Nnterhaltungsvlatl des vorwärts Nr. 60. Freitag, den 26. März. 1909 (Nachdruck tzervxten.Z m Vas täglicke Brot. Roman von C. W i e b i g. Grete warf einen verzweifelten Blick umher, dann gab sie den ungleichen Kampf auf. Den Kopf tief gesenkt, schlich sie zur Tür. Niemand hielt sie zurück. Bartuschewski schlug auf den Tisch— nein, das war doch ein zu köstlicher Spaß gewesen, die lange Dünne mit dem Heilsarmeelied! Er wand sich vor Lachen. „Die sollten Se bei de Heilsarmee anbringen. Madam Zleschke, ik sage Ihnen, die�wacht Ferore!" Und er begann. die Augen verdrehend, mit quäkender Fistelstimme Grete nach- zuahmen. Mutter Reschke war nun doch gekränkt: wenn's auch bloß die Grete war! Ziemlich scharf verwies sie Herrn Bartu- schewski die unpassenden Faren: im stillen beschloß sie, dem verrückten Mädchen jeden Besuch bei der Heilsarmee streng zu verbieten.„So'ne Blamage," brummte sie in sich hinein. „Aber Dresche, Dresche soll se kriegen, laß mir nur nach Hause kommen!" Fridchen war auf Mines Schoß eingeschlafen: ohne be- queme Stütze baumelte ihr das Köpfchen hin und her. „Jott, Mine," sagte Mutter Reschke ganz empört,„leg doch det Kind zu Bette! Det is ja der reene 5iannballismus; 5rinder jehören überhaupt zu Bette," setzte sie mit einem giftigen Seitenblick auf die kleinen Bartuschewskis hinzu. Frau Bartuschewski verstand den Wink nicht oder wollte ihn nicht verstehen, aber Mine stand auf und trug das. trotz allen Lärms, fest schlafende Kind in sein Körbchen. Ach, sie hätte sich auch gern niedergelegt, müde war sie zum Umfallen und ihre Lider wurden schwer. Bon nun an kämpfte sie die ganze Zeit mit dem Schlaf. Desto fideler wurden die anderen, selbst Artur. Er hob Elli auf seine Knie, und sie, dreist gemacht durch die un- gewohnte Zärtlichkeit des Bruders, spitzte die Lippen, und da er sie nicht küßte, küßte sie ihn. Dann setzte sie sich auch Herrn Bartuschewski auf den Schoß. „Die kann jut werden," sagte der, und die Mutter lächelte geschmeichelt. Auch Frau Reschke bekam ungewohnte Zärtlichkeitsan- Wandlungen; ihre Augen waren ganz klein geworden, sie ließ den Kopf an die Schulter ihres Mannes sinken.„Wecßte noch, Jakob, unser Hochzeitstag?!" Reschke war ganz erschrocken. Seit ewigen Zeiten hatte sie nicht mehr„Jakob" gesagt; seit Trudchens Geburt nicht inehr! Die Rührung übermannte ihn wieder, er schluckte und schnüffelte und wischte an den blöden Augen. Der alte Nordhäilser heizte gut ein. Bartuschewski hatte einen dunkelroten Kopf. Schäkernd wischte er seinen Bart an Ellis Wange, und dann rief er seine Frau heran:„Na, Olle, wollen uns wieder vertragen!" Er tätschelte sie auf den Rücken und streichelte ihr den Arm, den er ihr gestern, bei einem Zank, braun und blau gekniffen. Sie schnäbelten sich, wie ein paar Tauben. „Nanu," rief Berta, anscheinend schmollend, aber mit einem spöttischen Funkeln in den Augen.„Ich allein bleib übrig? Keiner für mich da?!" „Is denn kein Mann da, für meine Wanda?" sang Plötz- lich Artur. O, er konnte auch den Angenehmen spielen, wo es verlohnte! Er zog seinen Stuhl näher an den ihren und schob seinen Arm hinter sie. Eine Erinnerung aus seiner Schulzeit wandelte ihn an Bertas Seite an. Er deklamierte: „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen!" Sie schlug ihn auf die Finger.„Weg von de Bilder! Kucken Se nach rechts!" Da saß Mine. Bor Arturs Augen schwamm bereits alles in einander; er faßte seine Frau um den Hals, zog sie ganz zu sich heran und drückte ihr einen schallenden Kuß auf den Mund. „Achtung." rief Bartuschewski und salutierte.«Aber wer jehn noch nich, oho, noch lange nich!" Mine erwiderte den Kuß nicht, aber sie wehrte sich auch picht, sie nahm ihn ruhig hin. 9f t- Stunden vergingen. Bartuschewski war noch einmal in die Kneipe hinabgestiegen, aber er brachte diesmal nur noch Schnaps und einen süßen Likör für die Damen. Davon nippte auch Berta häufig; blitzschnell züngelte ihre schmale, rote Zunge über die Lippen— ha, schmeckte das zuckersüß! Zuletzt fingen sie an zu tanzen; Herr und Frau Reschke. Herr und Frau Bartuschewski, Berta mit Artur. Elli saß auf dem Tisch, klatschte in die Hände und krähte den„Rix- dorfer". Die Herren pfiffen. Sie wurden bald matt, nur Berta nicht. Artur lehnte in einer Ecke, Bartuschewski in der anderen; Berta tanzte allein weiter, ein höhnisch verächtliches Lächeln um den Mund. Es ging auf drei, als Bartuschewski seine Frau hinunterbringen mußte; die war Plötzlich ganz elend geworden und stöhnte, kein Rollmops half mehr. Dann trug er, fluchend und wetternd, eines seiner Kinder nach dem anderen herab: die hatten in einer Ecke auf dem Boden gelegen und waren nicht mehr zu ermuntern. Zu ermuntern war auch Vater Reschke nicht. Nach eins hatte er sich aufs Bett des jungen Paares gelegt, nur für „fü— fü— fünf Mi— nu— nuten", wie er schluchzend versicherte. Nun lag er noch immer da; die Zigarre war ihm aus dem Mund gefallen und hatte ein Loch ins Deckbett gebrannt. Sie schrieen ihn an, schüttelten ihn, zwickten ihn, zupften ihn an der Nase, zogen ihn an den Beinen, gössen ihm Wasser ins Gesicht— umsonst, er wachte nicht auf. Frau Reschke mußte sich entschließen, ohne den Gatten, mit Berta, die bei ihr im Keller schlafen sollte, und mit Elli nach Hause zu gehen.— Mine stand am Fenster und blickte hinaus in die dunkle Nacht. Kein Stern war am Himmel. Sie mußte an Mathilde denken— und die hatte sich so auf ihre Hochzeit gefreut! Langsam hob sie die Hände und zerrte sich den Kranz aus dem Haar. Auf dem Stuhl am Fenster saß Artur, den Leib haltlos vornüber gehängt, im Schlaf mit dem Kopf hin und her baumelnd. Mechanisch ging sie zum Tisch zurück, setzte sich neben ihren Mann und lehnte seinen Kopf gegen ihre Schulter. Er schnarchte. Der alte Mann auf dem Bett schnarchte auch, dumpf röchelnd; Fridchen im Korb atmete sanft. In Mines Augen kam kein Schlaf. Als der Morgen graute, iveckte sie ihren Mann.„Du, Artur, steh uf! De has 'neu weiten Weg, un ich muß uf meine Aulwartstelle." 23. Sechs Wochen nach der Hochzeit von Artur und Mine wurde bei Bartuschewskis das fünfte geboren. Man bat die junge Frau Reschke. aus Revanche, zu Gevatter: aber sie lehnte ab. Sie hatte kein Geld, um ein Patengeschenk zu machen. Da waren noch von der Hochzeit her, beim Budiker drei Mark für Schnaps und Likör und sechs Mark für Bier zu bezahlen. Und der Möbelhändler hatte auch schon die Quit- tung für die erste Abschlagsrate präsentiert; mit Mühe und Not hatte Mine die paar Mark zusammengebracht, aber mit Schrecken dachte sie an die jetzt bald fällige zweite Rate. Wenn man ihr nun den Schrank oder gar das Bett wieder ab- holte—?! Der Budiker stundete noch eher, dem gab doch Artur jeden Tag etwas zu verdienen:'ne kleine Weiße, und nach Wochenschluß saß er abends ein paar Stündchen in der Kneipe. Bartuschewskis waren sehr beleidigt, daß Mine die ihr angetane Ehre ausschlug. Als sie kam, um der Wöchnerin einen Besuch abzustatten, kehrte diese das Gesicht nach der Wand und drehte ihr so den Rücken. „Na, Ihre Frau, det is eene," sagte Bartuschewski zu Artur.„Der würde ik de Zicken schonst austreiben." Nur um die Leute zu versöhnen, mit denen cs�doch wahr- haftig unklug war, sich auszulegen, nahm Artur wenigstens für seine Person die Einladung an und kaufte von der Hälfte seines Wochenlohnes dem Täufling einen schönen, neusilbernen Trinkbecher. Mine war außer sich, als er ihr, strahlenden Gesichts, seinen noblen Einkauf zeigte.„Du bis Wohl verrückt?" stieß sie heraus.„Jeses, un wer haben noch so viel zu bezahlen!" Da sah er sie so bölc an. daß sie kein weiteres Wort Waake. „Mußte mit iiefm jcöcB Pläsier verderben?" sagte er sinster", warf den Becher von sich, daß er durch die Stube kollerte und das dünn getriebene Metall sich verbeulte. Schweigend raffte Mine den Becher aus und drückte und klopfte daran, um ihm die richtige Form zu geben. „Laß nur!" schrie der Mann und rih ihn ihr aus der Hand.„Nu jehe ich jar nich hin. Tie Lust rs mir verfangen!" Aber er ging doch. Tie Taufsestlichkeit währte bis spät in die Nacht, und am anderen Morgen hatte er Kopfschmerzen und wäre am liebsten nicht zur Arbeit gegangen. Ja, die Hausdienerstelle, die war Mines Kummer. Fünf- zehn Mark die Woche, das war doch gar zu wenig! Mit den dreieinhalb Mark zusammen, die sie wöcheirtlich für die Auf- Wartung bei Fräulein Habcrkorn bekam, reichte das gerade für das Allernötigste; aber auch nicht das geringste Unvor- hergeschene durfte kommen. Ueber Mines Nasenwurzel grub sich eine immer tiefere Falte ein, je länger der Winter währte. Nein, sie niußte suchen, mehr zu verdienen! An sparsamerem Essen und au sparsanicrcr Feuerung ließ es sich nicht herausschinden. Sie mußte in Arbeit gehen für den ganzen Tag. Einen raschen Blick warf sie auf ihr Fridchcn— oh, wie war die aufgeblüht unter der sorgsamen Pflege der Mutter! ES half nichts, es hatte alles nichts geholfen, nun niußte sie die doch wieder anderen überlassen.— Fräulein Haberkorn war zum erstenmal niit einer' Auswärterin zufrieden. Zum erstenmal auch, daß sich ihr Miß- trauen verlor. Im Anfang hatte sie stets beobachtet, was Mine tat. Jetzt traute sie sich, in ihrer Wohnstube am Sekretär sitzen zu bleiben und, zahlcnbedeckte Papiere und Kurszettel vor sich, zu schreiben und zu rechnen, während die Aufivärtcrin im Schlafzimmer, wo der Geldschrank stand, das Bett machte. Tie Entrectür bei Fräulein Habcrkorn war immer zweimal verschlossen und noch die Sicherheitskette vorgelegt; nie wurde geöffnet, ohne daß diese eingehängt blieb lFortsctzung folgt.) �Nachdruck tcrrolcn.) TZ Sin Paria. Von Eugen Tschirikow. „Ich bin nicht Dein Sohn!" antwortete Mitka. Der„Herr" war an den Fützen gelähmt, konnte nicht gehen und wälzte sich Tag und Nacht auf dem Bett herum. Vor Langeweile lud er bald den einen, bald den anderen seiner Leidensgefährten ein, mit ihm auf seinem Bett Karten zu spielen. „Milka I Kind der Snnde und des Unglücks l Komin', Karten spielen!" rief er auch Mitka, als er keinen anderen Partner fand. „Ich kann nicht Karten spielen.... „Komm. Unglücklicherl... Die Mutter hat Dich unter Ver- wünschungen getrckgen und unter Verwünschungen geboren... Konim I Ich werde es Dich lehren I" Mitka trat ans Bett des„Herrn", der ihn in die Geheimnisse des„Sechsundsechzig" einzuweihen begann. Der Schüler zeigte fich sehr gelehrig, und schon nach zwei, drei Lektionen knüllte er zornig die schmutzigen, fettigen Karten in der Hand und ließ sich mit den, Lehrer in einen Streit ein: „Na, der König ist doch mehr als daS Ag?" «Nein, Brüderchen... Früher war daS mal so... schon lange her... Jetzt, Brüderchen, ist das Atz höher... Gib nur mal den Stich her!... Sol... „Nein, Du lügst I DaS ist nicht so!" ereiferte sich Mitka und raffte den Stich an sich. Der„Herr" bog sich vor Lachen und nahm seinem Partner den Stich wieder fort. „Ach, dann pfeife ich auf Dein ganze? Spiel I" sagte Mitka zornig und warf die Karten aufs Bett.». �„Na. schon mit, schon gut!... Dann nimm den Stich.... Meinetwegen last' den König höher sein I Also weiter I" „Das hättest Du gleich sagen sollen!" antwortete beruhigt der Partner. Der„Herr" hätte sehr gern Branntwein getrunken, aber im Krankenhause Branntwein zu bekommen, hielt sehr, sehr schwer. Dann schimpjfe er auf die Hansordnung und drohte, er werde auf der Stelle das Krankenhaus verlassen und in die erste beste Schenke gehen.... Sobald er sich aber erinnerte, daß er gar nicht gehen könne, beruhigte sich der„Herr" ebenso schnell wieder und ertränkte seinen Kummer im Schlaf nno„Sechsundsechzig". „Mitka I Entweder schaffst Du mir Brainilwein oder Du kommst auf der Stelle Karten spielen!" schrie er heiser, sich nach dem Schlaf aufrichtend. »Sie! Herr Kalinski!" schimpfte Petrucha, in die Tür des KrankensaaleS tretend.„Brüllen Sie nicht so! Hier ist ein Kranken» haus und keine Schenke"... „Wie tut der Staub stolz vor dem Staube, Und sind doch beide nichts als— Staub".. I deklamierte Kalinski pathetisch. Aber Petrucha brummte: „Im Paß steht zwar was von„adlig", aber im Umgang— der reine Hausknecht"... Und alle Kranken hatten von ihren, Leidensgefährten den näm- lichen Eindruck: weniger adlig als— Hausknecht... VIII. Und der Sommer nahte sich seinem Ende. In den jetzt dicht belaubten Bosketts des Krankenhausgartens grünte und blühte eS. Da leuchteten hellrote Päonien, bescheiden glänzten blasse Lilie». und stolze Georginen lächelten herablassend mit ihren Samtblütcn. Eine Henne mit einem ganzen Volk Küchlein spazierte auf dem Hofe. Ein altes Schwein, das Eigentum des Chefarztes, scheuerte vor Vergnügen grunzend, seinen fette» Rücken an einem Pfeiler der großen Freitreppe. Mitka war immer noch glückselig. KalinSk war auch bester ge- worden— er konnte schon gehen, obwohl noch sehr langsam und nur an, Stock. Die beiden alten Bekannten gingen zusammen in, Garten oder im Korridor spazieren, spielten Karten oder philosophierten über die verschiedensten Themen. Kalinski erzählte Mitka von den Schmetter- lingen, von den Fliegen, von den Affen, von den Bäumen. Mitka hatte stets so viel zu fragen, daß Kalinski feine Wißbegierde kaum befriedigen konnte. Einmal, als die Freunde im Garten spazieren gingen und, wie gewöhnlich, über eins dieser Themen sprachen, vernahmen sie aus den Fenster» der Arztwohnung die melodischen Klänge eines Klaviers. „Wir wollen n,al zuhören I Konim näher!" schlug Mitka vor. Sie gingen bis an den Stakctenzaun und setzten sich unter einen Akazienstrauch ins Gras, gerade gegenüber dein Fenster, aus welchem die Musik ertönte. Es war ein wundervoller Augustabend. Die Sonite war bereits untergegangen, aber ihre letzten Strahlen spielten noch auf den Kirchenkrenzen der entfernten Stadt, die in dem rosigen Nebel der Abendröte verschwamm. Die Luft war kühl und feucht.... Der Chefarzt hatte augenscheinlich Gäste. Irgend jemand spielte eine Becthovensche Sonate.... Weich« Mollakkorde, bald an- schwellend, bald verklingend, gehen plötzlich in Dur über.... Tief und energisch donnern die Baßuoten dazwischen.... Der Donner scheint in der Ferne zu Verhallen.... Leise, unmerklich mischt fich ein weicher, zarter Ton hinein; wie ein feines, silbernes Glöckchen tönt diese Note... Dann vereinigt sich niit ihr ein anderer, sehn- suchtsvoller Ton... Der Donner wird leiser, schwächer... Jetzt klingt er nur noch wie das Echo eines abziehenden Gewitters... Und plötzlich ertönt eine weiche, zarte, einschmeichelnde Melodie... Lange schwiegen die Freunde. Kalinski lag halb an der Erde, den Kops in die Hand gestützt, die Augen geschlossen. Mitka saß mit untergeschlagene» Beinen und blickte mit offenem Munde ins Leere... „Hast Du eine Mutter?" fragte er plötzlich leise, ohne seine Stellung zn verändern. „WaS? Wie?" fragte Kalinski zusammenzuckend. „Ist Deine Mutter tot?" „Ja... ja... tot"... antwortete zerstreut KalinZki. Wieder trat Schweigen ein. Immer noch kainen die Töne anS den, geöffneten Fenster, bald anschwellend, bald verhallend, jetzt jauchzend und jubelnd, dann wieder sehnsuchtsvoll klagend. „Und Du liebtest sie... die Mutter?" fragte Mitka plötzlich von neuem. Kalinski antwortete nicht. Sein Gesicht verzerrte sich zu einen, krampfhaften Lächeln, und in seinen Augen glänzten Tränen.... „Du liebtest Deine Mutter?" zupfte Mitka seinen Freund un- geduldig am Acrniel. Aber statt einer Antwort hörte er plötzlich ein sonderbares Stöhnen und Schluchzen. „Was fehlt Dir?" fragte Mitka verwundert. „Ich liebe!... Ich liebe!... Alle liebeich... auch Dich. Auch Dich..." flüsterte Kalinski tonlos, mit tränenerstickter Stimme und begann Mitka zn küssen, ihn mit Tränen zu benetzen und ihn heftig an seine Brust zu pressen. Mitka riß sich los und lief davon. Kalinski blieb an seinem Platze liegen, verbarg daS Gesicht in dem Aermcl seines Schlafrocks und begann verzweifelt zu schluchzen. „Onkel Iwan I... Er ist verrückt geworden I" stürzte Mitka außer Atem auf den Wärter zu. „Wer, mein Jungchen?" „Na, der Herr!... Man muß ihn in den Gemüsegarten jagen..." «WaS schwatzest Du da für Unsinn, Du Frechdachs?" „So ivahr ich lebe!... Meine Augen sollen mir auf der Stelle ausfallen, wenn er nicht... Packt mich mit einmal und fängt an mich zn loürgen... will mich beißen,.. Na, ich habe mich noch zun, Glück losgerissen..." Zehn Minuten später brachte man KalinSki auf einer Tragbahre in den Krankensaal. Sein Gesicht war gedunsen und dunkelblau. Seine Brust hob und senkte sich in tiefen, geräuschvollen, schnarchenden Memzllgcn.», Weitere zehn Minuten spater-- auS den Fenstern der Arztwohiuing klangen immer noch die sehnsüchtigen Mollakkarde — fuhr man den Leichnam des Entgleisten aus dem Krankensaal in die Totcnkammer... Kalinski war am Herzschlag gestorben. Der Tod des Freundes machte auf Milka einen starken Ein- druck, besonders als er erfuhr, datz KalinSki„ausgeweidet" werden würde.... Nachts konnte er nicht einschlafen. Er fürchtete sich, daS leere Bett zn betrachten, auf deni er noch vor wenigen Stunden mit dem„Herrn" Karten gespielt hatte.... Die Nacht war hell, weih. Silbern leuchtete der Mond über das Dach des Doktorfliigels herüber und blickte aufmerksam und unverwandt durch ein Fenster in den Krankcnsaal, gerade als ob er hören wollte, wie furchtsam Mirkos Herz schlägt.... Durch ein anderes Fenster konnte man die massive Wand der Leichenkammer sehen. Mitka hütete sich, dorthin zu blicken, aber schon der Umstand allein, dah man durch das Fenster diesen schrecklichen Ort sehen konnte, veranlaßte Mitka, seinen Kopf unter die Decke z» stecken.... Er will nicht an den„Herrn" denken, und dennoch steht er un- ablässig vor seinem Geiste.... Da ist er � groß, mager, mit ge- dunsenem Gesicht, trüben Augen, stachligem Kinn.... Der Adams- apfel tritt stark hervor.... Mitka kommen die letzten Tage in den Sinn: heute morgen haben sie noch Karten gespielt, gestern haben sie vom Paradies gesprochen... ja gestern.... Sie gingen im Garten spazieren, und der„Herr" behauptete, auch die Schweine hätten eine Seele.... Mitka glaubt deutlich die bekannte rauhe, heisere Stimme zu hören.... Und dann erinnert er sich an die vor kurzem stattgehabte Szene, wie der„Herr" ihn an sich gerissen, wie man den„Herrn" ans der Tragbahre in den Krankensaal ge- bracht, wie er geschnarcht hat....< Wenn doch die Nacht erst vorüber wäre! denkt Mitka, sich unter der Decke zusammenkrümmend. Ihm ist unerträglich Heist, aber dennoch fürchtet er sich, den Kopf herauszustecken— und die Nacht will gar kein Ende nehmen!... Der silberne Mond blickt schon durch da? andere Fenster. Einer der Kranken beginnt zu husten, sich zu rühren.... Gott sei Dank! Milka ist so froh, dah sich in seiner Nähe wenigstens ein Mensch befindet, der ebenfalls nicht schläft.... Jetzt ist es nicht mehr so schrecklich. Mir einmal wird ihm leicht ums Herz.... Jetzt kann er auch den Kopf herausstecken.... MitkaS geschorener Kopf kommt unter der Decke zum Vor- schein.... „Uff I... So Heist und beklommen?... Du kannst auch nicht schlafen?" fragt er im Flüsterton den aufgewachten Kranken. «Nein, mein Jnngchen"... Was ist denn hier überhaupt so Schreckliches? I denkt Mitka. Gar keine Ursache, den„Herrn" zu fürchten: er ist tot, er bewegt sich nicht»»ehr, kann nicht hierher kommen... Erst als der silberne Mond nicht mehr durch das Fenster blickte, und statt seiner ein schwacher Schimmer den anbrechenden Morgen verkündete, schlief Mitka ein... (Schluß folgt.) JMutsverwancltfcKaft. Von Dr. B. Lidsorst(Limb). (Schluß.) Von diesen Verhältnissen ausgehend hat der Engländer Nuttall ln den letzten Jahren nicht weniger als 900 Tiere auf ihr Blut untersucht und sich dabei als Hauptaufgabe gestellt, den Grad der zwischen Menschen und verschiedenen Affenarten existierenden Bluts- Verwandtschaft festzustellen, nachdem schon Uhlenhut und Wasser- mann diese Blutsverwandtschaft überhaupt nachgewiesen hatten. Die betreffenden Forscher hatten nämlich gefunden, daß das Blutserum eines Kaninchens, dem vorher Menschenblut eingespritzt war, einen deutlichen Niederschlag in A f f e n b l u t, aber in keiner anderen Blutart hervorrief. Aus Nuttalls Untersuchungen geht hervor, daß die Blutsverwandtschaft zwischen dem Menschen und den am höchsten stehenden Menschenaffen, dem Orang, dein Gorilla und dem Schimpansen eine sehr interne ist; die Neger Afrikas halten ja den Gorilla für einen wilden Menschen, der nur auS Furcht. zur Arbeit gezwungen zn werden, den Menschen stiehl und Stummheit simuliert. Erheblich schwächere Reaktion erhielt Nuttall mit dem Blute aus Hundaffen und Meerkatzen, und mit den Affen der neuen Welt wurde ebenso wenig wie mit den Halbaffen(Leniuriden) irgend welche deutliche Reaktion erhalten. Zwischen diesen und dem Menschen existiert aber keine nennenswerte Blutsverwandtschaft, während dagegen die Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Orang als sehr enge bezeichnet werden «rüffen. Eine intereffantc Anwendung der jetzt geschilderten Blutserum- Methode, die der Einfachheit halber oft die Präcipitinmcthode ge- uannt wird, hat Fricdcnlhal machen können, indem er in der Lage war, mit dieser Methode das Blut und den Fleischsaft eines Exemplars des vor Jahrtausenden ausgestorbenen MannnuttiereS zu untersuchen. Bon allen gegenwärtig lebenden Tieren, die Friedenthal uuter- suchen konnte, war der indische Elefant daS einzige, das wirkliche Blutsverwandtschaft mit dem Mammut aufwies. Hingegen mistlangen die Versuche, als Friedenthal mit dieser Methode Menschen« blut in ägyptischen Mumien nachweisen wollte; das in dem sibiri« scheu Eise eingefrorene Mammut befand sich offenbar infolge de» konservierenden Einwirkung der Kälte in einem erheblich besseren Zustande als die alten Herren auS Aegypten. Die neuesten und von gewissen Gesichtspunkten auS inter- effantesten Entdeckungen auf diesem Gebiete sind erst unlängst von einem Teilnehmer an der deutschen Syphilisexpedition, Dr. Karl Bruck, veröffentlicht worden. Dieser hat teils die Er- fahrungen Nuttalls in bezug auf die Blutsverwandtschaft zwischen Menschen und Affen bestätigt und dabei u. a. gefunden, daß bei Abstand zwischen Menschen und Orang etwas geringer ist, als der Abstand zwischen dem letzteren und einigen sonst nahe verwandten Menschenaffen. Bruck ist indessen weiter gegangen und hat auch untersucht, ob man mit Hilfe der biologischen Blutserummethode irgendwelche Unterschiede zwischen den verschiedenen Menschenrasse»! nachweisen könne. Durch Verwendung äußerst verfeinerter Methoden, die den Nachioeis von tierischem Eiweiß in einer Verdünnung von 1: 1 000 000 ermöglichen, ist e-s auch Bruck gelungen. bestimmt» Differenzen in: Blute der verschiedenen Menschenrassen nachzuweisen, und in dieser Weise der vielfach unsicheren und tastenden Rassen- biologie ein neues Feld zu eröffnen. Die von Bruck untersuchten Individuen waren teils Holländer (sieben Soldaten, in Batavia geboren), teils Chinesen(fünf Stück, in China oder Batavia geboren), teils möglichst„reine" Malayen (sechs, in Zentral-Sumatra geboren). Untersucht wurden außerdem einige Malayen, die wahrscheinlich etwas Hindublut besaßen, und ein Araber. Das Resultat dieser Untersuchungen kann in Kürze so formuliert werden, daß das Blut der Europäer Eiweiststoffe enthält, die von etwas komplizierterem Bau sind als die Blnteiweiste der Chinesen und Malayen, während dagegen die Chinesen in dieser Hinsicht unter den Europäern, aber über den Malayen stehen. Die Sache ivird vielleicht etlvas deutlicher, wenn wir uns daran erinnern, daß die Eiweiststoffe aus fünf verschiedenen Grundstoffen bestehen(Kohlenstoff, Sauerstoff. Wasserstoff, Stickstoff und Schwefel), deren Atome sich in großen Gruppen zu einem Eiwcißmolekül— etlva Ivie die Ziegelsteine in einem Groststadthaus— zusammengefügt haben. Aber obschon ein derartiges Eiweißmolekül rund ebenso viel Atome ent- hält, wie in einer hellen Nackt Sterne am Himmel zu sehen sind, so ist es dock nur so klein, daß eS in millionsten Teilen des Milli- meters gemessen wird. Wenden wir nun auf die Eiweistmoleküle des Blutes daS Bild vom Groststadthause an, und lassen wir die Ziegelsteine Atome und die verschiedenen Etagen Atomkomplexe dar- stellen, so können wir sagen, daß die Eiweißmoleküle im Blute der Holländer sänttliche Etagen des Chinesen« und MalayeneiweißeS enthält, aber außerdem noch eine Etage, die den beide» letzteren Rassen fehlt. Ebenso enthalten die Eiwcißmolekllle des Chinescnblutes samt- liche Etagen des MalayeneiweißeS, aber dazu noch feine, die den Malayen abgeht, bei den Europäern also vorhanden ist. Die Javaner mit Hindu-Beimischung standen den Europäern ziemlich nahe, und das näniliche gilt auch voin Araber, der eine mittlere Stellung zwischen Europäer und Chinesen einnahm. Es lästt sich nicht leugnen, daß diese Entdeckungen nicht nur für die Anthropologie, fondern auch für unsere ganze Auffassung vom Menschengeschlecht das allergrößte Interesse besitzen, lvenn auch zugegeben werden muß, daß die Unternehmungen Brucks vorläufig nur als eine Pionierarbeit zu bezeichnen sind. Daß indessen die biologische Blutserumforschung auf einer soliden und allgemeingültigen Grundlage beruht, geht unter anderem daraus hervor, daß man in den letzten Jahren ihre Prinzipien und Methodik auch auf dem botanischen Gebiete mit Erfolg hat verwenden können. Friedemhal — derselbe Forscher, der die Blutverwandtschaft zwischen Mammut und indischem Elefanten nachwies— hat sich nämlich mit einem Berliner Botaniker. Dr. W. Magnus assoziiert, mid die beiden Forscher haben dann gemeinsam Resultate erzielt, die sicherstellen, daß auch die Verwandtschaftsverhältnisse der Pflanzen mit Hilfe der Blutserummethode erforscht werden können. So hat man z. B. schon, indem man Kaninchen mit dem ausgepreßten Safte von der Hefe, der Trüffel und dem Champignon injizierte und nachher in der ge- wöhnlichen Weise verfuhr, nachweisen können, daß die Hefe und die Trüffel, trotz der großen äußeren Ver- schicdenheiten, doch mit einander verwandt sind, wogegen die Trüffel und der ChampigMn keine derartige Beziehungen aufweisen. Auch auf dem praktisch-botanischem Gebiete scheint die biologische Blutscrumforschnng nützliche Resultate zeitigen zu können, weil sie den Nachweis der Fälickung des Weizenmehls mit sogenanntem Caftormchl(ans der Pferdebohne), das in kleineren Ouantitäten nicht mikroskopisch erkannt Iverdcn kann, ermöglicht. Auch ist es nur eine Frage der Zeit, daß man mittels der Prücipitimnethode die Fälschung des Weizenmehls mit Mais oder Gerste durchaus sicher nachweisen kann, wie man schon jetzt mit dieser Methode Menschenblut in einem jahrelang eingetrockneten Schmutzfleck eut- decken kann. So stehen lvir denn wieder vor einer der vielen lieberem- stimmnngcn, die uns daran erinnern, daß lvir alle, mögen wir nun Mensch, Tier oder Pflanze sein, denselben Gesetzen gehorchen, die wir aus dem Schöße derselben schaffenden Allnatur hervorgegangen sind und weil cS dieselbe eiweistarrige Substanz ist, die in wechselnden Formen bei uns allen der Träger des Lebens ist Der Kampf um den Südpol -- Die Meldung von der Rückkehr der antarktischen Expedition des Leutnant Shackleton, 1 er bis zu 88 Grad 23 Miauten vorgedrungen ist. während er nach einem ersten Bericht sogar den Südpol entdeckt haben sollte, bedeutet eine wichtige Etappe in dem Kamps um den Südpol, der später begonnen und nicht mit gleicher Lebhaftigkeit geführt wie der um den Nordpol, nun doch eher die Erreichung des sehnlichst erstrebten Zieles zu gewähren scheint. Die Länder um den Nordpol boten, immerhin spärlich bevölkert und von Amerika und Eurasien eng umschlossen, noch eine günstigere Aussicht auf Erfolg als die unbewohnte, von gewaltigen Eisbergen startende Wasserwüste der Südpolarregion. Der Gedanke eines ,.unl>ekannten Südlandes", jenes antarktischen Kontinents, mit dem sich die Forschung und noch mehr die Phantasie so viel beschäftigt, veranlasste 1772 den Weltumscgler C oo k, zum erstenmal eine Expedition nach den Südpolarländern auszurüsten; bis 70 Grad 15 Minuten südlicher Breite drang er vor und glaubte nach seinen Erfahrungen, da er nirgends auf Land stieß, den einheitlichen Südkontinent ins Reich der Fabel verweisen zu können. Fast ein halbes Jahrhundert später erst setzte der russische Seemann Fabian Gottlieb von Bellingshausen die Forschungen, die man nach Cooks Resultaten ganz aufgegeben hatte, weiter fort, wieder- holte in den Jahren 1819—1821 Cooks Fahrt und erreichte zwar keine so hohen Breiten, sah aber dafür Land, so daß die Idee von dem unbekannten Südkontinent wieder auflebte. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten folgte nun die Entdeckung einzelner Ei- länder durch Walfischfänger, die diese Gebiete nach ihren eigenen Rainen Biseoe-, Kemp- und Balleney-Jnseln und nach dem Namen der Londoner Firma, in deren Diensten sie standen, Enderbyinsel benannten. Der Walfischfänger James W e d d e l l drang sogar ehne Hindernis bis zu 74 Grad 15 Minuten südlicher Breite vor und nun wurde erst das Interesse an der Südpolarforschung er- weckt, nachdem auch Alexander von Humboldt und der Mathe- matiter Gautz auf die Wichtigkeit erdmagnetischer Untersuchungen in dieser entlegenen Region hingewiesen hatten. Die verschiedenen Expeditionen, die der Franzose Dumont d'Urville und der Amrikancr Charles Wilkes ziemlich gleichzeitig unternahmen, waren nur von geringem Erfolge begleitet; beide ent- deckten im Süden von Australien ununterbrochen Land, dessen Existenz der einct dem anderen bestritt, führten erregte Debatten xilier den antarktischen Kontinent, den sie beide entdeckt zu haben glaubten, aber über dessen Ausdehnung ihre Meinungen weit aus- einander gingen, und schufen so noch mehr Unklarheit in diesen schwierigen Fragen. Einen grossen und entscheidenden Fortschritt brachten die drei kühnen Vorstöße des Engländers Sir James Clark Roß, der bis zu 78 Grad 9 Minuten 39 Sekunden süd- lichcr Breite kam. Er entdeckte zwei mächtige kegelförmige Vul- kaue, die er nach seinen Schissen ErebuS und Terror benannte, und durchforschte ein ganzes grosses Landgebiet, dem er den Namen Aiktoria-Land gab. Seine Expeditionen brachten auch sonst reiche wissenschaftliche Ausbeute, treffliche erdmagnetische, erdphystkalische und meteorologische Beobachtungen, die ersten Tiefseelotungen in der Antarktis und den durch Anwendung der Schleppnetzfischerei erlangten Nachweis, dass in den Tiefen des südlichen Eismeeres lebende Korallen existieren. Nach seinen Erfolgen aber erlahmte wieder das Interesse an der Südpolarforschung und auch die dreißig Fahre später unternommene Expedition des Deutschen D a l l m a n n(1873) wußte dem Südpol nicht die Aufmerksam- keit zu verschaffen, die man dem Nordpol in so reichem Maße zu- tvandte. Erst seit den neunziger Jahren erwachte ein reger Weit- streit unter den Nationen, auch die Rätsel der Antarktis zu lösen und bis zum Südpol vorzudringen. Eine ununterbrochene Kette großartiger und wissenschaftlich wertvoller Forscherfahrten schloß sich aneinander, als deren letztes, erfolgreiches Glied die Expedition des Leutnant Shackleton erscheint. Schon seit 1882 bis 1883 be- standen zwei Beobachtungsstationen in den Südpolarländern, eine deutsche in Süd-Georgien und eine französische auf Kap Horn. Aus dem deutschen Gcographentage von 1895 wurde die Wichtig- keit der antarktischen Probleme betont und eine deutsche Kom- Mission für_ Südpolarforschung eingesetzt. Der Norweger Borchgrcvink bclvcrkstclligte zum erstenmal die Landung auf antarktischem Festland und die belgische Expedition unter Leitung des Schisssleutnant de Gerlache verbrachte zuerst den Winter 4899-1999 unter 79 Grad südlicher Breite. Diese Uebcrwinterung, sowie die 1899-1999 durchgeführte BorPgrevinks zeitigten reiche, wissenschaftliche Resultate über Klima und Bodengeswlt des Süd- Polargebictes. In den Jahren 1991 und 1992 gingen vier Expe» ditionen aus, die deutsche„Gaus"-Expedition unter Drhgalski, die das Kaiser Wilhelm ll.-Land entdeckte und die ersten großen Schlittenrcisen unternahm, die schottische antarktische Expedition der Scotia, die schwedische unter der Leitung von Otto Norden- s k i ö l d, die bei ihrer U-berwinterung von besonders schweren Schicksalen heimgesucht wurde, und als vierte die englische Expe- dition unter Scott auf der„Discovery", an der Shackleton teil nahm. Scott verbrachte mehr als zwei Jahre in der Antarktis und unternahm seine zwei großen denkwürdigen Schllttenreisen, wobei er aus der einen bis 82 Grad 17 Minuten gelangte und auf der anderen ein unbekanntes Land entdeckte, das er nach Eduard VII. taufte. Nach Süden hin drang er bis zu einer kangen Bergkette bor, deren höchsten Berg bon etwa 19 909 Fuß er Mount Longstaff nannte. An dieser wichtigen Reise, deren Resultate in einem zweibändigen prächtigen Werk 1995 veröffentlicht wurden, hatte Shackleton bedeutsamen Anteil gehabt; auf ihren Erfahrungen und Ergebnissen baute er seinen Plan auf, den er nun anscheinend so glücklich durchgeführt hat. Er beabsichtigte für die Schlittenrcise, die ihn zum Südpol führen sollte, ein sinnreich konstruiertes Automobil zu benutzen und außerdem statt de» Eskimohunde mandschurische Ponys zu ver- wenden. Sein Schiff, der„Nimrod", sollte zunächst die Küste von Süd-Viktorialand verfolgen bis zu der bon Roß entdeckten großen Eiswand; den Ausgangspunkt für seine Schlitrenreise sollte das von Scott entdeckte König Eduard VlI.-Land bilden, wo ein Winterhalls errichtet werden sollte. Im Oktober wollte er die entscheidende Fahrt nach dem Pol beginnen und hoffte, nach lleberwindung der großen Bergkette in zehn bis zwölf Tagen den Pol zu erreichen. Im Januar 1909 meinte er wieder bei seinem Winterhaus dntreffen zu können und bei günstigem Gelingen im April in Neu-Seeland zu sein. Nun ist er früher, als er er- wartet, cingetrofsen, und er hat einen neuen glänzenden Rekord aufgestellt im Kampf um den Südpol. Kleines feuilleton. Medizinisches. D i e B e k ä mzp fung der Malaria in Italien hat ganz außerordentliche Erfolge zu verzeichnen, die der hervorragende Mediziner Professor Osler in einem besonderen Bericht an die „Times" hervorhebt. Sie sind das Werk der vor zehn Jahren be- gründeten Italienischen Gesellschaft für das Studium der Malaria. Diese Vereinigung hat in rühmlichster Weise gezeigt, was selbst unter ungünstigen Verhältnissen durch angestrengte Tätigkeit in der Bekämpfung einer Krankheit geleistet werden kann, wenn die Wissenschaft erst die nötige Grundlage geliefert hat. Die Be- mühungen der Gesellschaft haben sich in drei Richtungen bewährt. Einmal hat sie die Regierung des Landes dazu veranlaßt, Chinin an die ärmere Bevölkerung umsonst zu verteilen. Ferner hat sie umfassende und gründliche Versuche anstellen lassen, um das Chinin in einer uiöglichst angenehmen Form herzustellen, damit dem Volk die Abneigung gegen dies wichtige Medikament benommen> verde. Endlich hat sie Maßnahmen zur Durchführung gebracht, um die Wohnungen und den einzelnen Menschen vor den Mückenstichen zu schützen, die, wie man seit einigen Jahren weiß, bei der Ueber- tragung der Malaria bei den Menschen in erster Linie die Ver- antwortung tragen. Der Erfolg läßt sich am besten und ein- drücklichsten in Zahlen veranschaulichen, denn man braucht wohl nichts weiter zu sagen, wenn die Statistik erweist, daß im Jahre 1902 in Italien noch 16 999 Menschen an der Malaria starben und im Fahre 1998 nur noch 4999, so daß also schon jetzt diesem Lande jährlich rund 12 999 Menschenleben gerettet werden. Da das Er- gebnis nach erst zehnjähriger Tätigkeit der Gesellschaft ein so glänzendes gewesen ist, läßt es sich außerdem erwarten, daß in nicht zu ferner Zeit die Malaria als Volkskrankheit aus Italien über- Haupt verschwunden sein wird. o Technisches. Riesendrehbänke. Eine der Entwickelungslinien der modernen Technik zielt auf die Vergrößerung des„Formats" der Maschinen, baS sich bisweilen zu geradezu gigantischen Abmessungen steigert, wie dies bei Dampf- und sonstigen Kraftmaschinen mit immer wachsender Häufigkeit der Fall ist. Von zwei Riesen unter den Drehbänken berichtet nun die Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure. Die eine davon ist eine sogcnamtte Spitzendrchbank und soll zur Bearbeitung der Wellen und Räder großer Schiffs- dampfturbiiien dienen. Einen Begriff von der Riesenhaftigkeit der Maschine geben die Längen, die zur Bestimmung der Größe der zn be- arbeitenden Stücke dienen. Es ist dies die größte Spitzenweite in horizon- taler Richtung, die 17 Meter, und die grögte Spitzenhöhe, die 2,3 Meter beträgt. Der Antriebsmotor leistet 89 Pferdekräfte, während man die beiden früheren in Werkstätten üblichen Drehbankgrößen mit AntriebSleisiungen von nur'/a bis 3 Pferdestärken rechnete. Die zweite Drehbank ist eine sogenannte Karusseldrehbank. Die um eine senkrechte Achse drehbare Planscheibe ist horizontal gelagert und hat einen Durchmcffer von 11 Meter. Die horizontale Lagerung bietet den Vorteil, daß die Stücke zur Bearbeitung leichter auf die Maschine aufgebracht werden können und' daß sich die Scheibe unter ihrem ungeheuren Gelvicht nicht durchliegen kann, wodurch Ungenauigkeiten in der Drcharbeit vermieden werden. Die beiden Werkzeugträger find an einem senkrecht verstellbaren Ouerschlilten auch noch um eine Horizontalachse beweglich angebracht. Das Ge- samtgewicht dieses MaschinenkolosseS beträgt 390099 Kilogramm. Uebngens sind sehr große Drehbänke schon seit einiger Zeit kon- struiert, um z. B. in den Kruppschen Werkstätten zur Herstellung von Schiffspanzertürmen sowie beim Dynamomaschinenbau zur Bearbeitung der Polgehäuse der Wechselstrommaschincn Verwendung zu finden._ Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin, Druck w Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».Berlagsanstalt Paul Singer LiTo., Berlin 2 Vi.