geschlechts, bei dem ja die Kahlheit eine sehr viel seltenere Erscheinung ist. Man hat deshalb geglaubt, daß das häufige Haarschneiden bei Männern größere Anforderungen an die haarerzeugcnden Organe stellt, und daß darum eine vorzeitige Er- schöpfung der Haarbildung eintreten müsse. Daß dies irrtümlich ist, geht auS den dargelegten Beobachtungen hervor. Eine BS- kämpfung des Haarschneidens könnte man nur mit der..Achtung vor der Natur" begründen. Hauswirtschaft. DieGlasurderKaffeebohnen. Die Rücksicht darauf. daß ein Nahrungsmittel nicht nur gut schmeckt und nach dem Genuß gut bekömmlich ist, sondern auch schon durch gutes Aussehen den Appetit reizt, rechtfertigt sich in hohem Maße. Haben doch tief- griindige wissenschaftliche Untersuchungen den Beweis geliefert, daß oie Lust zum Essen schon den ersten Schritt zur vollständigen Aus- Nutzung der Nahrung für unseren jiörpcr bedeutet. Es klingt nicht sehr schön, ist aber buchstäblich wahr, daß dem Menschen dann„da? Wasser im Munde zusammenläuft", und gleichzmig damit bereitet sich auch der Magen bereits zur Verdauung der Speisen vor. Bei Rohstoffen, die erst nach durchgreifender Zubereitung auf den Tisch lammen, ist an dem Aussehen, sollte man denken, weniger gelegen. Trotzdem legen dir Verkäufer und die 5!äufer erhebliches Gewicht darauf, daß auch solche Waren den Blick reizen. Werden doch beispielsweise die Reißkörner poliert, ehe sie zum Verkauf gelangen. Eine besondere Behandlung erfährt in dieser Hinsicht der Kaffee, dessen Bohnen, lvenn sie in gebranntem Zustande verkauft werden, immer schön glänzen müssen. Diese Gewohnheit ist nun aber nicht lediglich um der Augenweide willen entstanden, sondern dient auch dazu, die Kaffeebohnen vor dem Verlust des Aromas zu schützen. In diesem guten Glauben ist es sogar in den Haushaltungen, des ihren Kaffee selbst brennen, Sitte geworden, die Bohnen in der Trommel am Schluß mit etwas feinem Zucker zu bestreuen. Der Verkäufer hat freilich noch ein anderes Interesse an einer der- artigen Behandlung der Bohne, indem er dadurch eine Ungleichheit in ihrer Färbung unsichtbar machen kann, die sonst vielleicht auf den Verkaufswert drücken würde. Außer Zucker verwandte man früher besonders Syrup oder auch cttvas Zuckerwasser. Diese Art der Behandlung hat sich aber als nicht vorteilhaft herausgestellt, weil sie einmal die Verflüchtigung des Aromas nicht sicher verhindert und ferner die Bohnen zu sehr beschwert. AuS diesem Grunde hat man Harze, und zwar Schellack und schließlich das einfache Kolophonium zu benutzen versucht. Das deutsche Gesundheitsamt gestattet diese Bch