Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 93. Sonnabend> den 22. Mai. 1909 �Nachdruck wcBoten.); u] Grbaltung der Kraft. Novelle von Timm Kröger« Martin stieg aufs Pferd, das Eschenholz behielt er in der Hand. Und dann ritten sie hinein. Und als die Rosse die ersten Wasserspäne aufwarfen, fragte Martin nochmal:„Böst bang, Elsbe?" „Nä, garni!" „Elsbe, das Wasser ist höher als ich gedacht habe." „Das macht nichts." „Denn man rein!" Er ritt das flüchtige Handpferd, Elsbe saß auf dem frommen Leitpferd. Sie ritten hinein und der Wind jagte hinter ihnen her. — Da sonnten sich keine Weißfische und keine Gründlinge im seichten Binsenwasser, und kein Hecht schoß mit langer, hur- tiger Welle ins Weite. Aber weiterhin— es klang weit her -— da hörte man wilden Vogelschrei, und in den Binsen sah man die Köpfe eines sich auf dem Wasser wiegenden Enten- Volks. Sie ritten hinein und der Wind jagte hinter ihnen her. Und Schilf und Binsen gaben ihren Rat und ihre Meinung dazu. Alle bückten sich, kamen wieder hoch, um sich noch tiefer zu neigen. Ein Schilfbeet gab es dem andern kund, und in kurzer Zeit rauschte um den ganzen Hechtsee her die Mär, ein junger Bauer und sein Mädchen reiten hinein, um aus den Wurzeln der Sandadern durch den See zu kommen. Den Grund kann man nicht sehen. Da muß ich fleißig mit dem Reck vorfühlen", bemerkte Martin.—„Elsbe, guck nach dem Grasfleck aus, da müssen wir hin!— Elsbe, im Grasfleck warst Du so lieb gegen mich." Elsbe wurde rot.„Es war nicht im Gras", sagte sie, 7, es war etwas dahinter." Langsam ging es weiter. Ein paarmal kamen sie durch Untiefen und kriegten nasse Füße. Martin hatte immer ge- rufen:„Elsbe, zieh die Füße hoch und hol die Röcke nach!" Es war aber zu plötzlich gekommen, nun hatte sie die Füße naß. Seine Stiefel waren dicker.„Schröder Ohm soll trockene Strümpfe geben", tröstete er.—„Nun haben wir's, da ist unser Grasfeld, und nun reiten wir ganz leise und ganz vor- sichtig... ganz sachte.. so ganz pe... a.. pe.. hinein." Und als sie mitten drin steckten, drängte er sein Pferd an Elsbe hinan. „Hab mich lieb!" befahl er „Es ist gar nicht das richtige Grasfeld", protestierte Elsbe „Das ist einerlei." Da bekam er. „Mehr!" befahl Martin Uhrhammer' Da bekam er wieder. Er bekam noch ein paarmal.—„Nun ists genug!" ent- schied Elsbe. Sie ritten weiter.„Martin", rief Elsbe plötzlich,„es ist wirklich nicht das richtige. Sieh links... bißchen zurück... da liegt's!" „Ich glaub. Du hast recht", erwiderte Martin. � Die Schimmel wollten weitergehen, wurden aber ängstlich und schnoben. „Guck, Martin, am Ufer sind Leute!" Martin sah hin, Hand über die Augen. „Hast wieder recht. Und ich müßte mich sehr irren, wenn das nicht Kassen und sein Sohn Peter wären." „Sie zeigen nach links, wir sollen links reiten." '„Gut— also links." Martin trieb Fanny an und fühlte mit der Eschenstange bor. Aber Fanny war unsicher, und die Stange ging ins Unergründliche. „Dann hilft das nicht."— Er stieg ab und stand bis zur Hüfte im Wasier. -„Martin, was machst Du?" „Ging nicht anders.— Kassen Ohm muß mir'was Trockenes geben. Ich gehe mit der Stange voran. Mir nach, Elsbe, immer mir und meinem Schimmel nach!— Ich führ mein Pferd am Zügel. Wo ich hinfühle, ist Grund. Und zieh die Füße und Röcke hoch! Wir reiten auf einem ganz schmalen Strich.— Links geht es schräg ab— rechts steiler.— Sieh 'mal, wie das Wasser brodelt-- da nicht hinein I— Aber, wenn das ärgste geschieht, wenn Lotte ins Schwimmen kommt, dann fest in die Mähne greifen, noch besser um den Hals klammern, sonst treibst Du ab!" Und wieder hielt Martin still.— „Elsbe, ich mag es so gerne hören: es ist vielleicht das letztemal. Hast mich lieb?" „Für tausend Taler, Jung." „Und bist bang?" „Nicht für'n Dreiling." Kassen Ohm und Peter zeigten noch immer. Sie wiesen jetzt nach dem andern Ufer hin, riefen auch was. Martin sah hin, wo sie hergekommen waren, Elsbe auch. Da sahen sie— weit weg— am heimischen Ufer, da stand jemand. Der winkte und schrie etwas herüber. Der Wind brachte aber nur Verhallendes. Es war der Klüterer. Er stand auf Hans Horns Bultwiese bei der Eiche. Und die Binsen schüttelten darüber, daß Klaus Uhrbammer seinem Bruder nachrannte, die Köpfe, noch mehr darüber, was der Klüterer, der Bastler, über den See hinausschrie. Er rief: „Martin!" rief er--„Elsbe!" rief er—„Kommt zurück! — Ihr sollt Altenhof haben, ihr sollt alles— alles haben! Ich suchte das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, ihr seid für Altenhof die Quelle der Kraft. Ihr sollt alles haben, laßt mich nur nicht allein! Was soll ich mit dem Hof, wenn ihr nicht da seid? Was frag ich nach dem Hof? Ich will nicht ackern, ich will nur klütern und grübeln und erfinden. Der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Und du allein, Martin, du allein arbeitetst,--- du allein hast den Hof verdient.— Was tu ich mit dem Gesetz, was mit dem Anerbenrccht? Das bringt mir keine Liebe, das kocht mir keine Suppe, das �Gesetz schafft mir kein Behagen, baut mir keine Kliiterkammer. Was geht mich die Ordnung mit dein Anerberecht an?" So rief Klaus, einiges laut über das Wasser, anderes still in sich hinein. Und das nicht allein. Klaus Uhrhammer rief weiter: „Ich liebe Dich, Bruder! Ich liebe auch Dich, die Du die Frau meines Bruders sein wirst! Hier steh ich, ein armer Klüterer, der sich nicht zu helfen weiß.-- Martin, Elsbe --- kommt zurück!" „Sollte das nicht Klaus sein?" fragte Elsbe.—„Hör' mal— ist nicht, als ob er nach uns riefe?" Martin und Elsbe horchten. Und wie beide horchten und nicht auf die Pferde acht gaben, geriet Elsbes Schimmel in den tiefen, treibenden Priel. Martin hörte einen Schrei...sah hin... sah nur den Kopf und Hals des schwimmenden Pferdes, von der Reiterin sah er nichts. Da ließ auch er die Zügel und tauchte in den Strom, seilte Braut zu suchen. Kasten Ohm stand am Ufer und wußte nicht, was machen. Er konnte nur seufzen und klagen:„Herr Jesus, Herr Jesus... sie sind in die große Kuhle gekommen, sie ver- trinken vor unseren sichtlichen Augen!" Der iunge Peter aber sprang ins Wasser hinein und watete auf die Uitglücksstelle zu:„Vater", sagte er zu diesem zurück,„das hat nichts zu sagen— Martin war der beste Schwimmer bei unserer Kompagnie, der wird sie schon kriegen. Er hat schon mal'n Jungen aus dem Wasser gezogen. Sieh'mal, da hat er sie schon. Da kommt er schon mit ihr an. Hierher, Martin!", schrie er ins Wasser hinein......Ich helf Dir tragen!" Und zu dem Alten:„Vater! Geh vo'-an, daß ein Bett warm ge- macht wird."„...> (Schluß folgt.) Die Ausstellung der Sezeffion, L SluS dem Kampf der Jungen gegen die Alten ist ihrerzeit die Berliner Sezession hervorgegangen. Es waren nicht nur ideale, rein künstlerische Gründe, die die Spaltung verursachten. Einige Vertreter der alten Schule, die auf den Akademien und in den Ausstcllungs- leitungen die Macht in den Händen hatten, mitzbrauchten ihre ein- flustreichen offiziellen Stellungen dazu, die neue Kunst und ihre Jünger nach Möglichkeit mundtod zu mache». Ein ehr- licher Konkurrenzkanipf war unter diesen Umstünden unmög- lich. und so trennten fich die Anhänger der damals modernen Richtung und diejenigen Alten, denen das unwürdige Treiben ihrer Genossen zuwider war, von der staatlich subventionierten und von oben her protegierten Klique. Inzwischen ist nun die künstlerische Entwickelnng bei einem neuen Wendepunkte angelangt. Innerhalb der moderneu Kunst sucht eine allermodernste Richtung sich Bahn zu brechen und ringt nach Luft und Licht. Im Kreise der Sezessionisten selber gibt es heute Alte und Junge, zwischen denen unüberbrückbare prinzipielle Klüstes gähnen. Aber die sczcssionistischen Machthaber sind vornehmer und klüger als die akademischen Bonzen es war-n: sie räumen der Jugend, die mehr oder weniger ungestüm an ihre Türen klopft, freiwillig einen Platz neben sich ein; sie er- möglichen ihr einen ehrlichen Konkurrenzkampf mit gleichen Waffen. auch aus die Gefahr hin, dag sie selber unterliegen oder wenigstens ins Hintertreffen gedrängt werden. Künstlerische Revolutionen vollziehen sich, wenigstens in unserem Kulturzeitalter, stets im Zeichen des Naturalismus. Wenn da« Schönheits- und Stilgefühl einer Epoche verknöchert und abgestumpft ist, die ästhetischen Schulbegriffe vom Wesen und Ziel der Kunst in »ffenbarem Widerspruch zu dem lebendigen Empfinden des Volkes stehen und nicht die— im weitesten Sinne— sozialen Bedürfnisse der Nationen, sondern die Theorien weltfremder Schöngeister der künstlerischen EntWickelung die Wege weisen: dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Künstler durch die Rückkehr zur Natur ihrem Schaffen einen neuen Inhalt und neue Formen zu aeben suchen, wo sie die färbenden und verzerrenden Brillen der Traivlion ablegen und mit eigenen unbefangenen Augen in die Welt blicken, wo die Ideale der Vergangenheit erbleichen und die künstlerische Er- »berung der lebendigen Wirklichkeit anhebt. Wir haben jetzt eine solche Revolutionszeit hinter uns. In den sechziger Jahren des vorigen Jahr- Hunderts brach ein neuer Frühling im europäischen Kunstleben an, der von Frankreich aus sich über alle Kulturländer verbreitete. Deutschland hat, wenn wir von einigen Vorläufern absehen, sich verhältnismäßig spät der neuen Kunst erschlossen. Erst die neunziger Jahre bracoten uns die entscheidende» Känipfe. Die moderne künstlerische Revo- lution hat sich, wie ihre Vorgängerinnen, unter dem Banner des Naturalismus vollzogen, das exakte Studium und die möglichst «bjektive Wiedergabe der Wirklichkeit waren ihre Ziele. Ihr Resultat ist eine immense Vervollkommnung der malerischen Technik, die fich vor allem in der Darstellung der Luft und des Lichts dokumentiert. Dem angehenden Künsllei unserer Tage ist ein Handwerkszeug geschaffen, das ihn in den Stand setzt, fast alles, was die Natur den Sinnen des modernen Menschen darbietet, in Linien und Farben zu übertragen. Damit ist aber nicht gesagt, daß der Naturalismus nunmehr bedeutungslos und überflüssig geworden sei. Er ist noch immer die einzige solide Grundlage, von der aus höhere Flüge ins Reich der Phantasie mit Aussicht auf Erfolg unteniommcn werden können; durch sein« Schule muß jeder Künstler gegangen sein, auch derjenige, der auf dem Gebiete der Stilkunst seine letzten Ziele sieht. Er ist das Er- frischungs- und Stärkungsbad, das dem Ermattenden neuen Schwung und neue Kraft verleiht. Von einer„Uebernjindung" des Naturalismus können nur snobistische Modenarren faseln, und wer für die eigen« artigen Reize der Liebermannschen, Slevogtschen, Kalckreuthschen Kunst heute nicht mehr empfänglich zu sein behauptet, der sollte in künsl- lerischcn Dingen überhaupt nicht mitreden. Der Naturalismus ist noch am Leben und strotzt in voller Kraft und Gesundheit. Das beweisen auch die neuesten Arbeiten seiner Meister, die die Sezessionsausstellung uns vorführt. An der Spitze steht Max Liebermann mit seinem Porträt des Direktors Emil Rathenaun L Wi.