Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 64. Donnerstag ven 13 Marz. !90V (Nachdruck virboUll.t 63] Das tägliche ßrot. Roman von C. V i e b i g. Aber sie floh nicht scheu wie damals. .,'s is mein kleenes Mädel," sagte sie stolz, nahm Fnd- chen auf den Arm und ging gelassen fort. Geradenwegs zu Müldners: da waren ja so viel Kinder, da konnte das eine wohl auch noch bleiben.— Herr Müldner kam heute besonders früh vom Bureau nach Hause: ehe er noch sein altes Zitz-Röckchen angezogen hatte, rief ihn seine Frau in die Küche. Dort saß Mine, hatte ihr Kind auf dem Schoß und fütterte es mit in Kaffee geweichter Schrippe: das Kleine schluckte gierig. Mine sah blaß und elend aus. Frau Müldner hatte Tränen in den Augen: sie faßte ihren Mann unter den Arm, flüsterte ihm eifrig ins Ohr und wies auf das kleine gierige Geschöpf. Die ungenügend erzählte, halb heraus- gezerrte Geschichte der Magd hatte ihr Mutterherz tief ge- rührt. Auch Herr Müldner war bewegt.„Sie können vorerst das Kind hier behalten," sagte er.„Gewiß, diese Nacht. Dann müssen wir mal sehen, wo wir's unterbringen, ich—" „Nur nicht wieder zu so'ner fremden Person," fiel ihm seine Frau ins Wort,„das arme Wurml Nein, da war's zu gräßlich I" Ihr Mann zog die Augenbrauen hoch und winkte ihr be« schwichtigend zu.„Es gibt ganz ordentliche Ziehmütter, an- ständige Frauen, die sich auf diese Weise'nen Nebenverdienst schaffen. Keine Engelmacherinnen, bewahre! Vielleicht läßt sich sogar eine hier in der Nähe finden, ich werde mich genau erkundigen: Marie, Du wirst auch mal hingehen und—" „Weggeben soll ich's?" Mine sah ihn starr an. Dann strich sie in plötzlicher Unruhe dem Kind die Härchen aus der Stirn und zupfte an seinem Kleidchen.„Wieder weggeben?! Ne, nel" Sie streckte abwehrend die Hand aus, schauderte und wurde noch blasser. „Aber, Mine!" Herr Müldner redete freundlich zu: „Seien Sie doch nicht töricht! Wenn wir's hier in der Nähe unterbringen, können Sie ja auch abends öfter mal gehen und nach ihm sehen." „Gewiß," bestätigte Frau Müldner. „Und Sonntags, wenn Sie Ihren Ausgang haben, können Sie eS sogar spazieren führen!" Er malte ihr das sehr schön aus und redete sich ordentlich in Eifer dabei. Mine sagte kein Wort, sie sah ihren Herrn immer un- verwandt starr an. Er wurde etwas stutzig durch diesen Blick— Donnerwetter ja, aber Geld kostete es bei einer ordentlichen Zieh- mutter I Und wenn man das nicht hat?! Ein Seufzer entrang sich ihm. Es klang recht kleinlaut:„Ja, und dann haben wir doch auch Waisenhäuser! I natürlich, dafür gibt's doch Waisenhäuser!" „Fridchen is keene Waise," sagte Mine finster. „Na ja. ja. Sie, die Mutter, sind da. Ich meine auch nicht direkt Waisenhäuser— na, solche Anstalten I Sie sind protestantisch, nicht wahr?" „Evangelisch." „Ist das Kind getauft?" „Ne." „Aber warum denn nicht? Das kostet Sie dock keinen Pfennig, das kriegen Sie ja umsonst, Sonntag mittag in jeder Kirche!" „Ich hatt keene Zeit. Erst war mer noch so schlecht, den dritten Sonntag war ich schon wieder in Dienst." „Hm. hm," Herr Müldner kratzte sich hinterm Ohr— „nicht getauft? Dunim! Da wird's schwer halten. Aber ich will's doch versuchen. Ich habe Verbindungen. Irgendwo werden wir das Kind schon unterbringen." „Ne," ein leichtes Rot stieg in Mines blasses Gesicht, „ne, icb geb's nich her!" „Ach, was fällt Ihnen denn ein!" Müldner wurde ganz ärgerlich.„Seien Sie doch nicht so eigensinnig. Glauben! Sie mir, solche Anstalten sind das Allerbeste. �Die Kinder i wachsen unter ihresgleichen vergnügt und ahnungslos auf. � Ihre Eltern haben Sie doch nicht haben wollen—„rauS« geworfen" auf gut deutsch— was wollen Sie denn ander? anfangen, als in Dienst sein?!" „Ich geb's nich her!" „Wir möchten Sie doch so ungern verlieren," rief Frau Müldner fast weinend. „Ja, denn wird's wohl nich andersch sein." sagte Mine eintönig,„denn wer' ich wohl gehn müssen." Mit ihren matten Augen sah sie die Herrschaft traurig an: zugleich legte sich ein Zug von Trotz um ihren Mund.„Wenn Se mer nich behalten wollen! Ich geb's nich her." Sie stand auf.„Herr Müldner, Frau Müldner, denn kündige ich Ihnen hiermit. Un denn will ich ooch lieber gleich gehen." Sie machte ein paar wankende Schritte gegen die Tür. „Halt, Mine, Unsinn." Müldner faßte sie am Arm. So ins Ungewisse werden wir Sie doch nicht herausrennen lassen!" „Was geht's Ihnen an?!" murmelte sie. Die Eheleute wechselten einen Blick. „Wie schlecht Sie uns kennen!" sagte Frau Müldner sanft vorwurfsvoll.„Und Sie sind schon über ein Jahr bei uns!" „Ja, da sind wir in der engen Wohnung zusammen» gepfercht, wie Bücklinge in einer Kiste!" Müldner zuckte die Achseln.„Und doch! Wir kennen uns gar nicht. Sie hätten uns längst etwas sagen sollen! Wir hätten Ihnen gern ge» halfen." „Geholfen— Sic?!" Mine sah ihn groß und erstaunt an. „Ja, warum denn nicht?! Hätten Sie mir nur was gesagt!" Mit einem fast mitleidig spöttischen Lächeln schüttelte sie den Kopf.„Ne, das tut man doch nicht! Der Herr» schaft—?! Ne." Müldner nickte.„Traurig genug." Und dann wie zu sich selber spreck�nd:„Hätte ich nur Augen gehabt!" Ein paar Minuten war's still in der Küche: sie standen alle drei und sahen stumm vor sich nieder. Jetzt krähte Fridchen auf. Herr Müldner blickte nachdenklich auf das Kind.«So ein armes, vaterloses Wurm!" „O ne,"— Mine war förmlich beleidigt—„Fridchen hat'nen Vater. Der is ooch da." „Was? So? Und das sagen Sie erst jetzt?!" Müldner geriet ganz außer sich.„Das ändert ja die ganze Sache!" „Na, jawoll," sagte Mine ruhig,„der Artur, von Reichkes aus'n Grünkram!" 25. Reschkes Schaufenster zeigte nicht mehr die alte Fülle. Noch baumelten die Pappstückchen in aller Vielseitigkeit, aber wenn man den Laden betrat, war dieses und jenes„grade ausgegangen". Frau Rcschke bat auch nicht mehr in alter Geschmeidig» keit, doch ja wiederzukommen und die Kundschaft nicht zu ver- tragen. Die paar Pfennige! Es kam ja doch nichts Rechtes zusammen. Das ewige Raxen! Ja, man wurde müde und alt: sie verstand nun, wenn ihr Mann darüber stöhnte. Reschke war während zehn Wochen täglich zu dem be» rühmten Doktor in die Klinik gegangen: seine Aupen waren doch nicht besser geworden, er konnte kein welkes Gemüse mehr von frischem unterscheiden. Gar nicht mehr zu gebrauchen war er. Und seit der Geschichte mit Trude tvar er ganz wie vor den Kopf geschlagen. Er machte keine Witze mehr mit den Mägden, er faßte sie auch nicht mehr mit Geschäftskniff unterS Kinn. So ließ ihn seine Frau ruhig in der Stube hinterm Laden sitzen. Da trank er eine Weiße nach der anderen, wenn er gerade wach war: den Hauptteil des Tages verschlief er, das heißt, er duselte so vor sich hin mit halbgeschlossenen. blinzelnden Augen. Nach der Halle fuhr er nicht mehr: die Huirde waren abgeschafft worden, nicht verkauft, nein, cingetaufcht gegen einen Papagei. Der konnte„Papa" und„Mama" sägen, „Lorchen Hunger".„Herrchen", und„Frauchen". In der ersten Zeit hatte er die Käufer mächtig angezogen: die Klingel unter der Treppe gellte, wie in der besten Zeit. Aber kaum hatte der Grünkram, weiter die Straße herunter, davon gehört, schaffte er sich einen possierlichen kleinen Affen an; nun liefen sie alle dahin. �iwei- oder dreimal die Woche, morgens nach neun erst, kam ein Wagen vorgefahren, der neue Ware brachte; das war bequem, der Händler trug sie noch in den Keller. Aber viel Nutzen war nicht dabei, der Einkaufspreis war jetzt zu hoch, und Mutter Neschke begann einzusehen, daß ihr Alter einst- mals doch nicht so schlecht ausgesucht hatte. An übergroßer Frische litten die Gemüse nie; es war eine ordentliche Arbeit, das Welke und Faule auszulesen und die Kohlköpfe und Rübenbündel hübsch auszuputzen. Es ge° hörte eine besondere Gewandtheit dazu, die Birnen, die meist auf einer Seite schon einen Faulfleck hatten, dem Käufer mit einzuschmuggeln. Trotzdem hatte der Keller seine Kunden; Kleinigkeiten, bei denen es nicht darauf ankam, kaufte man noch dort. Denn, so schlechte Ware sie auch führten, so interessant waren doch die Reschkes. Da war immer etwas los. Vergangenen Winter hatten sie den Gesprächsstoff für die ganze Straße ge- liefert. Die Trude war wegl Einfach ausgerückt! Wohin die nur sein mochte?! Die wißbegierigen Magde hatten den Keller gesüirmt.„Für fünf Pfennig Salz!"„Für fünf Pfennig Sand!"„Für fünf Pfennig Petersilie!"„Für fünf Pfennig Wichse!" Und dazwischen regnete es Fragen und Andeutungen und Vermutungen und Verdächtigungen, und die arme Mutter stand da und konnte nichts zur Ver- teidigung sagen. Erst hatte Frau Reschke gar nicht desgleichen getan, sich harmlos und munter gestellt, aber das Schweigen brach ihr das Herz. Sie fing an zu schwatzen. Was für ein Undank! Was hatte man für die Kinder geopfert, das letzte hingegeben, und so machten sie's einem! Erst der Artur, dann die Trude! tFortsctzung folgt.) l7?cichdrua dervottn.) Cm Paria. Bon Eugen Tschirikow. 7. Der Februar neigte sich seinem Ende zu. Die Sonne schien bereits freundlicher, tzeller und wärmer. Alles geinahnte daran, daß der heißcrselmte Gast, der Frühling nicht mehr weit sei.... Allein die schönen Tage waren einstweilen noch eine Seltenheit. Ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren, verwandelten sich diese Vorboten eines neuen Lebens wieder in trübe, kalte und graue Tage, das wunderbare Blau des Himmels verschwand, sich hinter dichten, schmutzig-grauen Wolkenschleiern verbergend, die Sonne versteckte sich ganze Tage lang, in der rauhen Luft wirbelten Schneeflocken und ein kalter Wind fegte durch die Straßen.... ES war gerade solch eiir Wetter. Der am Tage vorher ge- schmolzene Schnee war wieder gefroren, das Trottoir hatte sich mit einer Eiskruste bedeckt, von, frühen Morgen an war der Himmel mit Wolken bezogen, ein scharfer, durchdringender Wind fegte durch die Straßen lind ivarf sich wütend auf die Passanten. Leute, welche noch wenige Tage vorher in FrühjahrSkostümen ausgegangen waren und unternchmungslnstig bereits alle möglichen Reisepläne für den Sommer geschmiedet hatten, hüllten sich wieder in Pelze, schlugen die Kragen in die Höhe, zogen die Mützen und Hüte tief in' Gesicht und ihre Physiognonrie nahm wieder ein mürrisches, unfreundliches, ernst besorgtes Aussehen an.... Trotz des schlechten Wetters sind die Straßen sehr belebt, namentlich die Pokrowskaja. Die hohen, massiven Gebäude dieser Straße find von oben bis unten mit Schilder» und Plakaten bedeckt, hier ein riesiges Schild mit meterhohen, dicken, vergoldeten Buchstaben, dort eme billige Papptafel:„Ausverkauf! Zkur noch wenige Tage!' usw. lieber den Türen schaukeln sich goldene Kringel von gigantischem Umfang, Schweinesüße, Brillen, Uhren und andere Symbole. Neben den Türen Porzcllantäselchen von mätzigem Umfang mit der lakonischen Inschrift:„Notar", Zahnarzt",„Institut für Massage und Elektrizität."... Hastig und geschäftig wogt das Publikum hin und her. Be- sonders geschäftig zeigen sich die Hausfrauen, welche ihre Einkäufe machen wollen oder schon gemacht haben und nun, nachdem sie ihre» Zweck erreicht, d. h. zur Genüge gefeilscht und ein Fünfkopekeiislück abgehandelt haben, sich mit Markttaschen und Päckchen eiligst auf den Heimweg machen. Und der Wind bläst heftig durch die Straße: bald jagt er hinter einem Paar stolzer Traber her, bald jagt er ganze Wolken feinen, puderarligen Schnees von den Dächern, ihn neckisch in der Lüft herumwirbelud. Daun wieder bläst er den Passanten ins Gesicht, schlägt ihnen die Schöße der Pelze und Paletots zurück, spielt mit t>en Bios der Damen dreht und dreht sich auf einer Stelle und fährt schließlich heulend gen Himmel, gerade als wenn es ihm in der Pokrowskaja zu eng fei... Vor einem besonders reichen Magazin war augenscheinlich etwas vorgefallen. Hier staute sich die Menge derart, daß es einfach unmöglich war, auf dem Trottoir vorbei zu passieren. Bon Miiuue zu Minute wuchs die Menge der Gaffer, welche als ein undurchdringlicher Wall jemand oder etwas umstanden, so daß die Hintensteheuden absolut nicht zu sehen vermochten, waS innerhalb dieses Walles vorging. Notgedrungen mußten sie ihre Wißbegierde durch Vermutungen befriedigen, wobei sie eine in solchen Fällen stets überaus fruchtbare Phantasie entfalteten. Die einen sagten, man hätte einen Dieb ertappt, der es fertiggebracht hätte, drei Zuckerhüte zu stehlen, die anderen— man hätte einen Toten gefunden; die dritten— es hätte sich ein Erdspalt gebildet, in den ein Knabe gefallen sei usw.... Einige gingen weiter, nachdem sie ein paar Minuten vergebens auf der nämlichen Stelle hin- und hergetrampelt hatten, die meisten aber warteten mit erstaunlicher Geduld, wie das endigen, und wen man wohl zur Polizei bringen würde... Ihre Ausdauer wurde denn auch schließlich belohnt. Sie sahen— an die Wand deS Hauses gepreßt, auf dem Trottoir' einen Knaben von 8— 9 Jahren liegen. Er war mit elenden Lumpen bekleidet, mit Lumpen, die seine Blößen kaum bedeckten. Ein zerrissenes, bis zur Unmöglichkeit schmutziges Hemd ließ durch zahllose Löcher den mageren, ausgemergelten Körper sehen. Zerrissene, mit großen Flicken bedeckte und augenscheinlich nicht für den Knaben be» stimmte Hosen schlenkerten um seine mageren Beine. Die Füße steckten in ausgetretenen Stiefeletten mit abgelösten Sohlen. Durch das vielfach durchlöcherte Oberleder kamen die angefrorenen Zehen zum Vorschein. Ueber dem durch einen Strick zusammengehattenen Hemd trug der Knabe nur»och eine Weste, die allem Anschein nach einmal für einen großen, breitschultrigen Mann angefertigt war. Die Mütze lag neben ihm an der Erde... Das Kind zitterte am ganzen Körper und fuhr von Zeit zu Zeit krampf- hast zusammen, gerade als wenn es von unsichtbarer Hand gestoßen würde... Wild, erschreckt, irrten die fieberhast glanzenden Augen umher. Er atmete schnell und unregelmäßig und schloß von Zeit zu Zeil die Augen... Neben ihm in hilflosem Nachdenken stand ein in Lumpen gehüllter blinder Greis. Sein Kopf schwankte hin und her. Seine trüben Augen blickten stumpf und gcdanlenlos. Er schien nicht zu verstehen, was um ihn her vorging. Mit einem dünnen, knotigen Stock betastete er die Erde und die Mauer des Hauses, hustete und bewegte die zahnlosen Kiefer. Die Nächststehenden beugten sich teilnahmsvoll über den Knaben mrd bestürmten ihn mit Fragen. Aber der Knabe schwieg hartnäckig und blickte sie nur kläglich, erschreckt an. Der Alte war äugen» scheinlich auch taub, denn von ihm war cbenfoweuig etwas heraus» zubekommen.... Ein elegam gekleideter Herr richtete eine Frage an den Knaben und stieß ihn dabei, um ihn zu ermuntern, mit der Spitze seines Gummischuhes, was von feiten der anderen entrüsteten Proiest hervorrief: „Nanu— ist doch kein Hund?!' „Dich müßte man so stoßen I" Der Herr warf einen erzürnten Blick auf den Nächststehenden, hustete und drängte sich hochmütig durch die Menge. Man versuchte den Knaben aufzuheben, aber er begann z« stöhnen und bewegte erschreckt abwehrend die Hände. „Ihm die Ohren mir Schnee reiben," riet eine Stimme aus der Menge. „Was fällt Euch ein?I Verrückt geworden?! entgegnete eine andere Stimme. „Man müßte ihn ins Krankenhaus bringen— Ihr seht doch er stirbt...." „Wenn ich Zeit hätte, würde ich ihn hinbringen," erklärte ein Herr im Biberpelz, zu seinem Nachbarn gewendet. Einige verstanden diese Worte als Aufforderung, wendeten sich aufatmend ab und begannen nach rückwärts zu drängen.... Alle bedauerten das Kind, aber alle hatten irgendein unaufschiebbares Geschäft— alle hatten keine Zeit.... Jetzt gewahrte ein Schutzmann den Auflauf. Reiche Erfahrungen im Dienst halten ihm die Ueberzeugung beigebracht, daß überall da, wo sich das Volk zusammendrängt, irgenoeine„Unordnung" vorliege» müsse. Darum nahm er, obwohl noch ziemlich weit von der Menge entfernt, doch sofort eine strenge Amtsmiene an, um sich ge» bührend auf die„Wiederherstellung der Ordnung" vorzubereiten und ballte inslinktiv die Fäuste... „Was ist hier loS?" schrie er, als er sich endlich der Stelle ge» nähert hatte.„Waö gibt's hier zu gaffen? Geht auseinander. Leute l I" Die Menge begann sich langsam in Bewegung zu setzen. Die Aengstlichen, auf welche un Vorübergehen das unzustiedene Luge des Gesetzes fiel, beeilten sich fortzukommen, andere, weniger Furchtsame, machten der Obrigkeit Platz, blieben aber im übrigen nur stehen. „Was ist hier loS?" wiederholte der Schutzmann, das Publikum grob zur Seite stoßend. „Der Junge stirbt..." Bevor der Polizist wettere Maßnahmen traf, versuchte er von dem Alten oder dem Knaben in Erfahrung zu bringen, wer sie seien, woher sie kämen, womit sie sich beschäftigten, wo sie wohnten — aber ebenfalls umionst: beide schwiegen hartnäckig.. »Auf die Wache mit ihnen I' entschied der Schutzmann. Jemand wagte den schüchternen Einwand, der Knabe gehöre doch nicht auf die Polizei, sondern ins Krankenhaus. .Bei Euch heitzt's immer gleich— auf die Polizei!... Ein Mensch stirbt, aber Ihr..." »Mischen Sie sich gefälligst nicht hinein. Herr l Kennen Sie denn die Vorschriften, he? Darf man so einfach ins Krankenhaus? Wer ist er? Womit beschäftigt er{ich? Das alles muß erst genau festgestellt werden, bevor.. Der Schutzmann winkte eine Droschke herbei, setzte den Greis hinein und legte den Knaben quer auf den Boden des Gefährts. Dann setzte er sich selbst wichtig neben den Alten, faßte ihn mit der linken Hand um den Leib und schrie befehlend: »Nach dem zweiten Polizeirevier!... Hast Du verstanden?" »Habe verstanden.. antwortete der Kutscher und hieb auf seinen ausgemergelten Gaul ein. Langsam begann sich das Publikum zu zerstreuen. Hier und bort wurden in den Schaufenstern bereits die Gasflammen an- gezündet. (Fortsetzung folgt. f! Zur Gefdncbte des rebweizenreben Hrylrecbts» Der öffentlichen Meinung gilt heute wie früher die Schweiz als ein Land, das selbst bis zum Uebermaße freiheitsliebend, nun auch jederzeit bereit ist, alle diejenigen zu schützen und zu schirmen, die politischer Haß und politische Verfolgung aus Heimat und Ba- terland getrieben. Daher denn auch die glühende, überschwengliche Verherrlichung der Schweiz durch Schiller, der die biederen Schwei- zer ganz allgemein zu Trägern freiheitlicher und mcnschenrechtlichcr Anschauungen stempelte, die jenen in Wirklichkeit ach so oft fremd waren und zum Teile auch... ach so fremd geblieben sind. Wenn die Schweiz im Mittelalter in allen politischen Fragen toleranter war als alle sie umgebenden Staaten, so verstand sich dies bei der Art der Entstehung der polltischen Selbständigkeit der Eidgenossen- schaft schließlich von selbst. Denn wer selbst einer gewaltsamen Re- volution seine Selbständigkeit verdankt, kann unmöglich revolu- tionäre Handlungen und"Taten von vornherein als Verbrechen betrachten. Der Tyrannenhaß wurde denn auch im Mittelalter von der herrschenden Klasse der Schweiz künstlich genährt, um durch den Popanz der Tyvannenfurcht das unterdrückte Volk in Knecht- seligkcit zu erhalten. Ns 1518 in Basel eine Neuauflage des Urncr Tellenspiels erschien, trug dieses das Motto: JEyrannen und ein Hund, der tobt, Wer die erschlägt, der wird gelobt." Wer damals den Nationalhelden Tell einen Verbrecher zu nennen gewagt hätte, hätte»kniend mit dem Strik um den Hals", öffentlich dem Volke Abbitte tun müssen. Trotzdem waren die Schweizer Kantone weit entfernt, das Ashlrecht etwa als Attribut der Schweizer Freiheit zu betrachten, um so weniger, als ihre Mehrzahl bis zur französischen Revolution nicht weniger freiheilsfeindlich, nicht weniger reaktionär war als die sie umgebenden großen oder kleinen Fcudalstaaten. Da haperte es denn mit der Asylfreiheit gar gewaltig. Wer einen großen Geld- beutcl mitbrachte, um sich das Niederlassungsrecht in irgend einer Stadt zu kaufen, brauchte schließlich nichts zu befürchten. Aber alle die ärmeren Flüchtlinge wurden aus wirtschaftlichen öder Po- litischcn Gründen gar bald»lästig", und dann von Kanton zu Kanton, und schließlich ganz zum Lande hinaus geschoben. Dabei half denn gar leicht ein äußerer Druck mit. Besonders von feiten Frankreichs brauchte es im 17. und 18. Jahrhundert nur sehr ge- ringer Anstrengung, um seinen Flüchtlingen ein solches Schicksal zu bereiten. Bis zur französischen Revolution behauptete aber ein jeder Kanton das Ashlrecht als einen ihm zustehenden Ausfluß seiner Souveränitätsrechte, der politischen Unabhängigkeit und' Selbstän- digkeit gegenüber etwaigen fremden Zumutungen mit großer Energie. Erst nach dem Wiener Kongresse fingen die europäischen Staaten an, sich ein Mitbestimmungsrecht über die Handhabung des schweizerischen Asylrechts anzumaßen. Sie taten dies, weil aus dem Wiener Kongresse die Mächte die Neutralität der Schweiz garantiert hatten. Sie faßten jene Garantieklausel als eine Art stillschweigender Obervormundschaft über die Schweizer Kantone auf und versäumten, zumal nach Abschluß der heiligen Allianz, kein« sich darbietende Gelegenheit, der Schweiz ihren Willen in der Auffassung der Asylfrage aufzuzwingen. Diese Eingriffe in die schweizerische Bundes- und Kantonssouveränität fanden damals wenig Widerstand. Der Geist Metternichs war in den damals wieder am Ruder befindlichen konservativ-aristokratischen Ele- menten ebenso mächtig, wie er es nur in einem der vielen deutschen Vaterländchen sein konnte. Die zahlreichen Deutschen, die sich zur Zeit der Metternichschen Demagogenhetze in die Schweiz retteten und hier«in Asyl suchten, fanden daher bei der Mehrzahl der Kan- tonsbehörden eine nichts weniger als freundliche Aufnahme. Im Jahre 1823 waren die Kantonsbehörden schon derartig mctter- nichisch infiziert, daß sie das sogenannte Conclufum zustande brachten, d. h. erne Aufforderung an alle Kantone, alle politischen Flüchtlinge auszuweisen, die Veranlassung zu einem Konflikte mit dem Ausland geben konnten. Di« Polizeiossizianten der heiligen Allianz zogen damals mit Proskriptionslisten bis in die höchsten Gebirgswinkel der Schweiz und verjagten dort mit Hilfe der duckenden Schweizer Behörden alle irgendwie nur aufsindbaren Flücbtlinge. Da aber ein derartiges brutales Vorgehen der Mächte doch nicht nach dem Geschmacks weiter Bevölkerungsschichten war, suchte Metternich und die fremden Regierungen die öffentliche Meinung der Schweiz mit allen Mitteln gegen die Flüchtlinge aufzustacheln. Eine Anzahl der in der Schweiz erscheinenden Zeitungen standen im Dienste der Metternichschen Reaktion. Als sich in den dreißiger Jahren Gruvven des jungen Europas und des jungen Deutsch- lands auk Schw'izer Boden gebildet hatten, setzte eine Verfol- gungsära schlimmster Art ein. Die Volksverhetzung feierte wahre Orgien. Nian zum wenigsten infolge der direkten Unterstützung der schweizerischen Bundesbchörden. Diese hatten eine Unter« suchnng über das Treiben der in der Schweiz lebenden Flüchtlinge eingesetzt und mit dieser den bcrnischen Rcgierungsftatthalter Rofchi beauftragt. Dieser Mensch tischte denn nun in seinem Be- richte die fürchterlichsten Räubergeschichten über die Flüchtlinge aus. Ohne Scham und Scheu bezeichnete er die Mehrzahl von ihnen als gemeine Meuchelmörder und Banditen, die, gestützt auf eine furchtbare und geheimnisvolle Organisation, alle Welt mit Tod und Verderben bedrohten. Amtlich wagte dieser Zuhälter Mettcrnichscher Praktiken der Bundesregierung das Märchen von vollzogenen Hinrichtungen und ausgesprochenen Todesurteilen auf- zubinden. So erzählt er einmal mit einem Ernste, der sich nicht aus der Fassung bringen läßt, wie ein in Zürich an der Türe horchendes Dienstmädchen Bluturteile habe füllen hören. Zum Schlüsse verdichtete sich sein verlogener Bericht zu dem Antrage »die Schweiz von diesen gemeingefährlichen, undankbaren Unruhe- stistern so geschwind als möglich zu befreien". Und wirklich hatte die Anregung des Jnquisitionsrichters Erfolg, Hunderte von Flucht- lingcn wurden ausgewiesen. Aber allzu scharf macht bekanntlich schartig. Daß ein der- artig verlogener und zurechtgestutzter Bericht eines schweizerischen Regierunzskommissars Wasser auf die Mühle der europäischen Re« aktion sein mußte, war bei dessen Abfassung nicht bedacht worden. Diese hielt nunmehr ihre Stunde für gekommen, um der Schweiz das Asylrecht überhaupt zu entreißen. Sowohl Preußen, wie Oesterreich. Württemberg und Baden usw. wandten sich nunmehr an die schweizerische Tagsatzung und forderten die weitgehendsten Savannen in bezug auf das Asylrccht. Die Schweiz wurde in den Noten der fremden Mächte dabei als Herd aller revolutionären Bestrebungen und als Beschützerin aller verbrecherischer Elemente hingestellt, die den Frieden und die Ruhe Europas bedrohen. Die Mächte verlangten in ihrer Note vom 23. April 1834, daß die Nach- darstaaten nicht nur allein Richter sein sollten über die ihnen aus dem Ashlrecht der Schweiz erwachsenden Nachteile, sondern daß sie auch das Recht haben sollten, das Vergehen des mißbrauchten Asyls einzig aus dem Gesichtspunkte der für sie selbst daraus entstehenden Gefahr zu beurteilen. Und um jeden Widerstand etwa widerstrebender Kantone zu brechen, drohte man ihnen die Sperrung des gesamten Verkehrs vom 1. Juni ab an, falls sie sich nicht bedingungslos fügten. Schon Matte April waren übrigens die Vertreter der reaktionären Mächte mir Repressalien gegen die Kantone vorgegangen, indem sie eine neue, die Souveränität der Kantone direkt negierende Paßordnung eingeführt hatten. Kraft deren war den Landesregierungen das Recht, für ihre eigenen Bürger Auslandspässe anzufertigen, ge- «ommen und den fremden Vertretern übertragen worden. Oben- drein sollte jeder Kanton sich für de» politischen Glauben seines nachsuchenden Staatsangehörigen verbürgen. Mit Ausnahme von Bern und Luzern dachte bei allen diesen unverschämten Zumutungen niemand an Widerstand. Die übrigen Kantone schlössen sich der Ansicht des regierenden Bürgermeisters von Zürich an,»daß Menschen, welche durch Briefe, Schriften oder durch Emissäre die Ruhe der Rachbarstaaten stören, wegzuweisen sind". Sie waren von selbst bereit, als Polizeimamelucken der hei- ligen Allianz die Ruhe der Nachbarstaaten zu erhalten und aus eingereichte Namensverzeichniss« hin sofort die proskribierten Flucht- linge aus der Schweiz zu verjagen. Ausdrücklich ermahnte die damals über die Forderungen der fremden Mächte verhandelnde Tagsatzung die kantonalen Regierungen,„daß nicht durch Miß- brauch der herkömmlich und einheimisch gewordenen Gastfreiheit der tochweiz solche Flüchtlinge in dieselbe eindringen, die wegen Stö- ning der öffentlichen Ruhe aus einem anderen Staate entwichen sind und demnach verfolgt werden." Trotzdem erreichte die heilige Allianz den damals verfolgten Zweck nicht. Die Nachgiebigkeit und der Servilismus der KantonS» regierungen gegenüber den unerhörten Forderungen der reaktiv- nären fremden Mächte hatte unter den noch demokratisch empfin- denden Schichten der Bevölkerung einen solchen Grimm hervor- gerufen, daß nicht nur eine Anzahl der aristokratischen Gewalthaber gestürzt wurden, sondern auch ein Teil der übrigen es doch nicht wagte, so ohne weiteres als gcireue Handlanger fremder Mächte zu amtieren. So gab es immer einige weihe Raben unter den Schweizer Kantonen, auf deren Gebiete die Flüchtlinge einiger- maßen ein Asyl fanden. Bestanden aber in Beurteilung der politischen Momente in Be« zng auf die Asylftagc Differenzen zwischen den einzelnen Kan- - 216- tonen, so waren sie doch allesamt einig, wenn eS sich um ein Vor» neben gegen die anfangs der vierziger Jabre auftauchenden sozia» kistisch-kommunistischen Bestrebungen der Flüchtlinge handelte. Ter Klasseninftinlt in den verschiedenen Kantonen war der gleiche. Als Wcitling z. B. nach Zürich kam, wo sich damals Arnold Rüge, Herwegh. Häffmann von Fallersleben, Alexander Herzen, Julius Fröbel, Bakunin und andere mehr aufhieben und wo'unter der Vlunschlichen Aegide ein fast russischer Wind wehte, wurde er wegen feines noch nicht einmal herausgekommenen„Evangelium eines armen Sünders" zu lll Monaren Gefängnis und Landesverweisung verurteilt. 1843 muhte auch Hcrwegh den Züricher Staub von feinen Pantoffeln schütteln. Jede sozialistisch-kommunistische Agi- tation aber glaubte die verkrähwinkelte Züricher Regierung 18-45 durch den Erlah eines Ausnahmegesetzes totschlagen zu können. dessen erster Paragraph lautet:„es ist unter, agt, den Diebstahl oder andere demselben verwandte Verbrechen öffentlich zu rechtfertigen oder wegen Ungleichheit des Besitzes eine Klasse gegen die andere aufzureizen".• Bis zum Jahre 1866 bestand übrigens in allen schweizerischen Kantonen das Koalitionsverbot. Brachen gewerkschaftlich-wirt- fchaftliche Streitigkeiten aus, schwebte über allen beteiligten oder nicht beteiligten Ausländern wie das Sckwert des Damokles die Ausweisung. Auch heute wieder bedrohen alle die in letzter Zeit in Bern, Zürich und Graubünden erlassenen Streikgesetze wegen Streikvergehen Ausländer mit der Ausweisung. Die politischen Ereignisse der Jahre 1848/49 brachten für das schweizerische Ashlrecht eine schwere Belastungsprobe, die die der- schicdenen Kantonsregierungen nicht gerade rühmlich bestanden. Ilm den Mächten zu beweisen, wie gross das Bestreben der Bundes- regierung sei, ibnen nach Krästen gefällig zu sein, wies sie a. B. aus Anfordern Preußens die militärischen und politischen Führer der deutschen Revolution aus, darunter Struve, Sigel und Bren- tano. Da der Bundesrat damals einmal im Zuge war, sich zum Handlanger auswärtiger Regierungen zu erniedrigen, so löste er auch im folgenden Jahre auf deren Wunsch die 16 in der Schweiz bestehenden Gruppen des deutschen Arbeitervereins auf. Gross tvar damals die Zahl der Ausgewiesenen, unter ihnen Liebknecht, der vorher das Vergnügen gehabt hatte, zwei Monate in Freiburg in Untersuchungshaft zu brummen. Der Sturz des Metternickschen Regimes bedingte dann aber gir die Frage deS schweizerischen Asvlrechts eine grundlegende enderung. Di« politischen Vorgänge hatten doch insoweit ernüch- ternd auf die demokratische Anschauungsweise der Bevölkerung ge- wirkt, dass sie vor allem das Bedürfnis fühlte, das Asylrecht auf eine feste Grundlage zu stellen. Denn bis dahin war das Recht des politischen Asvls wohl durch Tradition, aber nicht durch das Gesetz festgelegt gewesen. Die Schweiz fing daher an, in allen nach 1848 abgeschlossenen Staatsverträgen ausdrücklich als Bedingung zu stellen,„dass für politische Verbrechen oder Vergehen die Auslieferung niemals gewährt wird". Der erste Vertrag, in dem dieser Grundsatz niedergelgt ist, ist der im Jahre 1853 mit den Niederlanden abgeschlossene. 1855 folgte ein gleicher mit Oester- reich. Regelmässig wird den abgeschlossenen Verträgen vorsorglich noch beigefügt, dass ein Ausgelieferter in keinem Falle für ein ' vor seiner Auslieferung begangenes politisches Vergehen oder wegen einer mit einem politischen Vergehen in Verbindung stehenden Handlung bestraft werden darf. Und in der Tat galt die Auffassung, dass die Schweiz überhaupt niemanden wegen irgend eines politischen Vergehens ausliefern dürfe, lange Jahre der Mehrzahl der Bevölkerung als ein Kräut- lein Rührmichnichtan. Aber je mehr sich auch die Schweiz kapitalistisch entwickelte, nm so unerträglicher wurde für die herrschende Bourgeoisie jenes absolute Verbot kleiner politischer Schergendienste. Und schon 1872 im Falle Netschaiew fing man an, die geschlossenen Ausliefe- rüngSverträge umzudrehen und zu deuteln. Von neuem in Fluss kam dann die Frage des schweizerischen Asylrechts durch den An- trag Oesterreichs vom Jahre 1884, es möge die Bestimmung in den Auslieferungsvertrag aufgenommen werden, dass der Königsmord und sonstige Attentate gegen das Leben eines Staatsoberhauptes nicht als politische Verbrechen gelten sollen. Eine derartige Forderung erschien dem Bundesrate doch etwas zu derb und weitgehend. Nach seiner Meinung muhte man die Sache feiner anfassen. Er erklärte sich daher bereit, mit der öfter- rcichischen Regierung auf Grund folgender Auffassung zu verhau- dein,„dass ein gemeines Verbrechen keineswegs schon darum gls ein politisches betrachtet werden müsse, weil der Urheber tatsachlich oder angeblich aus politischen Motiven gehandelt hat." Das End- ergebnis dieser Verhandlungen zwischen Oesterreich und dem schwei- zerischen Bundesrat war schliesslich folgender Antrag an die Bun- desversammlung,„in Ansehung politischer Verbrechen oder Ver- gehen besteht keine Verpflichtung zur Auslieferung. Gemäss dieser Bestimmung wird jedoch die Auslieferung nicht verweigert, wenn die strafbare Handlung, welche dem Auslieferungsbegehren zu- gründe liegt, nach den Gesetzen des um Auslieferung angegangenen Staates den Tatbestand eines gemeinen Deliktes begründet." So sehr auch die bürgerliche Mehrheit der Bundesversammlung bereit war. in bezug auf das geltende Asylrecht mit siw handeln zu lassen und der Reaktion Konzessionen zu machen, so konnte sie doch einem derartig unbestimmten Antrage ihrer Regierung keinen Geschmack abgewinnen. Sie beauftragte jedoch den Bundesrat, der Bundesversammlung eine neue Vorlage über die Grundsätze künp« tiger politiscber Auslieferungsverträge zu machen. Das war Wasser auf die Mühle deS Bundesrats. In welchem Sinne aber der mit der Ausarbeitung des Entwurfes beauftragte Professor Dr. Rivier seine Aufgabe auffasste, geht daraus hervor, dass er kurzer Hand vorschlug, alle politischen Verbrecher, die sich cmes Mordes, Diebstahls oder Brandstiftung schuldig gemacht, stets auszuliefern. Soweit wollte schliesslich die Regierung doch nicht gehen, denn aus jedem Strassenkampfe lassen sich ja derartige Delikte heraus» destillieren. Nach langem Feilschen und gegenseitigem Handeln brachten Bundesrat und Bundesversammlung dann aber doch eine recht bösartige Verschlechterung deS bisherigen Afhlrechts zuwege. Im Jahre 1892 einigten sich beide, folgenden Absatz den geltenden Auslieferungsverträgen hinzuzufügen:„Wegen politischer Ver- brechen und Vergehen wird die Auslieferung nicht bewilligt. Die Auslieferung wird indessen bewilligt, obgleich der Täter einen poli- lisckien Beweggrund oder Zweck vorschützt, wenn die Handlung, um derentwillen die Auslieferung verlangt wird, vorwiegend den Charakter eines gemeinen Verbrechens oder Vergehens hat. Das Bundesgericht entscheidet im einzelnen Falle nach freiem Ermessen über die Nawr der strafbaren Handlungen auf Grund des Tat- bestandes." Das war denn nun eine allerliebste Kautschukbestimmung, die vollständig geeignet tvar, in der Hand willfähriger und reaktionärer Bundesrichter jedwede Asylfteiheit illusorisch zu machen. Und in der Tat übertrafen in der Folge die Urteile dieser Bundesrichter die schlimmsten Befiirchtungen. die je gehegt wurden. Die Aus- legung, die dem Delikte des pelitischen Verbrechens in mehreren Fällen gegeben wurde, war die direkteste Verhöhnung des gesunden Menschenverstandes. Im Falle Wasfiliew vom vorigen Jahre de- duzierten z. B. die Bundesrichter, ein Attentat gegen einen der blutigsten und infamsten Polizeischergen Ruhlands gelte nicht als politisches Verbrechen und»n Fall Belenzew vom Jahre 1907 stellten sie gar die mittelalterliche Forderung, das Asylrecht sei nur solchen Personen zu gewähren, welche seiner auch würdig sind. Ueber diese„Würdigkeit" entscheiden dann natürlich die reak- tionär gesiebten BundeSrichter. Damit ist dann für die Praxis dem Schlveizer Asylrecht das Rückgrat gebrochen und diese? nur noch eine Spottgebnrt seiner ursprünglichen Zwecke und Absichten. «. A d ö. Kleines Feuilleton. Technisches. Da« geräuschlose Gewehr. Ueber daS neue geräusch- lose Gewehr, dessen Erfinder Hiram Peroy Maxim ist, liegt ein ailS- führticher Bericht in„Ueber Land und Meer" vor. Dieser Apparat, dessen Herstellung keine besonderen Kosten verursacht, kann jedem Gewehrkaliber angepasst werden, wird dem Gewehr gleich einem Bajonett aufgesetzt und ebenso schnell wieder abgenommen. MaximS Schalldäntpfer besteht aus einer 10 Zentimeter langen Stahlröhre von etwas grösserem Durchmesser als dem des Geioehrlaufs. In der Röhre sitzen Reihen von Stahlbändern, die, nicht unähnlich den Zähnen eines Turbinenrades, spiralförmig angeordnet und in der Richtung gegen den Laus gebogen find. Die Bänder reichen nur soweit nach dem Innern der Röbre, um einen Schuhkanal fteiznlassen. durch den die Kugel ungehindert ihren Weg finden kann. Wird nun ein mit dem Schalldämpfer versehene? Gewehr abgefeuert, so bewegt sich die Kugel durch die Röhre, ohne im geringsten an Schnelligkert. Zielrichtung oder Durchschlagskraft zu verlieren. Die durch die Explosion der Patrone erzeugten Pulver- gase jedoch, die nicht die Richiung des Schusses nehmen, sondern sich lofort nach Verlassen deS Gewehrlaufs ausbreiten, werden von den turbinenartig gewundenen Bändern im Innern des Schalldämpfers abgefangen. Sie winden sich rotierend ihren Weg ins Freie und können nur ganz allmählich entweichen. Nach und nach werden sie von der Luft aufgesogen und verlassen den Lauf, ohne den geringsten Lärm zu verursachen. Um dieS recht klar zu machen, hielt Maxim beim Abfeuern eines der grössten zu den Qrxpenmenten verwendeten Gewehre eine Visitenkarte mit seinem Namen dicht vor die Mündung deS Schalldämpfers. Die Kugel schlug glatt durch seinen Vornamen, und als Maxim den Anwesenden die Karte zeigte, war sie nicht im geringsten verbrannt, nur rings um das Kugelloch war eine leichte gelbliche Färbung wahrnehmbar. Durch den Schalldämpfer wird ailid der Rückschlag deS Gewehres auf ein Minimum reduziert. Grösse und Gewicht deS„Silencer". wie Maxim seine Erfindung nennt, hängen vom Kaliber und der Stärke der einzelnen Gewehre ab. Für ein Gewehr von Kaliber 22 ist er etwa 10 Zentimeter lang und sein Gewicht beträgt etwa 154 Gramm. DaS Gewicht ist so unbedeutend, dass dadurch nicht der geringste Einfluss auf daS Zielen ausgeübt wird. DaS Geräuich. da» das Abfeuern eines mit dem Schalldämpfer versehenen Gewehr? hervorruft, ist nicht stärker als ein leiser Hammerschlag auf einen Stein. Die Erfindung ist natürlich für den Jäger von grossem Nutzen, der nicht mehr fürchten inuss, durch den Gewehrknall das Wild in weitem Umkreis zu ver- scheuchen. Auch für da? Heer und die Kriegsführung verspricht sie von grosser Bedeutung zu werden. Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»a»ftalt Paul Singer Sc To..Berlin SV/.