Mnterhaltimgsblatt des Dorwärts Nr. 100. Mittlvoch. den 26. Mai. 1909 (Nachdruck berdoten.j i] Lebensfreude. Bauerngeschichte von Gustav Wied. Autorisierte Ueber- setzung von Alfons Fedor Cohn. Es sollte Erntefest sein auf Ole Kanstrups Hof. Vier- zehn Tage vorher hatte Madam Kanstrup ihre Vor- bereitungen getroffen. Die besten Vorräte des ganzen Hofs hatte sie beiseite geschafft. „Wo. Deibel, ist der gute Käse hingekommen? fragte der Mann, als er eine strohtrockene Rinde zum Vesper erdulden mußte,„und die fette Rollwurst, Sophie?" sagte er.„Was ist das für'n Häckselessen, das Du mir vorsetzst?" „Die sind fürs Erntefest weggestellt, Ole." „Höre, Sophie," fuhr der Mann einschmeichelnd fort, „wenn ich nun hier diese Hobelspäne und dieses rote Häcksel kauen soll(er deutete auf die Käserinde und etwas gehackte Schafskeule), könnte ich nicht wenigstens'n Schnaps von dem Johannisbeer-Rum bekommen. Du weißt schon?" „Ja, zum Erntefest, Ole.... Und dann mästen wir zwölf Pfund Weizenmehl und sechs Pfund Puderzucker und vier Pfund Kandis haben!" leierte sie plötzlich los und trug resolut den Krieg hinüber in Feindes Land,„und ein Pfund Rosinen und ein Viertel Zitronat, und dann Zwetschen zu den Gänsen, wenn Sären morgen mit den Schweinen nach der Stadt fährt. Kaffee und Zucker kriegten wir gestern." „Sind denn sonst keine Kleinigkeiten?" fragte Ole und hieb die Zähne kräftig zusammen, um den Käse zu zer- brechen. „Ja, da sind ja noch Lichte," nickte die Madam,„die hätte ich beinah vergessen I Und dann ein Glas Anchovis!" „Ach was, Anchovis!" meinte Ole.„Das Zeug ißt ja doch keiner!" „Bei Mikkel Hansens drüben hatten sie neulich Anchovis!" „So, haften sie sie da! Ja, dann mußt Du ihnen natür- lich auch die Haifische vorsetzen, hihi! Ist noch mehr?" „Heute nicht, daß ich wüßte.... Wollt Ihr Punsch haben?" „Gewiß wollen wir Punsch haben!" „Ja. da ist ja Rum... Und dann ist's wohl auch das beste, daß wir ein paar Pfund von dem Hutzucker be- kommen?" „Höre, Sophie, ich spiele Konkurs!" „Ach..." „Ja. hol mich der Derbel, ich spiele Konkurs!" „Pfui, so mußt Du nicht fluchen!" „Na, dann gib mir'n Johannisbeer, hi!" „Hä..." sagte die Madam. Aber sie stand doch auf und holte den Johannisbeer. Der Saal war mit Tannenlaub ausgeputzt, Tannen- laub mit Astern und Georginen. Der Staat war auf lange Stricke gebunden und als„Gwirlanden" unter der blau- gestrichenen Decke angebracht rings um den ganzen Raum. Zwischen den Fenstern an beiden Seiten und der Gartentür waren Lichthalter aufgehängt: krumme Aeste, in die Löcher gebohrt waren(sie waren schon alt. konnte man sehen, denn es saß Talg darin vom Vorjahr). Und in der Mitte der Decke hing eine„Krone", umwunden mit Hafer-, Gerste-, Weizen- und Roggenähren. Aber Lichte konnten in der Krone nicht brennen, denn die Decke war zu niedrig. Unter den Fenstern auf jeder Seite des Raumes stand ein Tisch, rechts ein größerer und links ein kleinerer. Als Tücher hatte man frischgewaschene Bettlaken genommen. Marthe, die Tochter des Hauses, und Johanne, das Dienstmädchen, flogen aus und ein und„stellten auf". Marthe, die auf einem großen Hof viele Meilen fort diente, hatte übrigens erst Erlaubnis erhalten, nach Hause zu kommen, nachdein Sophie folgenden Brief an ihre Frau geschickt hatte' Den 24. September 1891. Frau Winge. •— Enschuljen Sie daß ich ihnen Schreibe es ist bloß weil Marthe nach Haus geschrieben Hat sie kann nicht nach Haus kommen zu unserm Erntefest den 28, Septemmer, darum bitte ich sie for Ihr ob Sie nicht Erlaubnis kriegen kann auf 3 Tage zu Reisen Kürzer kann sie es nicht machen Sie mutz denn Freitag Morgen Reisen wenn sie zeitlich genug kommen soll. Ich hoffe sie sind so freuntlich und lassen sie reisen Ich möchte auch hoffen sie sind So gut und geben Ihr 5 Kronen von Ihrem Lohn und Reisen ohne Geld kann sie ja nich die Reise hier ist ja 14— 15 Meilen Hier Her Es wäre uns sehr. unangenehm wenn Marthe nich dürfte Reisen sie ist das einzige Kind jetzt Erwarte ich ihre Einwillgung Ergebenst zeichne ich mich Sofie Kanstrup,. Marthes Mutter. Marthe bekam natürlich sofort Erlaubnis zu reisen. Freitag nacht um zwei war sie nach Haus gekomnien. Ole war mit dem Federwagen drin gewesen, um sie abzuholen obwohl der Hof nur eine gute Viertelmeile vom Orte lag. Und so froh war er über den Besuch, daß er bereitwillig seinen Platz in dem großen Ehebett abtrat,„damit dft Frauenzimmer sich ausquasteln konnten". Und nun waren also Marthe und Johanne damit be' schäftigt, das Essen auf die Tische im Saal zu stellen. „Es muß Platz bleiben für das Ochsenfleisch auf dem großen Tisch in der Mitte!" rief Sofie aus dem Brauhaus. „Den soll Schuhmacher Hansen auftchneiden." Sie stand und legte Klöße in die Suppe, die im Herd« kesiel kochte. Alle Töpfe waren zu klein. Sie war fertig mit den„Rollklößcn", die sie in ihren hohlen, mehlgepuderten Händen gerollt hatte, und war nun bei den„abgestochenen Klößen", die mit einem Löffel in die Suppe gelegt wurden. Sie schleppten und schleppten, Marthe und Johanne, daß sie nur so pusteten. Aber Spaß machte es doch. Ole stand mitten im Zimmer unter der„Krone" und sah dem Aufdecken zu:' „Verflucht noch mal!" sagte er, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen,„so'ne Leckerteten!" Mit der Suppe sollte angefangen werden. Und dann kam das Ochsenfleisch in Meerrettichsauce. Und dann gab es Kalbsbraten und Lammbraten und drei Gänse, mit Puder- zucker bestreut. Und all ihr Eingemachtes hatte Madam Kanstrup herausgegeben: rote und schwarze Johannisbeeren und Stachelbeeren, ganz und in Gelee. Und Quitten gab es und saure und siiße Salz- und Pfeffergurken und rote Rüben. „Du mußt Dich'n bißchen'ranhalten, Sofie, denn nu fangen sie an zu kommen!" sagte Ole. Er war einen Moment nach der Einfahrt gewesen und hatte den Weg entlanggesehen. „Jesses!" schrie Sofie. Und in den Hof rollte der erste Wagen. Es waren die Gäste: Schuhmacher Hansen, Schneider Rasmussen und Tischlermeister Baldrian mit Frauen und Kindern. Sie hatten sich Fuhrmann Bruhns' großen Charabank geborgt. „Gutentag, Gutentag, Kanstrup, hudd, hudd!" summte Schuhmacher Hansen, noch bevor der Wagen hielt. Der Schuhmacher ging auch unter dem Namen: Hummel, wegen dieses Summens: hudd, hudd! „Gutentag, Hansen!... Gutentag Rasmussen!,. t Gutentag, Baldrian!" Ole ging umher und gab die Flosse und half den Madams und den Kindern'runter. Tischler Baldrian war Kutscher. Er saß steif in hohem Zylinder und schwarzen Handschuhen, als ob er eine Leiche kutschierte. Er war Abstinenzler. Sören, der Knecht, kam im Sonntagszeug angaloppicrt und nahm die Pferde. Erst da stieg Baldrian vom Bock. „Bitte schön, geht doch rein," sagte Ole zu den Manns- leuten,„bitte schön!" Die Damen durften für sich selber sorgen. „Feines Wetter," sagte Schuhmacher Hansen und rieb sich die Hände,„prächtige Jahreszeit, hudd, hudd! Weder zu kalt, noch zu warm." Nun kam Wagen auf Wagen durch die Einfahrt gerollt. Und auch Gäste zu Fuß kanicn. Paarweis oder in Haufen — 398 kamen sie von allen Seiten über Feld und Steg gewandert. Alle waren sie in ihren guten Sachen, und alle hatten sie frohe, erwartungsvolle Gesichter und Magen. Aber LandwirtschaftZeleve Benediktsen von Skafte- gaarden kam mit Sporen angeritten. Ole stand im Hof und bot buchstäblich Willkommen mit beiden Händen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbalen.) ferkancle Kalfa. Novelle von Halid Z i a, ans dem Türlischen übersetzt von X Muhsine Hanim. Fcrhünde war mit des Hauses junger Herrin zusammen groß geworden, daher hatte man ihr eine gewisse Ausnahmestellung ein- geräumt. Wie oft auch hatte man aus des Effendis Munde gehört, daß ihm Ferhünde ebenso viel sei wie seine eigene Tochter— und wenn der Effcndi so etwas sagte, muhte man es wohl glauben. Bc- kam Hesna etloas Neues, so erhielt auch Fcrhande dasselbe, nur etwas billiger, jedoch die Farbe des Stoffes war unbedingt dieselbe. War Hcsnas Bairamskleid zum Beispiel aus rosa Seide, so war Ferhandes Kleid aus rosa Wolle oder Kattun— oh, Seide verlangte Ferhände ja gar nicht, wenn der Stoff nur rosa war. Darum, als nun allgemach die alten und jungen Damen Hesna Hanims wegen auf die Brautschau kamen, bemächtigte sich Fer- handes eine geheime Freude. Nun ja, man machte doch keinen Unterschied zwischen der jungen Herrin und ihr, also konnte sie hoffen. Ferhände bekam Flügel, wenn die Göridscheler(— die zur Brautschau Kommenden) kamen; sie flog treppauf, treppab. Sich weder um Jaschmal noch um Feradsche(Jaschmak— der das Gesicht verhüllende und nur die Augen freilassende weihe Schleier. Fe- radsche— der seidene Mantel mit lang herabhängender Pelerine) kümmernd, lies sie atemlos ins Zimmer der Kütschük Hanim(kleine junge Herrin), um dieser Bericht zu erstatten, sie aufs schönste her- auszuputzen. Dann aber verschwand sie ganz gewih für ein paar Minuten, nach deren Verlauf sie ganz und gar verändert wieder zum Vorschein kam. Es war eine Pflicht Ferhandes, den Gästen den Kasse zu servieren; da war es selbstverständlich, dah sie sich hübsch machte, und zwar zog sie sich jedesmal in derselben Farbe an wie die schöne Hesna. Und dann erschienen sie, Hesna voran, Ferhände mit dem Kaffee- brett hinterher, im Salon. Hatte jeder Gast sein Tähchen in der Hand, dann zog sich Ferhände hinter Hcsnas Stuhl zurück, mit niedergeschlagenen Augen, feuerroten Wangen und stürmisch pochen- dem Herzen. Wer genau hinsah, konnte wohl bemerken, dah das silberne Tablett in ihren Händen klirrte und zitterte—. Ihr war es genau so zumute, als ob die fremden Damen um ihret« willen gekommen seien. War die junge Herrin gnädig entlassen, so lief sie mit ihr zu- sammen nach oben, schloß die Tür und warf sich, vor Erregung schluchzend, der Gespielin in die Arme, so dah dies« ganz erschreckt fragen mutzte:„Bist Du toll geworden? Was fährt eigentlich in Dich? Komme doch zu Dir, Ferhände..." Statt aller Antwort kühte Ferhände sie nur noch leidcnschast- licher. In der ersten Zeit sagte sie wohl manchmal:„Ach, beste, süßeste Herrin, wie habe ich mich geschämt..." Später:„Jetzt habe ich mich schon gewöhnt, es wird mir beinahe schon zu viel. Wenn doch erst alles vorbei wäre..., wenn Du doch erst verheiratet wärest..." Ja, Ferhände war fest, felsenfest davon überzeugt, dah sie, wenn auch nicht mit Hesna zusammen, so doch gleich nachher verheiratet werden würde. Ob, an ihrer Schönheit war auch nicht zu zweifeln, sie stellte Vergleiche an zwischen sich und der jungen Herrin und fand, dah sie durchaus nicht hinter dieser zurückbliebe. Ihre kurzen schwarzen Brauen, die blaurote Farbe, die die Verlegenheit ihr manchmal in die Wangen trieb, die breiten Schultern und die schmale Brust, dies alles konnte sie beim besten Willen nicht häßlich finden. Vor einem Stückchen zerbrochenen Spiegelglase konnte sie stundenlang sitzen und sich einer strengen Prüfung unterziehen, aber stets muhte sie sich bekennen, daß sie ganz und gar nicht zu verachten sei. Nur um ein einziges Etwas beneidete Ferhände ihre Herrin:— um die schönen blonden Haare! Augen, Brauen, Teint... aus solchen Dingen machte sich Ferhände nichts... wenn sie nur die spröden schwarzen Dinger, die auf ihrem Kopfe wuchsen, gegen solch Pracht- volle blonde hätte umtauschen können! »• Als der Termin für Hesnas Hochzeit festgesetzt war, nahm Fer- händes Erregung und Herzensangst solche Dimensionen an, daß es ihr einst in einer Nacht den Atem zu versetzen drohte. Von Todes- furcht gepackt, versuchte sie sich zu trösten, indem sie ganz laut aus- rief:„Dummes Mädchen! Sie werden doch keine Doppelhochzeit .machen... jedes Ding hat seine Zeit..." Ach nein, sie war nicht nfersüchtig! Im Gegenteil, sie versuchte die Hochzeit so viel wie möglich zu beschleunigen. Jeden Morgen hielt sie ihrer jungen Herrin die Notwendigkeit verschiedener Be- sorgungcn vor, begleitete selbst die Damen aus allen Gängen in die Stadt, belud sich mit all den Schuh- und Pantoffelkästen, den Stoff» Paketen und so weiter, dah sie sich kaum mehr weiter schleppen! konnte, wies jeden entrüstet zurück, der ihr beim Tragen behilflich sein wollte. All diese Sachen und Sächelchen, die sie Tag für Tag auf und unter dem Arm, fest an ihr klopfendes Herz gepreht, nach Hause trug, schienen ihr heimliche Wort« von Hoffnung und Glück zuzuraunen... In Schweiß gebadet, mit am Gesicht festklebendem Jaschmak, mit vor Müdigkeit keuchendem Atem brachte sie wochenlang tag« täglich die verschiedensten Herrlichkeiten mit heim, trabte Hintes den Damen durch tausend Gassen und Gähchen, Luftschlosses bauend, in seligen Verzückungen. Beim Einkauf jedes einzelnen! Stückes sah sie sich im Geiste schon im Besitz eines gleichen, nur ein- fächeren, billigeren...: wenn nicht Seide» so Wolle, wenn nicht Silber, so Imitation... Wurden dann zu Hause die Pakete geöffnet, so wollte sie bov Wut vergehen. Ginge es nach ihr, so würde sie keinem Menschen erlauben, sie anzurühren; außer Hesna und ihr selbst sollte nie- mand das Recht dazu haben! Ebenso wie sie niemandem gestattete, die Damen bei ihren! Einkäufen zu begleiten, ebenso wollte sie auch keiner Menschenseele erlauben, beim Nähen der Aussteuer zu helfen. Einmal, es war schon spät in der Nacht, hatte man sie mit den Worten:„Haidt, Ferhände, Du bist ja halbtot vor Müdigkeit, geh und schlafe..■" hinausgeschickt, was sie sich so zu Herzen genommen hatte, dah sie bis zum Morgen weinte und jammerte. Eines Mittags bei Tisch hatten der Effendi und die Hanim nach einigen geflüsterten Worten lächelnd zu ihr hingesehen... vor freudigem Schreck blieb ihr Herz beinah stehen! Um sich nicht zu verraten, schlug sie schnell die Augen nieder. An dem Abend jenes Tages fand Ferhände hunderterlei Vor- wände, damit sie fortwährend in des Herrn und der Herrin Nähe sein könne. Für ihr Leben gern hätte sie erfahren, was für eine Bewandtnis es mit dem Flüstern und dem Lächeln haben konnte. Dah es sich um ihre, Ferhändes Heirat handelte, war ja sicher, aber mit wem, mit wem?!... Am folgenden Morgen sagte Hesnas Mutter zu ihr! „— Ferhände, der Effendi ruft Dich—" Um ein Haar wäre sie zu Boden gestürzt, es war ihr unmög- lich, eine Antwort zu geben oder sich zu rühren, die Knie drohten unter ihr zusammenzubrechen. Endlich, endlich war sie in des Herrn Zimmer angelangt, mit niedergeschlagenen Augen erwartet« sie die so heiß ersehnte Botschaft.... Der Effendi begann nach kurzem Räuspern: ,.— Ferhände! Du bist mit Hesna zusammen groß geworden ... ich habe Dich bis zum heutigen Tage ebenso wie meine leibliche Tochter gehalten, wir sind auch alle sehr zufrieden mit Dir..." Ferhände hielt den Atem an... Der Effendi fuhr fort: ..— Jetzt wird Hesna in ein fremdes Haus übersiedeln; wenn sie nun dort gar keine Vertraute hat, wird sie sich sehr unglücklich fühlen.... Dies alles haben wir überlegt und uns entschlossen, Dich mit ihr zu schicken. Hörst Du,»Ferhände? Du wirst mit Hesna zusammen gehen. Ich habe das feste Vertrauen zu Dir, dah Du ihr treu wie bisher dienen wirst. Später, nach ein bis zwei Jahren, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, wirst Du Deinen Lohn erhalten... verstehst Du, Ferhände?..." Ferhände hatte verstanden, sie beugte sich nieder und küßte dankbar des Effendis Rocksaum. Dann verlieh sie, das Herz ganz weit vor Freude, das Zimmer. Jawohl, sie freute sich... das war doch ein Versprechen, das Hand und Fuß hatte! Nach ein bis zwei Jahren?? Ach, das machte nichts, die Zeit vergeht ja so schnell ... Auch hatte sie verstanden, was der Effendi meinte: wenn Hesna ein Kindchen haben würde, dann, ja dann würde auch sie versorgt werden.... Die Folge der kurzen Unterhaltung war, dah Ferhände noch eitriger, noch arbeitsfreudiger wurde. Am Hochzeitstage selbst schien es so, als ob aus der einen Ferhände hundert geworden seien: überall war sie, überall half sie, befahl sie. zeigte sie sich. Es war ihr zumute, als ob sie selbst auch ein klein bißchen mit verheiratet würde! Da jedermann mutzte, daß sie zur TsiheiS Halaik(Aussteuer-Sklavin) auscrwählt war, rief man sie rncht mehr Ferhände. sondern: Ferhände Kalfa(Kalfa ist der Titel der besseren Diene- rinnen)— und dies« Anrede machte sie so selig, dah sie sich schon jetzt zwei Jahre älter glaubte. In dieser Art von Traumzustand leistete sie Unglaubliches, von Müdigkeit spürte sie nichts... Aber von dem der Hochzeit folgenden Tage an bemächtigte sich ihrer wieder eine Unruhe ohnegleichen. Zu fragen wagte sie nicht. vergebens hoffte sie auf eine kleine Andeutung von feiten Hesnas ... Tage, Wochen, Monate vergingen... noch immer war keine Rede von d«m, was sie so ersehnte! Eines Tages endlich faßte sie sich den Mnt, ihre junge Herrin, mit der sie ja stets so kamerad- schaftlich verkehrte, errötend und stotternd zu fragen:„Süße Herrin. es ist so einsam um uns, wann wirst Du uns etwas zur Zerstreu- ung schenken?" Die Antwort war durchaus nicht zufriedenstellend. „Aman(Ausdruck des Unwillens), Ferhända! Du machst mich nervös... soll ich mich denn gar nicht meines jungen Eheglücks in aller Bequemlichkeit erfreuen können??..." An jenem Tage bekam Ferhände heftige Kopfschmerzen. Sie band sich in Kaffee getauchte Zitronenscheiben auf die Stirn und schleppte sich bis zum Abend krank und matt im Hause herum. Ihr armes Herz empörte sich,«, Also die Herrin wollte in Ruhe ihr« Liebe geniexen! Erst wenn sie die Lust dazu verspürte, wollte sie «in Kind haben... Wann würde an sie gedacht werden?? Mit einem Schlage veränderte sich ihr Charakter, sie wurde heftig, zänkisch, tyrannisierte alle Dienstboten im Hause. Sprach der Damad Bey(Schwiegersohn) mit etwas stärkerer Stimme als sonst, lief sie in ihr Zimmer und weinte stundenlang. So manchen Morgen blieb sie aufrecht im Bette sitzen und versuchte die seit Hcsnas Hochzeit vergangene Zeit zu berechnen:„Ein Jahr in Kadi- köi, eins in Kanlidscha... jetzt ist schon wieder der Sommer da" ... Da war die Summe: schon drei Jahre waren verstrichen I Als sie voll Trauer so ihren Gedanken nachging, durchzuckte sie es Plötz- lich:„Ach, ein ganzes Jahr waren wir ja auch hier..." Also vier Fahre! Vier Jahre! Und die Herrin hat noch immer keine Lust, Mutter zu werden... Jetzt betrachtete sie Hesna geradezu als ihre Feindin; ein Paar- Tage lang kam sie ihren Pflichten mit zusammengezogenen Brauen und finsterem Gesichte nach, bis eines schönen Tages ihr Ohr eine Himmelskunde vernahm: Die junge Frau Schwiegertochter sei guter Hoffnung... Alle Scheu beiseite setzend, stürzte sie zu dieser, sie mutzte die Wahrheit erfahren. Auf ihre fieberhaft erregte Frage wurde ihr ein lächelndes:„Es scheint so!" zur Antwort. Ach! Also wieder warten, wieder vor Unruhe vergehen! Tage- lang, wochenlang dauerte dieser beinah unerträgliche Zustand. End- lich, endlich war sie von der Wahrheit der lang ersehnten Nachricht überzeugt, sie konnte wieder hoffen! Ihr aus dem Gleichgewicht geratenes Gemüt beruhigte sich, die alte Lust zur Arbeit kehrte zurück. Wie ftüher trennte sie sich kaum von ihrer Herrin, suchte ihr jeden Wunsch an den Augen abzusehen. Beim Treppensteigen trug sie Hesna mehr, als dah sie sie führte. Alle Augenblicke ftagte sie:«Wie weit ist es noch, sütze Herrin? ... Acht Monate sind's geworden? Also noch ganze dreitzig Tage, nicht wahr?" Diese fortwährende Aufregung aber zehrte an Ferhände. Ihre Haut hatte eine gelbliche Farbe angenommen, sie war nicht mehr so kräftig wie früher. Des Nachts floh sie der Schlaf,,, die Luft- schlösier, die sie baute, hielten sie wach.--..... (Schluß folgt.) jfofepb f>aydm (Gestorben 31. Mai 1809.) Am 3. Februar d. I. feierten wir den 100. Geburtstag Felix Mendelssohn-Bartholdys, des Virtuosen unter den Romantikern der Musik, des wohlgepflegtcn und frühvollendeten Wunderkindes in einem noch jetzt musikalisch reichbewcgten Hause. Am 31. Mai werden wir den 100. Todestag eines Tonschöpfers feiern, der als der Biedermann unter den Frühklassikern, als der im Leiden dienende, auf sich selbst gestellte Jüngling und endlich als der ge- reifte Ruhmesgreis grundverschieden von dem um 77 Jahre jüngeren Mendelssohn ist. Damals sprachen wir auch von der Reihenfolge, in der der Eifer für kritische GesamtauSgccken unseren musikalischen Klassikern zugute gekommen ist. Als der letzte unter den Allbekannten kommt erst jetzt Jospeh Haydn an die Reihe. So kennen wir ihn eigentlich recht wenig und dürfen deshalb noch keine erschöpfende Charakteristik wagen. Eine Hauptursache unserer geringen Kenntnis, zugleich die nunmehr zu überwindende Haupt- s ch w i e r i g k e i t, ist der Zustand der ursprünglichen Veröffent- lichungen Saydnschcr Werke. Manches unter seinem Namen Er- schienene ist unecht, geht z. B. auf seinen sehr tüchtigen Bruder Michael Haydn(1737—1806) zurück, der in Salzburg fruchtbar wirkte und auch Lehrer von Karl Moria v. Weber war. Manch wertvolles Stück Joseph Hahdns ist heute nur wenig bekannt, manches verschollen, und dergleichen mehr. Erst auf Grund der vollendeten Ausgabe und näherer Studien über die damalige Zeit Wird sein Bild zuverlässig gezeichnet werden können. Ein Anlauf zu einer Gesamtausgabe—„Oeuvres complettes" — war allerdings schon seit 1800 gemacht worden, und zwar durch die nämliche Verlagsanstalt, die nunmehr die„erste kritisch durch- gesehene Gesamtausgabe" mit den Symphonien begonnen hat Wieviel aber noch für die Firma Breitkopf u. Härtel zu tun blieb, zeigt u. a. der Umstand, datz sogar s i e erst jetzt unter ihren eigenen Vorräten zwei Violinkonzerte von Haydn entdeckt und vorläufig im Klavierauszug herausgegeben hat— dankbare Stücke auch für anspruchslosere Spieler, auf die ja Haydn überhaupt viel Rücksicht genommen hat und die längst an seinen Violin- und Klavicrsonaten Muster von künstlerischer„Hausmusik" besitzen. Einige kleinere Veröffentlichungen der genannten Firma helfen zur Kenntnis des Meisters um so leichter mit, als ja hauptsächlich sie die ersten Publi- kationen seiner Werke besorgt und dadurch reichhaltigste Materialien gesammelt hat. Dabei erfahren wir z. B. auch, datz von ihr der Verlag der„Jahreszeiten" gegen ein Honorar von 4300 Gulden übernommen worden war... Geboren am 1. April 1732, gestorben am 31. Miai 1809, ist der Gefeierte über 77 Jahre alt geworden. Doch nicht nur deshalb gilt er als der„Vater Haydn". der„Hahdn-Vatcr". Auch der ihm cinigermatzen ähnliche bekannte Sohn des großen I. S. Bach, Philipp Emanucl Bach(1714—1788), verdankt sein väterliches An- sehen gegenüber der damals jungen Generation nicht bloß seiner langen Lebensdauer. Tatsächlich haben beide Komponisten gegen» über strengeren, auf Selbständigkeit der einzelnen Stimmen bedachten Formen von ehemals die leichteren und anmutigeren, mehr auf Melodie mit begleitender Harmonie gerichteten Formen be- günstigt, die von da an unsere„klassische" Musik großenteils be- herrschen. Doch keiner von beiden ist der eigentliche Schöpfer dieses Neuen. Als solcher steht jetzt seit überraschenden Entdeckungen durch Hugo Riemann vielmehr Johann Stamitz(1717-— 1757) da. der bedeutendste unter den in Mannheim wirkenden und damals (gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts) besonders einflußreichen Musiken. Dort liegt. der sonst bei Haydn und Bach jun. gesuchte Ursprung unseres sogenannten klassischen Stiles. Dort«rzpuchs. über ältere Einförmigkeit hinaus, der meisterhafte Gebrauch von* Kontrasten in der Gestaltung der Themen usw., der die Musik zw einem beredteren Ausdruck machen sollte, als sie vordem nkar..... Trotzdem bleibt für Haydn noch genug übrig. Schon daß te die Mannheimer Errungenschaften vollendet und zu Werken voft quantitativer und qualitativer Größe benutzt hat, ist ein cnt» scheidendes Verdienst. Dazu kommt noch, datz ihm ganz besonders ein neuer, freier, geradezu sprechender Gebrauch der Orchester- instrumente zu danken ist. Im übrigen kennen wir ihn einiger- maßen durch Ausführungen des Berliner Volkschores, und einige charakteristische Züge haben wir bereits zu solchen Gelegenheiten markiert. Bei der bequemen Weise, in der die Lebensdatcn Hahdns längst zugänglich gemacht sind, kann eine Biographie am allerwenigsten der Zweck dieser Zeilen sein. Erinnern wollen wir nur an die typischen Schicksale der Jugend des armen Chorknaben zu Wien. der dann nach Verlust seiner Knabenstimme kümmerlich die Hand- werkerwcge des damaligen Musikers weiterging. Indessen gestaltete sich nach einiger Zeit sein Leben doch verhältnismäßig freundlich. Damit stimmen die gut bürgerliche Zuftiedenheit und optimistische Heiterkeit, die Wohl aus allen seinen Werken sprechen. Ent- scheidend wurde für sein Leben der Dienst bei österreichischen Aristokraten. Seit 1759 befand er sich in solchen Diensten, seit 1761 mit wenig Unterbrechungen an der Spitze der Privatkapclle Esterhazy. Sein Ruhm und sein Glück stiegen besonders hoch in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts, die ihn nach England zu großen Triumphen führten. Auch als Lehrer Beethovens hat Haydn sich damals einen neuen Anteil an der Musikgeschichte erworben. All das fteilich auf dem Untergrund unglücklicher häuslicher Ver» hältnisse, die uns um so merkwürdiger vorkommen, als sie an- scheinend die aus den Kompositionen sprechende gemütliche und gemütvolle Ruhe nicht störten. Die Ueberzahl seiner Schöpfungen wird dem Neuherausgeber seiner Werke viel zu tun machen. Sie lassen uns in eine Zeit hineinblicken, in der Künstlerisches zum Teil noch recht Hand- werklich betrieben wurde. Da hatten sich beispielsweise der Baß des Klavieres und das Violoncello noch nicht voneinander los- gelöst, wie Haydns sonst so köstliche Klaviertrios zeigen. Solch« Stücke für drei Instrumente in verschiedenen Kombinationen liegen von ihm in der Zahl von 68 vor! 77 oder 83 ist bisher die Zahl seiner Streichquartette, die zu den köst- lichsten und immer wieder beliebtesten Schätzen der Kammermusik gehören. Quintette fehlen,„weil keines bestellt worden ist"— wie der Meister dies angeblich gerechtfertigt hat. Neben zahlreichen, jedenfalls heute noch frisch anmutenden Sonaten sowie neben 66 kleineren Ensembles stehen nicht weniger als 125 Symphonien da, die meist über gewöhnliche Mache hinaus- ragen; viele zu Lieblingen aller Musikfreunde geworden, nicht wenige über die anderen durch das hervorragend, was der Haydn- Vater von dem Mozart-Bubcn gelernt hat. Fast komisch erscheint es uns, datz die größte Kompositionenzahl, nämlich 175, auf Stücke für ein damaliges, dem fürstlichen Arbeitgeber besonders ver- trautes Instrument entfällt. Es ist dies das„Barhton", das Baß- instrument der Vorläufer unserer Violine, d. i. der Violen, die sich von den jetzt gebräuchlichen Streichinstrumenten durch Bünde am Griffbrett, durch die Sechszahl der Saiten, durch die Er» leichterung des akkordischen Spieles und durch minder graziöse Form des Schallkörpers unterscheiden. An Dramatik möchten wir bei Haydn wohl gar nicht denken. Trotzdem hat auch er zwei Dutzend Opern komponiert, deren meiste allerdings für ein fürstliches Marionettentheater bestimmt waren. Dazu kommen sogar einige Operetten, natürlich abgesehen von kleineren Gesangsstücken. Hinweisen dürfen wir auf diese ver- schollenen Bühnenwerke noch deshalb, weil im laufenden Jahre ein Operchcn oder Opcrettchen des Meisters ausgegraben wird. Die Oratorien bedürfen am wenigsten besonderer Erinnerung; seit 1793 beschäftigen sich engere und weitere Kreise zur Genüge mit ihnen. Haydn war ganz und gar Wiener, wenn auch nur in der Nähe der Stadt geboren. So wird denn Wien wohl das meiste für sein Gedächtnis tun. Seit längerem besteht dort bereits ein„Gesamt- komitee für die Veranstaltung der Haydn-Zcntcnarfeier", das viele Subventionen und allseitige Sympathien besitzt. Die Feier in Wien wird aller Voraussicht nach über das gewöhnliche Getue solcher Jubiläen hinausgehen; denn sie soll sich verbinden mit dem Dritten Kongreß de, Internationalen Musik» gcsellschaft— einer Vereinigung, welche in ihrem bisherigen Bestände bereits manches Wertvolle und zu weiterer Tcilnabme An- regende geleistet hat. Die Jubiläums- und Kongrcßtage werden der 25.-29. Mai sein. Unter ihnen bringt der 26. die eigentliche Festaufführung, und zwar unter Felix Weingartner; am 27. Mai gibt cS ein grobes historisches Konzert, das die EntWickelung der Musik von 1700 bis Hahdn mit besonderem Hinblick auf Oesterreich vorführen will; am 28. ähnliches; am 29. eine Oper. Ein großer Zyklus von Ouartettabcnden— 19 an Zahl— hat bereits am 11. Januar begonnen und dauerte bis zum 23. Mai. Der Lwngreß der begreiflicherweise nicht nur um Haydns willen da ist, veran- staltet mit seinen zahlreichen Sektionen über 100 Vorträge und Referate. Neben diesen theoretischen Interessen gehen die prak- tischen der Aufführungen vorwiegend dahin, den großen„Muftk- festen" nachzueifern, die bisher eine Spezialität des Musiklebens , im Deutschen Reiche sind, während Oesterreich diese Einrichtung nur erst in geringem Maße angenommen hat. Schließlich sind auch eine populäre Biographie und ähnliche Dinge in Vorbereitung, so daß wir dem eigentlichen Jubiläum mit Haydnscher Gemütsruhe entgegensehen können. sz. Daa Hbeatcr eines Madnlmnigen. Abdul Hamid kann sich, wie es scheint, mit seinem Schicksal Immer noch nicht abfinden. Es fehlt ihm in Saloniki nahezu alles, tvas ihm das Leben in Jildis-Kiosk einigermaßen erträglich machte. Besonders aber schmerzt es ihn, daß er seinen schönsten Zeit� vertreib, das Theater, entbehren muß. DaS Theater stand auf seinem Vergnügungsprogramm mit an erster Stelle; es war ihm beinahe ebenso lieb und wert wie seine Lieblingstiere, und das will vieles sagen. Bon den Prachtexemplaren seiner HauS- Menagerie wollte er sich niemals trennen und die„Kunstler" seiner „Schaubuden" mußten sich ihm gleichfalls jederzeit zur Verfügung halten. ES war eine merkwürdige Institution, dieses„Hoftheater" deS Sultans. Die Schauspieler und Sänger— so schreibt Virginia Gahda in der Turiner„Stampa"— waren Bühnenkünstler dritten Ranges, die vor etwa fünfzehn Jahren mit Arturo Stravolo als Operettentruppe von Neapel nach Konstantinopel gekommen waren und dort in einem kleinen Theater ihre Künste zum besten gegeben hatten. Es war Brauch, daß jede ausländische Theatergcscllschaft an einem oder auch an mehreren Abenden in Jildis spielte, um in das monotone Leben des Padischah einige Abwechselung zu bringen. Die übliche Einladung erging auch an Stravolo. Er gefiel dem Sultan, erschütterte ihm das Zwerchfell und hat seit- dem die Hofburg nicht mehr verlassen. Abdul Hamid beauftragte den neuen Hoftheaterintendanten, eine Truppe zusammenzustellen. An Männern mangelte es nicht, aber mit den Frauen haperte es, denn der Sultan, der sonst nicht eben prüde war. wollte in seinem Kunsttempel nur verheiratete und tugendhafte Frauen dulden. Da sich Schauspielerinnen, die diese beiden Eigenschaften in sich vereinten, für dieses Theater nicht leicht finden ließen, so mußten, sobald ein Stück mehrere Frauen erforderte, die Herren der Schöpfung sich in Weiberkleider stecken. Stravolos Gesellschaft setzte sich im Schatten der Orangenbäume von Jildis fest, blühte und gedieh und verstärkte die Scharen der kaiserlichen Garde. Man muß nämlich wissen, daß alle Männer der Theatertruppe, von den Maschinisten bis zu den Dramaturgen, vom Souffleur bis zum Komiker, mit verschiedenen Graden in dieGarde ein- gereiht wurden! Ein Chorist war Unteroffizier, der Chor- führcr war Sergeant, der Basfist konnte Hauptmann sein und hatte, wenn der Sultan ihm gewogen war, begründete Aussicht zu avancieren. Arturo Stravolo trat als Unteroffizier ein und brachte es in fünfzehn Jahren bis zum Oberstleutnant. Alle waren wirkliche Soldaten mit einer militärischen Uniform und einer militärischen Disziplin. Sie trugen einen schönen matt- gelben Rock, blaue Hosen mit roten Biesen und einen Säbel mit einem prächtigen silbernen Degengefäß: mit einem solchen Säbel schmückte sich selbst der Souffleur. Sold bekamen die Schauspieler natürlich auch, soweit in der Türkei Sold überhaupt gezahlt wurde. Es dürfte nicht viele Kricgsministerien geben, die Löhnung an ein Regiment von Spaßmachern und Seiltänzern zu zahlen haben. Außer dem Sold bekamen die Künstler des HostheaterS eine Nation Brot, Fleisch, Wein, Reis usw.; daS zugeteilte Maß richtete sich nach dem Dienstgrade.. Als die Verfassung kam, wollte Kiamil Pascha die Schauspieler entlassen. Es war die neue Zeit: man begann zu mäkeln und zu rechnen, und man sah dem Sultan, der daS Geld scheffelweise verschleuderte, etwas mehr auf die Finger. Abdul Hamid hatte aber am 1. März dieses Jahres aus eigener Machtvollkommenheit seine Künstler wieder in Amt zlnd Würden eingesetzt, ohne daß es jemand ahnte. Die Stücke, die zur Aufführung gelangten, Ivaren von einer Unbestreitbaren Mannigfaltigkeit. Stravolos Gesellschaft hatte ein gewaltiges Repertoire und machte sozusagen alles: von dem italienischen Volksstück und den Volksliedern mit Mandolinen- begleitung und Tanz bis zu der Posse, der Operette und der großen Oper. Neben den italienischen Künstlern traten gewöhnlich noch Taschenspieler, Equilibristen und Clowns auf. Der Sultan interessierte sich besonders kür die Operette und für derbe Possen; an der Oper war ihm weniger gelegen. Er hatte feine Lieblings- Lachen:„Boccaccio",„La Mascotte" usw. Ein- oder zweimal im Monat stand Verdi mit seiner„Trabiata" oder dem»Troubadour� und Bellini mit der„Norma" auf dem Programm. Der Sultan langweilte sich fürchterlich bei diesen„Galavorstellungen", und eS geschah, nicht selten, daß er, während die Primadonna ihre ganze Seele in eine ernste Arie legte, plötzlich und herrisch etwa? Lustiges zu hören wünschte! Die„Künstler" mußten jeden Augenblick bereit sein, auf seinen Wink eine neue Nummer aus ihrem nicht weniger als 150 Gerichte umfassenden„Menü" her» auszugreifen. Wenn Abdul Hamid den Abend im Theater der- bringen wollte, schickte er einen Eilboten in die Kaserne der Garde und befahl dem diensttuenden Offizier, eine Vorstellung„rüsten zu lassen." Im Galopp entsandte man dann Stafetten nach allen Himmelsrichtungen, um die Künstler zusammenzutrommeln. Alles stürmte ins Theater. Manchmal kam der Befehl erst in der letzten Stunde. Aber man ist nicht umsonst Soldat: der Soldat muß auf jeden Anruf bereit sein, und die Künstler waren immer bereit— zu allem. Wenn sie ins Theater kamen, wußten sie noch nicht, was ihnen bevorstand, denn der Sultan wählte erst in der letzten Minute, wenn er schon in seiner Loge war. das Stück, das er aufgeführt sehen wollte. Wenn es ihm einfiel, mußte Norma plötzlich ihre Röcke hochheben und eine wilde Farandole tanzen! Einmal unterbrach er plötzlich eine Auf- fuhrung von„La Traviata", um sich eine Reckturnertruppe vor- führen zu lassen. Die Truppe machte die gewagtesten Kunststücke. und zwar mit einem solchen Feuer, daß einer der Artisten bei einem Riesenschwung vom Reck glitt und sich den Schädel zer- schmetterte. Mit blutüberströmtem Gesicht blieb er vor der kaiserlichen Loge liegen. Der Sultan stieß einen Schrei aus und lief davon; tagelang ließ er sich nicht sehen: das Bild des Todes hatte ihn mit solchem Entsetzen erfüllt, daß er sich von der Welt abschloß. Er hatte Furcht vor dem Tode und wollte ihn nicht ein- mal im Schauspiel sehen. Eine einzige Geste, ein einziges Wort konnte in ihm tausend Schreckensbilder erwecken. Deshalb wollte er immer etwas Heiteres sehen. Als Novelli in Jildis seinen Saylock spielte und das Messer wetzte, begann Abdul Hamid buchstäblich am ganzen Leibe zu zittern:„Genug, genug!" rief er, „spielen Sie lieber etwas, wobei man lachen kann." Bei einer Aufführung von„Cavalleria rusticana" schrie er während der wilden Szene zwischen Turiddu und Santuzza angstvoll:„Vor- hang herunter!" und der Vorhang mußte fallen.„Rigoletto" und „Ernani" mußten vom Spielplan abgesetzt werden, weil ihn der Inhalt dieser Opern zu sehr aufregte und mit blasser Furcht erfüllte.— Stravolo hatte im Laufe der Jahre den Geschmack des Padischah gründlich kennen gelernt und wurde, da er sich immer danach richtete, mit Gold überschüttet. Er spielt dem Großherrn die ödesten Possen vor, präsentierte sich als Ver- Wandlungskünstler, sang einmal den ganzen„Troubadour" von der ersten bis zur letzten Rote als Solo und machte überhaupt die unglaublichsten Sachen, um sich mit der Gunst des Sultans die höchsten türkischen Orden und geradezu unglaubliche Spiel- Honorare zu erringen. Nicht selten kam es vor, daß Abdul Hamid eine lustige Geschichte, die er in irgend einer Zeitung gelesen hatte, von Stravolo für die Bühne bearbeiten ließ. Und Stravolo „bearbeitete" und scharrte ein ungeheures Vermögen zusammen. Die Theaterproben fanden in der Kaserne der kaiserlichen Garde statt. Hier war eine Bühne errichtet, die genau der Bühne deS Hoftheatcrs entsprach. Jeden Tag probierte man alle Mechanismen, denn der Sultan wurde, wenn auf der Bühne nicht alles klappte, sofort mißtrauisch, und das mußte man zu verhüten suchen. Die Künstler nahmen, wenn sie am Abend in den Palast gingen, in einem kleinen Koffer ihr Schmink- und Puderzeug mit. An der Tür wuden die Koffer von albanesischen Palastwachen genau durchsucht. DaS Theater hatte zwölf oder vierzehn Logen, die dicht vergittert waren. Das elektrische Licht(das einzige, das in Konstantinopel existierte, denn der Sultan hatte die Aufstellung von Dynamomaschinen verboten, weil ihn das Wort an... Dynamit erinnerte!) verbreitete eine große Helle. Von der Bühne aus gesehen, erschien aber das Theater vollständig leer. Die Schauspieler sahen keinen Menschen. Der Sultan und seine Frauen mit ihren Eunuchen saßen, durch das undurchdringliche Gitter allen Blicken entzogen, in den finsteren Logen. Die Worte, die auf der Bühne gesungen oder gesprochen wurden, verhallten wirkungslos, denn cö erhob sich keine Hand, um Beifall zu spenden. Während des ganzen Abends herrschte im Theater ein eisiges Schweigen. Hin und wieder nur hörte man ein leises Kichern, das aber sofort wieder unterdrückt wurde. So spielte die Theatergesellschaft fünfzehn Jahre hindurch vor einem unsichtbaren Publikum: sie wurde vom Sultan besoldet, hat aber ihren Herrn nie gesehen! Im Sommer stellte man vor dem Palast eine Bühne auf; Abdul Hamid sah dann der Aufführung von einem Fenster aus zu, aber immer so, daß er selbst nicht gesehen werden konnte. Wenn die Künstler von der Bühne abtraten, durften sie der Bühneriöffnung nie den Rücken zukehren: Abdul Hamid fürchtete nämlich, daß sie heimlich eine den Ablbanesen entgangene Waffe aus der Tasche ziehen und nach ihm schießen könnten! War die Aufführung zu Ende, so mußten sie sofort das Theater verlassen; die Garderobe blieb zurück und wurde von den Wachen sorgfältig untersucht.... So sah daS Theater aus. in loelchcm Abdul Hamid die schweren Beängstigungen, die ihn bedrückten, wenigstens für einige Stunden zu vergessen suchte. Aerantw. Redakt.: CarlWermuth, Berlin-Rixdorf,— Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anstalt Paul Suiger öiLo..BerUn SW.