Mnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 49. Donnerstag� den 11 März. 1909 Cftaftbcuit verboien.1 48) Das tägliche Brot Roman von C. V i e b i g. „Ick habe ihr noch jestern nachmittag jesehn. wie se hier Le Straße lang jing," schrie eine Frau.„Ick habe mir noch nach se rumjedreht. weil se so fein war. Mir sah se jarnich!" „Ick bin se ooch bejejent," rief eine andere.„Sc quatschte immerzu wat vor sich hin. Ick jloobe, se sagte:„Ich komme ja schon, ich komme!" Nn denn lachte se und quasselte janz seelcnverjnügt." Ein angenehmes Gruseln überlief alle. „Sie können von Jlück sagen, wenn Se Ihre Kleene noch an'n Leben finden," sagte die Nachbarin freundlich zu Mine. »,Wie leicht läßt so ecne en Kind verhungern oder tut ihn wat an. So'ne Leute sind ja jänzlich unzurechnungsfähig!" Mine zitterte am ganzen Leib: immer wieder rüttelte sie angstvoll an der Tür. Endlich kam Herr Schminski mit dem Schlosser. Der Mann konnte kaum hantieren, so umdrängten ihn die Neu- gierigen. Als die Tür aufsprang, fielen sie förmlich in die Stube: Mine kam nicht einmal als erste hinein. Aber am Bett war sie doch zuerst, mit einem Sprung hatte sie alle anderen überholt. Fridchen lag da mit offenen, erschrockenen Augen. Mit einem Gurt war sie sorgsam in den Betten festgeschnürt, heraus- fallen hatte sie so nicht können. Der Rest einer noch nicht gänzlich aufgeknabberten Schrippe war auf den Boden ge- kollert. Die Augen des Kindes waren verschwollen voin Weinen: die kleine Kehle war heiser vom Schreien, kein lauter Ton wollte mehr heraus. Als es die Mutter erkannte, lüchplte es matt. Mit einem Schrei riß Mine ihre Fridchen an sich: un- zählige Küsse drückte sie auf die blassen Bäckchen, auf die ver- schwitzten Härchen. Und dabei mußte sie in einem fort lachen und weinen vor lauter Glück. Die Umstehenden nahmen regen Anteil. „Was for'n niedlichet Mächen!" „Allerliebste kleene Jöhre!" „Jammerschade, wenn die wat passiert wäre!" Fridchen wurde reichlich bewundert. Eben befühlte die Nachbarin mit Sachkenntnis die Bein- öjen der Kleinen: sie hatte zu diesem Zwecke die rotweiß- geringelten Wollstriimpfchen ein wenig heruntergcstreift.„'n bißken lappig, aber doch ordentlich wat dran. Looft se schon? Wie alt is sc denn? Zwee, wat?" „O ne, erst im sechzehnten Monat," sagte Mine mit einem Gefühl ungeheuren Stolzes. „Wat Se nich sagen?! Ne. da können Se aber ooch stolz uf sein." Jede Frau wollte Fridchen mal heben, um zu prüfen, wie schwer sie sei. Sie wanderte von Arm zu Arm. Kein Mensch dachte an Mathilde, auch Mine nicht, bis plötzlich das Mädchen mit der Brennschere, das neugierig herumgespäht, überlaut rief:„Nu wird's Tag! Da hat se richtig den janzen Myrtcnstock ratzekahl jesäbelt, un ick dachte doch mal an meinen Hochzeitstag'ne Anleihe bei se zu machen!" „J. mit die ollen Myrten, jeh Du man ruhig so." fuhr die Mutter sie an.„Da druf kommt's nich an. Vor de Hand biste noch ville zu jriin, um an so wat zu denken." „Der schlägt»sich wieder aus," meinte nachdenklich der Schneider und betrachtete prüfend den Myrtenstock.„Na, nu braucht se ja ooch keencn mehr: die liegt unten in de Spree." Davon ließ er sich nicht abbringen. Mine, ihr Kind auf dem Arm, drängte sich erschrocken neben ihn. War's wirklich wahr, die Mathilde kam nicht mehr wieder?! Ihre Augen wurden groß und starr— wo sollte sie denn nun mit Fridchen hin?! Das Blut stieg ihr siedendheiß zu Kopf. Was nun?! Um Gottes willen, wohin mit dem Kind?! „Ach Jeses," stammelte sie bestürzt,„wo soll ich denn nn Fridchen lassen? Ich bin in Dienst!" Mit Entsetzen fiel'S ihr zugleich auf die Seele: sie war schon zu lange ausge blieben, nun mußte sich Herr Müldner allein den Kaffee kochen! „O je, o je!" Ratlos, in höchster Verlegenheit sah sie um sich. „Haben Se denn jar kcene Verwandte?" fragte die Nach« barin. „O ja— o ne— ja, ja, aber „Na, ick weeß schon, die wollen Se damit nich jerna kommen." Mine nickte und wurde dunkelrot. „Na, wissen Se wat— man is doch keen Unmensch, man kennt so wat ja— jcben Se mich de Kleene! Se wer'n schwerlich wat andret finden. Heutzutage will sich keener mehr mit so Watt bemengcn. Da is ja ooch keen Verdienst nich bei. man muß zu ville verfuttern: immerzu pappen wollen de Jöhren. Fufzig Fennije den Tag is so jut wie umsonst, nur weil Sie et sind!" Die Tochter mit der Brennschere wollte Einwand erheben: kleine Kinder machten so viel Geschrei, sie wollte wenigstens ihre ungestörte Nachtruhe haben. Aber die Mutter schrie sie an:„Halt'n Rand! Die wer'n wer schon stille kriegen. Ick nehme ihr!" Und damit hob sie das Kind ohne weiteres von MineS Arm und trug's hinüber in ihre Wohnung. Mine folgte. Als hätte selbst Fridchen den Unterschied zwischen Mathildes armer, aber sauberer Stube und denr wüsten Durch- einander, das sie hier aufnahm, bemerkt, so erhob sie jetzt ein heiseres, gequältes Geschrei. Mit scheuen Blicken sah sich Mine um. O, wie sah das hier aus! Ungemachte Betten, bespuckte Dielen, leere Bier- flaschen in den Ecken, unabgewaschenes Geschirr auf dem Herd, Lumpen, statt Gardinen, vor die Fenster gehängt. In allen Winkeln Schmutz, Schinutz. Viel zu viel Menschen in den zwei engen Stuben. Eben erhob sich gähnend ein Schlafbursche, ein halbwüchsiges Mädchen wichste Stiefel, ein zweiter Schlafbursche schrie nach seinein Kaffee. Eine gänzlich ver- brauchte Luft, alle möglichen Gerüche. Frida jammerte, angstvoll wollte Mine sie wieder an sieg nehmen, aber die Frau wehrte ihr: sie schien beleidigt.„Wat, Se denken woll, ick wer' nich mit se fertig? O, fcrmostl Jehn Se man! Sowie se Ihnen nich mehr sieht, is se janz zu- frieden. Wat, mein Schliuteken? Sss--- sss-- 1 Jehn Se man bloß!" Sie drängte Mine zur Tür. Mine wagte kaum mehr zu sagen:„Se hat Durst, ss möchte de Flasche!" „Soll sc kriegen, soll se kriegen, janz nobel, extra fein von Klingel-Bollel Sss-- sss--, jehn Se man bloß schonst!" Und Mine, einen letzten traurigen Blick auf ihr Kind werfend, ging: sie wollte die Frau doch nicht böse machen, sie mußte ja noch froh sein, daß die ihr das Kind abnahm. Wie geschlagen schlich sie die Treppe herunter. Es war ihr, als könne sie nicht aus dem Hause fort, nicht fort aus dem Tor, nicht fort aus der Straße. Sie zögerte. Aber sie mußte doch fort. Sie mußte zurück zu Müldners. Wie mochten die sich heute früh ohne sie beHolsen haben?! Ob Herr Müldner auch den 5iaffee gefunden und den Brotbeutel hereingenommen hatte? Wenn der so lange an der Hintertür hängen blieb, wurde er gewiß gestohlen. Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte. Fünfzig Pfennige den Tag! Jetzt erst kam es ihr zum Bewußtsein, wie viel das war. Herrgott, das konnte sie ja gar nicht aufbringen! Eine lähmende Angst befiel sie, schwer lehnte sie sich gegen die Messingstange eines Schaufensters und stierte die Waren an mit leeren, blöden Blicken. Dana fing sie an zu rechnen: wie ein Kind nahm sie alle zehn Finger zu Hilfe. Aber wie sie auch rechnete und rechnete: fünfzig Pfennig den Tag, das machte den Monat tausendfünfhundert Pfennige, das waren fünfzehn Mark! Fünf Taler! Und sie bekam das ganze Jahr nur fünfzig Taler! Ihre Lippen, die die Zahlen murmelten, wurden blaß. Schweiß trat ihr auf die Stirn. O, was nun—?! Angstvoll dachte und dachte sie nach. Woher das Geld nehmen? War denn da kein einziger, der ihr helfen konnte, ihr was zulegen, daß es langte? Plötzlich schoß es ihr durch den Kopf: bei denen zu Hause hatte sie ja noch etwas zu gut! Katte ftc denen nicht scchsundzwanzig Mark qeichicki zum Ankauf für die neue Kuh? Wiederhaben wollte fie's Geld ja gar nicht— nein, nein!— Aber sie konnten ihr wohl dafür die Kleine hinnehmen: Milch hatten sie ja genug. Zwei Kühe! Wer merkte da die Paar Schluck für Fridchen?! Und zulegen wollte sie ja auch noch jeden Monat etwas. Freilich, der Vater hatte ihr mächtig grob geschrieben, als fie daheim das von Fridchen zu hören bekommen. Herunter- gerissen hatte er sie, keinen guten Fetzen an ihr gelassen. Aber, wenn sie's jetzt so bedachte, hatte er denn nicht Grund gehabt?! Versöhnlich gedachte Mine der Eltern. Nein, es war unrecht von ihr gewesen, daß sie getrotzt, daß sie nicht mehr geschrieben hatte. Nun hatten sie über Jähr und Tag nichts mehr voneinander gehört. Ein Heimweh kam jählings über Mine. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie preßte die Hände ineinander. Ja, sie wollte hingehen und sagen:„Verzeiht mir!" Fünfzig Pfennig den Tag, wer konnte das wohl aufbringen?! Und dann der Schnmtz! Und würde die Frau gut zu Fridchen fein? Tie war eine Fremde; aber daheim die Mutter, die war doch die leibhaftige Großmutter. Wenn sie unvermutet eintrat, mitten unter die, zu denen sie doch gehörte, dann würden sie gewiß nicht mehr böse sein. Dann würden sie sich auch über Fridchen freuen; Fridchen war ja so niedlich I 23. Nicht nur die Bewohner des letzten Hauses der Colonnen- straße, nein, die der ganzen Nachbarschaft studierten die nach- ften vier Wochen emsig den Lokalanzeiger und alle ihnen erreichbaren Lokalblätter.„Ob sie wiederkam oder nicht?" „Ob sie gefunden wurde oder nicht?" war Tagesgespräch. Mathilde kam nicht wieder. Sie wurde auch nicht ge- funden. Wohl aber kam ihre Schwester, eine stattliche blühende Frau und nahm einstweilen die Hinterlassenschast der Ver- fchwundenen an sich. Tie Nachbarin sah neugierig zu, wie sie die Sachen zusammenkramte. Gegen Abend kam der Mann und half der Frau, den Koffer mit Mathildes Ausstattung wegtragen. Als Mine am Sonntag ihr Kind besuchte, steckte ein Buchdeckel aus den, Kohlenkasten der Nachbarin heraus, sie zog ihn neugierig zwischen den Preßkohlen vor, die ihn ein- klemmten. Aber hastig ließ sie ihn wieder fahren, als ob er ihre Finger brenne es was Mathildes Buchchen..--- lFortsetzung folgt.) Die Läufe. von Wilhelm Hol z a m e i Tran ist an dieser Geschichte gar nichts. Und es ist auch gar keine Geschichte. Man könnte nicht sagen, wie das sonst beliebt: sie hat sich so zugetragen. Denn ein Zutragen ist auch eigentlich nicht in ihr. Und wenn man ganz ehrlich sein will, trägt sie sich eigentlich noch zu. Denn Läuse kann jeder kriegen. Die Haupt- fache ist nur, daß man sich tüchtig laust. Das ist aber für mancljcn gar nicht so leicht und einfach. So wird denn mancher sein Lebtag lang die Läuse nicht loS. Bchüt Gott jeden davor.... Also: am Freitag ivar in Odenhausen Waldiag. Der neue Oberförster hatte ihn eingeführt, der von da hinten so irgend einem Fcudalgrundbesitz in den Staatsdienst herübergenoinmen worden war. Besser als Waldtag hätte es Frontag geheißen. Aber Waldtag hatte einen besseren Anstrich. Und die Fron war mit aller- Hand Waldangelcgenheiten garniert, wie mit Holzversteigerungen, Laubvcrsteigerunge», Parzellenverteilungcn, Vergebung von Wald- arbeiten und der Bekanntmachung der Freitage für Holzlcse, Holz- heimfuhr usw. Die Hauptsache war aber die Frone. Die Sache war so. Der neue Oberförster konnte die feudalen Gewohnheiten von da hinten nicht so ohne weiteres ablegen und behielt sie auch im Staatsdienst bei. Sie gingen selbstverständlich gegen die Menschenwürde. Man konnte ihm schon äußerlich ansehen, daß«r sich dazu eignete. Er sah aus wie einBär. Beine hatte er wie Kirchcnsäulcn und Füße wie Rheinnache» und einen Schädel wie «in Klotz. Und immer hatte er die Hundspeitsche in der Hand. Aber die Bauern machten alle nur die Faust im Sack vor ihm. Sie fronten mit heimlichem Murren. Denn.'r ließ sie fronten. Kourage hatte man keine in Oxenhausen. Die hat der Pfarrer von Kindsbeinen an den Leuten abgewöhnt. Und hell ist man da auch nicht. Das Schulhaus steht nämlich gerade neben dem Pfarr» Kavs. Der neue Oberförster strafte also nur mit Frondienst. Was die Waldschützen zu Protokoll brachten, besonders im Herbst, wenn das Laub gerecht wurde, und einer ein bißchen uebenhinaus gerecht hatte,— freilich nebenhinausgerccht und nebenhinausgclNden vom anderen seinen Teil wurde immer ein wenig, das gehört zur Baucrntugeud—, das wurde mit Frone bestraft. Und der Freitag war der Fcontag. Da kam man von allen Orten ringsherum zu- sammcn, die Förster, die Waldschützen, die Bauern und die armen Leute, die bestrast worden waren, und die, die von den Bauern bezahlt waren, die Frone für sie zu verrichten. Und die Frone wurde tüchtig getan, auf den Stuwdenschlag. Ter Oberförster arbeitete so an der Erziehung des Menschen- gcschlechtes. Was an einem Freitag nicht fertig werden konnte, das wurde aus den anderen aufgeschoben, denn das Jahr hat ja zwciundfünfzig Freitage. Und zudem darf die rechte ErziehungS- arbeit nicht halb sein, dafür zahlt man ja auch dem Staate die vielen Steuern. Und der Oberförster war ein gewissenhafter Mann. Er wußte dem gemeinen Volke Raison beizubringen. Und Raison» da» ist für das Volk die Hauptsache. Nun war in Oxenhausen das Wirtshaus„Zur heiligen Ein- tracht". Auf das blieb der Waldtag nicht ohne Einfluß. Früher hatten sich nämlich jeden Mittwoch abend die edlen Bürger von Oxenhausen hier versammelt, um die entscheidenden Fragen des menschlichen Daseins endgültig zu lösen. Durch den Waldtag wurde dieser berühmte Mittwoch abend aufgegeben und der Freitag abend ersetzte ihn. Da nun der Oberförster gewissermaßen das Präsidium führte, so konnte sich auch die Hautevolee von Oxenhausen, ohne sich etwas zu vergeben, an den Abenden einfinden. Die hohen Herren waren gewissermaßen durch den edlen Oberförster gedeckt, wenn sie mit Elementen in Berührung kamen, die ihrer Würde nicht würdig waren. Und nun wuchsen alle Fragen und Lösungen zu einer noch bedeutenderen grundlegenden Bedeutung. Außerdem merkte maw aber auch bald, daß in dem seitherigen Brauch, oer unbesehen von den Mittwochabenden her übernommen worden war, ein« Aende- rung eintreten müsse, denn der Abstand von Mensch zu Mensch und Stand zu Stand, ja zwischen Jud und Christ sogar, Ivar so, wie es war, völlig und unheilvoll verwischt. Dieser Abstand mußte vernunftgemäß festgelegt und innegehalten werden. Es konnte niemand zugemutet werden, unter seiner Würde zu Verkehren, das war man seiner Bildung und seinem Stande schuldig. Denn Bildung ist nicht dazu da, daß sie die Menschen verbindet, sondern daß sie sie unterscheidet. Das fordern gebieterisch die Standesinter- essen und die mit schwerem Gelds erworbenen akademischen Grade. So konstituierte sich die Menschheit erster Kasse in Oxenhausen, die Gesellschaft„Eins A" proklamierte ihre höheren Menschenrechte am Waldtagabend im Gasthans„Zur heiligen Eintracht" in der geseg- nctcn Kleinstadt Oxenhausen. Tie günstige EntWickelung von Oxenhausen hatte es mit sich gebracht, daß die Gesellschaft„Eins A" beträchtlich angewachsen war in letzter Zeit. Denn jede Entwickolung hat ihre besonderen Vorteile. Oxenhausen war angefüllt von höheren Sphären. Es hatte ein Kreisamt bekommen. Da waren also der Kreisrat, der Amtmann, die Assessoren, die Bureauvorsteher, der Kreisamtödiener. Ferner hatte Oxenhausen ein Amtsgericht bekommen. Da waren der Oberamtsrichter, die Amtsrichter, die Gerichtsschreibcr, die Assessoren, die Schreiber, und die Ämtögerichtsdiener. Tann hatte Oxenhausen auch noch eine Realschule gekriegt. Da waren der Direktor, die Professoren, die Doktoren, die Akademiker ohne bc- sonderen Titel, die charakterisierten Reallehrer mit Seminar- bildung, der Zeichen- und der Turnlehrer. Dann waren noch die Aerzte niit und ohne Toktoriitcl da, die Baubeamten, die sich mit Künstlerstolz trugen, und endlich, die immer dagewesen waren, die Kommunalbeamtcn, der Bürgermeister, die Beigeordneten, die Ge- meinderäte bis zu den Polizcidienern hinab. Nun begannen die inneren Schwierigkeiten. Tic Rangfrage erhob ihr Schlangenhaupt. Zuerst in den Kreisen der«Eins A"-Leute unter sich. Der Rcalschuldirektor, der die wichtigsten algebraischen Aus- gabüst der Welt in Sonderabdrucken einer malhematischen Fackzeit- schrift gelöst hatte, wollte dem Kreisrat nicht weichen, der Ober- amtsrichter nicht dem Rcalschuldirektor, und schließlich konnten alle Juristen für sich in die schwankende Wagschalc der wahren Wertigkeiten die überragende Geltung der juristischen Bildung werfen, so daß sie die Mathematiker und Philologen eo ipso als unter sich stehend und nur bedingungsweise als vollwertig zu be- trachten hätten. Die Rangfrage, die die Grundfrage aller bürgcr- lichen Ordnung ist, mußte trotz aller Schwierigkeiten endgültig ge- löst werden, denn ohne diese Lösung konnte Oxenhausen nicht ge- decken, und die Gesellschaft„Eins A" konnte sich nicht entwickeln zu ihren immer Höheren Sphären, die von dem gemeinen Bürgcr und der Menschheit niederen und biederen Grades rein zu halten waren. Und Ivas das wichtigste war, ohne diese Lösung waren die patriotischen Fest- und Zweckessen in der«Heilige» Eintracht" gar nicht abzuhalten, oder wenigstens nicht ihrer hohen Bedeutung ent- sprechend würdig, dem eigenen Werte und der persönlichen Wichtig- keit zur Genüge und der hohen Obrigkeit zur größeren Ehre. Und die Waldtagabende in der„Heiligen Eintracht" mußten in sich selbst zusammenbrechen, wie alles, ivas in der Welt nicht richtig geordnet und gefügt ist, wenn nicht jeder seinen ihm eigens zukommenden Platz hatte und niemand mehr es wagen konnte, sich über den anderen zu erheben. Die inneren Schwierigkeiten der höheren Menschheit»varen auf dem besten Wege, gelöst und beseitigt zu 195- wcrden. man konnte fast schon daran denken, die Grenzen nach außen und unten hin zu ziehen, ob man mit der akademischen Vit- dunl? überhaupt abschließen sollte, oder ob aus Gründen einer gc- wissen Wohlwollcnheit die Schreiber und die gctröhnlichen Schul- lehrer und solche Leute noch geduldet werden könnten. Sie hatten zwar nicht die eigentlichen Bildungsgrade, aber sie hatten immer- hin einen gewissen Beamtencharakter. Man ließ diese nicht un- wichtige Frage vorläufig noch unentschieden, sie sollte aber gleich als zweiter Punkt erledigt iverden, denn man wollte es unbedingt vermeiden, durch einen plötzlichen Bruch mit alten verderblichen Gepflogenheiten zu exzitieren und zu provozieren. Man entschied also vorläufig, daß bei allen kommunalen Veranstaltungen und Festessen, die einen vorwiegend kommunalen Charakter hatten, der Bürgermeister präsidieren sollte, Kreisrat und Amtsrichter zur Seiten, im Wechsel mit dem Realschuldirektor und dem ersten Arzt, weil auch dem ärztlichen Studium gewissermaßen Genüge geschehen mußte, obgleich sich bei den Aerzten aus gewissen verwerflichen ober leider unvermeidlichen Kundenrücksichten die Grenzen dem Publikum gegenüber leicht verschieben und oft ganz und gar der- wischt sind. Bei allen Staatsfestesscn und-Veranstaltungen aber sollte der Kreisrat präsidieren, wie das selbstverständlich war. Ober- amtsrichter und Realschuldirektor abwechselnd zur Rechten und zur Linken, weil das die sichtlichen Vorsteher einer Behörde von einer unzweifelhaften Selbständigkeit waren und nur noch den Minister über sich hatten, während der Oberförster und der erste Arzt nicht in diesem Sinne eine gleichwertige Behörde darstellten. Für die übrigen höheren Menschen regelte sich dann auf dieser Grundlage die Rangfrage von selbst. Aber da war noch der KriegcrvereinSpräsi- dent, der Schlvierigkeiten machte. Einmal der Reserveoffiziere wegen, und dann konnte man nicht mit Sicherheit feststellen und entscheiden, ob er kommunal oder staatlich zu charakterisieren war. Da bekam Oxenhausen auch noch ein Meldeamt, mit einem charakterisierten Major an der Spitze. Das klärte die Situation insofern, als es nun klar und entschiedeil war, daß es in Oxenhausen nur zwei Behörden mit Ivirklichen Spitzen gäbe: die Verwaltungsbehörde und die Militärbehörde. Tie hohen Gerichts-, Schul-, Forst- und Kom- munalbehörden am Orte rückten damit ganz von selbst in die zweite, respektive dritte und vierte Reihe. Die einzige Gefahr war nur, daß der Kriegervereinspräsident, der eigentlich nicht zur„Eins Menschheitsklasse zählte, zu hoch hinaufrücken konnte. Ein crlcuch- teter Assessor, der sich auf eine besondere Reservcoffizierkarriere einrichtete, fand aus der Fülle seines patriotischen und allteutschen Empfindens die richtige Lösung: der charakterisierte Major mutzte zum Ehrenpräsidenten deS Kriegervereins ernannt werden. Damit war der bürgerliche Kriegervereinspräsident auf die Seite geschoben und konnte nicht mehr in Betracht kommen. (Schluß folgt.) DU moclernen Papiere und ibvc Verstellung. BiS in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts benutzte man zur Papierfadrikation fast ausschließlich die Leinfaser von Hadern. Der steigende Papicrbedarf hatte allerdings schon früher zur Umschau nach Surrogaten für die Leinfaser genötigt. Zu- nächst wurde auch Hanffaser zur Papierfabrikation verwendet und das Hanfpapicr erwies sich als zienilich ebenso haltbar wie das Leinenpapier. Hansfaser ist noch heut das Material für Bmrk- , roten. Iieben Hanf verwendete man auch bald Baumwollcnhader zur Papicrfabrikätion. Solches aus Baumwolle hergestellte Papier hat einen weichen, samtartigen Griff, während Leinen- und Hanf- papicr einen etwas harten und steifen Griff hat. Das zeigen schon die Gewebe, die aus diesen Fasern hergestellt werden. Ein bäum- wollenes Taschentuch fühlt sich schon beim Zusammenknüllen mit der Hand viel weicher an als ein leinenes. Baumwollenhader- papier wird daher für besser bezahlte illustrierte und Werkdrucke, die längere Zeit halten sollen, gewählt. Ihre Weichheit verbunden mit großer Elastizität, machen das Baumwollenpapier zum Druck sehr geeignet. Es ist durchscheinender als Leinenpapier, das des- halb als Schreibpaier mehr gesckiätzt ist. Aber für den Hauptbedarf an Papier, den Zeitungsdruck. können sie beide bei weitem nicht ausreichen. Schon als man seit der Erfindung der Schnellpresse das Büttenpapier durch das Ria- fchinenpapier ersetzte, wurde die Qualität des Papiers im allge- meinen schlechter, da man bei der Wahl des Hadernmaterials nicht mehr so wählerisch sein konnte wie früher. Daher zeigen Bücher aus den Üver und SOer Jahren des vorigen Jahrhunderts vielfach recht unreines und graues Papier mit zahlreichen Stock- flecken. Da versuchte man es mit der Strohfaser, die durch Kochen mit Aetzkalk«der Natronlauge anfip'schlossen und gebleicht wurde. Aber sie zeigte sich wegen der geringen Festigkeit und ihrer dünnen Struktur zur Schreib- und Druckpapierfabrikalion wenig geeignet. Doch hat sie sich später als Zusatz zu Zellstoff und gutem Holzschliff gebleicht und entchlort für Herstellung billiger Jllu« strationswerke als wertvoller Halbstoff erwiesen. Da machte in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Weber Keller Versuche, durch Zerschleifen des Holzes unserer Waldbäume auf Sandstein einen Lumpenersatzftoff zu gewinnen und erhielt dadurch ein zur Massen- Herstellung von Papier geeignetes Material. Zwar gab Solzschliff für sich allein ein zu brüchiges Papier, aber mit etwas Hadern gemengt und mit etwas Ton gefärbt ergab er siir Zeitungs- und billigen Bücherdruck ein geeignetes Papier. Allein nach einigen Zeit zeigte es sich, daß auch das Holzschliffpapier seine großen Nachteile hat. Holz bleibt eben Holz, es dunkelt, der Luft und dem Licht ausgesetzt, nach, ganz gleich, ob es zu Möbeln oder zu Papier verarbeitet wird. Daher finden wir an den Druckwerken aus den sechziger und siebziger Jahren selbst bei wissenschaftlichen Werken eine Gelb- bis Kaffeebraunfärbnng oer Ränder. Sie gehen überall so tief, als feuchte Luft hineindriugt. Dabei verliert das Papier seine Festigkeit, es bricht und zerbröckelt sich leickt, denn es hat ein langsamer Oxydations- oder Verbrennungsprozeß in ihm stattgefunden. Dadurch tam der Holzschliff bald in Miß- krcdit; eS bildete sich die Meinung, daß jedes Holzschliff ent- haltende Papier für länger aufzubewahrende Werke unbrauchbar und zu verwerfen sei. Aber wenn man auch mit diesem Urteil über das Holzpapier schnell fertig war, so hatte man darum noch keinen Ersatz dafür. Daher untersuchte man, wie dieses Gelb- färben des Holzpapiers entstand und ob es sich nicht vermeiden ließ, und man fand, daß die Neigung zum Vergelben bei den Holzschliffpapiercn recht verschieden ist, daß nicht alles Holzschliff enthaltende Papier schnell vergilbt und brüchig wird, sondern daß dies nur dann geschieht, wenn dem Papier zuviel Holzschliff zu- gesetzt wird, dieser nicht genügend von Splittern durch Sieben befreit und vorher nicht genügend gebleicht wurde. Wenn ferner das Papicr nicht durch Zugabe gut deckender weißer Mineralstoffe, wie Kreide, Ton und Talkum vor Einwirkung von Luft und Licht geschützt war. Auch stellte es sich heraus, daß das Holz schlecht durchforsteter Wälder, deren Bäume aus Mangel an Luft und Licbt langsameres Wachstum, viele Aeste, dicke Markstrahlen und dicht aufeinander folgende Jahresringe zeigen, sowie viel Lignin. Harz und Gerbstoff enthalten, einen für Papierverarbeitung wenig geeigneten Holzschliff liefern. Völler suchte daher die Qualität des Schliffes zu verbessern durch Aussondern der Aeste aus dem zu verarbeitenden Holze, durch Schleifen des Holzes unter kochen- dem Wasser, durch Absondern aller groben Teil« und Splitter mittelst übereinander liegender Schüttelsiebe. So erhielt man einen reinen und brauchbaren Schliff. Aber auch dieser feinere Holz- schliff enthielt doch stets neben der Zellulose, dem reinen Zellstoff, noch in wechselnden Mengen Lignin, Harz, Gerbstoff und andere inkrustierende(bedeckende oder überziehende) Stoffe. Man machte daher Versuche, durch längeres Kochen des Holzes unter hohem Druck in geeigneten Lösungsmitteln die Zellulose zu lockern und von den anhaftenden Jnkrusticrungsstoffen: Lignin, Harz, Gerb- stoff usw. zu befreien und so den reinen Zellstoff zu gewinnen. Und man hatte damit Erfolg. Es wurden verschiedene Wege dazu vorgeschlagen. Einige Chemiker, wie Ritter, Hougleton und Kellner kochen das astfreie Holz, nachdem es zersägt und in kleine Stück- chen zerspalten ist, unter einem Druck von 6 bis 8 Atmosphären in chlindrischen Kochern in Natronlauge. Dies ist das sogenannte Natron verfahren. Der Amerikaner Tilghman und Mit» scherlich, ein Sohn des bekannten Berliner Professors, verwendete statt Natronlauge zum Kochen eine Lauge» die saurcschwefligsanre Alkalien enthält. Dies ist das sogenannte S u l f i t v e r f a h ve n, das neuerdings mehr angewendet wird. Beide Verfahren können gute Resultate geben. Aber es sind sowohl bei Herstellung der Lauge wie bei der Dauer und Stärke der Kochung so viele Um- stände wichtig, daß große Erfahrung und ein gut geschultes Per- sonal dazu erforderlich ist und daß doch fast nie eine Kochung genau wie die andere ausfällt. Denn schon chemisch �»nd mikro- stopisch kaum nachweisbare Spuren von in der Zellulose zurück- geblicbeneni Lignin*)(Holzstoffl können ein leichtes Vergilben des Papiers verursachen. Trotz dieser Nachteile ist der Zellstoff unserer Nadelhölzer, die Zellulose, heut das hauptsächlichste und auch Wertvollste Rohmaterial unserer modernen Papiere, solange man keinen besseren Ersatzstoff gefunden hat. An Bemühungen, Ersatz- stoffe zu finden, hat eS freilich nicht gefehlt, denn die Holzpreise gehen von Jahr zu Jahr in die Höhe. Man hat Versuche mit Schilfrohr, Zuckerrohr, Maisstroh, Sorghum. Esparto oder Alfa- gras, Nesseln- und Palmenfaser usw. gemacht, aber alle diese Per- suche haben bisher zu keincni befriedigenden Ergebnisse geführt, Weil die Ausbeuten keinen Vergleich mit dem Zellstoff unserer Waldbäume aushicllcn und zudem oft unrentabel waren. Das Maisrohr scheint man in den Vereinigten Staaten in jüngster Zeit nebe» Holz noch am geeignetsten zur Fabrikation von Druck- papier zu halten; ES erfordert auch eine Sodakochnng unter Druck, doch genügen etwa Stunden, während Holz 13 bis 14 Stunden braucht. Man hat auch die Herstellung der Zellulose verbessert durch sorgfältiges Absondern aller unzerteilt gebliebenen Stückchen, besseres Auswaschen, Chloren und Entchloren der Zellulose. Diese hat vor dem Holzschliff nicht nur den Vorteil, daß sie von färbenden Substanzen frei ist, sondern sie gibt auch ein weit festeres Papier, indem die Zcrteilung des Holzes bei der *) Lignin unterscheidet sicki dadurch von Zellulose, daß eS durch schwefelsaures Anilin gelb gefärbt wird, womit man es daher auch in Papier nachweisen kann. Herstellung nicht durch Zerreiben geschieht, sondern das Gewebe durch das Kochen nur aufgelockert wird und dann beim Schütteln des Papicrbrcies auf der Siebbahn ihm viel mehr Zusammenhalt gibt, als der zerriebene Holzschliff. Tie heutigen Papiere bestehen fast nie ans einem einzigen Faserstoff, fondeni sind fast immer Mischungen solcher Man spricht wohl von Haderpapier, Zellstoffpapier und Holzschliffpapier, aber nur, weil der e>ne oder der andere Stoff in dem Papier vorwaltet. So besteht sogenanntes holzfreies Papier aus einer Mischung von Zellstoff mit Hadern: surrogierte Papiere sind Mischungen von Holz- schliff mit Zellstoff und etwas Hadenizusatz. Nur ganz vereinzelt kommen noch Papiere vor, die nur aus Leinen- oder Baumwollen- hadern, zuweilen sogar als Büttenpapier hergestellt sind, und die nur für Kunstblätter, Grundbuchakten, Standcsamtsregister oder schwer wissenschaftliche oder teure Luxuswerke verwendet werden. Der Preis für reines Hadernpapier geht von 70 Pf. bis 2 M. und darüber per Kilogramm. Zcllstoffpapier mit etwa ein Viertel Hadernzusatz wird für bester bezahlte Werke, Schulbücher. Lexika usw. verwendet. Sein Preis ist 50 bis 60 Pf. per Kilogramm. Für die große Zahl der illustrierten Journale und billigeren Werke ver- wendet man meist Zellstoffpapier mit Holzschliffzusatz und etwa 10 bis 20 Prozent Hadernzusatz. Man stellt diele Papiere heute in einer solchen Vollendung her. daß sie von den viel teureren holzschliffreien Papieren fast nur durch das Mikroskop oder chemische Untersuchung unterschieden werden können, wenn sie Holzschliff nicht in zu großer Menge enthalten. Sic übertreffen dann die sogenannten holzfreien Papiere oft an Druckfähigkeit, besonders für die moderne Fllustrationstechnik; sie sind dabei billiger und weniger transparent. Diese billigen und dabei zweckdienlichen Papiere haben die Verbreitung billiger Klassikerausgabcn und anderer gemeinnütziger Werke wesentlich gefördert. Preis per Kilo- gramin 36 bis 42 Pf. In letzter Zeit wird wegen seines eleganten Aussehens und seiner vorzüglichen Druckfähigkeit ein gestrichenes Kunftdruckpapier viel zu eleganten Zeitschriften. Katalogen usw. verwendet, das durch Aufstrich von Barytweiß, das in Barylwaster verteilt ist, Ton, Kreide oder Talkum auf ein gleichmäßig gearbeitetes und mäßig geglättetes Papier und darauffolgendes Satinieren hergestellt wird. Der Preis ist SS bis 62 Pf. per Kilogramm. Dieses Papier sieht sehr elegant aus, aber sein Glanz ist beim Lesen störend. Zum Schreiben ist eS trotz seiner Glätte nicht geeignet. Andere Papiere werden mit künst- lichen oder natürlichen Waiserzeichen versehen. Natürliche Wasser- zeichen werden schon auf dem Siebe der Papiermaschine dadurch hergestellt, daß eine mit einem Drahtgewebe über- zogene Walze, das die Zeichen trägt, mit leichtem Druck iiber die noch breiige Papiermasse rollt und dabei den Papierstoff an den betreffenden Stellen etwas verdangt. Diese Wasserzeichen dienen vielfach als Oualitäts- und Fabrikmarken. Die deutsche Nieichsdruckere» verwendet zu größerer Sicherheit für alle Wert- zeichen, wie Briefmarken. Stempel- und Wechselmarken usw. nur Papiere mit natürlichen Wasterzeichen. Künstliche Wasserzeichen werden entweder durch Pressen niit farblosen Stempeln oder Ton- färbe hergestellt. Das preußische StaatSministcrium hat durch Erlaß vom 29. Januar 1904 für die bei den Staatsbehörden zur Verwendung kommenden Papiere Bestimmungen erlösten, die sich auch viele städtische und andere Behörden zur Richtschnur nehmen. Man unter- scheidet dabei vier Stoffklassen, sechs Festigkeitsklasten und acht Ver- Wendungsklassen. Die Festigkeit bestimmt man nach der Reißlänge. der Dehnung, dem FalzungSbruch und dem ZerknitterungS- widerstände. Die Reißlänge gibt diejenige Länge eines Papierstreifcns in Metern an, bei der es freihängend infolge seines eigenen Ge- Wichtes reißt. Papiere der 1. Stoffklasse dürfen nur anS Hadern von Leinen, Hanf, Baumwolle oder Wolle bestehen. Die erste Stoffklasse besteht aus zwei Festigkeitsklasten. Die Papiere der ersteren werden verwendet zu dauernd aufzubewahrenden besonders wichtigen Urkunden und in Quartformat zu Kabincttsorders. Papiere der 2. Festigkeitsklasse dienen zu Urkunden, Standesamtsregistern und Geschäftsbüchern folvie als Druckpapier für wichtigere, länger als zehn Jahre auf- zubewahrende Drucksachen. Papiere der 2. Stoffklasse bestehen aus Hadern mit höchstens 25 Prozent Zellstoff(aus Holz, Stroh, Alfa, Jute oder Hanf). Sie werden verwendet zu Akten und länger als zehn Jahre auf- zubewahrende Schriftstücke. Papiere der 3. Stoffklaste können be- kiebige Stoffzusammensetzung haben, jedoch unter Ausschluß von verholzten Fasern. Sie dienen zu Akten und Schriflstücken von geringerer Bedeutung und kürzerer Aufbewahrungsfrist als zehn Jahre, auch als Druckpapier für weniger wichtige und nicht über zehn Jahre aufzubewahrende Drucksachen. Die Schreibpapiere der 1. bis 3. Stoffklasse müssen auf jedem Bogen mit aus dem Siebe hergestellten(also echten) Wasserzeichen versehen sein, welche außer dem Worte„Normal" daS Zeichen der Verwendungsklasse, die Jahreszahl und das beim Patentamt und Materialprüfungsamt eingetragene Zeichen der Firma enthalten. Die Papiere der 2. und 3. Stoffklasse entsprechen der 3. und 4. Ver- wendungsNaste und werden als Kanzlei- und Konzeplpapiere her- gestellt. Die Ouittungökarten für Invaliden- und Altersversicherung müssen zu SO Prozent aus Leinen und Baumwolle(davon wenigstens S Prozent Leinen) und SO Prozent Zellulose bestehen. Postkarten- karton muß auS 25 Prozent Leinen und 75 Prozent Zellstoff be- stehen und völlig leimfest sein. Papiere der 4. Stoffklaffe können eine beliebige Stoffznsammen» setzung haben und dienen nur zu untergeordneten Zwecken des täg» lichen Verbrauchs. Aktendeckel iverden zu viel gebrauchten und lange aufzubewahrenden Akten auS Stoffklaffe I gefertigt, solche für andere Akten aus Stoffklaste III. Die Prüfung der Papiere auf Stoffzusammensetzung, Festigkeit und Leimuitg erfolgt in dem Material-PriifungSamt in Dahlem bei Berlin, dem die zu prüfenden Papiersorten in den vorgeschriebenen Mengen und Verpackungen einzusenden sind. Die Gebühr für die Prüfung(20 M.) trägt, wenn das Papier den ge» stellten Anforderungen entspricht, die Behörde, anderenfalls der Lieferant, der auch die beanstandeten Papiere zurücknehniei, muß und' bei wiederholter ungenügender Qualität seiner Lieferung von weiteren Lieferungen einige Zeit ausgeschlossen werden kann. Was das eigentliche Zeitungspapier betrifft, daS gut vier Fünftel der gesamten Papierproduktion um- faßt, so ist eS fast reiner Holzschliff mit etwa 15 bis 20 Prozent Zellstoffzusatz. ES ist allerdings meist nur soweit haltbar, daß es während deS Druckes auf der Rotationsmaschine nicht reißt, bräunt sich auch an der Lust bald, kostet aber pro Kilogramm nur 22 bis 35 Pf. Man geht wohl nicht fehl, wenn man sagt, daß die ge» ivaltige Entwickelung der Tagespreise mit ihrer hohen kulturellen Bedeutung außer durch die Vervollkommnung der Rotationsmaschine auch durch die mastciihafte Herstellung eines billigen Druckpapiere? wesentlich gefördert worden ist. kleines Feuilleton. Astronomisches. Das große Meteor vom 22. Februar, daS in einem größeren Teil Englands und in Nord-Frankreich sichtbar gewesen ist, stellt sich nach den gesammelten Berichten als eine der merk- würdigsten und großartigsten Naturerscheinungen heraus, die in den letzten Jahrzehnten zur Beobacbtung gelangt sind. Die auffälligste Eigenschaft dieses Himmelswunders war die lauge Sichtbarkeit de? von dem Meteor nach sich gezogenen Schweifes. Der Verlauf war so, daß der Himmelskörper zuerst ein stark wechselndes Licht von Orangefarbe ausstrahlte, dann, nachdem er etwa die Hälfte seiner Flugbahn zurückgelegt hatte, plötzlich in einen stahlblauen Glanz von großer Helligkeit ausbrach. An der Stelle, wo das Meteor zuerst aufgetreten war, sah man einen kurzen leuchtenden Streifen, der sich aber bald verstärkte und über die ganze Flugbahn ausdehnte. Allmählich wurde er zu einer Erscheinung von den sonderbarsten Eigenheiten. Seine ursprünglich geradlinige Form wurde gebogen und verdreht: er nahm die verschiedensten Gestalten an und wurde außerdem durch die Wirkung der Luftströmungen in größere Höhe gegen Nordwesten getrieben. So löste er sich nach und nach in ein breites, schwaches Band von unregelmäßiger Form auf und verlor sich schließlich in der Gegend der Milchstraße, nachdem er fast zwei Stunden lang sichtbar gewesen war. Ein so langer Bestand eines Meteor» schwcifeS gehört zu den großen Seltenheiten. Das berühmte Meteor frei» lich, daS airt 10. Februar 1996 in der Gegend von Madrid niederging, hinterließ eine Lichterscheinung, die sogar 5l/2 Stunden lang wahrnehmbar blieb. Der als Planeten- und Mcteorforscher in der ersten Reihe stehende Astronom Professor Denning macht in der„Nature* einige Angaben über die Stellung, die das Meteor vom 22. Fe» bruar 1909 nach wissenschaftlichem Urteil einnimmt. Zunächst ge- hört es zu dem Schwärm der Lconidcn, deren Strahluupspunkt im Sternbild des Löwen liegt, woher sie den Namen haben. Am häufigsten sind Sternschnuppen aus dieser Himmelsgegend im No- vember, aber sie treten namentlich in einzelnen großen Exeniplaren auch in anderen Jahreszeiten auf. Die Höhe, in der das große Meteor aufflammte, schätzt Profeffor Denning auf etwa 100 Kilo- meter, die Höhe, in der eS verschwand, auf etiva 40 Kilometer. Die Lichlbahn des Meteors hatte im ganzen rund 220 Kilometer Länge und die Geschwindigkeit, mit der sie durchmesien wurde, betrug im Durch» schnitt 32 Kilometer in der Sekunde. Nach einer Beobachtung wurde ein breites Band des leuchtenden Streifens mit einer Geschwindig» keil von 130 Kilometern in der Stunde gegen Nordwesten, und zwar in einer Höhe von rund 50 Kilometern über der Erdoberfläche be» wcgt. Damit wäre eine Beobachtung aus dem Jahre 1894 zu ver» gleichen, wo der Schweif einer Feuerkugel in etwa 85 Kilometern Höhe sich mit einer Geschwindigkeit von fast 200 Kilometern in der Stunde bewegte. Daraus scheint sich zu ergeben, daß in größeren Höhen deS LuftmcereS gewaltige Windgeschwindigkeiten vorkommen und mit wachsender Höhe rasch zunehmen. Rätselhaft bliebe eS, wie die vom Meteor zurückgelaffene Materie so lange zu brennen oder zu leuchren vermochte. Obgleich der Mond am Himmel stand, kam sein Licht als Ursache dafür nicht in Frage, da er zwischen Neumond und erstem Viertel stand; außer- dem meint Denning, daß selbst der Vollmond eine solche Wirkung nicht haben könnte. Es muß also eine andere Ursache in Frage kommen, wahrscheinlich das Vorhandensein eines glühenden Stoffes in dem Meteorschweif selbst. Werantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckern u.VerlagSauftalt Paul Singer �Co-Berlin LAI.