Anterhaltungsblait des Horwärts Nr. 90. Dienstag, den 11. Mai. 1909 (Nachdruck verboten.) «q Erkaltung der Kraft. Novelle von Timm Kröger. Das tat Martin denn auch, und es war ihm immer, vis höre er Elsbe und Friech Gripp aus allen Ecken lachen. — Laß sie man, redete er sich ein, die ist mir gleichgülttg wie'n Povis(Staubschwamm). Mit der, das ist rein aus. — So dachte er, fühlte aber dabei, daß all sein Denken und Sinnen nichts sei als Aufklagen einer leiderfüllten Seele. Eine sonore Stimme störte sein Brüten. Ein stattlich aussehender, in den besten Jahren stehender Bauer mit krau- fem braunen Haar und braunen Augen, eine Meerschaum- pfeife mit Silberbeschlag rauchend, bat um die Erlaubnis. sich neben ihn setzen zu dürfen. Das war der Besitzer von Dückerswisch, der Trostkloß der Witwen und Waisen. Er begann sofort ein Gespräch. Weshalb Martin nicht tanze: er sei in jungen Jahren immer der erste auf der Diele gewesen. Als Elsbe und Friech vorüberwalzten, kam er auf die Wulffen-Familie, auf ihre mißlichen Vermögens- Verhältnisse, flüsterte Martin ein Geheimnis ins Ohr, das dieser nicht verstand und äußerte, Elsbe sei gewiß eine hübsche und auch eine nette Dirn, aber, wenn die, die hinter ihr herliefen, glaubten, da sei was los, dann habe da eine Eule gesessen. „Die Leute sagen viel," antwortete Martin,„dre Leute sagen auch. Du wolltest Elsbe haben." Als Martin das gesagt hatte, sah ihm der Dückerswischcr aus seinen blanken, braunen Augen voll ins Gesicht:„Sieh, sagen das die Leute! Nu, wenn es ihre Meinung ist, dann wird am Ende aus was dran sein. Und für Elsbe wäre es vielleicht auch am besten, wennn sie den Dückerswischcr nähme." Der Dückerswischer war aufgestanden und hatte Martin allein gelassen. Der Hauswirt Hans Jäger kam, die Lichter im Kranzholz anzuzünden und nach Bier und Branntwein zu sehen. Als die Helle aufflackerte, entstand Lärm und Gelächter in der Gegend, wo Martin saß: darum kümmerte sich aber Hans Jäger nicht. Er ging in die Abseite der leeren Lkuhständer, die Fässer abzuklopfen, so wie ein Doktor eine kranke Brust abhorcht. Da kam Hannes Haß hinzu und rief:„Hans, das hättest Du sehen sollen!"—„Was denn?"—„Wie war Martin Uhrhammer fünsch."—„Warum denn?"—„Dora Pahlen hat ihn, wie alle Leute dabeistanden, unversehens überfallen und abgeküßt."— Hannes Haß lachte, und Hans Jäger auch.—„Dorten, Dorten. was bist Du für eine wilde Hummel! Und Martin? Was hat der denn angestellt?"—„Er war verdrießlich. Elsbe Wulfsen hatte es mit angesehen. Er sagte, er wolle nach Hause gehen." • Im ersten Aerger war es wirklich Martin Uhrhammers Absicht gewesen wegzugehen. Aber wie er in den Garten gekommen war, weigerten sich seine Füße, ihn von einer Stelle wegzutragen, wo Elsbe Wulfsen tanzte. Er hielt sich für dumm und töricht, daß er dem Schneiderjungen das Feld geräumt habe. Und wieder klagte sein Herz vor Sehn- sucht auf, und wieder dachte er an den Tag, wo er mit seiner Geliebten durch den Hechtsee gefahren war. Hatte er nicht mitten im Wasser den Pferden die Zügel gelockert, hatte er nicht mitten im See seine Küsse bekommen? War es vor der Grasinsel gewesen oder nachher? Es war ja ganz gleichgültig, und Martin wußte, daß es ganz gleich- gültig war. Und doch schien ihm beim Grübeln immer wichtig, ob es v o r dem Gras, nach dem Gras oder i n dem Gras gewesen sei. Zuletzt bildete er sich ein: es war in dem Gras. Er mußte auch denken, daß in demselben Augenblick der große Vogel— Rrrrrt!— aus dem Wasser gebrochen sei. Die mächtigen Flügel hatten ein paar Wassertropfen auf das Vorderlcder des Wagens geworfen. Er wollte, daß es gleichzeitig gewesen sei, und erinnerte sich bestimmt, daß das nicht der Fall gewesen war, denn es war ein bißchen vorher oder ein bißchen nachher geschehen. Hans Jäger hatte einen weiten, mit düsteren Baumrcihen besetzten Garten. Martin Uhrhammer maß noch immer ihre Länge, spazierte noch immer auf lind ab, bat die halbe Mondsichel, die am Himmel stand, um ihr Mitgefühl und dachte an Elsbe Wulfsen, und ehe er sich dessen versah, fantr er sich wieder in der Wohnstube von Büngerhof. Man war beim Kaffeetrinken und Geschichtenerzählen; Geister und Gespenster führten das Wort. In der Sandkuhle spinnt zwischen zwölf und ein Uhr eine weiße Frau, im Bach am Breinerweg wimmert es, auf Friß Klaußens großem Teich brennt nachts ein Licht. Des Webers Frau kann vorhersehen, es konimt Krieg, Soldaten in roten Röcken kommen den Landweg von Embüren her, zu einer Zeit, wo auf Hans Vollerts Holzkoppel Misthaufen in Buchweizenstoppeln stehen. Auf Steinberg hat vor vielen Jahren ein Bauer an einen Handelsmann eine Kuh verkauft. „Der Steert liegt hoch," hat der Handelsmann gesagt,„ist das auch ein Brüller?"—„Nein!" hat der Bauer geant- wartet,„daß der Steert so hoch liegt, ist angeborener Stolz der Kuh, die ist kein Brüller, und wenn die Kuh ein Btüllev ist, will ich nicht selig werden und will brüllen, wo ich hier steh." Und da hat er, nachdem er gestorben, im Kuhhaus gebrüllt, bis der alte Bau abgerissen worden ist. Georg Harms Vater ist nachts gerufen worden, und kein Rufer ist dagewesen. Acht Tage darauf ist der Großvater gestorben, und da ist es in Erfüllung gegangen. Aehnlichs Vorgänge erzählt man eine ganze Menge, der eine von seinem Nachbar, der andere von seinem Ohm. Martin sprach von einer Erscheinung oder einem Traum, den er als kleines Kind gleich nach dem Tode seiner Mutter gehabt hat. Stinemesch nahm sich seiner an. Er schlief auch bei ihr im Wandbett, und wenn sie früh aufstand, in Küche und Keller zu schaffen, blieb er allein im warmen Bett.— Einmal wird er wach, es ist ganz hell um ihn. Er sieht, er erkennt alles: die Wände des Bettraumes, das Brettcrbort, das dort angebracht ist, den Stopfkorb, der darauf steht, mit allem, was darin ist. Die Bettdecke hat ein rotes Würfelmustcr, von der Decke hängt ein hänfener Bettguast herab. Und zur Schiebtür hinein lehnt sich etwas über ihn. Er will schreien ... kann nicht... er will sich bewegen, er kann auch das nicht... Und was sich über ihn lehnt, erkennt er als eine weiße Frau, und die weiße Frau sieht ihn mit großen Augen an... Plötzlich ist alles weg, und es ist dunkel um ihn her. Und da schreit er, daß das ganze Haus zusammen- läuft... Martin war zu Ende, alles schwieg. Es waren mehr Leute hinzugekommen, ein großer Kreis in dem großen Kreise webte tiefe Stille. Und in der tiefen Stille quoll ein weicher Mädchenseufzer auf— Elsbe Wulfsen stand hinter Martins Stuhl. „Du bist ja ein ganz böser Junge," sagte zuletzt einer, „da mag man ja gar nicht mehr allein zu Bett gehen." In dem Augenblick steckte der Harmonikamusikant seinen Kopf zur Tür hinein.— Wenn niemand mehr tanzen wolle, gehe er nach Haus— „Um Gotteswillen!" Das mußte verhindert werden. Jeder nahm sein Mädchen, und was eben noch vor Grausen erstarrt gewesen war, gurrte jetzt wie junges Hühnervolk nach der Diel« hinaus. Martin Uhrhammer trat an den Kartentisch und sah Krischan Franzcn ins Spiel. Da faßte eine warme Mädchen« Hand seine Rechte und zog ihn in die Ecke. „Bist mir noch böse, Martin?"— Martin ging das Herz über, er wollte Elsbe was Liebes sagen, konnte aber nicht, er gab eine alberne Antwort wie„das glaub ich nicht" oder dergleichen. Elsbe wußte nicht, was sie davon halten sollte. Sie wolle nach Haus gehen, sagte sie, und setzte hinzu:„Du bleibst wohl noch?" „Ja," antwortete er und sagte wieder ganz was anderes, als er meinte. Er sprach davon, er hoffe, noch ins Spiel zu kommen und möchte gern mal rumspiclen. Das waren andere Antworten, als Elsbe erwartet hatte. Da MorNa hmzui-»Ja. ClSbo. wenn Friech nicht ab- kommen kann, will ich Dich gern nach Hause bringen." Das war zuviel. Das könne sie nicht verlangen, ent- gegnete sie und sah dabei schnippisch aus.-- Für Friech sei es freilich ein Umweg, aber das mache ihm nichts aus.— „Ich spaßte nur, Elsbe, ich will mit Dir." Endlich hatte Martin den Dämon, der sich zwischen ihn und sein Mädchen stellte, überwunden, aber nun war es zu spät.„Ich will Dich gar nicht mithaben", antwortete sie,„Du sollst Karten spielen." „Schön, das ist mir denn auch recht." Martin verstand sich aufs Kartenspielen. Nicht lange nachher wurde ein Mitspieler nach Hause geholt, weil ein Pferd an Kolik erkrankt sei. Martin übernahm die Partei. Er spielte lange Zeit und war im Gewinnen. Die Stubenuhr schlug eis und zwölf. Und gleich nach zwölf machte Elsbe Wulfsen die Stubentür nochmal auf und rief:„Godn Nacht denn—' Martin Uhrhammer hörte es gar nicht, denn er warf drei Trümpfe auf den Tisch— Trumpf und Trumpf und Trumpf!— deckte die Karten auf und hatte ein großes Spiel gewonnen. Krischan Franzen lachte aus voller Kehle:„So spielt man in Venedi l" Sie spielten noch einmal herum, dann brach man ab. Die anderen wohnten an der Landstraße weg, Martin mußte, nach Altenhof zu kommen, über den Reesenkamp gehen. lFortsetzung folgt.) Die Melt ohne HUah. Eines Tages wurde Allah seines ewigen Amtes müde. Er kroch daher von seinen» Throne herunter, verlieh seinen Palast, trat auf die Erde und verwandelte sich einen gewöhnlichen sterblichen Menschen. Er badete jeden Morgen im Flusse, schlief im Grase und nährte sich von Beeren, die er im Walde fand. Als die Abenddämmerung zu si�n begann, schlief er ein, und als die Sonne aufging, wachte er auf. So vergingen viele Tage. Die Bögel sangen, die Fische plätscherten im Wasser, mit einem Worte, die Welt tat so, als ob nicht das geringste vorgefallen wäre. Allah lächelte und dachte: Die Welt habe ich vortrefflich ge- schaffen; sie hat ihre seit Urzeiten angewiesenen Bahnen, von denen sie nicht mehr abweichen wird. Aber wie geht es nur den Menschen ohne»sich? Die Vögel sind dumm, die Fische auch, wie lebt aber der Mensch, das vernunftbegabte Wesen, seitdem ich von meinen Höhen eS nicht mehr anblicke: besser oder schlechter? So nachsinnend, durchwandert Allah Felder, Fluren und Haine, bis er endlich in die große Stadt Bagdad kam. Wie ich sehe, steht diese Stadt noch immer auf demselben Fleck, dachte Allah. Die Stadt befand sich tatsächlich noch auf derselben Stelle wie früher; die Esel und Kamele brüllten, die Esel arbeiteten, die Kamele arbeiteten, und die Menschen arbeiteten auch, als ob nichts vorgefallen wäre. Alles in Ordmmg, dachte Allah, nur hör' ich niemand nieinen Namen rufen. Gern hätte er wissen wollen, wovon die Leute sprechen. Er ging also weiter, bis er auf den Marktplatz kam. Gerade verkaufte ein Händler einem jungen Bauernburschen ein Pferd. „Ich schwöre bei Allah," rief der Händler,„daß dieses Pferd jung ist. Kaum zwei oder drei Jahre sind es, da eS die Welt erblickt hat. Schau nur hin, was für ein feuriges Tier es ist. Wenn Du dieses Pferd besteigen wirst, dann wird Dich jeder» für einen Ritter halten. Ich schwöre bei Allah, daß Du auf diesem Pferde jeden Ritter beim Wettrennen überholen kannst. Das ist ein junges Pferd, ohne jeden Makel, ohne die Spur irgend eines Makels, ich schwöre eS bei Allah 1" „Und betrügst Du mich nicht?" fragte der Bauer. „Wie dumm Du bist 1" rief der Händler, die Arme gen Himmel erhebend,„nein, wie kann man mir so dumm sein; wollte ich Dich betrügen, wie könnte ich bei Allah schwören? Glaubst Du. ich will Deinethalben mein Seelenheil verlieren?" Der Baucrnbursche nahm das Pferd und bezahlte eS mit klingendem Golde. Allah wartete bis der Kauf abgeschlossen war, dann trat er an den Händler heran: „Heda, guter Mann, was habt Ihr bei Allah geschworen, wo «r doch nicht mehr ist?" Der Händler tat die Goldstücke in seinen Beutel, schüttelte ihn, daß die Moneten hell erklangen, und erlviderte, schnippisch lächelnd: „Ich weiß eS sehr gut, daß es keinen Allah mehr gibt, aber hätte der Bursche ohne meinen Schwur den Gaul gekauft? Jeder sieht doch, daß das Pferd alt und schwach ist und Geschwüre ober- halb der Hufe hat l" Allah lachte und ging weiter. Als er so ging, erblickte er den armen Hussein, der auf dem Rücken einen Balken schleppte, der zweimal so groß war wie er selbst. Hinter Hussein schreitet Ibrahim. Unter der furchtbaren Last wankt der arme Hussein bei jedem Schritte, der Schweiß fließt von seinem Gesichte, und die Augen treten ihm vor Anstrengung schauerlich aus den Höhlen. Ibrahim schreitet hinter ihm her und stänkert: .„Huffein I Hussein! Fürchtest Du nicht Allah I Du willst Balken tragen und hast es noch nicht gelernt, Dich schnell zu bewegen? Auf diese Weise wirst Du ja nicht einmal zwei Balken an Ort und Stelle schaffen! Das ist nicht recht von Dir. Hussein I Du darfft Deine Seele nicht der Gefahr ewiger Verdammnis aussetzen. Be- denke: Allah sieht alleS; er zürnt Dir jetzt, weil Du Deine Arbeit so faul verrichtest. O Huffein I Ich muß Dir nochmals sagen, daß Allah Dir sehr zürnt I" Allah gab Ibrahim einen bedeutungsvollen Ellbogenstoß, führte ihn beiseite und fragte: „Warum rufst Du denn Allah fast bei jedem Schritte? Es gibt doch seit einigen Wochen keinen Allah mehr!" Ibrahim kratzte sich den Kopf. „O, mein lieber Herr," sagte er,„das weiß ich recht wohl, aber was soll ich tun? Wie kann ich diesen Menschen auf anständige Weise zu einem schnelleren Tragen deS Balkens bewegen? Wer soll alle die Balken, die noch heute weggeschafft werden müssen, fort- tragen? Soll ich einen zweiten Arbeiter annehmen? Das wäre ja mein Schaden! Soll ich Huffein schlagen? Er ist viel stärker als ich, könnte mich also noch umbringen I Allah ist stärker als wir alle, ich schrecke also Hussein mit Allah!" Allah schüttelte den Kopf und ging weiter. Ueberall, wohin er kam, hörte er nur seinen Namen: Allah, Allah, großer Allah I Der Tag neigte sich dem Ende zu, lange Schatten sanken auf die Erde hernieder. An dem dunklen Himmelszelte schimmerte die weiße Silhouette des Minaretts, von dessen Spitze die Stimme des Muezin (Priester, der zum Gebete ruft) erklang. „Allah ist groß l Allah ist groß!" Allah grüßte den Muezin und fragte: „Also auch D u rufst Allah an, obwohl Du sehr gut weißt, daß es keinen Allah mehr gibt?" „Sprich leiser", rief der Muezin,„sprich leiser, Unglücks- mensch I Wenn das jemand hören würde, wäre es zu Ende mit meinem Ansehen und meiner Bedeutung. Niemand käme in die Moschee, niemand bräckite einen Pfennig, wenn eS in der Welt laut würde, daß es keinen Allah mehr gibt!" Allahs Antlitz verfinsterte sich, er richtete die Augen gegen den Himmel und schwebte, zu einer Feuersäule umgewandelt, in die Höhe, ohne den Muezin, der vor Angst auf dem Boden lag, weiter zu beachten. Er kehrte in seinen Palast zurück, setzte sich auf den Thron und begann wieder auf die Erde hinabzuschauen. Aber kein Lächeln ver- goldete mehr sein Antlitz, traurig blickten die Augen des Ewigen in die irdische Ferne. Plötzlich, zitternd vor Schreck, erschien ein rechtgläubiges Seelchen Vor Allah und bat um Einlaß ins Paradies. „Sprich, was hast Du Gutes getan während Deiner Erdenlaus« bahn?" fragte Allah. „Ich habe, o großer Allah, stets Deinen Namen angerufen I" Allah wandte den Kopf ab. „Und was weiter?" „Alles, was ich tat. tat ich in Deinem Namen." „Schon recht, aber was hast Du s o n st Gutes getan?" „Ich ermahnte alle, stets Dich zu lobpreisen und Deinen Namen bei jeder Gelegenheit anzurufen." „Das hat sich der Mühe verlohnt!" lachte Allah auf. Die Seele zitterte noch immer wie im Fieber. „Di» siehst selbst, daß eS schlecht mit Dir bestellt ist", sagte Allah und wandte sich ab, um nicht zu sehen, wie ein pechschwarzer Teufel das Seelchen bei den Füßen packte und es in die Hölle schleppte. So schrecklich zürnte Allah den Menschen.... A. Doroschewitsch. (Deutsch von S. O. Fangor.) Bültes und jVeuca aus dem Leben des Kuckucks« Neben der Schwalbe, ja noch mehr als diese gilt seit alten Zeiten der Kuckuck dem deutschen Volke als Verkünder des nahenden Lenzes. Zwar ist er keineswegs der erste unter den Vögeln, welche uns das Kommen des Frühlings anzeigen, aber er tut nnS dies vernehmlicher und verständlicher kund als irgendein anderer Vogel. Er ist es vor allen, der die Natur gleichsam ans ihrem Winterschlafe weckt mit seinem allerorts erschallenden Rufe. Der Abc-Schntze begrüßt ihn mit fröhlichen Liedern; der Spazier- gänger zählt seine» Ruf, und auch der sorgende Forstwirt atmet erleichtert auf, wenn er den Kuckuck zurückgekehrt weiß. Findet er doch in ihm einen Hilfsarbeiter im Kampfe gegen die Feinde seiner Pflegebefohlenen. Der fahrende Scholar zählt während deS Kuckucks- rufes seine Silberlinge, und die heiratslustige Maid erfragt bei dem Orakelverkünder das Jahr ihrer Hochzeit. Alle kennen ihn, vnd doch kennen sie ihn nicht; denn so oft man auch seinen Ruf vernimmt, so selten bekommt man den schlauen Vogel zu Gesicht. Nur dem anhaltenden Forschen tüchtiger Vogelforscher verdanken wir unser Wissen über die Lebensweise deS Kuckucks. Der Kuckuck wird etwas gröber als eine Taube. Sein an der Unterseite sperberartig gezeichnetes Gefieder, sein langer Schwanz, wie auch der geschickte, blitzschnelle Flug haben im Volke den Glauben wachgerufen, daß fich der Vogel während des Winters in einen Raubvogel verwandele. Die Farbe seines Federkleides— auf der Oberseite bläulichgrau, an der Kehle Heller, an der Bauchseite weißlich mit guergestellten braunen Wellenlinien— machte ihn in ver- gangenen Zeiten zu einem verwünschten Bäcker, der annen Leuten von ihrem Teig gestohlen hat und deshalb auch am Sonntag das mehlbestaubte Kleid tragen mutz. Weibchen und Junge haben eine mehr rotbraune Färbung, welchen Farbenunterschied man früher fälschlich für das Kennzeichen einer belonderen Art hielt. Der köpf- lange Schnabel ist Hornfarben und am Grunde gelb. Er ist bis tief unter die Augen gespalten; der Rachen ist gleich der Zunge orange- rot. Der Augenstern jüngerer Bogel ist grau, später wird er von der Pupille aus braun, gelb, hochgelb, bei ganz alten Männchen feurig. Der lange, abgestutzte, breitfächerige Schwanz besteht aus zehn Federn und ist auf schwarzem Grunde weiß getropft. Die langen, schmalen und spitzen Flügel kennzeichnen den Bogel sofort als gewandten Flieger. Die Füße find Kletterfüße, aber die äußere Zehe ist eine Wendezehe. Der Kuckuck ist in der gesamten alten Welt beheimatet. In Deutsch- land fällt seine Ankunft nieist in die Mitte des April, sein Fortzug findet Anfang August bis Mitte September statt. Der Vogel hält fich am liebsten im Walde auf und bewohnt dort die Kronen alter Bäume, fehlt aber auch in waldlosen Gegenden nicht, z. B. aus den Nordsee-Inseln. Jedes Pärchen hält lein ziemlich ausgedehntes Revier von Eindringlingen fern. Ehe noch die Morgendämmerung den Anbruch des neuen TageS verkündet, weckt der Knckucksruf, der nach Mitternacht zuweilen bis hundertmal erschallt, die Schläfer des Waldes. Kaum hebt fich die Sonnenkugel über den Horizont, so geht der Vogel an seine Arbeit. In gewandtem, falkenartigem Fluge fliegt er von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch, den schein- bar bodenlosen Magen zu füllen. Seine Nahrung bilden Ranpen, namentlich die Bäreuraupen des Prozessions-, Eichen-, Kiefern-, Birken-, Ringel-, Schwammspinners und der Nonne, die er alle niit unglaublicher Freßgier verfolgt. Die Härchen der verzehrten Raupen bohren sich in die innere Magenhaut ein und überziehen diese all- mählich mit einer mausepelzartigen Haarschicht. Die Freßgier des Vogels spottet aller Beschreibung. So wurden im Schlund, in der Speiseröhre und im Magen eines Kuckucks S7 Prozessionsspinner- raupen gefunden und im Magen eines anderen 18 fast erwachsene Raupen des KiesernspinnerS, die etwa F i n g e rl S n g e erreichen I Baron v. Freitag teilt mit, daß ein junger Kuckuck, den er erhallen, am ersten Tage 38 große grüne Heuschrecken, 13 junge Eidechse», bü Mehlwürmer, 22 Grillen, 9 Kreuzspinnen, 13 Puppen vom Kohlweißling und eine Menge Ameisenpuppen vertilgte I Treten in einem Walde die genannten schädlichen Raupen in Menge auf, so stellen sich auch die Kuckucke in größerer Zahl ein. E. v. Homeyer beobachtete, daß in einem Wäldchen, in dem die Nonne hauste, an hundert Kuckucke zusammengekommen waren. Ein Vogel niag in einer Minute etwa zehn Raupen verschlingen. Rechnet man nun auf jede» der hundert Kuckucke nur zwei Raupen in der Minute, so verzehren diese täglich, den Tag im Juli zu 16 Stunden gerechnet, 192 000 Raupen, und in IS Tagen— so lange währte der Aufenthalt der Vögel in Masse— 2 880 000 Raupen. Demnach ist der Kuckuck für die Forstwirtschaft der nützlichste aller einheimischen Vögel. Wie im Walde verfährt er übrigens auch im Garten und in der Obstplantage, wo er, die Bäume spechtartig ablaufend, die Raupen abliest und verspeist. Ein ganzer Sagenkreis spinnt sich um das Leben dieses sonder- baren Bogels. Das merkwürdigste aus seinem Leben ist aber die Tatsache, daß das Kuckucksweibchen seine Eier in die Nester anderer Vögel legt und von diesen ausbrüten läßt. Bei der verborgenen Lebcnsiveisc des Kuckucks vermochte man lange die Art und Weife seines Familienlebens nicht zu erforschen, und so konnte eS geschehen, daß über das Forlpflanzungsgeschäft des Vogels alles Mögliche und Unmögliche grnmtmaßt wurde. Auch heute ist die Biologie des Vogels noch nicht allgemein bekannt, und dieser Beitrag hier soll in erster Linie bezwecke», über das wie und warum jenes Brutparafitis- »nuS Aufklärung zu geben. Bor SO Jahren schrieb der sächsische Hofrat und Ornitholog Neichenbach, daß der übergroße Magen des Kuckucks von nachteiliger Wirkung aus die Eiercnlwickelung sei und dem Vogel auch das Selbstbrüten unmöglich mache. Jetzt schreibt man in Laienkreisen das Schmarotzertum des Kuckucks noch vielfach dem Umstände zu, daß er seine Eier in Zwischenräumen von 6—7 Tagen lege, das Gelege also erst binnen 5—6 Wochen vollständig werde. Dies kann aber schon darum nicht möglich sein, weil dann die zuerst gelegten Eier bereits in Fäulnis übergegangen wären, bevor die letzten produziert wären, eine vollständige Brut demnach niemals zu- stände käme. Professor Altnm erflärt das Schmarotzertum deS Kuckucks folgendermaßen: Ein Vogel, de?,, die Aufgabe des Kuckucks von Natur zugewiesen ist, muß jederzeit umherschweifen. Er muß sich in feinen Individuen dort sammeln können, wo jene Kalamitäten (Raupenfraß) auftreten, muß aber auch frei sich wieder vereinzeln dürfen oder überhaupt als ungesellige Art vereinzelt leben, sobald und wenn sein vereinzeltes Wirken am Platze ist. Er bildet ein Polizeikorps, das bald hier bald dort zun, Dämpfen eines Aufruhrs längere Zeit tätig fein muß, desien Glieder aber, bei ruhigen Zeiten über das ganze Land verteilt, auch Ordnung zu halten haben. Ein normales Fortpflanzungsgeschäst ist damit unvereinbar. Und so vertraut dem, der Kuckuck ein für allemal seine Eier fremden Brut- vögeln an. Die etwa in 200 Arten über die ganze Erde verbreitete Familie der Kuckucke läßt sich biologisch und zoologisch in zwei an Artcnzahl nahezu gleiche Gruppen teilen: die eigentlichen Kuckucke, welche nur in Amerika fehlen, schieben ihre meist buntgesärbten Eier, denen auch der für die Wer der anderen Gruppe charakteristische poröse Ueberzug fehlt, nach Art der afrikanischen Honiganzeiger und Vieh- stare anderen Vögeln zur Bebrütung unter. ES ist wohl an- zunehmen, daß das Kuckucksweibchen seit je seine Eier in die Nester gewisser Vogelarten legte, denn sonst ließe fich die ausgesprochene Anpassung an mehrere Typen von Nesteiern kaum erklären. Durch Acnderung der Vegetationsverhälwisse wurden verschiedene Vogelarten gezwungen, bisher von ihnen bewohnte Wohngebiete zu verlassen, andere mußten in ihren Sonderansprüchen an die Be» schaffenheit ihrer Nistplätze herabgehe», uu, überhaupt»och existieren zu könne». Dem Kuckucksweibchen war eS dennoch nicht immer möglich, eine genügende Anzahl der von ihr bevorzugten Vogelnester aufzufinden; um das ganze Gelege unterzubringen, war es also ge- zwungen, andere Nester aufzusuchen, und es wird dazu nament- lich die Nester ähnlich bauender Vögel gewähtt haben. So mag eS gekommen sein, daß viele Kuckuckscier gefunden werden, die in bezug auf Anpassung eher anderen Eiern gleichen als denjenigen, mit denen sie zusammen in ein und demselben Neste liegen, und daß die Zahl der Bogelartcn, in deren Nestern Kuckuckseier gefunden werden, zu einer recht beträchtlichen angewachsen ist; es find beinahe zwei- hundert Arten solcher Vögel bekannt. Eigentümlich ist ferner. daß von den Kuckucksweibchen in den einzelnen Gebieten ganz be- stinimte Vogelarten bevorzugt werden. So konstatierte ein Kuckucks- forscher, daß in der näheren und weiteren Umgebung Leipzigs Kuckuckseier im Neste des Würgers 172 mal, der Grasmücke 103 mal, des Zaunkönigs 83 mal, deS Rohrsängers 71 mal, der weißen Bach- stelze 55 mal. des Rotkehlchens 51 mal, der SperbergraSmücke 34 mal und des Rotschwänzchens 25 mal gefunden wurden. Außerdem fand man Kuckuckseier im Neste der Nachtigall, der Drossel, vieler Meisen-, Finken- und Pieperarten, der Lerche, des Gimpels, der Ammer. deS Sperlings, des Fliegenschneppers, der Elster, des Hähers, selbst in Bruthöhlen des Staares und der Spechte, sogar im Neste der Rauch- schwalbe. Es ist zu verstehen, daß nicht alle Eier des Kuckucks ausgebrütet werden; die Eigeuiüinlichkeiten dieser Brutpfleg« schlagen vielmehr nicht selten zun, Verderben der Rachkommenschaft de? Kuckucks fehl. Manche Vögel überbauen ihr Nest, so- bald sie das fremde Ei gewahr werden, andere entfernen das Kuckucksei oder vernichten eS, wieder andere verlassen das Nest und ihr eigenes Gelege. Der Kuckuck sucht auch die Pflege- eltern seines zukünftigen Kindes zu täuschen, indem er ein oder zwei Eier von dem vorgeftmdenen Gehege aus dem Neste wirft, ehe er das seinige hinzufügt! Natürlicherweise liegen über diesen Punkt nur sehr wenig Beobachtungen vor, weil ein so schlauer und t*.- sichtiger Vogel wie der Kuckuck in seinem Tun und Treiben sich nicht leicht beobachten läßt. Trotzdem konnte diese seine List beobachtet werden. Daß aber der Kuckuck die aus dem Reste entfernten Eier verzehre, das ist eine Fabel; denn bei seinem steten Heiß- Hunger würde er sich beim Anblick eines Geleges nicht mit einem Ei begnügen. Beim Ablegen semer Eier wie beim Entfernen der Nestcier hat der Schmarotzer mit den Nesteigentümern oft hefeige Kämpfe zu bestehen. die nicht selten das Zugrundegehen des Kuckuckseies zur Folge haben. Ferner gilt als fest- stehend, daß das Kuckucksweibchen in jedes Nest nur ein Ei legt und daß, sobald sich zwei(mir in Ausnahmefällen mehr) Kuckuckseier in ein und demselben Neste vorfinden, diese von der» s ch i e d e n e n Weibchen herrühren. Beobachtungen und Erfahrungen haben gelehrt, daß nicht nur die einzelnen Eier deS Geleges eines Vogelweibchens in der Färbung einander gleichen, sondern daß dies bei sämtlichen Eiern der Fall ist, die das Weibchen produziert. Da nun weder der Eier- stock des Kuckucks noch die EntWickelung der Eier irgend welch» Anomalie im Vergleich zu anderen Vögeln zeigen, so muß daS auch für diesen Fall gelten. An der Färbung der Eier ist also zu er» kennen, von wie viel verschiedenen Weibchen sie herrühren. Da die Knckuckseier eine überraschende Mannigfaltigkeit in ihrer Färbung besitzen, wird die nachahmende Annäherung der Eier deZ Nestvogels in überraschender Weise erhöht. Diese auffallende Farbenanpassung hat einmal einen kuriosen Kauz veranlaßt, zu behaupten, daß da? Kuckucksweibchen fich einige Tage vor der Nablage ein Nest auS- suche und die darin liegenden Eier mit großem Interesse betrachte — dadurch nehme sein Ei genau die Färbung der Nesteier an und würde von den Nesteigentümern nicht als fremdes Ei er» kannt I Die Anficht beruht auf der noch heute bei Laien unausrottbaren Hypothese vom.Versehen� hoffender Mütter I Bei der, wie fich von selber versteht, nur durch Naturauslese ent- standenen Anpassung handelt es sich keineswegs um eine fchablonen- hafte Uebereinstimmung des Kuckuckseis mit den individuellen Merk- Malen der Nesteier, sondern lediglich um eine Uevcrcinstiininnng mit typischen Exemplaren der betreffenden Vogelart, namentlich wenn diese starl variierende Eier legt. JedcS KuckmkSweibchen eines Reviers hat die Gewohnheit an« genommen, feine Eier in die Nrf/ejc cmcr bestimmten Vogelart zu legen. ES find nun allerdings von tÄu.. KuckuckZcicrn. die z. B. m Rotschwanznestern gefunden wurden, 8S Prozent den Eiern des Nest- Vogels angcpastt und in einigen Gegenden, so z. B. in der Dcfiauer Heide, weicht kein einziges von dem TypuS der Ncsteier ab. Im großen und ganzen aber ist eine derartige Dctailanpassung eine Seltenheit, und rn Wirklichkeit sinkt der Prozentsatz der wirklichen Aehnlichkcit auf noch nicht 4 Prozent herab. Wo bleibt da die schönklingende und viel bewunderte Theorie, nach der die Knekuckö- eier eine so täuschende Aehnlichkeit mit den Nesteiern haben sollen, daß der Nestvogel dadurch veranlaßt werde, das KuckuckSei für das seinige zu halten I Bei der Mannigfaltigkeit der Färbung und Zeichnung der Eier deS Kuckucks ist es nicht möglich, eine so zutreffende Beschreibung zu geben, daß danach eine sichere Unterscheidung von anderen, ähn- lichen Eiern ermöglicht würde. Es genüge darum die Angabe, daß es neben einfach blaugrauen und ebeniolchen mit spärlicher, fein rötlich-lehmgclbcr Punktierung oder init größeren dunkelen Fleckeil Eier von weißlicher, gelblicher, grünlicher, bräunlicher, rötlicher, roter, grauer, violettgrauer usw. Grundfarbe gibt, die mit Punkten, Strichen, Zügen, Schnörkeln, scharfbegrenzten oder verwaschenen Flecken von schwarzer, violetter, rot- und graubrauner, graugrüner und rötlicher bis rostroter Farbe verziert sind. Die Zeichnungen treten in dreifacher Ruancierung auf. Als besonders charakteristisches Kennzeichen besitzen die Kuckuckseier kleine, scharf begrenzte, leicht abwaschbare Flecke von schwarzer Farbe, die nur in den seltensten Fällen fehlen. Im Gegensatz zu der großen Verschiedenheit in Färbung und Zeichnung ist die Form der Kuckuckseier ziemlich konstant. Hin- sichtlich ihrer Größe stehen sie zwischen den Eiern des rotrückigen Würgers und denen der Haubenlerche. Im Durchschnitt haben die Eier jener Würgerart Durchmesser von 22,10: 1S,40 Millimeter, die der Haubenlerche solche von 22,70: 16,80 Millimeter und die des Kuckucks solche von 22,41: 16,62 Millimeter. Als fernere Kennzeichen des Kuckuck-ZeieS gelten das hohe Gewicht und die feste Schale. Wollte man, um die Legezeit des Kuckucks festzustellen, einfach die Daten, die über das Auffinden der Eier notiert wurden, zu« sammenstellen, so würde man zu einem gänzlich unbrauchbaren Resultat kommen. Ein fleißiger Beobachter fand am 28. April das erste Kuckucksei und am 6. August das letzte(eines und desselben Weibchens). Zwischen beiden Daten liegt ein Zeitraum von gerade 100 Tagen. Soll aber der Zweck einer parasitischen Brutpflege erreicht werden, so muß sich das Kuckucksweibchen notwendigerweise dem Brutgeschäft derjenigen Vögel anpassen, die es zu Pflegern seiner Nachkommenschaft auserkoren hat; deshalb wird auch seine Legezeit die Dauer von 36—45 Tagen nicht überschreiten. Im allgemeinen ist sogar nur ein zwanzigtägiger Zeitraum beobachtet worden. Allerdings ist die Legezeit des Kuckucks örtlich sehr verschieden, sowohl in bezug auf die Dauer als auch auf das Eintreffen des Vogels. Aus der Tatsache, daß gleiche Weibchen gleiche Eier legen, ist erwiesen, daß die Weibchen stets ein und das- selbe, oft engbegrenzte Revier zur Unterbringung der Eier benutzen. ?'>ch war es»töglich, aus diesem Faktum aus die Stärke des Ge« leges zu schließen. Ganz entschieden ist die Behauptung zurückzu- weisen, daß der Kuckuck 4—6 Eier in Zwischenräumen von acht Tagen lege. Oruithologen, die sich speziell mit der Erforschung des Brutgeschäftes unseres Bogels beschäftigten, konnten 14, 15, 16 und 17 Eier eines Kuckucksweibchens nachweisen. Wenn nian sich nun vergegenwärtigt, daß es nur durch Glückszufall möglich ist, sämtliche Eier eines Weibchens aufzufinden, da sie ja durch Raubzeug und Nestvögel vernichtet sein können, ehe der Oologe(Eierforscher) sie entdeckt, ferner, daß das Kuckucksweibchen unmöglich sämtliche Eier vorteilhaft nuterbringen kann, so muß eine noch höhere Zahl als die oben konstatierte(17) als Maximalgrenze angenommen werden. Man kann füglich behaupten, daß der Kuckuck 17—22 Eier produziert. Und vielleicht wird gerade durch diese hohe Eierzahl und die Gefräßigkeit der sich daraus entwickelnden Jungen der Brutparasitismus deS Kuckucks bedingt. Weiterhin ist dann noch festgestellt, daß die Ablage der Eier beim Kuckuck einen Tag um den anderen erfolgt. Der junge Kuckuck ist anfänglich nicht größer als die anderen Nestjungen er wächst aber rasch und hat diese bald an Größe über« holt. Wenn die Kuckucköwirte durch die Aehnlichkeit der Eier viel« leicht über das Fremde in ihrem Neste zuerst hinweggetäuscht wurden, so spüren sie jetzt— wo der junge Kuckuck auf Kosten ihrer Kinder vorzüglich gedeiht— den Eindringling um so mehr. Nun kommt aber die Gutmütigkeit oder der Instinkt des Bemutterns zur Geltung und die Pflegeeltern machen übergroße An- strengungen, den unersättlichen Fresser zu befriedigen. War die Kuckucksmutter in der Wahl der Kinderwiege weniger wählerisch und praktizierte sie das zuvörderst auf den Erdboden gelegte Ei mit ihrem Schnabel in das Nest eines Höhlenbrüters, so geht der junge Kuckuck schließlich zugrunde, obwohl die Pflegeeltern, sich der Gefahr aussetzend, vor Hunger und Kälte umzukommen, ihn bis spät in den Herbst hinein füttern. ES ist auch beobachtet worden, daß der junge Kuckuck seine Stiefgeschwister aus dem Neste wirft, sobald sie ihm unbequem werben, und er soll hierin geradezu ein» gewifis Virtuosität besitzen. Es ist mir unbekannt, ob über das Futter des erwachsenen jungen Kuckucks im ersten Jahre Beobachtungen gemacht worden sind; doch es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie zuvörderst noch die Kost weiter genießen, die ihnen die Adoptiveltern reichten. C. Schenkling. kleines feuilleton. Physikalische Chemie. Da? Radium. Der hervorragende englische Physiker Prof. I. I. Thomson in Cambridge hat in einem Vortrage über die Eigenschaften der Materie in außerordentlich fesielnder Weise die Natur der radioaktiven Stoffe geschildert. Diese haben nach Thomson die alten Ansichten vom Aulbau des Stoffes durch Atome und Moleküle, die von der Physik und der Chenne bisher als die Ein» Helten des Weltalls betrachtet Ivurden, auf eine vollkommen neue Grundlage gebracht. Das Radium ist von all den Stoffen. so viel ihrer bisher bekannt geworden sind, der mächtigste, und seine Atome haben eine Energie, die alles übersteigt, was die Männer der Wissenschaft früher aus ihren Forschungen geschlossen und geahnt haben. Das Radium entwickelt in seinem Zerfall eine Million mal mehr Energie, als bei der Vereinigung eines gleichen Gewicht? von Sauerstoff und Wasserstoff erzeugt wird. Das Radium schleudert Helium-Atome auS mit einer Geschwindigkeit von rund 30 000 Kilometer in der Sekunde! Profeffor Thomson sagte wörtlich, daß ein Schiff, das dem Feuer von Dread- uougths ausgesetzt ist, gleichsam nur ein Kinderspiel durchmacht gegen den Zustand eine? AtomS, das sich einer Batterie von solchen Radiumteilchen gegenüber befindet. Wenn man sich vorstellt, eine Stadt stehe unter dem Bombardement von Geschaffen, die so groß sind wie Häuser und sich mit einer tausendfach größeren Geschwindigkeit bewegen, als bisher irgendein Geschoß jemals aus einer Kanone abgefeuert wurde, so würde man einigermaßen eine Idee von dem Zustande eines Gases erhalten, das unter dem Bombardement einer benachbarten Radiummenge steht---- Natnrlvissenschaftliches. D i e Trockenfäule der Kartoffeln. Die Kar- toffelknollen sind einer ganzen Reihe von Krankheiten ausgesetzt» von denen viele unter dem einfachen Namen der Kartoffelfäule oder Knollenfäule zusammengefaßt werden, ohne daß damit etwas Besonderes gesagt wäre. Die wissenschaftliche Landwirtschaft unterscheidet unter diesem Begriff mehrere Krankheiten, die ganz verschiedene Ursachen haben können, denn eS sind fast alle denkbaren Arten von Schmarotzern bei dem Zustandekommen be» teiligt. nämlich sowohl Würmer als Pilze und Bakterien. Die beiden hauptsächlichsten Arten der Kartoffelfäule sind die Naß- fäule und die Trockenfäule, und diesen hat sich die Forschung am meisten gewidmet. Ueber die Trockenfäule hat Sibyl L o n g m a n in der Linnäischen Gesellschaft zu London einen wichtigen Vortrag gehalten, der die Feststellung einiger neuen Tatsachen bringt. Der Erreger der Trockenfäule ist als ein Pilz mit dem Namen kuganun» solani seit langer Zeit bekannt. Dagegen hat die Annahme, daß dieser Erkrankung die Naßfäule stets vorangeht, keine Berechtigung. Es ist nämlich jetzt gelungen, durch Impfung mit Sporen oder Wucherfäden des genannten Pilzes auch ganz gesunde Knollen anzustecken. Noch wichtiger ist der Nachweis, daß auch die Schöß- linge von Kartoffelpflanzen durch denselben Pilz angegriffen und abgetötet werden können. Ueberhaupt besitzt dieser Schmarotzer wahrscheinlich eine sehr große Verbreitung im Ackerboden, von dem aus er durch die Wurzel in die Kartoffelpflanze eindringt. Außerdem greift er aber auch in den Kartoffelkellern während der Lagerung von Knolle zu Knolle über, und die Seuche ist um so hartnäckiger, als erkrankte Knollen bei der AuSsaat wiederum kranke Pflanzen erzeugen. Die Behandlung mit Hitze ist leider aussichtslos, da die Kartoffel dabei selbst früher zugrunde geht als der Pilz. Es bleibt infolgedessen kaum etwas anderes übrig, als die erkrankten Knollen möglichst sorgfältig auszulesen und sämtlich zu vernichten. Sprachwiffenschaftliches. „Auf die Dörfer gehen' ist heute nur noch beim Kartenspiel, besonder« beim Skat, gebräuchlich und wird angewandt, wenn ein Spieler, anstatt sein Spiel mit Trumpf zu beginnen, seine „Däuser" ausspielt, um eS durch diese, durch seine„Handkarte', zu gewinnen. Der Ausdruck geht auf die jüdischen Händler zurück, die bereits im Mittelalter, weil sie dem Wettbewerb der gröveren Ge- schäfte der Stadt nicht gewachsen waren, auf die Dörfer(rotwelsch „die Medine") gingen, um dort ihre Waren abzusetzen.„Er geht auf die Dörfer" heißt demnach ursprünglich: er verläßt den für ihn eigentlich gebotenen Betriebskreis, aus Besorgnis, darin infolge einer Schwäche den gewünschten Erfolg nicht erlangen zu können, und begibt sich auf ein anderes, abliegendes Gebiet, um möglicher- weise auf diesem zu erreichen, was ihm auf dem zunächst gebotenen versagt erscheint. kerantw. Rcdakt.: Enrl Mermuth, Bcrlin-Rixdorf.—Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaujtaltPaul Singer LcCo.. Berlin SW.