Anterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 63. Mittwoch, den 7. April. 1903 lNa>tdruck becSfllen.) 67] Das tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g. „Berta!" rief aus der Stube Fräulein Haberkorns scharfe jstimme.„mit wem sprechen Sie denn da?" Berta drückte geschwind leise die Tür zu.„Ich?! Ich spreche mit mer selber!"-- Draußen war Frühling. Fräulein Habcrkorn schickte ihr Mädchen jeden Sonntagnachmittag in die Kirche, aber was nützte der die dadurch gewonnene Stunde?! Eine schläfrige Nachmittagspredigt anzuhören, fiel ihr nicht ein: allein herumzubummeln durch die sonntäglichen Straßen war eben- sowenig ein Vergnügen, man kam sich ganz verlassen vor, wie ausgestoßen. Alle Mädchen waren zum Vergnügen mit ihren Schätzen. Selbst Mine traf sie nicht daheim: mit Neschkes war sie böse— wohin sollte sie? Sie würde sich doch noch �einen" anschaffen müssen: aber selbst das würde ihr nichts nützen, mußte sie doch an ihrem freien Sonntag, ehe um zehn das Haus geschlossen wurde, wieder da sein. Darauf ging keiner ein: das lohnte ihm erst gar nicht. In zornigem Ingrimm ballte Berta die Hand, ihr Fuß trat heftig auf. Kündigen! Ja. kündigen, rasch! Man ver- düsterte hier ganz, scltsanie Gedanken suchten einen heim in dieser ewigen Einsamkeit. Oft schon hatte Berta in der ersten Wut vorgehabt, dem Fräulein den Dienst vor die Füße zu werfen: aber dann kamen wieder Stunden, in denen sie so müde war, so unglaublich müde und unlustig, daß es ihr vor allem neuen grauste. Wieder ein neuer Dienst, wieder eine neue Plackerei. Hier konnte sie wenigstens ungestört ihren Süßen nippen. Und sie nahm Schluck um Schluck, bis ihr Unbehagen eingelullt war. So kam es, doß sie doch immer wieder an dieser Stelle blieb. Heute, am Nachmittag eines wunderschönen Moisonn- tags, war Fräulein Haberkorn ausgegangen. Eine Dame war kürzlich dagewesen und hatte sie. die bekannte Wohltäterin, aufgefordert, an den Bestrebungen eines Vereins teilzu- nehmen, der es sich, unter anderem, zur Aufgabe machte, am Sonntagnachmittag alleinstehende junge Mädchen um sich zu versammeln und ihnen ein Heim und angenehme Unter- Haltung zu bieten. Ja, da paßte die gerade hin! Der reine Hohn!„Haha!" Berta lachte so gellend auf, daß die einsame Wohnung wider- hallte. Huh— ganz allein! Nicht mal ein Vogel war da. nicht mal ein kleiner Hund oder ein Kätzchen! Sie sah sich scheu um, und dann lief sie ans Fenster und lehnte sich weit hinaus. Aber waS sah sie in dem engen Hof?! Nichts wie rußige Wände und oben drüber ein ganz kleines Stückchen Himmel. Kein Mensch erschien auf dem Hof, an all den Küchepfenstern zeigte sich kein Gesicht; sie waren ja alle, alle aus und ge- nossen den Sonntag. Wenn sie doch wenigstens hätte auf die Straße sehen können. Aber Fräulein Haberkorn hatte die Vorderzimmer zugeschlossen. Auch das nicht mal! Und das Wetter war so herrlich! Der Sonnenstrahl, der sich durchs winklige Fenster des Berliner Zimmers stahl, glänzte wie lauteres Gold; das Stückchen Himmel, das Berta sehen konnte, war tiefblau. Oh — noch nie hatte sie eine solche Gier gehabt nach Luft, Luft, Freiheit. Lustigkeit! Wie eine Wilde lief sie vom Zimmer in die Küche und wieder aus der Küche ins Zimmer. Sie reckte die Arme über den Kopf und dehnte sich, und dann stieß sie Schreie aus. laute Schreie— sie wollte auch lustig sein, immer lustig, warum sollte sie nicht lustig sein?! Etwas hören, wenn's auch nur die eigene Stimme war! Aber die eigene Stimme erschreckte sie: zusammenschauernd schwieg sie und kauerte sich auf einem Stuhl zusammen. Doch nicht auf dem Stuhl am Fenster— dann schon lieber gar nichts sehen als das bißchen, das nur die Sehnsucht weckt und doch »ncht befriedigt.— nein, auf dem Plätzchen am Ofen, im Winkel. Da saß sie lange, scheinbar wie ein Hase mit offenen Augen schlafend. Dann� nach einem endlosen Gähnen, sprang sie plötzlich auf und fing das ruhelose Umherwandern wieder an, und bes dem Unihcrwandern stöberte ihr rastloser Blick bald hier, bald dort. Viel war ja auch nicht zu sehen, sie kannte alles längst. aber da— da hatte ja die Haberkorn den Schlüssel stecken fassen zur Mittelschublade des Zylinderbureaus! Eins, zwei, drei— da saß sie auch schon davor. Wie intcr» cssant! Ihre Finger wühlten in den Papieren. Zum Lachen, die Alte hob sich alle Rechnungen auf, von Gott weiß wann! Und da waren Quittungen und da Schuldscheine und da Kurs- zettelt Und da eine Pappschachtel mit lauter Kupferpfennigen und da eine mit lauter Zwandzigpfennigstücken! Wie Fisch- schuppen glänzten die winzigen Dinger. Wer doch auch so recht viele davon hätte! Die waren auch gutes Geld. Wohl- gefällig ließ Berta die Silberschuppen von einer Hand in die andere gleiten. Sie saß einmal wieder ganz auf dem Trocknen: wer sollte denn auch mit dem bißchen Lohn auskommen?? Von dem Süßen kostete die große Flasche eine Mark und fünfundzwanzig Pfennige: eine kleine lohnte es sich erst gar nicht heraufzuholen. Sie konnte den Blick nicht von den Silberschuppen wenden, es mußten ihrer eine Unmasse in die Pappschachtel gehen. Wieviel mochten es wohl sein? Sie fing an zu zählen, aus der Schachtel in ihre Hand, und aus der Hand in ihre Schürze. Ein ganz nettes Spielchen— da— draußen rappelte es an der Korridortür, ein Schlüssel wurde eingesteckt, jetzt herumgedreht! Die Alte! Da war sie schon. Berta hatte gerade noch so viel Zeit gehabt, die Münzen in die Schachtel zu werfen und den Schub zuzustoßen. Fräulein Haberkorn musterte das vor Ueberraschung rot gewordene Mädchen: sie schien erstaunt, Berta in der Stube zu finden. Argwöhnisch durchsuchte ihr Blick das Zimmer— jetzt blieb er auf dem Zylinderbureau haften— der Schlüssel steckte! Ihre Pupillen erweiterten sich, mit dem Ausdruck ängstlichen Mißtrauens fuhren ihre Augen vom Schreibtisch zu dem Mädchen und wieder von diesem zum Schreibtisch. Aber sie sagte nichts. Am anderen Nachmittag bot sie Berta mit unaewohntcr Freundlichkeit an, die gute Luft zu genießen und mit einigen kleinen Besorgungen einen Spaziergang zu verbinden. Berta griff zu, sie hatte ein wahnsinniges Verlangen, jemanden zu sprechen: Mine würde sie wohl kaum antreffen, aber vielleicht war wenigstens Fridchcn dahcrm! Als sie schon die Straße zu Ende gegangen war und ein Weilchen vor einem Schaufenster getrödelt hatte, fiel chr.ein, sie hätte doch gleich die leere Flasche vom Süßen mit herunter- nehmen und sich drüben beim Destillateur an der Kirchbadh- straßenecke neu füllen lassen können. Diese alte Bekanntschaft hatte sie längst wieder aufgefrischt aber es kam immer nur zu ein paar flüchtigen, abgestohlenen Worten; heute würde sie ordentlich Zeit haben, vorm Schenktisch zu ständern und den Tust einzuziehen, den sie so sehr liebte. Nasch kehrte sie noch einmal um und schlüpfte die Treppe herauf. Geräuschlos schloß sie die Küchentür auf— daß nur dix Haberkorn nichts hörte! Mit offenem Munde, wie angewurzelt blieb sie stehen. Ein Blick genügte. Die Tür. die von der Küche in ihr 5kämmerchcn führte. stand halb offen, durch den Spalt sah sie's: da kniete die Habcrkorn vor ihrem geöffneten Korb, kaum daß sie das Haus verlassen hatte, mußte die sich darüber hergestürzt haben, denn die Sachen waren schon teilweise herausgerissen und lagen auf dem Boden. Und die Alte wühlte und wühlte. Was machte die. was suchte die da?! Ein Wutschrei wollte sich Bertas Lippen entringen. Sie war doch keine Diebin, die sich visitieren lassen mußte— oho! In ihren Augen funkelte es auf; die Zähne zusammenbeißend, daß sie knirschten, ballte sie beide Hände zu Fäusten und schwang sie in der Luft. Sich auf die stürzen, die am Halse packen:„Was unterstehst Du Dich? Wart, ich werd' Dich lehren! Wart. Du!" Eine furchtbare Drohung lag in Bertas Haltung, ein wildes Flackern war in ihren Augen, ihr tief erbleichtes Ge- ficht verzerrte sich— draufzu, die packen! Aber jetzt sanken ihr die Arme, wie in plötzlicher Lab- mung, herunter: ihre Augen verloren allen Glanz, ihre sich aufbäumende Gestalt wurde schlapp, alle Energie schien ge- wichen. Wozu denn alles? Sie bekam ja doch kein Recht. — 270— Satte die Frau im Chanibregarnie ihr reicht gegeben?'Hatte damals Frau Selinaer ihr geglaubt? Nein, niemand i Und wenn-!ie die da packte und behandelte, wie sie's verdiente—?! Nein, nein— mutlos senkte sich ihr Kopf.-- Recht würde sie auch nicht bekommen. Einen Augenblick noch stand sie zögernd, finster sinnend. dann schlüpfte sie wieder hinaus, so geräuschlos wie sie ge- kommen. Von nun an gingen Herrin und Dienerin umeinander herum wie zwei tückische Hunde, die sich, niit eingekniffenem Schwanz, umschleichen, anscheinend friedlich, Wischeinend Harm- los und doch immer einer vor dem anderen aus der Hut. Berta veränderte sich von Tag zu Tag mehr. Nichts von der früheren Anmut war mehr in ihren Bewegungen. Sie schlorrt.- daher, als sei ihr alles zu viel, jegliches Tun zu mühsam. Ihr Blick war matt, oft ganz verglast. Ihr, die sonst hundertmal Lärm geschlagen und ihre Zunge flink ge- rührt hätte, bei all dem, was ihr nicht patzte, versagte jetzt das Wort. Das Schweigen um sie her, mächtig das ewige Einerlei der Tage beherrrschcnd, drückte auch ihr den Mund zu. Tie Lautlosigkeit kam aus den Ecken aus sie zugekrochen, legte ihr die schweren Tatzen auf die Schultern und drückte sie nieder. Eine grenzenlose Hoffnungslosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt. Es konnte ja nie besser werden I Auch nie anders: ob in dieser Stelle oder jener, immer die gleiche, freichen- arme Aussichtslosigkeit! Immer tiefer, tiefer sank, wie ein unentrinnbares Netz. tfnc Lethargie übex. sie, aus der es kein Aufraffen gab. Selbst im Schlaf holte sie sich keine Frische. Da träumte Sie von Fräulein Haberkorn: die war stärker als sie. Die >eugte sich über das Bett mit ihrcin dürren Hals, ihre dünnen Lippen waren in eisigem Schiveigen geschlossen; sie streckte die Hand im schwarzen Glacehandschuh aus und legte sie ihr auf die Brust. Die Hand drückte wie ein Alp. Weg, wegl Die Schlafende stöhnte, rang nach Luft und stietz mit Händen und Fützen. Sie bäumte sich, sie wehrte sich, sie raing um ihr Leben— weg, tvegl Die schwarze Hand drückte noch immer— da— Berta packte zu und erwachte zugleich von dem langgezogenen Schrei, den sie ansstietz sFortsetzung folgt.) (NaKdruck B«loten.) Der f)ader zweier JVIirgoroder c] Größen. Von Nilolaus Gogol. Mos erhielt ein anderes Aussehen. Wenn Nachbars Hund auf de» Hof lief, wurde er mit Stöcken verjagt; die Kinder, die über den Zarin kletterten, kehrten heulend wieder um, die Herndchen in die Höhe haltend und mit den Spuren erhaltener Rutenstreiche; selbst das alte Weib beging, als Iwan Jwanowitsch sich über etwas be- fragen wollte, eine solche Unanständigkeit, daß Iwan Jwanotvitsch rn seiner Eigenschaft als musterhaft zartfühlender Mann ausspuckte «nd nur die Worte sprach:„Welch garstiges Weib, es ist schlimmer als der Herr!" Endlich stellte der vcrhatztc Nachbar als Gipfelpunkt der Bc- lcidigung gerade an dem Platze, wo man über den Zaun zu klettern pflegte, einen Gänsestall auf, um gleichsam absichtlich die zugefügte Kränkung zu wiederholen. Dieser für Iwan Jwanowitsch so wider- wärt ige Stall wurde mit satanischer Geschwindigkeit an einem Tage orbaut. Das regte dem Iwan Jwanowitsch die Galle auf und weckte in ihm den Durst nach Rache. Er zeigte übrigens keine Spur irgend einer Erbitterung, obgleich der Bau auch einen Teil seines Grundes und Bodens eingenommen hatte; aber das Herz schlug ihm so heftig, datz es ihm ungemein viel Mühe kostete, wenigstens äußerlich die Ruhe zu bewahren. So verbrachte er den Tag. Tie Nacht brach herein.... O, wenn ich ein Maler wäre, ich würde all den wunderbaren Reiz dieser Nacht darstellen I Ich würde darstellen, wie ganz Mirgorod in Schlaf versunken; wie die zahllosen Sterne unbeweglich auf dasselbe herab- blicken; wie das nahe und das ferne Bellen der Hunde die fast sichtbare Stille unterbricht, wie trotz alledem der verliebte Küster rnit ritterlichem Mut über einen Zaun klettert; wie die weißen Mauern der Häuser von den Mondstrahlcn beleuchtet größer er- scheinen, die sie beschattenden Bäume dunkler, der Schatten der kbäume gesättigter, die Blumen und Aräser wohlriechender und die Heimchen, die unermüdlichen Ritter der Rächt,, in allen Ecken und Enden vereint ihre schwirrenden Lieder zirpen. Ich würde dar- stellen, wie in einem dieser niedrigen Lehmhäuschen die sich auf ihrem einsamen Lager herumwälzende, schwarzäugige Städterin mit dem von Jugcndlust bebenden Busen von dem Schnurrbart und den Sporen eines Hufaren träumt, während der Mondschein auf ihren Wangen lacht. Ich würde darstellen, wie auf der weißen Landstraße der schwarze Schatten einer Fledermaus rasch vorbei- streicht und diese auf einem weißen Rauchfange sich niederläßt...« Aber kaum würde es mir gelingen, Iwan Jwanowitsch darzustellen« wie er mit einer Säge in der Hand heranschleicht. Wie mannig- fache Gefühle waren auf seinem Antlitz abgezeichnet! Leise, ganz jeise stahl er sich hervor und kroch unter den Gänsestall. Den Hunden des Jlvan Nikiforowirsch Ivar noch nichts vom Streite bekannt und sie gestatteten ihm daher als altem Freunde, sich dem Stalle zu nähern, der auf vier Eichenpfählcn sich wiegte. An den nächsten Pfahl herankricchend, setzte er die Säg? an und begann zu sägen. Das durch das Sägen verursachte Geräusch ließ ihn innehalten. Er blickte sich um. aber der Gedanke an die erlittene Schmach gab ihm den Mut wieder. Der erste Pfahl war durchsägt. Iwan Iwan?- witsch ging zum zweiten über. Seine Augen brannten und vor lauter Angst konnte er nichts sehen. Plötzlich schrie Iwan Jwano- witsch auf. Es zeigte sich ihm ein toter Mann; er faßte sich aber bald, denn er sah jetzt deutlich, daß es nur eine Gans war, die ihm ihren Hals entgegenstreckte. Iwan Jwanowitsch spuckte ärgerlich aus und fuhr mit seiner Arbeit fort. Der zweite Pfahl war unter- /ägt, der Bau schwankte. Das Herz begann Iwan Jwanowitsch so schrecklich zu klopfen, als er den dritten ansägte, daß er einige Male die Arbeit unterbrechen mußte. Mehr als die Hälfte des Pfeilers war schon durchsagt, als mit einem Male der breite Bau stark zu wanken begann.... Iwan Jwcrnotoitsch hatte kaum Zeit zurückzuspringen und der Gänsestall stürzte dröhnend zusammen. Er ergriff die Säge, lies in schrecklichem Entsetzen ins Haus und warf sich aufS Bett, ohne auch nur den Mut zu haben, durchs Fenster zu blicken, um die Folgen seiner furchtbaren Tat zu sehen. ES schien ihm, als sei der ganze Hof des Jlvan Nikiforowitsch ver» sammelt: das alte Weib, Iwan Nikiforowitsch, der Junge im end- losen Rocke, alle mit Keulen bewaffnet und angeführt von Agafia Fedossejewna, um sein HauS zu stürmen, zu verwüsten und zu zer, stören. Den folgenden Tag brachte Iwan Jwanowitsch im Fieber zu. Es kam ihm immer vor, als werde der verhaßte Nachbar, um sich zu rächen, ihm wenigstens das Haus anzünden. Er befahl daher Gapka, jeden Augenblick nachzusehen, ob man nicht irgendwo trockenes Stroh untergelegt habe. Endlich entschloß er sich, um Iwan Niki- sorowitsch zuvorzukommen, die Fische vor dem Netze zu sangen und gegen ihn eine Klage beim Mirgoroder Bezirksgericht einzureichen. Worin diese bestand, wird man aus dem nachfolgenden Kapitel «sehen. 4. Kapitel. lr Verfügung. Im Norden Europas und AstenS sind Kraniche mehr oder weniger ansässig, und diese find eS hauptsächlich, die deutsches Gebiet durchwandern. Die Herbstzüge zeigen die größere Anzahl der Züge und Individuen, und wenn sich diese im Laufe der Zeiten merklich lichteten, so werden dennoch hier Züge gesehen, die aus 255—355 Wanderern bestehen. Etwa drei Stunden vor und nach Mittag ist die HauplzugSzeit, in der die Flüge hinter einander folgen und— gehört tverden, denn sie werden wie mit Fanfaren laut angemeldet. Die Flugform eines Kranichzuges ist ein lateinisches(umgekehrtes) V, bei dem jedoch der eine Schenkel verlängert ist. wobei einer der stärksten Vögel an der Spitze des Fluges sich befindet, der von Zeit zu Zeit von einem anderen Vogel abgelöst wird. Eine rufende Stimme ertönt während des Fluges, wird von einer anderen beantwortet, und so immer in der Folge, gleichsam als Versicherung, daß der Zug in Reihe und Glied verblieben fei. Fährt der Wind zu rauh in den Zug. setzt er sich gleich einem Zirkel eng zusammen, oder er stockt, wenn Winde wehen, die in der Zielrichtung nicht liegen. Stockt der Zug aber, damit weitere, meist kleinere Kranich« züge aufgenommen werden sollen, dann so niedrig und nahe den Augen der Beobachter, daß diese die Augen derKraniche erkennen können. (Einmal von niir in einem Hochwalde 14 Kilometer nördlich von Berlin beobachtet.) Werden dabei die Luftreigen der Kraniche im allgemeinen sowie im einzelnen ausgeführt, so haben wir das schönste Flugbild vor uns, was Vögel darzustellen vermögen. Es sieht dabei auS, als gehorche die Masse einem Obersten, bald ist sie hier, bald dort, oben oder unten; endlich vereinigt und geordnet, geht die Wander» schar ununterbrochen ihrem Endziele zu. Die Hanptzüge der euro- päischen Kraniche gehen nicht über Griechenland; nur vereinzelt von den vielen Zügen längs der kleinasiatischen Küste nach dem afrika- nischen Süden. Längerer Aufenthalt wird in Griechenland, Italien nicht genommen, vielmehr das Mittelländische Meer rastlos über- quert. Indien und Südchina ist das Ziel der aus Sibirien ab« wandernden Kraniche. Der Umstand, daß man im Gefolge der wandernden Kraniche kleine Vögel, namentlich Lerchen, gefunden hat, gab zu der Fabel Veranlassung, daß dieselben auf dem Rücken ihrer großen Reise- geführten den weiten Weg auf eine bequemere Weise zurücklegten. Dennoch hat man in einem Fluge, den H. Seebohn über die Pyrenäen fliegen sah, einen Kranich, einen Wanderfalken und acht Gabelweihen gesehen.(.Die Vögel Sibiriens", 1951, S. 417.) Fliegen in unserem Gebiete Kraniche(oder Störche), dort nahe Adler oder Wanderfalken, und kreuzen sie sich im gegebenen Ziele, so werden beide Parteien sich nicht beachlen oder gar fürchten. Kraniche(oder Störche) haben keinen gefiederten Feind zu fürchten. Weiße und noch mehr schwarze Störche sind als Wandervögel gegenüber den Kranichen in großer Minderzahl. Da sie in unserem Gebier häufiger als brütende Kraniche vorhanden sind und als best» geeigneten Sammelplatz zur Abreise besonders die Spreewiesen südlich von Berlin benutzen, was schon vor 125 Jahren Buffon mit- geteilt hatte, so haben wir Gelegenheit, sie leicht beobachten zu können. Um Mitte August versammeln sich hier die Störche, in etwa vierzehn Tagen sind die Versammlungen urplötzlich aufgelöst. Sie klappern erregt, ebenso erregt durch und durch erscheint jeder einzelne; erheben sie sich, so ist der Abzug in wenigen Augenblicken und bei vollstem Schweigen vollzogen. Der Nordwind ist entscheidend für den Abzug geworden. Der Flug der Störche ist schwimmend, auf weite Strecken hin ohne jeglichen Flügelschlag, ausdauernd, rastlos; für uns ein Rätsel, voller Bewunderung. Nur Ivenige Tage liegen zwischen der Abreise von hier aus und der Einkehr unter de» Palmen des inneren, selbst des südlichen Afrika?. Ihr Flug gleicht einem Keile, der dann am dichtesten wird, wenn diesem Wind und Regen oder Hagel entgegen« stürmen. Schwarze Störche, deren Bestand bei uns ein recht geringer ist, versammeln sich zum Abzüge auf den höchsten Bäumen, und sollte dennoch im Abzüge eine Schar von zehn Vögeln gesehen werden, freue sich der Beobachter, die schönsten und seltensten Wanderer, die tropischen Juwelen gleichen, auch einmal gesehen zu haben. Man soll die Versuche der Deutschen Ornithologischen Gesell- schast in Berlin, Ring storche als Probereisende vorzubereiten, nicht übel deuten, wenn dabei ein einzelner Storch durch einen Unglück- lichen Zufall oder durch einen schießwütigen Menschen verloren ging, iveil er einen Ring trug. Bedenken lvir, daß die preußischen Ring- storche es waren, es auch ferner vermögen, die Wunder ihres Wander- zuges lösen zu helfen, ferner, daß das heutige Gesetz nicht einmal die Störche schützt. Unserem Volke, selbst den sogenannten barbarischen Völkern, gilt trotzdem der Storch als ein geheiligter Vogel. Die Reiher sind unter den hier genaiunen Arten die häusigsten Brutvögel, deren Wohngebiet nicht weit nördlich von Deutschland, am weitesten nord« und südwestlich reicht, denn es umschließt vier Erdteile. Ihre Wanderungen durch unser Land sind nicht von Be- deutung; sie überwintern bereits in Kroatien, noch mehr in den Balkan« staaten und in Griechenland, wohl die meisten in Unterägypten resp. südlich des Kospischen Meere?. Wer sie an ihren brandenbur�ischen Ständen beobachten will, der besuche die Seen der Duberow(Königs- Wusterhausen), bei Joachimslhal und Großkreuz, den Lehnitzsee (Oranienburg) etwa 555 Reiher sind sicherlich festzustellen. Im allgen, einen treffen Kraniche in Brandenburg ein um den 15., Reiher um den 25. März, Störche um den 1. April. Der Abzug im Herbst ist für Störche um den 24. August, für Reiher um den 15, für Kraniche um den 15. Oktober. Störche machen eine Ausnahme von der Regel, nach der uns diejenigen Vögel am frühesten ver- lassen, die an» spätesten bei nn? eintreffen. Nach den Temperatur- Verhältnissen, wie sie annähernd gegeben werden kann, erfolgt die Einwanderung der Kraniche Reiher Störche Maximaltemperatur... 7° 8° 10° Minimaltemperatur... 0° 1° 5° Die Abwanderung der Kraniche Reiher Störche Moximallemperatur... 25° 22° 26° Minimaltemperatur... 14° 16° 18° Dem Aufenthalt nach würde für Brandenburg eine Zeit vs-» 7 Monaten für Kraniche. C'/a Monate für Reiher, 4 Monate für Störche sein. Die Einwanderungen der drei Arten umschließen die Zeit der demnächst zu erwartenden resp. den Beginn der an- fänglich sporadischen Belaubimg unserer Bäume. II. H. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer örCo..Berlin Z1V.