Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 102. Freitag, den 28. Mai. 190S rNachdruS dervoten.7 8] Lebensfreude. Bauerngeschichte von G u st a v Wied. Autorisierte Heber- setzung von Alfons Fedor Cohn. Die Lichter drin im Saal brennen schon lange. Die Flammen flackern im Zugwinde, und der Talg trippt den alten Frauen auf den Rücken, die an den Wänden sitzen und verdauen und an ihre Jugend denken. Ein paar Kerle haben sich die Röcke ausgezogen und tanzen in Hemdärmeln. Die Violine jammert, und die Klarinette schnarrt. Es schreit und ruft und lacht und strampelt. Und Madam Schuhmacher- »neister Hansen tanzt Tyrolienne mit Madam Tischlermeister Baldrian. „Verflucht auch, in was für'nem Pech man sitzt!" flucht Rasmus Nielsen drin in der Wohnstube und schlägt mit der geballten Faust auf den Tisch. Er hatte in Vorhand die Mies angenommen und war Böte geworden. „'raus mit dem Silber!" sagte Ole und grinste, daß er dabei zitterte. Ole hatte den ganzen Klumpatsch gewonnen, der achtzehn Oere ausmachte,„'raus mit dem Silber, Rasmus I" „Ich Hab keins mehr!" brummte Rasmus und ging seiner Westentasche auf den Grund. „Laß ihn ans'n junges Kalb'rausgeben, hudd, huddl" schlug Schuhmacher Hansen vor. der den Tanz einen Augen- blick verlassen hatte, um nach dem Spiel zu sehen. Die ganze Stube lachte sich schief, mit Ausnahme des Gemeinderatvorstehers. „Hier sind fünfundzwanzig Oere." sagte er und hielt daS Geldstück hin.„ich will sieben Oere wiederhaben!" „Die kannst Du bekommen, wenn wir gespielt haben." „Das will ich aber nicht: ich will sie gleich haben!" „Glaubst Du. wir betrügen?" „Nee: aber ich will sie gleich haben; sonst spiele ich nicht!" „Na— a. Du kannst uns doch wohl noch sieben Oere an- vertrauen?" „Nee. ich will sie gleich haben!" Itasmus Nielsen schwitzte vor Starrsinn. „Hudd, hudd!" summte Hummel. „Ueber wen grinst Du, Du Schusterschnauze 1" brauste Rasmus auf und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch. daß Gläser und Flaschen tanzten.„Was, Deibel, hast Du hier zu tun. Du Pechlecker?" �„Na, na, na. Nasmus I" sagte Ole vermittelnd,„nimm's man mit Gemütlichkeit!" „Ich spiele nicht, solange der Pfriemstecher im Lokal ist!" „Er ist ja schon gegangen. Rasmus I" „Ist er gegangen?" „Jawohl ist er gegangen!" Rasmus Nielsen stand auf und sah sich um, „Ich will mit ihm reden!" sagte er. „Ja. er ist ja doch drin und will NU tanzen, Rasmus I" „Ich will doch mit ihm reden!" „Na. Rasmus, setz Dich jetzt hin!" sagte Ole und nahm seinen Gast freundschaftlich unter den Arm.„Jetzt nehmen wir noch'nen kleinen halben Rum, und dann spielen wir. Du bist dran mit geben!" „Ich will mit ihm reden, und jetzt gleich!" „Jawoll, jawolll Hier ist der Rum! Prost! Du gibst!" Rasmus nahm die Karten und begann zu geben. „Nein, Du gibst falsch! Es muß nach links!" sagte einer. „Ich will aber nach rechts geben!" „Ja, aber..."... „Ich will nach rechts geben! Sonst spiele ich nicht!" .,Na, den Deibel auch... Wollen wir ihn nach rechts geben lassen?" „Ja— a," sagten die anderen. Und Rasmus gab nach rechts, und das Spiel ging weiter. Die Uhr schlägt zwölf. Rund herum in den Ecken der Stube sitzen die ältesten Bauern und fangen an einzuschlafen. Sie möchten schon am liebsten nach Hause kommen, wollen aber doch auch noch den Punsch und die Apfelkrapfen haben. Und Tischler Baldrian ist in Schlaf gefallen. Er sitzt steif und stramm am Kachelofen mit einem Gesicht bleich und ernst wie eine Votivtafel. Der Landwirtschaftseleve von Skaftegaarden kommt hereingefahren. „Wo ist Fräulein Kanstrup? Es kommt Sechstour!� „Fräulein?" sagt Rasmus Nielsen.„Fräulein? Nennt»r sie Fräulein?... Ich spiele nicht mehr!" „Ach Quatsch, Rasmus! Du bist doch auch rein krakehlsch!" „Sagte er vielleicht nicht Fräulein, was?" „Ja. gewiß sagte er Fräulein, aber was geht Dich das an?" ».Sie ist nicht mehr Fräulein als wie meine alte Sau!" „Nee, gewiß doch! Aber stich nu erst das Aß!" Rasmus stach mit der Trumpfdame. „Siehste, d a s ist'n Fräulein!" sagte er. „Sie ist aber doch keins von den richtigen!" sagte OlS und stach drüber mit dem Trumpfkönig. „Da soll doch der Deibel d'reinschlagen..." Ole gluckste und strich das Geld ein. Er hatte Glück. Ep hatte über eine Krone gewonnen\.. Der Eleve war hinausgesaust und hatte Marths in der Küche gefunden, wo sie stand und Sofie half, Zucker auf die Apfelkrapfen zu streuen. „Jetzt kommt Sechstour!" rief er.'„Es kommt Sechs« tour!" Marths antwortete damit, ihm einen Löffel Zucker ins Gesicht zu werfen. „Nun sind Sie zuckersüß, Benediktsen!" lachte sie „Ja. aber kommen Sie jetzt!" „Nein, ich helfe Mutter!" „Darf sie nicht doch mitgehen, Madam Kanstrup?" »Ja, geh Du nur. Mädchen! Die Jugend soll sich aus« toben!" Und der Landwirtschaftseleve galoppierte, den Arm um Marthes Leib, in den Saal. Da waren neue Lichter in die Kronleuchter gesteckt. Die Gartentür und alle Fenster standen offen, so daß es den schönsten Zug gab. Aber trotzdem hatten fast alle Kerle sich der überflüssigen Kleidungsstücke, Rock und Weste, entledigt. Schuhmacher Hansen hüpfte die Sechstour mit der kleinen Madam Baldrian. Sie stampften auf den Boden wie ein paar wilde Pferde. Knecht Sören schwang Johanne, so daß sie kreischte. Und der Eleve summte der glühenden Marthe halblaut ins Ohr: Eine SechStour, ach, dieses Wort so klein, Schließt eine Welt von Freud' und Glückseligkeit ein. Da hörte man Öles Stimme drin aus der Wohnstube brüllen: „Kommt denn nicht bald der Punsch, Sofie? Wir sind durstig I" „Den könnt Ihr drin im Saal haben!" antwortete Sofie aus der Küche. „Nein, zum Deibel, laß uns unser Teil hier haben; wir. haben nicht Zeit, uns aufzuhalten!" Ole hätte beständig Glück. Nun hatte er fünf Kronen fünfundsiebzig in die Tasche gesteckt. Rasmus Nielsen war weißglühend vor Raserei. Er saß die ganze Zeit und murmelte: Satan! Satan! und hatte einen dickbäuchigen Lederbeutel neben sich aui den Tisch ge- stellt:„Und wenn ich vom Hof gehen sollte!" sagte er.„Und wenn ich vom Hof gehen sollte!" Jetzt spielten sie mit zwölf Oehren Einsatz und Böte zu sechsunddreißig. Es war Ole und Rasmus Nielsen, Sören Buch, Per Klemmensen und Martin Sejerstedt, die spielten. Rasmus verlor am meisten, aber er war auch vollständig sinnlos beim Mies annehmen.., Tischlermeister Baldrran lag immerweg rn festem Schlaf am Kachelofen. Aber er mußte einen lichten Augenblick ge« habt haben, denn seinen hohen Zylinder, seinen Kopfschorn« stein, hatte er unter dem Stuhl in Verwahrung gebracht. Auch die alten Bauern mit den Privatlöffeln schliefen ruhig jn (fjfen Ecken. Sie schnarchien wie Tiere im Maststall. Das jat Baldrian dagegen nicht: er f l ö t e t e mehr. „Bitte schön, nu steht der Punsch drin in der Stube!" «meldete Sofie. „Wir wollen ihn aber, verdammt noch'mal, hierher haben!" fluchte Öle. „Der steht drin in der Stube! Wollt Ihr was haben, W.nt Ihr ja'reingehen!" nickte die Madam und verschwand. (Schluß folgt.) lNachdruck«jeikolenj JMcin SloßcHc von Achmed H i k m c t, aus dem Türkischen übersetzt von Muhsine Hanim. (Der Onkel ist ein Herr von fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren, grauhaarig, mit rundem Vollbart. Trägt den langen Rock ftets bis oben hin zugeknöpft, den Fez trägt er zurückgesdjoben. so Bast seine hohe, faltenreiche Stirn zu sehen ist. Nach rückwärts ab- Lallende schmale Schultern, ein nach vorn geneigter Oberkörper ver» vollständigen das Bild...) Ich habe einen Neffen... der hat in Paris seine Ausbildung genossen. Verstehen Sie, was das heistt: in Paris seine Ausbil- dring gcnietzen? Er qat mich ausgezogen, ausgesogen... kurz: ich war fertig. Als ich fertig war, war es seine Ausbildung auch, natürlich. Was die mich gekostet hatl Aber was hat er eigentlich gelernt? Ich bin immer noch nicht daraus klug geworden.„Onkel, das verstehst Du nicht," pflegte er mir zu sagen,„ich habe die ganze tlniversität absolviert I" Ja. so sagt er, aber... als er mit dein Studium zu Ende war. war ich fürs Irrenhaus so ziemlich reif geworden. Lassen Sie mich erzählen.— Zuerst stellte sich mir mein Neffe ols vollendeter Architekt vor, machte mir eine Menge Türen mit Ornamenten, vergoldete Kuppeln, zeichnete mir Baupläne mit allen möglichen und unmöglichen Gängen und Irrwegen, die mich alle ein Heidengeld kosteten.... Tann gab er vor, ein bedeutender Chemiker und Alchymist zu sein... In derselben Art und mit der- selben Raschheit, mit der sein Eifer für diese Kunst zunahm, nahm mein Geld ab.... Nun war es auch mit seiner Lust für diese Betätigung vorbei. Er brachte mir das Sprichwort:„Bearbeite den Boden, und er wird zu Golde werden" ins Gedächtnis und er fing an, eins meiner Güter zu bearbeiten... aber da er gleich zu Anfang damit begann, seine Zeit und seine Fähigkeiten der Gärtnerstochter zu widmen, überwucherte bald Unkraut mein Land und meine Taschen, und in kurzer Zeit stand der Ruin so gut wie bor der Tür. Da sah ich eines Morgens meinen Neffen vor mir stehen: ein hoher Halskragen umschlost eng seinen Hals, wie die Marmorbrüstung den Rand meines Brunnens, die langen Haare unter dem ungebügelten hellroten Fez sahen aus wie die vom Winde aufgeblähten Federn eines Truthahns. Die riesige Plastron- Krawatte auf seiner Brust hätte ein gar nicht zu verachtendes Unterbett für ein neugeborenes Kind abgegeben. Er stand mir gegenüber und legte ven Kopf auf die Seite... ich streckte meine an den üblichen Handkust gewöhnte Rechte aus, aber er rührte sich nicht, sondern spitzte nur die Lihpen. Es entstand eine Pause banger Erwartung...>vas würde nun geschehen?! Meine Hand blieb in ausgestreckter Richtung... endlich gab er sich einen Ruck und umarmte mich, wiederholt seinen Mund auf detr meinen drückend. Ich schämte mich ordentlich vor meiner ungeküstten Hand und zog sie schnell zurück. In diesem Augenblick zog er aus der hinteren Tasche seines bis zu den Knöcheln reichenden Mantels ein weisses Taschentuch hervor, und ich sah an seinen Fingern zahllose Ringe mit falschen roten, blauen und grünen Steinen mir so recht hämisch ins Gesicht grinsen. Ich lvciß nicht, aber ich glaube, datz er stch, weil er mich geküstt hatte, so umständlich die Nase, das Kinn und den Mund wischte. Ich bemerkte noch, dast er dies Tuch in der- isclbcn Weise wie unsere alte Hadschi Badschi(„H a d s ch i" nennt man Leute, die die vorgeschriebene heilige Pilgerfahrt ausgeführt haben. Badschi— alte Wärterin) gebrauchte, indem'.r es nämlich gänzlich auseinanderschüttcltc, cS drehte, zusammenknutschte und dann wieder in die Tasche schob.(Den Neffen nachahmend:) Danach warf er sich auf das Sofa... wippte wie ein Stehaufmännchen auf und nieder und blieb endlich kerzcngrade sitzen... Das war ja kein Neffe mehr, das war eine sonderbare neumodische Maschine! Weder das Sofa noch der Sessel waren ihm recht... auch ich nicht, sein geliebter Onkel... auch meine Sprache, meine Bewegungen, mein Gang, sogar mein Atemholen gefielen ihm nicht... uff! Nichts gefiel ihm, nichts! Alles stellte er auf den Kopf: die Möbel, das Hauswesen, die Dienstboten. So sollten die Diener, wenn sie Kaffee servierten, weiße Handschuhe anziehen, der Koch auf seinen Kopf eine weiße Leinwandmütze fetzen... Der bartlose Haus- inspektor müsse sich unbedingt täglich rasieren... Vor Eifer schrie und sprang er wie toll im Hause herum. Eines Abends, als ich mich auf sein Zimmer begab, um ihm ein paar gute Lehren zu geben, was erblickten meine Augen? Entsetzlich, furchtbar... Mein Neffe lag aus seinem Bette, die untere Gesichtshälfte mit einem Tuch verbunden, ganz gelb und steif... Die Füße gegen die oberen Säulen der Messingbeetstelle gestemmt, beide Hände in Matte eingewickelt, mit geschlossenen Augen! j Ach, das Unglück, dacht ich mir, das Unglück!... Ich stürzte hinaus, schnell einen Arzt, Hilfe, ehe es zu spät ist! Das ganze Haus war auf den Beinen. Als ich dann sachte mit dem Doktor zurückkam, stand mein Neffe soeben mit schlaftrunkenen Augen von seinem Lager auf... Das Angstgeschrei der auf dem Korridor versammelten Dienstmägde:„Ach, Allah, er hat sich getötet!"... hat ihn aufgeschreckt, er will davonlaufen... wir bitten ihn, sich doch ja wieder hinzulegen,,. ein Tumult, ein Durcheinander ohnegleichen! (Nach einer kurzen Pause:) Zuletzt kam eS heraus: mein Neffe hatte sich vorgenommen, am folgenden Tage nach Kiat-Hane(be- liebter Vergnügungsort) zu fahren. In der Meinung, dast das Blut aus den Füßen zurückwiche, wenn er sie in die Luft streckte. hätte er sich in die vorhin beschriebene Position begeben... seine neuen Stiefel wären nämlich etwas zu eng... die Hände und das Gesicht hätte er sich mit Lold-eream eingerieben, damit sie weich und weist würden, und das Tuch unter der Nase wäre eine Bart- binde, um den Schnurrbart in gute Fasson zu bringen... Was dabei so unnatürlich, so erstaunlich wäre?? Dies alles wäre das Ergebnis seines fünfjährigen—(hustend und lachend) bei Tag und Nacht betriebenen Studiums!... Haben Sie's gehört?... Eine Stellung a la Napoleon, eine Haartracht ä la Humbert, ein Schnurrbart ä ia Wilhelm...: die Frucht eines fünfjährigen Studiums in Europa! Das genüge für einen mo- dernen Menschen... aah!... (Tief Atem holend.) Eines Morgens drang wüster Lärm in mein stilles Zimmer... Tanzmusik, Lachen, Kreischen, Geräusch stampfender Füße. Ich begab mich leise nach unten, öffnete sachte die Tür ein wenig... niemand bemerkte mich. Mein Neffe hatte seine Schwester ans Klavier gesetzt, sämtlichen Dienerinnen und Sklavinnen, Hadschi Badschi, die Wirtschafterin mit inbegriffen. die Aermel aufgekrempelt, den Hals entblößen lassen— das sollte jedenfalls ckeeollete bedeuten— und lehrte sie Cancan tanzen? Ich versuchte, mich mit Geduld zu wappnen... es ging nicht. Ins Zimmer stürzend faßte ich den jungen Herrn bei seinen langen Haaren und zog ihn mit in den Selamlikflügel(Selamlik=5 Männerseite der türkischen Häuser). „Es wäre ihm«ine heilige Lebensaufgabe, seiner Grostmuttev Boccaccios Geschichten zu erzählen, den Sklavinnen und seiner Schwester des Leben und Treiben auf Moulin-Rouge zu veran- schaulichen..." Das ging mir denn doch wieder die Hutschnur. Ich sagte:„Mein Sohn, wirst Du denn nie begreifen lernen, daß Okzident und Orient nun und nimmer ineinander verschmelzen können?? Verstehst Du denn nicht, daß es keinen grösseren Gegen» satz gibt als türkisches und europäisches Wesen??,,. So höre zu:..." Ich nahm meinen ganzen Ernst zusammen, knöpfte mir den Rock zu, setzte die Brille auf, hustete und putzte mir die Nase. Dann sagte ich nochmals:„Also höre zu... Dies ist der erste Punkt: Bei uns beweist man seine Achtung, indem man sich den Kopf be- deckt und die Fußbekleidung ablegt, die Europäer zeigen sie, indem sie das Haupt entblößen und die Schuhe anbehalten.... Höre zu ... zweitens: Bei uns ist es von alters her Sitte, den unteren Stock den Bedienten zuzuweisen, in Europa schläft die Herrschaft unten, die Dienerschaft oben... Drittens: Die Teppiche, die wir unter unsere Füße breiten, hängen s i e an die Wände, hörst Du zu?... Viertens: Bei uns sitzt der Mann zur rechten. die Frau zur linken Seite, die Europäer machen's umgekehrt... Fünftens: Wir essen den Reis und die Makkaroni bei der Mahl- zeit zuletzt, jene zuerst... Scchstens: Unsere Erziehung gebietet uns, beim Essen möglichst wenig zu sprechen und tunlichst das Ser- vieren zu beeilen, jene halten im Gegenteil lange Reden, trinken den Kaffee, noch am Tische sitzend, und säubern sich sogar am Eßtische... Siäbcntens: Wir nennen es ungezogen, wenn sich die jungen Leute ins Gespräch der Alten mischen, in Europa ist cS' ein Zeichen von Klugheit... Achtens: Zwölf Uhr ist bei uns ent- weder morgens oder abends, bei jenen mittags oder Mitternacht... höre zu..." Das Wort„Mitternacht" hatte die Wirkung auf meinen Neffen, daß er zu schnarchen begann. Ich rüttelte ihn auf: „Ich bin noch nicht zu Ende... höre zu! Neuntens: Jene singeiB ihre Lieder im Stehen, wir im Sitzen... Zehntens: Wir be- trachten blaue Augen als mit dem„bösen Blick" behaftet, die Euro- päer verehren solche im Gegenteil so sehr, dast sie sich die Engel im Himmel alle blauäugig denken... Elstens: Wir fangen von rechts, jene von links zu schreiben an... Zwölftens: Jene haben in der Schrift Buchstaben, welche nicht ausgesprochen werden, wir sprechen dagegen ungeschriebene ans... höre zu... Dreizchntens: Wio stellen das Datum unserer Briefe unter, jene über diese... Vier- zehntens: wir nennen Genügsamkeit eine Tugend, jene schimpfen sie Faulheit... Fünfzehntens: Vor allem darf man sich bei ung nicht den Schnurrbart abrasieren..." bei diesen Worten erhob ich den Kopf... wo noch eben mein Neffe saß, war es öde und leer, er war einfach ausgekniffen... (Mit dem Fuße ausitampfcnd.) Jetzt wurde ich rasend. Noch ehe sich mein berechtigter Zorn legen konnte, hörte ich aus deo Richtung der Küche her verworrenes Geschrei... unser Neffe hatte dort von der süßen Speise die Mandeln nehmen wollen, und der Koch war gerade dabei, mich zu rufen: er verbäte sich, daß Leute mit solch ekelhaft langen Nägeln in seine Küche kämen... Unter- dessen hatte man Neffe dem armen Paroli, dem Kutscher, durch den Oberdiencr Hatschador die Hände binden lassen, um ihm den Schnurrbart abzurasieren« damit er schicker und mehr a la Itaasä aussähe! Der Oberkoch schäumte vor Wut; in det einen Hand schwang er drohend ein brennendes Stück Holz, in der anderen das Nudelholz:„Meine Ehre ist dahin, ich kann nicht in einem solchen Haus bleiben"... schrie er, blaurot im Gesicht. Das ging doch nicht, ich nahm meinen Neffen mit mir fort und schloß ihn im Harem ein. Es muhte Abhilfe geschaffen werden, wenn da noch etwas zu retten war. Ich entschloß mich, meinen Neffen nach ©ongoldack, einem Neste in Anatolien, als Ingenieur in das dortige Bergwerk zu senden, vielleicht würde es helfen. Ach... Songoldack sei gesegnet! Genau fünf Jahre nach diesen Ereignissen kam unser Held zurück— aus dem überschäumenden Champagner war süße, milde Milch geworden! Sei gesegnet, Songoldack.,, rtygiemlcke Klcidcmform. Di« ersten Versuche, die Frauenkleidung hygienisch zu refor- Mieren, wurden in Teutschland vor ungefähr 12 Jahren gemacht. Sie hängen eng zusammen mit den Bestrebungen, die Frau Wirt- schaftlich und sozial zu befreien und sie für die körperlichen An- Forderungen der Berufstätigkeit auszurüsten. Leider hat bei den Frauen des Arbeiterstandes diese Bewegung noch nicht den nö- tigen Anklang gefunden, obwohl es für sie von der größten Wich- tigkeit ist, dieser Frage nicht gleichgültig gegenüberzustehen. Denn die Vorteile einer gesundheitsgemäßen Bekleidung kommen am meisten denjenigen Frauen zugute, die sich ihren Lebensunterhalt selbst erwerben müssen und sich ihre Arbeit erleichtern und ihre Gesundheit erhalten wollen. Aller Anfang ist schwer. Auch die Reformbewegung konnte nicht vollendet beginnen. Während sie sich anfangs zu sehr auf die Grundsätze der Gesundheitslehr« stützte und etwas Puritanisches an sich hatte, hat sie sich heute sogar mit der Kunst verbunden und sucht die Kleidung dem Reiche der Schönheit und Jndividuali- tät zurückzuerobern. Sie ist bestrebt, das Kostüm dem zu großen Einfluß der Mode zu entziehen und es mehr ästhetischen und tektonischen Prinzipien zu unterwerfen. Einer der wichtigsten Punkte der hygienischen Kleiderreform ist die alte Frage des Korsetts. Schon vor IVO Jahren hat ein berühmter Anatom namens Sömmering in seinem klassischen Werke„Ueber die Wirkungen der Schnürbrust" energisch Protest gegen diese Modetorheit erhoben. Ihm haben sich besonders in neuerer Zeit Hunderte, ja Tausende von Aerzten und Hhgienikern angeschlossen, und ein gewisser Erfolg ist denn auch nicht zu leugnen. Viele Frauen haben sich endgültig entschlossen, kein Korsett mehr zu tragen, andere bekleiden sich wenigstens mit einer anatomisch'logischen Konstruktion. Dieser letztgenannte Vorteil kommt freilich der wenig bemittelten Frau nicht zugute, weil sie nicht imstande ist, den hohen Preis des Korsetts nach Maß zu bezahlen. Es ist darum nur wünschenswert, daß sich die Arbeiter- frau vom Korsett vollständig emanzipiert. Tatsächlich hat es weder hygienisch noch ästhetisch die geringste Berechtigung. Nur infolge verirrten Geschmacks find die Menschen dazu gekommen, den nicht geschnürten Leib einer Frau unschön, ja plump zu finden. An Beispielen der herrlichen Kunstwerke des Altertums sowie an Fraucnleibern. die sich ohne jeden beengenden Einfluß entwickelten, ist längst bewiesen, daß das, was man„Taille" nennt, nicht existiert. Die Seitenlinie des normal gebauten Weibes besteht in einer sanften Jnnenbiegung, die ohne Unterbrechung am Körper hcrabfließt, nicht aus zwei Linien, die sich in der Taille in einem Winkel treffen. Dabei treten die Hüften nicht übermäßig hervor, und die Umfangsdifferenz zwischen Brustweite und Taille ist mäßig. Jede Abweichung von der Natur aber bedeutet eine Mißbildung. Warum sollte bei der Frau die innere Form mit der äußeren Erscheinung nicht harmonieren und warum sollte das, was nackt als schön und normal empfunden wird, es nicht auch in Kleidung sein? Die gesundheitlichen Schäden des Korsettragens sind zu gut bekannt, als daß man lange dabei verweilen müßte. Es schädigt zwei der wichtigsten Lebcnsfunktionen— die Atmung und �die Blutzirkulation— erheblich. Durch den Druck, den das Korsett auf den Brustkorb ausübt, wird die Atmung gehemmt; die Lungen vermögen nicht genügend Sauerstoff aufzunehmen. Dieses Gas ist aber für das Leben so wichtig wie die Feuerung für die Dampf- Maschine. Wird der Körper nicht genügend damit gespeist, dann leiden alle Organe darunter. Am meisten braucht der Körper b e i der Arbeit von diesem Lebensstoff, weil bei der Muskeltätig- keit die Verbrennung am lebhaftesten vor sich geht. Wieder ein Grund, daß besonders die Arbeiterfrau sich vollständig vom Korsett lossagen sollte. Den schlimmsten Einfluß aber übt das Korsett auf die Baucheingeweide; diese werden nach unten gedrängt und funktionieren in der falschen Lage schlecht. Appetitlosigkeit, Ver- dauungsstörungcn, Verstopfung sind die Folge, ganz zu schweigen von den qualvollen Gallensteinleiden, Wandernieren, Schnürfurchen in der Leber und der Verlagerung der Fortpflanzungsorgane, be- fonders der Gebärmutter. Ich möchte hier einer Einwendung begegnen, die gewöhnlich gemacht wird. Der Arzt hat oft Gelegen- hcit, zu hören:„Ich schnüre mich absolut nicht, ich kann bequem beide Hände unter das Korsett stecken."— Man kann aber die Frauen sehr leicht von ihrem Irrtum überzeugen, wenn man da� Korsett öffnet, sie tief einatmen läßt und ihnen die entstehend« Distanz demonstriert. Das Korsett für alle Krankheiten der Frauen und für alle Schäden einer unhygienischen Bekleidung verantwortlich zu machen, wäre falsch. Es kommen dabei nah viele andere Momente in Betracht. Ein Hauptfehler ist, daß dv Frauen die Kleider an der schwächsten Stelle des Körpers, in der sogenannten Taille, aus- hängen, wo die inneren Organe ohne jeden Schutz sind. Zum Tragen der Kleidung müssen solche Punkte ausgewählt werden, die durch knöcherne Unterlagen eine Stütze gewähren, das ist der Schultergürtel und der Beckenring. Da der letztere am kräftigsten ist, soll er auch am meisten tragen. Eine weitere Forderung ist: das Gewicht der Kleidung mög- lichst zu verringern, um eine unnütze Kraftvergeudung zu ver- meiden und dem Körper größere Beweglichkeit zu ermöglichen, Dies wird erreicht durch Weglassen der Unterröcke und ihre Er- setzung durch die im Schritt geschlossene Reformhose, auch Kleiderhose genannt. Sie hält wärmer als zwei Unterröcke und schützt vor dem Straßenstaub besser als die offene Unterkleidung. Die Verminderung des Kleidergewichts ist besonders�von Wichtig- keit für diejenigen Frauen, die sich das Korsett abgewöhnen wollen. Sie fühlen sich nämlich anfangs haltlos und klagen über Rücken- schmerzen, da ihre verkümmerte Rückcnmuskulatur nicht mehr leistungsfähig ist. Die folgenden Zahlen sollen den Leserinnen den Vorteil der reformierten Unterkleidung demonstrieren: Die gewöhnliche Unterkleidung mit zwei Unterröcken wiegt zirka 24(X> Gramm. Die Reformunterkleidung, bestehend aus Hemd, Bein- kleid, Leibchen und Rockhose, wiegt zirka 1300 Gramm. Wird Hemd und Hose zur„Kombination" vereinigt, so wiegt sie nur zirka 800 Gramm. Die beiden Grundsätze: völlige Ent- lastung der Körpermitte von der Kleidung und möglichste Verminderung des Kleidergewichts— sollen bei der Verbesserung der Frauenkleidung stets als Nicht- schnür dienen. Die einzelnen nach diesem Prinzip hergestellten Kleidungs« stücke sind in der Reihe, in der sie angelegt werden, folgende: Hemd und Beinkleid kann getrennt oder als„Kombination" ge- tragen werden. Wird die Hose gesondert angelegt, so wird sie am Leibchen aufgehängt oder der Rockhose eingeknöpft. Das Leibchen ist der Träger der Unterkleidung; es hat die Ausgabe, teilweise das Gewicht der Kleidung auf die Schultern zu übertragen. Aus waschbarem Stoff, ohne Stäbe und Stangen, muß es so bequem gearbeitet sein, daß es bei tiefster Einatmung, also bei größter Ausatmung des Brustkorbes, keinen Druck ausübt. Es ist vorne mit Knöpfen geschlossen, die Achselbänder sollen tadellos sitzen; auf beiden Seiten sind unterhalb der Taillenmitte übereinander Knöpfe angebracht, die zum Aufknöpfen der Unterkleidung dienen. An diesen Knöpfen werden das Beinkleid, di� Strumpfbänder und eventuell ein leichter Unterrock befestigt, sofern ein solcher wegen besseren Sitzes des Kleides wünschenswert erscheint. Die Rockhose ruht ohne besonderes Befestigungsmittel mit breitem Bund direkt auf den Hüften. Die Kniestrumpfbänder sind ganz unzweckmäßig, da sie zu Stauungen in den Unterschenkeln führen und zu Krampf- ädern Veranlassung geben, wozu die Frauen infolge der Geburten ohnehin genug disponiert sind. Auf dieser verbesserten Unterkleidung soll ein passendes Ober- gewand aufgebaut werden. Die moderne Kleidung ohne Korsett zu tragen, wäre ebenfalls gesundheitsschädlich, da die Röcke die Taill- doch einschnüren. Ein so reichhaltiges Thema aber im engen Nahmen einer kurzen Erörterung eingehend zu behandeln, ist unmöglich. Es sollen hier nur die Grundzüge angegeben werden. Das Obcrkleid kann im Ganzen oder in zwei Teilen gearbeitet sein. Künstlerisch am wirksamsten ist entschieden das erstcre. Guter Schnitt ist hier unerläßlich: das Kleid schmiege sich dem Oberkörper an, das sackartige ist zu vermeiden. Das Gewand kann aber auch lose in einem einzigen Wurf von den Schultern fallen— besonders Künstler wie van de Velde lieben diese Form. Die Einheitlichkeit der Linien, die Harmonie der Farben ist das Ausschlaggebende. Alles Uebermaß von Garnierung, alle Ucberreste von Verzierungen, alle Schleifen, Volants, Falten und Puffs sind, sofern sie nicht einer inneren künstlerischen Not- wendigkeit entsprechen, wegzulassen. Die Kleidung der Gegenwart enthält viel zu viel entartete Bestandteile, viel zu viel Willkür» liches. Es ist wünschenswert, daß die Frauenkleidung moralisch und ästhetisch den Wert zurückerobert, den sie früher in manchen Zeiträumen besessen hat. Geeignete Ornamente zu erfinden und sie in Stoff oder Stickerei auszuführen, wird Frauen mit Ge- fchmack und Handfertigkeit nicht schwer fallen. Auch die Kurbel- stickerei wird immer billiger, und die Ausgaben für eine solche Verzierung sind nicht viel größer als für den gewöhnlichen Ausputz. Beliebt, weil sie billig und praktisch, sind die Blusen. Mit einem Miederrock zusammen, der bis unterhalb der Brust reicht, sind sie eine hygienisch durchaus einwandsfreie Bekleidung. Durch Achsclbändcr wird der Rock von den Schultern mitgehalten. Die Bluse kann auch über dem Miederrock getragen werden, und diese Kleidung unterscheidet sich dann äußerlich in nichts von der mo- deinen Kleidung. Sie muß dann einen selbständigen Abschluß haben, der auch durch einen lose angearbeiteten Gürtel erreicht wird. Statt der Bluse kann auch ein Jäckchen aus gleichem Stoff wie der Rock verwendet werden. Wird die Bluse aber unter dem Miederrock getragen, dann müssen die angeschnittenen Achsel- teile geschmackvoll gearbeitet sein, da sonst diese Form der Klei- dung nicht schön wirkt ' Man könnte Vach diesen Ausführungen meinen, daß die Re- formbewcgung den Frauen eine Uniform vorschreiben wollte und »atz diese Kleidung nicht vielseitig genug sei. Das Gegenteil ist der Fall. Die Rcfvrmkleidung ist abwechslungsreich genug und-mch wie vor soll sich die Frau nach ihrem Geschmack kleiden. Es sollen nur einige Grundsätze bei dem Aufbau festgehalten werden. Der hygienische Erfolg der Reformbekleidung wird erst dann jein endgültiger und vollkommener sein, wenn diese beim Kinde einsetzt. DaS heranwachsende Mädchen ist vor allem vor den Gefahren und Schäden des Korsetts zu bewahren. Seine körper- liche EntWickelung durch Einschnüren zu beeinträchtigen und zu hemmen, das ist ein schweres Vergehen. Sollten sich schon die Frauen nicht allgemein entschlictzen, zur Reformkleidung über- zugehen, so mögen sie doch wenigstens nie und nimmer dulden, datz ein Mädchen bis zu seiner vollständigen Reife, das heitzt bis zum W. Jahre, ein Korsett oder beengende Kleidung trägt. Aon hervorragend hygienischer Bedeutung ist auch die Schuhfrage. Die Aerzte, besonders die Chirurgen, bekommen sehr viele Erkrankungen der Fütz- zu sehen, die durch schlechtes Schuhwerk entstanden sind. Die gebräuchliche Schuhform ist fehler- Haft konstruiert. Unter Hunderten von Menschen finden wir kaum einen, der noch einen normalgcbauten schönen Futz hat. Beim not» malen Futz steht die grotze Zehe in einer Linie mit dem Innen. irand des Futzes, sie weicht sogar etwas nach innen ab, nie aber ist sie nach der Autzenfeitc des Futzes gewendet, und nie sind die übrigen Zehen verkrüppelt. Ein hervorragender Züricher Anatom, Hermann von Mayer, war eS, der von dem gesunden Futz ver- langte, datz eine Linie, die durch die Spitze der grotzcn Zehe ge- zogen wird, die Mitte des Fersenhackens trifft. Der Jnncnrand des normalen Futzgewölbes mit der grotzen Zehe ist ferner höher ialS ocr Autzenrand mit der kleinen Zehe. Der Konstruktion des Futzes trägt der moderne Stiefel nicht Rechnung; er läuft vorne meist spitz zu, die Innenseite weicht nach der Autzenfeite statt nach der Innenseite des Futzes ab. und die grötztc Höhe hat der Stiefel in der Mittellinie. Abgesehen von der ästhetischen Seite wird der Futz durch die fortwahrende Deformicrung geringer in seiner Leistungsfähigkeit. Biel« Menschen erwerben so verschieden hohe Grade von Plattfutz, leiden an Hühneraugen und Nagelentzün» düngen, besonders an der grotzen Zehe. So einfach nun die For- derung ist, daß sich das Schuhwerk nach dem Futz und nicht umgekehrt der Futz nach dem«Schuhwerk zu richten hat, so besteht doch wenig Hoffnung auf eine baldige und umfassende Reform des Schuhwerks, weil die praktischen Schwierigkeiten einstweilen zu grotz sind; doch wünschen wir, datz spätere Generationen nicht mehr aus eigener Erfahrung wissen, welche Oualen ein Stiefel von der gegenwärtiges schlechten Form verursachen kann. Dr. med. B. Steininger. Oer berliner Sispalaft. — Hn anderer Stelle unseres Blattes war unlängst ein treffendes ßMd nicht gerade rühmliches Bild von dem.gesellschaftlichen" Leben jund Treiben im Eispalast entworfen. Vom technischen Stand- Punkt ans aber ist die Anlage zweifellos sehr interessant und gut durchgeführt. Der Gedanke, sich bei der Ausübung des Schlitt- fchuhsports von Jahreszeit und Witterung unabhängig zu machen. ist nicht neu. Schon auf der Ausstellung in Frankfurt a. M. im Jahre 1881 gab es einen zirka b00 Quadratmeter grotzen künst. Richen Eispalast. In der Folge entstanden in verschiedenen Städten, hauptsächlich in Paris und in England künstliche Bahnen, die aber alle von der neuen Berliner Bahn überflügelt sind. In einem Gebäude von 81 Meter Stratzcnfront untergebracht, bietet der Eispalast eine künstliche Eisfläche von 56 Metern Länge und 34 Metern Breite, also von rund 1900 Quadratmetern; eine Fläche, die dreimal so grotz ist wie die des berühmten ,?ulai3 cke glace"-in Paris. Das künstliche Eis wird dadurch erzeugt. datz der Boden der Halle mit einem Röhrensystem von über 20 000 Meter Länge bedeckt ist, in dem eine Salzlösung von 10 Grad Kälte zirkuliert. Dadurch wird das diese Röhren überflutende Wasser zu einer Eisschicht von fast 12 Zentimeter Stärke gefroren. Der Boden, auf dem diese Röhren ruhen, ist durch Korksteine, ver- ! schiedenc Lagen von Zement und Asphalt sorgfältig isoliert, so datz das Röhrensystem die Külte nur an das Wasser und nicht an den Boden abgeben kann. Das Abkühlen der Salzlösung auf 10 Grad Kälte— eine Salzlösung kann bekanntlich im Gegensatz zu reinem Wasser unterkühlt, d. h. auch unter 0 Grad flüssig erhalten werden— geschieht durch eine Kühlanlage nach dem„Schweflig- Läure-Kompressionssystem" von Borfig, das auch für Fabriken zur Herstellung von künstlichem Eis verwendet wird. ..Schweflige Säure" ist bei normaler Temperatur und normalem Druck ein gasförmiger Körper. Diese schweflige Säure wird nun in Kompressoren, die durch eine Dampflokomobile angetrieben werden, verdichtet und erhält so die Eigenschaft, sich schon bei Lv bis 30 Grad Wärme in eine Flüssigkeit zu verwandeln. Die» geschieht in einem sogenannten Kondensator, da die Säure durch die Kompression stark erhitzt ist. unter Zuhilfenahme von Kühl- Wasser, Wenn nun diese verdichtete flüssige schweflige Säure plötzlich unter normalen Druck gesetzt wird, so verdampft sie. d. h. sie wird gasförmig. Dieses Verdampfen kann jedoch nur dadurch geschehen, datz die dazu erforderliche Wärme der Umgebung ent» zogen wird, wodurch diese sich entsprechend abkühlt. Dies Vergasen geschieht im Verdampfer, einem Röhrensystem, in daS die flüssige schweflige Säure eingeleitet wird und daS in einem Behälter mit Salzwasser eingebettet ist. Beim Verdampfen wird diesem Salzwasser Wärme entzogen, es wird bis auf 10 Grad unter Null abgekühlt. Durch Pumpen wird diese kalte Salzlösung in die Röhren der Eislaufhalle gedrückt, und sie erzeugt dort durch Abgabe ihrer Kälte die künstliche Eisfläche. Die nun gasförmige schweflige Säure wird im Kompressor wieder verdichtet, dann ver- flüssigt usw., so datz sie einen fortwährenden Kreislauf durchmacht, ohne datz neue schweflige Säure erforderlich wäre. Ebenso wird die nach Abgabe ihrer Kälte wieder wärmer gewordene Salz- lösung in den Verdampfer geleitet und dort von neuem abgekühlt. Die Kompressoren werden, wie bereits erwähnt, durch eine Loko- mobile von 250 Pferdestärken angetrieben, ausserdem sind als Reserve 2 Elektromotoren vorhanden, die vom Netz des Charlottenburger städtischen Elektrizitätswerk gespeist werden können. Die Gesamtanlagekosten betrugen nach der Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure etwas mehr als 4 Millionen Mark, von denen aber lü Millionen auf den Grunderwerb, 1,8 Millionen auf die Herstellung der Baulichkeiten und nur M Million guf den maschinellen Teil selber entfallen. Sth, Kleines f euilleton» Medizinisches. Der Honig als Nähr- und Heilmittel. Wenn es auch viele Menschen gibt, die den Honig wie den Zucker nicht ver« tragen, indem er ihnen saure Gärungen im Magen, Sodbrennen usw. verursacht, so ist doch für Kinder der Honig seiner Leichtverdaulich- keit und seines Wohlgeschmackes wegen meist sehr nützlich und eignet sich besonders für sich matt fühlende und rasch wachsende Kinder. Infolge seine? hohen Zuckergehaltes er- zeugt der Honig viel Körperwärme, bei Verdauungs- schwäche, Blutarmut und Bleichsucht leistet er daher meist gute Dienste. So lange man Zucker nicht im Uebermatz genietzt, find keine unangenehmen Nebenwirkungen zu befürchten. Die leicht abführende Eigenschaft des Honig« ist sehr schätzbar. Die sehr weit verbreitete Metimng, datz Zucker und Honig die Zähne angreifen, übertreibt sehr. Jedenfalls kann man davon nur sprechen, wenn jede Mundpflege fehlt. Viele Menschen benutzen den Honig, um Magenunruhe, die Zwerchfellkrampf(Schluchzer) hervorruft, mit Honig zu bekämpfen. Auch kommt dem Honig eine gewisse antiseptisch« Wirkung zu: er stört die Pilzbildung und wird daher gegen die Mundschwämmchen der Säuglinge mit Erfolg angewendet. Auch sonst wird der Honig noch ärztlich empfohlen bei Husten. Schnupfen, Berschleimnng, gegen Krankheiten der Mundhöhte, drS Schlundes und der Btmungsiverkzeuge. Als Beruhigungsmittel wird der Honig bor dem Schlafengehen geno, innen: etwa zwei Teelöffel voll. Dies ist besonders nervösen Personen zu empfehlen. Werden onig nicht unvennengt genietzen kann, nehme ihn in Milch, kaltem affee oder in Wasser. Technisches. Eine Uhr, die nicht aufgezogen zu werden braucht, hat ein Franzose, Paul Cornu, erftinden. Sie wird weder durch eine Feder noch durch ein Gewicht betrieben, sondern durch die Wärmewirkung eiuer Spirituslampe. Unter der Uhr befindet sich ein zhlindermörmiger Behälter, der zwei Liter Allohol fatzt und eine kleine, auf einem Ende der Oberseite angebrachte Lampe speist. Die Wärme der Flamme erhitzt ein kleines Gesotz von der Form eines Hohlspiegels, das an einem Ende einer Röhre ange- bracht ist und an dessen anderem Ende durch ein gleiches Gesätz balanziert wird. Diese Röhre dient als Pendel, das aber nicht wie ein gewöhnliches Uhrpendel an einem Ende, sondern in der Mitte aufgehängt ist und so seine Schwingungen ausführt. Die Bewegungen des Pendels werden direkt auf den Minutenzeiger übertragen, der seinerseits den Stundenzeiger kontrolliert. Die Einzelheiten der merkwürdigen Konstruktion sind in der Wochen- schrift„English Mechanic" ausführlich beschrieben. Wie man sich denken kann, ist für einen glcichmätzigen Betrieb dieser Wärmeuhr im besonderen eine Regelung der Spiritusflamm« nötig, die durch eine Mikrometerschraube erfolgt. Diese Schraube hält nicht nur die Flamme stets in gleicher Höh«, sondern gestattet auch, den Gang der Uhr zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Ein Aufziehen der Uhr im gewöhnlichen Sinne ist selbstverständlich nicht nöttg. Die einmalige Füllung des Behälters genügt für einen ganzen Monat, dann mutz die Füllung ergänzt werden, worauf die Uhr von neuem einen Monat lang geht. DaS einzige, was der Erfinder des sonder- baren Zeitmessers als Geheimnis für sich behalten hat, betrifft die Konstruktion des Röhrenpendels. Darüber wird nur soviel mit- geteilt, datz das kegelförmige Gesätz auf der einen Seite eine Flüssigkeit enthält, die bei der Erhitzung durch die Flamme durch die Röhre hindurch auf die andere Seite flietzt und das Pendel so in Schwingungen versetzt. Wenn diese einfach erscheinende Kon- struktwn wirklich zuverlässig sein sollte, so würde sie in der Tat eine außerordentliche Vereinfachung der Uhr bedeuten. Lrrpptwortl. Redakteur: KanS Weber, Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Uaul Singer LcCo., Berlin �Vi!»