Anlerhaltungsblatt des Honvärts Nr. 63. Mittwoch den 17. März. 1909 (NachdruS verboten.) 623 Das tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g. Da stand ein Tier, ein Reh, wenige Schritte von ihr: rillt blanken Augen äugte es sie an. Sie starrte wieder. Nur durch den Wcidenbusch waren sie voneinander getrennt. Jetzt kam ein Junges gesprungen, ein hübsch geflecktes Kälbchen. Mine rührte sich. Die Ricke stieß einen warnenden, pfeifenden Laut aus, fort sprang das Junge, und die Alte setzte pfeilgeschivind hinterdrein, ihr Kind mit dem eigenen Leib gegen vermeintliche Gefahr deckend. Mine stutzte. Sie faßte sich an die Stirn— ihr Hut war weg?! Wohin war denn der gekommen?! Nun besann sie sich. Mit einem tiefen, zitternden Seufzer raffte sie den Hut vom nassen Gras. Dann hüllte sie Fridchen sorgfältig ins Tuch ein und bahnte sich einen Weg zurück zur Chaussee. Mit tief gesenktem Kopf trottete sie dahin. Nur lang- sinn kam sie vorwärts. Kurz vor der Stadt mußte sie ein- halten, sie konnte nicht mchr. Sie war ganz schwach: seit der Bahnfahrt hatte sie nichts gegessen. Da fiel ihr der Kuchen der Mutter ein, sie zog ihn hervor, setzte sich auf einen Meilenstein, würgte das trockene Gebäck herunter und gab auch Fridchen davon. Eigentlich guoll ihr jeder Bissen im Munde, aber mit dem gefeuchteten Finger tupfte sie doch noch jeden Krumen auf. Es war später Abend, als sie in Schwerin anlangte: geradenwegs ging sie auf den Bahnhof.„Trag's Mädel nur hin, wo de's hergeholt hast!"-- Ja, das wollte sie. Aber sie mußte warten, der Zug nach Berlin ging erst morgens um sechs. Sie ließ dem Kind Milch geben, selbst genoß sie nichts, immer noch hatte sie den Geschmack des Kuchens auf der Zunge, und der machte ihr übel. Im Wartesaal vierter Klasse saß sie in einer Ecke der Holzbank die ganze lange Nacht und brütete vor sich hin. Fridchen schlief fest an ihrer Brust. So kam der Morgen.— Mine saß wieder in der Eisenbahn und fuhr nach Verlin zurück. Ein schöner Morgen war's, wie gestern auch, hell, strahlend, freundlich. Wieder waren da Leute, die mit ihr ein Gespräch anfangen wollten, aber sie gab keine Antwort. Sie sah auch nicht auf Fridchen. Stier blickte sie zum Fenster hinaus und �preßte die Lippen fest zusammen. Keiner sollte sie stören. Sie versenkte sich ganz in das, was sie tun mußte. Unabänderlich stand jetzt ein Entschluß in ihr fest— in der langen, bangen, durchwachten Nacht war er ihr gekommen — sie hatte ihn wie eine Hoffnung begrüßt und sich daran geklammert mit allen Sinnen. Kam es nicht in Berlin oft genug vor, daß Kinder aus- gesetzt wurden, noch viel kleinere als Fridchen? Und diese Kinder wurden aufgenommen und versorgt: nein, denen ge- schah kein Leid! Da gingen viel zu viel Menschen vorüber, so ein Kleines kam nicht am Wege um. Und so ein hübsches Kind wie die Fridchen, nach dem würden alle sehen.--- Es war Vormittag, als Mine in Berlin eintraf. Die Gemeindeschule in der Pallasstraße war gerade aus, als sie hinterm Botanischen Garten anlangte. Sie war eilig hier- her gelaufen: hier wußte sie so ein passendes Plätzchen, an dem sie oft mit den Müldnerschen Kindern gesessen. Bau- steine lagen da, und die alten Bäume des Gartens schatteten über die Mauer. Die Elßholtzstraße war so kein und ruhig, es rollten nicht viel Wagen, ein Kind kam nicht leicht in die Gefahr, überfahren zu werden. Lauter hübsche Häuser: ruhige, feine Leute wohnten darin, bei denen es ein Kind wohl gut haben würde. Der Botanische Garten hauchte gesunden Duft aus nach Erde und Grün, dieser Duft würde Fridchens Bäckchen schon röten. Hier gefiel es Mine. Sie setzte sich mit Fridchen nieder. Lustige Kinder spielten in der Nähe, hatten kleine Gruben in den ungepflasterten Boden gemacht und ließen Murmeln hineinrollen: wie Schwalbengezwitscher schwirrten ihre Stimmen durcheinander. Mine sah ihnen eine Weile zu. Dann setzte sie ihre Kleine auf den sonnenbeschienenen Boden, zwischen die Steine, daß sie nicht umfallen konnte, steckte ihr die Kuchenschnecke ins Händchen, die sie von den letzten Pfennigen gekauft, zog ihr sorglich den Mantel über die Beinchen, küßte sie auf die Stirn, sah sich scheu um und stahl sich dann fort. Das kleine, geduldige Ding im schottischen Mäntelcheir und der roten Ohrenmütze saß, stumm und steif wie eine Puppe, in der Sonne.------------- Und Mine rannte in die Straßen hinein, wie gepeitscht. Vor ihren Augen schwankte alles, ein fortwährendes Brausen und Summen war in ihren Ohren. Weite Strecken durch- maß sie, ruhelos nmhergetrieben in einer furchtbaren Auf- regung. Ob Fridchen schon gefunden war?! Ach Gott, sie war ja eben erst von ihr weggegangen. Und sie rannte weiter, immer weiter. Ein Uhr! Zwei Uhr! Jetzt liefen die Kinder, die nach der Gemeindeschule mußten, wohl wieder dort vorbei. Damen kehrten von ihren Spaziergängen heim, und die Herren kamen aus den Bureaus zum Mittagessen: Fräuleins mit ihren Pflegebefohlenen verließen jetzt den Botanischen Garten. Alle wanderten dort vorbei; alle mußten Fridchen gesehen haben! Ob sie weinte? Ach, jetzt würde sie wohl weinen, aber bald würde sie lachen. Ihre Mutter hatte doch gut für sie gesorgt. Wenn sie erst im feinen Kleidchen, satt und ver- gnügt, auf der Straße an der Mutter vorbeispazierte, würde sie es schon einsehen. Lieber Gott, das Kind würde seine Mutter ja gar nicht kennen— wie sollte es auch?! Und Mine fühlte einen Stich im Herzen. Weit weglaufen, nur voran! Ob Fridchen jetzt auch wirklich nicht mehr da saß?! So lange würde sie doch nicht haben warten müssen?! Die Zeit verging Mine nicht, jede Minute wurde ihr zu einer Ewigkeit. So oft sie auch nach den Uhren in den Schaufenstern sah, die Zeiger rückten kaum vor. Wenn's doch schon später wärel Aber warum denn so unruhig sein? Fridchen war ja längst aufgefunden, längst! Eine feine Dame war gekommen, eine Dame, die selber keine Kinder hatte; die hatte Fridchen aufgehoben, nahm sie an an Kindes Statt!--- Ein eifersüchtiger Schmerz durch- zuckte Mine dabei— die würde nun Fridchens erstes„Mama" hören! Sie war wie ausgetauscht, nicht mehr die nüchterne Mine; sie träumte sich hinein in ein Märchenglück für ihr Kind. Sie phantasierte. Unruhig flackerten ihre Blicke. Wie sie so mit vernach» lässigter Kleidung, todesbleich, durch die Straßen lief, faßte sie mancher Polizist scharf ins Auge. Leute drehten sich nach ihr um. Jetzt war sie im Tiergarten. Da gingen geputzte Kinder mit ihren Wärterinnen, es spielten auch Buben und Mädchen auf dem großen Sandhaufen. Sie stellte sich dazu. Ein kleines Mädchen mit kurzen Strümpfen an den drallen Mädchen, mit wehenden Locken um das rosige Gesicht, lief gegen sie an. Ach, so sah auch Fridchen aus! Mine konnte nicht an sich halten, rasch bückte sie sich und faßte nach dem Kind; es schrie erschrocken und lief fort, und die Wärterin sah böse nach Mine hin. Da floh sie. Immer tiefer ins Gebüsch, immer weiter ab von der Straße. Und doch hörte sie Kinderweincn, immer- fort'— immerfort. Ihr überreiztes Ohr hörte hinter allen Bäumen, allen Häusern, allen Straßen, das Weinen ihres Kindes.—-- Da saß das arme verlassene Wurm auf dem öden Platz: auf sein schottisches Mäntelchen schien nicht mehr die Sonne, die hatte sich verkrochen; es war kühl. Wenn es sich erkältete, krank wurde?! Ach, nur die Mutter versteht, zu tragen, zn wiegen, zu trösten! Bei ihr nur wird es gesund, bei ihr nur kann es nicht sterben! Eine furchtbare Angst ergriff Mine. Schweiß trat auf ihre Stirn. Die Knie drohten unter ihr zu brechen, sie mußte sich auf eine Bank setzen. — 2] Sie hielt sich die Ohren zu. Jetzt horte sie das Weinen Vicht mehr— war es tot?) Ach. ihr war so angst, so angst, als hätte sie jemanden erschlagen.. �. Schon sprang sie wieder tuf. Wohin—?! Spaziergänger schalten hinter ihr drein, Pserdebahnkutscher schrien sie an, ein Schutzmann griff nach ihrem Arm. Sie ritz sich los: sie, die sonst gezögert, den Stratzendamm zu üerschreiten, rannte jetzt quer über die Schienen weg, dicht vor den Wagen. So erschöpft sie war, sie konnte doch noch rasch laufen,«ehr rasch. Schon kam sie über den Platz mit der katholischen Kirche— jetzt an der Gemeindeschule vorbei— jetzt tauchten die Wipfel des Botaiiischen Gartens auf. Das Grün rauschte und winkte. Sie selbst wntzte nicht, wie sie sich hierher gefunden, durch Unbekannte Straßen, so weit, weit her. In die Elßholtzstraße einzubiegen, traute sie sich nicht: nur von ferne wollte sie lauschen. An der Ecke, hinter der Mauer blieb sie stehen. Horch, War das nicht ein Sümmchen?! Sie lauschte mit aller An- strcngung, die Kaust gegen das Herz gestemmt: es klopfte so. Nichts! Das Sümmchen übertönt vom Rollen ferner Wagen, vom dumpfsummenden und doch die ganze Lust durch- brausenden Atem der großen Stadt. Sie mußte näher gehen, nur einen Schritt! Nur einen Blick hinwerfen, ob Kindchen noch da saß! Der Atem flog ihr: noch nie hatte sie so gezittert, noch nie einen solchen Schmerz gefiihlt. Sie süeß einen gepreßten Schrei aus---- da----- da I Halb irrsinnig vor Krende stürzte sie näher. Da saß Fridchen iin schottischen Mäntelchen zwischen den Steinen! Und als das Kind sie sah, verklärte sich sein müdes Ge- sichtchen: es streckte verlangend die Aermchen aus und lallte vcrstäiwlich, zum ersten Mal:„Main— niq!" Die Tränen gössen ihr aus den Augen, sie glaubte ver- gehen zu müssen vor Glück. Es sprach! Es sagte:„Mama!" Ihr Fridchen, ihr liebes Fridchen! Wie ein Wunder starrte sie das kleine Geschöpf an. Dann stürzte sie bei ihm nieder, riß es an die Brust und erstickte es fast niit glühenden Küssen. Sie schluchzte herzbrechend. Nun fanden sich gleich Menschen dazu, viele, die vorher an der kleinen, stummen Kindergestalt achtlos vorüber- gegangen waren. Wie schon einmal auf der Straße, sah sich Mine als Mittelpunkt einer gaffenden, mitleidig neugierigen Menge. �Fortsetzung folgt.1 (Nachdruck verboten.) In fibirileker Mlänis. Mit einem verbannten jungen Nihilisten, der mir veriprockien hatte, auf den, Zuge ins unbewohnte, unbekannte Innere des Landes mein Begleiter zu sein, ging ich in Touisk, Sibiriens Hauptstadt, die Straßen entlang. Es war Ende Juni, und das Wetter war, wie immer zu dieser Jahreszeit in Sibirien, strahlend schön. Vor uns tauchte ein Polizeilentnant auf und versperrt uns mit breiten Gebärden den Weg. „Wo wollt Für hin „Wir wollen hinunter zum Flusse Tom und nnZ ein Boot aussuchen." „WaS will so ein Paar Subjekte in Sportklcideru niit dem Boot?" „Auf dem Wasser fahren! Ucbrigens verbitten wir uns die Be- nenming Subjekte." „Habt Ihr Pässe?" „Ja, daheim." „Kommt mit znr Wache!.. „Dazu haben wir leine Zeit und keine Lust." Aber der Leutnant pfiff, ein Gendarm kam herbei und Ivir waren gezwungen, mitzugehen. Auf der Polizeistation wurden Ivir vor den Pristaw(Polizei- Meister) gebracht. Er saß in einem breite» Stuhl, die Beine aus- gestreckt, und war sehr grimmig. Als er hörte, daß ich Journalist war, schrie er:„Zum Teufel mit den Journalisten; sie sollten ge- hängt werden alle zusammen! So„Du" bist Journalist. Marsch — ins Loch mit ihr!" Keinerlei Lcgitimationspnpiere konnten mir helfen: meine Pressekarte wirkte sogar derart auf ihn, daß er in die Höhe sprang und dabei Tisch und Stuhl umriß. In der Verwirrung, die entstand, gluckte es meinem Kameraden, sich nach der Tür zu schleichen und zu entkonunen. Auf mich aber warfen sich zwei diensteifrige, handfeste Gen- barmen und schleppten mich, nachdem sie meine Taschen umgekehrt und mir Papiere und Geld abgenommen hatten, ins Arrestlokal, eine unbeschreiblich schmutzig finstere Höhle unter der Erde, Von der verpesteten Luft, die die Höhle erfüllte, wurde ich augenblicklich ohnmächtig. Als ich wieder z« mir kam, befand ich », ich in den Hände:, einiger versoffener unglücklicher Gefangenen, die fluchten und rasten. Meine Situation war unaussprechlich, un- beschreiblich qualvoll. Auf einem Fußboden liegend, der von Menschen- abgang bedeckt war, schmachtete ich den ganzen Tag und die darauf folgende Nacht. Die ganze Zeit über wurden nach und nach immer mehr Arrestanten zu uns hineingestoßen, bis keiner mehr Raum finden konnte. Fast alle wurden von dem Arrestverwalter fürchterlich mißhandelt. Er trat auf sie, überhäufte sie mit Schlägen seiner schlveren Schlüssel, so daß Mengen von Blut auf den Kleidern und unbedeckten Körperteilen der Opfer zum Vorschein kamen.— Vor kurzem erst hatten sie im Arrestlokal eines der Opfer erschlagen: es war ein schöner junger Mann namens Fiodor, von Beruf Präparator von Tieren und Vögeln. Die Arrestverwalter hatten ihn mit ihren eisenbeschlagenen Stiefeln so lange getreten, bis sein Jammern verstummte. Dann schleppten sie ihn nach den: Hospital, wo er starb. Die Erleichterung und Freude, die ich fühlte, als ich am nächsten Morgen freigelassen wurde und aus dieser fürchterlichen Hölle bin- auskam in die warme, sonnenfrohe herrliche Natur, war lief- beglückend. Mein Kamerad hatte dem Stadtprokurator meine Ver- Haftung gemeldet, und dieser hatte meine Freilassung veranlaßt. Wenige Tage, nachdem ich jene Polizcitortur ausgestanden halte, begann ich mit meinem Kaineraden von Tomsk aus die Expedition. Es ivar eiil leichtes, flachkieliges Boot, das wir erworben hatten, mit einem Oberbau in der Mitte und mit Segeln und Rudern ver- sehen. Nach sieöenstündiger Fahrt auf dem Tomfluß kamen Ivir in de» großen breiten Ob, dessem Laufe wir zwanzig Tage lang sotgteu, bis wir den Nebenfluß Kiew erreichten, der von Osten kommt; er entspringt in der Gegend der Tasbucht, zwischen der Ob- und Jenissejbucht. Wir fuhren nun den Kicwfluß hinauf. Während wir auf dem Ob mehrere große Tauschhändlerprahme angetroffen hatten, beladen mit Häuten und Daunen, Federn, Bntter, Stör, Kaviar usw.. was die unternehmenden Agenten alles für Garn und Nadeln, Branntwein, Tabak, Töpfe usw. von den Ein- geborenen eingetauscht hatten, und an vielen sowohl russischen wie ostjakisckien und mogulischcn Dörfern vorbeigekommen waren, wurde nun unsere llmgebung mehr und mehr öde. An der Mündung des Kiew waren wir au Land gegangen und hatten dort eine Anzahl von Ostjaken bewohnter Blockhütten ge- stmde». Zwei Tagereisen den Fluß aufwärts, zogen wir unser Boot wieder ans Ufer, um eine Rekognoszierungstour in die Landschaft zu unternehmen. Sie war flach, hatte üppigen GraSwnchs und war reich an kleinen tiefen, blanken Seen, ans denen zahlreiche Enten und Schwäne hcnunschtvammen. Während des Strcifzuges stießen wir auf eine Herde Neingewachsenen Hornviehs ohne Hirten: nirgendwo entdeckten wir eine Spur menschlicher Wohnungen. Das Vieh, voll- ständig seiner eigenen Fürsorge überlassen, entfernt sich zur Sonimer» zeit wahrscheinlich sehr weit von den Wohnstätten, während das Interesse der Eingeborenen sich auf die Fischerei im Flusse Ob konzentriert, Viele der Tiere fallen den Wölfen und Bären zur Beute, aber eine Kuh hat in diesen Gegenden auch nur einen Wert von tö bis 20 M. Je weiter wir den Fluß hinauf kamen, um so feierlicher, ein- samer und unberührter entfaltete die Landschaft sich vor unseren Augen. Die weiten Ebenen mit dem hohen grünen GraS und den tiefen stillen Seen voll des reichsten Vogellebens wurde» abgelöst durch schattige Laubwälder, nnd daraus folgten Nadelwälder. Mächtige Zedernbäume erhoben sich hoch und stolz in die blaue Luft und spiegelten ihre majestätischen Kronen in den tiefen Wassern des Flusses. Wir waren an Land gestiegen. In die höchsten Zedembäuine kletterten wir hinauf, selbst in die höchsten, schwindelnden Höhen der Kronen, von wo aus das Auge eine bezaubernde Aussicht genoß: über den Fluß, der sich wie eine weiße Schnur in zahlreichen Win- dmigeii dahinzog, der bald verschwand, bald wieder zum Vorschein kam, über Inseln mit Hainen, umkränzt von grünen Moorflächen, in denen hier und da lächelnde Landsecn hervorblickten. An den Fluß- »fern entdecken wir im weißen Sande tiefe Spuren von Bären: die Petze schwimmen hier von dem einen zum andern Ufer und man sieht im Sande breite Furchen von dein Wasser, das aus ihren zottigen Pelzen ran». Und vom Boot aus sehe» wir nicht selten, wie schwarz- haarige Fischottern über die Sandbänke trippeln oder wie ihre bc- weglichcn Schnauzen an der Wasserfläche erscheinen. Wir waren elf Tage lang den Kiew hinaufgerudert, als wir uu- erwartet an jedem weiteren Vorwärtskommen mit dem Boot ver- hindert wurden durch eine Masse von Treibholz, das fich im Laufe der Zeiten zilsammengehänft hatte und nun zwischen den beide» Ufern eine kompakte Brücke von mehreren hundert Metern Breite bildete. Aber wir hatten ein Ucines Kanoe mit, das wir mit Proviant und mit Munition für unsere Gewehre versahen und über Land zogen, bis wir an den Hiiidernissen vorbei waren, um so, das große Boot zurücklassend, unsere Fahrt fortzusetzen. Drei Tage lang ruderten wir in dem Kanoe den einsamen un- bekannten Fluß weiter hinauf. Dann zogen wir das Kanoe an Land und'chlugen im Schatten eines Zedernwaldes unser Lagerauf. Wir beschlossen, eine Hütte zu errichten und machten uns auch sofort an die Arbeit. Nach Verlauf zweier Tage war sie fertig und wir wollten uns nun für den Rest des Sommers zur Ruhe setzen, um die Natur und ihre heilige, wilde Schönheit zu genießen. Es wurde ein im höchsten Grade schöner und erquickender Aufenthalt. Wir durchstreiften die von Menschen ganz unberührten Gegenden und fanden sie voll von gackernden Birkhühnern und Schneehühnern, S Stenden Haselhühnern und knurrenden Schnepfen. Auf den tooren zwischen den mit Zedern bewachsenen„Holmen" streifte auf seinen leichten, beweglichen Füßen das Elentier umher, und jeden Morgen, wenn vor unserer Hütte in dem Topfe über dem Feuer die Vogelsuppe dampfte, hatten wir Besuch von einem kleinen allerliebsten Bären, der begehrlich den angenehmen EssenSdampf ein- sog. Auf unseren Streifzügen entdeckten wir kleine Landseen. Einer davon lag nur 1 Kilometer vom Lager entfernt; wir brachten unser Kanoe dorthin und legten unser Netz aus. Als wir es ein paar Stunden später aufzogen, war eS voll von ungewöhnlich großen, aber mageren Karauschen; ich war geneigt zu glauben, daß die Ursache ihrer Magerkeit darin lag, daß der See von Fischen überfüllt war, so daß sie Mangel an Nahrung hatten. Herrliches Wetter halten wir tagaus tagein. immer hohen Himmel, immer wärmende klare Sonne. Göttlich schön floß uns die Zeit da- hin in dieser entzückenden Gegend. So kam der Herbst und damit ein Umschlag in der Witterung, der mit zwei Tagen Sturni und Regen einsetzte. Die Fruchtzapfcn rasselten herunter von den Ccdernbäumen und bedeckten die Erde mit einer ganzen Schicht. Wir machten uns daran, von all diesem Reichtum einzusammeln, der von den Bäumen herabgefallen war, trugen die Zapfen hinein in Säcken, die wir aus Leinwand zusammen- genäht hatten, machten unS mit Hilfe unserer Axt eine primitive Maschine mit Zahnrad und zcrqnelschten damit die Zapfen. Die Nüsse reinigten wir von den Hülsen in einer Siebmulde, die wir zwischen zwei Baumstämmen aufhängten und sie hin und herschnttelten. Mein Kamerad war ein vortrefflicher Tischler. Die Nüsse sammelten wir haufenweise. So vergingen einige Tage. Und nun war eS Zeit geworden, an die Rückreise z» denken und aufzubrechen. Wir zimmerten von umgestürzten Stämmen ein Floß, verluden unsere Nüsse darauf, samt dem Kanoe und den Fellen der geschossenen Tiere: drei Zobeln, eineni Elentier, ISO Eichhörnchen, einein Bären, zwei Ottern und drei Hasen. So stakten wir uns fort mit dem Strome. Es war eine feine Lage Schnee gefallen in der Nacht vor der Abreise, die am 20. August bei Sonnenaufgang in stillem Wetter und bei drei Grad Kälte erfolgte. In den noch laubreichen Weiden, die am Ufer wuchsen, saßen Haselhühner und pfiffen: Pi, pi, pii! Sie hatten keine Furcht vor dem sacht treibenden Floß, das unter dem scheckigen Herbftlaub über daS ruhige Wasser dahinglitt. Am Abend de? anderen Tages erreichten wir den von der Natur gebildeten Holzdamm. Hier bekamen wir viel Arbeit, die Nüsse und die Jagdbeute nach unserem zurückgelassenen Boot zu schleppen, das wir, wo wir es vertäut hatten, in gutem Zustande wiederfanden; es war nur etwas Wasser eingedrungen. AIS wir alles an Bord gebracht, das Wasser aus dem Boot ge- schöpft und das Kanoe angebunden hatten, setzten wir die Fahrt fort nach belvohbten Gegenden. Das Boot war sehr schwer belastet, und wir zwei vertraulen Kameraden, die einander innerlich lieb gewonnen hatten, waren bei bester Stimmung, wozu auch der merkwürdige Reichtum beitrug, zu dein wir gekommen waren, ohne daß wir von Anfang an a»ch n»r im geringsten daran gedacht hatten, wirtschaftliche Ausbeute auf unserer Tour zu suchen. Als wir nach zehntägiger Fahrt die Mündung des Kiew erreichten, war sie mit Eis bedeckt; es hatie in der letzten Nacht stark gefroren, und eS glückte uns nur mst größter Schwierigkeit zu passieren und uns den Weg in den breiten und stromreichen Ob zu bahnen. Als wir zwei Tage den Ob hinanfgerudert waren, näherten wir uns einem ostjakischen Dorfe und erblickten zu unserer Freude auch ein Dampfschiff, das wir anriefen. Kurz daraus waren ivir an Bord des Schiffes, das Passagiere von Tomsk nach Tjnmen führte; es war der letzte Dampfer, der in diesem Jahre noch vor der Vereisung fuhr. Unser Boot wurde ins Schlepptau genommen. Nach Verlauf von vier Tagen waren wir in Tjumen. Dort verlausten wir die Nüsse für 330 M. Diese Expedition war die interessanteste, die ich während meiner zehnjährigen Reisen in Nordasien unternommen habe. Sigurd O. PaturSson. s�eue Cr�äklungsiiteratur. (Schluß.) Hermann Hesse:„Nachbarn". Erzähluitgen.(Verlag S. Fischer, Berlin.) Auch hier gibt eS keine aufregenden Geschehnisse, e-Z wird gemütvoll geplaudert, ein derber Spaß fährt drein, und die Milde des Bersieheus breitet sich über die schrullenhafte, komische, traurige und schöne Welt des Krämerstädtchet.S Gerbersau. Ja, diesmal ist Her- mann Hesse aus seiner Ländlichkeit bis an die Tore des Klein» städtchcns gezogen und guckt den Nachbarn von DingSda durch du kleinen Fenfterchen ihrer friedlichen, oft auch sorgenbeschwerten Häuser. Nach der Lektüre von Finckle empfindet man Hesses bieder- männische Art kerniger, viel weniger pastoral, seinen Stil kraftvoller, bei aller Frömmigkeit des Gemüts heidnischer. Ein Unterschied zwischen Finckle und Hesse wie etwa zwischen Geßners„Schäferidyllen' und Goethes ländlichem Gedicht„Hermann und Dorothea". Von seltsamen Käuzen wird berichtet, sie sind alle ein wenig von Wehmut umwittert, aber auch ein guter, ein freundlicher Humor schafft da seine wunderlichen Streiche. Traumspinner und Fabuliercr, Vaga- bunden und Strolche, liebe Dutzendseelchen und Eigengänge, niarschieren auf, alle verwachsen und verwurzelt mit ihrer kleiu- bürgerlichen Heimaterde. Die Gotlesnähe der Kinderherzen wird gezeigt und alles ftigt sich zur sonnebeglänzten Poesie des Werktag- lebens.„In der alte» Sonne", die Geschichte alter querköpfiger Armenhäusler, ein Bild von Liebermann. Ganz köstlich aber die vortrefflich lehrreiche Geschichte vom ästhetischen Dichterjüngling „Karl Eugen Eiselein", ein Stück Satire und ein Stück dichterisches Glaubensbekenntnis zugleich. Und wieder als leuchtender Punkt in- mitten der Ironie die Mutter, die tüchtige Frau. Hermann Heils ist nicht umsonst bei Gottfried Keller in die Schule gegangen: Frau Regula Amraiu, diese wundervolle Wiedergeburt der lebensklugen, frohgemuten, starken, urwüchsigen Frau Aja ist nicht nur für ihren „Jüngsten", sondern auch für alle die jungen Nachfolger ihres Dichters ein geliebtes Vorbild geworden. Bei dieser Nachfolgschast, die sich zu den biedenneiernden Diminutivdichtern und Grasanbetcri, verwandelte, und zur Hälfte leider nur Formspielerei nud GcmiitS- schwinde! betreibt, muß immer wieder das geistige spezifische lieber- gewicht der bukolischen Kleinkunst von Hermann Hesse konstatiert werden. R» d. Hans Bartsch:„Die Haindlkinder".(Verlaß L. Staakmann. Leipzig.) Dieser junge Ocsterreicher schließt sich stilistisch eigentlich an die Gruppe der schwäbischen Heimatdichter mr Aber in seine Handschrift ist sckion eine gewiffe Erregung gekommen. Er geht nicht mit der weichen Versonnenheit im Sonnenschein dahin, er trägt ein Stück Patriotismus auf den Schultern mit. Mit allen Faser» drängt es auch ihn an die Brust der Natur, er träumt von blühende» Feldern, von grinien Wiese», von Waldversunkenheit und weiße holde Lieder auf die stille Ländlich'eit zu singen, aber noch ein anderes Lied drängt sich hervor: Oesterreich, du großes. starkes... Wie schon des Autors Erstlingswerk„Zwölf aus der Steiermarl" durchzieht auch dieses Buch vom alten Haindl und seinen drei Buben der alldeutsche Gedanke. Aber der llnterton des Romans stört uns nicht das Behagen an der wohlgeratenen Schilde- rung des typischen Alt-Oesterreichers, des Vaters Haindl, dem der „Preutz" sein sang- und klangvolles, sein heiteres, tanzendes, grünes Wien auf die Seite gedrängt hat, und der mit seinen Kinder» nu!i in trntziger Nationalität und fester Tradition eine Altwicner Familie bilden will zur Beschallung und Erbauung eines unwürdigen neuen besiegten Geschlechts. Ein Gemälde alter Bürgerlichkeit mit satten Farben rollt sich auf. Die drei Sprossen des retrospektiven Alten personifizieren freilich gegen seinen Willen das junge Oesterreich. Der eine, der Lebehaindl, ein zugreifender Genüßling, der zweite, der Geisthaindl, ei» philosophischer Sinnierer mit der schauenden Ruhe, der dritte, der Kampfhaiiidl, ein dicker wackerer Mann, der das„Urdcutsche" sucht. Und über alle drei kommt das Schicksal durch das Weib. Schade, daß am Ende der Geschichte die Roman- hastigkeit mit dem Verfasser durchgeht. Auch er ist in dem politisch gefärbten Buche ein„Mntterdichter" und ein Dichter des„Vater- Hauses", daS ihn: der klare Ouell aller Freuden bedeutet. Mit der Scholle, dem Stück Grund und Boden, das man dem Armen gibt zur eigenen Hütte, will sich für Bartsch auch die Arbeiterfrage lösen. Dieser Schrei nach einem Stück Eigenland, nach einem Stück Grün, nach Garten und HeimathauS für die Arbeitenden tönt am stärksten in der bunten Geichichte, die die starke Dichterpersönlichkeit ihreS Verfassers so charakteristisch hervortreten läßt. HermannHeijermaitns:„VerlincrSkizzenbn ch". (Verlag Boll n. Pickardt, Berlin.) Wir treten hinaus aus der Sphäre der sanften Beschaulichkeit der altväterischcn Naturgenießer und der Auskoster kleinen Schollengliicks. Durch die Skizzen Heijer- manns fährt ein sozialer Wind. Auch er, ein aufmerlsamer Be- schauer des Lebens, aber er hat keine harmonisch bernhigenden Brillengläser vor den Augen, er hat das Glas des Unzufriedenen. DaS Feld seiner AnSbente ist kein frommes Wiesenland, kein lieb- liches Hausgewinkel, es ist die Großstadt Berlin. In seiner Kunst brennt nicht das stille Feuer der tranlichen Herdflamme, hier zucken rote Lichter und beleuchten grell die soziale Not. Tie Erzählungen, manchmal allerdings auch von ironischem Humor, zeigen des Autors scharfe Vcobachdmg von Menschen und Dingen, zeigen eine einpräg- same Gestaltnngskunst und den brütesamen Drang aller seiner Werke, den Zusammenhängen nachzuspüren, die Glück und Leid, Schuld und Verbrechen, Armut und Elend, Charakter und Physio- gnomie der Menschheit bestimmen. Unter der Rubril„Eindrücke" gibt Heijcrmanns dann Augenblick-bildchcn von» Dämon Berlin, seine»: geschminkten Lasier, seinen Enterbten, vom Bouillonkeller, vom Blendwerk des Theaters, vom Arbeitshaus und vom Asyl der Obdachlosen. Ein Ausländer zeigt den Deutschen ihr Berlin ohne Retusche, und auS der Mosaik der kleinen An�eichnungen, anregend und lebendig nntgeteilt, setzt sich eine nlahnungSdolle Psychologie der Grosistadt zusammen. � Johanne? B. Jensen:»Die Neue Welt".(Verlag S. Fischer, Berlin.) Man könnte sagen, daß dieser Skandinavier mit der vom Ame- rikanismuS befeuenen Wickingergewalt seines MotorstilS die Physio- logie der Großstadt gibt. Wieder ist es der gesunde, der Kräfte treibende Organismus Amerikas, der in diesen begeisterten Essays besungen wird. Johannes V. Jensen ist der Verkiinder und Ver- herrlicher der modernen Renaissance, die für ihn in der unklassischen, der unhistorischen, der neuen Welt U. S. A. auferblüht. Und New Aork, die athletische Stadt der Arbeit, die Siadt der Maschinen mit ihrer ewigen Bewegung, ihren produktiven Kräften betet er an. Die moderne Renaissance beruht für ihn nicht auf einer Idee, auf dem Geistigen, das Literarische und Aesthetische ist fiir ihn nur ver- kleidete Reaktion. Die Geburt einer neuen Kultur singen ihm die Maschinen. Er preist jede Form, durch die das Leben feinen Willen äußert, das große drehende Eisenrad aber ist ihm der stärste Aus- druck eines produktiven Willens. Verse aus Eisen, Reime auS Stahl und Stein, Rhythmen, die zum Himmel steigen— das ist die Poesie Amerikas. Als Verächter der europäischen Kultur, die in etwas so übermenschlich Vornehmen besteht wie mit der Gabel zu csien, an Abstraktionen zu kauen und die„Kornarten nicht unterscheiden zu können", ist'fnr ihn der primitive Mensch natürlich von einer Glorie um- strahlt, und in der Baueriikultur wurzelt fiir ihn das aufsteiaende Leben. Dithyrambisch ruft er deshalb Björnson, der Bauernblut in den Aden, hat, als den Repräsentanten Norwegens aus, wie ihm Noose- bclt der Repräsentant Amerikas bedeutet, des Landes, in dem man nicht schwatzt, sondern handelt. Und über Frank Norris, dem Dichter des Epos des Weizens, bringt er eine durchdringende flammende bewundernde Abhandlung. Jensen ist der starkgcistige Gegenlyp der Dekadenz, ein neuer Dichter des Lebens, der die Arbeit, die Maschinen und alles, was dem Leben in produktiver Weise dient, dichterisch verklärt. Ein eminenter Künstler des Ausdrucks mit einem Etil, der elektrisiert und un atcmraubenden Tempo daherstürmt. • temil I n o k a:„Isolde W c i ß h a n d".(Verlag S. Fischer, Berlin.) Man braucht wahrlich gar nicht einmal, wie ich, kurz vor- her ein Buch des Utilitätsfanatikers Joh. V. Jensen in der Hand ge- babt zu haben, diesem enthusiastischen Entdecker der Schönheit deS Nützlichen, um das Unnütze, das Ueberflüssige eine? Büches, wie das vorliegende, zu empfinden. Selbstverständlich können auch die schwindsüchtigen Aestheten- und Besonderbeitsbücher trotz ihrer Mumienhaftigkeit künstlerische Qualitäten aufweisen. Leider ist das aber bei dem lebensfremden Produkt deS Herrn emit ludca. wie sich der Autor im Stil seines Romans„aus alter Zeit" schreibt, ganz und gar nicht der Fall. Ich habe kein anderes Urteil darüber. als daß sich der Autor an der herrlichsten LicbeSsage„Tristan und Isolde" sträflich vergangen hat. Das hohe Lied der Liebe, jener Liebe, die Tod und Verklärung ist, bat verschiedene neuzeitliche Bc- arbeitnngen erfahren. Meist kamen stilisierende Kunststückchen dabei beraus, die sterbensselige Tragik des Stoffes vermochte keiner zu er- schöpfen. Richard Wagner hatte die Macht der Töne, Offenbarerin der schmerzensvollen und wonnevollcn Liebe wurde die Mufik. Herr smil Incira. aber hat nichts als seine gequälte, verlegene Literatensprache, die weder überzeugt noch rührt, noch die ergreifende Mythe lebendig »nacht. Wie Tristans Se üe am Betrug seines OheimS Marke und an seiner sehnenden Liebe zu Isolde Blondhaar gleicherweise leidet, »im die Qual seines Herzens zu stillen, sich Isolde Weißhand ver- mählt und nun doppelt elend ist, weil er durch diese Ehe auch die geliebte Einzige betrügt— bc.° Hot ernil lucka. in einer unsagbar trivialen Weise wiedergekäut. Die Begebenheiten stimmen, aber der keusche Reiz der Ursache, ihr zitterndes Weh, ihre Erschütterung, die Größe ihrer Tragik ging rettungslos unter in Platt- heit und Manieriertheit. Tristan, der kranke, traurige Held, ist in Luckas Behandlung ein trister Schwächling, ein Jammerlappen, »md Isolde, die blonde, ein Schemen, ein Schatten nur. Ich ver- »nute, daß es dem Verfasser daran lag, einmal gegen das glänzende Bild der blonden Isolde, das Bild der braunen Isolde, Isoldes Weißhand, im strahlenden Licht erscheine zu laffen. Isolde Weiß- Hand als Pflegerin, als demütig Liebende, als Opferfreudige, als »ninniges Weib in Treue und hausfraulichen Züchten... Jedennoch — mußte das sein? Und ist doch alles Mache geworden. Darf ein Künstler von Geschmack, eine Szene wie die. wo der sinnen- gierige Marke vor Isoldes Kammertür winselt, hinschreiben? Das könnte auch in einem Destillenkapitel der Naturalisten stehen. J. V. Kleines f euilleton» Sprachwissenschaftliches. Erforschung der slawischen Sprachen. Die gegen- wartigen politischen Vorgänge auf dem Balkan verleihen dem Rasten- »md Sprachenproblem der slawischen Völker eine erhöhte Bedeutung »md haben Dr. Marchand Veranlassimg gegeben über den Zusammen- hang zwischen den slawische» Raffen und ihren Mundarten vor der englisch-russischen literarischen Gesellschaft einen Vortrag zu halten. Der Raffe nach scheiden sich die Slawen in zwei große Gruppen, eine östliche, zu der die Rusien mit ihren Untergruppen, den Bulgaren und Serbo-Kroaten, gehören, und eine westliche, in der die Polen, Tschechen, Mähren und die Wenden zusammengefaßt sind. Nach Marchands Meinung ist die häufig angenommene Ansicht, daß das sog. Paleoslawische lAltilawische) die Muttersprache aller anderen Mund- arten jener Völkerschaften sei, unrichtig. Gleichwohl besteht eine gewiffe, aber immerhin nur innerhalb bestimmter Grenzen vor- handene Verwandtschast zwischen den verschiedenen Einzelmundarten. Ein russischer Schulknabe wird in Warschau oder Prag gewiffe Dinge wie Firmenschilder, soscrn er deren Buchstaben überhaupt lesen kann, sowie auch Straßenschilder, Reklamen und auch manche Bruchstücke aus Gesprächen verstehen können. Die Tscheschen sind bisweilen imstande, das Russische zu verstehen, nicht aber vermögen umgekehrt die Russen die tschechische Sprache zu verstehen. Jedenfalls ist es unzutreffend, wenn russische Studenten glauben, daß sie ohne weiteres jede andere slawische Sprache verstehen können. ES ist ja gar keine Frage, daß in diesen Verhältniffen ein großer Hemmschuh sür die in letzter Zeit so oft erträumte und erstrebte panslawistische Bewegung liegt. Bedauerlich ist es, daß die schlechten VerkehrSverhälmiffe zwischen den slawischen Ländern und Westeuropa so lange ein genaueres Studium in linguistischer Be- ziehnng verhindert haben, und es ist zu hoffen, daß die künftige Gestaltung'der Orientpolitik, die hoffentlich ohne europäischen Krieg in die ruhigen Bahnen der Verträge einlenken wird, ein näheres Eingeben auf die sprachlichen Verhältnisse der slawischen Völker- grnppen ermöglicht, das von manchen Forschen: wohl in Angriff genommen Ivorden ist, aber eines erschöpfenden Ausbaues noch harrt Technisches. Arbeitsleistung der neueren L a st h e b e m a g n e t e. DaS Bestreben der Industrie geht überall darauf hinaus, arbeits- sparende Maschinen zu verwenden. Ein lehrreiches Kapitel dafür bietet die Lastenbeförderung. Die modernen Kräne und Hebewerke entfalten eine Leistungsfähigkeit, durch welche die Errichtung der heutigen Riesenbauten eigentlich erst möglich wurde. Der Professor Buhle von der Dresdener technischen Hochschule registriert in seinen Arbeiten regelmäßig die Fortschritte, die aus diesem Gebiete gemacht werden. In der letzten Nummer der„Welt der Technik" veröffeut- licht er über die Leistungsfähigkeit der Lasthebemagnete ein sehr interessantes Zahlenmaterial. Das Prinzip der Lasthcbemagncte besteht bekanntlich darin, daß ein schwerer Eisenklotz, der transportabel an Ketten hängt, durch den elektrischen Strom magnetisch wird. Alle Eisenstücke, die unter ihm liegen, iverden von ihm angezogen und solange für den Transport festgehalten, wie der Strom geschlossen ist. Buhle berichtet nun. daß die heutigen Magnetkrane für das Beladen von Chargier« mulden bei Martinöfen 400 bis 800 Kilogramm Eisen mit jedem Hub befördern können. Bei richtiger Gleisanlage können ohne Schwierigkeit stündlich siebzig Hübe erfolgen. Etwa neben die Mulden gefallener Schrott kann leicht mit dem Magnet aufgelesen werden, da er eine große Fernwirkung hat und Stücke bis zu£50 Kilogramm auf>/« Meter anzieht. Drehspäne, Schmelz- eisen, JngotS, Maffeln, ja sogar ganze Chargiermulden werden unterschiedslos vom Magnet ergriffen und durch den Kranführer von seinem sicheren Stand ans an beliebige Stellen gebracht. Jede Ge- fahr ist vollständig ausgeschlossen, da während des VerladenS der SÄrottplatz abgesperrt wird und niemand auf dem Platz selbst be- schäftigt ist. Läßt sich ein Menschenverkehr unter dem Magnet nicht recht ausschließen, wie z. V. bei Eisenlager usw., so werden Sicherheitsgreifer, Zangen, Bügel usw. angewendet, die das Herabfallen der Lasten unmöglich machen. Schienenenden und Eisenknüppel werden mit Leichtigkeit vom Magnet gehoben und zwar werden im Durchschnitt vom regellosen Hansen 865 Kilogramm mit jedem Hub erfaßt. So werden 075 Tonnen Eisen in l3 Stunden 20 Minuten verladen, ferner 32 Tonnen paketierter Schrott in 29 Minuten und 900 Kilogramm stählerne Drehspäne in 2,/ä Minuten. Von Drahtabfällen in Ringen und ganz dünnen Weißblechäbschnitten werden mit jedem Hub 300 Kilogramm genommen. Beim Entladen läßt sich leicht auch der kleinste Rückstand ans dem Wagen nehmen, indem man mit dem Magnet etwa in 10 Zenti- meter Abstand über den Wagenboden fährt und so in kürzester Zeit alle Reste schnell aufnimmt. Bei besonders sperrigem Material nimmt der Magnet zwar durchschnittlich nur 850—400 Kilogramm, trotzdem ist auch hier der Gewinn an Löhnen und Zeit ungefähr ebenso groß wie bei grobstückigem Eisen, da die Handarbeit wesentlich schwieriger ist. Glänzende Leistungen lassen sich beim Entladen von Raheisenmassen erzielen, da der Magnet von un- geschichteten Haufen oder aus dem regellos beladenen Waggon mit jedem Hub sicher 750—800 Kilogramm nimmt und in einer Stunde ohne Schwierigkeit 40— 50 Tonnen mit einem durch einen Mann be- dienten Kran bewältigt werden können. Auch im Gießereibetriebe kann das Roheisen ans dem Gießbett sowohl wie auch aus dem Sandbett erfolgreich herausgenommen werden!. der Magnet zieht Stücke bis 1800 Kilogramm empor. Das Ausheben läßt sich durch starke Fernwirkung derart ermöglichen, daß Stücke bis 400 Kilo- gramm auf 10 Zentimeter Entfernung aufspringen. Bercnitwortl. Redakteur: HanS Weber. Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer ScEo..BerlmLVi.