Mnterhaltlmgsblatt des Horivärts Nr. 87. Donnerstag, den 6. Mai. 1909 (Nachdruck verboten) 8] Erkaltung der Kraft. Novelle von Timm Kröger, Peter Ohm zeigte genau, wie der MaWinenmann zur rechten Zeit auf die Pferde losgeschlagen und mit einem Ruck die Last aufs feste Land gebracht habe und wie hinter dem Gespann Bohlen und Bretter in die Tiefe gedonnert seien. Die Brücke habe ein ellenlanges Loch. Er habe den Weg gesperrt, damit kein Unglück geschehe, nun wolle er gleich dem Amt Nachricht geben. „Berdommig!" fluchte Martin Uhrhammer. „Ja, dat feg man mal," fiel Peter ein und redete weiter. Der, den Peter Ohm hatte, ließ er sobald nicht wieder los. Er hatte Vorliebe für Rechts- und Verwaltungsfragen, er bildete sich ein, als Vorsteher der Gemeinde kliiger als mancher Advokat geworden zu sein. An Martin Uhrhammers Wagen stehend, vertiefte er sich in die Frage, wer die Repara- tur oder gar den Neubau der Brücke zu zahlen habe, Hand- schlagte mit der Rechten und legte, feine Rechtskenntnisse rühmend, die Linke auf die Wagenleiter. Er erzählte bei Darlegung seiner Vorzüge Geschichten, die Martin nicht zum ersten Male hörte. Wie schwer er seine Wirtschaft angefangen und daß er sich mit jedem im 5iirchspiel messen, was für Zeiten er durchgemacht habe und wie er unter die Obrigkeit gekommen sei, er kam sogar auf seine Reise als Steuer- deputatschonsmitglied nach Kopenhagen. Martin hob die Peitsche.„Es wird meine Zeit, Ohm: Mittag will ich zu Hause essen. Also, Du meinst, da kann ich nicht durch?" „O, Du, was Du Dir einbildst, da kann keine Kah hin- über. Die Taglöhner von Steinbcrg machen alles fest zu. Sieh man mal!" Peter legte die Hand als Dach über die Augen. Die Pferde hatten schon angezogen. Aber Martin Uhr- Hammer hielt wieder an, um selbst hinzusehen.— Drei Punkte, die Männer sein konnten, bewegten sich von der Brücke nach einem Hof zu, der nicht weit von der Brücke am Rande des Ackerfeldes lag. „Und was ist das für einer, der iibern Fußsteig gekommen ist? Er ist jetzt dicht bei der Brücke." Peter Ohm prahlte mit seinem guten Gesicht.„Der Mann ist eine Frauensperson," lachte er. „Ja. wahrhaftig— nun muß ich aber! Adjüs, Ohm." „Godc Reis'I" Zwanzig Schritte lagen schon zwischen ihnen, Martin schnalzte mit der Zunge und fuhr rasch davon, aber noch einmal rief er„Brrl", brachte die Pferde zum Stehen und drehte sich nach dem Ortsmonarchcn um. Ihm war eingefallen, wie die Verbindung mit Hamaschen herzustellen sei, wenn die Militärmanöver auf dem Todcn- dorfer Vierth anfingen, bevor die Brücke instand gesetzt sei. „Hei" rief er, und Peter Ohm kehrte um. „Peter Ohm," rief Martin,„Peter Ohm!" Und er fing an und setzte seine Frage auseinander.—„Wo soll man längs fahren, wenn die Brücke entzwei ist und wenn im Lager geschossen wird und man da auch nicht durch kann?" Peter lachte.„Martin— wozu ist denn der Langweg da?" Der sogenannte Langweg ging nach Osten durch den gleich hinter dem Dorf aussteigenden fiskalischen Wald in einem großen Bogen über Embüren, Wiesbeck— und so weiter. „Ohm. Du meinst, da ganz rum?"— Und er zeigte mit der Peitsche. „Ja, Martin, weißt Du einen andern?" „Das sind ja fünf Stunden." „Das wird wohl so sein." „Da bedank ich mich vielmals für." „Nun, der Weg über Todendorf ist heut ja nicht gesperrt. Ich mach's ja immer durch Bauerzettel bekannt." „Es könnte aber doch mal sein." „Das ist wahr. Unmöglich ist es nicht." „Wird die Brücke denn wenigstens bald gemacht?" „Das weiß ich nicht, ich bin bang, da kriegen wir noch 'n Prozeß um." „Aber da kann das Machen doch nicht nach warten?" „Ist auch meine Meinung, Martin. Und das Amt wird auch wohl sehen und anordnen. Aber bis das zurecht, geschrieben ist— ach— ach!" Peter Ohm seufzte und lachte und redete mit beiden Händen in die Luft. Martin Uhrhammer lachte auch...„Bauervogt sein — ist auch nicht leicht. Was, Ohm?" Peter Bauervogt winkte nur noch mit crgebungsvollec Hand und mit heiter-kummervollem Gesicht. Martins Wagen und Peters Beine waren bereits in Bewegung. * Im Weiterfahren kratzte Martin sich den Kopf. War auch der Weg über Todendorf offen, das war zu weit, das wollte er nicht, umkehren noch weniger. Wie wäre es mit der alten Furt? Soll ich's wagen? Das Wasser steht nicht hoch, und das Wetter ist trocken. Da ist eigentlich gar nichts bei.~ Und wie er das gedacht hatte, schnalzte er wieder und ließ die Pferde traben, erst wollte er nach der Brücke hin und sehen. Aber er gewahrte schon von weitem, daß nichts zu machen sei, so stark und roh war die Einfahrt mit Latten und Brettern vernagelt. Die Tagelöhner von Steinberg hatten ihre Sache gründlich gemacht. Und bei der Brücke vor der Sperre stand die Frauensperson, die über den Fußsteig ge- kommen war. Und als er näher kam— sieh da!— eine großgeivachsene, biegsame junge Bauerndirne. Und immer klarer trat die Gestalt und traten die Züge hervor.— Nun wandte sie sich um, sah nach Martin Uhrhammer hin und — lachte. Es war ein frisches Gesicht mit hochgeschwungenen Augenbrauen und einem weichen Mund... �Jhr Haar war braun, und der Wind zauste es in der Schläfengegend auf. „Elsbe!" rief Martin Uhrhammer. „Martin!" antwortete sie. «Wullt na Hamaschen?" „Jk wull woll, awer de Welt is hier je mit Brä tonagelt." „Ja, Elsbe, ik wull ok hin— dann können wir ja zusammen." So fand Martin Uhrhammer, als er einen Sack Grütze holen wollte, seine Herzenskönigin an der Steinberger Brücke. ** Persönlich waren sie längst miteinander im reinen. Früher war Elsbe einige Male auf Dora Pähl eifersüchtig gewesen, in der letzten Zeit ging es besser. Dora Pähl hatte auf Altenhof ausgeholfen, sie sah gut aus, war liebebcdürstig und ein bißchen aufdringlich mit ihrer Liebe. Wenn Elsbe in Eifersucht verfiel, dann tanzte sie in Gelagen mit dem schmucken Schneidergesellen Friech Gripp.— Einmal hatte Martin gleiches mit gleichem vergolten und Dora nach Hause gebracht.— Das probierte er nicht wieder, denn es hatke schwer gehalten, das wieder zurecht zu kriegen. Mutter Wulfsen wollte Elsbe lieber an den Bauer von Dückerswisch, einen reichen Witwer, verheiraten.— Von der Seite war aber bei Elsbe keine Gefahr.—„Und wenn er in goldener Kutsche käme, den nähme ich nicht," sagte sie. „In goldener Kutsche."— Ganz weit hergeholt war daS Bild nicht, denn die Verhältnisse auf Dückerswisch waren sehr günstig. Nicht so in Ordnung war es mit Jiirn Alpens Ruf und mit seinem Ansehen. Er hatte den Beinamen „Trostkloß der Witwen und Waisen", es traf sich nicht selten, daß er, wenn ein Ernährer weggestorben war, mit einer Forderung oder gar mit einem Papierchen kam, dessen Be« richtigung von dem Verstorbenen vergessen worden war. Mutten Wulfsen meinte, Elsbe müsse vor allen Dingen auf eine gute Brotstelle sehen. Sie hatte zwar die Sternkate zu eigen, ihre Umstände waren aber nicht besonders. Ihr Mann hatte Ewerschiffahrt auf der Eider getrieben, war tüchtig und fleißig gewesen, hatte aber eine Schwäche für das Spiel gehabt. Vor jetzt vielleicht zwei Jahren ist sein» Leiche im Fluß gefunden worden: es steht nicht einmal fest, ob sein Tod ein unfreiwilliger gewesen ist. So stand es mit Elsbe Wulfsen, die jetzt vor der mit Brettern zugenagelten Brücke mit Martin Uhrhammer sprach. „Dann können wir ja zusammen—" hatte Martin erwidert. „Ja, wie denn?" hatte sie gefragt. Das Schutzleder schlug Martin zurück und rückte zur Seite. „Komm man. spring auf!� »Sollte es gehen?" „Warum sollte es nicht gehen?" „Und denn übern Vierth?" „Ich weiß einen näheren Weg, hast schon mal von der Jurt durch den See gehört?" Elsbe wußte nichts. Martin erzählte. Als die Brücke noch nicht gebaut war, ging die ordentliche Fahrt zwar über Todendorf, bei trockenem Wetter wurde aber eine Furt durch den Hechtsee gewählt, die mit Besen- baken abgesteckt war. Da ist gelber Sandgrund, nur ein paar Rinnen und Priele gehen tiefer hinein. Nach Her- stellung der Brücke ist die Furt in SSergessenheit gekomnien, und die Besenbaken sind von Wind und Wetter und Eis zer- stört und weggetrieben. Aber der Grund ist noch der, der er war. Als Stinemesch sich nach Falkenstein, das hinter dem Hechtsee liegt, verheiratet hat, ist Martin(er war ein junger Knabe) zweimal mit seinem Vater hindurchgefahren, um sie in Falkenstein zu besuchen. Es ging ganz gut, das Handpferd fiel nur einmal in ein Loch, kam aber auch gleich wieder heraus. „Elsbe, willst mit?" „Ja, denn man zu!"... (Fortsetzung folgt.) Alexander v. kwmboldt. (Gestorben am 6. Mai 1559.) Nie ist ein Name weiter geklungen, wie der eines Gelehrten, der vor jetzt 59 Jahren die Augen zum ewigen Schlummer schloß. Das Verdienst Humboldts war aber jedenfalls ein anderes, als man gewöhnlich glaubt. Humboldt erlebte den Beginn einer bis jetzt noch ununterbrochenen Reihe glänzender wissenschaftlicher Entdeckungen, die an Großartigkeit sogar die hohen Leistungen des 17. Jahrhunderts übertrafen. Er war ein Zeitgenosse der Väter der neuen Chemie; er sah, wie aus den unbedeutenden An- sängen der Voltaischen Säule die Kenntnis vom Magnetismus keimte und groß wurde; er erlebte� endlich, wie Magnetismus, Elektrizität, Wärme, ja, sogar Chemie sich zu einer Art gemein- famer Wissenschaft vereinten. Mitten in einem Feld reifender und gereifter Entdeckungen knüpft sich Humboldts Name doch an keine größeren derselben, obwohl er solche vorbereiten half und namentlich dadurch so befruchtend wirkte, daß er sie im echten Geiste der Forschug hervorrief. So ist er mittelbar der Urheber unserer modernen Kenntnisse von den meteorologischen und den magnetischen Witterungsgesetzcn unserer Erde geworden. Er allein, der lautere und reine Freund der Wissenschaften, besaß Vertrauen und Ansehen genug, um den gesamten Erdball mit Bc- obachtungsplätzen überspannen zu lassen. Nur wenige Daten aus dem Leben des„Nestors der Natur- forscher" seien hier eingefügt. Alexander v. Humboldt wurde zu Berlin am 14. September 1799 geboren und erhielt mit seinem um zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm v. Humboldt gemein- schaftlich Privatunterricht, nach dessen Beendigung er die Universitäten Frankfurt a. O., Berlin und Göttingen besuchte. 1799 machte er längere Reisen durch Belgien, Holland und Frank- reich, und zwar in Begleitung Georg Forsters, der wohl zuerst feine Blicke auf die tropischen Länder hinlenkte. Alexander v. Humboldt vervollständigte dann seine Studien auf der Berg- akademie zu Freiberg, ward hierauf Assessor im Bergdepartement und bald darauf oberster Bergmeister in den fränkischen Fürsten- tümern. Schon als Student war er schriftstellerisch hervor- getreten; ganz widmete er sich der Wissenschaft, nachdem er seine Aemter niedergelegt hatte. In Paris machte er dann die Bekannt- schaft des Botanikers Aime Bonpland.�mit dem zusammen er seine erste große Forschungsreise nach Süd-, Mittel» und Nord- amerika machte(von 1799 bis 1894). Von jetzt ab lebte Humboldt teils in Paris, teils in Berlin, wohin er 1827 definitiv zurück- kehrte. Oester wurde er auch für den diplomatischen Dienst in Anspruch genommen, besonders nachdem er eine große Expedition nach Asien geleitet und erfolgreich durchgeführt hatte. Auch nach anderen Ländern führten ihn teils diplomatische Geschäfte, teils wissenschaftliche Zwecke. War die Frucht des fast 29jährigen Aufenthaltes in Paris die Bearbeitung des amerikanischen Reise- Werkes(die Gesamtausgabe enthält 39 Bände, viele Atlanten, Kupferwerke usw.), so vollendete er in Berlin die Schilderung der asiatischen Reise und den„Kosmos". Sein Grab wie das seines BruderS befindet sich im Schloßgarten von Tegel bei Berlin. Die beiden großen Reifen, die nach der neuen Welt und die spätere nach Zentralasien, haben Humboldts Namen weit ver- breiten helfen; aber so kühn und unerschrocken er auch in fremde und unerforschte Räume drang, ihm voraus gingen und nach ihm folgten Reisende und Entdecker, die jedenfalls viel Größeres ge- leistet haben. Kein Reisender vor und nach ihm konnte sich aber einer höheren, wenigstens nicht einer allgemeineren Bildung rühmen. Humboldt war ein Polyhistor im guten Sinne des Wortes. Seine Sprachkenntnisse machten ihn vertraut mit den Geistesschätzen sämtlicher europäischer Völker, die slawischen aus- genommen, und selbst orientalische Sprachen und ihre Literatur waren ihm nicht fremd. Dies erhob ihn zu dem gelehrtesten Reisenden und dem gelehrtesten Naturforscher seiner Zeit. Sein wahres Fach jedoch blieb immer die Kosmographie(Welt- beschreibung), deren zahllose Zweigwissenschaften er mit Leichtig- keit beherrschte. In französischer Sprache haben wir von ihm eine Reiseschilderung, die dem unglücklichen Tagebuchstil, der sonst diese Literatur so unschmackhaft macht, völlig fremd ist. Wir bc- sitzen seine große Arbeit über die Archäologie der eingeborenen Kulturvölker Amerikas, drittens sein gediegenes Werk über die Kolonie Neuspanien(Mexiko), eine geographische Monographie, die wohl als höchstes und unerreichbares Muster noch lange Zeit gelten wird, und worin er episodenartig der Nationalökonomie den großen Dienst leistete, die erste wahre Wissenschaft von der Metallproduktion und dem Geldumlauf in der ganzen Welt zu begründen, serner seine umfangreiche Darstellung der Geographie Zentralasiens. Dasjenige Werk, worin er zuerst den erstaunten Leser in das Universum seines Wissens blicken ließ, war die Ge- schichte der neuen Welt, die Entdeckungsgeschichte Amerikas, die er nur bis zum dritten Bande vollenden konnte. Hätte Humboldt nur diese Werke und seine kleineren Schriften hinterlassen, so würde immer schon sein Ruf als Reisender. Beobachter, Ge- lehrter die Welt erfüllt haben; allein alle diese Sachen werden bald nur noch einen antiguarischen Wert besitzen inid bloß von Fachgelehrten und Historikern noch aufgesucht werden. Ein Teil der echten Größe Humboldts bestand in dem edlen» humanen Gebrauch, den er von seiner großen wissenschaftlichen Autorität machte. In einem großen wissenschaftlichen Zeitalter sicherte er sich den Ruhm, ein äußerst ersprießliches Richteramt geübt zu haben. Aber dies war nur die eine und die kleinste Hälfte seines Verdienstes. Unvergänglich dagegen bleibr sein Name als deutscher Schriftsteller. Alexander von Humboldt bekleidete nur Ehrenämter und bezog eine Pension wie etwa die Mitglieder des Instituts de France. Sein Vermögen hatte er schon frühzeitig aufgezehrt, eine Anstellung wollte er aus Gefühl für seine Un- abhängigkeit nicht annehmen, er erwarb sich daher bis in sein hohes Alter jein Brot als Literat, und obwohl er für seinen„Kosmos* die höchsten Honorare empfing, die jemals ein deutscher Verleger zahlte, obwohl diese Honorare ihm mehr eintrugen, als in der nämlichen Zeit irgend ein Ministerposten, so hatte doch der treff- liche alte Herr wegen seines Wohltätigkeitssinnes und mangelnder finanzieller Begabung oft genug mit Ueberfluß an Mangel zu kämpfen. War er seinem Berufe nach Literat, so sind auch seine Leistungen als Schriftsteller es, die dem Namen Humboldts, der 19 Jahre jünger als Schiller und 29 Jünger als Goethe war, als Prosaiker unbedingt den dritten Platz im Bunde dieser Klassiker erteilen. Dieser Ruhm gründete sich auf seine beiden größten Werke: auf die„Ansichten der Natur" und auf den„Kos- m o s"; auf die Leistungen der ersten Mannesreife und auf die Blüten des höchsten Greisenalters. Die„Ansichten der Natur* sind nicht rein von stilistischen Fehlern, die Humboldt selbst er- kannte, die er aber nicht hinwegputzte, um den Puls der Jugend nicht abzutöten. Seine Darstellungsgabe überragt in den„An- sichten" noch die Leistungen Goethes, der freilich rascher erzeugte und weniger sorgfältig nachbesserte. Mit einem kühnen und glück- lichen Worte malte Humboldt den Charakter einer Form oder Sache: er sprach von einem atlantischen Tale, von der„landschaft- lichen Anmut" des gestirnten Himmels beim Auftreten der Kometen, von dem„Aufbrechen der Milchstraße", um die dünnen oder in Milliarden von Jahren dünner werdenden galaktischen Stellen zu bezeichnen. So beginnt er auch den Aufsatz über die Wüsten und Steppen:„Wenn man die Bergtäler von Caracas und den insel- reichen See Tacarigua, in dem die nahen Pisang-Stämme sich spiegeln; wenn man die Fluren, die mit dem zarten und lichten Grün des tahitischen Zuckerschilfes prangen, oder den ernsten Schatten der Cacaogebüsche zurückläßt, so ruht der Blick im Süden auf Steppen..." Mit welcher Kunst ist hier das liebliche Bild tropischer Plantagenfluren beschrieben! In dem einzigen Worte Zuckerschilf, welche malerische Vollendung! Wer sieht nicht dabei das Zuckerrohr vor sich aus der Erde wachsen infolge der wunder- bar erschöpfenden Kraft des Humboldtschen Ausdruckes? Wie sorg- sam beschreibt er in einem anderen Aufsatze die Mündung des Orinoco:„Der Granitküste der Guyana näher, erscheint die weite Mündung eines mächtigen Stromes, der wie ein uferloser See hervorbricht und rundumher den Ozean mit süßem Wasser über- deckt." Jedes kleine Wörtchen hat hier seinen geheimen Sinn, der dem Kundigen nur zugänglich, diesen gerade wegen der Kürze ent- zückt. Und wie vortrefflich verstand er, die erhabenen Eindrücke der Natur zu schildern:„Unauslöschlich wird mir der Eindruck jener stillen Tropennächte der Südsee bleiben, wenn aus der duftigen Himmels- bläue das hohe Sternbild des Schiffes und das gesenkt unter- gehende Kreuz ihr mildes planetarisches Licht ausgössen, und wenn zugleich in der schäumenden Meercsflut die Delphine ihre leuch- tenden Furchen zogen." In den„Ansichten der Natur" tritt Hum- boldt als Künstler auf, denn er beabsichtigte, wie er selbst erklärt, eine ästhetische Behandlung seiner Gegenstände, und daß er dazu, obgleich deS Franzosische» vollkommen Meister, seiner Mutter- spräche wegen„ihrer herrlichen Kraft und der Biegsamkeit� den Vorzug gegeben hat. ist höchst bedeutungsvoll. Man glaube übrigens ja nicht, daß das künstlerische Genie Humboldts oder irgend eines anderen Meisters darin bestand, im Schwalbenfluge die hohen � Ausdrücke zu erhaschen und zusammenzutragen, sondern das G'enie bestand auch hier nur darin, immer wieder neuere, voll- kommenere Formen zu finden, halbversteckte Mängel zu entdecken und zu beseitigen. Ehe Humboldt die letzten Korrekturen deS „Kosmos" zur Stereotypierung abgab, behielt er sie manchmal zwei Monate unter den Augen, immer wieder betrachtend, ändernd, ersetzend. Auf welchem tiefen Studium seine Schilderungen be- ruhen, das hat er dem Kenner ziemlich deutlich im zweiten Bande des„Kosmos" verraten, wo er Proben der gelungenen landschast- lichen Darstellungen aus den Sprachen beinahe sämtlicher litera- rischer Völker zusammenstellte. Zuweilen verfuhr er dabei mit großer künstlerischer Freiheit. Sein letztes großes Werk war der„Kosmos." Der erste Band dieses Weltgemäldes wird an Inhalt und Schönheit den Ansichten der Natur wenig nachgeben. Der zweite Band, eine Art der Geschichte der Kosmographie und die herrlichste Kultur- geschichte, die wir besitzen, ist durch den Reichtum seines belehren- den Inhalts ein unvergängliches Denkmal. Nach der Ansicht sehr vieler hätte Alexander von Humboldt weise gehandelt, mit dem ersten, wenigstens mit dem zweiten Bande zu schließen, denn die nachfolgenden drei Bände enthielten nur eine Zergliederung oder weitere Ausführung des ersten Bandes. Der„Kosmos" wurde in dreißig und etlichen tausend Exemplaren aufgelegt, aber eS gehörte doch zu denjenigen Büchern, die entweder nur zum Putz oder aus Scham aufgestellt wurden. Von jenen 30 000 Exemplaren wurden vielleicht nur 10 000 bis zum ersten und bis zum zweiten Bande gelesen und höchstens der zehnte Teil vollständig benutzt. Man hat nicht mit Unrecht behauptet, daß der„Kosmos" für den Laien eine zu geweihte Sprache führe und der Gelehrte den strengen Apparat wissenschaftlicher Entscheidungen darin vermisse. Dieser Vorwurf ist im Grunde keiner. Ein Autor hat gewiß das Recht, sein Publikum zu wählen und seine eigenen Zwecke zu der- folgen, der Kritiker aber, der ihn verantwortlich machen will, daß er nicht dieses oder jenes Bedürfnis befriedigte, der übt kein Richteramt, sondern will den Schriststeller zum Diener ftemder Winke erniedrigen. Humboldt wollte eine Beschreibung des Welt- ganzen liefern, soweit es menschliche Geschöpfe wahrnehmen, und er gab nur das, was er als begründete und sorgfältig beobachtete Tatsachen ansah. Seine Sprache war nicht für Laien und nicht für Zachgenossen, sondern für die allgemein Gebildeten berechnet. Diesen ist und wird der„Kosmos" immer ein unersetzliches Be- lehrungsmittcl bleiben. Für die Geschichte der Wissenschaften bleibt Humboldts„Kosmos" eine Art unvertilgbare Flutmaxke. insofern darin die Summe der wichtigsten räumlichen Erkenntnisse sämtlicher moderner Kulturvölker bis zur Mitte des 19. Jahr- Hunderts niedergelegt sind. So viel, wird man einst sagen, wußten die Meistwissenden aller Menschen um die Zeit der Abfassung des großen Werkes. Als gelehrte Leistung bleibt der„Kosmos" immer ein Buch der Bücher. Man muß 70 und 80 Jahre alt werden, von Jugend auf mit soviel Fleiß und Scharfsinn in ungetrübter Ge- sundheit und mit ungeschwächten Kräften sammeln können, man muß zu dem geistigen Adel von Humboldts Rang gehören, und muß eine ungewöhnliche schriftstellerische Begabung besitzen, ehe man eine zweite und ähnliche Weltbeschreibung wird liefern können. Eine wahre und echte Naturandacht zu erwecken, war ein Hauptzweck des„Kosmos". Er entreißt das menschliche Gemüt dem engen Kerker zwischen der Oberfläche unseres Planeten und der durchzitterten Lufthülle und führt uns hinaus und aufwärts, so daß wir uns nicht bloß als Bewohner dieser kleinen Erde, son- dern als Wesen erkennen, die dem Aeltganzen, dem wahrnehm- baren Kosmos angehören. Humboldt hält die Sternschnuppen- schwärme und die Meteorsteine gleichsam für die Infusorien unserer Planetenwelt, die wie die Asteroiden gesellig um die Sonne kreisen. In diesem Sinne höre man die Betrachtungen, die jeder einsame Sternschuß zu erwecken vermag:„Hier tritt plötzlich Be- wegung auf mitten in dem Schauplatz nächtlicher Ruhe. Es be- lebt und es regt sich auf Augenblicke in dem stillen Glänze des Firmaments. Wo mit mildem Licht die Spur des fallenden Sternes ausglimmt, versinnlicht sie am Himmelsgewölbe das Bild einer meilenlangen Bahn; die brennenden Asteroiden erinnern uns an das Dasein eines überall stofferfüllten Weltraumes. Mit allen anderen Weltkörpern fährt er dann fort, mit der ganzen Natur jenseits unserer Atmosphäre stehen wir nur im Verkehr mittels des Lichts, mittels der Wärmestrahlcn, die kaum voni Licht zu trennen sind, und durch die geheimnisvollen Anziehungs- kräfte, welche ferne Massen nach der Quantität ihrer Körperteile auf unseren Erdball, auf den Ozean und die Luftschichten ausüben. Eine ganz andere Art des kosmischen, recht eigentlich materiellen Verkehrs erkennen wir im Fall der Sternschnuppen und Meteor- steine, wenn wir sie für planetarische Asteroiden halten. Wir er- halten durch einen Meteorstein die einzig mögliche Berührung von etwas, das unserem Planeten fremd ist. Gewöhnt, alle? Nicht- Tellurische nur durch Messung, durch Rechnung, durch Vernunft- schlüsse zu kennen, sind wir erstaunt, zu betasten, zu wiegen, zu zersetzen, was der Außenwelt angehört. So wirkt aus unsere Ein- bildungskrast eine reflektierende, geistige Belebung der Gefühle, da, wo der gemeine Sinn nur verlöschende Funken am heiteren Himmelsgewölbe, wo er im schwarzen Steine, der au» der krachest« den Wolke herabstürzt,«ur das rohe Produtt einer wilden Natur- kraft sieht." Das war einer der schönskn Zwecke des„Kosmos": die Natur gleichsam vernünftiger zu machen, d. h. den gemeinen Sinn und das gedankenlose Entzücken in tiefes Beschauen zu verwandeln, immer den Menschen zu erinnern, daß er jener großen Welt an» gehöre, die Lichtstrahlen in Millionen Jahren nicht durchziehen können. Die wenigen Glanzstellen, die wir hier angeführt, haben den Leser fühlen lassen, wie groß unser Verlust, wie groß aber auch die geistige Hinterlassenschaft des edlen Toten war. der vor nunmehr 60 Jahren die wandermüden Augen für immer schloß. Dr. I. W i e s e. � - (Nachdruck bcrfioteyJt JMaifröftc. Die Nebergänge von einer Jahreszeit zur anderen vollziehen sich nicht mit kalendermäßiger Pünktlichkeit. Die Temperatur bewegt sich auch nicht auf einer langsam aufwärts gehenden Linie, sondern es wechseln kühlere mit warmen Tagen und Nächten ab, und die Schwankungen werden um so stärker empfunden, je größer der Unterschied zwischen den beiden Extremen ist. Wir Menschen empfinden das bekanntlich sehr; die Erkältungen in den Frühjahrs- und Herbstmonaten legen davon Zeugnis ab. Selbstverständlich find die Rückschläge um so häufiger, je näher die Jahreszeit den Wintermonaten liegt, im März treten sie meist häufiger und stärker auf als im April, und dieser wiederum hat kältere Perioden als der Mai. Während nun aber auf uns Menschen starke Wechsel der Temperatur sehr schnell wirken, treten bei den Pflanzen nur sehr langsam Peränderungen ein. Die Kälterückschläge wirken sogar um so weniger schädlich, je früher in die Jahreszeit sie fallen, denn von einer Zerstörung durch Frost kann erst dann die Rede sein, wenn sich Wachstum an der Pflanze gezeigt hat. Das ist im März und April gar nicht oder wenig der Fall, im Mai aber sind bedeutende Schäden durch Fröste zu konstatieren. Außer dem Gemüse- und Obstbau leidet vor allem der Weinbau unter dieser Kalamität; eine einzige Frostnacht im Mai kann die Hoff- nungen einer Gegend auf ein segensreiches Jahr zuschanden machen. Schon seit langem hat man sich bemüht, die Ursachen der Maifröste zu erforschen. Es ist sehr auffallend, daß in dieser Zeit bei wärmeren Tagestemperaturen die Nächte so viel kühler sind. Aus dem Stande der Erde zur Sonne ist dies nicht mehr erklärbar. Die Vergleichung der Wärineverhältnisse Europas mit fernen Ländern von gleichem Klima hat indessen ergeben, daß kon- tinentale Verhältnisse die Ursache sein müssen. Der Agrirultur- Physiker Wollnh läßt sich darüber folgendermaßen aus:„Wenn im Frühjahr die Erwärmung unseres Erdteiles von Süden her beginnt und damit Meere und Kontinente sowohl hinsichtlich der Wärmeverhältnisse als hinsichtlich der Luftdruckverteilung ihre Rollen tauschen, dann spielt die Balkanhalbinsel mit dem im Norden derselben zwischen Adria und dem Schwarzen Meere liegenden Hinterlande bis zu den Karpathen die Rolle eines kleinen vorgeschobenen Kontinents. Dementsprechend geht die Erwärmung daselbst, und zwar bor allem in der hierfür be- sonders geeigneten ungarischen Tiesebene sehr rasch vonstatten: es entwickelt sich dort ein Gebiet verhältnismäßig großer positiver thermischer Anomalie und mithin auch relativ niedrigen Boro- meterstandes, d. h. es wird Entstehung sowohl als Eindringen in diesem Gebiete besonders begünstigt. Dies hat aber in Ver- bindung mit dem im Westen Europas herrschenden und um diese Zeit nordwärts stets an Ausdehnung gewinnenden hohen Luft- drucke nach dem Gesetze von Buys-Ballot in Deutschland nörd- liche Winde zur unmittelbaren Folge und damit den Kälte- rückfall." Wir wollen nicht auf die Ergebnisse anderer Studien ein- n, sondern nur feststellen, daß daL Zentrum der Ausbreitung Nachtfröste im Nordwesten liegt und daß der Kälterückschlag zuerst im mittleren Schweden eintritt und dann in die südlichen und östlichen Ostseeländer übergeht. In der Regel sind in den genannten Gegenden der 11. und 12. Mai die Anfangstage dieser Erscheinung. Im zentralen Deutschland zeigen sich die ersten Maifröste am 13.. an der Westgrenze am 14. und in Frankreich am 1ö. und 16. Mai. Auch nach der anderen Seite hin verbreiten sich von dem Zentrum aus die gleichen Kälterückfälle. Das Volk hat seit allerSher dieser Erscheinung Aufmerksam- keit zugewendet. Es ist bekannt, dass der 11., 12. und 13. Mai, die Tage der drei Eisheiligen Mamertus, Pankratius und Servatius, als kalte Tage gelten. Natürlich trifft dies nicht immer zu, man kann aber festhalten, daß im Durchschnitt in die Zeit vom 3. bis 8. Mai etwa 20 Proz., vom 8. bis 13. Mai LS Proz., bis zum 18. Mai 16 Proz., bis zum 23. Mai 18 Proz. und bis zum Maischluß 21 Proz. der in Deutschland und Frank- reich vorkommenden Kälterückschläge fallen. Langjährige Beobachtungen haben gezeigt, daß den Maifrösten 'ast ausnahmslos nördliche bis nordwestliche kalte Winde voran. gehen. Obwohl diese Winde über den Ozean gestrichen find, ent- halten sie doch nur wenig Wasscrdampf, und so wird dann, wenn der Wind mit wärmeren feuchten Luftschichten zusammentrifft, in- folge schneller Feuchtigkeitsverdichtung ein Regenfall eintreten. Die Luft enthält hinterher aber immer weniger Feuchtigkeit, die Wolkenbildung läf;t nacki, wir haben trockene Luft und heiteren Himmel, und so ist denn für die Nächte die Bedingung gegeben, daß starke Abkühlungen des Bodens die Temperatur unter den Gefrierpunkt sinken lassen. Natürlich bleiben die gekälteten Luft- schichten über dem Boden liegen, und die Folge ist, daß bier die Pflanzen zugrunde gehen. Die Abkühlung ist um so größer, je leichter die Atmosphäre die ausstrahlende Bodenwärme weiter- .führt. Stehen Wolken am Himmel, so verringert sich die Ab- kühlung. Die Gefahr wird stets weniger auftreten, je mehr der Nachmittags- und Abendhimmel eine graue Farbe zeigt. Auch Nebel in einiger Entfernung vom Boden kann als schützend gelten, über er tritt nur auf, wenn ein reichlicher Regen das Erdreich durchfeuchtet und die Sonne durch Verdunstung des Negenwassers llie unteren Luftschichten wasserhaltig gemacht hat. Die durch Ab- kühlung des Bodens geschaffenen Fröste heißen S t r a h l f r ö st e. Gegen sie kann man sich zum Teil noch schützen. Im Gegensatz zu ihnen stehen die K ä l t e f r ö st e, die aber im Mai außer- ordentlich selten sind. Gegen sie ist man so gut wie machtlos. Die Stärke der Maifröste ist außerordentlich verschieden. Es kann vorkommen, daß verhältnismäßig dicht beieinander liegende Gelände ganz ungleich getroffen werden. Vor allen Dingen kann mau beobachten, daß niedrig gelegene Orte stärker befallen lverden als höher liegende. Die Erklärung ist nicht schwierig. In den Talkesseln sammelt sich größere Bodenfeuchtigkeit an, es entsteht ein reicherer Pflanzenwuchs als an den Hängen, und der geht natür- lich unter der Einwirkung des FroftcS leichter zugrunde. Auch die Struktur des Bodens hat aus die Wirkung der Frühjahrsfräste Einfluß. Je mehr der Boden Wasser aufspeichern kann, um so mehr bleibt Wärme darin gebunden, denn Wasser besitzt eine außerordentliche Aufnahmefähigkeit dafür. Andererseits ist natür- lich aber auch der größere Wassergehalt im Pflanzengewebe, wie bereits gesagt, eine gewisse Erhöhung der Gefahr. Auf sandigen und lehmigen Böden sind die Verhältnisse am günstigsten, und zwar um so mehr, je unkrautfreicr die Umgebung ist. Frisch ge- hackte Böden haben die Pflanzen besonders leicht erfrieren lassen. Auch ausgestreuter Naturdünger hat nachteiligen Einfluß bewirkt. Es komnit nun alles darauf an, daß die Wirkungen der Fröste abgeschwächt werden. Das betreibt man in den Wein- und Obst- anlagen durch Abbrennung von Rauchfeuern, zu denen Tannen- und Fichtenreiser, Sägemehl, Gerberlohe usw. verwendet werden. Die Feuer werden in der zweiten Nachthälfte angezündet und bis nach Sonnenaufgang forterhalten. Je dicker der Rauch ist und die Flur überzieht, um so mehr wird die Gefahr der Abkühlung des Erdbodens abgewendet und damit die Frostgefahr verringert. Der Rauch verursacht einen aufsteigenden Luftstrom, der eine Mischung der kalten mit der warmen Luft herbeigeführt und die Lagerung der kältesten Luft direkt über den Rebstöcken und Obst- bäumen ausschließt. In den blumengärtnerischen und den feineren Gemüse-Kulturcn ist jedoch dieses Mittel nicht immer anwendbar. Hier muß man durch Dcckmaterial die Pflanzen schützen. Am allerwichtigsten ist es für den Pflanzenzucht Treibenden, daß er da? Eintreten von Nachtfrösten rechtzeitig erkennt. Wir haben bereits auf die Farbe des Himmels aufmerksam gemacht. Es gibt noch ein anderes Mittel: das sogenannte Pspchrometer. Den Apparat kann sich jeder selbst herstellen, und zwar wie folgt: Die Ouecksilbcrkugel eines guten(nach Celsius eingeteilten) Thermometers wird mit Gaze oder dünner Leinwand umwickelt. Die Hülle muß an allen Seiten gleichdick um die Kugel liegen. Dann lverden etwas oberhalb der Kugel 12— 16 Baumwollfaden um die Glasröhre für das Quecksilber gebunden, und zwar so, daß sie gleichmäßig verteilt über die Ouecksilbcrkugel herabhängen. Die Hülle und die Fäden sollen aus sauberem Stoff bestehen: sie müssen auch vor Schmutz bewahrt bleiben. Dieses Thermometer wird an einem Ort, den weder die Sonne noch Reflexe treffen, aufgehängt. Wo ein solcher Platz nicht vorhanden ist, kann man das Thermo- meter in einen innen weißgestrichenen Kasten hängen, zu dem die Luft Zutritt hat. Nun wird ein Gefäß mit reinem Wasser so unter dem Thermometer aufgestellt, daß die Fäden hineinhängen. Diese ziehen Wasser auf und halten die Ouecksilberkugel beständig feucht. Vergleicht man das Psychrometer mit einem gewöhnlichen Celsius-Thermometer, so wird man finden, daß der Unterschied im Quecksilberstand um so größer wird, je trockener die Luft ist. Betrachtet man aber des Nachmittags gegen drei Uhr das feuchte Thermometer, so braucht man nur vier Grad abzuziehen, um die niedrigste Temperatur der nächsten Nacht zu ermitteln. Es gehen alljährlich große Vermögen durch Maifröste zugrunde. Je mehr es dem Einzelnen und den Interessenten insgesamt ge- lingt, die Gefahr abzuwenden, um so größer ist der Vorteil, den die Gesamtheit dadurch hat. kleines Feuilleton. Technisch-Physikalisches. Ein optischer Zauberpalast. Der französische Architekt Eugene Henard, der für die Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 einen eigenartigen..Jllusions-Palast" konstruierte, hat nunmehr im Lerantw. Redakt.: Carl Wermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Musö Grebin in Paris ein ähnliches Werk in größerem Stil aus« geführt, das er den„Palast der Täuschungen� nennt. Der Gesamt- eindruck ist der eines von 64 060 Lampen erhellten Raumes. Das Prinzip, das der Anlage zugrunde liegt, ist eine eigentümliche Anordnung von Spiegelwänden, die einen inneren sechseckigen Raum umschließen. Die Ecken werden von Pfeilern gebildet. Von der Mitte dieses Raumes aus sieht man ihn infolge der Spiegelwirkung von sechs anderen gleich großen Räumen umgeben, die ihrerseits von einem Zwölferring umwallt sind, um den sich wieder achtzehn Gelasse schließen usw. bis zur— theo- retischen— Unendlichkeit. In dem inneren Gemache brennen 2öv0 farbige Glühlampen, von denen 1300 mit einem Schlage aufleuchten. Der Lichteffekt, der dadurch in den innersten drei Ringen hervor- gerufen wird, entspricht 3«mal 1800 oder 64 800 Lichtern. Die Pfeiler in den Ecken sind um ihre Achse drehbar angeordnet und be- sitzen dreierlei Fassaden, die durch entsprechende Drehung nach einander nach vorn gerichtet werden kann. In dieser Weise ist es möglich, abwechselnd Pfeiler im indischen oder arabischen Stile oder Bäume erscheinen und durch die Spiegelwirkung in vertausendfachter Menge wirken zu lassen, so daß der Eindruck eines indischen Riescntempcls mit dem eines arabischen WunderbaneS, ähnlich der Moschee von Cordova oder einem phantastischen Walde, abwechselt. Die Drehung der Pfeiler geschieht durch einen äußerst fein kon- strnierten Mechanismus, da zur richtigen Spiegelwirkimg ein genaues Anschließen der drehbaren Eckstücke an die Wandspiegel erforderlich ist. In dieser Weise werden mit überaus einfachen Mitteln außer« ordentliche dekorative Wirkungen erzielt und beispielsweise der ganze „Riesenwald" durch sechs Baumstämme mit je sechs Aesten hervor- gebracht, die durch die Spiegelwirkung die Täuschung zu erzeugen vermögen. Geographisches. Die Eoloradowüste im südlichen Kalifornien ist eines der berühmtesten und auch der berüchtigsten Gebiete der Erde. Namentlich sind unzählige Schilderungen vom„Tal des Todes" gegeben worden, das seinen Namen daher erhalten hat, daß dort angeblich nicht die gringste Spur von Leben z» finden ist. Schon dadurch ist diese Gegend für die Wissenschaft von besonderem Interesse, daß sie den einzigen Bezirk von Amerika darstellt, der unter dem Meeresspiegel gelegen ist. In den letzten Jahren sind nun merkwürdige Veränderungen mit dieser Wüste vor sich gegangen, teils durch einen Eingriff der Natur, teils durch die Bemühungen des Menschen. Der Trieb des Amerikaners nach gewerblichem Nutzen hat sogar aus dieser Gegend etwas zu inachen versucht und verstanden. Trotzdem dort fast gar kein Regen fällt, und außer der Trockenheit auch eine sengende Hitze herrscht, hat der Mensch es fertig gebracht, dort große Gärten anzulegen. Da der Himmel don obenher dem Pflanzcnleben in jener Gegend das nötige Naß versagt, ist das Wasser durch artesische Brunnen zutage gefördert worden, und im neuen Teil der früheren Wüste sind jetzt schon einige Tausend Hektar fruchtbaren Bodens mit Melonen, Gerste und Alfagras bestanden, kleinere Flächen außer- dem mit Orangen, Trauben, süßen Kartoffeln und Zuckerrüben bepflanzt. Auch Dattelpalmen haben sich dort entwickelt und zu- nächst in einem Versuchsgartcn, der den bezeichnenden Namen Mekka erhalten hat, treffliche Früchte geliefert, wie sie sonst nur in Arabien und Nordafrika geerntet werden. All diese Arbeiten drohte der Coloradofluß zunichte zu machen, der vor einigen Jahren gewaltsam in das Tiefland der Wüste einbrach und dort einen großen See bildete. Dies Naturereignis wurde sogar der Gegen- stand einer besonderen Adresse, die Präsident Roosevelt an den Kongreß der Vereinigten Staaten richtete. Die dadurch ein- geleiteten Maßregeln haben dann zum Erfolg geführt, und die Wüste wird sich nun weiter zu einem Fruchtlande entwickeln können. Medizinisches. Die Epilepsie oder Fallsucht, deren Ursachen bis jetzt noch nicht entdeckt lverden konnten, war schon im grauen Altertum bekannt. Die Griechen schrieben sie bösartigen dämonischen Ein- flüssen zu. Andere Völker versuchten den bösen Geist auszutreiben, indem sie in den Schädel der Epileptiker ein Loch bohrten. Das er- klärt auch, weshalb man unter den Gebeinen mancher Völker der vorgeschichtlichen Zeit so viele angebohrte Schädel gefunden hat. Merlwürdig ist aber, daß man auch in unseren Tagen bei gewissen Abarten von Epilepsie die Schädelbohrung vornimmt; natürlich glaubt jetzt kein Mensch, daß inan durch Trepanation die bösen Geister verjagen kann. Bor kurzem hat ein bekannter Londoner Arzt für die Ursachen der Fallsucht eine neue Erklärung gegeben: die Epilepsie soll, wie er behauptet, auf eine plötzlich eingetretene Blut- leere im Gehirn zurückzuführen sein. Wenn diese Theorie richtig ist, so schreibt das„British Medical Journal", dann wäre die Behand- lung der schrecklichen Krankheit nur noch eine.Kleinigkeit: man müßte systematisch die Blutzirkulation im Gehirn des Patienten stimulieren und dem Kranken eine Lebensweise vorschreiben, die geeignet wäre, jede Ursache der Blutleere in dem heikelsten Organ des menschlichen Körper? zu beseitigen. Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsaiistalt Paul Singer SrTo..Berlin ZW.