Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 58. Mittwoch, den 24 März. 1909 �Nachdruck vervolen.) 671. Vas täöiUd�e Brot Roman von C. V i e b i g. Um dreiviertel zwei war die Trauung. Frau Neschke hatte auf einer kirchlichen bestanden; alle feinen Leute machten eZ so: erst standesamtlich, dann kirchlich. Und dann auch nicht eine Trauung in der Schummerstunde mit Gott weiß was für Volk zusammen, nein, eine für sich ganz allein, am hellichten Mittag; über die paar Mark, die das kostete, kam man wohl auch noch weg. Und das mutzte man ja auch rechnen, datz Fridchens Taufe, bei der allgemeinen Taufe um zwei Uhr, gar nichts kostete. Das Kind konnte schon„im Rummel mit abgemacht werden," da kams nicht darauf an; und bequem war es, auf die Weise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, das lästige zweimal in die Kirche Laufen fiel so weg. Bald nach eins schon kam die Brautkutsche; Mutter Neschke hatte sie für ihren Artur bestellt. Sämtliche Kinder der Nachbarschaft und auch viele Erwachsene umlagerten das Tor und gafften neugierig, wie das Brautpaar im Fond, Bertha mit Fridchen auf dem Rücksitz Platz nahmen. Während sie nach der Luthcrkirche rollten, sprach Mine kein Wort, auch Artur nicht. Sie sah unentwegt in ihren Schatz; er blickte zum Fenster hinaus und rückte an dem vom Vater entlehnten Zylinder. An der Kirche wurden sie von ihren Angehörigen er- wartet: Vater Reschke, der zur Vorfeier ein paar Meitze mehr getrunken, war sehr vergnügt, Mutter Reschke dagegen sehr erregt. Ihre Lippen zitterten, als sie die Schwiegertochter don Kopf bis zu Fützen motz— wahrhaftig, sie hätte dem Artur'ne andere gegönnt! Datz der arme Junge so rein- fallen mutzte! Sie nahm sofort Berthas Ann und ging mit der auf die Seite. Frau Bartuschewski war in der Wohnung des jungen Paares zurückgeblieben, um den Kaffee zu kochen; Grete be- gotz zu Hause im Keller den Schweinebraten. Herr Bartu- fchcwski hielt Artur am Rockknopf und fragte ihn besorgt, ob das Vier auch reichen würde. Elli hatte sich von der Mutter Hand losgemacht und lietz ihre blaue Schärpe und ihr weitzes Kleidchen, in dem sie erbärmlich fror, von einem Rudel Gassen- kinder bewundern. So stand Mine ganz alleu.. Ihre Augen irrten über den weiten Platz mit den blllten- leeren Büschen und den kahlen Bäumen; der Herbstwind spielte mit einem letzten braunen Blatt und fegte es wirbelnd in die Gosse. Mtneä Blick suchte Fridchen— ach, wenn sie die doch wenigstens auf dem Arm hätte halten dürfen! Sie war froh, als der Küster ihnen die Sakristei auf- schloß. Mit ihnen zugleich traten eine Menge Frauen und Männer ein, kleine vermummte und verhängte Bündel tra- gend, die sich, nachdem innen die Schleier gelüftet, als die der Taufe um zwei gewärtigen Täuflinge entpuppten. Mines ge- senkter Blick hob sich unwillkürlich— war Wohl ein einziges jener Kinder so hübsch und lieb, wie Fridchen?! Sie verglich im stillen und vergaß sich so ganz dabei, datz sie zusammen- schreckte, als der Küster sie am Aermel zupfte. Mit einer würdevollen Handbewegung wies er auf die Pforte, die aus der Sakristei in den Jnnenraum führte. Artur bot ihr den Arm; sie stolperte über ihr Kleid, irgendwo verfing sich ihr Schleier, ihr Herz pochte rasch und setzte dann wieder den Schlag aus; sie genierte sich so. Von der Höhe dieser Wölbung war sie ganz überwältigt; das war etwas andres, als die kleine Dorfkirche daheim! Sie fühlte sich erschreckt, bedrückt, gedemlltigt unter diesen Himmel- anstrebenden Pfeilern. Durch farbige Fenster fiel gedämpftes Licht. Vor ihre Augen legte sich's wie ein Schleier, undeutlich nur sah sie den bunten Mofaikboden, auf den ihre Flltze traten. Unsicher trat sie zum Altar. Der Geistliche sprach rasch, sie verstand nichts, war er sagte. Ganz fern drang das Brausen der Straße in die kirchliche Stille. Nichts Altvertrautes war um sie, nichts Liebbekanntes, alles neu, fremd— alles, alles! Und fremd war auch der Mann an ihrer Seite, ganz fremd! Sie selbst ein losgelöstes Blatt, abgerissen von dem Baum, an dem es bisher gehangen. Mine fühlte, wie sich ihr Herz zusammenzog; heiß stiegen Tränen in ihre Augen— da— ein gelallter Laut in der fremden beängstigenden Weite! Fridchens dünnes, schwaches Stimmchen! Nein, nicht weinen! Ein Aufleuchten kam in ihren Blick. Sie neigte sich näher gegen die jugendliche Gestalt an ihrer Seite— er war doch der Vater ihres Kindes! Als der Geistliche ihre Hände zusammenfügte, drückte Mine die Hand ihres Mannes mit aller Kraft. 27 Fridchen hatte sich brav gehalten, wenn sie auch in den Schluß der Traurcde hinein, laut und deutlich, gesagt hatte: „Mama!" Bei dem Taufakt schrie sie nicht, wie die anderen unvernünftigen Kinder; aufrecht hatte sie ans Mines Arm gesessen und aus großen, erstaunten Augen bald auf den Geistlichen, bald auf Kranz und Schleier der Mutter geblickt. Jetzt saß sie mit am hochzeitlichen Tisch und mampfte an einem großen Stück Kuchen, das sie krampfhaft mit beiden Händchen hielt. Noch war die Stimmung eine ernsthaste.„Mau," wie Frau Neschke ihrem Tischbcrrn Bartuschewski zuflüsterte. Sie selbst hatte rote Augen; im Laufe des letzten JahreS war sie viel weicher geworden—„nerfees," wie sie es nannte — in der Kirche hatte sie unaufhörlich Tränen vergossen, die von ihren Wangen auf den hohen Busen des schwarzscidcnen Staatskleides niedertropften. Auf dem Weg von der Kirche war sie in Wehmut zerflossen.„Wenn ik so denke," sagte sie zu ihrem Gatten, an dessen Arm sie schwer hing,„nu hat der Atur schonst wat Kleenet,— Jotte doch, wie de Zeit verjehtt Wer weeß, wie bald daß man abschieben tut! Neschke, Dir fehlt man nich mehr ville an die Sechzig! Jott, ik sage ja!" Erst als sie, im Vorübergehen, rasch in ihren Keller hinein- geschaut und gefunden, datz Grete den Schweinebraten nicht genügend begossen hatte, verflüchtigte sich ihre Sentimen- talität etwas. Mine war sehr stumm. Sie hatte gleich beim Nachhause- kommen Kranz und Schleier ablegen wollen, aber Berta war ihr in den Arm gefallen, und auch die Schwiegermutter hatte energisch protestiert:„Bei Leibe nich runtcrnehmen! Haste denn jar keene Pietät? Wenn ik bedenke, wat war det for en Momang, als Reschke mich den Kranz aus'n Haar löste!" Es half Mine nichts, sie mußte im Brautschmuck bleiben, nur den langen Schleier, der überall hängen blieb, durfte sie mit ein paar großen Nadeln aufstecken. Die ungewohnte Frisur machte ihr Kopfschmerzen, der schwere Kranz drückte, die vielen Nadeln ziepten; sie hielt den Kopf ganz steif. Berta machte sich nützlich. Der Kaffee, den Frau Bartu«. schcwski gekocht, war sofort ausgetrunken worden; die vier kleinen Bartuschewskis, die sich, wenn auch ungebeten, wie selbstverständlich eingefunden, hatten ihm wacker zugesprochen. Da schlug Berta ihr schönes Kleid in die Höhe, datz man ihren gestickten Unterrock, ihre zierlichen Knöchel und blanken Schuhchen bewundern konnte, nahm die Kaffeemühle zwischen die Knie und mahlte geschwind zu einem neuen Aufguß. Die Männer rissen die Augen auf; selbst der alte Reschke schmunzelte. Bartuschewski wischte sich den Mund und rief Kann seiner Frau zu:«Donnerwetter, det's doch en bißkcn anders als Deine niederjetretnen ollen Latschen!" Nach dem neuen Aufguß wurde Mutter Reschke gemiit- lich. Sie nahm kleine Stückchen Zucker in den Mund und tat jedesmal einen Schluck dazu. Als Bartuschewski, der in ein Stück Napfkuchen gebissen hatte, plötzlich anfing, zu spucken und zu räsonnieren:«Nanu, wat's denn da inne?" lächelte sie schelmisch. „Zitronat, werter Herr Bartuschewski, von n allcrseinsicn Zitronat ist mankl" „Oho, so nobel," sagte er und atz mit Genuß den in den Kuchen verirrten Häcksel. Bald war von dem Napfkuchen nichts mehr übrig' die Berliner Pfannkuchen, die es nebenbei gab, waren noch besser gerutscht. Ein Glück, daß gegen sechs Uhr Grete erschien, in Begleitung eines Dienstmanns. Dem hohen Gemüsekorb, i>cn dieser schleppte, entstiegen ein wahrhast mächtiger Schweinebraten, ein paar Schüsseln voll Backpflaumen und Heringssalat, ganze Schober von Käsestullen und eine Suppenterrine voll Rollmöpse.„Die stellt man beiseite for später," sagte Mutter Resckke, die das Auspacken dirigierte. Das roch ja samos! Die kleinen Bartuschewskis erhoben ein Freudengeheul' sie hatten schon längst ihre Mutter am Kleide gezcrrt:«Mutta, Hab Hunga! Hunga, Muttal" «Unausstehliche Bälge," dachte Berta,„die könnten mir gefallen! Laut sagte sie:„Allerliebste Kinder, Herr Bartuschewski!" „Keens so allerliebst wie Sie, Fraulein!" Herr Bartu- ischewski machte ihr galant einen Diener. Sie lächelte und wechselte rasch mit Artur einen Blick der war doch noch der feinste, der paßte, ebenso wie sie, nicht recht hierher! Artur nahm diesen Blick für eine Auf- sorderung. Und nun erschöpften sich die beiden Ehemänner in Artig- leiten gegen die junge Dame: sie suchten einander den Rang abzulaufen in oftmals recht gewagten Komplimenten und Scherzen. Elli war ganz nah herangekommen und lauschte dieser Unterhaltung mit gierig glänzenden Augen; sie sog förmlich jedes Wort ein. Frau Bartuschewski hörte gar nicht auf das, was ihr Mann da schwatzte, sie hatte genug zu tun, um die Kinder vollzustopfen; selbst das kleinste stellte seinen Mann. Es war auf ihren Schoß gekrochen, patschte mit den Händchen auf den Tisch und schrie sich fast heiser:«Meh— a, meh— a!" Es schmeckte allen; der Kaffee mit Kuchen war nur ein appetitanreizendes Vorhäppchen gewesen, in Aussicht auf das Hochzeitsmahl hatten heute alle gehungert. lFortsetzung folgt.) CTachdruit bcrtofcn.) Bj Sin Paria. Von Eugen Tschirikow. V. Der Frühling war endlich da... Auf dem großen Hof des Krankenhauses wuchsen Silberpappeln und Weiden, dicht unter den Fenstern der Krankensäle Akazien und Hollundersträuche. Alles grünte und duftete... Der Hof war gleichzeitig Garten. Zahlreiche, mit gelbem KicS bestreute Wege schlängelten sich durch das dichte, grüne Gras und verloren sich in BoSketts, Ivo jetzt freilich nur erst Aeste und Zweige sichtbar waren. Von den Fenstern des Krankensaales Nr. 2 eröffnete sich ein wunderbares Panorama: in der Ferne zeigte sich im bläulichen Dunst der warnien FrühlingSluft die Stadt mit ihren, in der Sonne funkelnden Kirchenkuppeln. In schwarzen, langen Bändern zog sich am blauen Himmel der Rauch aus den hohen Fabrikfchornstcinen... Und unten— der Garten mit den weißen Akazien, den gelben Wegen, den grünen Rascnstreifen und den fröhlich zwitschernden Vögeln... Mitka war genesen und konnte schon im langen Anstaltsrock ans blaugcstreiftem Drillich vom Bett zum Fenster und wieder zurück- gehen Er konnte sehen, wie schön es draußen war, wie die Blätter der Bäiline und das junge Gras grünten, wie auf den Zweigen der Akazien die lustig zwitschernden Spatzen hüpften. Zunächst wurde Mitka freilich leicht müde: daruni mußte er lt0[h ben größten Teil des Tages im Bett zubringen. Im Liegen suchte er die Sonnenstrahlen zu erhaschen, welche auf den Wänden und an der Decke zitterten und tanzten. Diese Sonnenstrahlen verletzten ükitla stets in ein ganz besonderes Entzücken... Mit den mageren Händchen versuchte er sie zu greisen, weim sie im Vorbeihuschen über ihn ans die Wand sprangen. Aber die Sonnen- strahlen ließen sich niemals greisen, und Milka lächelte das schwache Lächeln des genesenen Kindes. Das Leben feierte seinen Sieg in diesem abgezehrten, entkräfteten Körperchen, und eine unverständliche, alles un, fangende Freude, eine süße Furcht ergriffen Mitka, wenn er unter der Decke vorsichtig die Beinchen zu bewegen begann... So leicht, so angenehm I Mitka schließt die Augen und gibt sich ganz dem Eindruck von etwas Starkem, Hohem, Unverständlichem hin... Er kennt keine Sorge, hat nichts zu Um... Nur ein Umstand ärgerte Mitka und trübte sein Glück: sein Appetit nahm mit erschreckender Geschwindigkeit zu, aber zu essen gab man ihm nur sehr, sehr wenig— dreimal täglich je ein Töpfchcn Milch, weiter nichts. „Gib wenigstens ein Stückchen Brot!" bat er kläglich die Schwester. „Darf nicht... Schädlich.. „Aber ich sterbe ja vor Hunger!" „Wirst nicht sterben." „Wenn Du mir wenigstens eine Salzgurke geben möchtest.* „Darf nicht... Schädlich..." „Du immer mit Deinem— Schädlich I...• VI. Gegen Ende Mai hatte Mitka sich soweit erholt, daß er im Korridor spazieren gehen durste. Gleichzeitig setzte man ihn cm den „allgemeinen Tisch", wo die Rekonvaleszenten Mittag und Abend- brot aßen. Am„allgemeinen Tisch" bekam er einen Teller Suppe und einen Napf dicker Milchgrütze, an Feiertagen statt der Grütze sogar ein Kotelett. MS Abendbrot wurden die Reste der Mittagssuppe vorgesetzt, welche nian, um daS Volumen zu vergrößern, durch reichlichen Wasierznsatz verdünnt hatte. Weißbrot lag in großen Stücken auf einem Teller, von dem jeder nach Belieben nehmen durste. Freilich gab der Wärter Iwan, der bei den Mahlzeiten auf Ordnung sah, gut acht, daß niemand zu viel nahm. „He, Du I... An der Ecke l Das ist schon Dein viertes Stück I" Und der Kranke an der Ecke zog die ausgestreckte Hand zurück, während er verlegen murmelte: „Wirklich schon das vierte...?! Ich wußte gar nicht..." Aber Mirka, als der jüngste an der Tafel, durste nach HerzcnS- lust cinhauen, ohne irgendwo auf Widerstand zu stoßen, weder bei Onkel Iwan noch bei den erwachsenen Kranken. Einige der letzteren teilten sogar ihre Suppe mit Mitka, indem sie ihm in seinen leer- gewordenen Teller ein paar Löffel von ihrem Essen hineinschöpften. „Pfleg' Dich, Jungchen I Wie mager Du bist I Nur Haut und Knochen... Und Mitka„pflegte sich".... Das war für ihn eine Periode wirklich ungetrübter Glück- seligkeit.... Einmal in jeder Woche, am Sonnabend, schickte man Mitka in die Badstube, welche sich am Ende des Hauptkorridors befand. Mitka liebte es, im warmen Wasser zu plätschern, und bat Onkel Iwan stets, ihn erst zuletzt zu rufen, wenn alle gebadet hatten— damit er länger in der Wanne bleiben durste. Onkel Iwan war ein herzensguter Bauer. „Na, Mitka, jetzt marsch in die Wanne I Alle sind schon fertig! ... Hier, nimm frische Wäsche.. sagte er, als er sich am Sonnabendabend im Krankensaal zeigte. Mitka sprang froh vom Fensterbrett herab, ans dem er wie ein Vogel aus dem Zweige zu sitzen pflegte, und lief, die reine Wäsche schwingend, hastig in die Badstube. „Langsam, Du Wildfang I Wirst Dir noch den Kopf einrennen l" schalt Onkel Iwan hinter ihm. Onkel Iwan drehte beide Hähne— den für warmes und den für kaltes Wasser— gleichzeitig auf, warf das Badethermometer in die Wanne und setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Mitka zog geschwind Rock und Hemd aus und wartete nackt, bis das Bad fertig war. Dann begann Onkel Iwan gewöhnlich mit dem Knaben zu philosophieren. „Mager bist Du doch aber, Mitka! Sich bloß mal— Beine hast Du gerade wie eine Ziegel"... „Schadet nichts... „Wie denn— schadet nichts? Gesundheit ist doch die Haupt- fache?... Wie alt bist Du eigentlich?" „Weiß nicht... Ich denke, neun.. „Neun und sieht aus wie ein Fünfjähriger.. Hast Du keinen Vater? keine Mutter? Bist Du ganz allein?" „Ganz allein..." „Aber Du erinnerst Dich doch Deines Vaters?" „Was?" „Na, Deines Vaters erinnerst Du Dich doch?" „Nein... habe keinen Vater gehabt"... Onkel Iwan schmunzelte gutmütig-mitleidig. „Keinen Vater gehabt I... Was Du sagst l,!! Du Dumm- chen I... Kann man denn ohne Vater...? Wirst schon'neu Vater gehabt haben, es war bloß kein Vater, sondeT wollen mal sagen I I. ein Schweinehund 1.1'. Wo hat denn Deine Mutter gelebt? War sie irgendwo im Dienst 1" »Im Asyl lebten wir beide." „Jedenfalls so irgend eine Vagabundin.. dachte Onkel Iwan laut und seufzte tief.„So l Das Bad ist fertig.... Jetzt marsch hinein I" sagte er, die Hähne schließend und sich wieder ans Fenster setzend. Und Mitka steigt in die Wanne und beginnt zu plätschern.... Bald setzt er sich auf, bald legt er sich hin, bald streckt er die Beine lang aus, bald schlägt er mit der flachen Hand aufs Wasser. „Spritz' nicht so I Lieg' still I" brummt gutmütig Onkel Jlvan. Aber Mitka hört nicht auf die brummigen Bemerkungen des guten Onkels Iwan. „Ist Deine Mutter schon lange tot?" beginnt der Wärter nach kurzer Pause von neuen,. „Lange schon... seit dem Herbst," antwortet Miika, beide Hände in die Höhe hebend. „War sie lange krank? Woran ist sie gestorben?" „An Streichhölzchen... hat Streichhölzchen gegessen... Man hat sie ausgeweidet..." „Ei, ei, solch eine Sünde I Herr, mein Gott l" flüstert Onkel Iwan und beginnt nachzudenken. Im Herbst hat man in der Tat ein Weib ins Leichenhaus gc- bracht, man hat sie in der Tat seziert und Phosphorvergiftung als Todesursache festgestellt... Das ist geivist Mitka'S Mutter ge- Wesen... Vielleicht auch nicht? Wer kann wissen?... Viele Weiber vergiften sich ja mit Streichhölzchen und viele werden seziert... ichlietzt er seine Betrachtungen. In Glückseligkeit schwinmiend, interessiert sich Mitka jetzt nicht mehr im mindesten für seine Herkunft und seine Vergangenheit; er hatte schon längst aufgehört, an Maminka und Terebilowka zu denken. Auch an den tauben und blinden Großvater dachte er nicht mehr— der gute Onkel Iwan ersetzte ihm den Großvater voll- ständig. UebrigenS wurde Mitka nicht allein von Onkel Iwan verwöhnt und verhätschelt. An den Donnerstagen kamen häufig Leute, ihre Verwandten und Bekannten im Krankenhause zu besuchen. Einer der Besucherinncn fiel die komische Figur MitkaS, der in einem viel zu langen AnstaltSrock spazieren ging, auf, und sie knüpfte eine Unter- Haltung mit ihm an. „Hast Du aber einen langen Rock I Der fegt ja am Boden wie eine Schleppe..." „War kein kürzerer da,.. Sind hier alle so.,/ „Wem gehörst Du?" „Keinem." „Wieso?" „So!..." „Bist Waise?' „Na, was denn sonst?0 brummte Mitka mürrisch, die Dame anglotzend. „Wer besucht Dich hier? Keiner? Du Aennster 1... Na, da hast Du was zu naschen!... Nimm I.. Mitka ließ sich nicht lange bitten, im Gegenteil: er näherte sich rasch der Dame und ritz ihr den dargereichten Kuchen und eine Apfelsine einfach aus der Hand. Dann lief er, ohne auch nur ein Wort des Dankes zu sagen, eiligst davon, indem er die Apfelsine in die Tasche und den Kuchen in den Mund steckte. „Warte doch I Wohin so eilig?" Aber Mitka fürchtete augenscheinlich, die Dame könnte sich eines Bessere» besonnen haben und ihre Gaben zurückfordern wollen, denn er beschleunigte seine Schritte und drehte sich nicht einmal nach der freundlichen Spenderin um.... Mitka folgerte, die Dame müsse gut sein, deshalb ging er von nun ab jeden Donnerstag während der Besuchsstunde im Korridor spazieren und wartete auf die Dame... Und nie vergebens: sie kam und brachte ihm jedesmal irgend einen Leckerbissen mit. .(Fortsetzung folgt.Zs (Nachdruck derdoien.). Die Arbeiter und die Stenographie, Heutzutage verkennt keiner, der mit der Zeit fortgeschritten ist, die große Bedeutung der Stenographie für unser gesamtes Kultur- leben. Nachdem sich die Stenographie zuerst in die Parlamente Eingang verschafft hatte, hat sie sich mit der Zeit auch die Gerichts- säle, die Bureaus und kaufmännischen Kontore erobert und heute zählen die, welche die Nedezeichenkunst ausüben, nach Hundert- taufenden. Waren es zunächst Berichterstatter und Journalisten, dann Beamte und kaufmännische Angestellte, die die Stenographie in ihrem Beruf anwendeten, so wurde die Kenntnis der Stenographie allmählich für immer weitere Kreise nützlich und notwendig. Für den politisch und gewerkschaftlich tätigen Arbeiter ist eS ohne Zweifel von großem Vorteil, wenn er sich in den Versammlungen usw. der Stenographie bedienen kann, und deshalb sind auch die Bemühungen der verschiedensten System- vereine, der Stenographie auch in Arbeiterkreisen Eingang zu vcr- schaffen, stets von dem Erfolg begleitet gewesen, daß sich Verhältnis- mäßig viele Arbeiter bereit fanden, einen Kursus zur Erlernung der Stenographie durchzuinachen Man könnte dies im Jntcresp einer möglichst starken und schnellen Verbreitung der edlen Redezeichenkunst begrüßen, aber leider liegen die Dinge nicht so, daß man sich über diese EntWickelung einer ungemischten Freude hingeben kann. Die Erlernung der Stenographie setzt in erster Linie die Beherrschung der deutschen Sprache in Work und Schrift und dann eine gewisse Schreibgewandtheit voraus; sie bedingt ferner, soll der Schüler die Stenographie später wirklich praktisch anwenden können, stetige, möglichst tägliche Uebung, und dann erfordert sie eine zähe Ausdauer. Welche von diesen Be« dingnngen treffen nun auf den gewerblichen oder industriellen Hand- arbeiter zu? Die Ausdauer wird man dem, der unermüdlich mit- wirkt in dem großen proletarischen Emanzipationskampfe, nicht ab« sprechen können, aber wie steht es mit den anderen hier an- geführten Erfordernissen? Unsere preußisch-deutschen Volks- schulen vermitteln nur wenigen, besonders begabten Schülern die völlige Beherrschung der deutschen Sprache; es sind keine zehn Prozent, die nach Beendigung ihrer Schulzeit richtig deutsch sprechen und schreiben können. Wäre Deutschland in seinen Schulverhältnissen nicht so rückständig, würde den Kindem ein richtiges Deutsch gelehrt, so könnte schon den Kindern in der Schul« Stenographie beigebracht werden! Dann würde die Stenographie in einem Msnschenalter Gemeingut des Volles werden, was einen unermeßlichen Kulnirfortschritt bedeutete. Heute müssen wir uns aber mit der traurigen Tatsache abfinden, daß ein großer Prozent« satz der Arbeiter die deutsche Schriftsprache nicht soiveit beherrscht, daß er Aussicht hätte, die Stenographie gründlich zu erlernen. Wer diesen Arbeitern die Erlernung der Stenographie empfiehlt, handelt nicht in deren Interesse, denn nur in seltenen Fällen werden sie es zu einer wirklichen Beherrschung der Stenographie bringen. Und die Zeit, die mit dem unvollkommenen Erlernen der Steno- graphie zugebracht wird, wäre weit besser mit Uebungen im deutschen Aufsatz ausgefüllt! Nun die Schreibgewanbtheit 1 Von einem Arbeiter, der zehn Stunden oder noch länger schwere körperliche Arbeit verrichtet und der nach seiner Schulzeit selten eine Feder in die Hand bekommt, kann man nicht erwarten, daß er in angemeffener Zeit zu einer wirklichen Schreibgeschwindigkeit kommt. Bei den vielen Ver- pfiichtungen, die ihm sein Beruf sowie seine Betätigung in» Wirt- Ichaftlichen und polittschen Kampfe der Arbeiterklasse auferlegen, wird er auch häufig nicht die nötige Zeit haben, sich in der Stenographie auszubilden. Eine bis zwei Stunden täglicher Uebung ist für den, der vorwärts kommen will, unbedingt erforderlich. Wenn man also im Interesse der Arbeiterklasse auch eine mög- lichst starke Verbreittmg der Stenographie unter den Arbeitern wünschen mag. so muß man doch vor einem allzu großen Optimismus warnen. Die Laien denken vielfach, man brauche nur den Kursus durchzunehmen, um Reden nachschreibe» zu können. Das ist ein großer Irrtum. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß der größte Teil derjenigen, die— oft mit den besten Vorsätzen— an die Er- lernung der Stenographie gingen, schon nach kurzer Zeit entmutigt die Flinte ins Korn warfen und Stenographie Stenographie sein ließen. Es scheint nicht zu viel gesagt zu sein, wenn behauptet wird, daß unter hundert Stenographie- schülern nicht mehr al-Z zehn sind, die es zu einer wirtlich brauchbaren Fertigkeit bringen. Da rühmen sich die ver- schiedenen Systemvereine ihrer großen Mtglieder- und Schülerzahk, aber wenn man einmal eine Statistik aufstellen würde, wie viele von diesen Stenographiebeflissencn auch nur 150 Silben in der Minute sicher und korrekt zu schreiben imstande find— da würde ein sehr trauriges Resultat herauskommen.„Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet", der Satz hat hier seine vollste Be- rechtigung. Kann man demnach die Erlernung der Stenographie nicht allen Arbeitern unterschiedslos empfehlen, so mag andernfalls gesagt werden, daß allerdings ein Arbeiter, der durch Fleiß und Ausdauer es trotz ungünstiger Verhältnisse zur vollkommenen Be- herrschung der Stenographie bringt, das höchste Lob verdient und auch in der Ausübung seiner Kunst innere Befriedigung enipfinden wird. Nun noch einige Worte zum Systemstreit. Die leidige Zer« splitterung in der deutschen Stenographie hat ihrer Ausbreitung un- geheuer geschadet. Während sich das älteste System, das des Er- finders der deutschen Stenographie, Gabelsbergcr, die meisten Anhänger erworben hat und auch die Stolze-Schreysche Schule ihre Anhängerzahl nach vielen Tausenden zählt, gibt es noch un- zählige Systeme, die es trotz aller Agitation nur auf eine verhältnismäßig geringe Anhänger- und Schülerzahl ge- bracht haben. All diese Systeme befehden sich in der schärfsten Weise mit einer Energie, die einer befferen Sache würdig wäre. Es wäre entschieden nützlicher, wenn die Kraft, die jetzt bei dem unsinnigen Systemkampf verzettelt wird. aus die allgemeine Propaganda für die Stenographie verwandt würde. Nun ist es charakteristisch, daß man die Arbeiter z. B. nicht für das schwerer zu erlernende, dafür aber auch leistungS- fähigere System Gabclsberger zu gewinnen sucht, sonder» meistens für Systeme, die sehr leicht zu erlernen sind, aber die Mehrzahl ihrer Schüler nur zu einer recht mangelhaften Schreibgeschlvindigkcit verhelfen. Das möge man sich vor Augen halten, lvcnn man die Stenographie erlernen will, daß nicht die leichte Erlernbarkeit über den Wert eines Systems entscheidet. Es ist doch ganz natürlich, daß ein System, welches viele sinnreiche kürzende Zeichen und Regeln hat, nicht so schnell zu erlernen ist wie ein anderes, dessen Einfachheit neben der leichten Erlernbarkeit leider auch eine geringe Leistungsfähigkeit mit sich bringt. Schließlich leuchtet es ohne lveiteres ein, daß es am vorteilhaftesten ist, ein weit der« breitetcs System zu erlernen. iL, an sollte in der Propaganda für die Stenographie nicht nach dem Grundsatz handeln, daß das Schlechteste für den Arbeiter gerade gut genug ist, sondern der Arbeiter, der stenographieren lernen will, sollte ein System wählen. das ihni auch die Möglichkeit gibt, sich zum Nednerstenographen aus- zubildeu. W— 1— a. Geruch und Gefchmack� v—' Wie der Geruch, so ist auch der Geschmack ein chemischer Sinn, der unserem Bewußtsein gewisse Eigentümlichkeiten der Stoffe näherbringt, welche mit diesen unzertrennlich sind. Wie die Organe Ijcnes Sinnes haben auch die auf der Zunge befindlichen Organe Des Geschmacks an den Eingangspforten unserer Nahrung und Atemluft Posten gefaßt und warnen uns durch unangenehme iEmpfindungen, die sie vermitteln, bor der Aufnahme schädlicher Stoffe, wie sie andererseits auch zum Genüsse der nützlichen er- «muntern. Auch der gute Geschmack unserer Speisen trägt viel gu ihrer besseren Verioertung bei, mdcm er im Verein mit dem Geruch und'dem bloßen Anblick die rechtzeitige Bereitung der Vcr- Idauungssäfte anregt. Geruch und Geschmack sind einander so nahe verwandt, daß »vir uns im täglichen Leben sehr oft gar nicht darüber klar werden, «mit welchem der beiden Sinne wir eine Substanz verspüren, und auch der Sprachgebrauch verwechselt vielfach die beiden Empfin- Dungsartcn, ja sogar die wissenschaftliche Untersuchung hat in «manche» Fällen noch nicht einwandfrei zu entscheiden vermocht, ivelche Art von Reizen eigentlich vorliegt. Im allgemeinen gilt «S ja freilich, daß die Riechstoffe flüchtig und oft auch nicht löslich isind, die Schmeckstoffe dagegen löslich und bei gewöhnlicher Tem- pcratur nicht flüchtig, doch gibt es auch unter den letzteren viele, Die besonders in gasförmigem Zustande wahrgenommen werden, wodurch Ivir stets der Täuschung verfallen, eine Geruchsempfin- Dung zu verspüren. Zu den Stoffen, die wir gewöhnlich durch den lGeruch wahrzunehmen glauben, während wir sie tatsächlich in- «direkt schinecken, indem wir ihre Dämpfe durch die Nase auf- «nehmen, scheint beispielsweise da» Chloroform zu gehören, das «ebenso wie der Schwefeläther von solchen Menschen, die das Gc- auchsvcnuögei! beiderseits völlig verloren haben, noch wahrgenom- -n?en, und zwar als Geschmack empfunden wird. Von manchen Korschcrn wird allerdings die Wahrnehmung der beiden genannten Stoffe noch jetzt auf Geruchsempfindungen zurückgeführt. Das Aroma von Speisen und Getränken nehmen wir lediglich mit dem Geruchssinn wahr, und so beruhen die staunenswerten Leistungen mancher Personen, die verschiedene Wein- und Tabaks- «sortcn genau nach Jahrgang, Herkunst und Rasse abzuschätzen wissen oder wie die chinesischen Teeprüfcr die Ware nach den ffeinen Abstufungen ihrer Empfindungen in ihrem Werte bestim- anen, zum großen Teile auf der Uebung und Schärfung ihres «GerudHssinnes und nicht der des Geschmackes. Auch der"Anblick khat oft einen höchst bedeutenden Einfluß, wo wir glauben, allein «mit dein Geschmacke zu empfinden, wie die bekannten Erfahrungen 'lehren, daß die meisten Menschen bei geschlossenen Augen nicht Rot- und Weißwein zu unterscheiden vermögen, und daß man im Dunkeln «oft nicht weiß, ob die Zigarre oder Pfeife noch brennt. Endlich sind die Empfindungen des Geschmackssinnes oft mit «solchen des Tastsinnes vergesellschaftet, wie es auch der Sprach- gebrauch schon andeutet; denn als einen scharfen oder herben Ge- «schmück pflegen wir ja solche zu bezeichnen, die auf der Zunge zugleich ein ätzendes oder zusammenzichentzes Gefühl hervor, Dringen. Was wir als süße, saure oder bittere Gerüche bezeichnen, sind wiederum lediglich Geschmacksempfindungen, wie ihre Wahrnehmung «bei völligein Verluste des Rtechvcrmögens beweist. Die Zustände -dcL Verlustes des einen oder anderen der beiden Sinne eignen sich überhaupt besonders zur Entscheidung der Frage nach dem eigent- lichcn Charakter der Empfindung. Es gibt auch Menschen, die nur einige bestimmte Geschmacksqualitäten nickt wahrzunehmen ver- mögen, ähnlich wie wir beim Gehörssinn die Tonlücken und bei dem Gerüche die analogen Erscheinungen kennen gelernt haben. Man kann auch die Empfindlichkeit des Geschmackssinnes herabsetzen oder ganz aufheben; beispielsweise zerstört eine Einreibung der Zunge mit Tabletten, die den wirksamen Stoff gewisser Pflanzen- lblätter, die Gymnemasäure, enthalten, die Empfindlichkeit für die gewöhnlichen Süßstoffe, während Chloroform auch dann noch dcut- Aich geschmeckt wird. In ähnlicher Weise vernichtet Kokain die Gc- «schmackscmpfindungen für süß und bitter. Wie bei den Riechstoffen hat man auch für die Schmcckstoffc versucht, die von ihnen hervorgebrachten verschiedenen Empfindungs- Qualitäten, von welchen hauptsächlich süß, sauer, bitter und salzig *) Aus dem soeben erschienenen Buche„Unsere Sinnes- organe" von Privatdozent Dr. E. Mangold. sWissenschaft «und Bildung Bd. LS.) In Originalband 1,25 M. Verlag von Ouelle u. Meyer in Leipzig. Seraiitwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: unterschieden werden, aufdiechemtscheZusammensetzung der Stoffe zurückzuführen, doch auch hier sind die Forscher noch nicht zu einer mit der chemischen Unterscheidung übereinstimmenden Ein- teilung gelangt. Die Erfahrung, daß beispielsweise Süßstoffe in ganz verschiedenen Gruppen chemischer Verbindungen vorkommen, hat auch lange davon abgeschreckt, die chemische Art der Stoffe als maßgebend für ihren Geschmack zu betrachten, doch wurde dann auch wieder geltend gemacht, daß jeder dieser chemisch voneinander ganz verschiedenen Süßstoffe, wie das Saccharin, das neutrale cssig- saure Blcisalz und das Chloroform, nur Glieder verschiedener größerer Gruppen von Süßmitteln sind. Für eine chemische Ein- teilung der Gcschmacksqualitätcn läßt sich auch die Tatsache vcr- werten, daß viele Säuren, ebenso Alkalien und Salze, entsprechend ihrem chemischen Charakter durch ihren sauren, langenhaftcn und salzigen Geschmack ausgezeichnet sind, und neuere Untersuchungen haben Sternberg und andere Forscher schon einen wesentlichen Schritt weitergeführt in der Erklärung des Geschmacks aus dein chemischen Bau der Stoffe. Besondere Aufmerksamkeit ist auch der merkwürdigen Erschei- nung gewidmet worden, daß viele Substanzen auf verschiedenen Stellen der Zunge verschiedene Geschmacksempfindungen auslösen, wie es beispielsweise bei dem Bromsaccharin der Fall ist, das auf der Basis der Zunge bitter, auf der Spitze dagegen süß schmeckt, oder bei einer fünfprozcntigen Magnesiumsulfatlösung, die aus der Zungenspitze als schwachsüß, dann sauer, am Rande sauer und bitter und an der Basis rein bitter empfunden wird. Dabei genügt oft nicht die einfache Berührung der Zunge mit dem Geschmacks- stoffe, und die Empfindung tritt viel stärker ein, wenn die Zunge gegen den Gaumen bewegt wird, wie wir es ja auch beim Ab- schmecken oder Kosten einer geringen Menge von einer Speise oder Flüssigkeit ausführen, indem wir dadurch die Substanz verreiben und verbreiten, Kleines f euilleton* Die Ursachen der Tanbstummhcit. Neue Einblicks in die Ent- flehung der Taubstummheit gewährt der Bericht über die fort- laufende Statistik der Taubstummen im Deutschen Reiche während der Jähre 1302— 1905. Diese fortlaufende statistische Aufnahme. die vom Bundesrat angeordnet wurde, betrifft den Eintritt in das schulpflichtige Alter der Vollsinnigen, sowie die Zählung der in die Taubstummenanstalten aufgenommenen Kinder. Die Zählungen erstreckten sich auf 7487 Kinder, von diesen stammten 56 Proz. auS Landgemeinden, 29,6 Proz. ans mittelgroßen Gemeinden und 13,9 Proz. aus Großstädten. Das männliche Geschlecht ist unter den Taubstummen stärker vertreten wie das weibliche. Die Hälfte der Kinder ist von Geburt an taubstumm, die andere Hälfte hat das Gebrechen erst während des Verlaufs der Krankheit erworben» meist im ersten und zweiten Lebensjahr. Während bei den christ- lichen Kindern die Taubstummheit ungefähr zur gleichen Hälfte angeboren und erworben ist, ist bei den jüdischen Zöglingen das Gebrechen in nicht weniger wie 77 Proz. angeboren und nur in 22 Proz. erworben. Die Ursache des häufigen Vorkommens der angeborenen Taubstummheit bei den Juden ist in der Häufigkeit der Vlutsvcrwandtcnchcn zu suchen. Die angeborenen taub- stummen Anstaltspfleglingc entstammen zum größten Teil sehr kinderreichen Familien, sie sind relativ am häufigsten Erstgeborene oder Spätlinge. Bei 6 Proz. der taubstummen Kinder ließ sich ermitteln, daß die Eltern miteinander blutsverwandt waren» während in Preußen die blutsverwandten Ehen nur 0,8 Proz. sämtlicher Ehen ausmachen. Die Erblichkeit spielt«ine große Rclle» denn in 21,7 Proz. der Fälle war bei den Angehörigen der Zöglinge Taubheit, Taubstummheit oder hochgradige Schwerhörig- kei: nachzuweisen. Die meisten Kinder sind körperlich und geistig gut entwickelt, nur bei 13 Proz. ist dies nicht der Fall. Die am häufigsten bei ihnen beobachteten Krankheiten sind Skrophulose» Störungen des Sehvermögens, Englische Krankheit, Schwachsinn und Mißbildungen des Schädels. Was die Ursache der erworbenen Taubstummheit anlangt, so war die Hauptveranlasserin die Hirn- Hautentzündung, welche bei 20 Proz. vorausgegangen war, in 13 Proz. waren andere Gchirnkrankheiten schuld, in 15 Proz. Scharlach, in 9 Proz. epidemifchc Genickstarre, in 6 Proz. Masern, in je 6 Proz. Ohrcnleiden und Kopfverletzungen» demnach sind es weniger selbständige Ohrenleiden, welche die Taubstummheit vcr- Ursachen, als Gehirnleiden und Infektionskrankheiten. In Süd- dcutschland und Westdeutschland sind die Gehirnkrankheiten bc- sonders häufig die Ursache der Taubstummlicit gewesen. Von den Bemühungen, die in der Neuzeit auf die Bekämpfung und nament- lich auf die Verhütung der Infektionskrankheiten gerichtet sind» ist eine Verminderung der Taubstummheit zu erhoffen. In den «vichtigsten Fällen war die notwendige Spezialbehandlung des Ohrcnleidens eingeleitet oder gründlich durchgeführt worden, in vielen Fällen wäre durch eine solche die Verhütung der Taub- f.ummheit möglich gewesen. Die Untersuchung der Anstaltszög- linge ergab, daß 14 Proz. von ihnen völlig gehörlos lvaren. Unbe- stimmtcs Schallgehör oder ausschließlich Tongehör hatten noch 1.4 und 7,9 Proz. der Zöglinge, die höheren Grade von Hörbermögen finden sich relativ häufiger bei den von Geburt an Tauben als bei den Taubgewordcnen. Vorwärts Buchdruckerei u.VerligdanjtaltPaul Singer ö-To., Berlin LW-