Anterhaltungsblalt des Horwärts Nr. 89. Sonnabend, den 8. Mai. 1909 �Nachdruck verliolen.) q Crdaltung der Kraft. Novelle von Timm Kröger. Als die Pferde satt waren, brachte er das Geschirr wieder in Ordnung, stieg in den Wagen und setzte sich neben Elsbe in den Stuhl. Die Rosse dachten, nun könne man weiterfahren, und Elsbe dachte es auch, aber das war nicht nach des Kutschers Sinn.... Sie steckten tief in der Einsamkeit. Ein Volk Enten, das geschäftig auf dem Wasser schwamm, ein— weiß der Himmel, wie?— hierher verschlagener, in trällerndem Fluge vorübergaukelnder Schmetterling brachte es den beiden in dem Kastenwagen so recht nahe. Sie steckten tief darin, die Einsamkeit gluckste klang- und verheißungsvoll im Wasser auf. Wie klar der Spiegel war! Elsbe konnte sich an dem feuchtverklärten Grund nicht satt sehen, die Läufe der Schim- mel sahen unter Wasser so komisch geknickt aus. Plötzlich sagte Martin:„Nu? Er hatte den Kopf halblinks nach Elsbe hingewendet, er hatte schon einige Zeit so gesessen, er blieb auch so sitzen und wiederholte:„Nanu?" Und als Elsbe ihn ansah, sagte er zum drittenmal: i,Nanu? Hast Du mich denn gar nicht ein bißchen lieb?" „Nein, Du Schlingel," erwiderte Elsbe Wulfsen, faßte ihn aber beim Kopf und küßte ihn. „Mehr!" befahl Martin Uhrhammer. Da tat sie es wieder. „Noch einmal!" kommandierte der Artillerist. Elsbe gehorchte, ließ ihn aber rasch aus den Armen. „So, nun ist es genug. Nun fahr man weiter, Martin Uhrhammer. Bist ein Schlingel!" Und wider ihr eigenes Wort kriegte sie den Schlingel noch einmal her und küßte ihn.„Döskopp," sagte sie,„Du bist wirklich ein guter Kerl. Und nun fahr zu!" „So tu ich's noch nicht," erwiderte Martin.„Du sollst mir erst'was versprechen. Und wenn Du das nicht tust, dann schmeiß ich um, mitten im Hechtsee." „Du bist ja fürchterlich. Was soll ich denn versprechen?" „Du sollst mit mir von hier weggehen— wohin, weiß ich noch nicht... nur von hier weg, wenn wir nicht zu» sammcnkommen können.— Und das sollst Du mir zusagen, sonst schmeiß ich Dich ins Wasser." „Dann muß ich wohl„ja" sagen," erwiderte Elsbe,„und ich tu es gern... Wenn es sein muß, gehe ich mit Dir in die weite Welt." Zwei Priele hatten sie noch zu passieren, es ging alles gut, und dann kam wieder'Schilf. Zwanzig Schritte fuhren sie hindurch, und wieder verscheuchten sie Gründlinge und Hechte. Etwas waren sie zu weit nach rechts gekommen, aber sie gelangten auch an der gefundenen Stelle gut an Land. Martin suchte nach einem Merkzeichen für künftige Fälle ...„Man kann nicht wissen..." Aber er fand nichts als einen Pfahl, der gleich hinter den Binsen stand und für das Vieh, tvenn es hier weidete, hingesetzt war, die vor Staub und Grind juckende Haut zu scheuern. Ein Damm war auch an dieser Uferseite erkennbar. hier wie jenseits führte er durch Schlagbäume und Reckwerk. Den letzten Schlagbaum hatte Martin geöffnet, hatte den Wagen hindurchgezogen und den Verschluß wieder hergestellt. Er stieg aber noch nicht zu Elsbe aus den Wagen hinaus, er blieb bei den Pferdeköpfen und zeigte mit der Peitsche süd- toestwärts iiber Wiesen und über die Au hinweg nach einem blau verdämmernden Höhenzug, der zu dem Ackerfeld der heimischen Gemarkung gehörte. „Kiek, Elsbe, wer wohnt da?" Das, wohin Marten zeigte, sah wie ein Bauernhof aus. „Kiek, wer wohnt da?" wiederholte Martin Uhrhammcr. Elsbe konnte sich nicht gleich zurechtfinden, war aber doch bald orientiert lachte und sagte zu Martin). „Du bist'n Schlingel" Der Schlingel sah noch eine Weile hin und dann zu Elsbe hinauf.„Und wenn es so kommt, daß man Dich partu mit dem da verheiraten will, dann gehen wir zusammer in die Welt." „Dann gehen wir zusammen in die Welt." „Und müßten wir auch durch den Hechtsee." „Und müßten wir auch durch den Hechtsee!" wiederholte Elsbe. Es dauerte nicht lange, da bogen sie in die Hofstelle der Kate, die den weißen Schornstein hatte, ein. Falkenstein gehörte zur Nachbargemeinde. Wo es lag, da fing das Koppelland, da fingen auch die Knickhagen wieder an. Der Alte machte Augen, was da vom Hechtsee her an» gerollt kam. Es war ein flinker, vom Kopf bis zu den Füßen in verschlissenes Blauleinen gekleideter, alter Mann. Das Sonntagszeug pflegte Kassen Schröder Ohm erst kurz vor Tisch anzulegen. Die Hautfarbe seines Gesichts war rot und glatt und glänzend, wie man bei alten, gesunden, mageren, von der frischen Luft ausgedörrten Leuten sieht. „Hi, hoi!" Und er lachte und rieb sich im Lachen die Hände.—„Wer kommt da? Das ist ein Durchbrenner. Wer durch den Hechtsee schwimmt, will weiter. Und allein in die Welt, das taugt nicht. Deshalb hat er sich„was Junges", was Heißes mitgenommen.— Ja, ja, ich sag..." Er riß das Dielentor auf und rief ins Haus hinein: „Stine... dor sönd Främm... mohl flink poor Kasse» bahnen hör.>— Stine, poor Bohn!" Drittes Kapitel. Wolken und Gespenster. „Velmal to gröten vun Hans Jäger un Fru op BllngerS- Hof un ji möchen allosam kam un lütt Jort bi em verteern. — Un Sönndag flock beer geit los. Un Schnieder Rehm spelt de Viggelin.— Un bat is wegen dat Schipp un wegen dat Dack. Un Hans Jäger un Fru bedankt sik ok na velmal." Es war Herbst geworden, und Hannes Haß bat zu dem „Jort" um, das Hans Jäger der Dorfschaft für das Dach- fahren gab. Er hatte im Frühling des vergangenen Jahres Blitz- schaden erlitten, hatte ein neues Haus gebaut, es, wie üblich, mit dem in den Eidersümpfen von Pahlhude und Delve wachsenden Dachreth gedeckt und die Ware auf dem Wasser- wege erhalten. Die Ladestelle war eine kleine Stunde von Büngerhof entfernt, der Schiffer mußte in vierundzwanzig Stunden, wie er sich ausdrückte,„lerrig"(leer) fem; das konnte Hans nicht allein zwingen, da war Not an Mann; da ist nach altem löblichen Brauch das Dorf hinzugetreten und hat Dachreth gefahren. Dabei fällt keinem ein, zu fragen, ob es in seiner Schuldigkeit liege.— Solche Kleinigkeit!— Es ist eine Art Fest, man trifft sich, es gibt viel Schnack und viel Spaß und viel Geschichten, und später, wenn das Haus mal fertig ist. dann folgt das kleine Gelage,„das Jort" mit Branntwein und Bier und Tanz auf dem Hof. Hans Jäger war im vorigen Jahr spät mit dem Bau fertig geworden, da hatte es nicht gepaßt, aber heuer, wo die Ernte beseitigt ist, wenigstens zum größten Teil beseitigt ist, heuer bei dem Wetter, wie es auf Feld und Au liegt, da gibt er gern das übliche Jort, und der alte Hannes Haß macht sich fein und„bittet um". Was ist Großes dabei, wenn Hannes umbittet? Und doch liegt eine Art Erhabenheit auf dem Augenblick. Es ist in Haus und Scheune schon lange davon gesprochen worden, wieder steht ein Tag der Losgebundenheit in Aussicht.— Es ist keine Kleinigkeit, sich das von Hannes Haß beitätigen zu lassen. Vor den Küchentüren und Dielentüren recken Mägde und Knechte die Hälse, junge Leute stehen da, in denen ein Halleluja nachklingt, wenn Hannes Haß sein Sprüchlein aufsagt. Und es kam, wie zugesagt worden war: nur der Geigen» strich fehlte, denn Schneider Rehm hatte das kalte Fieber bekommen. Müßig hing die Viggeline in der Schneidcrstube. dafür zog der Rademacher Hinrich Brandt die Register seiner Harmonika.— Martin und Elsbe waren beide da, aber es stand eine 954 Wolke zwischen ihnen. Elsbe war wieder in Eifersucht. Einig Tage vor dem Fest hatte Martin zu Dora Pähl geschickt, weil ein Lademädchen fehlte, und war dann mit ihr zw sammen auf einein Sitzbrett hinunter nach den Wiesen zum Grummet gefahren. Und unglücklicherweise war Elsbe Wulfsen ihnen in den Weg gelaufen. Und wenn Elsbe Wulfsen den Wagen auch scheinbar gar nicht gesehen hatte. so wußte Martin doch gleich, was die Glocke geschlagen habe, und daß Elsbe auf Hans Jägers Jort den dummen Schneider jungen gegen ihn aufspielen werde. Martin saß oben auf der Diele und paffte Zigarren und sah dem Tanzen zu. Dora Pähl kam und wollte ihn zu einem Hopsa verleiten; eine innere Stimme riet Martin: T» es, ärgere Elsbe, wie sie dich ärgert." Er überwand es aber und lehnte ab. Dabei deuchte ihm die hübsche glatte Dora, wenn er sie ansah, eine Schlange im Paradies, und die Paradiesschlange lachte und erwiderte:„So, min Jung, Tu wullt ni— denn bliew man sitten." (Fortsetzung folgt.) ?Zlbarielilct)es. Albanien ist eines der merkwürdigsten und zugleich unbe- kanntestcn Länder Europas. Es ist das alte Jllyrien, ein in sich abgeschlossenes Ganzes, ein Land voll tiefer Schluchten und Täler und hoher, unzugänglicher Gebirge, voll undurchdringlicher, von wilden Tieren bewohnter Wälder. Die Albanescn vereinigen in sich auf eine eigentümliche, fast wunderbare Weise eine gewisse Wild- heit mit Vorzügen der Zivilisation. Das albanesische Volk ist ebenso alt wie das griechische, wenn auch der Ursprung beider sich im tiefsten Dunkel verbirgt. Die albanesische Sprache ist eine Mischung der slavischen, fränkischen und griechischen und doch keiner von ihnen ähnlich; pe ist harmonisch und wohlklingend, einfach und kurz. Die Geographen von Beruf mühen sich seit langen Jahren ab, Albanien ethnographisch und geographisch in feste Begriffe und Um- grenzungen zu bringen. Es wäre vergebene Mühe, diesen Unter- suchungen auch nur in ihren Grundzügen folgen zu wollen; wir beschränken uns deshalb darauf, zu sagen: Albanien ist das die türkischen Vilajets Skutari, Janina und Teile von Kossowo und Monastir umfassende Land, in dem die Hauptmasse der Albanescn wohnt(IIIS 000), während etwa 800 000 sich über die Balkanhalb- tnsel, über Kleinasien, Sizilien, Slavonien, Bessarabien, Italien usw. zerstreut angesiedelt haben. Ucbrigens nennen sich die Alba- uesen selbst Schkipetarcn, d. h. Felsbewohner und zer° fallen in zwei Stämme, die Tosken im Süden und die Ghegen im Norden. Beide Stämme leben in tödlicher Feindschaft und können sich untereinander kaum verständigen. Der Albanese ist arm, er ist rachsüchtig bis zu tierischer Wild- heit, aber doch in einem solchen Grade gastfreundlich, daß er selbst seinen Feind, solange er ihm als Gast nahe ist, als heilig be- trachtet. Wenn der Türke es liebt, seine Tage in Nichtstun unter Wohlgerüchen und sinnlichen Genüssen hinzubringen und der Grieche nachdenklich und schwermütig den Schatten des Lorbeers sucht, stürzt sich der leichtbewegliche schnelle Albanese— die Flinte über der Schulter— in die Berge, kämpft er halbnackt, beschränkt sich auf seine einfache Nahrung, schläft im Freien auf dem Erd- bodcn und fällt mannhaft für sein Volk. Der Albanese ist ein hochherziger Räuber, er verkauft sein Blut teuer, aber er schont es auch nicht, denn Vaterlandsliebe und materieller Ehrgeiz finden in den Tiefen seines Herzens einen lauten Widerhall. Obgleich Albanien dem äußeren Schein und der Form nach der türkischen. Regierung untertänig ist, steht es doch stets kriegs- bereit da, sie zu bekämpfen und sich frei zu machen. Wiewohl es der Türkei zinspflichtig ist, genießt das Land doch einige besondere Freiheiten und Vorrechte, die ihm zu verschiedenen Zeiten von den Sultanen zugestanden worden sind. Wiewohl ein großer Teil der Albanescn in früheren Jahrhunderten gezwungen ward, den Islam anzunehmen, so hassen und verachten diese mohammedanischen Al- danesen doch die Türken, und als der griechische Freiheitskampf ausbrach, nahmen sie tapfer an ihm teil und kämpften für die Frei- heit der griechischen Christen. Sitten und Gebräuche der Albanescn, wie ihre Kleidung, wie sie selbst und das Land und seine Berge erinnern in vielen Stücken an Schottland. Wie dieses, so wird auch Albanien in Stämme oder Clans Eingeteilt, die unter besonderen, dem Sultan tribut- Pflichtigen Häuptlingen stehen. Wie die Schottländer, so haben auch die Albancsen gewisse geheimnisvolle Vorstellungen und lieber- liefcrungcn von ungewissem Ursprung, und obgleich viele von ihnen den Glauben Mohammeds bekennen, haben sie doch auch ihren be- sonderen Olymp, ihre Lokalgottheitcn, Schicksalsgöttinnen und Zauberinnen. Die Schicksalsgöttinnen sind gute Geister, die in Wäldern und Quellen wohnen und des Nachts auf Kreuzwegen ihre Tänze halten; dagegen sind die Zauberinnen oder Hexen grundböse allmächtige Weiber, die die Quellen vergiften, das Schick- fal der Mädchen erforschen und die Treue der Ehegatten verwirren. Di« wilden Tiere, die jn Albanien heimisch find, sind nach Meinung der Jäger die aus dem Paradiese des Propheten vertriebenen Seelen, die unter der Haut eines Wolfes oder Bären die Sünden büßen, deren sie sich früher schuldig gemacht hatten. Die Lage der albanesischcn Frauen ist unerträglich, und auS dieser unerträglichen Lage heraus ist auch die merkwürdige Er- fcheinung des Virtschentums(Mannwcibertums) zu ver- stehen. Der Stabsarzt Dr. Schulz hat diese eigentümliche Ein- richtung an Ort und Stelle studiert, und es sei in gedrängtem Auszuge mitgeteilt, was er mit vielen Mühen über diese wohl 600 Jahre alte Sitte erfahren hat. DaS Virtschcntum besteht darin, daß eine durchaus normal gebildete Frau durch die mit ausdrücklicher Erlaubnis des VaterS vor der erwachsenen männlichen Sippe abgegebene Erklärung: nicht heiraten und eine Virtschen werden zu wollen, gewisse Vorrechte erhält, die dem sonst verachteten Weibe vorenthalten werden. Außer einem gewissen Erbrecht genießt die Virtschen das mann- liche Vorrecht, Waffen tragen und Männerkleidung anlegen zu dürfen. Von diesem sonderbaren Vorrecht machen jedoch verhält- nismäßig wenige Gebrauch. Unter den etwa 200 Virtschen, die in zehn Pfarreien der verschiedenen Stämme gezählt werden, nur 10 bis 16. Alle anderen tragen Frauenkleidung und zeichnen sich nur durch ein besonderes Kopftuch von weißer Farbe aus. Während für gewöhnlich nach dem Tode des Vaters der älteste erwachsene Sohn und bei dessen Minderjährigkeit der älteste männliche Bluts- verwandte des Verstorbenen das Oberhaupt der Familie wird bczw. es bis zur Volljährigkeit des ältesten Sohnes bleibt, kann eine Virtschen Haupt der Familie werden, wenn sie volljährig ist und beide Eltern tot sind. So ist dies der Fall mit Zupp-Daschia vom Stamm der Hotti in Rapscha. Zupp heißt Räuberbandit und Da- schia Bock. Zupp-Daschia wird von jedermann mit diesem Spitz- namen gerufen. Sic hielt tapfer das Anwesen zusammen, plagte sich ehrlich von früh bis spät, erzog und verheiratete ihre beiden jüngeren Brüder und wird von jedermann im Stamme respektiert. Mit dem Tragen der männlichen Kleidung übernimmt die Virtschen auch die männliche Arbeit, dazu gehört außer Pflügen, Maishacken uiw. auch der Kampf für den Stamm und die Ausübung der Blutrache. Allerdings gilt den Virtschen gegenüber der Grundsatz �.Blut um Blut" nicht. Ein Weib zu ermorden, ist eine große Schande, während Männer in der Fehde zu töten recht und billig ist, ja sogar als Pflicht angesehen wird. Vielfach bilden geringfügige Ursachen die Veranlassung zu einem Morde. Ein Streit beim Kartenspielen oder ein Anrempeln im Bazar genügen oft, daß ein Mann einen anderen totschießt. Aber damit endet die Geschichte noch nicht, denn jedes Mitglied der Familie des Ermordeten ist durch Ehre und Pflicht gebunden, den Mörder aufzusuchen und niederzuschießen, wo er ihn auch immer finden mag. Kann er den wirklichen Mörder nicht finden, so muß er dessen Bruder, Sohn oder nächsten Verwandten umbringen, und hat er auf diese Weise den Mord gesühnt und dem Geiste des Erschlagenen Ruhe geschafft, so geht das Recht der Blutrache wieder auf die Familie des ursprüng- lichen Mörders über, und diese lauert nun einem von dem feindlichen Clan auf oder wählt am liebsten einen einzigen Sohn oder den Mann, dessen Tod der Gegenpartei den größten Kummer und das meiste Unglück zufügen kann. So vererben sich die Blut- rächen und die blutigen Fehden von einer Generation auf die andere, und die ursprüngliche Ursache mancher von ihnen verliert sich im Dunkel der Borzeit. Die Albanesen sind im allgemeinen sehr unwissend, aber sie haben ihre Rhapsoden oder Barden, die auf den öffentlichen Wegen umherziehen, die Taten der Väter und ihre göttliche Abkunft be- singend. Nichts ist interessanter und zugleich einfacher als diese Gesänge, die, aus ältester Zeit stammend, von Mund zu Mund gehen und, durch die Ueberlieferung geheiligt, als eine Quelle der wunderbaren Geschichte des Landes angesehen werden müssen. Kommt man z. B. nach Skutari, so kann man dort ein solches Lied hören, das von der Gründung dieser Stadt handelt, die nach gött- lichcin Ratschlüsse auf übernatürliche Weise erfolgt sein soll. Eine Schickjalsgöttin wies drei Brüder— Skand, Ali und Amska— die auf dem Schwarzen Meere(Montenegro) wohnten, an, nach Scthiniah(Athen) zu ziehen, sich dort Weiber zu holen, die Sitten und Sprache des Landes zu studieren und dann, nach ihrer Heim-' kehr, den Ort Skutari zu bauen(und zwar auf der östlichen Seite eines Sees, den die Göttin bezeichnete) und innerhalb dieses Ortes alle Umwohnenden zusammenzurufen. Also geschah es auch. Während aber die Mauer aufgeführt ward, ließ sich eine Stimme vernehmen, die verlangte, daß unter dieser Mauer auch eine der Frauen jener drei Brüder begraben werde, die bereits Mutter sei, dafern sie wünschten, daß Skutari fort und fort bestehe, daß es ewige Dauer habe und daß seine Mauern von Fremden niemals zertreten, sie selbst von ihnen nicht verachtet würden. Das Los fiel auf die Frau Stands, namens Eucharis; allein damit das Kind, das sie vor kurzem geboren hatte, nicht mit fremder Milch genährt werde, ward ein« lange Röhre von der Haut eines Bockes gefertigt und an die Brüste der �rau gelegt; auf diese Weise wurde das Kind zwei Jahre lang genährt, und die Mauer ward vollendet. Ms aber das Kind entwöhnt ward, gab die Röhre statt der warmen und nährenden Milch wie durch ein Wunder reines» ützcS Wasser, k>as noch heutigen Tages hervorquillt. So verwan- xckten die guten Geister die mutige Mutter in eine Quelle» deren Wasser nach den Rhapsoden Albaniens die wunderbarsten Eigen» sthnften besitzt. Es ist interessant, daß der Glaube, daß Bauten durch Einmauern eines Menschen gestützt und gesichert werden müßten, nicht bloß unter den Albanesen besteht und in ihren Volts- liedern sich ausspricht, sondern daß man dem nämlichen Glauben auch in Serbien, Rumänien und Griechenland begegnet und ihn dort in mancherlei Volksliedern ausgesprochen sindet. Im MrKLlcKen Museum. 4. Berliner Jmmngswrsen. Es versteht sich von selbst, daß das Berliner JnnungSwesen nicht auf eine Geschichte zurückblicken kann, wie sie die bedeutenden Städte des Mittelalters ausweisen. Berlin war bis zum 30jährigen Kriege eine Kleinstadt, die mit den süd« und mitteldeutschen Städten nicht in Wettbewerb zu treten vermochte. Fast bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hat Berlin den Charakter als Provinzialhauptstadt, die nur das Zentrum für die Mark Brandenburg bildete, bewahrt. Wenn demgemäß auch daS Zunftwesen in Berlin irgend eine aus- schlaggebende Bedeutung nicht erlangt hat, so spiegelt es doch im Kleinen die wirtschaftliche Entwicklung vom Mittelalter bis zur Neu- zeit wieder: ein Bild, das noch dadurch an Interesse gewinnt, daß eS bezeichnende Schlaglichter auf die vielgerühmte Liebe der jeweiligen Landesfursten zu ihren Untertanen wirft. Ebenso wie in den meisten übrigen deutschen Städten liegen auch die Anfänge des Berliner Jnnungswesens ziemlich im Dunkeln. Jedoch dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß die Gewerbe sich auch hier schon sehr früh, wenn auch anfangs nur lose, zusammenschlössen. Vielleicht trug dazu ein rein äußerliches Moment ganz besonders bei: das Zu- sammenwohnen der einzelnen Berufe in bestimmten Vierteln oder Straßen. Den Handwerkern wurden im kommunalen Interesse feste Wohnplätze zugewiesen, z. B. de» Gerbern des Geruchs, den Schmieden der Feuersgefahr wegen. In Berlin sind allerdings nur geringe Erinnerungen an dielen Gebrauch erhalten in Namen wie Weber-, Fischer-, Scharren-lFleischerläden-jStraße. Aus losen Vereinigungen wurden bald Jntereffenverbände, die ober zuerst obrigkeitlich nicht anerkannt wurden. Zum ersten Male werden in der sog. Frankfurter Urkunde von 1253 in Berlin erwähnt: eine Bäckergilde, deren Obermeister von den Ratsmannen eingesetzt wurde, eine Gilde der Tuchmacher, der Schmiede, Knochenhauer sSchlächter) und Schuhflicker; es find die wichtigsten, unentbehrlich- sten Gewerbe, die hier vertreten sind. Die Anerkennung der Zünfte und ihrer Privilegien erfolgte erst später, die der Bäcker 1272, der Kürschner 1280, Schuster und Schuhflicker 1284, Schneider 1288, Weber 1289, Knochenhauer um 1300. Damit eine unliebsame Konkurrenz ferngehalten werde, war die Ausnahme in die Innung mit hohen Kosten verknüpft; sie betrug z. B. bei den Bäckern 6 Schilling, nach heutigem Gelde etwa 50 M., von denen die«ine Hälfte in die Siadtkasse floß, die andere der Innung zufiel. Schuster bezahlten 3 Schilling an den Rat und 6 Schilling weniger 4 Pfennig an das Gewerk. Die Anerkennung der Zünfte vollzog sich in den, Maße, wie sie der Stadt unentbehrlich wurden; daS Handwerk erhöhte den Reichtum der Stadt, und vor allem sicherte es sie— da sämtliche Handwerker zu Kriegs- und Wachdiensten verpflichtet waren— in jenen unruhigen, rauflustigen Zeiten vor den Feinden. Das Stadtregünent lag damals fast ausschließlich in den Händen von Patriziern, alteingesessenen Bürgen,, denen der Grund und Boden gehörte und die den Handwerker nicht für ebenbürtig hielten. Bon den Berliner Patrizierfamilien des 13. Jahrhunderts verdienen besonders die Blankenfelde, Bötzow, v. d. Bietzen Erwähnung. Aus der Milte der Patrizier wurden jedes Jahr Ratsmannen gewählt, die nach Ablauf ihrer Amtszeit ihre Nachfolger selbst ernannten. Daß diese Ge- schlechter vor allem ihr Fannlieninteresfe vertraten, ist nicht zu ver- wundern. Je mehr aber die Zünfte ihrer Machtstellung und ihrer sozialen Bedeutung sich bewußt wurden, desto mehr tritt bei ihnen das Bestreben hervor, in die patrizische Cliquenwirtschaft Bresche zu legen, desto dringender fordern sie die Demokratisierung der städtischen Verfassung. Im Jahre 1375 werden zum erstenmal von der Ge- meinde gewählte Stadtverordnete neben den Ratsmannen erwähnt. und 1381 setzten es die vier bedeutendsten Gewerke(Bäcker, Schlächter, Schuster und Tuchmacher) durch, daß ihre Obermeister an den Versammlungen der Ratsmannen teilnähme». Run verlangten die geringeren Gilden der Schmiede. Harnischmacher, Sporcr, Schwert- seger, Böttcher usw. ebenfalls den ihnen gebührenden Anteil an der Stadtverwaltung. Aber sie kamen bei den vier genannten Gewcrken bös an. Diese verbanden sich mit ihren früheren Feinden, den Patriziern, gegen das„niedere" Handwerk. Es war gerade die Zeit, da der erste Hohenzoller in die Mark kam. Das Haupt- bestreben der damaligen Fürsten ging dahin, die Selbständigkeit der Städte zu brechen und deren Reichtum in die eigene Tasche zu leiten. Die märkischen Städte erkannten wohl die Gefahr und schlössen 1432 zu ihrem Schutze einen Bund, der wohl einen kräftigen Rückhalt gegen die fürstlichen Herrschaftsgelüste hätte bilden können, wenn ihn nicht innere Kämpfe ohnmächtig gemacht hätten. Die demokratischen'Elemente. die niederen Innungen der vereinigten Städte Berlin-Kölln, riefen zur Schlichtung dieser Kämpfe den Hohenzoller Friedrich den Eisernen an. der den Zwist klug benutzte und— scheinbar auf Seite des Volkes— die aristokratische Verfassung stürzte: eS sollten Ratsmannen auch aus den Reihen der„gemeinen* Bürger gewählt werden, aber— vorbehaltlich seiner Bestätigung! Den Demo- kraten stattete der Marlgras seinen fürstlichen Dank zum Ueberfluh noch dadurch ab. daß er die Patrizier zu gewiiiucn ver- stand und dafür sorgte, daß die einflußreichsten Stellen in deren Hände kamen. Aus Verlangen der aufeinander eisersüchttgen Zünfte trennte er nach den, bewährten Wahlspruch «Teile und herrsche" die beiden Städte Berlin und Kölln, und um diese Trennung auch äußerlich und strategisch festzulegen, ließ«r sich von beiden Städten einen Play zur Erbauung einer Zwing?« rsi — des he, ittgeu Schlosses— abtreten.... War so äußerlich die Macht der Zünfte gebrochen, so wurden sid in der nachfolgenden Zeit auch noch in eine vernichtende Wirtschaft- liche KrisiS gerissen. Der Handel umging die märtischen Städte; di« Fürsten bezogen— wie stets— ihren Bedarf hauptsächlich vom Aus- lande; das Absatzgebiet für die Erzeugnisse des städtischen Handwerks war sehr beschränkt. Es galt also, Ueberproduktion und allgemeine Verarmung zu verhindern. Das geschah durch den Zunftzwang, Monopolisierung der einzelnen Gewerbszweige, Beschränkung der Anzahl der Meister und Gesellen. Hinzu kamen die Schrecken des 30jährigen Krieges— und Mitte des 17. Jahrhunderts war das märkische Handwerk fast vollständig ruiniert. Nun brauchten aber die Fürsten, vor allem der„große" Kurfürst und seine Nachfolger für ihre kriegerischen Unternehmungen und für Instandhaltung eines stehenden Heeres große Summen, die natür- lich in der Hauptsache den Städten aufgebürdet wurden; dem» mit den Junker» verdarben es die Hohenzollem von jeher nicht gem. Die Fürsten waren also am Reichtum der Städte sehr inter- essiert, und dieser basierte fast ausschließlich aus der Gewerbe- tätigkeit ihrer Bewohner. Je mehr Handwerker, desto mehr wird produziert, und jeder vermehrte Umsatz hatte auch eine Erhöhung der Staatseinnahmen zur Folge. Voraussetzung war, daß für die gewerblichen Produkte neue Absatzgebiete erschlosien wurden: das geschah durch Kolonisation des Landes mit fremden Bauern, die in dichtbevölkerten Städten auf regere Abnahme ihrer Erzeugnisse rechnen konnten. Hinzu kam eine Sperrung der Grenzen gegen Export und Import, un, eine erneute Blüte der Gewerbe künstlich hervorzurufen. Diese Art Industrie setzte aber eine Durchbrechung der altzünstlerischen Prinzipien voraus, die ja die Ausdehnung des Handwerks beschränkten. Mit der Ueberwindung dieser alten Zünfte ist die zweite Halste des 17. und die erste des 18. Jahr- Hunderts angefüllt. Die Fürsten begünstigten den Großbetrieb gegenüber den, Kleinhandwerk und die Entstehung neuer Zünfte. die sich im Gegensatz zu den alten bildeten. Der große Kurfürst erteilte Konzessionen an Handwerker freihändig und außerhalb der Zünfte und setzte es durch, daß eine ganze Anzahl bis dahin für unehrlich gehaltene Berufe in die Zünfte eintreten konnten. Schließ- lich erhielt die alte Zunstorganifation(1732—1736) den Todes- stoß durch die„Generalprivilegien für alle preußischen Zünfte*. Diese beseitigten den Zunstztvang und die Beschränkung der Meister« und Gesellenzahl, setzten das Meistergeld auf ein Minimum herab und legten den Grund zur Haus- industrie, indem sie dem Handwerker gestatteten, für einen anderen oder für»inen Kaufmann zu arbeiten. Dem Bedarf an Arbeitskräften kamen sie auch durch Erlaubnis der Frauenarbeit entgegen, die in den meisten Zünften vorher verboten war. Da nur eine konstante Produktion einen regelmäßigen Gewinn gewährleisten konnte, zielten die neuen Bestimmungen vor allem darauf hin, Störungen im Keime zu ersticken. Diese Störungen hätten in erster Linie von den Gesellen, den unselbständigen Ge- Hilfen der Handwerker, kommen können, die vielleicht auch an dem Gewinn partizipieren wollten. Die Geselleufchast war damals vor- züglich organisiert. Sicherlich auch in Berlin seit dem frühen Mittelalter: denn bereits 1331 wurden die Privilegien der Gesellen- schaft der Wollen- und Leineweber bestätigt, die unter andern ein Verbot der Arbeit bei Licht und am Sonnabend nach dem Vesper- läuten enthalten und die die Arbeitsvermittelung sowie die Eni- scheidung darüber, ob der Geselle berechtigt gewesen sei, wider die Ordnung aus der Arbeit zu treten, in die Hand der Gesellenschaft legte. Die durch Solidarität und Boykott festgefügte Macht der Gesellcnorganisationen machte den Meistern häufig schwer zu schaffen. Gegen diese Macht richteten sich daher auch die „General- Privilegien": die Verbandskassen, die„schwarzen Tafeln" mit den Listen der boykottierten Meister. die Gesellenbriefe(OrganisationsmitgliedSbücher) wurden von, Staat konfisziert, und für alle Gesellen ward als Legitimation die „Kundschaft"— ähnlich den heute noch bestehenden Dienst- botenzeugnisien— eingeführt. Die frühere Kampforgauisation war so in der Wurzel zerstört, und in den nächsten hundert Jahren hören wir kaum etwas von Streiks und Lohnbewegungen. Als traurige Reste blieben nur einige dürre Privilegien und ein lächer- liches Zeremoniell. Auch die künstlich aufgepäppelten neuen Hand- Werkerzünfte brachen kläglich zusammen, als 1310 durch Napoleon die Oeffnung der Grenzen erzwungen und den fremden Industrien der Zugang erschlossen wurde. Heute hat das Berliner Handwerk nur noch verschwindende Bedeutung, der Großbetrieb zermalmte auch hier immer mehr die letzten Reste des Handwerks, und tvas noch bei offiziellen Gelegenheiten. Fürstenempfängen n. dgl. von zünstlerischen Reliquien zu sehen ist, das hat mir noch im Museum einen Sinn, nicht mehr in den. Lichte modernen Lebens. DaS Märkische Mussum bewahrt eine ganze Anzahl Erinnerungen «N das historische Zünftlsrtuin. Allerdings keine Erinnerungen aus der ersten Blüte des Berliner Jnnungswesens, aus der uns überhaupt wenig erhalten�ist. Mit ein paar Ausnahmen— in der Vorhalle ein Ge- werkschild der Spandauer Schmiedeinnung, im großen Hof ein schmiede- eisernesHerbergsschild der Berliner Tuchmachergesellen— sind alle hierher gehörigen Gegenslände im Saal 43 untergebracht. Rur wenige stammen aus dem 13. und 17. Jahrhundert, die meisten aus dem �18. und IS. An den Seitenpfeilern sind die Herbergsschilder ver- �djifldjuer Gesellenschaften angebracht, so das der Maurer von 1793 mit zwei Gesellen in eigentümlicher Tracht, den Degen an der Seite. Ä»z>vischen Winkel. Zirkel, Kelle, Hammer und Senkbleileine: der Zehdenicker Schneider; der Zimmergesellen(1821); der Bäcker; der Zückner und Weber und der Garnmacher: beide mit einem aus Weber- fchisfchen gebildeten Dreieck als Abzeichen. Etwas moderner mutet uns schon ein Schild an— am 3. Fenster links—, das zwei verschlungene Hände und die Inschrift aufweist: Es lebe die Papiennachergescllschaft. Seid uns willkommen Ihr fremden Papiermacher. August Wem. gewidmet, den 1. Mai 1849. Bei öffentlichen Aufzügen erschienen Innungen und Gesellen- schasten mit Fahnen oder besonderen Abzeiche» und in einer be- sonderen Tracht: rein äußerliche Privilegien, an denen sie um so mehr festhielten und die sie um so mehr betonten, je mehr sie selbst an wirtschaftlicher Bedeutung verloren. Aubcr verschiedenen Gewerks- sahnen älteren und neueren Datums sind über den beiden Wand- schränken noch die Abzeichen der Sattlergesellenschaft aus den Jahren 1.730 und 1840 angebracht. Maurer in der Gesellentracht zeigt das obenerwähnte Herbergsschild, und wie eine komische Maskerade muten einen die beiden farbigen Porträts am zweiten Fenster links an, die Herrn I. G. Lehmann, Meister des Maurergewerks, in seiner Uniform— bärenmützenähnliche Kopfbedeckung, Degen, Epaulettes und Schärpe, einmal blau, das andere Mal blau-rot-blau— bei fürstlichen Einholungsfeierlichkeiten der Jahre 1833 und 1840 darstellen. Aus den Zunfthäusern und Herbergen selbst stehen an den beiden Langseiten des Saals eine Anzahl sogenannter.Laden" verschiedener Ge- werke, d. h. Truhen, die das Gewerksbuch mit den Artikeln und Statuten(ein Stammbuch des Berliner Fischergewerks 1337/1828 auf dem Mitteltisch), Dokumente, Urkunden, Siegel und die Hauptkasse enthielten. Die Lade wurde teils in der Herberge oder dem Zunft- hause, teils bei dem Obernreister aufbewahrt und war sozusagen das Heiligtum, der Mittelpunkt des ganzen Zunftwesens. Die Lade durfte nur bei Anwesenheit sämlicher Mitglieder geöffnet werden, und Verhandlungen konnten nur bei geöffneter Lade statlfinden. Bei den Zusammenkünften der Meister und Gesellen wurde stark pokuliert; davon zeugen die zahlreich ausgestellten Widmungs- und Willkomm- Pokale, jene in den Wandschränken aus Silber, Zinn, Glas oder Steingut mit den Emblemen des Handwerks, diese auf dem Mittel- tisch, überreich mit Widnningsschildchen und Schaumünzen behängt. Einer davon trägt die niedliche Inschrift: „Sterben ist mein Gewinn, Leben erhält die Kaffe." Besonderes Jntereffe verdienen noch zwei Meisterbriefe für Maurer und Zimmerer, von Adolf Menzel 1835 entworfen und lithographiert. Das Handwerkerleben ist hier mit so unvergleichlich künstlerischer Originalität, mit so fröhlichem Humor dargestellt, dah man sich an diesen beiden Schöpfungen des Meisters kaum sattsehen kann: bei den Zimmerern Fällen deS Baumes, Zurichten, Aufrichten des Hauses, im Vordergruiide das Richtfest: bei den Maurern Freud' und Leid der Wanderschaft. Will- kommtrunk, Grundsteinlegung: dazwischen auf beiden Bildern Berliner Ansichten und als Umrahmung in holdem Verein Bohrer, Meißel, zersprungene Becher, Hüte, Tabakspfeifen, Bierkrüge, Maurer- Pinsel, Biber(als Baukünstler I), Fässer und Humpen. eg. Huslandifche Bäume* Bon ausländischen Bäumen, die sich bei uns ansässig gemacht haben und unseren schönen einheimischen Laubbäumen vielfach den Platz streitig machen, find, so schreibt uns der Dürerbund, be- sonders drei zu nennen: die Rotzkastanie, die Platane und die A ka z i e. Gewitz sind alle drei wirklich schöne Bäume, aber sie etwa als Ergänzung unseres eigenen BaumreichtumS an- zusprechen, das würde doch nur bedingt zutreffen, sie also über- schätzen heitzeu: vor allem deshalb, weil sie aus dem Charakter- bilde, das unsere Bäume der deutschen Landschaft verleihen, gründlich herausfallen. Und das liegt nicht nur in ihrem pomp- haften Auftreten, nein, ihre Landfremdheit ist ihnen sozusagen an die Stirne geschrieben. Blatt- und Blütenwerk der Rotzkastanien und Akazien stimmen in ihrer prunkenden„Aufmachung" so gar nicht mit unseren heimischen Bäumen überein, und bei der Platane befremdet uns wieder der Stamm mit seiner ewig in grotzen Fetzen sich abblätternden Rinde und obendrein die an Fäden bammelnden Äugelkätzchen der Früchte, die auch im Winter im Eezweige hängen bleiben. Die Roßkastanie(.Aesculuz Hippocastamim 1).)' ist zuerst von dem berühmten Botaniker ClusiuS um 1570 in Wien ge- zogen worden; die Samen soll er aus Konstantinopel erhalten haben. Die Heimat des Baumes war lange unbekannt, bald sollte es Persien, bald Indien, bald sollten es die Himalajaländer sein, obwohl ihn niemand dort gefunden hatte, bis er endlich im Jahre 1851 wildwachsend im nördlichen Griechenland im Pindusgebirge entdeckt wurde; sein Vaterland lag also viel näher als man glaubte. Die Platane(Llatamts orientalis L., bei uns auch oft in der Spielart JPIatanus acerifolia vertreten, während die amerikanische Art k'Iatanus occidentaiis L. seltener angepflanzt wird) ist in breiter Zone von Italien bis zum Himalaja heimisch. nach Pliniu.s allerdings aus dem Orient in JtaUen eingeführt. stand schon bei den Griechen und Römern als der schönste und köstlichen Schatten spendende Baum in hohem Ansehen. In Griechenland wächst sie noch heute nach Art unserer Erlen an jedem Bachlauf. Auf Kreta und Cypern wirst sie scheinbar ihre Blätter niemals ab, weil die härteren Bäume in wärmerer Lage im Winter das nachgetriebene Laub des Juli und August behalten und fo immergrün erscheinen, wie Fraas auch an einer Platane am Marktplatz in Athen beobachtete. Die Akazie oder Robinie (Robima Pseudacacia L.) wurde von Jean Robin(nach ihm der Gattungsname Robinia), dem Gärtner Heinrichs IV. und Ludwigs XIII. von Frankreich, im Jahre 1300 von Virginien nach Frankreich gebracht. Die von seinem Sohne 1335 im Jardin Royal in Paris angepflanzte Robinie soll heute noch in voller Kraft stehen. Die Rotzkastanie ist als Alleebaum und in Parken und ge- räumigen Gärten oder in der Nähe„herrschaftlicher" Gebäude als Prunk- und Staatsbaum ganz besonders am Platze. Schon im Frühjahr fesselt der Anblick ihrer dicken, braunen, wachsglänzenden Knospen, und von intimstem Reiz ist es, das allmähliche Hervor- brechen der gar zierlich und künstlich gefalteten zartgrünen, sieben- fingrigcn Blätter zu beobachten, die alsbald nach dem Sprengen der Hülle darangehen, sich zu Schirmen zu ordnen, an deren Spitze die wie Kerzen aufrecht stehenden Blütenstände der Entfaltung zustreben. Wenn dann im Glanz der Maiensonne das starke Arm- leuchtergeäst der Bäume auf dem Grunde seines schweren, üppigen Laubschmuckes die blendendweitzen Kerzen-Blütensträutze aufrichtet und sein eigen Bild in solcher Pracht im Teiche widerspiegelt, wo die stolzen weißen Schwäne ihre Kreise ziehen und der feine Wasserstaub des Hochstrahles in allen Regenbogenfarben spielt: da haben wir das Bild der Bäume in ihrem rechten Milieu und auf dem Gipfel ihrer Schönheit. Aber sie hinauszupflanzen in die freie Landschaft oder gar an den Wirtschaftsweg mitten in die Kiefernheidc hinein, das ist ein Unding. Als Alleebaum beansprucht sie vor allem reichlichen Platz, denn sie ist starkwüchsig, ihre umfangreiche, dichte Krone erreicht Höhen und Durchmesser bis zu 25 Meter, und in ihrem Schatten kann auch nicht ein Gräslein gedeihen. Auch die Platane ist als Alleebaum nur in breitesten Stratzcnzügen am rechten Ort, darum gilt sie als Herrscherin ersten Ranges auf den Boulevards der Weltstädte. In ihrer Wuchskräft übertrifft sie alle anderen Alleebäume: Hunderte von Jahren steht sie kraftstrotzend an ihrem Platze, sich jährlich neu verjüngend und immer größere Dimensionen beherrschend. In Griechenland finden sich noch jetzt Bäume, deren schon Pausanias gedenkt, die also an die 2000 Jahre alt sein müssen. Plinius spricht von einer Platane in Lycien, deren hohler Stamm 80 römische Fuß im Durchmesser hatte, so daß der Konsul Licinius Musianus mit 21 Gästen eine Mahlzeit darin halten konnte. Das erinnert ja an die berühmten Mammutbäume Kaliforniens! Die ge- waltigen, grotzkronigen alten Platanen mit ihrem dichten, freudig- grünen, unseren AHornblättern sehr ähnlichen Laub spenden in der heißen Jahreszeit erquickenden Schatten. In deutscher Land- schaft ist der Baum jedoch ganz entbehrlich. Unsere Spitz- und Bergahorn übertreffen ihn fast in jeder Beziehung, besonders der letztere in der malerischen Anordnung der Teilmassen in. der Krone; sie übertreffen ihn im Schmuck der gelben oder grünlichen Blüten- dolden und-trauben im Frühling, und wenn im Spätsommer ihre geflügelten Früchte schrägen Flugs durch die Luft schraubeln, so mutet uns daS ungleich heimeliger an als die schwer beweglichen Bammelkügelchen der Platane. Die Akazie ist von den dreien der anspruchloseste: ihr genügt schon der magerste Sandboden zum Gedeihen, obgleich Kulturland ihr besser behagt. In der Jugend wächst sie ziemlich rasch; je älter sie wird, desto„besinnlicher" und schöner baut sie ihre Krone. Alte Bäume gewähren, besonders wenn sie mehrstämmig auftreten, einen prächtigen Anblick, der Kraft und Grazie vereinigt: Kraft in den robusten, mit rissiger Borke bekleideten Stämmen und in dem oft an die Eiche er- innernden starken, zackigen Geäst, Grazie in dem zierlich ge- fiederten Laub und den hängenden starkdustenden Trauben ihrer Schmetterlingsblüten. Für Parks und größere Gärten ist sie gewiß eine große Zierde, und im Verein mit einem hellgetünchtcn, luftigen Sommerhaus, das sie mit ihren lockeren, blütentrauben- geschmückten Laubpolstern überschirmt, gewährt sie ein Bild nur ihr eigener Schönheit! Wollte man sie aber draußen mit unseren Eichen, Buchen, Linden, Ahorn, Eschen und Ebereschen in Weit- bewerb treten lassen, so würde eS bei all ihrer Schönheit um ihre Wirkung alsbald geschehen sein. Verantw. Redakt.: CarlWcrmuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verl«g»anstalt Paul Singer ScEo., Berlin LVk.