Anterhaltungsblatt des Horwürls Nr. 77. Donnerstag, den 22. April. 1909 (CJ!ai$6tu4 bervoten.) 70] Vag tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g. Der Krampf war fort, die furchtbare Erregung hatte nachgelassen, sie war sich wieder ihrer selber klar bewußt. Oh, was hatte sie getan! Das Zeugnis, das würde so schlecht aussallen, wie noch keins zuvor. Keinen andren Dienst würde sie danach mehr bekommen. Und der Winter war vor der Tür. Und die Lust zur Arbeit auch nicht da— nein, gar keine Lust! Ganz fassungslos, schwach wie ein Kind, sich auflösend in tränenreiches Weinen, kauerte sie auf einem Schemel im Winkel der Küche. Und das Weinen wurde wieder zu einem Krampf, zum lauten, schluchzenden, schreienden Gejammer: sie konnte gar nicht aufhören damit, es schüttelte sie und stieß sie und rüttelte sie durch und durch. Und dann mußte sie lachen, über sich selber lachen, daß sie so laut weinte. Es war doch komisch gewesen, die Angst von der Haberkorn zu sehen! Ja, viel hätte nicht gefehlt, und es wäre der an den Kragen gegangen. Als sie die Knochen der Alten unter den Händen gefühlt, da war's wahrhaftig gewesen, als sollte sie die an der Gurgel packen, ihr die Kehle zuhalten, bis sie nicht mehr schreien konnte— ha, nicht einmal mehr japsen! Berta hörte auf zu weinen und zu lachen. Aus ihrem Winkel aufschnellend, reckte sie sich in ihrer ganzen schlanken Jugend. Hier war's aus, ja— aber es war doch noch nicht alles aus! Sic war jung, jung und hübsch. Ging's hier nicht wehr, ging's wo anders. Aber wo--? Nach Hause—?! Ein häßliches Lächeln zog Bertas Mundwinkel herunter: da konnte sie ja mit der Mutter zusammen schnapsen. Nein, nein! Aber wohin denn?! Vor Bertas umherfahrcnden Augen stand plötzlich ein Bild. Sie sah sich im Gewühl des Miets- bureaus und sah den Dicken vor sich stehen und hörte deutlich seine Stimme.----„Achtzig Taler! Wenig Arbeit! Und wenn's Ihnen oben zu langstielig wird, dann kommen Sie eben runter, da is immer was los. Wer weiß, Sie machen da noch Ihr Glück!"----------- Warum nur war sie so töricht gewesen, dies Anerbieten auszuschlagen, sogar fortzurennen?! Oh, so dumm! Sie fing nun wieder an zu weinen, schlug sich vor den Kopf und schluchzte herzbrechend. Ratlos saß sie da. Drinnen dröhnte die Wanduhr elf. Von der Haberkorn war kein Laut zu vernehmen, die ließ sich nicht mehr sehen, das war auch gut, sonst—! Berta ballte die Fäuste, die ganze, unbezähmbare Wut kam wieder über sie, in ihren Augen glitzerte es drohend. Die, die war schuld daran, wenn sie auf die Straße kam! Auf die Straße--- 1 Plötzlich war der Gedanke da. Ohne Anklopfen war er eingetreten, und nun stand er vor ihr, jeder Hülle bar. ganz nackt, und grinste sie an. Und sie sah die Straße. Im Wind flackerten die Laternen, am zerfetzten Himmel blitzten die Sterne mit kaltem, grau- samem Funkeln. Vereinzelte Frauengestalten wankten übers Trottoir, standen beim Laternenpfahl still und sahen sich suchend um. An der Ecke tauchte ein Schutzmann auf— und man sah seine Knöpfe Klinkern— da wankten die nächt- iichen Gestalten weiter, huschten fort, vom Winde getrieben. Auf der Straße— huh! Sie fühlte einen Schauer und rang die Hände. Aber was blieb ihr sonst übrig?--- Und wieder stand Herr Lehmann vor ihr. Er lächelte sie breit an und zwinkerte ihr vertraulich zu: und doch war's ein geschäftskundiger Blick, mit dem er sie tarierte. Hatte er nicht recht, paßte sie nicht dazu, einzllschenken, zu kredenzen, zu animieren?-- Da war's warm, da pfiff der Wind nicht, wie auf der nächtlichen Straße, und kein Schutzmann jagte einen auf: Und wenn die anderen tranken, konnte man selber auch trinken — Bier, Wein, Likör— ha, viel, viel! Trinken: Sauren trinken, Süßen trinken, wonach es einen gelüstet! Lechzend fuhr ihre Zunge über die vertrockneten Lippen Nicht mehr dienen! Ehe sie wieder dienen ging—« lieber sterben! Auf der weißen Küchenwand zog's an ihr vorüber: Schatten, Schatten, müde Schatten. Da war manch eine darunter, die sie gekannt. War sie nicht auch selber dabei?! Mit einem tiefen Seufzer schlug sie die Hände vors Gesicht und bebte in fröstelnden Schauern. Wie die Schatten sie quälten! Sie sah sie auch bei ge« schlosscnen Augen.--- Sie reichten sich die Hände, sie schlössen einen Kreis um sie.„Dienen, dienen, ewig dienen," ächzten sie ihr ins Ohr.---------- Nein! Sie schrie laut auf. Nicht mehr dienen! Auch einmal herrschen, wie andere herrschen! Sich einmal nicht mehr schinden, sich nicht mehr hin- und herjagen lassen, sich nicht mehr ducken, sich nicht mehr die Nägel abarbeiten: nur um das bißchen tägliche Brot! Auch genießen! Ein Haß hob sich in ihr, sie wußte selbst nicht gegen wen; und eine unbestimmte Vorstellung von:„herrschen, herrschen". Sich dehnend, reckte sie die Arme gegen die getünchte Küchendecke, an der die zitternden Lichtkringel tanzten. Ein kaltes, grausames Lächeln hob ihre Oberlippe: sie dachte an all die Männer, die ihr schon nachgestellt hatten. Nun würde sie ihre Macht erproben können„im Restaurant mit Damen- bedienung".„Bedienung?!"— O nein! Den Fuß wollte sie ihnen auf den Nacken setzen und— herrschen! Ein harter, stählerner Glanz veränderte das Blau ihres Auges. An den Herdrand gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, leise mit der Fußspitze wippend, stand sie sinnend. Das kalte, grausame Lächeln blieb auf ihrem Gesicht- 34. Die alten Rcschkes im Keller hatten ihr Pianino ver- kaufen müssen, das Klavierfräulein war ja ohnehin längst ab- geschafft: Elli hatte keine Tonleiter mehr geübt, nur mit einein Finger geklimpert:„Ach du lieber Augustin, alles ist hin!" Es ging ihnen schlecht, sie brauchten bar Geld: der Händler, von dem sie ihre Ware bezogen, wollte nicht länger mit seiner Forderung warten. Hundertzwanzig Mark brachte das Klavier: wenn's nicht so feucht gestanden hätte, würde es gewiß zweihundertzwanzig gebracht haben. Aber nun waren sie wenigstens wieder auf ein Weilchen flott, ein neuer Pump konnte angelegt werden. Immer weniger Mägde kamen in den Keller: die machten nun ihre Einkäufe lieber in einem dritten Grünkram, der sich vor kurzem in der Göbenstraße aufgetan hatte. Der war ganz modern eingerichtet, hatte einen Automaten, der, nach Einwurf von zehn Pfennigen, ein Parfümfläschchen spendete und eine Ansichtskarte und noch fünf Pfennige wieder heraus- gab, und— der Besitzer, ein junger Mann, der mit seiner alten Mutter hauste, war noch unverheiratet. Frau Reschke brauchte sich jetzt nicht mehr über den ewigen „Radau" zu beklagen, die Klingel ertönte nur selten, und dann ganz zahm, wie verschämt leise. Kinder kamen, die für fiinf Pfennige einholten, und ein paar alte Weibchen aus der Nachbarschaft. Hätte die Reschke noch den früheren Unternehmungsgeist besessen, so würde sie zur Weihnachtszeit allerlei Ucber- raschunaen in Szene gesetzt haben, die unfehlbar Käufer herbeigelockt: aber der„Mumm" war ihr, wie sie selber sagte, abhanden gekommen. Stundenlang konnte sie allein im Laden herumtreten und immerwährend vor sich hinbrabbeln: das Schwatzen war ihr nun einmal zur zweiten Natur geworden. So und so oft wiederholte sie dieselbe Geschichte, und wcnn'S dazu kam, hatte sie den richtigen Hergang total vergessen. „Aber, Mama, die Jeschichte haste mindestens schon fufzig Mal erzählt," pflegte Elli zuweilen loszuprusten,„un denn war's ja jar nich so! Quatsch! Du verquasselst ja allens!" „Laß Muttern doch," sagte dann der Vater wohl und plinkerte mit den trüben Augen.„Na, los, Amylchen, wie war's noch man?s" In den novembcrgrauen Tagen mußte man im Keller von früh bis abend die Lampe brennen: nur über Mittag gab's eine Stunde spärliches Tageslicht. Der alte Mann glaubte in seinem Leben die Dunkelheit nicht so schwer enipftinden zu haben, wie jetzt. Und wenn er 8U Artur und Mine in die Alvenslebcnstraße kam, war's da auch nicht viel Heller: die wohnten parterre in einem Hof, der nicht viel weiter war, als ein Schlot, und in ihre Kammer und Küche warf die Wintcrsonne nie einen bleichen Schein. Wenn nicht das Enkelkind gewesen wäre! Es hatte hell- blonde Härchen, wie Trude einst gehabt, nur daß deren Haar viel voller und seidiger gewesen: später war es so schön nuß- braun geworden. Der Großvater nahm oft die Kleine auf den Schoß und drehte ihre dünnen Strähnchen um seine groben Finger— ach, locken wollten sich die Haare nun gar nicht I Er machte ein sehr ernsthaftes Gesicht dabei und Fricdchen auch: die war schon so ein verständiges Kind, die jay's den Ihren an den Augen an, ob sie lachen durfte oder ganz mucksmäuschenstill sein mußte. Statt der Sonne sah ein bleiches Gesicht durch die 'Scheiben von Kammer und Küchenfenster— das war die Sorge. Es wollte Artur gar nicht glücken, dauernde Arbeit zu finden: höchstens einmal für acht Tage, dann war's wieder ans. Nicht immer war es seine Schuld, und daran klammerte er sich in seiner Verbissenheit. Konnte er dafür, daß es schon -Anfang November Stein und Bein fror?! Ta hatte er Vcr- dienst gehabt als Steinträger beim Bau: und wenn ihm auch die schweren Mulden fast die Schulter zerdrückten und ihm beiin ungewohnten Leitersteigen schwindelte, der Verdienst war endlich einmal gut gewesen. Acht Tage hatte es ge- dauert, und dann kam Schnee, Glatteis, der Mörtel hielt nicht— aus war's. Aber eine Erkältung hatte er sich dabei weggeholt, die war nicht so leicht los zu werden. Obgleich ihn Mine in alles einpackte, was sie besaß, ihm abend im Bett ihre Unterröcke um die Füße wickelte und ihn fest in den Arm nahm, doch lag er die ganze Nacht klappernd vor Frost, und erst am Morgen, gerade wenn er aufstehen mußte, wurde er warm. Seine Mutter wollte ihm einen Tee gegen den Husten kochen, da fuhr er sie an:„Hättste mich man eu Handwerk lernen lassen, denn brauchtste mir jetzt keinen Tee zu kochen. Trink Deinen Soff alleine I" Ein Glück war es, daß Mine ihre Wasch- und Putzstcllcn hatte, so konnte man wenigstens die erste Miete pünktlich bezahlen. Anfang Oktober hatte Mine sogar zu viel zu tun gehabt, jeder wollte vor dem Winter gründlich reingcniacht haben, und bei de» Leuten, die umzogen, sollte sie auch helfen. Sie konnte-beim besten Willen nicht allen gerecht werden; man nahm's ihr übel, und so verlor sie Stellen, auf die sie fest gerechnet hatte. Ende Oktober wurde sie viel weniger verlangt, Anfang November noch weniger, und bald gar nicht mehr. Ob schuld daran war, daß sie Fridchen immer mit auf die Arbeit nahm? Die kam doch keinem in die Ouere, saß so still zwischen der schmutzigen Wäsche beim Waschfaß und spielte mit ein paar Klammern: die kleine Gestalt verschwand ganz im Laugen- dunst wie in einer Wolke. Wenn die Mutter Stuben rein machte, lief sie schon ab und zu, holte Besen und Schippe und las Schnippe! und Fädchen und Staubflöckchen mit ihren Iklcincn Fingern auf. Mittags pickte sie wie ein Vögclchen mit vom Teller der Mutter. Mine sagte sich, das konnte der Grund nicht sein, daß sie so wenig bestellt wurde. Endlich wurde es ihr klar gemacht: eine Dame, die ihr sehr wohl wollte, sagte ihr's, fast vorwurfsvoll: daß sie nun doch nicht mehr so schwer arbeiten dürfe, sich schonen müsse, und daß man natürlich jetzt gern die Rücksicht auf ihren Zustand nähme. Und die Dame schrieb sich genau die Adresse auf und versprach ihr, sie nachher gewiß wicderzunehmen. Schonen—?! Mine lächelte trüb, wenn sie daran dachte. Ach, die beste Schonung wär ihr gewesen, wenn sie jeden Tag satt zu essen gehabt, wenn Fridchen nicht manchen Abend kläg- jich gesagt hätte:„Friedchen noch Hunger hat!" Ganz hungrig waren sie zwar bis jetzt noch nicht zu Bett gegangen, aber Mine lag manche lange Winternackt mit offen Augen und sah der Zeit entgegen, da ihnen der Magen knurren und in dem Ofen, der so viel verschlang und doch die fußkalte Wohnung nicht erwärmte, kein Feuer mehr brennen würde. Tanw kam die Angst über sie, so daß sie mitten in der Nacht ihren Mann anstieß:„Du, Arturl Wcnn's nur erscht Frühjahr wär!" „Na, wenn schon," erwiderte er, und in seiner Stimme lag die ganze trostlose Erkenntnis.— Eines Tages hatte Mine einen guten Gedanken. Es lasen doch so viele Menschen den„Lokal-Anzeiger", da konnte man gewiß noch eine Frau zum Austragen gebrauchen. Sie hatte sich erkundigt— siebzehn Mark den Monat—, viel war's nicht für eine ganze Familie, aber wenn Artur wieder leidlich gesund war, fand der wohl auch einen kleinen Ver» dienst. So hing sie sich einen Schal um, der ihre Gestalt ver- deckte, und— sie wußte selbst nicht, was sie zu ihrem„Dusel"- sagen sollte— sie wurde als Zeitungsträgerin angenommen, Jeden Morgen in der allerfrühesten Frühe fand sie sich" nun in der Filialexpedition des„Lokal-Anzeigers" in der Bülowstraße ein, und nachmittags wieder, und holte sich ihr Teil. Tie Schwiegermutter hatte den alten Kinderwagen geborgt, darin fanden Fridchen und die Zeitungen Platz, lFortsetzung folgt.) IVlUben und Mlbenplage. Von Dr. T h e s i n g. Im Verlaufe der letzten Monate erhielt ich mehrfach von Lesern meiner naturwissenschaftlichen Aufsätze verzweifelte Zu- schriften, in denen über eine merkwürdige Insektenplage Klage er-- hoben wurde, unter der die Betreffenden in der letzten Zeit viel zu leiden hatten. Ter Inhalt der Schreiben war im wesentlichen folgender: Seit einiger Zeit hätten sich in ihren Wohnungen win° zige Tierchen gezeigt, die zuerst nur vereinzelt aufgetreten und von ihnen wenig beachtet wären. Von Tag zu Tag hätte das Un-- geziefer aber an Zahl zugenommen und jetzt wüßten sie sich gar nicht mehr vor diesen schrecklichen Plagegeistern zu retten. Alle Möbel, die Wäsche, Betten, Kleider und Geschirr ivären Morgen für Morgen wie mit einem dichten, weißlichen lebenden Staube bedeckt und alle Mittel, die sie bisher zur Bertreibung angewandt hätten, wären wirkungslos geblieben. Vielleicht wüßte ich einen Rat, wie man der Plage Herr werden könnte. Nach der Beschreibung vermutete ich sofort, daß es sich uin ein Wicderauftrcten der Milbenplage in Berlin handelte, wie man sie im Verlaufe der letzten Jahre dort schon mehrfach beobachtet hatte. Zur größeren Sicherheit ließ ich mir eine Anzahl der Uebcltätcr einsenden, und die mikroskopische Untersuchung zeigte mir auch sofort, daß ich mit meinem Verdacht auf der rechten Spur war und daß die eingeschickten Tiere Angehörige der gemeinen Ha-usmilbe, GIz-cipKax»s domesticus, wären. Da wahrscheinlich auch noch zahlreiche andere Familien unter dieser Milbcnplage gegenwärtig zu leiden haben, ist es vielleicht ganz angebracht, wenn ich hier etwas näher auf die Lebensweise der M-ilben und die wirk- samste Art ihrer Bekämpfung eingehe. Leider kann ich ein sicheres Universalmittel nicht empfehlen, wir stehen diesen Quälgeistern trotz zahlreicher Versuche noch immer ziemlich machtlos gegenüber, doch vermag man wenigstens der Gefahr einer Milbenverseuchung seiner Wohnung vorzubeugen. In den folgenden Ausführungen folge ich, soweit nicht eigene Erfahrungen zugrunde liegen, den sorgfältigen Untersuchungen F. Ludwigs, der sich eingehend mit dieser wichtigen, in den einschlägigen Lehrbüchern der Zoologie aber bisher fast gänzlich vernachlässigten Frage beschäftigt hat. Die Milben sind nahe Verwandte der Spinnen, von denen sie sich aber vor allem durch ihren gedrungenen, plumpen Körper, den keinerlei Gliederung in Vorder- und Hinterleib erkennen läßt, unterscheiden. Gleich den Spinnen besitzen sie vier Paar Beine, die bei den einzelnen Arten von sehr verschiedener Länge seil» können. Die Körpcroberflächc ist meist mit zahlreichen langen, borstenförmigen Haaren bedeckt, die den Tieren— unter dem Mikroskop betrachtet— ein abschreckendes Aeußcrcs verleihen. In ihrer Organisation stehen die Milben sehr viel niedriger als die übrigen Spinntierc. Von Sinnesorganen findet man nur ein bis zwei Paar einfache Punktaugen, doch können auch diese fehlen. Das Nervensystem ist zu einer einzigen, Gehirn und Bauchmark vereinigenden Ganglienmasse verschmolzen, die im vorderen Körpcrabschnitte gelegen ist. Nur in seltenen Fällen findet sich, so z. B. bei dem bekannten Hundeholzbock, Ixodes ricinus, und wenigen anderen Familien im Hinterleibe ein kurzes, sackförmiges Herz. Auch besondere Atmungsorgane können fehlen, und es erfolgt dann die Atmung durch die gesamte Körpcrobcr- fläche. Sehr wechselnd in ihrer Ausgestaltung sind die Mund- Werkzeuge der Milben, die entweder zum Stechen und Blutsauger« oder zum Beißen eingerichtet sind. Die umfangreichsten Gebilde stellen der Darmkanal mit seinen Speicheldrüsen und die Ge- schlcchts- und Harnorgane dar. Die Milben vermehren sich durch Eier, aus denen in der Regel winzige, anfangs nur mit drei Beinpaaren ausgerüstete Larven schlüpfen, die sich dann mittels einer ziemlich umständlichen Me- tamorphose(Umwandlung) allmählich zum geschlcchtsreifen Tiere entwickeln. Man kennt gegenwärtig nicht weniger als etwa tausend ver- schiedene Milbenarten, die sowohl hinsichtlich ihrer' Lebensweise wie in ihrem Bau sich vielfach voneinander unterscheiden. Wie ich schon hervorhob, sind die meisten Milben winzig kleine Geschöpfe, die man nur mit Hilfe eines Vcrgrötzcrungsglases deutlich zu er- kennen vermag, und selbst die größten Vertreter dieser Ordnung erreichen höchstens«ine Länge von einem halben Zentimeter. Die bekanntesten und weitaus gefürchtetsten Milbcnarten sind die nur etwa 0,25 Millimeter messenden Krätzmilben(Larcoptes scabiei, S. minor u. a. m.), die als lästige und gefährliche Schma- rotzer den Menschen und seine Haustiere heimsuchen. Die ge- schlechtsreifen Weibchen graben in die.Haut ein bis mehrere Zen- timeter tiefe Gänge, in die sie ihre zahlreichen Eier ablegen. Vier bis acht Tage später schlüpfen die sechsbeinigen Larven aus, vollenden in etwa vierzehn Tagen die Entwickelung zum gcschlechts- reifen Tier und setzen eifrig das Zerstörungswerk fort. Bei ihren Minierarbeiten zerstören die Parasiten auch die Haarwurzeln und erzeugen dadurch den bekannten als Krätze oder Räude bezeich- neten, mit starkem Haarausfall verbundenen, juckenden Hautaus- schlag. Die kleine, auf Katzen und Kaninchen schmarotzende Milbe, Sarcoptes minor, verursacht sogar häufig den Tod der befallenen Tiere. Auch noch verschiedene andere Milbenarten bringen sich als menschliche Parasiten gelegentlich in recht unerfreuliche Erinnc- rung. Wohl schon jeder hat mal von einem Ausfluge aus dem sommerlichen Wald« als unerwünschtes Andenken den schon vorhin erwähnten Hundeholzbock, Ixockeg ricinus, heimgebracht, der sich heimtückisch mit seinem Rüssel in die Haut gebohrt hatte, um Blut zu saugen. Der Biß des kleinen Patrons ist ungefährlich und wenig schmerzhaft. Will man aber den Blutsauger gewaltsam ent- fernen, dann bleibt gewöhnlich der Rüssel in der Wunde zurück und ruft empfindliche Entzündungen hervor. Das einfache Mittel, um den Parasiten rasch wieder loszuwerden, besteht in einer Ein- reibung mit Vaseline, Oel oder Petroleum, dann fallen die Tiere von selbst ab. Auck als Pflanzenschädlinge spielen einige Milbcnfamilien eine gewisse Rolle, wenn auch die angerichteten Verheerungen ohne große Bedeutung bleiben. Auf den Blättern unserer Birnbäume und Wcinstöcke usw. beobachtet man in manchen Jahren in reicher Zahl das Austreten kleiner, runder, anfangs gelblicher, mit der Zeit sich rot und braun verfärbender Flecken. Das Blattgcwebe ist an diesen Stellen aufgelockert und die Unterseite der Blätter etwas verdickt und vorgewölbt. Die Gärtner bezeichnen die Krank- heit als Milbcnsucht. Untersucht man diese„Gallen", dann findet man sie von kleinen farblosen Tierchen, den Birnblatt- und Wein- blattmilbcn(?Ii>toptus piri und vitis) bewohnt, die hier ihre Brut erziehen. Bei massenhaftem Auftreten leidet natürlich, da die ernährende Tätigkeit der befallenen Blätter stark beeinträchtigt ist, das Wachstum des Obstes. Das einzige Mittel, um gegen ein Umsichgreifen der Milbensucht einzuschreiten, bildet ein sorg- sältigcs Entfernen der ergriffenen Blätter im Frühling, sowie man die ersten Spuren der Erkrankung bemerkt. Auch die söge- nannten Spinnmilben(letrancluis telarius) können namentlich in Gewächshäusern, in denen sie die Unterseite der Blätter der Pflanzen mit dichtem, feinem Gespinnst überziehen, durch ihr massenhaftes Auftreten zu einer wahren Plage werden. Ihre Be- kämpfung geschieht am einfachsten durch ein Uebcrspritzcn der Ge- wüchse mit einer viertelprozentigen Lysollösung, Abwaschen mit Seifenlauge oder Ausräucherung mit Tabaksdampf. Wir wollen aber nicht allzu pessimistisch sein, es gibt auch nützliche Milben, das sind unter anderen die großen, oft prächtig gefärbten Samtmilben(TVombicknim holosericeurn), die mit raschen Bewegungen auf den Blättern und Zweigen der Sträucher umhereilen auf der Jagd nach Blattläusen und anderen kleineren Milbenarten. Ebenfalls dürfen die im Moose auf dem Boden oder auf Blättern lebenden, mit scherenförmigen Kiefern aus- gerüsteten Raubmilben((Zarnasus coleoptratorurn), die sich durch Vertilgung von kleineren Schädlingen der Jnsektenwelt nützlich machen, hierher gerechnet werden. Die Larven dieser Tiere hat Wohl jeder schon gesehen, findet man sie doch fast regelmäßig in großer Zahl auf der Unterseite der Mistkäfer, Totengräber und auch der Erdhummeln. Wie Kirby erzählt, befreien sich die Hummeln dadurch von ihren Quälgeistern, daß sie in einen Ameisenhaufen kriechen und sich die Milben von den Ameisen ab- suchen lassen. Ich kann nicht sagen, daß mir diese Beobachtung sehr glaubwürdig erscheint. Der Vollständigkeit halber seien end- lich noch die in unseren Teichen vorkommenden, durch ihre lebhafte Färbung auffallenden Wasscrmilben(Hjrdrachna globosa, Atax ypsilophorus, Eulais extendus und zahlreiche andere Arten) er- wähnt. Wenden wir uns jetzt den„Woh nu n gs m i lbe n" zu. Es sind eine ganze Anzahl verschiedener Arten, die hier in Frage kommen können. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich aber um ein Ueberhandnehmcn von Glycypbagus dornesticus oder von der Pflaumcnmilbe Glycypbagus prunorum. Nicht selten kann ober auch, wie Ludwig mitteilt, sowohl die gemeine Käscmilbe (Tyroglyphus siro), wie die Mehlmilbe l�leurodius karinae) zur Ursache einer kleinen Milbenplage der Wohnungen werden. Ge- wöhnlich macht sich die Plage zuerst bemerkbar, wenn die Wohnung längere Zeit unbewohnt gestanden hat, in anderen Fällen nimmt die Seuche ihren Ausgang von ncuangcschafften Polstcrsacheu. Wie bei allem Ungeziefer, so ist auch für die Ausbreitung der Milben Uusaubcrkcit die beste Gelegenheit, vor allem können herumliegende Speisereste leicht gefährlich werden, Dann hat es sich aber auch gezeigt, daß ein in neuerer Zeit gern verwandtes Polfiermateria?« ein Kokosnußfaserstoff, das„Gnn d'Afrique", mit Vorliebe von Milben bewohnt wird. Bei der ungeheuren Fruchtbarkeit der Tiere kann ein einziger Sessel«ine ganze Wohnung mit Milben überschwämmen, ist aber die Plage erst einmal ausgebrochen, so hält es ungeheuer schwer, ihrer Herr zu werden. Die gewöhnlichen Desinfektionsmittel versagen vollständig, als wirksam hat sich bis-- her nur die Anwendung von Schwefelkohlenstoff oder xantogcn- saurem Kali erwiesen. Vor allen Dingen soll sich aber, wenn Polstermöbel den Infektionsherd bilden, eine Ausräucherung in dem von Prof. Buchenau erfundenen Desinfektionskasten gut bl> währen. lieber Bau und Lebensweise der Hausmilbcn genügt das bereits Gesagte, nur auf eine Einrichtung, die bei der Ausbreitung der Käsemilbe eine Rolle spielt, möchte ich noch hinweisen. Im Entwickelungsgange der Tyroglyphinen tritt nämlich eine eigen- tümliche Larvenform, eine sogenannte Wanderlarve(Hypopus) aus, die sich mit Hilfe verschiedcngestalteter Hastapparate an Fliegen und andere Insekten anzuklammern vermag, um sich von diesen an irgendeine andere günstigere Lebensbedingungen ver- sprechende Stelle tragen zu lassen. Wie Ludwig hervorhebt, tut man daher bei der Bekämpfung der Milben gut, die Verfolgung auch auf die Stubenfliegen auszudehnen, i. JVIonograpbiem H. Spiero,„Geschichte der deutschen Lyrik seit Claudius'.-» Anna Schapire-Neurath,„Friedrich Hebbel".— E. Sieper, „Shakespeare und seine Zeit".— O. F. Walzel,„Deutsche Romantik".—(Sämtlich im Verlage von B. G. Teubner in Leipzig.) „Lessing" von R. M. Werner.—„Das klassische Weimar" von F. L i e n h a r d.—(Beide im Verlage von Quelle u. Meyer in Leipzig.) „Adalbert v. Chamisso" von Ludwig Geiger. Verlag Reclam.) Sammlungen wie„Aus Natur und Geisteswelt" oder„Wissenschaft und Bildung" sind sicher von hohem Wert. Und wenn sie nicht die überragende Bedeutung besitzen, die im Zeitalter des Diderot eine Enzyklopädie erlangen müßte, so leisten sie doch in der Kleinarbeit schätzbare Dienste. Aber das scheint mir mehr bei jenen Bänden der Fall zu sein, die da technische Fragen behandeln. Je mehr metaphysisch und gar rein ästhetisch, desto mehr spricht die persönliche Auffassung des jeweiligen Autors mit. Und was das bedeuten will, begreift jeder, der sich gegenwärtig hält, daß z. B. in literarhistorischen Dingen die Scherersche Schule heute immer noch als der Gipfel der Wissenschaft gilt. Und sie ist auch der Gipfel der bürgerlichen Literaturästhetik. Denn so nn-- bedeutend und überdies national-byzantinisch korrumpiert all die kleinen Scherer- und Schmidt-Sprößlinge auch sind: etwas Besseres (sprich: weniger Schlechtes) hat die bürgerliche Wissenschaft in diesem Fache nicht. Inzwischen ist es interessant, zu sehen, wie diese durch und durch ideologische Aesthetik immer häufiger hier und da einen schüchternen und sicherlich bewußten Ansatz zu tiefer gehender, materialistisch ge-- särbter Methode zeigt. ES ist ja freilich heute schon geradezu ein Kunststück, die Methode der materialistischen Geschichtsbetrachtung zu vermeiden. So gibt der Verfasser des Bändchens über„Shakespeare und seine Zeit" gleich als erstes Kapitel eine Uebersicht über den„politi- schen und wirtschaftlichen Aufschwung" Englands. Der Band zeichnet sich überhaupt durch das Ueberwiegen von Tatsachenmaterial vorteilhaft aus. Er enthüllt eine Fülle von Daten aller Art und wird auf diese Weise zum Nachschlagen wie zur Gewinnung einer Uebersicht sehr nützlich. Von den vorliegenden anderen Monographien gilt das weniger. Die„Deutsche Romantik" ist nichts weniger als populär gehalten und enthält überdies— was ja das Thema nahelegt— eine sehr subjektive Auffassung. DaS Bändchen soll„zu einer Grundlage für die Erörterung des Problems dienen, ivie auS dem reichen Ideen- schätze der Frühromantik die künstlerischen Formungen der jüngeren Romantik erwachsen." Diesem Zweck wird denn auch unbestreitbar entsprochen. Dem bescheidenen Titel des vorigen Bandes steht der anspruchS- volle einer„Geschichte der deutschen Lyrik seit Claudius" gegenüber. Diesem Gegensatz entspricht denn auch der des Wertes beider Schriften. Das erträglichste an dem Lyrikbändchcn würde noch die Lyrik sein, wenn die zahllosen Zitate nicht fast ausschließlich Bruchstücke wären! Tatsächlich bilden sie die Hälfte des Buches. Der Objektivität, die durch solches Darbieten des Stoffes vor- getäuscht wird, schlägt der persönliche Ton des(sozusagen) geistigen Bandes ins Gesicht. Statt charakterisierender Ausdrücke und Wörter gebraucht der Autor kritisierende. Seinen Standpunkt kennzeichnet genugsam die Feststellung, daß der Abschnitt Heine weiter nichts als eine Schimpfkanonade frei nach A. BarthelS ist.„Es kann natürlich gar keine Rede davon sein, daß Heine etwa der größte Lyriker seit Goethe ist..." Und dergleichen Zeug mehr. Die Verfasserin des Hebbel-Bändchens bietet in biographischen Teil sehr NiitzlicheS. Eine gewipe Opposition gegen den Mann Hebbel ist unverkennbar. Der theoretische Teil der Schrift ist sehr fleißig gearbeitet. Aber wenn das Buch schließt:„So versuchten wir auch, dem Leser Hebbel von all diesen drei Seiten(Mensch, Dichter, Denker) näher zu bringen, ohne künstliche Zusammen- bänge zu konstruieren, wo wir selbst sie nicht zu sehen vermögen"—, dann scheint mir doch, bei aller Verdienst- lichkeit des Nichtkonsiruieremvollens, das Sehvermögen nicht eben scharf und weitreichend zu sein. Lienhard, der Dichter, gibt ein Buch wie es eben jemand geben »nag, der sechs Bände„Wege nach Weimar" schrieb. Wer den Dichter Lienhard goutiert. wird diese Vorlesungen auch goutieren. Ich finde sie allesamt einfach unausstehlich,„.klassischer Idealismus der Zukunft" heißt das letzte Kapitel. Spricht diese Ueberschrist nicht allein schon mindestens sechs Bände? Das Buch über Lessing kann uns nach der„Lesfinglegende" s„die freilich oft weit von ihrem eigentlichen Thema abschweift und durch ihren Ton verletzt", sagt Werner) nichts bedeuten. Der Autor ist ein bekannter Durchschnittslitcrarhistoriker, der natürlich das gesamte Forschungsresultar am Schnürchen hat. Aber wie wenig es darauf ankonmit, beweist der in Klammern zitierte Satz. Gerade in dem, ivas Werner Abschweifen nennt, sehen«vir das Ein- dringen in die tieferen und Ivahren Gründe i und gerade der persön- liche Stil— der als verletzender Ton empfunden wird,— gibt einem Litcraturerzeugnis doch erst da? Recht, sich Buch zu nennen. Aber freilich, wer selber Kinder oder Bücher ohne Gesichter macht, der mag auch an denen anderer Leute keine Gesichter leiden. Ganz ohne Gesicht ist L. Geiger. Vergleichsweise berührt die bescheidene Art seiner Biographie fast shnrpathisch. Das Tatsächliche, das Slatistische, das Sekrctärsmäßige überwiegt. Und damit ist— für 20 Pf.— wahrhaftig ein branchbares Nachschlagehest geliefert. Die Wisienschast muß noch viel trockener werden. Ganz be- sonders die Aestbetik. Ein Diirchschaittseuropäer. der über nüchterne Tatsachen hinaus! chweist. kommt leicht in Gefahr, das zu pro- duzieren, ivas Schopenhauer dem Hegel vorwarf: Drei Viertel barer Unsinn lind ein Viertel korrupte Gedanken. Dr. Franz. kleines feuilleton. Unser weihe?„täglich' Brot". Die Gefahren des Weißbrotes, dem durch künstliche Bleichmittel eine besonders schöne Farbe der- tiehen wird, haben in letz.'er Zeit wiederholt die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Nunmehr liegt wieder eine Veröffentlichung vor, die die Wichtigkeit dieses Gegenstandes in ein Helles Licht rückt. Es handelt sich um einen im Auftrag der amerikanischen Regierung von der Landwirtschaftlichen Station in Nord-Dakora verfaßten Bericht, der das künstliche Bleichen des Mehlcs als äußerst bedenk- »ich erkennen läßt. Durch die Arnvendung von salpetriger Säure zum Bleichen werden giftige, den Diazoverbindnngen nahestehend« Stoffe erzeugt, und gleichzeitig wird eine chemische Umwandlung ver Eiweißbestandteile bewirkt. Während wässrige Auszüge gewöhn- licheu Mehles Kaninchen, ohne Schaden zu tun, eingespritzt werden konnten, bewirkten die entsprechenden Auszüge auS gebleichtem Mehl innerhalb weniger Stunden den Tod der Versuchstiere. Dabei war «s nicht zweifelhaft, daß die Giftwirkung nicht auf die Nitrite jjurückzufiihrcn war, sondern daß andere giftige Stoffe im Spiele waren. Auf Grund dieser Erfahrungen hat ein neues amcrikcmi- schcs Nahrungsmittelgesetz mit vollem Recht das mit salpetrig« sauren Präparaten gebleichte Mehl als gesundheitsschädlich vcr- boten. Leider ist jedoch die Ausfuhr von solchem Mehl nach Ländern, deren Gesetzgebung es nicht ausschließt, offen geblieben. Unter diesen Umständen gewinnt die Warnung an das Publikum, es möge sich nicht durch das schöne weiße Aussehen gewisser Brot- sorten verführen lassen, doppelt an Gewicht. Dabei ist noch zu be- achten, daß das vermehrte Auftreten der Blinddarmentzündung von mancher Seste auf gewisse Neuerungen im Müllereibetrieb zurück- geführt wurde, die den Kleber hart und unverdaulich machen. Es wäre gar nicht unmöglich, daß Brot aus Mehl, das mit Nitrose- dämpfen gebleicht worden ist, dabei eine Rolle spielte. Wenigstens deutet der Befund an den Kaninchenmagcn aus derartige Wir- jungen hin. Palaontologisches. Ein einzigartiger V erst e i neru n gS fn n d ist im amerikanischen Staat Wyoming gemacht worden. Es handelt sich um die Reste eines Tieres aus der berühmten Ordnung der Dmo- faurier, der riesenhaftesten Geschöpfe, die überhaupt jemals auf der Erde gelebt haben. Zu diesen gehört auch der vielgenannte Tiplo- doeus, dessen berühmtestes Skelett gleichfalls in Wyoming gefunden und ausgegraben wurde und von dem Carnegie einen Abguß in das Raturhistorische Museum in Berlin stiftete. Ferner find auch die Funde, die jüngst in Teutsch-Ostafrika von Professor Eberhard Fraas gemacht wurden und nun durch eine besondere Reichserpedi- tion ausgebeutet werden sollen, Ueberbleibsel von Riesentieren der- selben ausgestorbenen Gruppe. Di« neuest« Entdeckung zeichnet sich aber bor allen früheren in einem überaus wichtigen Punkt auS, da von dem jetzt ausgegrabenen Exemplar auch die Haut erhalten geblieben ist. Das Tier muß an einer trockenen sandigen Stelle ge« starben und lange Zeit der Sonne ausgesetzt gewesen sein, deren Strahlen den Riesenleichnam gewissermaßen in eine Mumie vcr- wandelt haben. Tann müßte er plötzlich durch eine Uebcrschwem- mung mit einer Schicht Saud umhüllt und so rasch und tief ein- gedeckt worden sein, daß die Haut keine Gelegenheit hatte, ausgc- weicht zu werden und zu zerfallen, sondern mit den Knochen in einen gewissen Zustand der Versteinerung überging und so er- halten blieb. Ter Fall ist ein durchaus eigenartiger und bei einem vor so langer Zeit untergegangenen Tiere überhaupt noch nicht vorgekommen. Wie viel Jahrtausende vergangen sind, seit der letzte Dinosaurier mit seinem kolossalen Leibe den Boden der Erde erzittern machte, läßt sich freilich nicht angeben, doch scheint die ver- mutungsweise angegebene Schätzung, daß 3 Millionen Johre seit- dem verflossen sind, eher zu niedrig zu sein. Selbstverständlich hat das Amerikanische Museum für Naturgeschichte diese große Merk« Würdigkeit für seine Sammlung erworben. Mediziuisches. Neber Gicht und Rheumatismus macht in der kchten Nummer der„Deutschen medizinischen Wocheiischrist" Prof. Dr. His, der Direktor der hiesigen Universitätsklinik für innere Krankheiten, sehr lebrreiche Ausführungen. Gehören Gicht und Gelenkrheumatismus namentlich bei älteren Leuten zu den häusigsten Leiden, so ist man über das Wesen und die Ursache dieser Erkrankungen doch keines- weg-? im klaren. Bei der Gicht, die typischerweise zuerst das Gelenk der großen Zehe zu befallen pflegt, um später häufig auch alle übrigen Gelenke zu ergreifen, findet in der Gelenkhöhle und ihrer Umgebung eine Ablagerung harnsaurer Salze statt, die eine Entzündung und die gesürchtcten Gichtanfälle herbei- führt. Warum die Harnsäure bei der Gicht sich in Form ihrer Salze in den Gelenken ablagert, in die sie durch da" Blut geführt wird, warirn, sie nicht wie beiin Normalen zu einfacheren Stoffen in den Körperzellen verbrannt wird, ist vorläufig ein Rätsel. Jeden- falls ist der sicherste Beweis für Gicht der Nachweis von Harnsäure im Blut, wenn nach His auch gewiß noch andere Symptome vor- handen sind, die mit der Harnsäure in keiner Beziehung stehen. Da der Stoffwechsel, die Verarbeitung der eingenommenen Stoffe im Or- ganismus, bei der Gicht gestört ist, bezeichnet man sie als eine Stoff- Wechselkrankheit und führt sie auf eine Störung des Puriiistoffwechsels zurück. Zu den Purinstoffen gehören die Harnsäure und deren zahlreiche Derivate(Abkömmlinge), die sich vielfach im Körper, namentlich im Fleisch finden. Harnsäure, also ein Purinkörper, ist beim Gichtiker stets im Blut vorhanden, während sie normalerweise nicht zu den Blittbestandteilen gehört. Prof. His ist nicht der weiwerbreiteten Meinung, daß Gicht nur eine Krankheit der Schlemmer darstellt und auf Exzesse im Effen und Trinken imbedingt zurückzuführen ist, vielmehr hält er eine angeborene Disposition, die fich in verminderter Widerstandsfähigkeit gegenüber den Schädlichkeiten ge- wisicr Rahrungs- und Genußmitlel äußert, für recht wesentlich. Die Statistik scheint allerdings dafür zu sprechen, daß zwischen zu guter Lebensweise und Gicht ein Zusammenhang besteht, dessen ge- nauere Ursachen aber noch ziemlich verborgen find. Ueber die Entstehung de? chromschen, nicht auf Gicht beruhenden Gelenkrheumatismus herrschen gleichfalls noch recht ge- trennte Ansicdten, ein Zeichen dafür, daß auch hier noch manches un- geklärt ist. Di« Gelenkknorpel und die Haut, die die Gelenkhöhle auskleidet, pflegen beim Gelenkrheumatismus zu degenerieren und sich zu enrzünden. Als Ursachen kommen Verletzungen. Infekt! onskrankheiten, wie namentlich Scharlach, Gonorrhoe, Syphilis, auch Tuberkulose in Frage, deren noch im Körper vorhandene Gifte auch an den Gelenken Schädigungen hervorzurufen vermögen. Viele Autoren nehmen für den chronischen Gelenkrheumatismus einen besonderen Erreger in Anspruch und halten das Leiden demgemäß für eine eigene Infektionskrankheit. Professor His hält auch hier eine erbliche Veranlagung für sehr wesentlich, namentlich in den zahlreichen Fällen, bei denen man für die Entstehung der Krankheit absolut keine Anhaltspunkte hat. Von großer Wichtigkeit ist die Diagnose Gicht oder Gelenk- rheumatismus für die therapeutischen Maßnahmen. Da ein Gicht- kranker zweckmäßig so ernährt wird, daß keine Harnsäure oder Harnsäure- bildenden Stoffe von außen in seinen Körper gelangen, also Fleisch- speisen vor allem, ferner Spirituosen, Kaffee und Kakao zu ver- meiden find, pflegt man ihn auf laktovegctarische Kost zu setzen, also mir mit Milch und Pflanzennahrung zu füttern. Diese diätettschen Borschristen bringen nun die Gefahr einer Unterernährung sehr nahe und eignen sich für bettlägerige, appetitlose Kranke sehr wenig. Sie sind nach HiS direkt unangebracht bei gewöhnlichen, nichtgichtischen Gelenkerkrankungen, da diese langwierig und zehrend zu verkaufen pflegen, andererseits nachgewiesenermaßen nicht mit einer vermehrten Harnsäurebildung in: Sinne der Purinswfflvechselstörnng, durch die die Gicht charakrcrisicrt ist, einhergehen. Es wäre darum un- angebracht, auch solchen Kranken die zweifellos mehr kräftigende Fleisch- oder gemischte Kost zu entziehen imd eine vegetarische statt deren zu geben. Diese muß vielmehr ausschließlich aus solche Patienten beschränkt werden, bei denen Gicht mit Sicherheit nach- gewiesen ist. verantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlag»aUfiali Paul Singer chCo..Berliu 3W.