Anlerhaltungsblatt des Worwärls Nr. 101. Donnerstag, den 27. Mai. 1909 �Nachdruck verboten.) 21 Lebensfreude. Bauerngeschlchte von G u st a v Wied. Autorisierte Ueber- setzung von Alfons Fedor Cohn. „Hier kommen schon Leute heute zusammen!" sagte der Gemeinderatsvorsteher, der dicke Rasmus Nielsen.„Ja, ja, die Ernte ist ja auch gut gewesen!" „Aber die Preise sind schlecht!" pfiff ein kleiner, bleicher Bauersmann, ein gestricktes Tuch fünfzehnmal um den Hals geschlungen. „Das sind sie, Mads Pedersen: aber sie wären noch schlechter gewesen, wenn's Korn auch schlecht gewesen wäre!" Es war Gedränge in den Stuben. Die Weibslcute standen in der Gartenstube und der Schlafkammer aufgestellt, die Mannsleute in der Wohnstube und im Gang. Sofie bohrte sich von Zeit zu Zeit aus der Küche hinein, um zu begrüßen. Und dann bohrte sie sich wieder zurück. „Wir können gern essen, Olel" sagte sie das letztemal, als sie drin war. „Na. Ja, na bitte, Herrschaften, bitte!" sagte Ole zu den Männern,„kommt rein und nehmt'n Happen Brot und'nen Schnaps." Schuhmacher Hansen hatte sich von selbst in den Saal gefunden, wo er stand und Marths und Johanne was vor- summte. Schuhmacher Hansen schätzte das Weib sehr. „Ach, bitte schön, Madam Rasmussen! Bitte schön, Madam Baldrian! Bitte schön doch!" Sofie trieb die Damen in den Speisesaal. Man setzte sich. Die Männer an den großen Tisch und die Frauen an den kleinen. Die Suppe wurde in großen Tonschllsseln hereingetragen, und jeder schöpfte mit seinem Löffel in seinen Teller. Es lagen Löffel für alle da, Zinnlösfel, die vom Kaufmann geliehen waren. Aber ein paar alte Bauern wickelten ihre privaten Holzlöffel aus ihren Taschentüchern und begannen still gleich aus den großen Schüsseln zu suppen. Sie waren ganz braun und blank von langjährigem Gebrauch, die Löffel. Ole ging herum und goß den Schnaps ein. Man trank iallesamt aus demselben Glas. Und nachdem er den Männern eingeschenkt hatte, ging er'rüber an den Tisch zu den Frauen. „Ihr sollt auch von dem Most kosten, Frauenzimmer! Das ist gut fürs Zwerchfell." Und mehrere von den Madams sagten: Danke, danke! lund verhafteten den Schnaps. Aber Tischlermeister Baldrian machte das Zeichen des zKreuzes. > Sofie und Marths und Johanne flogen aus und ein mit leeren und vollen Schüsseln. Der Himmel mochte wissen, wann sie selbst zum Essen kamen! „Bitte schön, Madam Hansen! Nehmen Sie doch einen einzigen Löffel, Madam Rasmussen! Sofie war besonders um die Stadtdamen besorgt. Nun begann Hummel das Meerrettichfleisch aufzu- schneiden. „Das ist F l e i s ch!" sagte er und jagte die Gabel in das gelbe, zitternde Fett bis ans Heft,„das ist wirklich Knall- ffautschuk, hudd, hudd!" Die Bauern grinsten und stießen einander in die Seiten: Hört bloß den Schuhmacher! Hansen galt nämlich als ein �.Scherzbold" und konnte infolgedessen nicht den Mund öffnen, phne daß man lachte. Das Fleisch wurde von demselben Teller wie die Suppe gegessen. Und Ole ging wieder mit dem Schnaps. Die Teller wurden'rausgetragcn und abgewaschen, und man begann mit dem Braten. „Sind das Enten?" fragte der Schuhmacher, als ihm die jGänse zum Aufschneiden hingestellt wurden. Die Gesellschaft wand sich vor Lachen, und Madam Hansen sagte, geschmeichelt über den Erfolg des Mannes: „Gott, Theobald, wie Du Dich auch anstellst!" Alle sollten sie von allem kosten, was auf dem Tisch stand, und die Teller wurden bis zum Rande gefüllt mit Braten, Sauce und Kartoffeln, Eingemachtem, Gurken und roten Rüben. Einige aßen mit den Fingern, die sie nachher am Tuche abtrockneten. Ole ging immer mit dem Schnaps. Nun kam der Reiskuchen mit Rosinen. Er war draußen in der Küche zerteilt, und jeder nahm sein Stück und knabberte daran. Die Stimmung war ziemlich aufgeräumt: man sprach laut, lachte und gestikulierte. Und die alten Bauern mit den Privatlöffeln rülpsten still. Und Ole war wieder mit dem Schnaps da. „Hudd, hudd," sang Hummel,„lang lebe der Trauben» fast!" „Danke!" sagte Ole und nahm selbst einen Schnaps „Will keiner mehr Kuchen haben, Leute? Bitte schön!" Aber es hatte keiner noch Platz zu mehr. „Ja. na denn dank schön fürs Essen!" sagte Ole: er meinte: wohl bekomm's! Und man stand vom Tisch auf. Die„Spielekanten", eine Violine und eine Klarinette, hatten in der Wohnstube gegessen. Jetzt ging ein Gemurmel durch das junge Volk, der Tanz solle beginnen. Marths machte schon ein paar Pas draußen in der Speisekammer mit den Gänseknochen auf einer Ton» schüssel. „Geh Du nur'rein," sägte Sofie,„geh Du nur rein, Marthel Dir sitzen doch Hopser in den Beinen!" Marths sauste in den Saal und räumte sofort die Tische aus. Sechs Freundinnen halfen ihr. Hinten in der äußersten Ecke hatte man einen Maisch« bottich aufgestellt mit einem Wagenkasten darüber. Da sollte auf zwei Stühlen die Musik sitzen. Sie brauchte keine Noten. Ein paar diensteifrige Frauen halfen Sofie, in der Speise« kammer beiseite zu setzen. „Hudd, hudd," summte Schuhmacher Hansen und steckte den Kopf durch die Tür.„Neste für vierzehn Kindbetten!" Die anderen Mannsleute waren'raus in Scheune und Stall gegangen, um die Wirtschaft zu besehen. Ein paar standen in der Schobercinzäunung und betrachteten die neun spitzen Kornmieten. Tischler Baldrian war unter ihnen. Er hatte wieder den hohen Zylinder auf und sah würdig aus, als ob er einer Leiche attachiert wäre. Aber er trank niemals was anderes als Dünnbier, die schwächste Nummer, sagte er. Plötzlich spielte die Musik im Saale auf, und der dicke Rasmus Nielsen begann mit Schmied Sörensen drüben im Kuhstall zu tanzen. „Man hat ja doch seine Elanstizität bewahrt!" sagte er. Aber drin im Saal hatte der Landwirtschafteleve von Skaftegaarden mit Marths„losgelegt". Es war ein Galopp, und die Röcke stoben um sie. Sie hatte auf irgendeine wunderliche Weise einen„reinen" Rock anbekommen. Nun kam Schuhmacher Hansen mit Sofie aus der Küche angeschleppt. „Sie sind ja verrückt, Hansen?" sagte sie und sträubte sich. Sie hatte die Schürze aufgebunden und Morgenschnh? aus Plüsch an. Aber der Schuhmacher schwang sie im Tanz. „Hudd, hudd!" sagte er dabei.„Sie tanzen wie eine von Parkett, Madam Kanstrup!" Der Mann meinte wohl vom Ballett. Mehr und mehr Paare schwangen sich über den Bodet. dahin. Knecht Sören hatte Johanne gefaßt, die mit einem Brotkorb voller Kaffeekuchen hereinkam: und nun tanzte sie und Sören und der Kuchen m i t Galopp. „Der Kaffee kocht über!" brüllt plötzlich Madam Baldrian aus der Küche: und Madam Kanstrup wie Johanne reißen sich los von ihren Kavalieren und stürzen hinaus. Im Wohnzimmer haben sich die ernsteren. Naturen niedergelassen. Der große Tisch aus dem Saal ist hier her» eingebracht und man macht ein Spielchen»Mies" zu zwei Ocre das Stück. Nun kommt der Kaffee. Man gießt sich Rum'rein und ißt Kuchen dazu. Und mitten auf dem Tisch zwischen Messing- leuchtern und brennenden Lichtern steht außerdem eine Holz- kanne mit selbstgebrautem Festbier. Man trinkt abwechselnd daraus, indem man sich sorgfältig mit dem Handrücken über die Lippen streicht, bevor man den Mund daran setzt. Die Pfeifen werden hervorgeholt, und der Tabaksbeutel geht heruin. Ein dicker, grauer, süßlicher Pseisengeruch erfüllt alle Zimmer. Nur Schuhmacher Hansen und Landwirtschaftseleve Vencdiklsen rauchen Zigarren. lFortsetzung folgt.) (Nochdriil! oecdoten.) fcrbande Kalfa. Novelle von Halid Zia, aus dem Türkischen übersetzt von Muhsin« Hamm. (.Schluß.) Mit der ganzen Liebe, deren sie fähig war. schloß sie sich an das Kind an. Sofort nach seiner Geburt hatte sie seine Pflege über- nommen, selbst die Wäsche des Kleinen ließ sie von niemand be- rühren. Aus dem Waschraum konnte man ihre Stimme vernehmen: ,,Ach, wie niedlich, ach, wie süß... hat er sogar schon eigene Wäsche..." too zärtlich sie das Neugeborene auch liebte, es war für sie doch nur das Mittel zum Zweck. Sangen ihre Lippen das Kind in Schlaf, so zählte ihr Herz doch die Monate, die im Fluge dahin- strichen... Sie hatte keine Zeit mehr zum Warten, Ferhände! Die früher nie müden Arme wollten manchmal den Dienst versagen, ihr Körper sank schon bedenklich in sich zusammen, sie lief nicht mehr, sie ging nur noch, und zwar gar nicht mehr jugendlich... „Ferhände Kalfa" war in„Ferhände Dady, Sabit Vehs Wär- ferin", verwandelt worden. Es schien, als ob sie mit dem Zunamen .Dady" um zwanzig Jahre älter geworden sei... Es war an einem Bairamsfeste, daß man Sabit mit seiner Wärterin zum Großpapa geschickt hatte. Als sie sich wieder zum Fortgehen rüsteten, sagte der Effcndi:„Bleib noch einen Augen- blick, Ferhände!... Die Zeit Deines Lohnes ist gekommen..." Er öffnete seine Kassette, probierte die Feder auf dem Nagel des Daumens, nahm dann einen Bogen Papier und begann langsam, sehr langsam zu schreiben. Nachdem er geendigt, las er das Ge- schriebcne aufmerksam durch, holte sein Siegel hervor und drückte es bedächtig unter die Zeilen. Alsdann reichte er dem neben ihm stehenden Knaben das Papier und sagte:„Nimm, Sabit! Gib dies Deiner Dady und sage ihr, daß sie sich endlich ausruhen kann..." Bis zu diesem Augenblick hatte Ferhönde nicht begriffen, worum es sich eigentlich handelte. Jetzt durchzuckte es sie wie der Blitz... Das war die Freiheit! Das kam so plötzlich, so un- erwartet, daß sie um ein Haar ohnmächtig zusammengebrochen wäre. Sie hatte nur noch die Kraft, niederzuknien und ihres Herren Füße zu küssen... Was sie so lange Jahre lang erhofft, war endlich eingetroffen! Sic war frei, endlich, endlich konnte auch sie Braut werden! End- lich konnte sie die schwarzen spröden Dinger, die längst mehr grau als schwarz waren, in schöne, blonde verwandeln! Hesnas Mann erhöhte noch Ferhiindes Seligkeit, indem er. sie freundlich auf die Schulter klopfend, sagte:„Eh, Ferhände Dady, ... verheiraten werde ich Dich, das soll meine Sorge sein. Nun sorge Du dafür, daß Sabit schnell groß wird und nach der Schule geht Es war, als ob mit diesem Papier ein frischer Luftzug in die langsam verglimmende Glut ihres Lebensmutes gefahren sei... Sie lebte auf. Sie hütete das Vlätichcu wie einen kostbaren Schatz, versteckte ihn zwischen ihren Sachen im Koffer, um ihn dann wieder hervorzuholen und inbrünstig zu küssen. Täglich stellte sie sich vor den Spiegel und betrachtete ihre Haare: eins, zwei, drei... oh, sie waren nicht mehr zu zählen, diese weißen Strähnen, aber was schadete das, sie würde sie ja doch färben.., In die erste Zeit von Sabits Schulanfang fielen zwei schwere Schicksalsschläge: Der Effendi und seine Gattin starben kurz hinter- einander. Diese Todesfälle schoben Ferhändes Hoffnungen auf Jähre hinaus einen Riegel vor. Das war zu viel für sie, sie sank noch mehr in sich zusammen, alles, sogar ihr sargsam gehüteter Schatz, hatte für sie den Wert verloren. Sie Hatzte die Welt, die ihr nicht geben wollte, was sie anderen gab... Sie baute keine Luftschlösser mehr, die Arme; ihr Herz war von einer alles durch- tränkenden Bitterkeit erfüllt. Ach, und diese Verbitterung machte sie weder jünger noch schöner. In dem Grade, wie Sabit Bey wuchs und lernte, wurde sie kleiner und immer älter, und ihre Haare waren schon mehr weiß als grau. Eines Margens kam Hesna Hanim lachend aus ihrem Zimmer und rief mit schallender Stimme:.Dady! Dady!" Jetzt nannte auch die Herrin Ferhände so... Als Ferhsud« ins Zimmer trat, lachten beide, Hesna, sowie ihr Gatte, noch immer. Endlich sagte jene:„Dady! Hast Du eine Ahnung? Man be» langt Dich zur Frau..." Ferhande sah ganz erstaunt aus, es war ihr unmöglich an das Gehörte zu glauben. „— Dady, ach. Du glaubst mir nicht?! Sieh der Bey hat es mir eben gesagt... Sabits Lala(Wärter und Vertrauter) wünscht Dich zu heiraten..." Ferhande antwortete nicht. Still ging sie hinaus. Auf dem Korridor hörten die Zurückbleibenden sie murmeln: „— Das wäre mir recht! Warte, warte und heirate dann den Lala..." Also den Lala wollte sie nicht. Nun gut, allen Unterhändlc- rinnen wurde Nachricht gegeben, daß Ferhande verheiratet werden solle; auch die Nachbarn wurden ins Vertrauen gezogen. Die Zeit war da, wo man für sie auf die Brautschau kam. Wenn nur die Wachen und Monde nicht so schnell vergangen wären, wenn sie nur nicht ihr Haar ganz gebleicht hätte»! Schneeweiß war es, und Fe» Hände wartete noch immer! Einmal sagte Hesna Hanim zu ihr:„Dady, weiht Du, wohin wir heute gehen werden? Für Sabit auf die Brautschau..." Ferhände stand sprachlos. Wie? War denn Sabit Bey schon so weit, daß man daran dachte, ihn zu verheiraten?! Sie sann und sann: Sabit sollte schon einundzwanzig Lenze zählen? Vier Jahre nach seiner Mutter Hochzeit war er zur Welt gekommen... Als HeSna Hanim sich vermählte, war sie eben zwanzig geworden. Sie selbst war zwei Jahre älter als die Herrin, also?... Sie kam mit der Rechnung nicht zu Ende, nur sah sie ein, daß sie eine lange, furchtbar lange Reihe von Jahren bildete, und ihr Herz krampfte sich zusammen... � Es war merkwürdig, daß sie noch so viel Kraft hatte, um am Hochzeitstage Saluts hier und da Hand anzulegen. Wo sie sich im Gewühl zeigte, hörte sie flüsternde Bemerkungen, wie:„Seht,-des jungen Bräutigams Dady..." In dieser Nacht zog sie sich auf ihr Zimmer zurück, verschloß die Tür und holte aus ihrem Koffer das vergilbte, zerknitterte Papier... Mit aller Leidenschaft, die ihr das Alter gelassen, warf sie sich darüber hin und weinte,.. weinte.,. » �» Jahre vergingen, und alle ließen ihre Spuren zurück... Da geschah es, daß das junge Ehepaar eines Abends Ferhände zu sich rufen ließ und ihr unter Schmeicheln und Liebkosungen die Er- öffnung machte, daß der Lala sie immer noch zur Frau begehre, daß er sie quäle, ihm behilflich zu sein, seine letzten Tage friedlich im Besitze einer Lebensgefährtin zu beschließen... Beide nahmen sie Ferhände an die Arme, tüßten ihr die welken Wangen, streichelten ihre schneeweißen Haare... Wie nett würde es werden! Sie würden sie, Mann und Frau, nicht von hier fortlassen, sie würden hier bleiben und das Püppchcn. das sich angemeldet hatte, erziehen... Die junge Frau nannte Ferhände lächelnd, auf das Verhältnis zwischen dieser und dem zu erwartenden Weltbürger anspielend: Ferhände Bädsche(alte Wärterin)... Ja, wenn Ferhände sich jetzt verheiratete, war sie schon zur„Bädsche" aufgerückt.,, »,* »' Trotz all ihres Sträubcns mußte sich Ferhände auf das Drängen sämtlicher Hausinsassen hin putzen und schmücken. Der große Tag war da, sie war Braut... Das Haar aber hatte sie sich nicht färben können, hatte es nicht gewollt, denn es war ja nicht mehr schwarz..,_ Die Hmeifen als Viehzüchter.*) Hochauf ragt dicht am breit dahinflutenden Strome ein Felsenhang. Kahles, bröckelndes Gestein weist er der brennenden Sounenglut, selten nur schmücken vereinzelte Eichenbüsche, dornige Schlehen und stachelige Rosensträucher seinen Absturz. Aus dem Felsgeröll aber leuchten hier purpurrot die klebrigen Blüten- stengel der Pechnelke und später die violetten Köpfchen des Lauches. Von der Spitze des Hügels schweift der Blick über die fruchtbare breite Talfurche mit dem silbernen Strombande, mit den freundlichen, in grünende Saatfelder eingebetteten Dörfern, hinüber zu den sanften Höhen im Osten, bis zu den Türmen der Stadt, die in dem dämmerigen Grau der Ferne verschwinden. Hier oben, wo das Land sich wellig dahinstreckt, wo fruchtbare Erdkrume mit totem Gestein wechselt, da grünt und blüht es wie nirgends in der Runde. Sonnenschein, Blütenduft, Bienen- und Fliegengesumm, dazwischen der tiefe Brummbaß der Hummel, Schmetterlinge in leuchtender Farbenpracht, tiefblau der Himmel und trotz aller Glut doch frisch die Luft. Aus der verfallenen, niedrigen Mauer, die mit kunstlos ge- schichteten rohen Steinen das kleine Feldstück umgibt, strecken sich die kräftigen Stengel der großen Fetthenne mit den dickfleischigen *) Aus: Vieh meyer,„Bilder aus dem Ameisenleben" (Naturwissenschaftliche Bibliothek für Jugend und Volk). Reich illustriert, in Originalleinenband 1,80 M. Verlag von Quelle y. Meyer in Leipzig. Blättern und den gedrängten, fast doldigen gelbgrünen Blüten. Süßen Wohlgcruch senden die unscheinbaren Blütenkelche in die sonnige Luft und laden der Bienen fleißige Scharen ein, hier ihre Kröpfchen zu füllen. Nicht unlsonst spenden die Pflanzen aber den köstlichen Trank. Sie verlangen von ihren Besuchern, daß sie in ihrem haarigen Gewände auch Blütenstaub mitnehmen und ihn dann auf den klebrigen Narben anderer Blüten zurücklassen. Ohne es zu wissen, erfüllen die Bienen und Hummeln diesen Liebes- dienst, befruchten Blüte um Blüte, nur von dem einen Verlangen beseelt, ihre Kröpfe zu füllen. Aber auch ungebetene Gäste folgen der süßen Einladung. Nicht durch die Luft kommen sie geflogen; am Stengel klettern sie aufwärts: kleine, gelbrote Ameischen, auffallend langgestreckt und schmal. Gierig schlecken auch sie am würzigen Naß; aber da ihr Körper nur spärlich mit kurzen Börstchen besetzt ist, nehmen sie keinen Blütenstaub mit. Gut, daß die Nektarquelle so reichlich fließt, daß sie auch für die Bienen und Hummeln noch reicht! Uebrigens ganz so undankbar, wie sie scheinen, sind die Ameisen doch nicht. Wenn sie auch für die Befruchtung der Pflanze nichts tun, durch ihren ständigen Besuch halten sie doch Schädlinge von ihr ab. Wehe dem Räupchen, das sich die saftvollen fleischigen Blätter zur Nahrung erkor! Manche Pflanzen locken die Ameisen darum sogar an. Die Heckenwicke dort, die zwischen Kleestengeln und Grashalmen emporklimmt, um ihre violetten Blüten den honigsuchenden Bienen hinzureichen, hält sich gerade eine schützende Leibgarde von roten Ameisen. Unaufhörlich klettern sie an ihrem Stengel auf und ab; und zum Lohne für ihren Schutz reicht ihnen die Pflanze am Grunde jedes der ranken- tragenden Fiederblätter zwei Nektartröpfchen, die, vor Regen und Nachttau geschützt, der Unterseite der kleinen Nebenblättchen ent- quellen. Sind die Knospen aber entfaltet, so versiegt auf einmal die Honigquelle, und die Ameisen verlassen die undankbare Pflanze, die mit ihren farbigen Blüten und ihrem süßen Duft jetzt Gäste anlockt, die ihr zur Befruchtung verhelfen. Andere Pflanzen wieder mögen gar nichts von den Ameisen wissen. Wie der Gärtner seine Obstbäume durch einen Teer-Ning gegen ankriechendes Ungeziefer schützt, ähnlich sucht auch die Pech- nelke den Ameisenbcsuch ihrer Blüten durch einen klebrigen, den Blütenschaft umgebenden Ring zu verhindern. Ueberall sehen wir die rötlich glänzenden Ameisen umherlaufen, und bald haben wir auch ihr Nest entdeckt: Mitten im Grus des Granits, wo die zierlichen Blattrosetten des filzigen Habichts- trautes sich fest an den sonnendurchglühten Boden schmiegen, ist es dicht neben der stachligen Distel unter kaum handgroßem, ver- witterndem Steine. Ein einziger Griff deckt es mit all seinen Hunderten elfenbeinschimmernden Larven und Puppen auf. Mancherlei Neues lehrt uns die neue Kolonie. Nicht leicht wird es zunächst, die Königin herauszufinden, denn nur wenig über- trifft ihr Körpermaß das der Arbeiterinnen. Aber die starke Brust mit den Ansatzstellen der jetzt fehlenden Flügel verrät sie doch. Und haben wir erst eine, finden wir wohl noch mehr. Was bei anderen Ameisenarten nur Ausnahme, bei den Knoten- ameisen ist es Regel. Und nun die seltsamen Puppen! Keine einzige hat ein Gespinst. Vollkommen nackt liegen sie da, und ihre zarten Beinchen und Fichler sind ohne schützende Hülle. Achtlos haben wir die zornigen Ameisen über unsere Hände laufen lassen, in der sicheren Gewißheit, daß ihre Wut uns nicht zu schaden vermag. Erschrocken schlenkern wir sie aber doch ab, denn zwischen den Fingern, wo die Haut empfindlich und dünn ist, spüren wir deutlich ihren feinen Stich. Gut, daß die Kolonie nicht die doppelt so großen Verwandten der roten Knotenameisen beherbergt, denn ihre Stachel würden uns ebenso arge Schmerzen verursachen wie die Giftgeschosse der Wespen und Bienen. Stören wir aber die armen Tiere nicht weiter. Auf der Distel, deren buchtige, stachelspitzige Blätter beim Untersuchen des Nestes uns mehrfach in den vorgebeugten Kopf spießten, klettern auch Insassen unseres Nestes herum. Sie melken Blattläuse, die hier in großen Haufen die Disteläste wie dunkle Ringe umgeben. Genau wie die Holz- und Wegameisen schmeicheln sie den Läusen Tropfen um Tropfen ab. Wie Finger ergreisqn sie eben noch auf den Rücken der Kühe trommelnden Fühler das helle Tröpfchen, sobald es den Mastdarm verläßt und führen eS dem Munde zu. Und weiterhin, an den übrigen Distelstauden, immer dasselbe Bild; manchmal nur rote mit braunen Ameisen gemengt. An einer der kratzigen Pflanzen aber fällt uns etwas ganz Sonder- bares auf. Dicht über dem Erdboden schlingt sich um den Stengel ein eigenrümliches Gebilde. Aus Erde und Sand zierlich ge- mauert, umgibt es ihn wie ein 4 Zentimeter breiter Ring oder eine Röhre. Lange forschen wir vergeblich nach dem Zweck dieses Mauerwerkes, bis wir die Blätter, die es teilweise unseren Blicken entziehen, vorsichtigt entfernen. Jetzt wird es uns klar, daß die roten Ameisen es aufgeführt haben, denn dicht darunter ist ihr Nest, und soeben schlüpft eine der Knotenameisen in das Gebäude hinein. Aber wozu dient es nur? Es hilft nichts, wir müssen «ine Bresche in eine Wand legen. Da sitzen denn, wie an den Stengeln der Disteln überall, auch hier Blattläuse, und Ameisen steigen zwischen ihnen herum, fie eifrig melkend. Ein Schutzbau ist's, den die Ameisen ihrem geliebten Melkvieh errichtet haben. Und diesen geräumigen Stall benutzen sie hier noch zur Unterkunft sür einen Teil ihrer Brut. Einmal aufmerksam geworden, jinden wir an anderen Pflanzen leicht mehr solcher Ställe, immer ui der Nähe des Bodens. Ter Stengel bildet gewöhnlich die Achse, und wenn das Gebäude in einem Blaktwinkel ist, der Blattstiel den einzigen Tragbalken. Immer dienen die Häuschen demselben Zweck, wechselnd sind nur Form und Größe. Im Herbst zumal� wenn die Blattläuse von den Pflanzenstengeln herabtommen, um unter den Wurzelblättern oder in anderen Verstecken zu über- wintern, finden wir sie häufig. Die Ameisen folgen den Läusen in ihre Schlupfwinkel, mauern mit feuchter Erde alle Oeffnungen zwischen dem Erdboden und den Blatträndern zu und pflegen hier ihre Freunde, bis der Winter sie in die Tiefe ihrer Nester bannt. So lernen wir in den roten Knotcnamciscn wie in allen vom Honigtau lebenden Ameisen die natürlichen Beschützer der Blatt- läuse kennen. Niemals tun sie ihnen ein Leid, schleppen sie sorg- lich auf andere Pflanzen, ja im Winter sogar in ihre Nester. Aber ihre Handlungsweise ist nichts als Eigennutz, der allerdings seine Berechtigung hat. Leben doch manche Ameisenarten ganz ausschließlich von den süßen Ausscheidungen ihrer Freunde, und sind doch vielen anderen die leckeren Tröpfchen der Pslanzenver- dcroee eine unerschöpfliche Hilfsquelle ihrer Ernährung. Den Blattläusen, den fast Irehrlosen, zarten Tierchen, kann es schon recht sein, wenn die starken Ameisen sich zu ihren Beschützerinnen aufwerfen; denn die Zahl ihrer Feinde ist groß. Besonders sind es die Larven der Marienkäfer, verschiedener Fliegen und die Schlupfwespen, die den Läusen nachstellen. Schon an den offenen Pflanzenstengcln, wo die Honigspeudcr unablässig von den Ameisen besucht werden, wird es den Feinden schwer, ihre Beute zu er- haschen. Ungestüm stürzen sich die Beschützer auf die Angreifer. Zwischen den trägen Flicgenlarven und den Ameisen kommt es nicht selten zu erbitterten Kämpfen; und erstere wissen sich durch einen zähen, vom Munde abgesonderten Schleim, mit dem sie die Ameisen zu beschmieren suchen, gut zu verteidigen. Unniöglich aber werden solche Angriffch in den Stallungen. Nicht alle Blattläuse sind indessen Freunde der Ameisen. Bei mancher Art suchen wir die leckeren Schlecker vergebens. Vielleicht sind ihre Exkremente nicht süß. Tie bräunlichen Läuse der Rose gehören zum Beispiel hierzu. Nehmen wir einige mit nach Haus. um sie unseren Ameisen zu geben, so merken wir bald, daß sie von diesen feindlich behandelt werden. Die Ameisen versuchen sie zu beißen. Wie erschrocken aber fahren sie zurück, denn unsere Blattlaus hat aus den beiden auf ihrem Rücken befindlichen Röhren«in klein wenig einer wachsartigen Masse ausgeschieden und mit dieser die Ameise beschmiert, llnablässig sehen wir jetzt die unvorsichtige Angreiferin bemüht, sich von dem ihr äugen- scheinlich ekelhaften klebrigen Stoffe zu befreien. Ist es gelungen, versucht sie sicher nicht wieder, die Blattlaus zu fassen. In glcichec Weise verteidigen sich die Läuse auch gegen andere Feinde. S i e brauchen die Ameisen nicht als Beschützer, sie können sich selbst schon helfen. Den Blattläusen aber, die das Nutzvieh der Ameisen childeu, fehlen diese Waffen. Seit die Ameisen sie unter ihre Fittiche genommen haben, sind die Röhren verkümmert, und kleine Stummel oder Knöpfchen bezeichnen die Stellen, wo sie einst saßen. Röntgenstrahlen. Ucber eine sehr wichtige Neuerung auf dem Gebiete der Röntgen- durchstrahlungen im Dienste der Medizin berichtet das letzte Heft der„Deutschen Medizinischen Wochenschrift"(Nr. 20). Bekannt ist der außerordentliche Wert der Nöntgenphotographie für die Chirurgie. Die Feststellung aller Knochenveränderungen(Knochenbrüche, ver- erbte Mißbildungen oder im Laufe chronijcher Erkrankungen— wie Tuberkulose,� Syphilis,„englischer Krankheit"— erworbene Knochenstörungen) erfolgt heute zur Sicherung der Diagnose mit Hilfe der Röntgenstrahlen. Die moderne Chirurgie ist ohne sie nickit mehr denkbar, wenigstens nicht in ihrer gegenwärtigen Ansgestaltung. Darum besitzt jedes größere chirurgische Institut ein eigenes Röntgen» laboratorium. Aber auch für die innere Medizin hat sich die Röntgendurchleuchtung als ein sehr wesentlicher Faktor der Untersuchung herausgebildet. Undurchlässig für die Röntgenstrahlen sind zwar ver» möge ihrer anorganischen Bestandteile(Metallsalze) nur die Knochen, und sie geben deshalb ein deutliches Bild auf der Röntgenplatte. aber auch die kompakten muskulären und drüsigen Organe (Herz, Lymphdrüsen, Muskel) hinterlasseir einen Schatten, aus dessen Gestaltung sich wichtige Schlüsse ziehen lassen, wenn auch dazu eine nicht geringe Ilebung erforderlich ist. Sehr fruchtbare Resultate hat die Nöntgenphotographie für die so zahlreichen, oft sehr un- angenehmen Magenkrankheiten gezeitigt. Da die dünnen, membranösen Magcnwände kein Bild ergeben, so griff man schon früh zu einem Umweg, um sich doch über Größe, Lage, Geschwülste des Magens usw. orientieren zu können. Man ließ den Patienten ein gewisses Quantum einer für Röntgenstrahlen undurchlässigen Substanz(eines Metalles) schlucken, die man zur Erleichterung für den zu Untersuchenden einer breiartigen Speise (Apfelmus oder Kartoffelbrei) beimischte; man bediente sich bisher zu diesem Zwecke des Wismutnitrates oder einer anderen Wismut- Verbindung. Damit erzielte man die gewünschten Resultate. Sobald das Wismut im Magen genügend verteilt war, Kmnte man ein Röntgenbild aufnehmen, welches die Uinrisse beS Magens deutlich zeigte, da ftch das Wismut zusammen mit dem Speisebrei den Magcnwänden anlegte. Mit diesen Durch» leuchtunxzserfolgen, die für die Diagnostik der Magen- Irankheilen und ihre Behandlung von größter Wichtigkeit waren. hätte man wohl zufrieden sein können, wenn sich nicht im Laufe der zahlreichen während der letzten Jahre erfolgten Magendurchlcuchtungen herausgestellt hätte, daß die bisher verwendete metallische Substanz, das Wismut, in irgend einer Verbindung durchaus nicht harmlos für den menschlichen Organismus ist I Es hat sich gezeigt, daß bei manchen Menschen eine ziemlich heftige Wismut- Vergiftung eintrat, die auch noch erfolgte, als man mit den zur Magendurchleuchwng dargereichten Quanten wesentlich zurückging. Statt 100 Gramm gab man nun nicht mehr als 30—40 Granrm des WismuisalzeS. Trotzdem mehrten sich, nach- dem man erst einmal auf den Typus der Wismutvergistung aus- merksam geworden war, die Erkrankungsfälle, von denen mehrere sogar einen tödlichen Verlauf nahmen. Ilm nun der sehr unangenehmen vergiftenden Nebenwirkung der Magendurchleuchtung abzuhelsen, hat der bekannte Berliner Pharma- kologieprosessor L. L e w i n nach einem Mittel gesucht, das auch in größeren Dosen unschädlich für den Menschen und doch für die Röntgenaufnahme des Magens geeignet sein sollte. Natürlich kam wieder nur eine Metallverbindung in Beftacht. In feinen gemeinsam mit Prof. Miethe ausgeführten Untersuchungen hat Lewin im Magneteisen st ein einen Ersatz des Wismut- Nitrats gefunden. Der Magneteisenstein ist nach den bisherigen Erfahrungen auch in großen Mengen, in Dosen von 100—160 Gramm. unschädlich und wird— mit Milchzucker und Kakaopulver vermischt und nnt Wasser angerührt— meist gern genommen, da sich diese Mischung von gewöhnlichem Kakao im Geschmack nicht wesentlich unterscheidet. Hat dieses neue Mittel, das übrigens zugleich den Worzug der Billigkeit hat, keine üblen Nebenerscheinungen, so wird es geeignet sein, einen wichtigen Fortschritt in der Technik der Nömgendurchleuchtung für medizinisch-diagnostische Zwecke herbei- zuführen. Denn bei der enormen Häufigkeit der Magenerkcankungen ist die Sicherung der Diagnose durch den photographischen Befund von recht großer Wichttgkeft, und es wäre sehr bedauerlich, wenn die Wismutvergiftungen zur Einschränkung eines Verfahrens geführt hätten, das sich auch für die innere Medizin als höchst fruchtbringend erwiesen hat. Es ist anzunehmen, daß Prof. Lewin, der ja auf dem Gebiete der Lehre von den Arzneimitteln und den Giftstoffen eine Autorität ist, dem Magneteisenstein nicht eine so wichtige Rolle zuweisen würde, wenn er nicht die Eigenschaften dieser Eisenoxydverbindung nach jeder Richtung hin geprüft hätte. So sehen wir wieder eine kleine Wand- lung m der praktischen Benutzung der Röntgenstrahlen, die seit ihrer Entdeckung schon so mannigfachen Zwecken dienstbar gemacht, sicher aber nirgends von so epochaler Bedeutung geworden sind, wie in der Medizin, die sich ihrer tagtäglich an allen Orren der zivilisierten Welt bedient. Eine so immense Verwendung hätte sich wohl auch Röntgen selber nicht träumen lassen, als er vor 16 Jahren seine Entdeckung machte.__ W. fjeiUgc als Huc-enärzte. Nach mittelalterlicher Anschauung gibt es für jede Art von Krankheit ein Heilmittel. Diese Auffassung findet sich in den Werken der Alchimisten wie Paracelsus, Van Helmont und Crollius ausgesprochen und ging dann später in den Glauben liber, daß es ein allgemeines Heilmittel gegen jedes erdenkliche Leiden geben müsse, die„große Panazee", deren Annahme aller- dings vielleicht einer mißverständlichen Deutung der Eigen- jschaften des„Steines der Weisen" entstammt. Denn von diesem est in alten Schriften gesagt, er werde«die große Krankheit" sheilen. Mit der großen Krankheit ist jedoch ursprünglich nichts anderes gemeint als d i e A r m u t, die natürlich durch die vretallverwandelnde Kraft des Wundersteins hätte gebannt »Verden können! Unter den mystischen Anschauungen des Mittelalters fand sich auch der Glaube, daß die Heilung bestimmter Krankheiten auch ganz bestimmten Heiligen gleichsam als Amtspflicht zu- gewiesen sei. Zwei französische Aerzte, Professor Truc und Dr. Liegard, haben sich mit dem Studium dieses Aberglaubens befaßt. Ihre Arbeiten, die durch geschichtliche Forschungen von Waudin ergänzt worden sind, zeigen, daß fast jede Augenkrankheit im Jenseits ihren Spezialarzt hat. Die„Allgemeine Wiener Medizinische Zeitung" gibt eine Blütenlese dieses Ver- zeichnisseS von Wunderärztcn: Als erster käme der Erzengel Raphael in Betracht. Auch von dem biblischen Tobias wird er- zählt, daß er auf überirdische Inspiration seinen Vater mit Fischgalle von der Blindheit befreite.— In der Zeit bis zum sechzehnten Jahrhundert erscheint eine große Reihe von Heiligen als Helfer bei Augenleiden. Es werden genannt: Die heilige Adelgunde, Cesar de Bus, die heilige Klara, der heilige Colombe, St. Gauthier, die heilige Genovefa, der heilige Hieronymus, die heilige Lucia und andere. Die Letztgenannte, die im vierten Jahrhundert lebte, war die besondere Patronin der Augen- entzündung. Die Kranken wuschen sich die entzündeten Augen mit Wasser und mit dem Staube, der sich auf den Pfeilern des Sarkophages der heiligen Lucia ansammelte, welche Prozedur den Grundsätzen unserer modernen Medizin nicht gerade ent- spricht. Es finden sich zahlreiche Darstellungen der heiligen Lucia, auf denen sie mit zwei Augen auf der flachen Hand üB« gebildet ist. Ihr Amt stammt daher, daß ihr bei ihrem Martyrium die Henker die Augen ausrissen. Zudem rührt der Name Lucia von dem lateinischen„lux"(— Licht) her. Es gibt auch ein Augenwasser, dem der Name„Lucia-Wasser" beigelegt wurde. Einer ihrer berühmtesten mit Erfolg behandelten Patienten war der große Dante, dessen Augen durch allzu reichliche Lektüre und durch die Tränen, die er nach dem Tode seiner Geliebten ver- goß, gelitten hatten.— In der Haute Marne ist der heilige Leudomir oder Lumicr dadurch berühmt, daß er vor Blindheit schützen kann. Eine Wunderquelle in Ballerest steht unter seinem besonderen Schutze. Derartiger Quellen gibt es aber viele und noch mehr Leute, die daran glauben und Hoffnung auf ihre Wunderwasser setzen. Wenn diese ihnen auch nichts nützen, so schaden sie ihnen wenigstens nicht direkt, obgleich der Schaden gerade groß genug ist, der dadurch angerichtet wird, daß solcher Aberglaube einen Teil der leidenden Menschheit davon abhält, rechtzeitig oder überhaupt bei einem Augenarzt Rat und Hilfe zu suchen. Es gibt nur leider noch viel Schlimmeres als Wundcrquellen. Nämlich die Charlatane und Kurpfuscher, die in fast allen Ländern gerade auf dem Gebiete der Augenheilkunde ihr Unwesen treiben und mit nichtigen Mitteln alle möglichen Arten von Augenleiden„heilen". Diesen„Heiligen" kann nicht scharf genug entgegengearbeitet werden. Liemes feuiileton. Archäologisches. Ueber die bei Pompeji entdeckten Fresken, die — nach dem Urleil aller, die sie gesehen haben— zu dem Schönsten gehören, was je in Pompeji gefunden worden ist, schreibt man dem „Corriere della Sera" aus Neapel: Im Januar dieses Jahres wurde mit Zustimmung des Professors Antonio Sogliano, der in Pompeji die Ausgrabungen leitet, eincni Herrn Aurelio Item die Erlaubnis gegeben, an einem Orte, der etwa 200 Meter von der „offiziellen" Ausgrabungsstelle entfernt liegt, auf eigene Faust Grabungen vorzunehmen. Herr Item besitzt in Pompeji zwei Speiseivirtschaften, das Terrain, für das ihm die GrabungserlaubniS gegeben wurde, ist aber nicht sein Eigentum, es gehört vielmehr einer Witwe, mit der er sich, um die Ausgrabungen veran- stalten zu können, geschäftlich assoziierte. Die Grabungen lieferten schon in den ersten Tagen großartige Ergebnisse: es wurde eine ganze Villa freigelegt, und man kann aus dem, was bisher zu Tage gefördert wurde, schließen, daß sie von wunderbarer Pracht ge- wesen sein muß. Man hat mehrere in der vornehmsten Weise ausgestattete Räume entdeckt; geradezu verblüffend aber wirkt ein großer Raum, der einst ein Trikliuium(Speisezimmer) gewesen zu sein scheint. Der Unterbau besteht aus großen Steinen, die eine Marmoriinitation darstellen, nnd der ganze Saal ist in dem sogenannten„zweiten Stil", dem schönsten der pompejanischen Bau- sti'le, gehalten. Die drei Wände weisen herrliche Fresken auf: menschliche Gestalten von mehr als zwei Drittel Lebensgröße. Eine dieser Gestalten stellt, wie es scheint, einen Silen dar: Der wunderbar gemalte Begleiter des Bacchus gibt einem Menschen, der vor ihm kauert, zu trinken, und der Trinker führt den Becher, den er mit beiden Händen untklainmert, mit fast tierischer Gier an die Lippen. Das zweite Bild zeigt eine Gestalt, die vor einer am Boden liegenden weiblichen Gestalt(eS ist vielleicht eine Ariadne) aufrecht steht; von der weiblichen Figur fehlt leider ein großer Teil. DaS dritte Bild endlich zeigt eine prächtig dargestellte große geflügelte Viktoria, die eine Art Schild hoch hebt, um eine Frau, die sich ängstlich duckt, niederzuschlagen; eine andere Frau erhebt flehend die Hände zu der Siegesgöttin, auf daß sie der Schuldigen verzeihe; eine vierte Fraucngestalt, die etwas abseits steht, schlägt jubelnd die Schellentrommel. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schön alle diese Gestatten sind, wie wunderbar die Leuchtkraft der Farben ist und wie lebenswahr jede Bewegung und jeder GesichtsauSdruck. Den Rahmen für die Bilder geben Theatermasken von außerordentlicher Schönheit und in einer Darstellung, wie man sie bisher noch nicht gesehen hat. Bus Befehl des Ministeriums find die Ausgrabungen einstweilen eingestellt worden.— An die ganze Geschichte knüpfen sich zahlreiche Kommentare, und man kann sich denken, daß die Regierung dabei nicht sehr gut wegkommt. Man ermnert daran, daß bei einer ähnlichen GrabungserlaubniS der Staat schon einmal schweren Schaden erlitten hat. Damals fand man in der Villa De PnSeo den berühmten Silberschatz, der dann heimlich ins Ausland wanderte. Es dürfte dem Staate nicht leicht werden, mit dem glücklichen Herrn Item über den Ankauf der Fresken zu einer Einigung zu gelangen, denn es haben sich bereits zahlreiche Altertumsfreunde gefunden, die bereit wären, große Summen freizumachen, um die Wandgemälde zu er- werben. Die Blätter tadeln es scharf, daß das Graben in Pompeji zu einer wahren Spekulation geworden ist. was man schon daraus ersehen kann, daß nicht die wirklichen Besitzer der für die Grabungen in Betracht kommenden Terrains graben lassen, sondern, wie eben jetzt in dem lehrreichen Falle Item, Unterpächter und richtige Fund- spekulanten. Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck p. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer SeEo., Berlin ä.W.