Unlerhaltungsblatl des Worwärls Nr. 70. Freitag, den 9. April. 1909 (Nachdruck SeiBpte».), 69] Das tätliche Brot Roman von C. V i e b i g. „Haben Se ihr jesehn?!"- � „Ob ik ihr jesehn habe," sagte Frau Biixcnstein und wischte sich mit dein Taschentuch über das feiste Gesicht.„Ui je, dte Hitze I Ik stehe doch mit die Reschkeu sozusagen uf„du un du". Un ihr habe ik ufwachsen sehen. Ne, det arme Mädel, in de scheensten Jahre! Wer det jedacht hätte! Jesteru abend saß se noch hier!" Sie zeigte auf die oberste Stufe der Treppe, und alle wichen zurück und betrachteten interessiert das Plätzchen. „Hier war et. Da saß se noch jestern abend und schnappte en bißken Luft. Ne, det sollte mich eener jesagt haben!" „Elend genug sah se aus," rief ein hübsches rosiges Dienstmädchen,„wahrhaftig!" Sie schlug mit der Hand an den blendend weißen Schürzenlatz, der sich über ihren Busen spannte.„Haut un Knochen, man konnte bange vor ihr werden!" „Ich mochte ihr ganz jerne," sagte irgend jemand. „Ich auch!" „Ich auch!" „Bei uns kam se öfter!' „Oh, bei uns alle Tage!" „Mir hatte se besonders jerne," sagte die Büxenstein und wischte wieder mit dem Taschentuch.„Se war ja man en bißken maulfaul, aber mir machte se immer en Knix:„Tag, Frau Bllrenstein!" So'n jutet Mächen— ne, ik sage schon!" „Ich bin bloß neugierig." flüsterte die blasse, verhungerte Frau des Sargtischlers aus der Kirchbachstraße einer neben ihr Stehenden zu,„ob se bei meinen Mann den Sarg nehmen, oder ob se ihn den Verdienst vertragen nach ccns von die jroßen Majazine. Billiger kriegen se da ooch nischt; aber in'n Stande wären se dazu." Die Biixenstein hatte das Geflüster gehört.„Ne, wie Sie ooch sind, so happig," sagte sie mit einem strafenden Blick.„Die armen Leute, se is ja man kaum kalt! Jleich an so wat zu denken!" „Na. Sie habcn't ja ooch nich nötig," sagte giftig die Tischlerfrau.„Sie sehn schon, wo Se bleiben!" „Nanu?!" Die große Dicke stemmte die Arme unter und sah auf die kleine Magre herab.„Wollen Se Krach machen?!" Ein Zank schien unausbleiblich, aber die Neugier war mächtiger. Eins der Mädchen hatte es nicht mehr aushalten können und war in den Keller hinabgelaufen: nun drängten die anderen nach. Nur ja nicht einer den Vorrang lassen! Auch Frau Büxenstein kehrte noch einmal um. Das hastete und schob und quetschte sich die enge Treppe hinunter: jeder Fuß betrat die verräterische Stufe, und die verborgene Klingel lärmte und schrillte und keifte. Berta war den anderen nachgeschlichen. Wenn auch die Reschke böse mit ihr war, und sie selbst geschworen hatte, den Keller nicht mehr zu betreten— heute, jetzt, das war eine Ausnahme! Ihr Züngelchen leckte rasch übev' die röter ge- wordenen Lippen. Unten waren ein paar Körbe umgestoßen worden. Der halbdunkle Laden war gedrängt voll Menschen. Jetzt hüpfte auch noch Elli nach, hastig zwängte sie sich durch die nur an- gelehnte Tür der Wohnstube: sie wollte doch auch dabei sein. Innen erklang Frau Reschkes lautes Heulen. Außen die Teilnahmsvollen stießen sich an. „Se soll sich man nich so haben," flüsterte die Biixenstein. „Solange se lebte, konnte se ihr nich jut besehn. Nanu— na, na, man sachte!" Frau Reschke schien sich einem neuen Gefuhlsausbruch hingegeben zu haben, man hörte Mines Stimme, die ihr be- ruhigend zusprach....„ „Wo is denn der Olle?" fragte neugierig c,ns der Dienst- Mädchen.„Von dem hört man ja gar nischt!" � Ja, wo mochte Vater Reschke sein? Wie der's wohl nahm?! Nun war kein Halten mehr, die vordersten klopften an, die hintersten drängten nach: kaum das„Herein" ab- wartend, traten sie ein, eine ganze Prozession, mit den Mienen tiefster Beküimnernis. „Ne, Reschken, so'n Unjliick, so'n Unjlück!" „Det liebe Mädel, det allerliebste Mädel!" „Sagen Se bloß, wie konnte det so rasch kommen?!" -„Jotte doch, Jotte doch!" Allgemeines Seufzen und Händezusammenschlagen. Die. Mutter, die neben dem Gardinenbett gesessen hatte' kam den Eintretenden mit wankenden Schritten cntgegem Ihr Gesicht war aufgedunsen, die Augen nur noch Schlitzchen. Sie weinte immerfort, aber als sie die vielen Besucher sah» glitt doch ein Schimmer des Lächelns, mit dem sie Käufer zu begrüßen pflegte, über ihr verquollenes Gesicht. Man drückte ihr die Hände, man umringte sie und warf dabei forschende Blicke nach dem Gardinenbett. Da hatten sie sie hingelegt. „St, st!" Die Neugierigen schlichen auf den Zehenspitze!» näher. Der abgezehrte Körper Gretes zeichnete sich unter dem Leintuch ab, das man über ihn gebreitet. Das Köpfchen war zur Seite gesunken, die Wimpern der geschlossenen Lideö ruhten auf den bleichen Wangen, wie im sanften Schlummev „So haben wir ihr heute morjen in de Küche jefunden," schluchzte die Mutter.„Es muß ihr über Nacht überkommen haben: se war schonst kalt. Ik schickte Reschken noch rasch bei'n Dokter— allens umsonst! Jrete, Jrete, det's de uns ooch det antun konntst! Keenen Ton nich— jar nischt nich mehr— Jrete, Jrete!" Laut schreiend, warf sie sich über die Leiche. Der Alte, der in der Sofaecke saß, rührte sich nicht. „Mutter," sagte er,„Amalchen," und versuchte, aufzu» stehen. Aber die Füße versagten ihm den Dienst: er mußts sich auf die Schwiegertochter stützen, die ihn zun: Bett leitete Auf Mines Gesicht lag ein tiefer Ernst: sie hatte nicht geweint. Als sie jetzt Berta erblickte, nickte sie ihr traurig zu. Ein zweiter Blick streifte dann Fridchen, die auf dem Fuß- bänkchen saß und einen mit bunten Fetzen umwickelten Stiefel- knecht als Puppe im Arm wiegte. Rasch nahm Mine ihr Kind vom Boden auf und drückte es an die Brust. „For Grete is es so besser," flüsterte sie und schaute nach- denklich, mitleidsvoll auf die Tote. „Jrete, Jrete," schrie die Reschke und warf sich mit ihren! schweren Gewicht von neuem über das Bett. Sie ließ sich nicht halten von den Armen der teil- nehmenden Frauen, sie gebürdete sich wie eine Rasende. Alle waren tief ergriffen von solchem Schmerz: die Taschentücher wurden gezogen, man hörte weinen und schluchzen. „Bande," schrie plötzlich Lorchen, der Papagei, der auf seiner Stange vergessen im Winkel hockte. Und dann noch ein- mal, so gellend, daß die Trauernden zusammenschreckten: „Bande!" Das abscheuliche Tier! Mine warf rasch ein Tuch über den Käfig. Der alte Reschke stand ganz still mit ineinander- geschlungenen Händen, mit gekriimmteni Rücken, neben seiner Frau: er hatte sich herangeschleppt, um sie zu trösten, nun wußte er nicht, was er sagen sollte. Verlegen blickte er au! sie, verlegen blickte er in die Runde. Sie hatten sich alle dicht herangedrängt. Elli schlüpfte zwischen den Eltern durch und stand nun nächst dem Bett. Sie war sehr blaß geworden und zitterte beim Anblick des wachsbleichen Gesichtes und riß doch di? Augen llberweit auf. „Bringt man Ellin weg," flüsterte irgend jemand. Frau Reschke hatte es gehört.„Ne, ne," schrie sie auf. „meine eenzigte Dochter!" Riß die Kleine an sich, die sich wie ein flatterndes Vögelchen in dieser Umschlingung sträubte� und küßte sie ab. „Meine eenzigte Dochterl Meine klcene Elli! Mein eenzigtet Jlück!" „Reschken, regen Se sich doch nich so uf," sagte die Büxen» stein.„Kommen Se, stehn Se man uf!" Viele hilfsbereite Arme zogen die verzweifelte Mutter in die Höhe. Den Kopf an die Schulter der Freundin gelehnt. Elli fest an der Hand haltend, wankte die Reschke durch die Stube. »So, so. Kommen Se zu sich," redete die Biixenstein „Kommen Se man en bißkcn raus hier, Reschken, se?cn Se doch verständig! Schnappen Se man Luft, jenießen Se man en Happen, Se haben jewiß noch nischt in'n Leibe! So." Mit einem Seufzer der Befriedigung fchob sie die Wankende in den Laden. Ter ganze Schwärm drängte hinterdrein. Hier war die Luft besser, nicht ganz so dumpf von der offenen Blaulackierten her zog es. Frau Reschke war auf die umgestülpte Tonne gesunken. Angesichts ihres Ladentisches kam sie allmählich wieder zu sich. Sie fand Worte. Es erleichterte sie, umständlich zu erzählen, nur von dem „Ach" und„Oh" des interessierten Zuhörerkreises unter- krochen. Was Grete gestern noch getan, was sie gegessen, was sie gesprochen, wie sie heute morgen auf dem Küchentischbett ge- legen— alles wurde berichtet. „lln ik sehe nach Küche, Uhrer sechs, halb sieben �— un ik will Kaffeswasser ufsetzen— se schläft noch. Un ik sehe ihr an; soville ik bei de schlechte Beleuchtung sehen kann: so komisch! Un ik rufe ihr an:„Na, Jretc?!" Un ik fasse ihr bei de Hand:„Wat is dich denn schonst wieder? Jretel"— ---- Janz kalt.------ Wenn ik det geahnt hätte! Ik hätte ihr ja allens, allcns zuliebe jetan!" � Tie Mutter brach wieder in erneutes, heftiges Schluchzen gus und verbarg das Gesicht in dem durchnäßten Taschentuch. „Tranrig, traurig," seufzten die Zuhörer. (Fortsetzung folgt.) (Nachdrock berbolen.) Der Dadev zweier JVIirgoroder tj Größen. Von Nikolaus Gogol, „Geschrieben und verfaßt vom Edelmanns und Mirgorodcr Grundherrn Iwan, Sohn des Iwan Pererepenko." Nach der Verlesung des Bittgesuches näherte sich der Richter dem Iwan Jwanowitsch, ergriff einen Rockknopf und begann also: „Was fällt Euch ein, Iwan Jwanowitsch? Fürchtet Gott! werft die Bittschrift hin, möge sie der Teufel holen! Reicht Euch lieber die Hände und küßt Euch; dann kauft einen Santuriner, oder Nikopolsker Wein, oder tischt uns einfach einen guten Punsch auf und ladet mich ein: Wir trinken Eure und Iwan Nikiforowitschs Gesundheit und alles ist vergessen!" „Nein, Damian Tamianowitsch! das ist keine Sache," sprach Iwan Jwanowitsch mit einer Gravität, die ihn sehr gut kleidete; —„die freundschaftlich durch ein Schiedsgericht beigelegt werden könnte! Leben Sie wohll Ich empfehle mich, meine Herren!" fuhr er mit derselben Gravität fort, sich allen zuwendend.„Ich hoffe, daß mein Bittgesuch den gebührenden Erfolg haben werde," schloß er und ging, alle Anwesenden in Erstaunen zurücklassend. Der Richter saß da, ohne ein Wort hervorbringen zu können; der Sekretär nahm eine Prise; die Kanzlisten warfen den Flaschen- scherben um, der als Tintenfaß diente, und der Richter selbst zog aus Zerstreuung aus dem Tintenmecr lange Striche mit dem Finger über den Tisch. „Was sagt Ihr dazu. Dorotheus Trofinowitsch?" fragte der Richter, sich nach einer Pause an den Unterrichtcr wendend. „Ich sage gar nichts," erwiderte der Unterrichter. „WaS für Tinge sich doch ereignen können I" fuhr der Richter fort. Er hatte aber diese Worte kaum ausgesprochen, als die Tür knarrte und die vordere Hälfte des Iwan Ztikiforowitsch im Gc- richtssaal zum Vorschein kam, die zweite Hälfte war noch im Bor- zimmer zurückgeblieben. Das Erscheinen des Iwan Nikiforowitsch im Gerichtssaal war etwas so ungewöhnliches, daß der Richter auf- schrie, der Sekretär seine wieder begonnene Vorlesung unterbrach, ein Kanzlist, der einen Halbfrack aus Fries trug, die Feder in den Mund nahm und der andere eine Fliege verschluckte; selbst der den Dienst eines Feldjägers und Wächters bekleidende Invalide, der in seinem schmutzigen geflickten Hemde sich kratzend an der Tür stand, sperrte den Mund auf und trat jemandem auf den Fuß. „Durch welche Schicksalsfügung? Ist's möglich? Wie steht's Mit dem Befinden, Iwan Nikiforowitsch?" Iwan Nikiforowitsch schwebte aber zwischen Leben und Tod, denn er war in der Tür stecken geblieben und konnte weder einen Schritt vorwärts noch rückwärts tun. Vergebens schrie oer Richter ins Vorzimmer hinein, daß jemand, von den sich dort befindenden Personen den Iwan Nikiforowitsch von hinten in den Gerichtssaal schieben möge. Im Vorzimmer befand sich aber nur eine alte Vitt- steller, n, die trotz der angewandten Kraft ihrer knochigen Arme nichts ausrichten konnte. Darauf näherte sich ein Kanzlist mit fetten Lippen, breiten Schultern, einer dicken Nase, schielenden Säuferaugen und zerrisicncn Ellenbogen der vorderen Hälfte des Iwan Nikiforowitsch, legte ihm beide Arme übers Kreuz wie einem Kinde und winkte dem Invaliden, der sich mit seinen Knieen auf den Schmerbauch des Iwan Nikiforowitsch stützte, so daß dieser der Art trotz seines jämmerlichen Stöhncns wieder ins Vorzimmer! gedrängt würde. Darauf wurden die Riegel zurückgeschoben und die zweite Türhälfte geöffnet, bei welcher Gelegenheit der Kanzlist und sein Gehilfe, der Invalide, infolge des starken Atemholens bei ihren vereinten Anstrengungen einen so starken Geruch verbreiteten, daß der Gerichtssaal für einige Zeit in eine Schenkstube verwandelt zu sein schien. „Haben Sic sich nicht irgendwo gequetscht, Iwan Nikiforowitsch� Meine Mutter schickt Ihnen eine Tinktur, die brauchen Sie nur einmal im Kreuze und am Rücken einzureiben, und es ist alles wie weggeblasen.", Iwan Nikiforowitsch war unterdessen auf den Stuhl gefallen, daß dieser krachte und konnte außer langgezogenen Achs und Ohs kein Wort hervorbringen. Endlich sprach er mit schwacher, vor Erz mattung kaum hörbarer Stimme: „Sie erlauben wohl?"— und setzte, die Horndose aus des Tasche ziehend, hinzu:„Ich bitte, Sie verpflichten mich!" „Es freut mich, Sie hier zu sehen," erwidert� der Nichter, „aber ich kann mir noch immer nicht vorstellen, was Sie bestimmen konnte, einen so beschwerlichen Weg zu machen und uns diese an., genehme lleberraschung zu bereiten.". „Mit einer Bitte... konnte Iwan Nikiforowitsch nur her« vorbringen. „Mit einer Bitte? Und die wäre?" „Mit einer Beschwerde..."(hier zwang ihn die Kurzatmig- keit zu einer längeren Pause).„Ach!... mit einer Beschwerde ..... gegen einen Bösewicht.... gegen Iwan Jwanowitsch Pererepenko." „Herr mein Gott! Also auch Ihrl Solche seltene Freunde! Eine Beschwerde gegen einen so tugendhaften Mannt..." „Er— er ist der leibhaftige Satan!" brachte er abgebrochen heraus. Der Richter bekreuzte sich. „Nehmt und lest. Hier ist die Klagschrist." „Da bleibt nichts übrig, lest, Taraß Tichonowitsch," sagte der Richter, sich mit einer mißvergnügte» Miene an den Sekretär wendend, während seine Nase unwillkürlich von der Oberlippe schnupfte, tvas sonst nur zum Zeichen besonderer Behaglichkeit gc-> schah. Diese Autonomie der Nase vermehrte noch den Verdruß des Richters, er zog das Sacktuch hervor und fegte von der Oberlippe jede Spur von Tabak, um die Eigenmächtigkeit der Nase gebührend zu strafen.< Nach dem gewöhnlichen Eingange einer jeden Vorlesung, wo- bei ein Schnupftuch als unnötig sich herausstellte, begann der Sekrc- tär mit der immer gleich eintönigen Stimme wie folgt: „Es bittet der Edelmann des Mirgoroder Bezirks, Iwan, Sohn des Nitifor Tawgoschtschin, wie aus folgenden Punkten zu ersehen: t)„Bei seiner feindseligen Bosheit und offenbaren Mißgunst fügt mir der sich Edelmann nennende Iwan, Sohn des Iwan Pererepenko durch seine boshaften und Schrecken erregenden Hand-, lungcn allen möglichen Schaden und jedwedes Unheil zu. Gestern mitten in der Nacht schlich er sich wie ein Räuber und Dieb mit Aexten, Sägen, Meißeln und anderen Schlosierwerkzeugen in meinen Hos ein und hat den in selbem befindlichen mir eigentüm- lich gehörigen Stall eigenhändig auf eine schmähliche Weise zu- sammengehauen, ohne daß ich meinerseits zu einem solchen gesetz- widrigen und räuberischen Verfahren irgendwelche Veranlassung gegeben hätte.< 2)„Dieser Edelmann Pererepenko hat sich gegen mein Leben verschworen und hielt bis zum siebenten vorigen Monats dieses Vorhaben geheim. An diesem Tage kam er zu mir und begann in freundschaftlicher und listiger Weise bei mir eine Flinte sich aus, zubilten, die sich in meinem Zimmer befand. Er trug mir für dieselbe mit der ihm eigenen Knauserei unbedeutende Dinge an, als da sind: eine schwarzbraune Sau und zwei Metze» Hafer. Sein verbrecherisches Vorhaben ahnend, suchte ich ihn auf alle mögliche Weise davon abzubringen, aber dieser Bösewicht und Spitz- bube beschimpfte mich auf bäurische Art und nährt seit dieser Zeit gegen mich eine unversöhnliche Feindschaft. Außerdem �>st dieser oft erwähnte, verrückte Edelmann und Räuber Iwan, Sohn des Iwan Pererepenko von höchst schimpflicher Herkunft. Seine Schwester war eine aller Welt bekannte Landstreicherin und lief einer Rotte Jäger nach, die vor fünf Jahren in Mirgorod statio- nierte, worauf ihr Mann als Bauer eingetragen wurde. Seine Eltern waren gleichfalls gottvergessene Leute und wegen ihrer Trunksucht berüchtigt. Der obenerwähnte Edelmann und Räuber Pererepenko übertrifft aber noch durch seine viehischen, tadelns- würdigen Handlungen seine ganze Familie und begeht unter dem Mantel der Gottesfurcht die anstößigsten Dinge: er hält keine Fasten und am Vorabende des Advents kaufte dieser Ketzer einen Hammel und ließ denselben einen Tag darauf durch seine gottlose Magd Gapka schlachten, sich ausredend, als ob er zu der Zeit Talg für die Lampe und zum Lichtziehen brauche. „Dahero bitte ich diesen Edelmann als Räuber, Kirchenschänder, Bösewicht, überführt des Diebstahls und Raubes in Ketten zu legen, in den Turm oder ins Zuchthaus zu sperren und dort nach Einsicht und nach Abnahme des Ranges und des Adels gebührend mit Ruten zu streichen und nötigenfalls in die Bergwerke nach Sibirien abzuschieben, ihn aber auch zu Schadenersatz und Zahlung Ket EerichtZkosten zu verurteilen und alsdann mich von demes Mirgoroder Bezirks, Iwan, Sohn des Rikifor Towgoschtschin." Sobald der Sekretär die Vorlesung beendet hatte, griff Iwan Nikiforowitsch nach dem Hute und machte eine Verbeugung, um sich zu empfehlen. „Wohin denn, Iwan Nikiforowitsch?" rief der Richter ihn zu- riickhaltend aus.„So nehmt doch wieder Platz! Trinkt eine Tasse Tee! Oryschkal Was stehst Du da, dummes Mensch, und lieb- äugelst mit dem Kanzlisten? Vorwärts, bringe Tee!"' (Fortsetzung folgt.) Oltern im Volksbrauck). Arme Frühlingsgöttin Ostara, die so oft in schwungvollen Oster- artikeln verherrlicht worden ist, sie ist entthront I Die Fachgelehrten behaupten und im Brockhaus steht eS zu lesen, sie habe nie existiert, nur der alte angelsächsische Kirchenhistoriker Beda Venerabilis (674—735) habe sie geschaffen, von dem sie wieder der alte ehrliche Jakob Grimm auf Treu und Glauben übernommen habe. Nun muh sich die Welt ohne sie behelfen. Wie schade! Denn welch' poetische Verklärung und Verkörperung des von den alten Germanen so Hertz ersehnten FrühlingskommenS war doch die Ostara? Wie gut patzte sie als jubelnd begrützte Besiegerin des Wintersturmes und Wintergrauens in die altgermanische Naturreligionsanschouung, die wie alle Natur- religionen mit ihren Göttern und ihren Festen doch nur immer die phantastische Verkörperung der gernranischen Heimats- erde darstellen sollte. Die Jahreszeiten mit ihren wechselnden Be« gleiterscheinungen, mit Sonnenschein und Nebel, mit Stunn und Regen, mit Frühlingswind, Sommersglut und brausendem Herbst- sturnr. Alle gemanischen Gottheiten sind doch nur das Spiegelbild des Erwachens, Blühens und Vergehens der Natur. Darum erlassen andere Naturreligionen, wenn die Natur stirbt, auch den sie personi- fizierenden Gott sterben und das Erwachen der ersteren weckt auch den Gott wieder zum neuen Leben. Daher der griechische Mythus des Adonis, des Gottes der Vegetation, der zu Beginn und während der Dauer der schlimmen Jahreszeit starb, wobei die Adonisklagen angestimmt und Traucrzeremonien aller Art vorgenommen wurden. Beim Wiedererwachen der Natur aber wurde die Auferstehung deS Adonis mit ausgelassener Freude gefeiert. Auch ohne Ostara aber war unseren gern, anischen Vorfahren sowohl in der Weidewirtschafts- wie Ackcrbauperiode das Osterfest die Feier des Beginnes der guten Jahreszeit, die sjeit der Saat, der Anfang einer neuen Arbeits- und Produktionsperiode. Es galt die Felder zu bestellen und für die Viehwirtschaft, die bei den Ger- manen auch lange nach ihrem Ucbergange zum Ackerbau daS Hauptinteresse in Anspruch nahm, bedeutete die Ostcrzeit in der Weide- IvirtschaftSperiode den Aufbruch der Herden von den Wintersitzen nach den sommerlichen Weideplätzen. Da mutzte die Sippe sich nun auch trennen, da immer eine Anzahl Personen in den Wintersitzen zurückblieben. Datz das Verlassen der engen und gedrückten Winter- räume für Menschen und Vieh ein festliches Ereignis sein mutzte. ergibt sich anS den Verhältnissen von selber. Noch heute ist in den Alpengegenden der Abzug deS Viehes nach den Bergwiesen der Almen, der Alpgang, ein Feiertag für Jung mid Alt. Ehe aber die germaniiche Sippe sich trennte, gab eS für diese wie auch für die ganze Mark- und StammeZgenossenschast noch vieles und mancherlei zu regeln und zu erledigen. Wie der damalige Familienvater für alle möglichen häuslichen Vorkommnisse Vorsorge traf, so tat ein gleiches der Stamm. An geweihter Dingstätte trat er zusammen, sprach Recht, ordnete Streitigkeiten und regelte alle schwebenden und dringenden Stammesgeschäfte. Die Stammes- Priester erflehten zu allem den Segen der Götter. Sie opferten ihnen und besprengten die heiligen Malzeichen und Kultbäume mit dem Opferblute. DeS Abends aber flammten die Osterfeuer der germanischen Jugend von den Bergen und Hügeln, während an den Kultstätten die Priester die Kienfackeln entzündeten, den Göttern und den Seelen der Verstorbenen zur Freude. Neben den zu erledigenden Geschäften blieb aber unseren ger- manischen Altvorderen noch genügend Zeit für Schmaus und Trank. Die Winterszeit hatte die Fleischvorräte stark gelichtet, aber Eier gab es nun wieder. Es waren neben den.Kultmomentcn auch sehr natürliche Gründe, welche das Osterei auch bei den Feierlichkeiten der alten Germanen eine so grotze Rolle spielen lietzen. Abgesehen davon, datz wie vielen anderen Religionen auch ihnen das Ei als Sinnbild der Natur und der alles gebärenden Mutter Erde war. Mit Opferblnt besprengt oder in der Sonnenfarbe gelb gefärbt, brachte man sie daher den Göltern zum Opfer dar und beschenkte sich auch untereinander mit der willkommenen Gabe. Der Gebrauch und die Sitte des Eier- opfernS und EierschenkenS beschränkte sich übrigen? durchaus nicht auf die Germanen. Auch bei den Kelten und slawischen Völkern findet er sich. Noch heute z. B. verschenken und verteilen die Perser am 20. März, als dem Zeitpunkte, wo bei ihnen das neue Jahr beginnt, unter einander als NeujahrSgabe gefärbte Eier. Neben dem Ei erscheint auch der Hahn an den altgermanischen FrühlingSfeiern als bevorzugtes Kultopfer. Er, der Vcrkünder deS TageS, deS nach langer Winternacht anbrechenden FrühlingSlichtcs, war ohnehin dem rotbärtigen Tor, dem Besieger der Frost- und Nebelriesen, heilig. Ilnd noch ein anderes Tier teilte in jener Zeit des wiedercrwachenden Lebens in der Anschauung und dem Glauben unserer germanischen Urvorfahren eine wichtige' Rolle-- der Hasel Als ein wunderlich elbisches Wesen dünkte ihnen der langohrige. schnelle Bewohner der Wälder und Felder, mit den Wurzelmännchen, den Kobolden und Zwergen schien er verwandt zu sein. Autzerdem galt auch der Hase den Germanen als Symbol der animalischen Fruchtbarkeit, die gerade im zeitigen Frühjahr vor allen anderen einsetzte. In anderen Religionskullen spielt der Hase die gleiche Rolle. Römische Bildwerke zeigen ihn als Begleiter Amors und auf einer bildlichen Schilderung eines römischen Frühlings- lFlora-) Festes findet sich die Darstellung, wie junge Mädchen junge Hasen verfolgen. Als das Christentum den altgermanischen Götterglauben verdrängt hatte, feierte auch dieses Ostern lauge Zeit ausschlietzlich als Freuden- und Frühlingsfest. Nach langem schweren Wiuler und längeren Fasten und religiösen Butzübungen dursten sich die Gläubigen nunmehr wieder an Schulaus und Festlust freuen. Diese nahm aber so tolle Formen an. datz sie übermütig genug bis in die Kirche drang und dort mit ihrer derb sinnlichen Ausgelassenheit jedwede religiöse Feier über- wucherte. Nicht zu trösten und zu erbauen, sondern zu ausgelassenem Scherze anzuregen, war zur Österpredigt die Absicht der Priester. Und diese erledigten sich nur zu gut ihrer kurzweiligen Aufgabe. In den mit Osterpalmen und Weidenlätzchen geschmückten Kirchen wurden allerorten mit bunten Tüchern und Decken geschmückte Esel bcrum- geführt, die an die Eielin und das Füllen der Bibel erinnern sollten. Je durchdringender der Esel bei diesem Umzüge schrie, desto grötzer war das Entzücken und die Freude der zahlreichen Gläubigen. Die Österpredigt aber wurde zur Osterpoffe. Die Prediger wetteiferten geradezu, sich gegenseitig durch Witze»nid Scherze, nicht zum wenigsten auch derbsaftigen Zoten, zu übertreffen. Da lourden die Heiligen, vor allen» Petrus, gehänselt, mit den» Teufel lind seiner Grotzmuttcr Spott getrieben. Die Kanzel wurde zu einer Possen- reitzertribüne. Die Priester spielten dort förmlich Theater, ver- kleideten sich, verstellten ihre Stimmen, krähten wie die Hähne, schrien wie die Esel, grunzten wie die Schweine, brüllteil wie die Kühe, bäumten sich auf und wieherten wie junge Pferde, schnatterten wie die Gänse, imitierten den Kuckuck und was derartige kleine Scherze mehr waren. Die Hauptsache war, datz die Kirchenbesucher zu tollem Lärmen und Schreien, Johlen und Beifallsklatschen aufgestachelt wurden. Je mehr, desto besser. Daher gab es ohne wieherndes Ostergelächter(visus pastralis) bis tief in daS 16. Jahr- hundert hinein keine christliche Osterfeier. Zuweilen wurde jedoch nicht ausschlietzlich gelärmt und gelobt, sondern auch enlstere Sachen. Stücke aus dem alten Testament, Szenen aus der Leidensgeschichte Christi, sowohl pantomimisch wie dramatisch, in den Kirchen auf- gefübrt. Neben der jubelnden Osterfreude hatte das Christentum noch eine ganze Menge sonstiger altheidnischer Osterfitten und Ostcrgebräuche in seine Zeit mit hinüber genommen. Denn gerade Festtage erhalten besonders lebhaft viel Alles, sonst LängstverscholleneS in der Er- innerung und der Eilte der Völker. Verflietzen auch die urspriing- lichen Gebräuche im Laufe der Zeiten leicht miteinander, verwischt sich Dieses mit Jenem oder bekommt einen neueir Anstrich, das lirspriinglich Alte lätzt sich doch immer unschwer auS dem klebrig- gebliebenen herauserkennen. � Wie in grauer Vorzeit zieht auch in der Gegenwart zu Ostern die Jugend beiderlei Geschlechtes hinaus ins Freie, um dort durch Osterfeuer und Osterspiel den gekommenen Lenz zu feiern. Oft sind es wohl noch die uralten KultstStten, an denen schon die Vorfahre» die leuchtende Frühlingssonne begrützten. So leuchten von den Bergkuppen Süddeutschlands, am Rhein, in den Alpen nsw. am Osterheiligabcnd die brennenden Holzstötze hinaus in die Lande. So entzündet man in den katholischen Gegenden die geweihte Oster» kerze in fortlebender dunkler Erinnerung an die einstigen Opfer» brande, durch deren leuchtende Flammen auch der letzte Rest der bösen Wintergeister vertrieben werden sollte. Auch das uralte Osteripiel des Winterbesingens, deS Winter» auStreibenS ist noch im Schwange. Noch vielerorts in ländlichen Gegenden wird der Winter in Gestalt einer Strohpuppe unter grotzem Jubel verbrannt. In Tyrol trägt man z. B. am Vorabend de? Festes brennende Strohpuppen oder Strohbündel an langen Stangen unter Musikbegleitung und sonstigem wilden Lärm der Zngteilnehmer durch die Dorfstratzcn, um sie dann autzerhalb deS Ortes vollends zu verbrennen oder ins Wasser zu werfen. Im Inge befindet sich auch der Sommer, eine mit fnschem grünen Laube geschmückte lebende Person, die mit der Strohpuppe deS Winters pantomimisch kämpft und ihn selbstverständlich besiegt. Hohn und Spott begleiten dabei den Winter auf seinem symbolischen TodeS- gange. Im Fränkischen und Thüringischen singt man beispielsweise: „Ja. ja, ja, der Frühling ist nun da,— Er kratzt dem Winter die Augen auS— lind jagt die Bauern zur Stub' hinaus."— Achnlich lauten fast alle derartige Spottverse. Im Mittelalter war die Sitte des Winteraustreibens auch fast allgeinein in den Städten üblich. In neuerer Zeit ist in den Städten der Brauch geschwunden, in Laibach z. B. erst 1843. In Zürich ist die Sitte jedoch neuerdings wieder aufgelebt, und wie in alter Zeit wird am„Sechscläuten" der„Bögg", d. h. der Winter, auf dem Tonhalleiiplatze ziir Freude deS aus Stadt»nd Land zu« fammengeströinten PublikuniS verbrannt. Der Vorzeit war Ostern die Zeit des Schmausens und Trinkens, die Zeit des freigebigen Schenkens und Spendens. Wenn sich die Sitte auch bei den Erwachsenen verloren hat. den Kindern gegen- über lebt sie noch im weitgehenden Maße fort. So beschenkt man sie in der Niedcrlausitz am Osterionntage mit Pfefferkuchen. Oster- wecken oder Honigbrot,(der Honig nebst dem Ei altgennanische Osterspeisc). An anderen Orten aber erfolgt die Darreichung der Ostergaben an die Kinder nicht freiwillig, sondern muß durch eine kleine Aufmunterung von den Erwachsenen erzivungcn werden. In Ostpreußen zum Beispiel wecken die Kinder am Morgen des ersten Feiertages ihre Eltern und Verwandten mit kleinen Birkenrutcn, an denen sich das erste junge Grün befindet. Man nennt dies dort Schmack, das heißt Schmeckostern. Desgleichen verschaffen sich die Kinder in der Uckermark am Ostermorgen ihre Ostergeschenke durch „Stiipen" der Eltern, das am liebsten noch in den Berten geschieht. Unter den dargereichten Geschenken spielen auch heute noch die Ostereier die Hauptrolle. Eine Menge Osterbräuche knüpfen sich besonders an diese. Da hat man in Süddeutschland das„Eier- picken", ein beliebtes, oft mit vielen Tränen für den allzuhänfig Vcr- lierenden verknüpftes Kinderspiel. Oesterreich kennt das„Eier- schupfen", das in die Höhewerfen und Wiederauffangen des Eies, aus dem altgermanischen österlichen Ballspiel entstanden. Auch der Ball galt unseren Vorfahren als ein Symbol des Frühling?. Sie warfen ihn der segcnbringcnden Sonne entgegen, gleichsam um ihr zu huldigen und ihrer Freude über ihr endliches Wiedererscheincn Ausdruck zu geben. In Baden hat man das„Ofiereierruggcln". wobei die Eier einen Wiesenabhang hinabgerollt werden und die Besitzer der zuerst unten ankommenden Eier die letzten als Sieges- preis erhalten. Den Erwachsenen bot daS„Eierlanfen" Spiel und Zerstreuung. bei dem es für die in Parteien geteilten Mitspielenden darauf ankommt, am schnellsten eine Anzahl räumlich weithin zerstreuter Ostereier zusaunnenzulesen. DaS ganze Dorf zieht dann zu diesem Zwecke mit Musikbegleitung auS. Burschen und Mädchen im höchsten FciertagSftaat, niit bunten Bändern und Sträußen festlich geschmückt. In Dossenheim ist z. B. der Gang des Spieles so, daß der Vertreter der einen Partei 100 in einer Entfernung von einem Schritte zum andern auf einen Fußpfad gelegten Eier einzeln aufheben und nach dem am Ende der belegten Strecke stehenden, mit Spreu gefüllten Korbe tragen muß. Für jedes zerbrochene Ei ist die Strecke doppelt zu laufen. Inzwischen rennt der Vertreter der anderen Partei, die sich zu diesem Zwecke wie die Gegner den Fixesten der Burschen ausgesucht, nach Ernolsheim, das eine starke Viertelstunde von Dossenheim abliegt. Hier hat er einen Schoppen Wein zu trinken und ein versiegeltes GlaS zu holen. Kommt er eher zurück, als der Eierleser mit dem Aufklauben seiner hundert Eier fertig ist. hat jene Partei die Kosten des der Feier folgenden gemeinschaftlichen Abend- essens und des Tanzens zu zahlen, im anderen Falle natürlich um- gekehrt. Als Ueberreste uralter Fest- und Osterspeisen hat fast noch eine jede Gegend ein spezielles und traditionelles Ostergebäck, bei dessen Zubereitung der Honig eine größere oder kleinere Rolle spielt. Daher denn die Osterfladen, Ostcrkringcl, Ostersemmeln und wie sie alle heißen mögen. Auch Eier und Eierspeisen dürfen in dieser Zeit natürlich niemals fehlen. Am Gründonnerstag aber bringen die Hausfrauen fast allgemein die ersten frischen Frühlingsgcmüse, Spinat, Kresse, Rübsen und andere als Festgericht auf den Mittagstisch. Wie in grauer Vorzeit gilt auch heute noch in einzelnen länd- lichen Gegenden die ganze Osterzeit als besonders glück- und fegen- bringend. Daher umreitet oder umschreitet in diesen Tagen noch iinmer der Landmann seine Wiesen und Felder, Bitt- und Segens- sprüche hersagend, um sich dadurch vor Mißwachs und Hagel zu schützen. Jin Mecklenburgischen galt der Gründonnerstag für besonders segensreich. An jenem Tage zieht der Bauer mit feinen Pferden aufs Feld. um dort zu arbeiten und sich damit die Anwartschaft auf eine gute Ernte zu sichern. Als ivundcrwirkendeS Heil- und Zaubernnttel gilt der Osterzeit auch das schweigend am ersten Morgengrauen geschöpfte Osterwasser. Menschen und Vieh schützt es vor Krankheiten oder heilt solche. Im Fränkischen und Thüringischen wird zu diesem Zweck das ganze Vieh direkt vor Tagesanbruch ins segenbringcnde Onerwasser getrieben. Im Hau? und Hof versprengt, vertreibt daS Osterwasser die Hexen und sonstiges schädliches Ungeziefer. Den gleichen Zweck erzielt die Asche deS abgebrannten Osterfeuers. Auch ist sie em sicherer Talisman gegen alle uuerbctenen Gäste. Daher wird sie sorgsam im Hause bewahrt, ein Teil wohl auch als segenspendend auf die Felder und Wiesen ausgestreut._ A. Abs. Kleines f euilleton* Aus der Pflanzenwelt. L. Bnsemann: Der Pflanze übe st immer.(Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart.) Preis 3,80 M. Für den Großstädter, der meist die direkte Fühlung mit der Natur in Feld und Wald verloren hat, ist es fast immer eine schwierige Aufgabe, sich über die mannigfachen Pflanzen zu orientieren, die ihm begegnen, wenn er einmal an einem Sonn- oder anderen freien Tage seine Schritte in die weitere Um» gebung seines eingemauerten Wohnplätzcheus lenkt. Mit einfachsten Mitteln, ohne die Voraussetzung besonderer botanischer Vor- kenntnisse sucht das kleine Buch von Busemann den Wald- besuchen! die Bestimmung der am häufigsten bei unS vorkommenden Pflanzen, der Gräser, Kräuter und Bäume, zu ermöglichen. Dies geschieht teilweise in sehr geschickter Form, indem die Pflanzen nicht nach wissenschaftlichen Gruppen und Familien be« sprachen werden, sondern so. wie sie uns nebeneinander im Mai oder im Juli bei einem Waldspaziergang oder einer Wiesenpromenade aufstoßen. Dazwischen sind die einheimischen Baumarten beschrieben je nach der Zeit, zu der ihre Blüte statthat; nur ganz eng zusammen- gehörige, wie etwa die verschiedenen Arten der Eiche oder des Ahorns iverden zusammen besprochen. DaS' ist ein großer Vorzug deS Buches namentlich für den einfachen Spaziergänger, dem zunächst nickt daran liegt, wissenschaftliche botanische Studien zu machen, sondern die mannigfachen Blumen kennen zu lernen, die ihm allüberall ihren Duft entgegenhauchen. So wird dicht hinter dem Ahorn die Maiblume und der Türken- bund beschrieben und bald darauf der zur gleichen Zeit blühende, scharf duftende Waldmeister. Dadurch wird dem Werkchcn alles Schematische und Unübersichtliche genommen, und so wird eS dem praktischen Bedürfnis auck der Unerfahrenen gerecht. Freilich ist auf Naturschwärmerei, hinter der sich oftmals die Unwissenheit leicht der- bergen läßt, Vollrommen verzichtet, zumeist mit Recht. Die Bilder sind zum Teil sehr gut, besonders die beigefügten bunten Pflanzen- tafeln, die das Erkennen der einzelnen Blumen wesentlich erleichtern können, während die schwarzen Baumtafeln zwar ganz hübsche Land- schaftSbildcr darstellen, aber zum Bestimmen der Bäume kaum aus- reichen dürften. Dazu sind die einzelnen Unterschiede zu wenig her- ausgearbeitet und vor allem die Blatlformen, die doch eine wesent- liche Richtschnur bei der Bestimmung der Bäume bilden, viel zu ivenig im Detail ausgeführt. Durch die Einteilungen in Heide-, Wiescii-Moorpflanzen, in Sumpf- und Wasserpflanzen usw., die zum Schluß eine zusarmnenfassende Besprechung erfahren, wird dem, der sich über die einzelnen Pflanzen nach ihrem örtlichen Vorkommen unterrichten tvill, eine sehr große Erleichterung und prak- tische Handhabe geboten. So ist das Buch im ganzen zur Pflanzenbestimmung wegen der einfachen, keine Vor- bedingungcn inackenden Methode sehr geeignet: es ist kein Lehrbuch der Botanik, sondern als Reisebegleiter auf Wander- fahrten und Ausflügen zumal wegen des im Vergleich mit ähnlichen Werken und Pflanzenatlanten sehr billigen Preises durchaus zu empfehlen. Nickt vergessen möchten wir, daß als eine sehr wertvolle Zugabe dem Büchlein das Pilzmerkblatt des Reichsgesundheitsamtes zugefügt ist. vor allem die sehr deutlich und gut ausgeführte farbige Pilztafel. Wie wenige wissen doch Giftpilze von anderen zu unter- scheiden I Wie viele Pilzvergistungen komnien deswegen noch immer alljährlich vor l Darum sei auf diese Tafel noch besonders ver- wiesen, da an Hand ihrer Abbildungen sich eine Unterscheidung der häusigsten Pilzartcn, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa des giftigen Satanspilzes von dem ähnlich aussehenden eßbaren Stein- Pilz wohl ermöglichen läßt. W. Technisches. Ein neuer PulSzähler. Nach dem Prinzip der Stopuhr ist ein neuer zum Gebrauch von Pflegerinnen und Acrzten vorzüglich geeigneter Pulsmcsscr konstruiert worden, der die Zahl der Puls- schlage selbsttätig bestimmt ohne daß eine Zählung seitens der beob- achtenden Person nötig wäre. Ein einfacher Druck löst den Mechanismus aus, worauf die Zählung der Pulsschläge beginnt. Nack dem zwanzigsten Pulsschlag bleibt die Vorrichtung stehen und gestattet eine genaue Ablesung der verflosienen Zeit. Durch einen weiteren Druck auf einen Knopf wird der Zeiger auf seinen Ausgangspunkt zurückgestellt. Es entfällt dadurch die für den Ungeübten bisweilen schwierige gleichzeitige Ab- lcsung der Uhr während des Zählens der Pulöschläge. Das Instrument ist nach der Darstellung der Wochenschrift„English Mechanic" auch für allerlei chronographische Beobachtungen brauch- bar und verzeichnet bei dieser Verwendung automatisch Minuten, Selunden und Fünstelsekunden. Die Einrichtung ist so getroffen, daß die Beobachtungen sich über zwölf Minuten erstrecken können. Eilt elektrischer Windmesser. Der Widerstand eines elektrischen Leiters ändert sich»nit der Temperawr. Dies Prinzip ist von dem Brüsseler Universilärsprofessor R. B. Goldschnridt zur Kon- struktion eines neuen Windmessers verwandt worden, der im welentlichen aus zwei Platindrahtspiralen besteht. Die eine von ihnen ist dem Winde ausgesetzt, während die andere in einem Gehäuse liegt, das sie vor Luftströmungen schützt, so daß sie die Temperatur des um- gebenden Mittels behält. Die beiden Spiralen bilden die Zweige einer Mheatstoneschen Brücke und bewirken, daß das Galvanometer deS Apparats bei Windstille keinen Ausschlag gibt, da ihr Wider- stand natürlich mit jeder Temperaturveränderung der Umgebung in gleicher Weise steigt und fällt. Sobald jedoch ein Lustzug auftritt, entsteht eine Temperaturdifferenz, die sich in einem entsprechenden Ausschlag des Galvanometers ausdrückt. Die Windrichtung wird durch eine Wetterfahne am Apparat angezeigt. Kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anjtalt Paul Singe c LtEo.. Berlin LW.