Ztnterhaltimgsblatt des Nr. 82. Donnerstage den 29. April. 1909 (Nachdruil fetteten.) 81] Das tägliche Brot. Roman von C. V i eb i g. Mine sagte kein Wort. Aber es war ein langer, nach- öenklicher, stummer und doch beredter Blick, mit dem sie die Schwiegermutter maß. Dann, wie sich ermannend, schritt sie rasch zur Eingangstrcppe. Vom Trottoir herab schrillte gerade ein Couplet Ellis: man sah von hier unten nur ihre hüpfenden, rot bestrumpften Beine und hörte das Gejohle der Jungen, die vor der Tür lungerten und beim Refrain einstimmten. „Kommste gleich runter," sagte Mine sehr energisch, langte nach oben und zog die Kleine an dem wehenden Röckchen zu sich. - Wenn Mine auÄ arbeitete von früh bis spät, sie hatte es boch nicht hindern können, daß wieder etwas von der Ge- schäftseinrichtung, die große Rolle, auswanderte auf Nimmer- Wiederkehr. Als sei mit der großen, hölzernen behäbigen Gestalt das letzte Leben des Grünkrams entschwunden, so war es jetzt. Kein Rattern und Quietschen mehr, kein Schwatzen der Mägde über gefüllten Wäschekörben. Selbst die Klingel unter der Stufe war heiser geworden; sie hätte in die Kur genommen werden müssen, aber das kostete Geld, �so unterblieb's, und ihre gebrochene Stimme brachte es nur inehr zu einem kaum hörbaren, schmerzlichen Aechzcn. Auch Mine fühlte nach und nach ihre Kräfte erlahmen; sechs Personen zu ernähren, das tvar zu viel— dabei war die kleine Trude noch nicht einmal mitgerechnet— und Artur konnte sie nicht unterstützen; die Schmerzen im Leibe hatten sich wieder eingestellt und auch der Husten. Das Schnee- schippen hatte er bald aufgeben müssen, er konnte es durchaus nicht vertragen: und es gab ja auch längst keinen Schnee mehr. Ein tauender Vorfrühling war da. Von allen Dächern rieselte es. die Soimc steckte ihre spitze Zunge heraus und leckte die Straße blank. Lag man nachts im Keller wach, so hörte man leises Tröpfeln, die Wände schimmerten im Lampenschcin wie silbcrübergossen, in der Ecke der Küche bildete sich auf dem Estrich ein großer, nasser Fleck. Es roch bei Rcschkes schimmliger und modriger, denn je. „Jk wecß nich. wat det jeden soll." jammerte Frau Reschke, als man ihr eines Tages auch das Schlafsofa aus der Wohnstube abholte. Nun mußte Elli doch im Küchcntischbctt schlafen, in dem Grete gestorben war; die Kammer war ja dein jungen Ehepaar nebst den Kindern eingeräumt. Mutter Reschke rang die Hände über den Verlust des Schlafsofas; nun konnte sie nicht einmal mehr tiachmittags ein beguenics Nickerchen halten, in dem sie all ihre Sorgen vergaß. Wie schön hatte sie oft in der Sofaecke gcträunitl Ihre Kinder alle, alle, die sie einmal gehabt, saßen um den Sofatisch und tranken dampfenden Kaffee und aßen zucker bestreuten Streuselkuchen. Wenn sie jetzt im Sitzen auf dem harten Stuhl ein wenig eindruselte. kamen ihr keine liebliche Träume mehr; schon nach fünf Minuten fuhr sie entsetzt auf. der Papagei hatte krächzend geschrieen:„Hunger! Lorchen Hunger!" Der abscheuliche Vogel mit seinem Geschrei! Nicht mal statt eines Suppenhuhnes war der zu gebrauchen. Wenn man den nur los geworden wäre! Aber kein Mensch wollte was für ihn geben. Sein Gefieder hatte alle Farbe verloren; grau und ruppig war er geworden und zauste sich den ganzen Tag mit dem krummen Schnabel in den Federn. Mit gesträubtem Schopf fuhr er jedem entgegen, der sich ihm näherte, und hackte bösartig nach jedem ausgestreckten Finger. Die Reschke wiitete über den einstigen Liebling.„Dreh ihm's Jenick um," sagte sie zu ihrem Mann,„ik kann det bös- artige Becst nich mer riechen!" Aber da die Schwiegertochter für den Vogel eintrat, wagte Vater Reschke nicht, den Befehl seiner Frau auszuführen. „Was wollt Ihr denn nu," sagte Mine,„ihr habt'n ja so bös- artig gemacht!" Auch Artur war für Lorchen. Als er. eines TageS während Mine auf Arbeit war, seine Mutter, in übelwollender Absicht, mit mörderischen Blicken vor dem Käfig fand, drohte er:„Na warte man, laß man Mine nach Hause kommen, denn kriegste aber Krach! Laß Du ihn man nur unjeschoren!'' So blieb der Vogel am Leben, sah von seiner staubigen Ecke aus mit listigem Aeugeln, wie auch der Regulator von der Wand verschwand, und noch so manches andere, und. krächzte dazu sein:„Bande! Lorchen Hunger, Hunger!"— Es wurde Frühling. Aber im Kellerfenster lagen keins grünrötlicheu Rhabarberstengel mehr zum Verkauf aus, und keine hohen Körbe mit jungem Spinat flankierten mehr die Treppe. Ein bißchen verwelktes Wintergcmüse, und Kar- toffeln, die schon zu keimen anfingen, war alles, was noch zn finden war; aber verkauft wurde auch das nicht einmal. Wenn die Ware so verlegen war. daß sie keinem mehr angeboten werden konnte, aß die Familie sie selber auf. Mine hatte sich in ihrem Rock eine Wachstuchtasche genäht — sie wußte, die Leute sehen es nicht gern, wenn die Putzfrau mit dem Korb kommt—, so brachte sie dem Alten und ihrem Artur immer noch ein besonderes Häppchen niit nach Hanse. Aber der Alte steckte seinen Teil wiederum Fridchen oder seiner Frau zu; es war ihm jetzt so gleichgültig, was er aß, sehen konnte er doch nicht in der trüben Kellerwohnung, waS. er auf dem Teller hatte. Zum Abendbrot schickte man Elli, für zehn Pfennig„Ab« schnitt" beim Schlächter holen; aber sie kam immer wieder: „Da war nischt!" Wenn sie Freitags mit einem Topf nach frischer Wurstbrühe gehen sollte, behauptete sie jedesinal:„Er hat heut keene Wurst jcmacht," und doch hing der Stuhl mit der weißen Schürze vor des Schlächters Tür. Sie wollte eben nun mal nicht, darum wurde jetzt Fridchen von der Groß- niutter zum Einholen verwendet. Wichtig stolzierte die Kleine davon, ein Körbchen am Arm; glückselig kam sie wieder— solch schöne Wurstzipfel und noch so viel Schinkenfett I Alle Hunde auf der Straße um- sprangen sie schnuppernd, sie inußte ihr Körbchen hoch halten und laufen, laufen, so rasch sie nur konnte. Laut weinend kam sie eines Tages heim, die Hunde hatten sie über den Haufen gerannt und ihr das Eingeholte sanit dem fettigen Papier aus dem Körbchen gerissen. Sie war gar nicht zu trösten. Mine, die gerade nach Hause kam, wurde sehr böse— warum war denn Elli nicht gegangen?! Die tat so wie so den ganzen Tag nichts, wenn sie aus der Schule gekommen war; nicht einmal Trudchen wollte sie verwarten. Wenn der Groß- vatcr nicht gerade auf dem Posten war. mußte Fridclzen auch dafür sorgen. „Elli?! sagte die Reschke in ganz verwundertem Ton. „Ellichen � bci'n Schlächter?! Aber sc will dock) nich!" „Ich ich nicht nach Wurschtzippel", murrte Elli und warf die Lippen auf. „Ne, det sollste ja ooch jar nich, ne, ne," beruhigte die Mutter und streiste mit einem zärtlichen Blick ihr blondes Töchterchen. „Morjeu gehste," sagte Mine kühl; und als Elli eine Grimasse schnitt— schwapp— hatte sie eine Ohrfeige weg von der kräftigen Hand, daß sich alle sünf Finger auf ihrer Backe abzeichneten. Mutter Reschke war empört; mit einem Arm ihre Elli umschlingend, streckte sie den anderen gegen die Schwicger- tochter aus. Sie fing an zu räsonieren, daß die Wände dröhnten. Aus dem Hundertsten kam sie ins Tausendste; sie warf Mine Sgchen vor, von denen diese selber gar nichts wußte, Geschichten, die vielleicht einmal vor so und so langer Zeit mit anderen Dienstmädchen passiert sein mochten. Die ganze dtrornque scandaleuse der Hintertreppen kam so zum Vorschein. Es half nicht, daß Vater Reschke seine Frau am Aermel zupfte: da gab's kein Einhalten, alle Schleusen waren aufge- zogen, heraus mußte es. „Na, denn wer'n wer eben ziehn, ich un Artur und de Kinder," sagte Mine endlich und sah der keifenden Schlviegcr- mutter resolut ins Gesicht.„Aergern wer' ich der nich, un ärgern will ich mer ooch nich. noch zu allem derzue. Gelle, Artur?!" Dieser nickte; er sab seiner Frau jetzt immer recht. Deren ruhige Entschlossenheit imponierte ihm.„Iawoll. wir können ja zichn," rief er...wir brauchen uns nich noch runterreißen zu lassen. Wir ziehn, natürlich l Für uns alleine verdienen wer immer genug!" Sofort unterbrach Mutter Reschke ihr Gequassel: sie be- fam nun doch einen kleinen Schreck— ziehen—?! Um Gottes willen, wenn die zogen, wenn Mine nicht mehr da war, wer gab dann Geld her?! Nur noch ganz leise brummelte sie Un° verständliches vor sich hin und wiegte den Kopf. Vater Reschke hatte seine armen blinzelnden Augen entsetzt aufgerissen.„Tu willst ooch weg machen, Mine�I Ach, se lassen uns alle in'n Stich— alle, alle!" Schnüffelnd senkte er den Kopf, ein paar Tränen sickerten ihm über die schrumplige Wange. Mine beugte sich zu ihm.„Ne. Vater, ich laß der nich in'n Stich." Da haschte der Alte nach ihrer Hand, tätschelte die, lächelte Und strich der Schwiegertochter übers Gesicht. Sie drängten sich alle um Mine, auch Mutter Reschke: die tat, als sei gar nichts vorgefallen, und klopfte sie kichernd auf den Rücken. Selbst Elli maulte nicht mehr. Mit schmeichlerischer Gebärde hing sie sich an den Arm der Schwägerin. Ihre schlauen Blicke sahen genug: sie wußte jetzt ganz genau, wer allein noch hier regierte 37. Sommerlicher Staub lag auf der Göbcnstraße: der Sprengwagen hatte ihn erst vor einer Stunde gelöscht, und doch war er schon wieder da, immer neuer, golddurchflim- merter, sonncnwanner. flüchtiger Sommerstaub, den ein lauer Wind, lautlos fächelnd, über Dächer und Häuser und Pflaster Und Trottoir hinweht. Unten im Keller war's langjähriger Staub, Staub von vielen Wintern und Sommern, der schwer wie Asche aufflog, als man die Möbel rückte, den hatte nie ein Sonnenstrahl be- leuchtet, nie ein freier Luftzug aufgeblasen. Der Mann, der Artur beim Ausräumen half, schimpfte: er mußte prusten und niesen, als hätte er eine Prise ge- nommen. Sie wurden beide ganz fchlvarz im Gesicht und konnten kaum atmen und sehen. Draußen auf der Straße hielt ein Wagen, mit einem magren Gäulchen bespannt: solch eine Fuhre gab's doch immer- hin noch voll, obgleich die besten Stücke des Haushalts fehlten. Mine war beim Aufladen: ein ganzer Schwärm Kinder um- ringte das Fuhrwerk, und auch Erwachsene. Weiber mit Kleinen auf dem Arm und alte Männer mit kruimncn Rücken, standen in einiger Entfernung auf den: Trottoir und gafften. Reschkes, die über fünfundzwanzig Jähre hier im Keller gewohnt hatten, Reschkes zogen! Nein, so was! In letzter Zeit hatte man die Reschkes ganz vergessen gehabt, nun er- regten sie noch einmal das allgemeine Interesse. Daß die Leute so zurückgegangen waren! Manch einer, Kcr da gaffte, wußte sich noch genau zu erinnern, wie „schneidig" der jetzt so krepligc Reschke aus der Brautkutsche gesprungen. Und manch eine tuschelte davon, wie sie, die Reschke, geprangt hatte in schwarzer Seide und im Orange- blütenkranz: einen Strauß hatte sie gehabt, so groß wie ein Wagenrad. Die hatten sich eben zu nobel gemacht,— ja, ja, das kommt davon! Die paar Sachen, die da aufgeladen wurden, wurden von Forschenden Blicken durchbohrt. Mine kümmerte sich nicht um die Gaffer. Mit Eifer war sie bei der Arbeit: voller Geschäftigkeit rannte sie ab und zu, Faßte mit an. hob und trug schwer auf ihren starken Armen und rief ihrem Manne mit heller Stimme zu:„Stell das dahin" und:„Nu das hierhin!" Ein hohes Rot ließ ihre Wangen runder erscheinen, übergoß ihr ganzes Gesicht niit einem Schimmer von Jugend. So leichten Herzens hatte sie noch nie aufgepackt. Vor ihren Blicken stand fortwährend das schöne, funkelnagelneue Haus am Ende der Neuen Wintcrfeldtstraße. wo sie nun wohnen durften. Freilich, vorläufig erst auf Probe, sie sollten erst ausweisen, ob sie der Baugesellschaft, die unten die großen Bureaus hatte, die Rctnigung zu Dank machten, ob sie den Anforderungen gewachsen waren, die man an den Portier stellt. Ach ja, sie würden schon! Eine Welt von Hoffnungen schwellte Mines Brust. Das war ja so ganz was für Arturl Dazu langten auch feine Kräfte, im Haus umherzugehen und Kreppen und Gänge, und dann Hof und Trottoir zu über- wachen.„Sollste mal sehn." hätte?r zu seiner Frau gesagt und war dabei um einen Kopf gewachsen,„wie ich mich mit die Mieter stellen wer,„streng aber jerecht!" Und die beiden! Alten konnten abwechselnd vorn in der Portierloge sitzen und aufdrücken; Fridchen verstand das auch schon. Und Mine würde ein und die andere Waschstelle beibehalten: vielleicht fand sich auch noch eine Aufwartung im Hause dazu, oder die Herren aus dem Bureau gaben ihr Wäsche zu waschen.--- In Mines Herzen waren Hoffnungen aufgewacht. Uebev Nacht waren sie gekommen, wie ein erlösender, erquickender Regen übers Land nach langer, banger Dürre: der verküm» merte, hungrige Acker grünt neu. schon sprießen Blumen aui und wollen blühen.— Vor vier Wochen war's gewesen, als sie in tiefster Be» kümmernis über die Potsdamer Straße schlich. Matt war sie an der Mauer des Botanischen Gartens entlang geschlorrt« In dem Topf, den sie unterm Tuch hielt, hatte sie sich Kaffee» grund aus dem großen Restaurant geholt, vor dessen Hinter» tür sich alltäglich gegen Abend arme Weiber, gleich ihr, ein» fanden, und blasse, magre Kinder, um in Körben und Töpfett und Taschen allerlei Ueberbleibsel heinizutragen. An der Mutter Rock hing Fridchen und weinte; im Ge- wühl der sich zu vorderst Drängenden war das kleine Ding getreten und gestoßen worden.„Wart nur bis zu Haus," tröstete Mine das Kind,„da koch ich uns Kaffee!" Aber sie beeilte sich dennoch nicht, ihr grauste vor dem dunklen Keller. Da faß der alte Vater, hielt den Kopf mit beiden Hände» und stierte vor sich hin, immer auf einen Fleck. (Schluß folgt.) Die Sntftebung der Pasquille und poUtifeben Spottlieder. Spottlieder, in denen das politisch erregte Gemüt seinem Spott und Hohn, seiner Verachtung dem Gegner gegenüber Lust macht, waren schon dem frühen germanischen Mittelalter bekannt: schon Karl der Große ließ ein ausdrückliches Verbot gegen solche Satiren auf seine Person ergehen. Der Klerus besonders diente in seiner das Volt brandschatzenden Kirchenpolitik und in seiner mit der offiziellen Moral so unvereinbaren sittlichen Ausartung schon in früher Zeit als Gegenstand des Spottes und der Satire; gegen ihn ist eins der ältesten SpoUlieder aus dem dreizehnten Jahrhundert, abwechselnd aus deutschen und lateinischen Versen bestehend, gerichtet. Und ein anderes berühmtes Schmählied züchtigt in mehreren Versen den Papst Johann XXIH. wegen seines deutschfeindlichen Verhaltens auf dem Konzil zu Konstanz<1414—1418). Es ist natürlich, daß im Zeitalter der Resorniation, wo der Gegensatz gegen den Papst und den Klerus zu offenem Ausdruck kam und wo sich ein neuer, auf neue wirtschaftliche Grundlagen gestützter Kulturkreis von dem alten feudalen, mittelalterlichen, klerikalen Kulturkreise abzusondern begann, also in einer Zeit, wo alle politischen Leidenschaften wachgerufen waren, auch das politische Spottlied eine große Rolle spielte. In dieser Zeit cittstand auch der Name, der noch heute eine be- sondere Abart des politischen Spottlicdcs bezeichnet, der Name PaSquill. Die Bezeichnung entstand in Rom, wo umS Fahr 15n»du,-Z mit weiteren Folgen und mit erheblicher Eiubutze an Sehkraft ein. Daraufhin wurde angeordnet, dass die Mannschaften bei diesen» Dienst gelbe oder orangefarbene Gläser zum Schutz tragen müßten. Ausser- dem traten Fälle von Hautausschlag auf, die sehr schwer zu heilen Ivaren und wohl auf dieselbe Ursache zurückgeführt werden mußten. Ausserdem war noch ein Fall von schmerzhafter Stönmg der Herz- tätigkeit zu verzeichnen. Lerantwortl, Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.PerlagSanstalt Paul Singer Si