Anttthalwugsblatt des vorwärts Nr. 73. Freitag, den 16 April. 1909 (Nachdruck vervolen.) 12] Das tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g. Fridchen, die erst mit verwunderten Augen umhergestarrt, fing jetzt kläglich an zu weinen; sie fürchtete sich vor der wüsten Stube, fürchtete sich auch vor der Mutter und klammerte sich, von ihr zurückweichend, an den Rock der Bartuschewski. Das brachte Mine wieder zu sich. Sich die noch unge- xlätteten Haare aus dem Gesicht streichend, erhob sie sich mit einem tiefen Seufzer. Es half doch alles nichts, das war nun mal fo. Sie machte sich ans Aufräumen. Die Bartuschewski»var so freundlich und nahm ihr die Scherben mit nach unten— ihr schönes Porzellan eigenhändig in den Müll- tasten werfen, nein, das konnte sie nicht, das brach ihr das Herz. Die Sonne lachte so freundlich, so heiter wie nur je, als Mine kehrte und wischte und ordnete. Der große Petroleum- fleck beim Tisch war so leicht nicht herauszubringen, trotz allM Scheuerns; schwerer noch die eingetrockneten Blutstropfen. Mine mußte sie erst mit dem Daumennagel von der Diele kratzen. In ein paar Stunden war alles blank; sie hatte gleich die Gelegenheit benutzt und Groß-Reinemachen gehalten, die Wände abgestaubt, das Fenster geputzt. Nun sah sie sich um: alles wieder so, als sei nichts geschehen, und dock,— ihr Blick traf den leeren Kllchenrahmen, und ihr Gesicht, das sich während der Arbeit ein wenig erhellt hatte, wurde sehr finster. Als es Mittag geworden, entschloß sie sich doch noch, waschen zu gehen. Vielleicht, daß ihr die Dame nicht böse war, wenn sie wenigstens den halben Tag kam; schaffen würde sie's ja schon noch, wenn sie sich mit doppeltem Eifer daran »nachte. Denn verlieren durfte sie jetzt keine Stelle, gar keine' Verstörten Blicks starrte sie den leeren Küchenrahmen an, und dam: das für Fridchen zu kleine Körbchen— was würden da alles für Ausgaben kommen?! Der Angstschweiß brach ihr aus. Sie nahm Fridchen an die Hand und stieg mit schwerem, müdem Schritt die Treppen hinunter.— Als Artur gegen Mitternacht nach Hause kam, die Hände in den Hosentaschen, anscheinend sorglos pfeifend, war Mine noch auf. Er hatte gehofft, sie schon schlafend zu finden. Aber es war sehr spät geworden, bis sie die Wäsche fertig ge- bracht: nun entkleidete sie eben erst das schlaftrunkene Fridchen. Sie rührte sich nicht bei seinem Eintritt, sondern blieb beim Körbchen hocken und drehte ihm so den Rücken. Nur der Mond gab Beleuchtung. Sie hatten ja kein Lämpchen mehr. Es durchzuckte Artur, und dann sah er den leeren Küchenrahmen. Verslucht! Er fuhr sich mit der Hand über die notdürftig verbundene Stirn— au— der Schmiß schmerzte noch ganz empfindlich! Ueberhaupt war ihm ganz erbärmlich zu Mut, und wem, er pfiff, so tat er's wahrhaftig nicht zum Vergnügen. Sie dachte gewiß, er wäre wieder im Wirtshaus gewesen prosit Mahlzeit, dazu hatte er kein Geld mehr— und auch keine Lust. Die ganz Zeit nach Feier- abend hatte er bei den Alten im Keller gehockt. Die Mutter, die einen Zank mit Mine witterte, hatte ihn kajoliert, ihm, was sie Gutes besaß, aufgetragen und war 'dabei weidlich über die Schwiegertochter hergefallen. Er hatte zugehört, ohne Gegenrede, in stummem Trotz. Aber als der Väter aus seiner Stumpfheit auffuhr:„De Mine is jut", hatte er auch nicht tpidcrsprochen. Nein, schlecht war sie auch nicht! Er sah nach ihr hin, während er sich entkleidete, und pfiff lauter. Sie rührte sich noch immer nicht, sie stand anch nicht auf. obgleich Fridchen längst eingeschlafen war. Na, denn nicht! Seine niedergeschlagene Miene wurde verlegen: ärgerlich die Stiefel ausschleudernd, warf er sich ins Bett, daß das krachte. Der Mond schien ihm voll ins Gesicht, unerquickliche Ge- danken wirbelten ihm durch den Kopf, und doch schlief er rasch ein. Da legte sich Mine nieder, und auch sie schlief rasch ein. Viel lleberflüssiges hatten sie nie miteinander geredet; jetzt sprachen sie kein Wort. Ohne„Gutenmorgen" standen sie auf. ohne„Adieu" gingen sie fort, ohne„Gutenabend" kamen sie wieder. Das ging so ein paar Tage. Heut war Sonnabend, Wochcnschluß, das letzte Mal, daß Artur in die Druckerei ging. Am Abend war er längst zu Hause, als Mine wiederkam- Als sie eintrat, saß er am offenen Fenster, den Ellbogen auf- gestützt, und starrte in den nächtlichen Himmel. Heute hielten die Wolken den Mond versteckt, es war regenfeucht und dunkel. Sie tappte hin und her, nur ein schwacher Schimmer ließ sie das Nötige finden. Was er noch nie getan, Artur hatte Feuer gemacht und ihr einen Kaffee gekocht. Sie dankte nicht dafür, aber sie goß sich eine Tasse voll ein, und er hörte sie mit Behagen schlucken und schlürfen. Eine stumme Viertelstunde verstrich; noch immer saß sie beim Oefchen. Fridchen war noch nicht zu Bett gebracht, Artur hatte sie auf den Schoß genommen; erst war sie scheu zurückgewichen. als der Vater sie an sich gezogen, dann hatte sie sich locken lassen. Nun schlief sie, das Köpfchen an seine Brnst gedrückt, und er legte seine Wange auf ihr weiches Haar. Das Schlürfen hatte aufgehört. „Hat's jeschmeckt?" fragte er unsicher. Keine Antwort. Wieder stumme Minuten. Jetzt näherte sich ihr schwerer Tritt dem Fenster. Sie wollte ibm das Kind vom Schoß nehmen, er hielt es fest. „Gib her," sagte sie hart. ,Me." Sie zog sich wieder zurück, setzte sich an den Tisch, ließ die Arme schlapp herunterfallen und beugte sich vornüber. Ob sie schlief? Man konnte keinen Atemzug hören. Eine beklemmende Stille war im Zinimer. Jetzt regte sich Fridchen auf seinem Schoß und seufzte' sie lag wohl unbequeni?! Behutsam stand er auf und trug sie zum Körbchen. Es war das erste Mal, daß er sein Kind zu Bett brachte. Er fühlte das weiche Körperchen unter seinen Händen, streichelte daS weiche Hälschen, die weichen Beinchcn und dachte bei sich, daß es ganz was Nettes darum sei und wohl zu begreifen, warum die Weiber so an den Kindern hingen. Für Männer freilich— na, wenn's ein Junge war, ein Stammhalter, da ließ man sich's auch schon gefallen! Seinen, über das Körbchen gebeugten Rücken aufrichtend, drehte er sich um und schaute gum Tisch hinüber. Er konnte Mine nicht deutlich sehen, es war dunkel. Mit vorgestreckter Hand ging er auf sie zu, da traf er ihre Wange. „Mine," sagte er leise,«biste mer böse?" und faßte wieder zu. Sie stieß ihn von sich, und dann, als wenn sie auf diese Frage nur gewartet hätte, richtete sie sich aus ihrer zusammen- gesunkenen Haltung auf. „Laß nur," sagte sie klanglos.«Es is nu mal so, wie's is. En jeder hat sein Kreize." Er tvar weich, ihr freudloser Ton jagte ihm die Tränen in die Augen; sein Herz zog sich zusammen.„Olle—" er stockte, so alt war sie doch eigentlich noch gar nicht—„Mine! Ich war betrunken!" „Das warste." „Un fuchswild. Der Hund, der Seder. verpetzt hat er mich! Un gereizt hast Du mer auch noch! Un der Kopf tat mer weh zum Tollwerden!" „'s tut mer ooch ofte was weh." „Sonst wär's nicht passiert. Wahrhaftig. Mine,'s wäl nich passiert!" „Diesmal nich, aber vielleicht en ander Mal." Sie sagte das alles ganz gelassen, aber nun schluchzte sii plötzlich laut auf:„Mein Kllchenrahmen!" Lauter Scherbeln! Alles kaputt!" Die Hände vors Gesicht schlagend, warf sie sich über den Küchcntisch. Er stand wie angcdonncri bei ihrem Schmerz.„Mine!" Mit bebenden Händen fuhr er ihr übers Haar. Mine!" Und dann warf er sich bei ihr nieder, faßte sie um den Hals und schluchzte mit ihr. „Ja. er war ein Lump, ein miserabler Kerl, ein Hunds- sott, nicht wert, daß ihn die Sonne beschicn! So ein Kerl bmftc ja gar nicht aus seinen zweiBeinen frei herumgehen, der muhte im Loch sitzen t So ein Tagedieb, so ein Müßiggänger, so ein Saufsack, so ein Raufbold! Er konnte sich nicht genug tun mit Selbstanklagen. Und habei preßte er sie immer fester. Aber nun sollte sie nml sehen, nun kam es nie wieder vor, nun kriegte sie ein anderes Leben! Run würde er arbeiten, wie toll und verrückt, für sie und die Kinderl „Da— da haste!" Seinen heute erhaltenen letzten Wochenlohn aus der Tasche ziehend, preßte er ihr das Geld zwischen ihr Gesicht und die davor gehaltenen Hände.„Da— alles— alles! Ich will nischt für niich, ich behalte nischt— fei man bloß ruhig! Weine man nicht Sag, daß de nich mehr dran denkst! Mine!" Sie gab keine Antwort. „Verzeih mer,'s war ja nich böse geineiml S de mcr verzeihst!" „Ich verzeih der!" Er versuchte, sie zu küssen. „De sollst ooch nich mehr„Olle" sagen," flüsterte sie schwach, immer noch von Schluchzen gestoßen,«sons denk ich, geht nier'sch wie der Barwschewskinl" „Unsinn!" Er verschwor sich hoch und teuer und küßte sie ab, daß ihr der Atem ausging,«sie sagte nichts, aber an dem Ziehen ihres Mundes merkte er, daß sie lächelte. Jetzt war es auf einmal nicht mehr so dunkel in der Stnbe.--- „Pst, Sie, Madam Reschken," rief Bartuschewski am anderen Tag hinter Mine her. Was meenen Se woll, de Mieter haben mächtigen Krach jemacht von wejen Ihnen! Besonders die aus'n ersten un zweeten Stock. Nu will Ihnen der Wirt raussetzen." „Meinswcgen," sagte Mine stolz. Aber dann überkam sie der Schreck— sie wohnten so schön und verhältnismäßig so billig! tFortfetzung folgt.) (Nachdruck vervolen.) Der Fjadcr zwdcr Mrgoroäer io] Größen, Von Nikolaus G o g o k. „Was Ihr da sagt!" Dabei erhob der schiefäugige Iwan Jwanowitsch die Augen und legte die Arme übereinander.„Was nun beginnen? Wenn Personen mit guten Augen mit einander nicht in Frieden leben, lvie sollte ich da mit meinem Schiefauge in Eintracht leben!" Bei diesen Worten ladsie alles laut auf. Der schiefäugige Iwan Jwanowitsch war esr.e sehr beliebte Persönlichkeit, weil seine Spähe den: Geschmack der Leute entsprachen, ja sie schienen sogar einem hohen, hageren Manne in einem Friesrocke und einem Pflaster auf der Rase zu behagen, der gewöhnlich in einer Ecke saß und bei dem nie eine Muskel im Gesicht zuckte, selbst dann nicht, wenn sich ihm eine Fliege auf die Nase setzte. Er erhob sich jetzt vo?. seinem Eckplätzchcn und näherte sich dem Haufen, der den schief- äugigen Iwan Jwanoloitsch unigab. „Hört!" sagte der Schiefäugige, als er bemerkte, daß ihn eine zahlreiche Gesellschaft umringt hatte;„hört! Anstatt daß ihr jetzt weiter nichts tut, als mein Schiefauge betrachten, helft mir, unsere beiden Freunde zu versöhne»! Jetzt unterhält er sich mit den Frauen und Mädchen... schicken wir insgeheim zu Iwan Niki- forowitsch und stoßen wir sie einander in die Arme." Der Vorschlag des schiefäugigen Iwan Jwanowitsch wurde ein- stimmig angenommen und es wurde festgesetzt, unverweilt zu Iwan Nikiforowitsch zu schicken, um ihn zu bitten, doch ja zum Polizei- meister zu Tisch zu kommen. Jetzt aber kam die wichtige Frage, wem dieser kitzlige Auftrag anvertraut werden sollte? Alle schüttelten bedenklich die Köpfe. Es wurde lange gestritten, Iver u: der Diplomatie am gewandtesten und bcfähigsten sei, bis endlich einstimmig der Beschluß gefaßt wurde, diese Mission auf die Schultern de» Anton Prokopowitsch Golopus zu lege». Vor allem wollen wir den Leser mit dieser merkwürdigen Per- sonlichkcit bekannt machen. Anton Prokopoivitsch war ein höchst tugeirdhaster Mann, und zwar in der volle» Bedeutung des Wortes. Gab ihm einer der ehrenwerten Edelleute von Mirgorod eine Hose oder ein Halstuch, so bedankte er sich; versetzte ihm jemand einen leichten Nasenstüber— auch dann bedankte er sich. Fragte ihn jemand:„Warum, Anton Prokopowitsch, ist denn Ihr Rock zimmt- farbig und die Aermel von blauer Farbe?" dann antwortete er gewöhnlich:„Ihr habt auch einen solchen nicht! Wartet, wenn Ihr Euren abgetragen, gleicht er dem meinigen." Und in der Tat nimmt das blaue Tuch von der Wirkung der Sonne nach und nach die Zimmtsarbc an. Aber das ist eigentümlich, daß Anton Proko- xvwilsch gewöhnlich im Sommer einen Tuchrock, und im Winter einen Nankingkiticl trägt. Nnton Prokopowitsch besitzt kein eigenes Haus. Er besaß früher eines am Ende der Stadt, aber er der» kaufte es und schaffte sich für den Kaufschilling ein Dreigespann von Braunschimmeln mit einer Britschke an, in der er zu den Grundherren zu Gaste fuhr. Da ihm aber die Pferde viel Schererei machten und noch Hafer verlangten, tauschte sie Anton Prolopo- witsch gegen eine Geige und eine Dienstmagd eiu. wobei er noch fünfundzwanzig Rubel in Assignaten als Zugabe erhielt. Die Geige verkaufte er und die Magd tauschte er für einen Tabaks- beutet von Saffian ein, so daß niemand einen solchen Tabaksbeutel wie er besitzt. Für diesen Genug mußte er seine Landreisen auf- geben, in der Stadt bleiben und sein Nachtlager in verschiedenen Häusern aufschlagen, besonders bei jenen Edelherren, die ein Ver- gnügen daran fanden, ihm Nasenstüber zu geben. Anton Prokops- witsch ist ein großes Leckermaul und versteht sich auf manche un- schuldige Kartenspiele. Gehorchen gehörte von jeher zu seinen Haupttugenden, darum nahm er gleich Hut und Stock und machte sich unverzüglich aus den Weg. Im Gehen begann er aber nachzudenken, auf welche Weise et wohl Iwan Nikiforowitsch bewegen könnte, die Assemblee zu be- uchen. Der etwas heftige Charakter des sonst ehrenwerten Mannes chien seinem Unternehmen fast keinen Erfolg zu verheißen. Und in der Tat, wie sollte Iwan Nikiforowitsch sich zum Besuche cnt» schließen, wenn es ihm schon sehr beschwerlich war, sich nur vom Lager zu erhebe»? Doch angenommen, er erhebt sich; wie soll er sich dorthin begeben, wo sich,— was er ohne Zweifel weiß— sein unversöhnlicher Feind befindet? Je ernster Anton Prokopowitsch die Sache in Betracht zog, um so mehr Hindernisse boten sich ihm. Es war ein schwüler Tag; die Sonne brannte, er war in Schweiß gebadet. Arno» Prokopowitsch war, wenn er sich auch Nasenstüber geben ließ, ein sehr schlauer Fuchs.(Nur in Tauschgeschäften zeigte er wenig Erfahrung.) Er wußte sehr Wohl, wann er sich dumm zu stellen habe, und er verstand es sich in manche Verhältnisse und Umstände zu schicken, bei denen gar oft mancher kluge Kopf einen Bock geschossen hätte. Gerade als sein erfinderischer Geist ein Mittel ausfindig ge- macht, den Iwan Nikiforowitsch zu überzeugen, gerade als er in- folge dessen tapfer zuschritt, machte ihn ein unerwarteter Umstand wieder ängstlich. Es kann nicht schaden, bei dieser Gelegenheit mit- zuteilen, daß unter andern eines seiner Beinkleider die merkwürdige Eigenheit hatte, daß ihn immer die Hunde in die Waden bissen, sobald er dieses Beinkleid anhatte. Zum Unglück hatte er an diesem Tage gerade dieses bissige Beinkleid angelegt, und richtig lvurde sein Ohr, just als er sich seinen Reflexionen hingab, von einem furchtbaren Hundegebell beleidigt. Anton Prokopowitsch er- hob ein solches Geschrei(niemand vermochte lauter als er zu schreie»), daß nicht nur unsere Bekannten, das alte Weib und der Belvohner des unmeßbaren Ueberrockes ihm entgegenliefen, son- der» auch größere und kleinere Jungen aus dem Hofe des Iwan Jwanowitsch herbeistürzten. Zum Glück gelang es den Hunden uür, ihn in eine Wade zu beiße», doch reichte schon dies hin seiner» tapfern Sinn niederzuschlagen, so daß er mit einer gewissen Schüchternheit sich der Treppe näherte. Siebentes und letztes Kapitel. „Ach. Ihr seids? Warum hetzt Ihr die Hunde?" rief Iwan Nikiforowitsch aus, als er Anton Prokopoivitsch erblickte, denn mit Anton Prokopowitsch trieb jeder seinen Scherz. „Mögen sie alle verrecken! Wer hetzte sie?" erwiderte Anton Prokopowitsch. „Ihr lügt." „Bei Gott, nein! Peter Fcdorowitsch läßt Euch zu Tische bitten!" „Hm!" „Bei Gott! Er bat so inständig, daß es sich nicht ausdrücken läßt. Was soll das heißen," sagte er;„Iwan Nikiforowitsch ent- fremdet sich inir, als ob ich sei» Feind wäre; er läßt sich nie sehen, um gemütlich zu plaudern und etwas auszuruhen." Iwan Nikiforowitsch glättete sein Kinn. „Wenn." sagte er,„Iwan Nikiforowitsch auch jetzt nicht kommt, weiß ich nicht, was ich denken soll, dann tragt er mir gewiß einen Groll nach. Erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, Anton Prokops- witsch, und reden Sie dem Jivan Nikiforowitsch ins Gewissen!— Nun, Jw«n Nikiforowitsch? So kommt doch! Dort ist eine sehr feine Gesellschaft beisammen!" Iwan Nikiforowitsch betrachtete sehr aufmerksam den Hahn, der auf der Treppe stand und aus voller Kehle krähte. „Wenn Sie nur sehen möchten, Iwan Nikiforowitsch, welchen geräucherten Stör und welchen frischen Kaviar Peter Fedorowitfch bekommen," fuhr der diensteifrige Abgeordnete fort. Bei diesen Worten wendete Iwan Nikiforowitsch rasch den Kopf um und begann aufmertsam zu horchen, was den Deputierten er- mutigte. „Gehen wir schnell; auch Thomas Grcgorowitsch ist dort. Nun. was geschieht?" fügte er hinzu, als er sah, daß Iwan Nikiforowitsch noch immer ruhig blieb.„Gehen wir oder nicht?" „Ich mag nicht." Dieses„ich mag nicht" frappierte Anton Prokopoivitsch: er dachte schon, daß seine überzeugenden Vorstellungen diesen übrigens so ehrenwerten Mann zum Gehen bewogen hätten— und nun mußre er mit einem Male dieses entschiedene„ich mag nicht" hören! ,Aber warum mögen Sie deuv nicht?" fragte er fast mit Aergcr(derselbe kam bei ihm nur höchst selten zum Vorschein, selbst wenn man ihm ein brennendes Blatt Papier auf den Kopf legte, woran der Richter und der Polizeimeister einen besonderen Ge- fallen fanden). Iwan Ldiliforowitsch nahm sich eine Prise. „Mit Ihrer Erlaubnis, Iwan Nikiforowitsch, ich weist nicht. was Sie zurückhält?" ..Warum sollte ich hingehen?" sagte endlich Iwan Nikiforo- witsch;„der Räuber wird ebenfalls dort sein?" So nannte er gewöhnlich Iwan Iwanowitsch. Gerechter Gottl llnd früher.... „Bei Gott, er wird nicht da seinl Er wird nicht da sein! Möge mich auf diesem Platze der Blitz erschlagenl" erwiderte Anton Pro-- kopowitsch, der zehnmal in der Stunde zu schwören bereit war. ..Run, so kommt, Iwan Nikiforowitsch!" „Fhr lügt aber, Anton Prokopowitsch, er ist dort!" „Bei Gott, bei Gott nein! Ich will mich von diesem Flecke nicht fortrührcn, wenn er dort istl Urteilt selbst, warum sollte ich denn lügen! Arme und Beine sollen mir verdorren!... Nun, auch jetzt glaubt Ihr nicht? Ich will vor Euren Augen erstarren! Weder Bater noch Mutter noch ich selbst wollen das ewige Himmelreich schauen! Glaubt Ihr nun noch nicht?" Iwan Nikiforowitsch beruhigte sich infolge dieser Versicherungen bollkommen und befahl seinem Kammerdiener im grenzenlosen Ueberrocke die Pluderhosen und den Kosakenrock aus Nanking zu bringen. Ich denke, es ist vollkommen überflüssig zu beschreiben, auf tvelche Weise Iwan Nikiforowitsch die Pluderhosen angezogen, Ivie man ihm das Halstuch umgewundcn und wie ihm endlich der Rock auf den Leib gebracht wurde, wobei der linke Aermel platzte. Genug, er beobachtete während dieser ganzen Zeit eine geziemende Ruhe und erwiderte kein Wort auf den Antrag des Anton Prokopo- witsch, etwas gegen feinen türkischen Tabaksbeutel auszutauschen. Indessen erwartete die Versammlung ungeduldig den entschei- denden Moment, in dem Iwan Nikiforowitsch erscheinen und endlich der allgemeine Wunsch in Erfüllung gehen werde, die würdigen Männer versöhnt zu sehen. Viele waren fest überzeugt, dah Iwan Nikiforowitsch nicht kommen würde. Der Polizeimeister wollte so- gar mit dem schiefäugigen Iwan Jwanowitsch eine Wette eingehen. daß er nicht erscheinen werde. Es kam schließlich diese Wette nicht zu stände, weil der schiefäugige Iwan Jwanowitsch verlangte, der Polizeimeister sollte sein angeschossenes Bein und er sein Schief- «uge als Wettobjekt einlegen, worüber der Polizeimeister sich sehr verletzt fühlte, während die Gesellschaft sich ins Fäustchen lachte. Niemand setzte sich zu Tische, obgleich es schon zwei Uhr war, eine Tageszeit, in der ganz Mirgorod selbst bei außerordentlichen Gc- legenheiten schon längst bei Tische sitzt. Kaum zeigte sich Anton Prokopowitsch an der Tür, als er im Augenblick von allen umringt war. �Anton Prokopowitsch beant- wortete alle Fragen mit schreiender Stimme, die verhängnisvollen Worte aussprechend: Er kommt nicht! Ein Hagel von Vorwürfen, Scheltworten und vielleicht auch von Nasenstübern sollte ihm für den Mißerfolg seiner Sendung zuteil werden, doch sie waren noch nicht ausgesprochen, als sich mit einem Mal die Tür öffnete und— Iwan Nikiforowitsch eintrat. Wenn der Satan selbst oder ein Verstorbener erschienen wäre, er hätte keine solche Verwunderung hervorgerufen, als die un- erwartete Ankunft des Iwan Nikiforowitsch. Anton Prokopowitsch hielt sich nur die Seiten und schüttete sich vor Lachen aus, weil er die ganze Gesellschaft zum beste» gehabt habe. Wie dem nun sei, jedenfalls erschien es allen kaum glaubhaft, daß Iwan Nikiforowitsch in so kurzer Zeit sich geziemend als Edel- mann ausstaffieren konnte. Iwan Jwanowitsch hatte gerade das Zimmer verlassen. Das gesamte Publikum nahm, nachdem es sich von seinem Erstaunen erholt, Anteil an dem Wohlbefinden des Iwan Nikiforowitsch und zeder drückte seine Freude über die Fett- zunähme des würdigen Herrn aus. Iwan Nikiforowitsch küßte sich mit jedem und sagte jedesmal:„Sehr verbunden." Indessen begann der Geruch des aufgetragenen Barschtsch den Gästen angenehm in den Nasen zu prickeln. Alles wälzte sich in de» Speisesaal. Voraus kam ein langer Zug von Damen, schwatz- hafter und schweigsamer, dicker und dünner, und die lange Tafel flimmerte in allen Farben. Ich werde nicht alle Schüsseln bc- schreiben, ich schiueige von den Käsepirogen mit Nahm, von dem Gekröse, das sich im Barschtsch schlängelte, von dem Truthahn niit Pflaumen und Rosinen, von der in saurer Sauce schwimmenden, einem Stiefel ähnlichen Speise, von den Saucen überhaupt, diesem Schwanengesange der früheren Köche, und besonders von der von Flammen umzüngclten Mehlspeise, welche die Damen sehr unter- hielt und zugleich erschreckte. Wie gesagt, ich schweige darüber, weil ich all das sehr gern genieße, aber nicht gern darüber viele Worte mache. Unserem Iwan Jwanowitsch, nicht dem schiefäugigen, schmeckte besonders ein Fisch in Meerrcttigsauce und er loar ganz dieser nütz- lichen und nahrhaften Beschäftigung hingegeben. Er sammelte vor- sichtig die Gräten und legte sie auf den Teller, wobei er zufällig hinüberschautc.... Himmlischer Schöpfer! Wie merkwürdig! Ihm gegenüber sah Iwan Nikiforowitsch. Zur selben Zeit blickte auch Jlvan Nikiforowitsch auf.... Nein... Ich kann nicht weiter!....Gebt mir eine andere Jeder! Meine Feder ist welk, tot, die Spalte zu dünn für dieses Bild!... Ihre Gesichter erstarrten von der sie getroffenen Bestürzung. Jeder von ihnen sah vor sich das ihm seit lange bekannte Antlitz eines Freundes, dem cr sich unwillkürlich nähern und mit dcst Worten: «Darf ich bitten?" oder„Ist's nicht gefällig?" eine Prise anbieten wollta; zu gleicher Zeit erschien aber jedem von ihnen dasselbe Ant- litz schrecklich, als eine böse Vorbedeutung! Der Schweiß rann beiden in Strömen vom Gesicht. (Schluß folgt.) �Nachdruck vcrb-tcw) Im mäHu leben Museum.) i Man darf e? ruhig zugeben, daß Museumsbauten zu den schwierigste» Aufgaben gehören, die an einen Architekten gestellt werde» können. Der Charakter als Sammelmagazin der verschieden- artigsten Gegenstände wird sich nur schwer verwischen lassen, be- sonders wenn das Gebäude nicht von vornherein seinem Zweck angepaßt wird, wie bei unseren»leisten staatlichen Museen, in denen die ausgestellten Objekte bei der Anlage des Baues gar nicht gesragt wurden: sie können ja nachher sehen, wo sie bleiben. Eine zweckentsprechende, systeinatische und übersichtliche Aufstellung der Sammlungen mit Hervorhebung des Wichtigsten ist dann natürlich in den meisten Fällen ausgeschlossen. Landes- und Provinzialmufeen find in dieser Beziehung besser daran. Sie beschränken sich auf ein ziemlich einheitliches Gebiet, dessen Eigenart schon in der ganzen Anlage viel leichter zun, Ausdruck gebracht werden kann. Die idealste Lösung dieser Aufgabe, die allerdings sehr viel Terrain beansprucht, stellen wohl die Freiluftmuseen dar, wie sie besonders in Schweden, in Lund und Stockholm, in vor- bildlicher Weise angelegt sind; vielleicht daß sie auch einmal in Deutschland Nachahmung finden, wenn man das Land nicht mehr aus- schließlich vom Standpunkt des Terrainspekulanten betrachtet lind im kommunalen und staatlichen Haushalt kulturelle Fragen eine größere Rolle spielen als heute. Der Einfluß der Freiluftmusee» ist auch bei dem Märkischen Museum, einer der besten Schöpfungen des Stadtbaurats Hoffmann, nicht zu verkennen; wir haben hier gewissermaßen eine Konzentration der schwedischen Anlagen auf eiuen verhältnismäßig kleinen Raum mit den dadurch gebotenen Einschränkungen und Modifikationen. Der Bau präsentiert sich schon rein äußerlich als ein spezifiich märkisches Denkmal niit steter Betonung des märkischen Charakters. Von der Stralauer Brücke her der Anblick einer in kräftigein Ziegelbraun gehaltenen, wuckitig-ernsten Gotik mit ihren, massigen, schweren Turm, wie geschaffen, sich in dem leichten märkischen Sandboden festzuklammern; hinter den Bäumen des Köllnischen Parks aber lugt zwischen hellleuchtenden Blättern die freundliche Fassade eines verschwiegen- lauschige» Renaissance- baues hervor. Ebenso spürt nian im Innern des Gebäudes überall das Be- mühen, den Raum den Dingen anzupassen, beide in Wechselwirkung zu bringen, so daß sie ein einheitliches Ganzes bilden. Die Samm- lungen sind übersichtlich angeordnet und aus der Fülle des vor- handenen Materials ist nur das Charakteristische ausgewählt, während das übrige in besonderen Räumen zu Stuifienzwecken ausbewahrt wird, so daß der Beschauer sich nicht wie in anderen Museen hilflos einer Unmasse voi, ähnlichen Objekten gegenübersteht, sondern gleich auf das Typische hingewiesen wird. Natürlich finden sich trotzdem noch hie und da Mängel und vcr- besserungsfähige Unvollkommcnheiten, wie sie bei einer erst so kurze Zeit bestehenden Anlage wohl begreiflich sind, und es mag hier wie auch in den nachfolgenden Aufsätzen gestattet sein, der Verwaltung einige Anregungen zu geben. So ist es in der im Souterrain unter- gebrachten prähistorischen Abteilung selbst für Leute mit guten Augen einfach ausgeschlossen, die in den Mittelvitrinen oder nicht unmittelbar an, Fenster anögestellten Gegenstände zu be- trachte», geschweige die Erklärungen auf den Etiketten zu lesen: viele Besucher kehren hier enttäuscht um. weil es zu dunkel ist. All- zuschwer dürfte es doch nicht sein, hier für die nötige Beleuchtung zu sorgen I Ueberhanpt die Belenchtung l Ein jedes moderne Museum miißtc sie in allen Räumen aufweisen, damit auch den am Tage in der Industrie oder in, Bureau beschäftigten Personen der Beiuch dieser Art Bildmigsinstitilte am Abend ermöglicht wird. Die Besuchszeit von 10—3 Uhr— zumal wenn, wie eS die Regel ge- worden zu sein scheint, die Aufsichtsbeamten schon zwischen'/z und a/43 Uhr das Publikum zum Verlassen der Räume auffordern— ist so unglücklich ivie möglich gewählt. Berlin könnte hier wirklich ein- mal mit guten, Beispiel vorangehen. Ferner besitzt das Märkische Museum«inen sehr hübschen Vor- tragSsaal; wäre es nicht möglich, hier regelmäßig, wie es im Kunst- gewerbeinuseum und im Institut für Meereskunde geschieht, der Allgemeinheit zugängliche Lichlbildervorträge über märkische Themata zu veranstalten? Es gibt weite Kreise, die derartigen Borträgen ein großes Jntereffe entgegenbringen. Das Märkische Museum müßte zugleich eine Zentrale für alle Freunde der Mark sein. •) Diese Führung durch das Märkische Museum, das täglich (außer Freitag und Sonnabend) von 11—3 Uhr geöffnet ist, wird in den nächsten Wochen sortgesetzt, und zwar wird ein in sich ab- geschlossener Artikel jeweils am Sonnabend erscheinen. Wer das Museum nicht so oft zu besuchen gedenkt, tut gut, die einzelnen Führungen aufzubewahren. Der Hauptwert eines ProvinziaimuseuniS liegt darin, bah eS eine hervorragende Bildungsstätte für die einheimische Bevölkerung darstellt. Zu dem allgemeinen tritt hier das überall stark ausgeprägte Lokolintercsse; unwillkürlich wird die Neugier zu einer kritisch nach» prüfenden Betrachtung. Vieles, an dem man drauhen achtlos vorbei- gegangen, taucht bier auS der Erinnerung auf und verbindet sich mit dem hier Geschauten zu einem zusammenhängenden Bilde. Wer cinigermahen die Mark kennt, wer ihre Natur beobachte hat, wem ihre kulturelle Entwirkelung, ihre geschichtlichen Schicksale vor Augen stehen, für den ist eS ein einzigartiger Genuß, diese Räume zu durchwandern; keine illustrierte Hcimatskunde, und seien die Bilder noch so gut und noch so zahlreich, kann sich damit messen. Mer ivie wenige keimen die Mark! Wie gering sind die Kenntnisse, die unsere Schulen über die märkische Heimat vermitteln I Nur selten gehen sie über Hohenzollerndaten und-taten hinaus, für alles andere ist keine Zeit. Diese Lücke, soweit eS der beschränkte Raum einer Tages- zettung zuläht,, wenigstens etwas auszufüllen, soll in folgendem versucht werden. Nicht als ob dadurch der von der Verwaltung herausgegebene Führer, der in seiner Art als Katalog gut und dabei doch billig ist, entbehrlich gemacht werden soll; wir wollen vielmehr in einer Reihe von Bildern mit wenigen Strichen die natürliche und kulturgeschichtliche Entwickelnng der Mark festzuhalten suchen. Wa-Z tot und starr in den Kästen und Schränken des Museums aufbewahrt wird, soll auferstehen und davon zeugen, wie die Mark zu dem ward, was sie heute ist. 1. Der Boden der Mar!(Raum Ist— 14). Neben Proben der einzelnen GesteinSarten und den Fossilien der verschiedenen Erdperioden verdienen die ausgestellten Karten und die Phorographien an den Wänden gleichmäßige Beachtung. Vielleicht entschließt sich die Verwallung zu einer Vermehrung des Bilder- Materials. Nicht etwa durch Plakatierung der Wände: aber es dürfte sich doch sowohl in der geologischen wie' auch in der biologischen und schließlich auch in anderen Abteilungen ein kleines Plätzchen an einem Fenster finden zur Aufstellung eines mit einer Drehvorricktung ver- teheuen Spektroskops oder Diopters, wie sie z. B. mehrfach im Museum für Völkerkunde im Gebrauch sind. Abbildungen von charakteristischen Landschaften, Tieren(in Ausnahmen nach dem Leben, am besten in natürlichen Farben). Menschen- und Häusertypen. 5kirchen, Dorf- anlagen, Gewerben usw., zu Serien vereinigt, dürften von hohem instruktiven Wert sein und den Beifall aller Besucher finden. Seit den ersten Tagen der menschlichen Kultur ging die ganze Tendenz ihrer Entwickelnng darauf aus, die Natur dein Menschen dienstbar zu machen; zuerst wurden mehr ihre Produkte, heute werden vorwiegend die Raturkräfte ausgebeutet. Trotzdem ist die Abhängigkeit des Menschen von der Natur geblieben. Wie die ganze politische Geschichte, die ganze Entwickelnng unseres Geisteslebens gewissermaßen nur ein Extrakt der jeweiligen ökonomischen Verhältnisie ist, so beruhen diese wiederum auf dem natürlichen Fundament des Bodens und des Klimas; eine Wirtschaftsgeschichte ohne Berücksichtigung dieser beiden Faktoren ist ein Unding. Sie üben ihren Einfluß nicht allein auf die Tiere und Pflanzen, sondern auch auf den Menschen. Gerade die Geologie ist berufen, viele Erscheinungen in unserem Wirtschaftsleben zu erklären. So richtet sich je nach der Zusammensetzung des Bodens seine Bewirtschaftung. In der Mark mit ihren weiten, wenig ergiebigen Sandstrccken lohnen nur wenige und erst spät der Besiedeluug zugänglich gemachte Gegenden, wie Oder- und Warte- bruch, den kleinbäuerlichen Betrieb. Die Folge war in de» Zeiten, als der Ackerball noch die HaupterwerbSquelle war. eine dünne Bevölkerung und extensive Bewirtschaftung des Bodens. Die Bode nge st alt eines Landes begünstigt oder erschwert den Verkehr und damit den Handel: deshalb erlangte die Mark ihre große Be- deuwilg im Zeitalter der Industrie infolge ihrer bequemen Zugäug- lichleit: ein verzweigtes Netz schiffbarer Wasserstraßen ermöglichte «inen billigen Transport, und da die Niveauunterschiede in der Mark durchweg sehr gering sind, so stellten sich dem Bau von Eisen- bahnen keine Schwierigkeiten entgegen. Die Industrie aber ist ab- hängig von den Schätzen de? Bodens; und die Mark bringt Lehm und' Kalk zum Bauen,' Braunkohlen zur Feuerung, ganz abgesehen von dem größten bisher bekaiinten Steinsalzlager der Erde bei Sperenberg, südlich von Berlin, das aber vorläufig noch nicht auS- gebeutet wird. Ziemlich gleichmäßig breitet sich über die ganze Mark Branden- bürg eine Decke aus Sand und Lehm, gleichsam den Torso eines früher hier vorhandenen höheren Gebirge? verhüllend, das tief unten begraben liegt nud von dem nur einzelne spärliche Reste hier und da zutage treten. Unsere Mark ist der westlichste Ausläufer der un- geheuren russischen Tafelscholle, in ihren einzelnen Schichten allerdings nicht so ungestört wie dort; denn hier übte noch die FaltuugSencrgie der mitteldeutschen Gebirgszüge ihre Wirkung aus, schuf Grabcn- einbrücke und Verwerfungen— eS ist nicht unwahrscheinlich, daß verschiedene tiefergelegene Stelleu wie das Overbruch ursprünglich hierauf zurückgehen— und türmte Schollen wie die der Rüders- dorfer Kalkinsel hoch empor. Jedenfalls aber ist der Boden der Mark so ehrwürdig alt und gefestigt, daß hier eine gebirgsbildende Tätigkeit und damit Erdbeben und ähnliche Katastrophen, die nur geologisch jüngere Gebiete unserer Erde treffen, nicht zu er- warten sind. Kleines Feuilleton. Die zunehmende Verödung unserer heimischen Natur beklagt ein Aufsatz des Zoologen Dr. Kurt Floericke im neuesten Hefts des .Kosmos".„Niemals wohl." heißt es dort,„hat der Mensch un- finniger, grausamer und rücksichtsloser unter der Tier- und Pflanzen» weit gehaust, als während der letzten fünf Jahrzehnte". Es ist in der Tat eine grausame Ironie des Schicksals, daß gerade in dem vielgerühmten„Zeitalter der Natnrwiffenschasten" diese Verhunzung der Natur vor sich gegangen ist, die der Verfaffer eingehend schildert. Zunächst wurden von der Ausrottung natürlich die Tierarten be- troffen,„die von der Natur aus infolge ihrer Nahrung als Mit- bewerber für den egoistischen und engherzigen Menschen in Betracht kommen, also vor allem die Raubtiere und Fischfreffer. Wo sind sie bin. die Reiher- und Kormoran- kolonien, die Bären, Luchse, Wildkatzen, Nörze und so viele andere, wo sind die Steinadler geblieben und die Bartgeier, an deren Herr- lichem Fluge sich noch vor ein paar Jahrzehnten jeder Besucher der Alpen erfreuen konnte? In die entlegensten Wildniffe sind fie ver- drängt, und auch dorthin folgt ihnen unerbittlich der Jäger." So haben auch die Fischerciberechtigten selbst der harmlosen Waffer- amsel und dem wunderschönen Eisvogel, diesem fliegenden Edelstein unserer Gewässer, den Krieg erklärt"— kein Wunder, daß unsere Natur unter diesem schonungslosen Kampfe immer mehr verödet, und daß es in unseren Wäldern und Fluren unheimlich still zu werden beginnt. „Jedoch die Natur läßt sich nicht spotten, sich nicht ungestraft verhunzen. Sie wehrt sich gegen die selbstsüchtige Herrschast, die der Mensch über sie ausüben möchte, und schon machen sich allenthalben die schädlichen Folgen dieser kurzsichtigen und einseitigen Behandlung geltend, die ihr gegenüber Platz gegriffen hat. Die Wälder liefern nicht die Erträge, auf die der Forstmann glaubte rccbncn zu dürfen, denn die Verwandlung in einförmige, gleich» mäßig abgeholzte Bestände bot der verheerenden Gewalt der Stürme fteies Spiel, begünstigte den Ausbruch von allerlei Pflanzenkrankheiten und die unheimliche Vermehrung der verschiedensten forstschädlichen Insekten; die Vernichtung des Unterholzes hat in vielen Gegenden schwere klimatische Nachteile mit sich gebracht. Die rasche Abnahme der Singvögel hat ein Ueberhandnehmcn der Pflanzeusckiädlinge in der Kerbtierwelt bewirkt, und selbst die schonungslose Vernichtung des Raubzeuges ist nicht ohne verhängnisvolle Folge» geblieben---- Unsere Zeit hat manche neuen Werte moralischer und ästhetischer Art geprägt, die sich rasch entwickelt haben. So ist cS auch mit der Naturschutzbewegung gegongen.... Und eS war auch höchste Zeit, daß in dieser Beziehung eine Aenderung eintrat. Der Ruf „Zurück zur Natur" erschallt immer mächtiger. und inmier gewaltiger wird die Sehnsucht, die uns unwider- stehlich zurückzieht zur Allmuttcr und ihren Geschöpfen.... Vorgeschrittene Geister haben das Nützlichkeitsprinzip als völlig un- genügend verworfen. Wir wollen z. V. einen Vogel nicht deshalb schützen, weil er vielleicht schädliche Insekten vertilgt, sondern wir wolle» den Vogel schützen um des Vogels selbst willen, weil er in seiner Art ein Yerrlicke-Z Geschöpf ist, ein Dichtergedanke gewiffer- maßen der schaffenden Natur, weil ohne die anmutigen Bewegungen, die bunten Farben und die lieblichen Gesänge unserer Vögel unsere Wälder und Fluren unendlich öde, tot und traurig erscheinen würden. Deshalb trachtet die moderne Naturschutzbewegung, alle Geschöpfe nach Möglichkeit zu erhalten, ganz besonders aber solche, die durch unsere Kultur schon dem Aussterben nahe gebracht worden sind, gleichviel, ob sie dieser Kultur nützlich oder schädlich sind. Und wie init den Tieren, so verhält es sich auch mit den Pflanzen. Keinen unserer herrlichen kraftstrotzenden Waldbäume. keines der lieblichen Blumenkinder mochten ivir in unseren Forsten missen. Alles bildet ja ein zusammengehöriges, unauflösliches Ganzes, und eben dieses Ganze wollen wir uns erhalten, wenn eS natürlich auch nur streckenweise und in kleinen Restbcsiänden mög- lich sein wird. Die neueste Richtung der Naturschutzbcwegung geht deshalb darauf hinaus, Naturrefervate zu schaffen, und kleine Anfänge dazu sind ja auch schon gemacht worden. Aber bei alledem, so schön und so wertvoll und so nachahmenswert eS auch ist, handelt es sich immer nur um kleine Fleckchen Erde, deren Erhaltung zwar die Rettung eines hübschen Naturbildes bedeutet, der unendlichen Not des Ganzen gegenüber aber doch niemals von nachhaltiger Wirkung sein kann. Und doch muß gerade in der Erhaltung des Ganzen, des typischen LandschaftsbildeS mit seiner gesamten' Fauna und Flora unsere Hauptaufgabe liegen, in der Schaffung eines möglichst großen Naturschutzparkes, also eine Art Vellowstone-Park im kleinen!" Dazu mitzuwirken, lädt nun ein Ausruf des„Kosmos" seine Mitglieder und alle Freunde der heimischen Natur, im Verein mit dem»Dürerbund" und dein„Oesterreichischen Reichsbund für Vogel- künde und Vogelschutz, Wien", ein. Der„Kosmos", dessen Geschäftsstelle(Stuttgart, Pflzerstr. 5) gerne nähere Auskunft erteilt, hat sich bereit erklärt, bis auf weiteres alle Vorarbeiten unentgeltlich zu besorgen. Sobald für gesicherte Weitereutwickelung Gewähr gegeben ist, wird er dann zurücktrete». um die fernere Ausgestaltung einer eigenen Organisation zu über- lassen. Verantwortl. Redakteur: KanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstalt Paul Singer LeTo.. Berlin L V.