Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 66. Sonnabend den 20 März. 1909 (Nachinick vcrvsken.) es� Vas täglicke Brot, Roman von C. V i e b i?. Arkur sah die tief eingegrabenen Falten auf ihrer Stirn. jUlid Mitleid überkam ihn. „Gräm Dich nich, Mine?" Er mußte das sagen, wenn auch die Mutter dabei stand, sein Herz wurde weich, wenn er das Kind auf ihrem Arm ansah. Sein Kind--- 1 Es durchzuckte ihn plötzlich wie ein heißer Schreck: und noch etwas anderes war dabei, ein ganz eigentümliches, vorher noch nie gekanntes Gefühl. Fast wider Willen streckte er die Hand aus. nahm des Kindes weiches Bäckchen zwischen zwei Finger iund kniff es liebkosend.„Fridchen," sagte er dann leise. „Artur," schrie Frau Rcschke warnend. Und dann:„Ieh Du man Deiner Wege, ik wer' mit den Frauenzimmer schonst alleene fertig. Det jeht Dir nischt an!" „Mehr wie Dich," sagte er brutal. „Aber, Arwr!" Mine zupfte ihn am Aermel. „Na was denn?" murrte er.„War die Olle nich jewesen, war alles anders jekommen; besser?— Die Mine is'ne or- deutliche Person— sei still," schrie er seiner Mutter entgegen, „ich meine D u hättst's am allerwenigsten nötig, Dich mausig zu machen?" Frau Reschke wollte auffahren. „Sei still." sagte er wieder, und eine heftige Erregung arbeitete in seinem blaffen Gesicht.„Fangen wer da lieber nich von an. Mine, setz Dich!" Er zog den Schmel herbei, auf dem er vorhin gesessen und die Aepfel blank gerieben. Mine setzte sich. Fridchen sah begehrlich aus die Aepfel -im Korb. Da gab ihr Artur einen Apfel und sah zu. wie sie ihn verwundert in den Händchen drehte und dann mit den winzigen, weißen Zähnen daran nagte. Wie ein Eichkätzchcn? Der junge Vater lächelte. „Artur," rief die Reschke scharf. „Was?" Er sah sie zerstreut an, er hatte sie im Augen- blick ganz vergessen gehabt. „Wat soll denn det nu allens?" Er gab keine Antwort: aber Mine sagte, indem sie mit dem Blick auf das Kind wies:„'s is fein Mädel. Heiraten muß er mir?" Frau Reschkes Empörung kannte keine Grenzen: sie war nicht nur wütend über Mine, nein, auch über ihren Sohn. Der Schlemihl? „Artur," kreischte sie in Heller Angst,„steh doch nich da wie bcjossen! Laß Der von die doch nich inschüchtern? Nur nich dumm machen laffen: det wollen se alle. Beweise!" Sie trommelte auf den Tisch.„Her mit de Beweise!" Und dann lachte sie höhnisch:„Ik jloobe jar nischt, che ik Beweise habe." Mine sah nach dem jungen Mann hin.„Arturl" Es lag eine Mahnung, ein beschwörendes Erinnern in ihrem Ton. „Artur!" Frau Reschke beobachtete ihren Sohn scharf: der war Kunkelrot geworden. Schweiß trat auf seine Stirn. „Beweise brauch ich nich," sagte Mine stolz.„Ich kann's beschwören. Un Herr Müldner sagt, wenn ich das kann, kriegt de Fridchen ihr Recht. Un wenn er mer nich Heirat, muß er bezahlen. Der Müldner weeß das, der is ganz was Hohes bei's Gericht. Un wenn Artur nischt hat, um zu bezahlen, denn kommen seine Eltern ran. Ja," schloß sie triumphierend, als sie das Erschrecken der Reschke sah.„Un ich laß nich nach. (Und wenn ich klagen muß!" Das war nicht mehr die dumme Mine von früher? Sie hatte sich vom Schemel erhoben, hochaufgerichtet stand sie da: wie um ihrer Rede mehr Nachdruck zu verleihen, stampfte ihr Fuß bei jedem Satz kräftig auf den Boden. Frau Reschke wurde ganz kleinlaut— das sollte fehlen, auch noch bezahlen?! Und der Skandal! Sie duckte sich förm- lich.„Atur," flüsterte sie scheu ihrem Sohn zu,„wie is't denn nu, wirste ihr denn doch am Ende nich lieber an- erkennen?" „Das wer' ich wohl müssen." Die Linien seines jugend- lichen Gesichts verschärften sich plötzlich: schon grub sich eine tiefe Sorgenfalte auf seiner Stirn ein „Das glaub ich ooch," sagte Mine ruhig. Sie gab Artur die Hand:„Na denn, Arturl" Und dann reichte sie ihm Frid» chen zum Kuß. Als jetzt Reschke in der Glastür erschien, flammte Frau Reschke noch einmal auf. Sie konnte es nicht soffen— ihr Artur wirklich die Mine heiraten?? Schuldige und Un» schuldige überschüttete sie mit ihren Vorwürfen, schrie und lamentierte, griff sich in die Haare und klagte Gott und die Welt an. Zuletzt rief sie ihren gänzlich verdutzten Mann um Beistand an. Aber der hatte heute seinen dösigsten Tag. Erst hatte er Mfine nicht erkannt; als er sie dann, die Hand wie einen Schirm über die Augen legend, lange genug angeblinzelt, freute er sich, die Nichte wiederzusehen. Er schien ganz ver- gessen zu haben, was sie getrennt. „Haste jehört, Mine," sagte er und zog sie vertraulich am Aermel,„unsere Trude is weg?" 26. Kapitel. Zum ersten November hatte Artur eine Stube in der Bahnstraße gemietet: das Haus war erst im Oktober fertig geworden. So waren sie die ersten Bewohner dieser Stube, und Mine hatte Muße, vor ihrem Einzug die farbbeklexten Scheiben zu reinigen und die Hobespäne und Tapeten» fetzchen auszufegen. Da der erste November auf einen Sonntag fiel, stand nichts im Wege, daß auch gleich die Hochzeit gefeiert wurde. Am zweiten November sollte Artur die Hausdienerstelle an» treten, die ihm Herr Müldner bei einem Bekannten in einem Gummiwarengeschöst auf der Leipziger Straße verschafft. Fünfzehn Mark gab's die Woche. So würde es schon gehen; denn Mine wollte auch nicht faul sein, sich Aufwarte-, Wasch- und Reinmachstellen suchen. Nur die Sorge um Fridchen fiel ihr wiederum schwer aufs Herz. Sollte das Kind wieder eingeschlossen i Verden? Nein, nein! Ein neues Bangen ergriff sie: da meldete sich Grete:„Ich wer' ihr verwarten?" In der Freude ihres Herzens umarmte und küßte Mine das blaffe Mädchen. Und da brummte auch plötzlich der alte Reschke:„Se kann ja ooch bei mir spielen, die Kleene. Wie Trudeken so kleen war, krabbelte se ooch immer unten uf'n Boden zwischen meine Beene rum un war kreuzfidel!" So war Mine dieser Sorge ledig, während Mutter Reschke noch immer mit der ihren kämpfte: wen sollte man zur Hochzeit einladen?! Lumpenlassen durfte man sich keines» falls,-damit es nicht„so aussah" vor den Leuten. „Uf jeden Fall." hatte sie zu ihrem Mann gesagt,„laden wir Deinen Schwager, den Heinze aus Golmlltz, un seine Frau ein, denn sind wir de Nabeln. Det j� kommen, jloobe ik nich. aber mit'n Hochzeitsjeschenk dürfen se sich denn doch nicht lumpen lassen. Vielleicht'n paar fette Jänse, en paar Schinken, schöne Landleberwurscht, an Ende en janzet halbet Schwein— Jotte, man sieht ja mehr uf de Jesinnung— wat de Leute von'n Lande so jrade haben!" Frau Reschkes Empörung kannte keine Grenzen, als der Schwager Heinze sofort, kurz und ohne Grund, auf die Ein- ladung abschrieb: kein Wort für Mine, keinen Gruß und"> auch kein Geschenk. Mine mußte viel von der Schwieger» muttcr deswegen anhören.„Bande," schimpfte die Auf» gebrachte, und„Bande" schrie der Papagei nach: das hatte er nun noch hinzugelernt. Eine große Hochzeit würde es nicht werden, obgleich Frau Reschke alles zusammen lud, was nur in den Keller kam; „Lahme und Blinde," wie Artur bitter sagte. Sie sagten alle ab.„Es is ihnen nich fein genug." klagte die Reschke. „Un se sind sicher so poplig un machen ooch nich mal en Jeschenk!" Da war die Berta doch anders! Frau Reschke, die immer mit ihr in Verbindung stand, Sachen von ihr in Verwahrung hatte, sie sogar zuweilen zwischen Hell und Dunkel besuchte, hatte ihr gleich die Verlobung angezeigt. Umgehend war eine hochfeine Gratulationskarte zurückgekommen— ein Amor, zwei Herzen mit einem Pfeil durchbohrend: unter Roscngewinden die Inschrift:„Innigsten Glückivunsch". Die war nobel, die mußte eingeladen werden. Und Berta, die es jetzt in einem Chambregarnie mit sehr viel Arbeit der Lohn war im Hinblick auf das Trinkgeld, das besonders die Herren spenden sollten, auch nicht gut miserabel getroffen hatte, sagte zu. Sie schrieb,„es sei ihr bei der Schinderei leider nicht möglich, noch einmal vorher zu kommen, uin ihre geliebte Freundin in die Arme zu schließen-, doch würde sie sich am Hochzeitstag schon ganz früh einfinden, um selber der holden Braut den Kranz aufs Haupt zu setzen". Hauvtäschlich, uni dem Jammer der Mutter wegen der tnangelnden Hochzeitsgäste ein Ende zu machen, hatte Artur noch Herrn Bartuschewski eingeladen, den„Vizewirt" des neuen Hauses in der Bahnstraße, der parterre im Hof wohnte und Beleuchtungs- und Wasserleitungsangelegenheiten, Treppen- und Trottoirreinigung unter sich hatte. In der Frau entdeckte man noch dazu eine gute alte Bekannte— die junge, bleichsüchtige Marie von Rentiers. Jung schien die jetzt zwar nicht mehr, aber bleichsüchtig war sie noch immer. Blutleer und schwach stand sie unter den Vieren— drei Stief- kinder und ein eigenes—, die sie umtobten; das fünfte Kind war auch nicht mehr fern. Mit großer Freudigkeit nahm das Ehepaar die Einladung an; Herr Bartuschewski litt an chronischen! gutem Appetit, und Marie hatte, wie früher, immer noch ertra Gelüste. Aus Erkenntlichkeit für die Einladung borgte Herr Vartuschewski ein paar Holzböcke aus deni Keller, die die Tapezierer vergessen hatten; niit darüber gelegten Brettern und einem Weißen Tuch gedeckt, verlängerten sie den Eßtisch. Und Marie, die in ihren Mußestunden Papierblumen zum Verkauf fertigte, spendierte davon einige zur Tafelaus- fchmückung. Es war seit seiner Verlobung das erstenial, daß Artur lächelte, als er am Vorabend seiner Hochzeit die blitzblank hergerichtete Stube musterte. Mit einem tiefen Ateinzug trat er ans Fenster des hochgelegenen Zimmers und schaute hinab auf das Häusermeer mit den funkelnden Lichtsternchen, und dann weit entlang den breiten Schienenstrang der Potsdamer Bahn. „Da sehn wer de Bahn fahren," sagte er zu Mine, die auf den Knien lag und noch einmal mit dem Scheuertuch die Wandleiste entlang wischte.„Da können wer uns einbilden, wer reisen init, wie de Kapitalisten." Sie verstand ihn nicht.„Wenn wer nur immer satt haben," sagte sie und sah sich befriedigt um. Viel war nicht in der Stube; ein Bett, ein Korb für das Kind, ein Tisch, vier Stühle, ein Kleiderschrank, ein Spiegel — alles auf Abzahlung. Neben dem Eisenöfchcn, das zugleich als Kochherd diente, hing ein Küchenrahmen; den hatte Vater Neschke gestiftet. Jedes Töpfchen, jeder Kochlöffel war mit hiniigelblaucin Bändchen gebunden. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verLoten.) vz Sm Paria. Von Eugen Tschirikow. vi. Traurig war Mitlas Leben bisher gewesen. Einen Vater besaß et nicht, er hat nur einen„Erzeuger" gehabt. Mitka hat ihn nie gesehen und wird ihn nie sehen, da selbst seine Mutter Awdotja diesen„Erzeuger" nicht mit Vestimmtheit hätte nennen können.... DaS Soldatenweib Awdotja, deren Mann irgendwo in Taschkend oder Samarkand verschollen sei» sollte, ivar eines Tages rniS dem Dorf an die Flußmündung übergesiedelt nnd in der Räucherei irgend eines der dort ansässigen Fischlönige als Arbeiterin cingctretc». Sie war ein stattliches Weib, rotwangig, schwarzhaarig, nnd„Erzeuger" gab es in der Räucherei genug: der Direktor, seine halberwachsenen Söhne, junge Leute von 18 bis 20 Jahren, Kommis, der Inspektor, der Aufscher, die Wächter, die„Kapitäne" der Danipfer und Boote, Gäste aus der Stadl— alles lehr lustige Herrschaften, die das Leben nur von seiner angenehmen Seite zu genießen liebten. Kein Wunder, daß das Soldaleniveib Awdotja nicht mit Sicher- heil sagen konnte, wer der Urheber von MitkaS Eristenz sei I Mitka war eben, wie man sich ausdrückte,'„vom Fischerei- betriebe".... Viele„Erzeuger" hatte eS nach der schwarzhaarigen Awdotja gelüstet; einer von ihnen hatte sie als eine Art Köchin zu sich ge- nommen.,.. Aber als Awdokja„Gewicht" bekam, gab ihr der .Erzeuger" eircn Zehner und befahl ihr, sich schleunigst zum Teufel zu scheren.... Es war Winter. Weiter als bis zur nächsten Stadt durste sie sich außerdem in ihrem Zustande nicht ivagen. Sie packte also ihre Habseligkeiten in einen Sack, fuhr in die Stadt und gebar hier das .Fischereibetriebskind" Mitka. Die.Fischereibetricbslinder" sind die Unglücklichsten der Un- glücklichen. Ungebeten erscheinen sie auf Gottes Welt, aber ebenso chncll verlassen sie diese auch als Opfer des Scharlachs, der Diphtheritis oder irgendeiner anderen Infektionskrankheit, welche die Kinder in der feuchten, ungesunden Niederung in Menge dahinrafft. Selten bleibt solch ein„Fischereibetriebskind" am Leben... Mitka war solch eine Seltenheit.... Awdotja gab ihr Kind für zwei Rubel monatlich in Pflege, während sie selbst als Amme in ein reiches,„anständiges" HauS eintrat, wo sie ein anständiges Gehalt erhielt. Aber bald passierte der schwarzhaarigen Awdotja auch hier ein Unglück: die gnädige Frau glaubte zu bemerken, daß Awdotja den gnädigen Herrn in Versuchung zu führen suchte, und jagte die Amnie fort, wobei sie alles zerbrochene Geschirr und den Preis eines Kopfputzes, den sie ihr geschenkt hatte, vom Gehalt abzog. Awdotja kehrte nach der Niederung zurück und trat wieder in die Räucherei ein; freilich, das Leben hier behagte ihr jetzt nicht n,ehr. Solch eine Arbeiterin hat weder Tag noch Nacht Ruhe: nnunter- krochen fitzt sie in groben Bauernhose» im Schuppen und nimmt Fische aus.... Behend gleitet das scharfe, breite Meffcr den Fisch entlang, noch behender gleiten die fünf Finger in den Fisch hinein und reißen die Eingeweide heraus, aber der Berg Fische neben ihr wird nicht kleiner.... Auf den Brettern, die vom Flußufer bis rn den Schuppen gelegt find, rollen ununterbrochen in langen Reihen die mit Fischen gefüllten Karren hin und her. Im Schuppen an- gekommen, werden sie umgekippt, entleeren ihren Inhalt auf die Erde, wo schon ein ganzer Berg silbern schimmernder Fische sich häuft, und laufen wieder ans Ufer, um gefüllt zurückzukehren... Der Weg ist mit zwei Brettern belegt: auf dem einen rollen die Karren zum Schuppen, auf dem anderen zurück.... Die Kinder legen den Arbeiterinnen die Fische auf die Bank. Man schneidet, man schneidet— und es wird nicht weniger. Der gekrümmre Rücken schmerzt derart, daß es schwer fällt, ihn gerade zu biegen. Das Kreuz schmerzt und zieht; vor den Augen wogt eS wie Nebel; die Hände sind mit Schnittwunden bedeckt, und der Fischleim und die Schuppen brennen und ätzen die Wunden... Awdotja läßt einen Augenblick das Messer sinken, um den Rücken gerade zu biegen und einmal tief Luft zu holen, aber im nämlichen Augenblick ist schon der böse Aufseher da. „He Du I... Was hälft Du da Maulaffen feil?" „Ich... Wassil Petrowitsch... nur ein bißchen ausruhen... Der Rücken ist wie gelähmt..." „Nachts kannst ausruhen... Prinzessin I... Konnn abends zu mir...." Der Auffeher zwinkert mit den Augen und zieht den Mund schief. Rundherinn beginnt man zu lachen und zu grinsen.... Und Awdotja fühlt sich beschämt, gekränkt, verletzt... Sie möchte den Aufseher am liebsten durchprügeln, doch sie darf nicht.... Wenn das„Einsalzen" anfängt, dann wird es noch schlimmer. Man steht im kalten, halbfinsteren Keller, in den von oben die Fische hinabgelvorfcn werden.... Die Fische müssen nach einer bestimmten Ordnung in die Tonne gelegt werden, einer dicht an den anderen, so daß ein„Stern" entsteht.... Tausendmal mutz man sich bücken und wieder in die Höhe richten. Wenn man einen „Stern" gelegt hat, kommt von oben ein Hagel Salz. Unter den Füßen bildet sich Lake. Sie durchdringt die ledernen Schuhe, die Füße beginnen zu jucken, so daß man sich die ganze Haut ab- kratzen möchte.... Wenn man zun» Unglück noch Löcher in den Kleidern hat, dann gibt es überhaupt kein Mittel mehr: es juckr, eS juckt, so daß man glaubt, den Verstand zu verlieren!... Oben prickelt da? Salz auf Gesicht und Hals, unten juckr eS an den füßen, der Rücken ist ganz abgestorben nnd die Finger find vor älte steif und schmerzen. Und so vom frühen Morgen bis in die späte Nacht: in der„Saison" läßt nian den Arbeiterinnen kaum Zeit. Mittag zu esien und den Rücken geradezubiegen.... Wenn man auch wirklich wie ein Stück Vieh arbeitet, mehr als drei Rubel— wenn viel, ei» Fünfer— mehr bleibt niemals.... Und dann muß man noch allen zu Willen sein, dem Verwalter, dein Jnspeltor, dem Aufseber, kurz, jedem Schafskopf— und warum? Nur weil Gott einen in seinein Zorn mit einer hübschen Fratze hat zur Welt kommen lassen I Kein Wunder, daß man bald jede Lust zu solcher Arbeit verliert I Sckilcchter kann eS nicht werden, dachte auch Awdotja, als sie diesen Beruf gegen einen anderen vertauschte, ini Gegenteil— hier gibt eS keine Ruhe, weder Tag noch Nacht, Arbeit die Menge. Ver- dienst groschenweise, während man dort doch wenigstens frei ist.... Na und ein paar Kopeken verdient man auch.... Und was die „Sünde" betrifft, die ist hier ja viel größer: dort kann man doch nach eigenem Belieben... aber hier... Bald konnte sich Awdotja einen hübschen Mantel, Schuhe, Sonnenschirm und ein IveißieidencS Kopftuch kaufen. Ilm ihren Mitka kümmerte sie sich fast gar nicht, obivohl sie der Alten, welcher sie ihn übergeben hatte, regelmäßig jeden Monat zwei Rubel Kostgeld gab und sogar ans freien Stücken»och einen Rubel zulegte. Natürlich, jetzt war Mitka übcrsliissig— er war ihr sogar nur iin Wege. Aber eines Tages überfiel Awdotja eine ganz unmotivierte Schwermut. Sie nahm eine Troschle und fuhr Mitka besuchen.... Sie weinte und heulte, nahm den Knaben mit sich in ihre Wohnung und schwur, sich nie mehr von ihm zu trennen.,. Lber bald ging die Schivermut darüber. Awdotsa wurde wieder lustig und Mitka war ihr wieder im Wege..., Nichts als Arbeit und Mühe hatte sie mit ihm.... Schau nach zwei Wochen brachte sie ihn wieder zu der nämlichen Mten. „Nanu, Mütterchen, bist Du seiner scßoir überdrüssig „Ja, es ist besser so.... Besser, daß er bei Dir bleibt.� „Natürlich besser I... Nur... hm... jetzt ist er schon groß... drei Jahre, im vierten.,. drei Rubel find etwas wenig, gnädige Frau." Diese„gnädige Frau" schmeichelte Aw�ntja. „Ich werde Dir fünf Rubel geben.. DaS wird doch genug sein „Sehr genug Fünf sind genug, gnädige Frau.... Sehr genug, Täubchen l" Seitdem Awdotja die Räucherei verlassen hatte, waren fünf Jahre vergangen,«ie war jetzt gnädige Frau, hatte Manieren gelernt und drückte sich eleganter, gewählter aus al-Z früher. Die ehemalige Köchin hielt jetzt selbst eine Köchin... Aber ein unglück- licher Zufall machte diesen, beneidenswerten Dasein ein jähes Ende: Awdotja wurde krank. Die Krankheit drückte ihren Stempel nament- lich auf ihr Gesicht und— das ganze Glück stürzte zusammen wie ein Kartenhaus bei einem unvorsichtigen Hauch. Ein Jahr später war Awdotja vollständig gesunken. Sie lief jetzt in die Destillationen, in die Spelunken der Stadt, wo sie Branntwein trank und Zigarren rauchte. Sie trug jetzt keinen Mantel mehr, sondern eine zerrissene wattierte Jacke, keine Stiefel, sondern hohe Gummischuhe an den nackten Fühen.... Und gerade jetzt, wie zum Possen, bürdete man ihr Mitka auf— sie hatte das Kostgeld für ihn nicht mehr zahlen können. Lange, lange hatte die Alte vergebens nach Awdotja gesucht. Fast ein halbe? Jahr hielt sie den Kleinen bei sich, ohne eine Kopeke dafür zu bekommen. Endlich gelang es ihr doch, Awdotja ausfindig zu machen. Sie brachte Mitka in die Schenke und übergab ihn mit Schimpiworten der Mutter. „Fünf Rubel soll das geben! Als wenn das auch nur zwanzig Kopeken bezahlen könnte!... Da hast Du Deinen Schmutzfink!" Mit diesen Worten gab sie Mitka einen Stög, so daß er Awdotja gerade vor die Knie flog. Die betrunkene Awdotja schleuderte Mitka zurück und begann kreischend zu schimpfen. Eine widerliche Szene folgte zwischen dem erbosten und dem betrunkenen Weibe. Mitka stand an der Wand und starrte mit großen, weit ge- öffneten Augen auf die Streitenden. War das seine Mutter? Dieses betrunkene Weib? Voll Angst verkroch er sich in einen Winkel. Tabakwolken hingen an der Decke. Ringsumher fremde, be- trunkene Gesichrer. Der Fußboden feucht und schlüpfrig. Reden, Lärm. Schimpfworte, Gelächter. „Jungchen, wein gehörst Du?" fragt ein dicker, bärtiger Bauer den verschüchterten Kleinen. „Mama"... winselt Mitka. „DaS ist meiner I" schreit mit unnatürlichem Lachen, den Kopf zurückwerfend. Awdotja und stimmt mit heiserer, widerlicher Stimme ein Zotenlied an. Aber Mitka versteckt sein Geficht in dem Aermel seines Hemd- chens und beginnt leise, erstickt zu weinen. (Fortsetzung folgt.)! Japamlebe Kunft. Im K n n st g c w c r b c m u s e u m ist eine Sammlung japamscher Waffen, Lackarbeiten, Stickereien und Holzschnitte ausgestellt, die ein sachkundiger und begüterter Sammler, Alexander G. Moslv, während eines drciuiidzwaiizigjährigcn Aufenthalts in Japan zusammengebracht hat. Die Ausstellung ,st»amentlich in bezug auf alte, kunstgewerb- lich interessante KricgSwerkszeuge eine der wertvollsten und reich- haltigstci,, die wir jemals iii Berlin zu sehen bekommen haben. Sie euthält unter anderem sechs vollständige Nüstungeii aus dem 16.. 17., 18. und dem Aiifang des ll>. Jahrhunderts. Jede dieser Rüstungen besteht aus acht einzelnen Teilen: Panzer, Panzerärmeln, Schenkclschutzslücken. Beinschienen, Fußpanzcr, Helm, Maske und Halsschutz. Die Haupistücke sind aus Eisen gefertigt und mit gra- vierten Ornamenten, lackierten Merallstreifen, blanken Nägelköpfen, ziselierten Beschlägen, farbigen Seidenverschnürungen, vergolderem Leder usw. überaus reich verziert. Als Ganzes machen die phantastischen Schutz- und Trutzgrwändcr auf u»S freilich einen recht frcnidartigen, barock- abenteuerlichen Eindruck, aber aus den geschmackvollen und sehr solide gearbeiteten Details spricht doch eine betvundernswerte künstlerische und technische Kultur. Neben den Rüstungen verdienen die Schwerter und Schwerizierraten eine besondere Veachlung. In der Herstellung der Klingen haben die berühmten Schwcrtfcger Japans eine Meisterschaft besessen, die von ihren abendländischen Kollegen nicht erreicht worden ist. Eö gab Klingen, die in japanischen Adelsfamilicn als höchste Schätze gehütet und viele Generationen biiidurch vererbt wurden. An einzelne Exemplare knüpften sich schon in alten Zeiten allerhand Sagen. So hieß es z. B. von den Klingen des Muramesa, eines Meisters des 14. Jahrhunderts, daß sie be- 'ondcrS blutdürstig seien und sich sogar gegen ihren Besitzer auf- lehukeit. Sie wurden daher stets sorgfältig unter Verschluß gehalten. Als Schmuck für solche edlen Klingen dienten zahlreiche Arten von Zieraren. Die kunstgewerblich wichtigste ist das S t i ch b l a t t iTsuba), das die Bestimmung hat, die Hand im Kampfe gegen Hieb und Stich zu schützen. Es befindet sich an der Stelle, wo die Klinge in den Griff übergeht. Das Stichblatt ist eine kleine Metall- platte mit einem mittleren großen Ausschnitt für die Klinge und einer oder zwei kleinen Durchbrechungen für das dolchartige Schwertmesser und die sogenannte Schivertuadel, die an beiden Seiten der meistens schwarz oder golden lackierten und zu- weilen mit Brokat umwickelten Scheide befestigt waren. Die AuS- stellung enthält mehrere vollständig montierte Schwerter in teilweise sehr prächtiger Ausstattung, sowie zahlreiche Schwcrtzierate, nament- lich Stickiblaiier von den ältesten Zeiten bis zum 19. Jahrhundert. Die ältesten Tsubas sind schlicht aus Eisen oder aus Holz mit Leder- aufläge gearbeitet; später benutzte man pattnierteS Kupfer und gelbe Bronze und schließlich im 18. und 19 Jahrhundert sogar reines Silber und Gold. Mit der kunstvollen Herstellung dieser unschein- baren kleinen Metallplättchcn. die übrigens nur in den alten Zeiten einen praktischen, später lediglich einen dekorativen Ziveck hatten, befaßten sich die bedeutendsten Künstler und Künstlerfaiiiilicn Japans. Von den berühmtesten Schulen der Tsubameister zeigt die Ausstellung zahlreiche charakteristische Arbeiten. So von der Goto-Schule, die den Neliefschinuck bei den Schwertzieraten zuerst anwendete(Nr. 154, 206. 207, 239 u. a.), von der Nara-Schule, die eingelegte zierliche Reliefs in verschiedenen Metallen schuf(Nr. 913— 15, 922, 928 u. a.) und von der Dokoya-Schule, die durch ihre malerischen Gravierungen berühiilt war(Nr. 1063—70, 1076). Die Rüstungen- und Waffensammlung bildet den wichtigsten Teil der Ausstellung, die aber daneben auch aus anderen Gebieten manches Wertvolle und Interessante zeigt. Außer einigen Bronzestückcn (Räuchergefäße und Blunienvaien) und Töpferarbeiten(Teebüchsen, Räuchergefäße, Reisweinflaschen) enthält sie namentlich sehr schöne Lackarbeiten. Die Lackmalerei ist bekanntlich das Gebiet, auf dem das Kunstgewerbe Japans das höchste geleistet hat. Die Voll- kommenheit der japanischen Arbeiten beruht auf vier Faktoren. Zu- nächst auf der Vorzügiichkeit des dem Lackbaume(Elms vernicifera) abgezapften Roblacks; sodann auf der Sorgsalt, mit der der nieistenS hölzerne Grundkörper vorbereitet und gegen die Einflüsse wechselnder Wärme und Luftfeuchtigkeit gesichert wird; serner auf dem langwierigen Verfahren beim Auftragen, Trocknen und Glätten des Lackes, und schließlich auf dem feinen, in langer künstlerischer Tradition heraus- gebildeten Gesäimack der Maler. Lackierre Holzarbciten spielen im japaniscden Hausrat eine sehr bedeutende Rolle. Sie dienen nicht nur als Möbelstücke, z.B. Truhen. Regale, Speiiettsche, Kleidergestelle, Kasten mit Schubfächer» usw. als Schreidzcuge(Nr. 1682—85) uns Mcdizinbüchsen (Nr. 1703—63), sondern auch als Sättel und Steigbügel(Nr. 1686 und 1688), als Suppenschalen, Kuchenteller, ReiLweinbecher. Wasser- kannen und Waichschüsseln. Mediziubüchse, Tabakbehälter und Schreibzeug pflegt der Japaner am Gürtel bei sich zu tragen. Er befestigt die Gegenstände mit seidenen Schnüren, an deren oberem Ende sich ein Knopf befindet. Diese Knöpfe(R e tz k e) werden aus Holz, Elfenbein, Horn, Metall oder Lack in den verschiedensten Formen gefertigt und kunstvoll verziert. Die Ausstellung enthält eine reiche Kollektion(Nr. 1769—1817) solcher Arbeiten/ Den Seidenbau und die Kunst der Seidenweberei hat Japan im zweiten vorchristlichen Jahrhundert anS China über- nommen. Länger als ein Jahrtauiend beherrschte der chinesische Geschmack diesen Zweig des Kunstgewerbes. Erst durch das Auf- kommen einer national-japanischen Malerschule(um 1000 n. Cbr.) wurden die fremden Einflüsse niehr und mehr zurückgedrängt und der Ausbildung eines selbständigen Stils die Wege geebnet. Die Blüte- zeit der japanischen Seidenweberei fällt ins 17 Jahrhundert. Im 18. beginnt eine allinählich fortschreitende Entartung des Farben- geschmackö und im 19. geben mit der Einführung der europäischen Webstühle die eigenartigen Reize des alten, auf handwerklicher Technik beruhenden Stils verloren. Die Ausstellung enthält zahlreiche Stoffe und Gewänder aus dem 17. und 18. und einige miS dem 19. Jahrhundert. Besonders bemerkenswert sind die prachtvollen Brokatkleider (Nr. 2212—14), die bei den religiösen Maskentänzen, de» sogenannten No-Paulomimen. getragen wurden. Sie zeigen auf einfarbigem oder gestreiftem Grund broschierte Muster(wappenartige Ornamente, Rosetten, Drachen. Blüten und Blätter). Ein vornehmes Frauen- gewand aus dem 18. Jahrhundert(Nr. 2217) ist aus vergoldetem, mit farbiger Stickerei verziertem Satin gefertigt, ein anderes aus etwaö späterer Zeit(Nr. 2220) aus schabloniertem und mehrfach ge- färbiem Damast. Als eine ebenso schöne wie charaltcristische Probe der sehr seltenen japanischen Gobelinwirkerei sei schließlich noch die große Decke(Nr. 2242) erwähnt, die im 17. Jahrhundert nach einem Bilde deS Malers Kano Motonobu(um 1500) hergestellt lvordcn ist. Sie zeigt in ihren, oberen Teile a»f hellblaue», Grund eine Sonnenicheibe, eine Päome, Vögel, Wolke» und allerhand buddhistische Embleme, im unteren auf stark verblichenem rotem Grund eiuige Gruppen spielender chinesischer Kinder in felsiger Land- schaft. Die kleine Auswahl von Farbenholzschnittcn, die im letzten Zimmer ausgestellt ist, kann nur einen sehr unvollkommenen Begriff von diesem wichtigen Zweige der japanischen Kunst geben. Der Farbenholzschnitt der Japaner unterscheidet sich in inehrfacher Hinsicht von der in Europa üblichen Holzschneidctechuik. Eine auf malerische, bczw. plastische Wirkungen hinzielende Modellieriuig durch Schraffierungen kommt nur ausnahmsweise vor. Die Bilder bestehen nur aus Umrissen, in die die Farben entweder mit dem Pinsel oder durch wetteren Druck eingetragen werden. Der javanische Holzschnitt ist, wie die gesamte japanische sund chinesi'ch?) Malerei, mit der Kalligraphie, der Schönschreibeluust. nah- verwandt. Die Kalligraphie ist für den Japaner die eigentliche hohe Schule der Pinselführung und des Liniengefühls. Die Linie, der Unuisj. die graziöse, geschnörkelte Silhouette bilden die ursprünglichen Grund- bestaudtcile des japanischen Holzschnitts. Erst allmählich wird dieser kalligraphische Rahmen, entsprechend der fortschreitenden Natur- beobachiung. mit realistischeren Formen und individuellerem Leben ausgefüllt. In die Kunstgeschichte tritt der japanische Farbeuholz- schnitt erst während der ersten Hälfte deS 18. Jahrhunderts ein, Ivo seine Technik durch den berühmten Harunobu zur künstlerischen Bollendung geführt wurde. Die leichte, anmutige, spielerische, aristokratische An dieses Meisters wird dann durch die derbe, Volks- tümliche Richtung des S ch u n s ch o abgelöst, der seine frische Ge- staltungSkrafl in den Dienst des damals herrschenden Koinödianten- kultus stellte und das herunlergekominene Genre der Schauspieler- bilder neu belebte. Auf demselben Gebiete war auch der seltsame S ch a r a k il tätig, dcffen Komödiantenporträts sNr. 2055 und 2059) wegen ihres unerhörten Realismus solche Stürme der Entrüstung entfesselten, dag der Künstler fich sehr bald genötigt sah, seine Wirk- samkeit einzustellen. Er ist es gewesen, der dem japanischen Holz- schnitt jene plakatartige Einfachheil gab, durch die er auf unsere Kunst und unser modernes Kunstgewerbe einen so bedeutenden Ein- flufe gewann Der vielseitigste und beliebteste, wenn auch keines- »vegs bedeutendste Meister aus der Blütezeit des japanischen Farben- drucke? ist U l a m a r o