Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 83. Freitag, den 7. Mai. 1909 (Nachdruck verboten.) 4Z Erkaltung der Kraft. Novelle von Timm Kröger, Eigentlich hätten sie bis zum alten Fährdamm bei dem Bauernhof„Lust" zurückfahren müssen. Martin aber dachte. warum sollen wir uns vor Menschen zusanimen im Wagen- stuhl zeigen? Er kannte einen Richtweg über die Wiesen an der Au längs. Es war nur eine Servitut, eine Feld- dienstbarkeit der Nachbarn, und ein halbes Dutzend Mal mutzte Martin Uhrhammer absteigen. Schlagbäume und Heck- tore zu öffnen und zu schlietzen. Schlietzlich kamen sie an den alten Fährdamm. „Wat blänkert bor?" fragte Elsbe Wulfsen. „Wat meenst Du?" „Dat dor." Und sie zeigte mit der Hand geradeaus. Die Ver- längerung traf ein Schiff im Eiderstrom, aber das meinte sie nicht, sie meinte etwas, das ganz nahe war. sie meinte den Hcchtsee selbst. Der Hechtsee ist eigentlich nichts als der zu einem breiten Becken ausgeweitete und vor einem Sandstrcifen aufgestaute Austrom. Meilenweit läuft der runde Sandrücken vom Stadt- felde her durch die Niederung, seine gelben Wurzeln bilden in der Richtung der Furt in flachem Wasser einen reinlichen. harten, nur hier und da von Prielen durchzogenen Grund. Er ist von einem breiten Schilf- und Binsensaum eingerahmt, und aus Schilf und Binsen leuchtete das Wasser zu Martin und Elsbe herüber. Es glänzte wie dunkler Stahl, zuweilen sprühten Diamanten und Sterne auf. Wie ein fromnier, auf breiten Flügeln hcrabschwebender Engel war ein guter Wind vom Himmel gekommen und hatte, wie zu heiliger Zeit im Teich Bethesda, milde Wellen bewegt. Und vor dem See auf Hans Horns Bultwiese ragte auf dem rund ab- fallenden Sand eine kleine, windfeige, gichtbrüchige Eiche auf. Daran fuhren sie links vorbei und dann hinein— jawohl, in das Wasser hinein. „Ich erinnere das noch von Vater her, wir wollen es uns aber für künftige Fälle merken," sagte Martin.„Links von der Eiche müssen wir hinein." Aber sie taten es noch nicht gleich, noch waren die Tiere auf der Rundung des Ufers, noch waren sie auf trockenem Land. Aber der Wind bog Schilf und Binsen nieder, und die Binsen verbeugten sich nach dem Wagen hin und winkten Martin und Elsbe zu, kamen wieder hoch und sagten:„Man immer zu, es ist gar nicht gefährlich."— Im breiten, blinkenden Wasser rauschten und flüsterten kleine Wellen auf, und auch die kleinen, blinkenden Wellen ermunterten:„Fahrt nur ruhig hinein!" Aber Martin Uhrhammer tat es noch nicht, er sagte -„Brr!", hielt noch einmal an und zeigte mit der Peitsche gerade über das Wasser weg. „Sieh. Elsbe! Ganz hinten, weit weg, da liegt die Kate. Sie hat vergangenes Jahr einen weitzcn Schornstein bekommen, und das ist gut, so sieht man sie besser. Da fahren wir immer gerade darauf zu, immer quer durch das Wasser, dann sind wir recht." Und nun ging's hinein. Erst schnoben die Schimmel ein bitzchen: als sie aber merkten, datz sie festen Grund unter den Fützen hatten, da war ihnen die Kühle, die von den Hufen heraufzog, ganz recht. Nach dem ersten Schritt in den Binsen sah man Linien an der Oberfläche des Wvsscrs, wie sie entstehen, wenn Hechte pfeilschnell davonschietzcn. Die Räuber haben im Schilf und in den Binsen ihr Versteck, um auf die dummen Weißfische und auf die Gründlinge Jagd zu machen. Nun brachen auch noch zwei alte, schwere Enten mit großem Geschrei auf, flogen in die Luft und hätten den Schimnieln beinahe Angst gemacht. „Verdommig," sagte Martin,„hält ich nu ein Gewehr!" Er hatte aber keines, er konnte nichts tun, als die Tiere, die sich wieder im Schilf niederließen, mit den Augen ver- folgen. Die Binsen und Schilfgräscr waren hier noch nicht dick und auch nicht hoch, dazu lag zu viel Sand über dem Moor — sie waren dünn und spärlich ausgeschossen. Und gleich darauf wateten die Schimmel im klaren Wasser. Soweit Wagen und Pferde und Wellen den Spiegel nicht verdarben, sah der Grund weißgelb und eben und verklärt und frisch aus. Man sah jeden Stein: es waren aber nicht viel da, öfters sah man schon eine Süßwassermuschel im Sand. Dann und wann beugte sich Martin Uhrhammer nach der Mitte des Stuhles und visierte den Pferden über die Deichsel hine „Immer auf die Kate los, die den weißen Schornstein hat," wiederholte er,„dann kommen wir recht. Ich iveiß das von Vater her. Sieh, Elsbe, da liegt sie. Wir sehen sie ganz hell. Wenn wir aber weiter kommen, dann sinkt sie hinter Schilf. Dann müssen wir uns aufs Gefühl verlassen." Elsbe plierte auch und fand, daß alles in Ordnung sei. „Wer wohnt in der Kate?" fragte sie.„Ist das die von Kasten Ohm?" Es war die von Kasten Ohm Schröder und Stincmesch, aber Martin verspürte Lust, sein Mädchen zu necken, nannte das Haus Wischberg, ein Ohm von Torten Pähl wohne dort, und wenn Elsbe mit ihm maule, fahre er Sonntags immer mit ihr hin. „Junge, Junge!"— drohte Elsbe und kitzelte Martin, daß er sich vor Lachen nicht bergen konnte. „Dern, laß das!" rief Martin,„die Schimmel werden bange, und dann versaufen wir alle vier." „Mir ist's recht," sagte sie,„wenn Du mit Dorten Pähl gehst, denn man immer rin ins nasse Vergnügen!" «- Es war eine Lust, durch den See zu fahren. Das Wasser und das Land ringsumher und der Himmel darüber her, auch die beiden im Wagenstuhl waren nichts als Glaube und Liebe und Hoffnung. Die Räder mahlten so treuherzig über Kies und Muscheln, und die Wassertropfen spangen so treuherzig funkelnd von den Pferdeläusen auf, der Wind wehte dem Mädchen so trciu herzig ins Gesicht, und Elsbe Wulfsen und Martin Uhr- Hammer sollten nicht lieb und nett und treuherzig sein?— Meistens hatte Martin die Zügel in beiden Händen, nun nahm er sie in die rechte allein, die linke suchte etwas unter dem Schutzleder und fand die warme Hand feines Mädchens. Sie sagten nichts, sie schauten nur und freuten sich in das sprühende Freilicht der Landschaft hinein. Wie weit konnte man sehen! Näher, als sie wirklich waren, schienen die Binsen des anderen Ufers, sie ragten über das Wasser hinweg. Und über die Binsen bauten sich Holzungen und Hügel auf, da zog sich ein unbekanntes Land in großen, blauen Linien hin. Elsbe war alles unbekannt und neu, aber alles jauchzte ihr in stummem Einverständnis und in stummer Liebe zu, alles war oder schien emporgetragcn, zuweilen war ihr, als hingen Wälder und Berge in hoher, vor Freuds zitternder Luft. Die Richtung, die sie inne hielten, leitete das Gefährt durch eine kleine, von grünem Gras überzogene Fläch?. Martin führte die Rosse vorsichtig heran, ob der Grund auch fest sei. Er war es, und rüstig ging es durch das schwimmende Grasinselchcn. Auf einmal sprangen dia Pferde beiseite, ein großer, unbekannter Vogel hatte sich lärmend und flügelschlagend vor ihnen in die Lust gehoben. Aber Martin beruhigte die Schimmel durch Anziehen der Zügel, durch Erheben der Peitsche, vor allen Dingen aber durch feinen versöhnlichen, tröstend klangvoll in die Höhe gehenden und väterlich dumpf, niemals erfolglos ver- hallenden Ruf. Und gleich nach der Grasinsel kam die erste Untiefe. Martin Uhrhammer war immer besonnen. Er redete den Vferden vernünftig zu, nannte sie bei Namen, lobte das Leitpferd und tadelte das Handpfcrd, aber in liebreichem Ton— da überwanden sie die Angst. Und es ging ganz gut, nur war Wasser in den Wagenkasten gestiegen und hatte die Sohle überschwemmt. „Wir werden die Rückfahrt doch über Seefeld machen müssen, sonst wird mir die Grütze noch naß," bemerkte Martin. Jetzt waren sie über die Mitte hinaus und sahen schon die Schraffierungen der Binsen am Ufer. Und immer zielte man über die Deichsel weg auf die schon halb durch den Schilf- saum verdeckte ftate los, .■ Die Pferde waren durstig geworden, oder die Klarheit des Wassers lockte sie, sie bogen den Hals nach dein blanken Element. ..Brri" Martin Uhrhammer gab an Elsbe Wulfsen die Zügel, stieg über das Wagenheck, ging zwischen den Pferden auf der Deichfel entlang und hakte die Trensen vom Bug. Das Gebiß wollte er nicht lösen, im Wasser läßt es sich schwer wieder antun. Die Pferde trinken dann auch nicht so hastig' das ist, dachte Martin, in jedem Betracht besser. lFortsetzung folgt.) (NachdruS»KtSoten.), Die Begegnung. , Tie hatten sich beide auf einer Bank im Tiergarten gefunden. Bitte sich weder zu- noch abzuwenden— es ist keine Liebes- geschichte. Denn es war Winter. Und im Winter hat jede Bank im Tiergarten die Eiablierung von Liebesgesellschaften mit und ohne Haftpflicht längst eingestellt. Die Aufsichtsräte— wahre und falsche— glänzen durch Abwesenheit, und aus der von heißen Liebesworten und-Körpern angewärmten Genossenschaftsbank ist ein kaltes, trauriges, ödes und leeres und total verkrachtes Unter- nehmen geworden, auf dem nicht das geringste mehr unternommen wird. Außerdem handelt es sich nicht um„Er" und„Sie"— pardon: »Sie" und„Er"— sondern um... um... ja— um was? Um zwei„Es"— um zwei Geschöpfe nämlich, um einen Menschen und um einen Hund, und beide Geschöpfe waren durch Hunger und Kälte so erschöpft, daß sie nicht nur von Liebe nichts mehr wußten, nicht nur alles Geschlechtliche, sondern alles Menschliche ihnen fremd geworden war— was besonders bei einem Hunde etwas heißen will. Sie wollten nur der Nässe des Bodens und damit einem kleinen Teil der Kälte entgehen. Daher hatte auch der Mensch die Füße auf die Bank gezogen, und wie sie so zusammengekauert auf den Enden der Bank hockten, da konnte man sie in dem schweren Abendnebel kaum von einander unterscheiden. Wer aber näher zugesehen hätte, der würde ganz frappante Aehnlichkeit entdeckt haben. Diese in sich zusammengezogene Haltung, als wollten sie sich in sich selbst verkriechen, verkleinern. in nichts auflösen, verschwinden. Die eingezogenen Nacken und vornüberhängenden Köpfe schienen bei beiden noch die Nackenschläge des Schicksals zu tragen, und die gefransten Lumpen des Mannes gaben dem zottigen Fell des Hundes wenig nach. Eins aber war ihnen beiden gleich: der Gefichtsausdruck. Sie hatten nämlich beide keinen mehr. Es war alles Ein- druck. Eindruck des Geschicks, das mit seinen wuchtigen Schlägen alles, was Ausdruck war, herausgehauen und zermalmt hatte, bis nun aus ihren Gesichtern öde und blöde das Nichts in das Nichts stierte. War noch etwas in ihrem Innern? Ein kleines Restchen von Empfindung? Ein Fünkchen von Wärme?! Eine leise Rück- erinnerung an etwas Gütiges? Oder suchten sie nur instinktiv, sich gegenseitig ein wenig zu erwärmen? Langsam und lautlos waren sie sich näher gekommen— näher und näher— bis sie schließlich auf der Mitte der Bank dicht beieinander hockten. Einen mißtrauischen Blick, einen einzigen hatten sie nacheinander hingeworfen, um gleich darauf in die Be- ruhigung derer zurückzusinken, die da fühlen, daß sie nichts von- einander zu fürchten und nichts zu hoffen haben. Und dann waren sie ganz zusammengerückt und hatten lange so nebcncin- ander gehockt. Endlich kam eine kleine Bewegung in den Hund. Er hatte langsam den Kopf zur Seite gedreht und zu seinem Leidens- geführten emporgesehen. Etwas ganz Negatives, etwas ganz Ratloses, etwas wie eine Frage, aber doch ein Etwas war in seine Augen getreten. Sie schienen etwas von dem anderen zu erwarten— irgend etwas— und zu sagen:„Du bist doch ein Mensch!?— Also bist du doch furchtbar klugl?— Du, ein Mensch— du weißt doch Bescheid in all den sonderbaren Er- scheinungen ringsherum? Ihr Menschen bewegt euch doch alle ganz sicher darin herum? Also...tu doch mal waL!...?" Aber der Mensch war kein Mensch mehr und blieb starr und stumm. Da trippelte der Hund wie verzweifelt einmal auf den Vorder- Pfoten hin und her, dann hob er langsam die linke und stieß zögernd und schüchtern den anderen leise an, als wollte er sagen: „Du Mensch— red' doch wenigstens mal einen Ton!—" Der Mensch redete aber keinen Ton; und in seiner Ent- täuschung stieß der Hund ein kurzes, winselndes Geheul aus. Und damit hatte er die Situation auch vollkommen und viel treffender gekennzeichnet, als es Worte gekonnt hätten. Aber der Mensch rührte sich immer noch nicht; und das rührte den Hund bis in das erstarrte Herz hinein, so daß er sich sagte: „Der arme Mensch, der kann ja eine» Hund jammern! Hier Muß etwas geschehen!"— Mühsam drehte er den niüden Leib gegen seinen menschlichen Kameraden und versuchte, sich an ihm emporzurichten. Zweimal mußte er ansetzen, bis er den kraftlos zurückfallenden aus- gemergelten Leib bis zur Schulter des anderen emporheben konnte. Und dann fing der Hund an, leise und in langen, zarten Zügen dem anderen die Wangen zu lecken. Denn der Hund hat, wie das Weib, nichts zu geben, das ev hat, sondern nur das, was er i st— sich selbst. Da durchlief ein leises Zittern den hageren Leib des Menschen. Langsam hob er den Kopf und sah seinen Gefährten an, staunend, ungläubig und doch mit einem Glimmer von etwas Menschlichem in den totmüden Augen. Und der Hund sah ihn wieder an—: beschwichtigend, begütigend, mit einer leisen Mahnung, einer über- legenen beruhigenden Aufmunterung, mit lindem Trost in seinem Blick. Da schüttelte es den Menschen, sein ganzer Leib zuckte, und' aus seinen toten Augen brach das Leben wieder hervor— nur in einer Träne— aber doch Leben!— Er schlang den Arm um den den alten zottigen Hund, drückte ihn an sich, zog ihn auf seinen Schoß, beugte sich über ihn und umschlang ihn mit seinen Armen. mit seinem ganzen Leibe. Und so hockten sie beide in der Winternacht— allein, lautloS, bewegungslos— ein jedes erfüllt von dem einen Gefühl: „Nun Hab' ich doch wenigstens einen Menschen auf dep Welt..." G.Bach. lNachdnia verböte».! Die Spiele der Kinder. Mit derselben unfehlbaren Sicherheit, mit der die Frühlings- sonne die ersten Blütenknospen an Baum und Strauch hervor- lockt, erscheinen auch die Kinder, der langen, winterlichen Stuben- baft entfliehend, zu frohem Spiel im Freien. Nicht nur auf dem Lande, sondern auch in kleinen und großen Städten übt die spielende Jugend eine Art Wetterprophetie. Bei Sturm und Kälte kriechen sie auch ohne elterliches Machtgebot gern in der schützenden Wohnung zusammen, aber wenn die Sonne scheint. strebt jedes gesunde Kind hinaus, um sich im Freien zu tummeln und die alten lieben Spiele wieder aufzunehmen. Jede Jahreszeit hat ihre bestimmten Spiele, daS ist eine un- geschriebene, aber doch seit Jahrhunderten gewahrte Ueberliefe- rung. Auch die meisten, anscheinend neuen Sprele, es sei nur an das Diabolospiel erinnert, folgen alten Ideen, die, ins Un« endliche variiert, in moderner Ausstattung immer wieder aufs neue auftauchen. Ein Frühlingsspiel der Knaben, das schon Handschriften aus dem dreizehnten Jahrhundert erwähnen, ist das Spiel mit Murmeln, jenen kleinen, früher aus billigem Marmor ge» fertigten Kügelchen, die unter mehr als einem Dutzend Namen in unserem großen deutschen Vaterlande bekannt find, so als Märmel, Schusser, Glossen, Schnellkäulchen, Steinert, Stenner. Anntscher, Klickcr, Pickert, Klitscher, Schüssel, Scharte!, Kipper. Frankl, Motschen usw. Sie wurden außer aus billigem Marmor schon frühzeitig aus Glas gefertigt� eine Anweisung zur Her- stellung gläserner Murmeln gibt eine Stuttgarter Handschrift aus dem 15. Jahrhundert; sie schließt mit den Worten:„DaS sind die Kugelin, da die Schüler mit spielen, und sint gar wohl- feil." Glasmurmeln mit eingegossenen tönernen Tierfiguren, die durch den Reflex des ungefärbten Glases einen hübschen silbrigen Schimmer haben, bildeten, wie noch heute, den Stolz ihrer kleinen Besitzer, und der Verlust an den Spielpartner erregte große? Bedauern. Das Murmelspiel ist nämlich nicht ausschließlich Ge- schicklichkcits-, sondern z. T. auch Glücksspiel, bei dem aller Eifer darauf verwandt wird, sich gegenseitig die Murmeln abzugewinnen. Acngstliche Pädagogen könnten das Spiel daher beanstanden (gerade so gut wie Karten- oder irgendein anderes Glücksspiel), so wenig wahrscheinlich es auch ist, daß seine Ausübung jemals eine schlimme Leidenschaft in einem Kindergemüt angefacht hat. Tatsächlich sind uns Belege dafür erhalten, daß das Murmelspiel von einer hohen Obrigkeit verboten wurde. So beschränkte ein Erlaß des Nürnberger Rats aus dem Jahre 1503 das Spielen mit Murmeln auf die Hallerwiese, mit dem besonderen Zusah, daß es an Feiertagen erst nach dem Gottesdienst gestattet seil Derselbe Erlaß verbietet das Spielen mit Karten und Würfeln. Aus dieser Zusammenstellung geht die Bewertung des Murmel- spicls als Glücksspiel ziemlich klar hervor. In Zürich wurde 1530 das Kluckern mit steinernen Kügelchen am Ufer des Züricher Sees. in Bern 1560 vor dem Platz vor dem sogenannten Kirchhof ver- boten.— Hans v. Schweinichen, der lustige Hofmarschall Herzog Heinrichs XI. von Liegnitz, erzählt in seinen originellen Memoiren, daß er als Kind in Ställen und Sckeunen nach frisch gelegten Eiern suchen mußte. Hatte er ein Schock zusammen, so bekam er von seiner Mutter 6 Heller, die er alsbald zum Ankauf von „Glossen und Schnellkäulchen" verwandte. Heute deckt das auf dem südlichen Gipfel des Thüringer Waldes gelegene Dörfchen Lauscha einen großen Teil des Bedarfs an Murmeln für die ganze Welt. Die kleinen Kugeln werden in Beuteln von je 1000 Stück versandt, und der Umsatz erreicht die stattliche Höhe von zirka einer halben Million Mark. Diq Murmeln werden nicht mehr aus dem minderwertigen Marmor, sondern aus Kalkstein gefertigt, und zwar war«S der Dichter D-Hümmel, dem gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts zuerst die Herstellung von Steinmurmeln gelang. Kinderspielzeuge beruhen vielfach auf denselben Gesetzen wie die Bewegung des Weltalls überhaupt. So ist das Kreisel- treiben, eins der altwürdigsten Kinderspiele, auf der An- Wendung der Zentrifugalkraft begründet, durch die auch die Planeten in ihrer Bahn erhalten werden. Der Kreisel oder Topf, wie er im Mittelhochdeutschen heitzt, wurde ursprünglich aus Holz, bald auch aus Blech hergestellt. Der hölzerne Kreisel hatte und hat noch heute stets die Gestalt eines Kegels, in den meist Kreise eingekerbt find. Bei den aus Blech gefertigten Kreiseln wechselte die Form. Es gab neben den kegelförmigen solche, die aus zwei Reifen mit je einer Mittelachse gebildet wurden oder der Kreisel bestand aus einer Blechkugel, die— auf einem Stäbchen be- festigt— sich vorzüglich von der Peitsche des spielenden Kindes in rotierender Bewegung erhalten liest. Diese letzte Kreiselform zeigt ein Stich von Daniel Chodowiecki, der sich im Nürnberger Germanischen Museum befindet. Ein anderes, auf der Zentrifugalkraft beruhendes Spiel ist das Reifschlagen. Ein, meistens hölzerner, Reifen wird vom mitlaufenden Spieler ins Rollen gebracht. Wie beim Radfahren besteht die Kunst besonders darin, den Reifen in langsamer und doch sicherer Bewegung zu erhalten, geschickt umzulenken usw. Eine andere, weniger geheimnisvolle, elementare Kraft, die sich die Kleinen früh nutzbar zu machen lernten, ist der Win d. Im Frühjahr und im Herbst entfaltet er seine ungestümste Tätig- keit, und deshalb bringen die Kinder seit Jahrhunderten in diesen beiden Jahreszeiten allerlei Flugwerkzeuge zum Vorschein, die der Wind in Bewegung setzen soll. Die einfache papierene Wind- mühle, mit mit einer Nadel auf einem Stäbchen befestigt wird, blieb von jeher den allcrjüngsten Jahrgängen der Kleinen re- serviert, während die älteren sich mit der etwas schwierigeren Auf- gäbe beschäftigten, den Papierdrachen steigen zu lassen. Der Drachen, ein entfernter Verwandter des Zeppelin ll, vergnügte schon die Jugend des siebzehnten Jahrhunderts, wie ein Kupfer- stich von Konrad Meyer aus jener Zeit hübsch veranschaulicht. Wahrscheinlich geht sein Gebrauch noch weiter zurück, wenn uns auch ältere Belege dafür fehlen. Sein Name war von seiner Ge» st a l t hergeleitet, die— nicht so einfach wie die heute übliche— einem aus Papier gefertigten Fabelwesen mit langem, gefiedertem Schwanz glich. Dieses papierene Luftschiff war auf ein Holz- gerippe geklebt, und konnte so hoch in die Lüfte reisen, wie der an seinem Schwanz befestigte Faden erlaubte. Wunderhübsch ist die Lust der kleinen Aeronauten in dem Herbstlied vom Drachen ausgedrückt: „Gemäht find die Felder, der Stoppelwind weht, Hoch oben in Lüften mein Drachen nun steht! Die Rippen von Holze, der Leib von Papier, Zwei Ohren, ein Schwänzlein find all seine Zier! Und ich denk': So drauf liegen im sonnigen Strahl.,, Ach, wer das doch könnte, nur ein einziges Mal!" Im Reigen sorgloser Kinderfreuden hat das Ballspiel seit den Zeiten der Griechen und Römer einen bevorzugten Platz ein- genommen. Den Gummiball, dessen Erfindung erst neueren Da- tums ist, ersetzte früher ein mit Werg, Häcksel oder Stroh gefüllter und mit groben Leinen überzogener Ball. Mit dem Ballspiel ist gesunde Bewegung verknüpft, und durch seine mannigfaltige Vari- ationsfähigkeit fein Buch aus dem Jahre 1827 enthält 46 ver- fchiedene Regeln für Ballspiele!) gestaltete es sich stets zu einem sehr kurzweiligen Zeitvertreib. Die geschickte Handhabung der Bälle erfordert Kraft und Gewandtheit, und dadurch hat sich ihr Gebrauch auch bei der erwachsenen Jugend sehr belieht gemacht. Wir erinnern nur an das Ballspiel mit Schlägern, das unter dem englischen Namen Lawn tennis heute bei uns vom breiten Lebens- weg einer höheren Tochter so untrennbar geworden ist wie das Klavierspielen. Das Tennis, dessen Urbild ein nach klassischem Muster in Italien gespieltes Handballspiel war, ist das Produkt einer jahrhundertelangen Entwicklung. In noch stärkerem Mahe wie bei uns, hat es sich bei der sportliebenden Jugend Englands Bürgerrecht erworben, von der es mit ebenso viel Eifer betrieben wird wie das Fuhballspicl.. Im Frankreich des� achtzehnten Jahr- Hunderts gehörte das Ballspiel, besonders mit Federhällen und Schlägern, zum Zeitvertreib der vornehmen Welt. Um auch bei ungünstiger Witterung dem anmutigen Spiel obliegen zu können, wurden Häuser gebaut, deren Räume dem Zwecke des Ballspiels entsprechend angeordnet waren, und die„B a l l h ä u s e r" ge- nannt wurden. England hat heute mehr als dreistig solcher Bauten. Geschichtliche Bedeutung erwarb sich das„Ballbaus" von Versailles beim Beginn der grasten Revolution! Als am 20. Juni 1789 könig- liche Wachen den Zugang zu dem gewöhnlichen Tagungslokal der Nationalversammlung versperrten, führte Bailly die Versammlung in das Ballhaus, das einzige Gebäude, dessen Räume die erforder- liche Grösse hatten, denn Versammlungslokale in unserem modernen Sinne gab es damals in Paris noch nicht. Im Ballhaus wurde von der Versammlung der hcrühmte Schwur geleistet, der den An- fang zur Einführung der Verfassung in Frankreich bildete. Wie allerhand Spiclgeräte entstanden, die sich dem Wdltcn der Elemente, der Art der Witterung anpahten, so verfiel man auch darauf, die Ungunst feuchten oder sumpfigen Bodens durch ein einfaches Holzgerät, die Stelze, zu überwinden. Die Stelzen, mannshohe Stangen mit einem fest oder verstellbar ange» brachten Fußtritt, wurden zuerst von den Einwohnern der Mar» scheu und der im westlichen Frankreich gelegenen„Landes" ge» nannten öden Sandstrecken konstruiert, um trockenen Fußes ihr Heimatland durchwandern zu können. In der Haidegegend von Arcachon im Departement der Gironde bedienen sich noch jetzt Schäfer und Schäferinnen der Stelzen, um ihre Herden zu über- schauen und zusammenzuhalten. Früher war das Stelzenlaufen als sportliche Uebung so beliebt, daß während des Karnevals in Namur Wettläufe auf Stelzen veranstaltet wurden. Die Jugend nahm die künstliche Gangart als lustige Abwechselung in ihre Spiele auf, auch in Gegenden, wo das Terrain keine Schwierigkeiten bietet, wie z. B. in den Städten. Neben der turnerischen Bravour, die das Wettlaufen mit zwei, das Wrtthüpfen mit einer Stelze erfordert, hat die kindliche Freude, gross zu erscheinen, den Stelzen wohl ihre Beliebtheit verschafft. Für einen Knirps, der sich bei Vaters Anblick mit bangen Zweifeln fragt, ob er je so gross werden wird, ist es ein beseligendes Gefühl, durch solch eine künstliche Er» höhung plötzlich dem ersehnten Ziel wie mit einem Zauberschlag nahegerückt zu sein. Wenn wir alles Material zu überschauen versuchen, das die Wissenschaft über Kinderspiele vergangener Zeiten zu Tage ge- fördert hat, fällt uns immer wieder auf, wie wenig sich der Cha- rakter der Spielgeräte nicht nur durch Jahrhunderte, sondern durch Jahrtausende gewandelt hat. Unsere Kinderklappern, die die ersten Sinneswahrnehmungen des Säuglings weckten, wurden, ähnlich konstruiert, in prähistorischen Gräbern gefunden, und zwar waren es aus Ton geformte Aepfel und Birnen, in deren hohlen Körpern eine Kugel rasselte. Auch tönerne Puppen und Tiergestalten, be- sonders Pferdchen, find bei Ausgrabungen zutage gefördert worden. Wie man dem kleinen Mädchen die Puppe gab, so gab man dem Knaben das Pferdchen. Als eine Vorühung in Kraft und List wurde das Soldatenspielen der männlichen Jugend seit Lykurgs, des spar- tanischen Gesetzgebers, Zeiten von den Erwachsenen bereitwillig unterstützt. Armbrüste. Lanzen, Schilde, Harnische aus Holz bil- deten die Ausrüstung. Zur größeren strategischen Betätigung gab es hölzerne, tönerne und bleierne Soldaten zu Fuß und zu Pferd. Die Aebtissin Herrard von Landsberg, die im zwölften Jahrhun- dert lebte, hat uns Darstellungen solcher Spielsoldaten im Harnisch, zu Fuß und zu Pferd überliefert. In Nürnberg, der bedeutendsten Stätte der Spielzeugfabrikation, wurden im Jahre 18S9 unter dem Strassenpflaster Reiter, Pferdchen, Puppen. Wickelkinder und Pup» pengeschirr aus weißem Ton gefunden, Spielzeug, das aus dem vierzehnten Jahrhundert stammt und in solcher Ausführung von Nürnberg in die ganze Welt versandt wurde. Die Kinder ärmerer Leute, denen das kostbare Nürnberger Spielzeug eine angestaunte, aber nicht erreichbare Herrlichkeit war, nahmen ihren Erfindungsgeist zur Hilfe, den Mangel auszugleichen, und gerade das einfache, selbstverfertigte Spielzeug fesselte und befeuerte die Phantasie der Kleinen. So erzählt der Schweizer Gelehrte Thomas Platter(1499—1582), der sich vom Ziegcnhirten zum berühmten Arzt und Universitätslehrer emporarbeitete, in seiner Selbstbiographie, wie er und seine Hirtin beim Gaishütcn „Mättlin" gebaut und sie bewässert hätten,„wie Kind thunt". Und so sehr fesselte das Spiel der beiden ganze Aufmerksamkeit, daß sie garnicht bemerkten, wie sich ihre Ziegen in den Bergen zerstreuten. Das Bauen im Sande war den Kindern immer eine Lust, für die sie lieber empfindliche Strafe ertrugen, als daß sie sie auf- gaben. Vom Basler Ratsherrn Andreas Ryff(geb. 1559) ist uns in der Beziehung eine naive Beichte erhalten. Er berichtet aus seinem sechsten Lebensjahr:„Dann wo ich ein Häufchen Sand oder Grund auf den Gassen gewußt, dabei hat man mich funden, daß ich diese Löcher gegraben und mit Steinen hohe Türen, Häuser und Mauern gebauen Hab; bin mit Kalk und Lehm gern umgegangen. Ob gleich- wohl dick und oft ich darum geschlagen worden, hat es mir doch nicht erleiden Wüllen, welches mir doch noch auf diesen Tag ge- liebet." Auch manches selbstgeschnitzte Rindenschifflein wurde auf einer Pfütze, die das Weltmeer vorstellte, flottgemacht, und auf solchem stolzen Fahrzeug segelten die Knaben in ihrer lebhaften Phantasie weit hinaus in unbekannte Fernen. Was der Erfindungsgeist der Kinder in vergangenen Zeiten Hübsches und Sinnreiches hervorgebracht hat, läßt sich nicht auf so beschränktem Raum erschöpfend erzählen, wie er hier zur Ver- fügung steht. Zum Schluß sei noch eines Spieles gedacht, dessen Ursprung, wie Delitzsch nachgewiesen hat, im alten Babylon zu suchen ist. Es heißt bei uns„Himmel und Hölle" und enthält die altbabhlonische Zwölfteilung. Zu seiner Ausübung ist nur ein Stückchen Scherben erforderlich und etwas Kreide, mit der die Zahlen und Figuren auf die Steinquadern gemalt werden. Dies Spiel wird, seiner städtischen Abstammung getreu, nur von Stadtkindern gespielt. _ Else Kind. Hus äflfyptifcbcii Papyri. Einen Einblick in das Privatleben im alten Alexandrien zur Zeit des Kaisers Augustus gewähren etwa hundert Urkunden, die in die PapYrus-Sammlung der Berliner königlichen Museen aus den Grabungen in Abusir el mäläq gelangt find. Aus dem alten Friedhofe diese? Dorfe? fand man die Mumien in Särgen verschlossen, die aus mehreren iibereinandergeklebten Paphrusblätter- schichten gefertigt waren, und beim Auflösen dieser Pappe kamen die Urkunden zum Vorschein. Der alte Fabrikant der Papyrussärge hotte die Makulatur, deren er für sein Gewerbe bedurfte, augenscheinlich ous Alexandrien bezogen, und so blieben uns die Dokumente erhalten, die einen besonderen Wert dadurch besitzen, daß aus der ersten Weltstadt deS Altertums solche unmittelbaren Zeugnisse bisher, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, nicht-entdeckt worden waren. Es sind, wie Schubart in den Amtlichen Berichten aus den königlichen Kunst- sammlungen ausführt, meistens Verträge, einige Eingaben und »venige Briefe, die alle in die Zeit von 25 bis 4 v. Chr. gehören, Eins große Zahl von Personen zieht in diesen Urkunden an uns vorüber, und man kann sich danach ein Bild von der Bevölkerung Alexandriens, das damals wohl mehr als eine halbe Million Ein- wohncr zählte, machen. Etwa ein Zehntel der gesamten Bevölkerung bildet die eigentliche Bürgerschaft, aus der sich wiederum die Patrizier tinssoudern' daneben bat sich ein Rest der einst mächtigen und vor- nehmen makedonischen Kolonie erhalten. Den größten Teil der Be- völkerung stellen Griechen ohne Bürgerrecht- dazu kommt eine be- trächtliche jüdische Gemeinde und eine ebenfalls zahlreiche ägyptische Bevölkerung. Auch eine recht stattliche Römerkolonic hat sich gebildet, lauter Privatleute, die unter der Kaiserherrschast hier einen günstigen Boden für ihre Geschäfte finden. Die Bürger, die Makedonen und die Römer scheinen-im allgemeinen wohlhabende Leute zu sein: sie besitzen ihre Aecker im.Alexandrinerlande" und im„Menelaosgau", ihre„Gartengräber" auf der nach der östlichen Vor- stadt Kanobos sich erstreckenden Landenge und verpachten sie als Gemüsegärten! sie treiben Papyruskultur„an der Bucht bei der sogenannten Tiefe". Ein Pachtertrag über 5000 Drachmen jährlich läßt ans einen Großbetrieb schließen,' der jedenfalls in erster Linie der Erzeugung des Schreibmaterials galt. Merkwürdig modern wirkt es, wenn die Besitzer der„Papyrussümpfe" untereinander einen Verband schließen, um sich gegen eine Steigerung der Arbeitslöhne zu schützen I Von anderen werden Häuser in der Stadt vermietet; so erzielte eine Freigelassene für ihr Haus im„Delta" monatlich 00 Drachmen. Von besonderer Wichtigkeit aber ist das Geldgeschäft: Neun verschiedene„Wechsclbanken" übernehmen die Vermittelung, und auch ein gewerbsmäßiger Geldleiher erscheint in den Urkunden. Die Sklaven haben bald die Hausverwaltung zu besorgen, bald müssen sie das Flötenspiel lernen, um als Musikanten vermietet iverden zu können. Die Sklavinnen werden gelegentlich auch als Ammen vermietet und erhalten dafür in der Regel monatlich zehn Drachmen; wenn das Kind während der Pflege stirbt, so müssen sie ein anderes liefern und ohne Entschädigung nähren,„weil sie es als ein unsterbliches zu nähren übernommen haben." Die Ehe- Verträge weisen viele eigentümliche Züge auf; mehrmals wird noch ein zweiter Vertrag vorgesehen, der in Zukunft vor den Priestern zu schließen ist und vielleicht ein gemeinsames Testament der Ehe- gatten darstellen soll. Unter den Eingaben beansprucht ein Gesuch deS„Helenas, Juden auS Alexandrien" an den Statthalter TurraniuS besonderes Interesse; während er selbst nicht alexandrinischer Bürger ist, hebt er hervor, daß sein Vater „Alexandreus" gewesen sei und daß er selbst„nach Möglichkeit an der angemessenen Bildung teilgenommen" habe. Ziemlich häufig begegnen kaiserliche Freigelassene, die ihre Ergebenheit gegen ihren Herrn in der„SynodoS Sebaste" dem Augustus- Vereine, betätigen; freilich scheint ein langer Brief zu beweisen, daß die Leute einander ausspionieren und daß es„im Garten der Terentia", wohl einen Treffpunkt der Gesellschaft, nicht immer friedlich zuging. Auch für die alexandrinischen Nechtsformen liefern die neuen Urkunden bedeutende Ergebnisse. Die Publikation der—- griechischen— Texte wird nach Möglichkeit gefördert werden. kleines femUeton. Erziehung und Unterricht. Ueber Flegeljahre und Pubertätszeit als Ur- fache der Kriminalität Jugendlicher verbreitet sich Lehrer Kruppa von der Landesstrafaustalt Bautzen in der„Zeitschrift für Kinderforschung". Die körperliche EntWickelung des aus unserer Volksschule Entlassenen, so führt er auS, kommt als Ursache seiner Straffälligkeit viel häufiger in Betracht, als man für gewöhnlich an- zunehmen geneigt ist. Die überschießende Kraft in den Gliedern neigt zu allerhand Torheiten und Kraftstückchen, und nur zu schnell ist die Grenze zwischen harmlosen: Scherz und strafbarer Handlung überschritten. Je»ach dem sittlichen Fonds des betreffenden Jüng- lings oder nach seiner geistigen EntWickelung, die beide als Hem- mungen des auf Abwege zielenden allzu starken Kräftegefühls und Tatendranges auftreten, entstehen strafbare Handlungen in dieser gefährlichen Zeit der Flegeljahre, die sich äußern in Laternen- auslöschen, Fenstcrcinwerfen. Baumfrevel, Denkmal- und Grab- schändung, räuberischer Erpressung gemeinschaftlichem Raub, ja sogar Raubniord. Kommt zu diesem gesteigerten Krastgefühl während dieser körperlichen EntwickelungSperiode die Verführung durch Aeltere oder das Lesen von Hintertreppenromanen(Buffalo Bill- und Nick Carter- Geschichten), so ist die Ursache zu den genannten Zverantw. Ncdakt.: CarlWcrmuth, Berlin-Nixdorf.— Druck U.Verlag: Straftaten gegeben. Unter 750 strafgefangenen Jugendlichen zählte Kruppa acht Fälle von Sachbeschädigung, einen Fall von Grabschändung, vier Fälle von versuchter oder vollendeter räuberischer Erpressung, zwei Fälle gemeinschaftlichen und vier Fälle allein aus- geführten Straßenraubes, einmal Landfriedensbruch, ein Mord» versuch und vier versuchte Raubmorde. Ein besonderes Charakteristikum der Flcgeljahre sind Trotz und Unbotmäßigkeit, ver» Kunden mit Streben nach Selbständigkeit. Widerstand gegen die Staatsgewalt, Beleidigung, Hausfriedensbruch und Vergehen gegen die Ordnung der Fortbildungsschule sind Delikte, die sich hieraus erklären. Das oft unglaubliche Verhalten gegen ältere Personen, besonders auch gegen die Eltern, gehört ebenfalls hierher. Weiter trägt die Renommiersucht, ein hervorragendes Rkerkmal der Flegel» jähre, oft mit dazu bei. junge Burschen ins Gefängnis zu bringen. Ein 17jähriger Realschüler stahl 70 M., mn dafür seltene Brief- marken zu kaufen, mit denen er unter seinen Freunden prunken wollte. Ein 13jähriger Handschuhmacher verübte einen Diebstahl, damit er eine ihm vom Präsident seiner farbentragenden(\) Verbindung zudiktierte Strafe bezahlen konnte. Unterschlagung, Betrug und Diebstahl kommen auch häufig vor, weil es die jungen Leute den Erwachsenen nachtun wollen im Biertrinken, Rauchen und in der Vereinsmeierei. Ein besonders starkes Anreizmoment zu Straf» taten ist schließlich noch die Wanderlust und der Drang zu Abenteuern: der mit der Portokasse durchgehende Kontorist, der gegen Rothäute oder Türken zu Felde ziehen will, ist in der Tagespresse schon fast zu einer stereotypen Erscheinung geworden. Naturwissenschaftliches. Der Photograph auf dem Meeresgrund. Die photographischen Aufnahmen der vielgestaltigen und vielbelebten Welt unter dem Wasserspiegel sind in letzter Zeit außerordentlich vervollkommnet worden. Nachdem bereits L. Rudaux durch einen Schirm die Lichtstrahlen ausgeschaltet hatte, die aus der Oberfläche des WasserS einen Spiegel machen und störend einwirken, ist jetzt ein amerikanischer Gelehrter, der. Zoologieprofessor Jakob Reighard von der Universität Michigan, so weit gekommen, das Leben des Meeres nicht nur durch das Wasser hindurch, sondern im Wasser selbst zu photographieren. Ueber seine Methode der„Photo- graphie von Seetieren in ihrer natürlichen Umgebung" macht er in dem in Washington erscheinenden„Bulletin of the bureau of fisherics" genau detaillierte Mitteilungen. Das Prinzip ist sehr einfach; es besteht darin, daß auf dem Meeresgrunde ein Apparat aufgestellt wird und der Photogrnph in Taucherausrüstung ebenfalls heruntersteigt. Unendlich schwierig aber ist die AuS- sührung, denn es muß jedes Eindringen von Wasser in den Apparat verhütet und jede Unruhe, jedes Ausrühren der Wogen vermieden werden. Auch die notwendigen Vorsichtsmaßregeln bei der Be- lichtung erfordern eine sehr geschickte Ausführung aller dabei anzu- wendenden Manipulationen. Reighard hat mit dieser, bis in alle Einzelheiten von ihm beschriebenen Methode, die allerdings große Ucbung und hervorragende Sorgfalt erfordert, glänzende Photo- graphische Aufnahmen der Unterseewelt hergestellt, die für die Meeresforschung von großer Wichtigkeit sind und das anschaulichste Abbild vom Leben unter Wasser darbieten. Verkehrswesen. Wolkenkratzer und Untergrundbahn. ES ist selbstverständlich, daß der Bau von Untergrundbahnen mit dem Gewicht derHäuser rechnen muß, die den Boden belasten, durch den sie ihren Weg graben sollen. Die besten Erfahrungen mit den Schwierigkeiten dieser Frage lassen sich in den amerikanischen Großstädten sammeln, wo die Wolken» oder Himmelskratzer einen Rekord im Hausbau aufgestellt haben, den nachzuahnlen oder gar zu übertreffen, die europäischen Städte bisher noch nicht den Ehrgeiz verspürt_ haben. Ueber das Gewicht solcher Riesenhäufer und die Rücksichten, die daraus für den Bau von Untergrundbahnen entstehen, hat der Ingenieur Pnrdy im Institut der amerikanischen Zivil» ingenieure einen beachtenswerten Vortrag gehalten. Er geht von den Verhältnissen aus. die bei dem Bau des großen Hauses für die „New Fork Times" vorlagen. Dies Gebäude wurde auf einem Platz errichtet, unter dem die Untergrundbahn hindurchführt, und eS entstand daraus die Aufgabe, einerseits das Gebäude, andererseits die Bahn vor gegenseitiger ungünstiger Beeinflussung zu schützen. Das Haus erhielt 23 Stockwerke und eine Höhe— vom Pflaster an gerechnet— von 329 Fuß oder fast 100 Metern. Ueber dem höchsten Stockwerk befindet sich noch ein Observatorium und eine Laterne, deren Dach noch 10 Meter höher aufragt. Andererseits reichen die Erdgeschosse noch rund 15 Meter unter das Niveau der Straße hinab. Das gesamte tote Gewicht des Gebäudes ist 1'/, Millionen .Kilogramm. Damit die Züge der Untergrundbahn nicht das Fundament erschütterten und andererseits der Tunnel nicht durch das Gewicht des Gebäudes gefährdet wird, mußten beide voll- ständig unabhängig von einander gemacht werden. ES gelang, die Fundicrung fo herzustellen, daß zunächst nicht die geringste Er» sckiütterung durch die fahrenden Züge verursacht wurde, jedoch stellten sich solche mit der Zeit mehr und mehr ein und es mußten Unter- suchungcn mit dem Erdbebenmesser angestellt werden, und schließlich wurde eine völlige Abstellung des bedenklichen Uebelstandes erzielt. Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul Singer SlTo..BerlmLW.