Nnlerhaltimgsölatt des Vorwärts Nr. 78.' Freitag, den 23. April. 1909 Machdruck bCfEjlffl.l n] Das tägUcbe Brot. Roman von C. V i e b i a. Unermüdlich stapften ihre Füße durch SchneS und Schmutz: während sie in die Häuser ging, um an den Hinter- türen zu klopfen oder das Blatt unter die Strohmatte zu schieben, hielt Fridchen außen Wacht. Wenn nur nicht die vielen drei und vier Treppen gewesen wären! Mühselig, sich am Geländer haltend, mit ihren dicken und doch längst vom Schnee durchkälteten Schuhen große Tappen zurücklassend, keuchte Mine da hinauf. Sie wurde immer später mit Aus- tragen fertig wie andere Zeitungsfrauen: ja, wenn Fridchen schon so fix auf den Beinen gewesen wäre, um ein paar Häuser ganz allein zu besorgen! Aber das konnte die doch noch nicht. Als ein Polizist das Fahren mit dem Kinder- wagen auf dem Trottoir verbot und das Schieben durch den hohen Schnee des Dammes zu beschwerlich war, hing Fridchen der Mutter noch wie ein Bleigewicht am Rock. Aber wunderbar, seit das Kind mitkam, öffneten sich viele Türen weiter. Das kleine, verfrorene Ding der Zeitungsfrau fand Freunde. Wo feine Köchinnen waren, wurde freilich gleich wieder zugeschlagen, aber manche Haus- frau, die selber öffnete, spendete eine Tasse warmen Kaffee, und auf der Treppe sitzend, teilten sich Mutter und Kind in den Genuß. Und einmal bekam Fridchen sogar einen Apfel! Zwei freundliche kleine Mädchen, Lore und Else, schenkten ihn ihr. Sie traute sich gar nicht, ihn gleich zu essen: sie hrachte ihn noch nach Hause mit.— An den Ecken der Straßen und auf den Promenaden fing man schon an, Bosketts von Tannen aufzustellen: ganze Alleen duftiger, dunkelgrüner Weihnachtsbäume wurden gerichtet. In den Mittagsstunden fand sich Artur dort ein, in der Absicht, den Herrschaften die Bäume nach Hause zu tragen. Aber er trug keine. Es kamen erst wenige Herrschaften, und dann waren auch andere schneller dabei, sich zum Tragen an- zubieten als er. Ehe er einen Schritt vorwärts getan, hatten die den Baum bereits gepackt und schleiften ihn davon. An den Ecken zog es, er hatte keine Fausthandschuhe und fror erbärmlich in seinem abgeschabten Ucberzieher: und wegen dieses Ueberziehers lachten ihn die anderen noch aus. Die trugen keinen, nur flauschige Arbeitsjacken, aber dicke Wollschals um den Hals und Ohrenklappen an den Mützen. Auf Arturs breiten Hut schien es der Wind besonders ab- gesehen zu haben: ihn packen, vom Kopf reißen, fortwirbeln war eins, und Artur mußte nachsetzen durch dick und dünn. Das war der bitterste Tag für Artur, als er eine alte Mütze seines Vaters, die dieser bei feinen Marktfuhren ge- tragen, borgen mußte. Frau Reschke meinte zwar, sie stände dem Sohne gut, besonders so ein bißchen schief auf die Seite gerückt: aber Artur lächelte nicht, wie er sonst wohl bei den Schmeicheleien der Mutter gelächelt, sondern sah finster drein. Nun stellte er sich an den Markthallen auf: nicht bloß bor der nächstliegenden am Magdeburger Platz, nein, bis nach der Lindenstraße ging er, und, wenn er früh genug aufkam, fuchte er die alte, wohlbekannte Stätte am Alexanderplatz auf. Dort gab's zu heben, zu schleppen, zuzureichen, wenn die großen Händler verluden. Man konnte ganz gut dabei ver- dienen: Artur erinnerte sich, daß sein Vater für den Korb, den ihm einer zur Karre trug, zehn Pfennige gegeben. Als ihm aber ein dicker Schlächter, dem er ein Kalbsviertel nach- «wfragen, unter dessen Gewicht er beinahe zusammengebrochen Iva*, nur zehn Pfennige bezahlte, muckte er auf. Doch nun war es, als hätte er's dadurch verdorben: jeder nahm sich lieber einen anderen zu Hilfe, einen jener stämmigen Kerle (mit Stiernacken und versoffenen Nasen. Ab- und zu nur ließ sich ein zierliches Dienstmädchen von dem blassen, hübschen Menschen mit den melancholischen Augen den Marktkorb bis vors Haus bringen und gab ihm zwanzig Pfennige: oder eine alte jüdische Dame, der er die mächtige Schindegans nachtrug oder die Freitagsfische in der Küche ablieferte, gab ihm zehn Pfennige. Seit er aber einmal in einer stattlichen Frau mit Sammctcape und Blumenhut, die ihm eine Tasche und so und so viel TllteNi aufpackte, die Auguste erkannt, die früher, als sie noch Dienst« mädchen gewesen, bei seiner Mutter im Grünkram gekauft, ging er nicht mehr zu den Markthallen. Wenn er auch die Mütze tief in die Stirn rückte und den Kopf senkte, er zitterte doch, daß ihn einmal eine erkennen möchte. Nun verteilte er Reklamezettel für ein neu etabliertes Herrengarderobengeschäft, aber das machte gleich pleite: dann für ein Spezialitätentheater—„Miß Dinora, die Dame mit dem schönsten Busen der Welt!"— nach einem Tage schon war die Reklame nicht mehr nötig, das Lokal war überfüllt. Er schrie auch Extrablätter aus:„Grausige Bluttat, furcht- bare Mordtat", aber sein Organ reichte nicht aus, es war zu schwach, um mit seinem„Mord. Mord" den Lärm der Straßen zu durchdringen. Nun lief er die großen Geschäfte und Warenhäuser ab, da konnte man zuweilen ankommen, um den Hausdienern beim Beladen oder Abpacken der Wagen zu helfen. Fünfzig Pfennig gab's für die Stunde: jetzt um Weihnachten, in der Erntezeit der Geschäfte, war Hilfe oft erwünscht. Freilich, der Ucberzieher ging dabei zum Teufel, mit Schrecken sah's Artur, die rechte Schulter und der rechte Arm zeigten gar keine Wolle mehr. Nun ließ er ihn zu Hause und lief bloß in seinem Röckchen, unter das er eine alte Häkelweste gezogen: Mine wollte ihm auch noch durchaus ihr Tnch unterbinden, aber da wurde er unwirsch. „Bind's alleine um." schrie er gereizt und stieß sie zurück: und doch war Besorgnis in seinem Ton und auch Besorgnis in dein Blick, mit dem er ihre Gestalt maß. So kalt war es seit Jahren nicht gewesen wie in diesem Winter. Der Schneefall im November hatte im Dezember aufgehört, dafür war der Boden fußtief gefroren, ein eisiger Wind zog jede Feuchtigkeit aus der Luft und schnitt wie mit Messern. Die kleinen Spatzen erfroren, und vom freien Felde kamen Raben und Krähen herein, flatterten auf die Firste der Häuser und äugelten gierig hinunter in die Höfe. Ganze Schwärme dieser hungernden Tiere durchkrächzten den Tiergarten und verkrochen sich dann irgendwo. Mine hatte ein paar alte Kisten ergattert, die zerschlug sie zu Kleinholz und stopfte davon in den Küchenofen, wenn Artur nach Hause kam. Das knackte und flackerte zwar, so daß Fridchen laut lachte, aber die Eisblumen am Fenster tauten doch nicht, eine undurchdringliche Wand hielten sie aufgerichtet zwischen der kleinen Welt hier innen und der großen Welt da draußen. Mit immer schwererem Tritt und schwererem Herzen trug Mine ihre Zeitungen aus— Artur war von neuem krank. Diesmal war es weniger der Husten als ein heftiger Schmerz im Leibe, der ihn befallen, da er beim Bepacken eines Geschäftswagens einen Ballen Tuch ungeschickt auf- gehoben hatte. Nun mußte er alle Tage zum Arzt: den hatte er zwar umsonst, aber die Einreibung kostete doch, und schwer zu heben oder zu tragen hatte ihm der Doktor für lange Zeit streng verboten. „Ich bin un bleibe'n Schwachmatikus," stöhnte Artur. „Ich bin schön aufgeschmissen!" Seine Mutter wollte er gar nicht sehen. Als die Sorge um den Sohn Frau Reschke in die kleine Wohnung trieb, wo sie sich sonst kaum sehen ließ, schleppte sich Artur so rasch er konnte in die Kammer, schmetterte die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um. Die Reschke klopfte:„Atur, mach man uf! Atur, ik bin et ja!" In der Kammer rührte sich nichts. „Atur, Atur! Hörste denn nich? Ik— Deine Mutter s Atur!" Er mußte sie gehört haben, und doch öffnete er nicht. Nicht einmal eine Antwort gab er. � „Er will gar kcenen sehn," sagte Mine, die dabei stand und verlegen an ihrer Schürze zupfte, gleichsam zur Ent- schuldigung. Die Reschke weinte. Als sie gegangen war, machte Mine ihrem Mann Vor- würfe.„Warum biste denn so? Du hätt'st ihr wohl rein» lassen können. Kuckste, so stand se hier, un so'ne Augeiz - 310— machte se, im kloppte und lauerte. Sc hat mer in der Seele erbarmt. „Sei stille." murrte er,„fängste auch an? Ich will se ftich sehn!" „Aber warum denn nich?" „Weil ich nich will!" Und damit drehte er sich im Bett, in das er sich in der ungeheizten Kammer geslüchtet hatte, herum und kehrte daS Gesicht gegen die Wand. Aber nach ihrer Hand faßte er blindlings und hielt sie fest: Mine muhte auf dem Bettrand bei ihm sitzen bleiben. Arturs Leiden besserte sich insotveit, daß er bald wieder herumlaufen konnte. Ta erinnerte er sich einer Gewohnheit seiner Junggesellenzeit, jenes einzigen Jahres, in dem er, wie er halb scherzhaft sagte, einmal nicht gegängelt worden war. Damals, als er in Berlin hcrumgeirrt, hatte er sich einen Verdienst, sogar noch einen Spatz daraus gemacht, nachts vor den öffentlich Ballokalen Posto zu stehen, Droschken herbeizuholen und vor den seidmbeschuhten Fützchcn der Tingeltangcleusen und Halbweltdamen den Schlag aufzureihen. Tie geizten nicht. Und so machte er sich denn auch jetzt jeden Abend, wenn Mine längst in, Bett lag und schlief, dahin auf. „Tu, Leo, jib dem armen Kerl doch mal'n paar Jroschen," sagte eines Morgens gegen vier eine gähnende, goldblonde Person zu ihrem Begleiter, einem�cleganten Herrn mit Ansatz zu Embonpoint und bläulichen Schatten aus den glattrasierten Wangen und dein Vellen Kinn. Und indem sie den pclzbesetzten, roten Mantel mit einem leichten Schauder fester um die Schultern zog, setzte sie ungeduldig hinzu, als sie ihn noch in seinem Portemonnaie wühlen sah:„Na, jib schon, wer weih, in was for'nein Keller der klaut!" Die Stiinme war Artur bekannt vorgekommen, auch manches in der Haltuiig— das Frauenzimmer erinnerte an Trude. Na, wenn schon! Ohne sonderlich davon erregt zu sein, schlich er nach Hause: er hatte nur den einen Gedanken: etwas Warmes trinken und dann schlafen. Alles andere war ihm egal. Zum erstenmal konnten sie die Miete nicht bezahlen, pünktlich waren sie freilich im November auch schon nicht ge- Wesen: und beim Bäcker hatten sie sechs Mark und beim Kauf- mann fünf Mark Schulden. Mine traute sich nicht mehr, selber einzuholen, Fridchen wurde mit einem Zettel hinein geschickt, während die Mutter in der nächsten Haustürnische wartete.— Ter heilige Abend nahte. Die Schaufenster zeigten immer verführerischere Auslagen. Am letzten Sonntag vorm Fest ging Mine mit Fridchen bis auf die Potsdamer Strohe, um ihr die Läden zu zeigen. Das Kind staunte mit grohen Augen und offenem Mund: es war außer sich vor Glück und weinte, als die Mutter nun endlich nicht mehr vor den Locken- puppen und den warmen Mäntelchcn und Mützchen und Müffchen stehen bleiben wollte. Das heranrückende Weihnachtsfest schien aber nicht bloß die Geldbeutel, nein, auch die Herzen zu öffnen: Mine bat nie um etwas, und doch bekam sie Geschenke. „Es wird am Ende noch ein Chriftkindchen," sagte eine heitere, hübsche Dame, die Mutter der zwei kleinen Mädchen, Lore und Else, die Fridchen einmal den Apfel geschenkt. Sie nahm immer selber den„Lokal-Anzeiger" ab und gab nun der Zeitungsfrau Windeln und ein Jäckchen und zwei Hemdchen von ihrem Jüngsten. „Daß De Dich über so'n zusammengcschnorrtes Zeug noch freuen kannst," brumnite Artur, als Mine nach Hause kam und ihm ganz glückselig die kleinen Sachen wies. „Nimm sc weg, was soll der Dreck?!" Sie strich förmlich zärtlich die Hemdchen glatt, die er unsanft auseinandergerissen, und verwahrte alles sorgfältig: aber auf ihrem Gesicht war der Frcudenschein erloschen. Daß der Artur doch gar kein Herz für das zu Erwartende hatte! Sie hatte sich auch zuerst nicht gefreut, wahrhaftig nicht, aber nun war doch in ihr Herz ein Schimmer freundlicher Er- Wartung gekomnien.------------ „Und siehe, der Stern stund oben über, da das Kindlein tvar. Und sie gingen in das Haus und fanden das Kindlein, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend, und sielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen. Und der Engel sprach:„Siehe, ich verkündige euch große Freude,!""-------------- Tas hatte Mine aufgesagt zur Weihnachtszeit, als sie Vor vielen Jahren, im gestriegelten Flachshaar, auf der niedrigen Holzbank in der mollig Katmen Stube gesessen. Jetzt, nach all der Zeit, fiel's ihr auf einmal wieder ein. Eine Hoffnung erwachte in ihr. Und sie lag die lange Winternacht in ihreb kalkett Kammer und bewegte diese Worte in ihrem Herzen. (Fortsetzung folgt.) Säuglingspflege unci SaugUngs- ernakrung. Von Dr. B. S t e i n i n g e r. Einer der bedeutendsten Faktoren der Säuglingssterblichkeit ist daS soziale Elend. Nicht die Säuglinge der Wohlhabenden füllen die Friedhöfe, sondern die unehelichen Kinder, die als Ziehkinder unrichtig ernährt und schlecht gepflegt werden und die Säuglinge der verheirateten Frauen, die ihren Kindern die Mutterbrust nicht reichen können, weil sie bald nach der Geburt für die Familie hin- aus in die Arbeit müssen. Dazu komnit noch das Wohnungselend, besonders die Gefahren der Dachbodenwohnungcn in den heitzen Sommermonaten, die Ilnkenntnis vieler Mütter in der Säuglingspflege und SäugliugSernährung und ihr häufiges Vorurteil, daß sie wegen allgemeiner Schwäche und un» genügender Funktion der Brustdrüse nicht imstande sind zu stillen. So kommt es, daß in Deutschland die Säuglingssterblichkeit noch immer sehr hoch ist trotz aller Fortschritte auf dem Gebiete der sozialen Säuglingspflege.(Man denke nur an die Säuglingsheime, Mütterberatungsstellen, Krippen, Pflegcvereine, Wöchncrinncnasyle, nicht zu vergessen die verbesserte Milchtechnik und die Vc- mühungen, alle Volkskreise über die SäuglingScrnährung aufzuklaren.) So weist die Berliner Statistik von 1904 nach, daß 3737 Säuglinge an Magendarmkrankheiten gestorben sind. Bon diesen Säuglingen wurden 144 mit Brustmilch, 162 mit Brust- und Ticrmilch und 2360 mit Tiermilch ernährt. Aber alle Bemühungen, die Säuglingssterblichkeit zu bekämpfen, haben sich als unzulänglich erwiesen. Auch in Zukunft wird nur dann ein voll- kommener Erfolg sicher sein, wenn sich die Frauei» allgemein zur Rückkehr zum Stillen bewegen lassen, vor allem aber, wenn un- bemittelten Müttern durch eine Art Versicherung, ähnlich der Ärankenverfichcrung, die materielle Möglichkeit geboten wird, dah sie sich nach der Geburt einige Zeit dem Stillen und der Pflege deS Kindes widmen können. Denn das Resultat aller Forschungen auf dem Gebiete der Sänglingsernährung hat ergeben, daß es keinen Ersatz für Frauen- milch gibt. Selbst grob äußerlich können wir in bczug auf Fett-, Eiweiß- und Zuckergehalt kaum ein der Muttermilch gleiches Präparat herstellen, noch viel weniger können wir einem Kmistprodukt die Schutz- stoffe verleihen, die die lebende Milch der Mutterbrust enthält. Wir können einen Teil dieser Stoffe nachweisen, aber wir können sie nicht nachmachen. Während der neun Monate der Schwangerschaft hat der menschliche Körper gearbeitet und aufgebaut, um eine eigens dem Säugling und seinen Eigentümlichkeiten entsprechende Milch produzieren zu können. Sie enthält, außer den Schutzstoffcu gegen gewisse Krank- heiten, die Verdauung fördernde Stoffe(13m-.>ine) und Nähr- substanzen, wie sie nur zum Köiperaufbau deS menschlichen Säuglings geeignet sind. Gerade diese Eigenschaften machen jede einzelne Milchsorte, gleichgültig ob Menschen- oder Tiennilch, in erster Linie nur für die Gattung als Nahrung geeignet, von der sie stonimt; die Kuhmilch ist also am geeignetsten für das Kalb. Da dieses sehr rasch wächst, sind die Stoffe, die die Kuhmilch zusammensetzen, qualitativ, quantitativ und prozentualiter andere wie in der Menichenmilch. Ferner besitzt die Mutlermilch noch einen anderen Vorteil: Sie ist frei von schädlichen Keimen(Bakterien), während die Kuhmilch von Krankheitserregern wimmelt, die auf dein langen Wege von« Orte. der Gewinnung bis zum Gebrauch in die Milch gelangen und eine wesentliche Ursache der Magendarmkrankheiten sind. Fast 80 Proz. aller Frauen sind körperlich imstande zu stillen, da? haben besonders die Beobachtungen und Untersuchungen in den Eiitbindungsanstalte» und Wöchnerinnenheimen gelehrt. Bon einer Degeneration der Milchdrüse kann also nicht die Rede sein. Sehr oft glauben die Frauen, besonders Erstgebärende, daß die Milch- sekretion ungenügend sei und unterlassen deshalb das Stillen. Dicia Maßnahme ist aber übereilt, denn in der Mehrzahl der Fälle hailddli es sich nur um ein verspätetes Einschießcn der Milch. Um zu zeigen' wie verschieden der Zeitpunkt des Einschießens der Milch bei vdr» schiedenen Franc» ist, seien hier folgende Angaben gemacht,'l ilwl Von 326 crstgebärendcn Frauen erfolgte das' Einschießcu. dcv Milch 9 mal nach 115 ,... 150„„ 42,. 1.. 24 48 72 96 120 bis 48 72 96 120 144 Wil0 Iii Stunden nach der Gehqpt. "---: „ n tt• f» """ Aber selbst wenn die Milch etwas verspätet einschiebt und anfangs die Brustdrüse nur kleine Milchquantitätcu liefert, schadet Me8 6cm Kinde nicht, eS entwickelt sich immer noch besser alz bei künstlicher Ernährung. Sollte sich aber die Ernährung aus die Dauer als unzureichend erweisen, kann man das Kind teilweise natürlich, teilweise künstlich ernähren, das Nähere darüber jedoch hat selbstverständ- lich der Arzt zu bestimmen. Sehr oft aber ist die Ursache einer anfangs ungeniigenden Funktion der Brustdrüse die weitverbreitete Unsitte, die Nahrungsmenge der Wöchnerinnen einzuschränken und ihnen nur Suppen anzubieten. Zunächst müssen wir noch besonders darauf hinweisen, dast die künslliche Ernährung die größte Schwierigkeit bietet und am ehesten mißlingt, wenn sie von Anfang an besteht. Wird das Kind nur vierzehn, ja nur acht Tage lang gestillt, so entwickelt sich in seinem Darm eine ganz' andere physiologische Flora jener Lebewesen, Bakterien genannt, und das Gelingen der künstlichen Ernährung ge- winnt schon außerordentlich an Sicherheit. Fast jede Mutter aber ist bei gutem Willen imstande, in den ersten Wochen, ja Tagen zu stillen. Von der Pflicht, in den ersten Wochen zu stillen, kann die Frau nur entbunden werden bei schweren fieberhasten Krankheiten, vor allen, aber, wenn sie tuberkulös ist oder war, ja wenn nur der geringste Verdacht auf Tuberkulose(Schwindsucht) besteht. Es ist sogar wünschenswert, daß Frauen, wenn sie in der Hinsicht von ihren Eltern her erblich belastet sind, die größte Vorsicht walten lassen, denn die Zeit des Wochenbettes und des Stillens ist für diese Frauen eine sehr gefährliche Zeit und ihre Krankheit nimmt dabei leicht einen schweren Verlauf. Auch für das Kind besteht wegen der innigen Berührung beim Stillen die Gefahr der direkten Ansteckung, während durch die Milch selbst dem Kinde die Erreger der Schwindsucht, die Tuberkelbazillen, nicht übertragen werden. Jede Mutter, die entschlossen ist, ihr Kind zu stillen, stellt die Frage, wie sie sich ernähren solle. Hier ist zu betonen, daß jede Ernährung geeignet ist, wenn fie genügend ist. Ebenso ist es ein Vorurteil Stillenden Obst und saure Genußmittel zu verbieten. Alkoholische Getränke, wie Bier und Wein, find für Stillende unter keinen Umständen nötig, es werden aber nur bei stärkerem Konsum von Alkohol Spuren durch die Milch ausgeschieden und können so den Säugling schädigen. Sehr oft kommt serner der Arzt noch in die Lage, die Frage beantivorten zu müssen, ob das eingetretene Unwohlsem die Mutter zum Stillen untauglich macht. Darauf ist zu erwidern: daß das Wiedereintreten der Periode während des Stillens das Normale und die Regel ist und das Ausbleiben die Ausnahme. Sicher ist. daß manchmal beim Kinde während dieser Zeit am Ernährungszustand Störungen austreten und aus einen Einfluß der Men- struation hinweisen. Dieser Einfluß ist jedoch nicht so hoch anzuschlagen, daß dcShälü«in Abstillen nötig ist. Auch die Brust- linder leiden mchtchnral air geringen ErnährimgSstömnge». Das hat feine Ursache in der Unsitte oeS zu häufige» Anlegens. Sowohl das natürlich. Wie das künstlich ernährte Kind soll nie mehr als fünf Mahlzeiten' bekoniinen, also ungefähr nach einer Pause von vier Stunden bei Tag und»ach einer achtstündigen Pause in der Nacht. Dcnn�rst nach drei Stunden ist der Magen mit der vorangegangenen Mahlzeit fertig und vermag eine neue Portion in Angriff zunehmen. Als ausschließlicher Ersatz der Frauemnilch komnrt in unseren Ländern nur die Kuhmilch in Betracht. Es ist aber dabei frag- lich, ob sich mit einer solchen Ernährimg überhaupt ein Zustand des Säuglings erzielen läßt, der sich vollkommen mit dem Begriff des gesunden und normalen Kinde? deckt. Immerhin gelingt es bei ver- ständiger Ernährung und Pflege, ein befriedigendes Gedeihen des Kindes zu ermöglichen. Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Behandlung der Milch. Im wesentlichen find dabei folgende Aufgaben zu erfüllen: Zuerst niüsscn wir die in der Milch vorhandenen Lebewesen(Bakterien) unschädlich machen. Dies geschieht am besten durch Abkochen, das sofort zu erfolgen hat, sobald die rohe Milch inS HauS gebracht wird. ES genügt dabei das einfache Aufkochen, zwar wird durch längeres Kochen die Milch keimfreier, aber ihre Zusammensetzung wird dabei chemisch so verändert, daß sie nicht mehr so schmackhaft ist, ja sogar schaden kamt. ZlveiteuS inuß bei der Aufbewahrung die nachträgliche Zersetzung vermieden werden. Dies geschieht durch sofortiges rasches' Abkühlen der Milch»ach dem Kochen und Auf- bcivahrnng an einem kühlen Ort, eventuell im fließenden LeituugSlvasser. Während der heißen Sommermonate soll man Säuglingen nie Milch geben, die länger als 2—3 Stunden nach dem Abkochen aufbeivahrt worden ist. Die gefährlichste Milch ist jene, die den Kindern in der Frühe verabreicht wird, besonders wenn es nicht möglich war, sie genügend zu kühlen. Hier ist es ratsamer, lieber die Kinder etwas hungern zu lassen und ihnen erst Nahrung zu geben, wenn frische Milch zur Verfügimg steht. Eine schwierige Entscheidung ist der Grad der Verdünnung. Man beginnt mit einer Mischung von einem Teile Miich und zivei Teilen Wasser und geht gegen Ende dcS ersten JahrcS zur Vollmilch über. DaS Tempo der Milchverdünnung ergibt sich dabei von selbst, die TagcSmcnge soll im allgemeine» nie einen Liter übersteigen. Vor allem aber ist nochmals daran zu erinnern, daß wir konsequent bei nur fünf Mahlzeiten bleiben müssen. Die Milch wird in den ersten vier Monaten nur mit Wasser verdünnt, erst später nehmen »vir eine Schleiin- oder Mehlabkochung(1 Eßlöffel Mehl auf einen halben Liter Wasser) als Verdünnungsmittel. Früher mit Mchliiahrung zu beginnen. ist auf das dringendste zu Ividcrratcn, da vorher vom kindlichen Darm nicht die Drüsensäste abgesondert werden, die die Mehle lösen und um» wandeln. Schivero Ernährungsstörungen mit unaufhaltsamem töd< lichen Ende sind oft die Folge der Ernährung mit den sogenannten Kindermehlen und Zwiebackabkochungen. Die Größe der Einzelmahlzeit nach einem Schema zu bestimmen, ist unhaltbar. Jede aufmerksame Mutter merkt an dem Verhalte« des Kindes, wann eS satt ist, und nimmt auch dann die Flasche weg, wenn das Kind einmal weniger getrunken hat. Indem sie alle Anstrengungen unterläßt, dem Kinde mehr beizubringen, als es spontan trinkt, bewahrt sie es nur vor den Schäden der Ilebeiy ernährung. Als den Zeitpunkt, an dem bei jedem Kinde, außer de» vorhe» erwähnten Verdünnungen, mit einer Mehlnahrung begonnen werden kann, bezeichnen wir die Zeit des vollendeten sechsten Lebensmonats und verabreichen eine Mahlzeit, bestehend aus gewöhnlicher Fleischbrühe mit Gries. Gegen Ende des ersten Jahres kann man da»« bei besonders kräftigen Kindern mit der Verabreichung von Gemüse in kleinen Ouantitäten(einige Teelöffel nach der Suppe) beginnen. Spinat, Mohrrüben, Blumenkohl, letztere durch ein Sieb gc> preßt, eignen sich besonders dazu. Bei schwächeren Kindern aber verlegt man die Darreichung von Gemüse an den Anfang des zweiten JahreS, Fleisch und Eier gibt man noch später. Noch einige Worte über die Mundreinigung. Der gesunde Säugling hat infolge der Saugbewegungen eine reine Mundhöhle, so daß keine Notwendigkeit einer besonderen Reinigung vorliegt, zumal dabei leicht kleine Verletzungen der Schleimhäute vorkommen. Sonst jedoch halte man beim Säugling am peinlichste Reinlichkeit Weg mit allen Schnullern und Lutschern, die die Ouelle so vieler Schmutzinfektionen sind. Nein sei auch stets die Milchflasche. Am leichtesten gelingt dies, wenn man fie sofort nack, Gebrauch mit heißer Sodalösung spült und dam» in reinem Wasser bis zum nächsten Gebrauch liegen läßt. Zu erwähnen sind ferner noch die Säuglingsfürsorge« stellen, wo Müttern Rat über zweckmäßige Säuglingsernährung erteilt wird, unter Umständen werden stillende Mütter dort auch unterstützt, nichtstillende erhalten, wen» unbemittelt, Milch zu ermäßigten Preisen oder gratis. Diese Fürsorgestellen der Schinidt-Galischen Stiftung beiluden sich: Blumenstr. 78, Effaffeesti. straße 7, Naunyustr. 63, Panlstr. 7, Großbeerenftr. 10, Ppeuzinuer Allee 45. Helegrapkie und€clcpbome. Im Jahre 1000 kann die Telegraphie ihren hundertjährigen Geburtstag feien». Denn im Jahre 1809 wurde von S ö m m e r i n g zum ersten Male der elektrische Strom zur Uebermittelung von Nach- richten benutzt. Allerdings wurde von ihm eine chemische Wirkung des Stromes, nämlich die Zersetzung des Wassers in seine Bestand- teile, verwendet, während die modernen telegrnphischen Apparate auf den magnetische» Eigenschaften der Elektrizität beruhen. Der Apparat von Sönimering war noch sehr kompliziert und benötigte für jedes zu übertragende Zeichen eine besondere Leitung. Die Entwickelung des Telegraphen ist überraschend schnell vor sich gegangen. So bringt z. B. die jetzt erschienene Statistik der deutschen Reichspost- und Telcgraphenverwaltung für das Kalenderjahr 1907 einige intereffante Zahlen über die Ausdehnung des Telegraphennetzcs in Deutschland. Es gab in Deutschland 1007 über 37 000 Telegraphenanstaltcn bei einer Gesamtlänge des Leitungsnetzes von über Vs Million Kilometer. Die Gesamtzahl der beförderten Telegramme erreichte die stattliche Summe von fast 55 Millionen Stück. Die Telegraphenleitnnge» umspannen heute tatsächlich den ganzen Erdball. ES kann jetzt nach Fertigstellung einer Linie in Asien direkt von London nach Kalkutta auf eine Länge von 11 000 Kilometern ohne Umtelegraphiernng telegraphiert werden. Bemerkenswert ist es, daß diese Verbindung mit Ausnahme einer kurzen Kabelstrecke 420 Kilometer durch die Nordsee und einer noch kürzeren durch die Meerenge von Kertsch durchweg von oberirdischen Leitungen her- gestellt wird. Die Linie geht von London durch die Nordsee nach Emden. Bon dort über Berlin und Warschau durch ganz Rußland bis nach Odessa am Schwarzen Meer. Von Odessa geht sie dann durch das Schwarze Meer über Tiflis und Teheran nach Indien bis nach Kalkutta. Unter Umständen kann nian auch notgedrungen Telegramme über lange Leitungen schicken, während die tatsächlichen Entfernungen viel kürzer sind. Während der letzten Ueberschwcmmnngen in Nord- amcrika war die Telegraphen- und Eisenbahnverbindung zwischen zlvei Städten, Butte und Missonla, die 200 Kilometer von einander entfernt sind, sechs Wochen lang unterbrochen. Um ein wichtiges Telegramm zu befördern, wurde während dieser Zeit eiiunal inner- halb drei Minuten ein tclegraphischer Weg über andere Städte (Chicago— St. Francisco) zwischen beiden Städten hergestellt. Allerdings betrug dabei die Länge der VerbindungSIcitungen statt 200 Kilometer 11000 Kilometer, der Zweck war aber erreicht und die beiden Städte waren mit einander verbunden. Auch das Fernfprech Wesen spielt in Deutschland, wie ja auch ans der liebevollen Teilnahme des Herrn v. Sydow hervor- geht, eine wichtige Rolle. Mehr als eine halbe Million Teilnehmer in fast 21 000 Orten Deutschlands sind an die Fernsprechnetze, die die föltj respektable Länge von 4 Millionen Kiloineter erreichen, cmgeschlosie». Auf je 1S5S Einwohner entfiel eine Fern- sprechanstalt, so daß es nicht verwunderlich ist, wenn die Gesamtzahl der von den Fernsprechanstalten vermittelten Gespräche auf 1S0V Millionen geschätzt wird. Dabei ist Deutschland noch lange nicht„in der Welt voran", soweit es sich wenigstens um das Fernsprechwesen handelt. In der Schweiz betrug z. B. die Länge der Fernsprechleitungen fast ebensoviel wie im Königreich Bayern, das beinahe doppelt so grost ist. Zürich, eine Stadt von 460 000 Einwohnern, hat 8000 Anschlüsse, eine Zahl, die von keiner deutschen Stadt mit gleicher Einwohnerzahl erreicht wird. Die grötzten Zahlen kann natürlich Amerika aufweisen. In den Vereinigten Staaten allein gab es Ende 1907 über 6 Millionen Sprechstellen bei einer Gesamtlänge der Leitungen von LI Millionen Kilometern und der unheimlichen Zahl von fast 13 000 Millionen Gespräche im Jahr. In Amerika findet eben der Fern- sprccher zu allem nivglichen Verwendung. So sind zum Beispiel im letzten Jahre in den staatlichen Wäldern der Vereinigten Staaten 6600 Kiloineter Fcrnsprcchlinien zur Bekämpfung von Waldbränden gebaut. 1350 Wächter durchstreifen die Wälder und inclden ein Feuer, das fie nicht selbst löschen können, mittels eines Tragbaren Fernsprechers der nächsten Ueberwachnugsstelle, die Löschmannschaften entsenden kann. Diese? Systcnl hat be- reits sehr gute Erfolge gezeitigt. So entstanden zun« Beispiel im Staate Nelv Jersey im Jabre 1902 65 Waldbrände, die einen Schaden von fast 700 000 M. verursachten. Die Zahl der Brände war im Jahre 1907 zwar ans 167 gestiegen. Der Schaden betrug aber dank der telephonischen Uebcrwacknng nur 49 000 M. Während man in Tenlschlaud versucht, den Fernsprechervcrkehr durch„Tarifreformen" künstlich einzudämmen, suchen andere Länder den Verkehr auf verschiedene Weise zu heben. So sind zum Beispiel in Oesterreich seit einem Jahre Gesellschaftsanschliisie eingeführt, die sich sehr gut bewährt haben. In eine zur Fernsprechzentrale führende Leitung können bis zu vier Fernsprechstellen eingebaut werden, von denen jede im Gegensatz zu den in Deutschland üblichen Nebenstelle» direkt mit dein Amt und mit den anderen Fcrnsprcch- stellen verkehren kann. Ebenso kann die Zentrale jeden der vier Deiknehmer direkt anrufe». Wenn einer der Teilnehmer spricht, so 1f(«r�ere»««mo.j.ftch gemacht, sich in die.Leitung cinzu- fchalteft oder �aS' Gespräch zu stören.' Ltlr. kleines feuiileton. Geschichtliches. Dufonr: Geschichte der Prostitution. Fünfte Auflage. 3 Bände,(verlegt bei Dr. P. Langenscheidt, Groß- Lichlerfelde-Ost.) Wer lebenssprüheude, farbige Bilder ans der Prostitution?- geschichte erhalten will, der greife zu der Dufourschcn Geschichte der Prostitution. Eine zusammenhängende, sich bis auf die Gegenwart erstreckende Geftbichte der feilen Liebe bietet uns freilich Dufonr nickit. Dufonr schlofi seine auf sorgfältiges Ouellenstudium basierende Geschichte der Prostimtion mit dem Zeitalter Heinrichs IV. ab. An diese Geschichte leimten nun die deutschen Ucbcrsetzer und Fortsetzer Dufours rein äußerlich und in fliegender Hast einige Tatsachcnfetzen aus der Prostitutionshistorie. Aus dieser Klebarbeit konnte natürlich nicht eine wirkliche, die sozialpathologische Massenerscheinung der Käuflich- keit des Weibes aufhellende Geschichte erwachsen. Die Leimpinsel- arbeit der deutschen Fortsetzer hat die Dnfoursche Geschichte der Prostitution verunstaltet. Aber die deutschen Ballhorns deS geistreichen Franzosen vermochten nicht dessen glänzende Kapitel der antiken Prostitution zu verschandeln. Und diese Kapitel find von bleibendem Werte, da fie uns tief in das Verständnis des Wesens der Prostitution einführen. Bei ihnen wollen wir einen Augenblick Verweilen. Dufonr selbst hatte eine wenig glückliche Hand, als er seine Definition der Prostitution niederschrieb. Er bezeichnet die Prosti- tution als einen unzüchtigen Handel mit dem menschlichen Körper. einen bei allen Völkern und zu allen Zeiten bestehenden Schacher. Eine geschichtlich streng begrenzte, nur ans bestimmten Wirtschaft- lichen Grundlagen fußeilde Sozialerscheinung ist ihm die Prostitution nicht. Und er gelangte zu seinem unklaren, nebelhasten Prostitutions- begriffe nur dadurch, daß er die von der Religion geheiligte und die von der Sitte eingesetzte gastliche Hingabe der Frau an den Mann mit der schmählichen Verschache- rung des Weibes auf dem Straßenmarkte zusammenwarf. Damit verwi>chte aber Dufonr den sehr bestimmten Prostitutionsbegriff vollständig. Prostituieren ist mit öffentlich ausstellen, zur Schande ausstellen, der Schande preisgeben, z» übersetzen. Die Prostitution der Frau ist daher die schand- und schmachvolle Hingabe des Weibes an den Mann. Die Prostitution als ein das Weib entwürdigender Akt ist an die gewerbsmäßige Preisgabe des Weibes gebunden. Der sich preisgebenden Frau wird tatsächlich auf dem städtischen Waremnarkte eilt Preis gegeben. Perantwortl, Redakteur: Hans Weber» Berlin.— Druck u. Verlag: c Aver trotzdem Dufour bei der Umgrenzung des Prostitutions» begriffs scheiterte, so hat er doch die riesenhaften Erscheinungen der Prostitution klar erkannt und treffend gezeichnet. Dufour schildert mit Recht die antiken Großstädte als die Schauplätze eines wild- bewegten Prostitutionsweibens. Die antiken Handelsstädte mit ihrem entwickelten Warenhandel, mit ihrer eigenartigen sozialen Klaffenmischung erlebten zuerst in der Geschichte eine wahre Maienblüte der Prostitution. In diesen Handelsstädten scheidet sich streng der geregelte, die Erzeugung und Er» ziehnng legitimer Sprößlinge bezweckende eheliche Ber» kehr von dem ungeregelten, nur dem Vergnügen ge» widmeten Umgang des Mannes mit der käuflichen Frau. Die Prostituierte Athens, so vergöttert sie auch von ihren liebeglühenden Anbetern sein mag, ist sozial mißachtet. Sie ist eine Ausgestoßene. Reist ist fie stadtfremd.»Als Fremde", so schreibt Dufour.»hatten sie(die öffentlichen Dirnen) überdies kein Recht, in der Stadt irgend- ein Eigentumsrecht geltend zu machen, und die, welche Athene- rinnen von Geburt waren, verloren, wenn sie sich der Prostitution gewidmet hatten, alle ihre Vorrechte, die mit ihrer Geburt verbunden waren". Die Athener hatten, wie DemostheneS in seiner treffenden Charakteristik deS sexuellen Lebens in dem athenischen Städtestaat ausführte, die Hetären zu ihrem„Vergnügen", die Ehe- weiber aber zur Erzeugung legitinrer Kinder und zur Ueberwachung ibres Hauswesens. Die Hetären(die leichten«Freundinnen jedermanns") dienen ausschließlich dem sexuellen Vergnügen des Mannes. Die Erregung und Befriedigung der männlichen Gcschlechtslust wird zu einciii förmlichen Gewerbe käuflicher Frauen. Diese gestalten durch die Pflege einer sinnebcrückenden Tanz- und Gesangskunst den sexuellen Verkehr förmlich zu einem erotischen Kultus aus. Die Frauenwelt Athens scheint in zwei streng von einander getrennte Hälften zu zerfallen: in käufliche, den sexuellen Genuß kunstvoll pflegende Geliebte, und in verkümmerte, die Gattung freud- los fortpflanzende Hausmütter. Die antike Großstadt hat bereits alle Bedingungen für die Eni» stehnng der Prostitution als einer sozialen Maffenerschcinung überreich entwickelt: machtvolle, mit materiellen Gütern gesegnete Herrcnklasscn, recht- und ehrlose, von der Lerschacherung ihres LeibcS lebende Frauen, die brutale Verstoßung der Frau aus dein pro- dukliven und politischen Leben und ihre planmäßige Fesselung an die Haushaltung, die geisttge und körperliche Verkümmerung der Ehefrau zu einer unbedeutenden, unter Gattungssorgen schnell der- blühenden, reizlosen Hausmutter. Erst die Aufhebung der Zerklüftung der Gesellschaft in Herren und Knechte, erst die ökonomische und politische Selbst- ständigkeit der Frau und ihre damit verbundene unverffimmerte körperliche und geistige Entwickcluna befreit uns von der sozialen K l a s s e n e r s ch e i n u>t g der Prostiwttost. Die vergeistigte, sittlich vertiefte Frau der Zukunft wird sich nttmiier zur Lust- und auch nicht zur Hausdienerin des Mannes erniedrigen. P. Medizinisches.- i;»jvm Herzschmerzen. �Daß der Mensch in seinem