Mnterhaltlmgsbsatt des Vorwärts Nr. 103. Sonnabend, den 29. Mai. 1909 �Nachdruck derdoksn� i] Lebensfreude, Bauerngeschichte von G u st a v Wied. Autorisierte Ueber- setzung von Alfons Fedor Cohn. (Schluß.) w' Der kleinere Tisch war wieder in den Tanzsaal gebracht und mitten unter die„Krone" gestellt worden. Der Punsch stand und dampfte in einem gewaltigen Topf; und um den herum standen sämtliche Spülnäpfe und Tassen des Hofs. Schuhmacher Hansen schöpfte das Getränk aus der Bowle Mit einer Grützkelle. „Langt zul" sagte er und reichte die Tassen umher nach ollen vier Weltecken.„Das ist 2jr l e i s ch suppe, das hierl Das ist. hol mich der Deibel, Fleisch suppe, die aus einem fetten, alten Weinhändler gekocht, hudd, huddl Habt Ihr auch alle bekommen? Die Damen auch? Dann müssen wir ein Hoch haben I Singt mit: Ein Hoch woll'n wir bringen, Ole Kanstrup zu singen. Hurra... �„Das ist m e i n Hoch! Das ist m e i n Hoch!" sagte Ole, der noch drin am Spieltisch saß. In das müssen wir ein- stimmen und trinken!" „Spielen wir Mies oder spielen wir Hallo!" fragte Nasmus Nielsen. Und Schande soll's dem geben, Der Ole Kanstrup nicht läßt lebeit, Hurra, hurra— al Das war'n Hoch, ja— hurra l -„Ich muß wirklich'rein! Wir können ja nachher weiter- spielen." Und Ole stand schnell vom Stuhl auf und xilte in den Saql. Ole Kanstrup lang lebe, Hurra— a— al In Freud' und Wohlstand schwebe=; Hurra— a—al „Danke, Hansen! Danke, danke!" Und ebensoviel soll er ernten' im nächsten Jahr wie in diesem, Hurra— a—al „Danke, danke!" Und alle miteinander woll'n wir zum Erntefest wieder kommen, Hurra— a—al „Danke, Hansen! Danke, danke, alle miteinander!" Ole ging breit lächelnd umher und stieß seine Tasse gegen die der Gäste. Ein Hoch woll'n wir bringen Madam Kanstrup zu singen zi r' Hurra..» fing der Schuhmacher wieder an, und der Chor stimmte ein. Die Madam hörte das Hoch mit niedergeschlagenen Augen und der Punschtasse in den gefalteten Händen vorm Magen an. „Wirklich schönen Dank, Hansen!" sagte sie und stieß rn her Runde an., „Meine Damen und Herren!" begann der Landwirt- schaftseleve von Skastegaarden.„Wir Agrarier..." Ein Hoch woll'n wir bringen, Jungfer Kanstrup zu singen. Hurra.«, sang Hummel aufs neue und ertränkte die Rede des Eleven. „Verfluchter Kerl, der Schuhmacher!" nickte Ole.«So 'ne Stimme!" '. Nach Marthes Hoch wurde eins auf die„Jugend" aus- gebracht, darauf auf die Musik und dann„die Alten" und schließlich auf„unsere Gesellschaft". Aber da war auch kein KZunsch mehr im Topf...._ �» ■-„Gutnacht, Herr Kanstrup.-. Sie sind. 7» Sie sind mein Freund! Und danke für heut' abend!", „Was Deibel, Baldrian, sind Sie recht bei Tröste?"> .„Ich muß notwendig.rweise... zu mir nach Haufe.., Herr Kanstrup!" Der Tischlermeister stand steif und bleich mit seinem Kopfschornstein in der Hand. Er hatte auch die Handschuh angezogen. „Sind Sie verdreht, Baldrian? Was, Deibel, wollen Sie zu Hause?" l„Jch muß... notwendigerweis» in mein,,. Bett!" murmelte der Tischler. „Gott, Baldrian, Du bist ja besoffen!" � Die Frau war dazugekommen. „Ja... mein Kind!" sagte Baldrian und versuchte det Madam unverwandt in die Augen zu sehen. „Ja. aber Du hast ja gar nichts getrunken: Du bist ja in der Mäßigkeit!" � „Nein, was... getrunken, das-,. das Hab ich nicht.., Herzchen!" „Ja, aber Satan, wie kannst Du dann aber so besoffen werden?" fragte Rasmus Nielsen, von der höchsten Vcr, wunderung ergriffen... „Das will ich Ihnen sagen, Herr... Herr Nielsen!... Das wissen Sie nicht und ich auch nicht! Aber Weng Sie.., einen Kleiderschrank haben wollen... mit Rie.., Riegeln... mit drei Reihen Riegeln..." „Platz! Vorgesehen!" kam's von den jungen Kerls, da die Musik gleichzeitig aufspielte. Eine sechs, sieben Paar legten los auf dem Boden, und Baldrian wurde rücklings in eine Ecke geschleudert, wo er auf eine Bank sank. Zwei Minuten später schlief er mit dein Kopfschornstein über den Ohren. Der Tischler war der einzige gewesen, der auf eine für Götter und Menschen unbegreifliche Weise von dem Punsch totgschlagen worden war. Die anderen Gäste lebten im Gegenteil auf. Auch die ältesten Privatlöffel, die vorher das Bedürfnis nach dem Bett gefühlt hatten, tummelten sich hin zu einer Dame, machten einen Kratzfuß und fuhren sie trotz Gicht und Hühneraugen in seltsamen Windungen auf dem Boden umher.. Die Musik hatte wieder mit einem kreischenden Tiroler Walzer eingesetzt. Die Violine trat den Takt mit ihrem eisenbeschlagenen Absatz gegen den Bottichboden. Es klang wie Hufschlag auf einer Brücke.-_ Alle wollten nun los. Man puffte und drängte und quetschte sich. Man hörte Kreischen und Schreien und Ge- lächter. Rasmus Nielsen tanzte mit einer Dame an jedem Arm. Der Schweiß troff ihm das Gesicht hinab, und sein Zelluloidkragen war gerissen. Hummel hatte wieder Madam Kanstrup gefaßt und schwang sie, daß ihr wollener Rock um sie stand wie ein Großsegel. Die Lichter flackerten und hüpften wie Irrlichter. Ein paar von ihnen gingen aus. „Ich kann nicht mehr, Hansen! Ich kann nicht mehr!" stöhnte Sofie und sank auf der Bank neben Baldrian um. „Ach Gott, ach Gott!" pustete sie.„Aber Spaß macht doch Spaß!" „Kette!" brüllte plötzlich der Schuhmacher.„Kette! An- gefaßt, angefaßt!" Und er kriegte die Madam wieder bei der Hand und zog sie von der Bank auf. „Kette! Kette!" Rasmus Nielsen nahm Sofie an die andere Hand. Und noch ein Paar kam dazu und noch ein Paar. „Hoch, alle miteinander!" rief der Schuhmacher, der an» führte.„Hoch mit der ganzen Klirreseil Galopv, Musik! — Los, Galopp!" Die Musik ging über in einen sausenden Galopp, und Hansen flog rum mit der Kette, daß es in den Gliedern knackte. „Die auf den Bänken auch mit!" � „Nee, nee!" schrien die Alten. .„Ja, ja!" riefen die Jungen.- Und die runzligen Mütterchen, die nur auf den Hof ge- kommen waren, um zu essen und sich ihrer Jugend zu er« innern, mußten mit, ob sie wollten oder nicht. Es»rot kaum Wah, um noch cincn Zcli zu rühton. Man poud aneinandergepreßt wie bin Tasten eines Klaviers und mußte sich damit begnügen, aus und nieder zu hüpfen. Da rief plötzlich einer: -„'raus in den Garten!'raus in den Garten!" Und durch die offene Gartentür wälzte sich der ganze Menschenhaufen: über die Türschwelle, die Steintreppe hin- unter, hinaus auf die Kicsgänge und den braunen halbwelken Nasen. „Die Musik muß mit! Die Musik muß mit!" schrie da ein anderer. Und die Musik krabbelte vom Bottich herunter und stellte sich in die Türöffnung und kreischte auf der Violine und schnarrte auf der Klarinette, daß die Spatzen unter dem Strohdach aus ihren Nestern fuhren und der Kettenhund drüben an der Einfahrt zu bellen begann. Es war keine Ordnung mehr in den Reihen, keine Kette. Man nahm einander um den Leib oder bei den Schultern und walzte herum: oder man tanzte in Haufen von dreien, vieren. Uebcr Gänge und Rasen und Blumenbeete ging's unter Lachen und Freudcgeheul. Ole Kanstrup und Rasmus Nielsen schaukelten'rum in inniger Umarmung und schworen einander ewige Freund- schaft. Hummel Polkate unter beständigem Summen vor Frau Schneidermeister Rasmussen, die in einem Stachelbeerstrauch hängen geblieben war. Drei junge Mädchen schnurrten angefaßt um einen sieb- zigjährigen Bauersmann, der aussah, als ob er seekrank wäre. Madam Hansen und Madam Kanstrup saßen mit ihren Allerwertesten mitten in einem Asternbeet und lachten, daß sie beinahe platzten. Und unter dem Lindcnbaum schlug der Landwirtschafts- clcve von Skaftegaarden die Arme um Marthcs Hals und küßte sie dreimal auf den Mund, bevor sie ihm sagen konnte, er sollte es sein lassen.... Aber drin in dem leeren staubigen Saal saß, gegen die Wand gelehnt, in einsamer Hoheit der Abstinenzler Tischler- meister Kristian Baldrian— der Dummerjan! Pfingstsport im 1V!ittela!ter. Sommer und Winter galten in grauester Vorzeit als Götter- gestalten. Ta man ihr Wirken draußen in Wald und Feld in so überzeugender Weise wahrnehmen konnte, waren auch die Feste, die man ihnen zu Ehren beging, Naturkeste. Ter Kampf zwischen dem Frostricsen Winter un« dem juZigcn Held Frühling gab Anlaß genug, einen Teil der Festlichkeiten mit Kampfspielcn aus- zufülleo. Und wenn in manchen Gegenden zum Pfingstfest noch heute zwischen zwei Jungburschen ein Kampf ausgekämpft wird und der eine der Kämpfer in Heu und Stroh, der andere in frisches Grün und Birkcnlaub gekleidet ist, so soll das nichts anderes darstellen als den Kampf zwischen Winter und Frühling. Wie in altgermanischer Zeit am Maitage die Stammes- und Gaugenossen zum„Maifeld" zusammenzukommen pflegten, so hat sich hier und da in allerhand Formen die Sitte geselliger Zu- fainmenkünfte der Nachbarn zu Pfingsten herausgebildet und bis heute erhalten. Tie Geschichte erzählt von dem großen Pfingstfest des Jahres 1184, da Friedrich Barbarossa alle Fürsten und Edlen des Reiches nach Mainz entbot und seinen Söhnen dort die Schwertleite erteilte. Uebcr 70lMX> Ritter und Knappen sollen diesem großartigsten aller Maifeldcr beigewohnt haben. Es liegt auf der Hand, daß auf solchen Festen vor allem Ritterspicle, Tur- uiere, ausgefochtcn wurden. Nicht selten ward aus dem Spiel aber blutiger Ernst. Im Jahre 1257 ließ Adolf der Lange sein Leben auf dem Pfingstturnier zu Reuß, und Graf Eberhard vom Berge kämpfte 1855 auf einem Waffenspiel zu Schleiden so hart mit dem Grafen zu Blankenhain, daß beide, von ihren Speeren durch- rannt, von den Rossen stürzten. Als vornehmste Art des Turniers galt das S ch a r f r c n n e n. ein Spiel, das selbst von den Fürsten flnit Vorliebe gepflegt wurde. Weniger gefahrbringend war das Lanzenbrechen, bei dem die Ritter in voller Rüstung mit stumpfen, aus Fichtenstangen gefertigten Specren sich aus dem Sattel zu heben suchten. Bei dieser Hebung zersplitterten oft 10—20 Lan- zen, ehe ein Kämpfer auf dm Sande lag. Obwohl die Päpste, die in diesen ritterlichen Spielen eine Entweihung des Feiertags Iahen, aufs heftigste gegen eine der- artige Pfingstfcier eiferten(namentlich Jnnocenz IL), vermochten wre Bestimmungen doch nicht zu verhüteir. daß selbst hohe und bornehnie Vertreter des Klerus derartige Spiele veranstalteten. Erzbischof Dietrich von Mainz veranstaltete im Jahre 1480 ein Turnier und erwiderte zu seiner Entschuldigung auf eine Vorhal- Bing des Papstes Sixtus,„daß diese Waffenspicle nicht gehalten' würden, sich zu schädigen oder damit zu prahlen, sondern einzig um den Geist der Rüstigkeit dem deutschen Volke zu erhalten". Mit der Ausbildung der Feuerwaffen verblaßte der Glanz der Ritterspiele wie ja der des Ritterwesens überhaupt. Als Zeichen ritterlicher Fertigkeit bleib allein die Ausbildung int Reiten bestehen, und um diese gelegentlich im Spiel zu bekunden, trat an Stelle der Turniere das Ringelrennen und Ringeftcchcn: Spiele, die namentlich am Hofe des Markgrafen von Branden- bürg gepflegt wurden. Dabei jagten die Teilnehmer zu Roß hintereinander her und versuchten mit einer Lanze die oberhalb der Bahn aufgestellten Metallringe aufzufangen. Aus diesen» Spiel hat sich das Karussel entwickelt, einstmals eine Belustigung für die„Großen", denen das Reitspiel auf lebenden Pferden jj» gefährlich war, später ein Vergnügen für die Kleinen. Die Rcitcrspiele haben sich bis heute, wenn auch in stark verblaßter Form, in verschiedenen Gegenden und Ortschaften er» halten. Im Harz wie in den Dörfern Sachsens und der Mark pflegt man zu Pfingsten das Kranzstechen; auch in Niederbayerr» und Oesterreich-Schlesien kennt man derartige Reiterspiel« noch, in denen die Bauernburschcn mit ihren braven Ackergäulen„Turf" spielen. Mit dem Emporblühen der Städte legte sich die Bürgerschaft ähnliche Rechte zu, wie sie einstens den Rittern zugestanden waren. Es entstand Waffenrecht und Bürgerwehr. Man übte sich im Speerwurf und Armbrustschießen und setzte Preise für die besten Leistungen aus. Ziemlich früh begegnen wir bei diesen Festen der Königswürde. Auch das Pfingstschießen, wie das gesamte Schützenwcsen überhaupt, ist auf das altgermanische Frühlingsfest der Befreiung der Sonimcrsonne aus der Macht des Winters durch Ritter Georg zurückzuführen, woraus auch zu erklären ist, weshalb in Süddeutschland derartige Spiele am 23. April, dem St. Georgs- tage, ihren Anfang nehmen. Nach alten Chroniken waren die ältesten Schützcngilden Deutschlands, der Niederlande, Englands und Frankreichs ursprünglich„St. Georgs-Brudepschaften", die den Drachentöter als Wahrzeichen in ihren Schützenkleinodien führten. In Antwerpen, Brügge und Gent lassen sich die Arm<- brustschützen der Georgs-Bruderschaften bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgcn. In Frankfurt a. O. wurde 1400 dem heiligen Georg und der heiligen Barbara ein besonderer„Schützenaltar" gestiftet. In der dänischen Stadt Aalborg, im mecklenburgischen Wismar und in Hildesheim, wo schon im 14. Jahrhundert die reichdotierte„Papegohengesellschaft" Papcgoyen- oder Vogelschießen abhielt und auch anderwärts wurde der Schützenkönig ausdrücklich zum„Maiengrafen" proklamiert. Die Sitte des Pfingstvogelschießens hatte in Deutschland aber viel früher Eingang gefunden. In Schlesien z. B. wurde sie durch den Herzog Bolislaus I. eingeführt, der am Pfingstmontag des Jahres 1280, wie eine alte Chronik erzählt, in Schweidnitz zum erstenmal nach einem auf einer Stange errichteten Adler „mit Poitzen und Armbrüsten" schießen ließ. Von da kam dieser Pfingstbrauch nach Breslau, wo das Pfingstschießen durch die bald zur Blüte gelangende„Schützenbrüderschaft vom Zwinger" zum größten Volksfest wurde, wie denn die Schützrnbrüderschaften immer mehr als die leitenden Träger der Volksfeste hervortraten und bei hoch und niedrig in Ansehen standen. Neben St. Georg werden auch St. Fabian und Sebastian als Schutzpatrone der Gilden genannt, zu deren Festtagen eine„solenne Messe unter schöner Musika" für die gesamte Bruderschaft gehalten wurde. Ursprünglich war in den Brüderschaften nur die„vornehmste Bürgerschaft" vertreten. Nach 1566 traten aber auch die Hand- werker zu solchen Gesellschaften zusammen. Den Anlaß dazu gab ein Befehl Kaiser Maximilians II. an die Bürger der Städte, wegen drohender Türkengefahr sich fleißig im Schiehen zu übenl Die einstige Bedeutung dieser Pfingstschießen war indessen schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts erloschen. Längst nicht mehr hüllte der Vertreter des Winters sich in Heu, Stroh und Strauchwerk, ebenso verzichtete der Darsteller des Sommers auf Laub- und Blumenschmuck. Schließlich blieben diese Gestalten dem Feste gänzlich fern, und die Feier wurde in den Mittsommer verlegt. Wie sehr das Verständnis für altgermanische Bräuche bereits vor 300 Jahren geschwunden war, beweist das Vorgehen eines Rostocker Predigers, namens Nikolaus Gryse, der das Vogel» schießen als Verspottung des Heiligen Geistes ansieht! Tvr ab- zuschießende Vogel, der heute zumeist durch einen vielstrahligcn Stern ersetzt ist, soll nach ihm die Pfingsttaube sein, während' er doch der Papegoy der alten Schützcngesellschaften ist, der aus dem Winterdrachcn der Alten hervorgegangen war. _, C. Schenk! in g. Im JMaHrilcKen IMufeurn. 7. Kulturgeschichtliches. Vorderhand kann es nur ein frommer Wunsch bleiben, wenn auch ein bei der nunmehrigen Bedeutung Berlins sehr berechtigter" Wunsch, ein möglichst lückenloses Material zur Kulturgeschichte im städtischen Museum vereinigt zu sehen. Originale oder Kopien und Modelle all jener handgreiflichen und sichtbaren Gegenstände, die im täglichen Leben des vergangenen Berlin ihren Platz hatten, und zu denen sich die historische Phantasie gewissermaßen nur den nackten Menschen hinzuzudenken hat. Natürlich erschafft sich so vorwiegend nur die Außenseite der Vergangenheit; wegen ihres geistigen Ge-- Halts wird letzten Ende? tnimcr noch die Literatur zu Rate gezogen werden müssen. Die Schaustellung muh durch eine Bibliothek ergänzt werden. Die Göritz-Lübeck-Stiftung, bestehend aus der historischen Sammlung Lübeckschen Vermächtnisses sowie aus der unvergleichlich reichhaltigen und wert- vollen Bibliothek deutscher Schvnliteratur, die der frühere städtische Lehrer, Herr Göritz, jahrzehntelang unter großen persönlichen Opfern gesammelt hat und jetzt noch, hochbetagt, allein und in eigener Person verwaltet, könnte solchen Zwecken aufs beste dienen. Jedoch sie ist in der Bauanlage des Ganzen so schlecht(mit Kellerräumen) bedacht, daß ihre Benutzung lediglich im Bibliothekarzimnier für einen, höchstens zwei Besucher zu gleicher Zeit möglich istl Für den, der die einschlägige Spezialliteratur sucht, sind da immer noch die Be- stände der Stadtbibliothek in der Zimmerstraße sowie der Magistrats- bibliothek auf dem Nathaufe(hier vorwiegend zur Verwaltungsgeschichte) leichter erreichbar, zumal da auch die eigentliche Bibliothek des Märkischen Museums dem Besucher nicht nur unzugänglich, sondern auch so gut wie unsichtbar ist. Hinter den holzgeläselten Wänden des Raumes 23 ist sie sorglich behütet, und nur wenige Proben liegen in den drei Kästen zur Schau..... Solche Gegenstände— wie der erste märkische Druck von 1502. der Geiler von KaiserSbergschen Predigt, oder des ersten b e r- l i n i s ch e n Druckes von 1540, der Konsistorialordnung, haben für den Laien, wenn überhaupt Interesse, so doch nur Kuriositätswert und könnten getrost fehlen, wenn man den Druckschriften einmal nicht mehr Raum widmen kann, als hier geschehen ist. Die Er- innernngsstücke zur Literatur dagegen, zur Poesie im besonderen, die um ihres Inhalts willen in der Nachwelt lebt, sind auf mehrere Räume verteilt. In Raum 23 finden wir nur Erstausgaben von Berliner Schriftstellern des 18. Jahrhunderts, wie Lessings, Nicolais, Mendelssohns, K. PH. Moritz', Chr. E. v. Kleists, Ramlers und Gleims. Das IS. Jahrhundert fehlt hier, dagegen betrifft die Porträtsammlung in Raum 27, die auch(an den Fenstern) Dichter im Bilde zeigt, neben dem 18. Jahrhundert mit Lessing. Nicolai, Mendelssohn, Sulzer, Rainler und der Karschin noch die spätere Zeit. Ludwig Tieck, aus dessen langer, in Berlin begonnener und geendeter Lebenszeit verhältnismäßig wenig Bildniffe existieren. ist als Siebcnunddreißigjähriger in einer seltenen und gut charakterisierten Büste seines jüngeren Bruders Friedrich zu sehen, dem wiederum erst unsere Zeit die viel zu späte gerechte Anerkennung zollen sollte. Der Kreis der sogenannten jüngeren Romantik, die— gleich der älteren, der Tieck angehörte— auch in Berlin ihr Hauptquartier, wenn auch nicht ihren Ausgangspunkt hatte, ist am ausführlichsten in Porträtstichen vertreten: Die Märker Heinrich von Kleist und Achim v. Arnim, dieser mit seiner Frau Bettina und seinen gelehrten Mitstreitern, den Brüdern Grimm i E. T. A. Hoffinann und sein Verleger und Kollege vom Gericht Hitzig! Eichendorff und Fouquö, Chamisso und Gaudy, Fürst Pückler, der Schöpftr des Muskauer Parks,- und F. A. v. Stäge- mann(als Büste von Rauch),— sie alle sind in entscheidenden Abschnitten ihres Lebens mit der Hauptstadt verbunden ge- Wesen und haben an ihrem geistigen Bilde mitformen helfen. Einige Handschriftenproben, wie die genannten Hoffmanns oder die von Chamiffos„Schlemihl", sind in dem Glasschrank des Raums 22 zu sehen. Theodor Fontane— dem durch seine Erzäh- lungen sowie durch seine„Wanderungen" die Wiedererwachung des historischen und landschaftlichen Sinns gerade der Mark in so hohem Grade zu danken ist— beherrscht den ganzen, mit den Hauptstücken seines Arbeitszimmers möblierten Raum 2S. Diese Zersplitterung deS anschaulichen Material? zur Berlinischen Literaturgeschichte berechtigt gewiß nicht zum Tadel gegen die Museums« leitung, die die verschiedenartigsten Gebiete einem landschaftlichen oder lokalen Oberbegriff unterzuordnen gezwungen war; bei Zu- sammenwerfung der literarhistorischen Dinge auf einen Haufen hatte sich möglicherweise wieder ein anderes Gebiet über Zerstückelung beklagen dürfen. Was an der Ausarbeitung dieser Abteilung zu bemängeln steht, ist vielmehr die sparsame Auslage von p e r i o d i- scher und Tagesliteratur, überhaupt solcher Literatur, die uns den vergangenen Durchschnitts-Alltag näher bringt als eine nur für wenige bestimmte und(wie im Falle der Romantlk) oft auch der Gegenwart abgewandte, hohe Literatur. Die Adreßbücher(im Erkerschrank des Raumes 23) waren erwähnt. Die Almanache, Taschenbücher und Kalender ebenda berühren dieses Ge- biet schon ein wenig. Wo aber bleiben Flug- blätter, Flugschriften, Mauer» und Straßen- anschlüge, wo die Zeitungen vor allemal? In dem allgemeinen Sammelsaal 4g liegen eiOge wenige solcher Stücke: ein fliegendes Blatt über die Hinrichtung des Juden Lippold im IS. Jahrhundert, ein Einblattdruck mit Bildern über die Schlacht von Fehrbellin, einige Proklamationen des Berliner Gouverneurs v. d. Schnlenburg aus den Oktobertagen des Zusammenbruchs von 18VS, darunter auf verblaßtem rötlichen Papier die berühmte, meist ungenau zitierte Proklamation, die die Ruhe als erste Bürgerpflicht anbefiehlt. Von der 1722 im Rüdigcrschen Verlage begründeten, seit 1740 im Vossischen Verlage erscheinenden Zeltung kein Blatt I Von der seit 1740 neben dieser aus- gegebenen„Spenerschen Zeitung" nur zwei Nummern im Glasschrank der Langwand, den„Aufruf an mein Volk" beziehungsweise die Nachricht von der Einnahme von Paris — 1813/14— enthaltend. Nimmt man noch dazu die Speisenkarte des berühmten Restaurants von Jagor und den Preiskurant des Sparwaldschen Fuhrwesen?, beide in den 1820er Jahren etwa Unter den Linden(Durchgang von Raum 34 zu 3b) und allenfalls noch die Einquartierungsbilletts von 1813(im Mittelschrank von 49) und die Legitimationskarten der Bürgerwehr von 1843(neben den beiden ZeitungSrnunmern), so ist dieses Kapitel damit erschöpft. Die reich« Flugblatt- und Plakatliteratur von 1843 ist vollständig ignoriert, und wenn man statt besten diese Schränke mit dilettantischen Kunstspielereien der hohenzollernschen Familie und sonstigen Krimskrams, als Anlässen zu rührenden Anekdoten der» selben Familie, vollgestopft sieht, so ahnt man dahincr eine recht überflüssige lohale Absicht. Ueberhaupt verquicken die Bürgerkreise, die sich zur Pflege und Erforschung altberlinischen Wesens berufen fühlen, besonders ein Verein und dessen PnblikationSorgan, die Geschichte der Stadt in durchaus unsachgemäßer Weise mit der de» Dynastie, und auch die Leitung des Märkischen Museums scheint nicht zu wissen, daß die Börse, die ein Friedrich Wilhelm einst einem „armen Knaben" für ein Goldstück abgekauft, oder die Schuhe, in denen ein anderer Friedrich Wilhelm seine ersten Gehversuche ge« macht hat, im Hohenzollcrnmuseum viel lieber gesehen werden, als in dem der Stadt und Provinz gewidmeten, das den Raum fül seine Zwecke nötiger braucht.— Bei der Aufführung der Ausstellungsobjekte zur Literatur» geschichte zeigte sich, daß hierbei eigentlich nur die beiden letzten Jahrhunderle für Berlin in Betracht kommen. Von einer allge» meinen Geschichte der Kultur in höherem Sinne läßt sich ebenso« wenig früher reden. Unter den Kurfürsten ging— wie erwähnt— und blieb die städtische Selbständigkeit und damit die Vorbedingung zu gedeihlicher Entwicklung verloren. Im 17. Jahrhundert, nach dem dreißigjährigen Kriege, nach der Einschnürung durch die neue Befestigung war Berlin kaum etwas anderes als eine durchschnitt« liche Landstadt unter vielen. Ihre Bevölkerung hatte bitter für deS Leibes Notdurft zu sorgen; alle darüber hinaus verfügbaren Mittel, wenn nicht niehr, wurden von dem Landeshcrrn in Anspruch genommen. Auch im Beginn des 13. Jahrhunderts, als die Stadt energisch zu wachsen begann, änderte sich an ihrem Selbständigkeitsverhältnisse nichts. Die Stadt, die sich der Ehre einer Residenz erfreuen durfte, war nichts als ein erweitertes Hof« lager, und der König, Friedrich Wilhelm I., sprang mit den Be» wohnern genau so um, wie es draußen auf dem platten Lande die Junker mit ihren Erbuntertänigen gewohnt waren. Alles lvurde mit dem allerhöchsten Stock eigenhändig regaliert: furchtsame Inden, die auf der Straße vor dem Landesvater auswichen, nicht mehr als die Königin selbst, deren Züchtigungen das ehrfurchtsvolle Volk durch das offene Parterrcfenster des Schlosses bestaunen durfte. Dieser Hochswätzung körperlicher Erziehungsmittel durch Friedrich Wilhelm entsprach seine offene brutale Geringschätzung jeglicher geistigen Ausbildung. Es ist be» kaunt, wie er die von seinem Vater nach französischem Muster er« richtete Akademie verhöhnte und zur Unfruchtbarkeit verdammte. In den Künsten Ivar er völliger Barbar. Und auch in der Baukunst. der sein einziges Interesse galt, sah er mehr auf die erreichte Masse und die Erfüllung seines Willens als auf ästhetische Wirkungen. Sein Nachfolger, der mit dem Nimbus des Philosophen und Kunst» verständigen umgebene alte Fritz, war um kein Haar glücklicher. Die deutsche Literatur, die zu seines Vaters Zeiten vielleicht kaum Ansätze gezeigt hatte, blühte jetzt auf in Lessings Werken und bereits in GoetheS Jugeuddichtungen. All dem gegenüber verhielt er sich ablehnend. verstand er doch seine eigene Muttersprache kaum, sprach er sie doch — nach seinen eigenen Worten— als alter Kerl nicht besser als ein Fuhrmann. In den bildenden Künsten war er urteilSloS und ließ sich bei Anlage seiner teuer bezahlten Gemäldesammlungen oftmals übers Ohr hauen. Als Bauherr ahmte er dem Vater nach: kopierte sklavisch fremde Vorbilder und pfropfte den Bürgern mit Gewalt seinen Willen auf. Die Selbständigkeit des Künstlers bedeutete ihm ebenso wenig wie die seiner sonstigen Untergebenen, und er jagte sie zum Teufel, wenn sie sich nicht wie Schranzen behandeln ließen. Einzig und allein in der Musik ist ihm eine persönliche Anlage und eine freiere Empfänglichkeit zuzugestehen. In seinem neu erbauten Opernhause fand er Gelegenheit, lebende deutsche Komponisten(vergl. die Porträts von Graun, Ouanz, Bach, Beuda, Fasch in Raum 26) z» Gehör zu bringen, wenn er auch das Sängerpersonal lediglich aus Italien haben wollte. Durch seine öffentliche Pflege der Musik in der Oper hat er den Sinn der Bürgerschaft für diese Kunst mit» erwecken helfen. Dagegen hatte er für die systematische geistige Aus« bildung der Bevölkerung nicht das geringste übrig— nicht Juteresse, geschweige denn Geld. Alles, was Friedrich II. selbst zur Auf» klärung leiner Untertanen beitrug, beschränkte sich lediglich auf das Tolerieren(das übrigens auch seine festgezogenen Grenzen hatte); positiv hat er daran nicht mitgearbeitet, die Früchte der tätigen Aufklärung verdankt die Bürgerschaft ihrer eigenen Kraft. Für das Schulwesen hatte Friedrich so viel Sinn, daß er die Schulmeisterstellen seinen ausgedienten Soldaten als ZivilversorgungS» Posten gab. Außer dem Kadeltenhaus hat er überhaupt keine Schule in Berlin errichtet. Die damaligen Gymnasien der Hauptstadt er» innerten in der Lokalität an heutige ostpreutzische Gutsschnlen._ Im Berlinischen Gymnasium(Graues Klostnr) lagen die Unterrichts» zimmer im Keller, nur durch Lattenverschläge von einander getrennt, Schreibpulte fehlten, die Schüler mußten niederknien, um auf den Sitzen zu schreiben, und mußten an dunklen Wiittermorgen noch dazu die Kerzenbeleuchtung, mangels Leuchter, in der eigenen Hand halten I Dafür entschädigten sie sich dadurch, daß sie außerhalb des Unterricht» Bier soffen, Tabak rauchten und aufs rohiste randalierten wie nur die >«wostesten Häupter. Die Reform des UnterrichtZwesenZ kam ohne Zutun des Königs, wenn auch sehr allinählick. aus den eigenen Kreisen der Schulmänner und selbst der Geistlichen. Be-- sonderes Verdienst erwarb sich um die Ausgestaltung des Realschul- Wesens, das die Gymnafien zu überflügeln begann, in selbstloser unermüdlicher Tätigkeit der Prediger Hecker von der Dreifaltigkeits- Kirche. Leider versagt das Museum(mit Ausnahme einiger Porträts Sack, Teller, Spalding— in Raum 27) völlig mit seinem Material nur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung in Berlin; ebenso übrigens auch mit dem zur Entwickeluug des Verkehrswesens.... '* Kulturarbeiten setzen Wohlstand voraus. Einmal hatte diesen Friedrich nicht geschaffen und dann wurden ja die erübrigten Etaatsgelder, die er durch Falschmünzerei und durch die Steuern seines unsinnigen Merkantilshstems herauspreßte, fast ausschlief- lich für die Armee verwandt. Zur Aufbefferung der verwüsteten Lande mußten Trinkgelder herhalten. Profitiert vom Kriege Ihattcn nur gewisse Kreise des Handels und der Fabrikation, die dn den Armeelieferungen direkt oder indirekt verdienten. Ihre Angehörigen waren ja ebenso wie der Adel und die ganze obere Gescllschaftsschicht vom gemeinen Heeresdienst befreit; nur das Niedere Volk hatte in dem jahrelangen Schlachten seine Haut zu Markte tragen müssen. Diese Handelskreise sind es denn vor- wiegend gewesen, die im Bunde mit den Gelehrten und Künstlern An dem Jahrhundert von etwa 1750— 1850 eine spezifisch berlinische Kultur schufen und repräsentierten. Und unleugbar haben twei starke fremde Elemente an diesem Werke ihren reichlichen lnteil. Die eingeborene Bevölkerung, die sich noch im 17. Jahr- hundert kaum über bäurische Roheit und Plumpheit erhob, wurde durch die 1685 eingewanderten französischen Hugenotten allmählich mnt auf die Stufe städtischer Gesittung und wachsender industrieller Betriebsamkeit gezogen. Dazu bemühten sich die Juden, nach dem lBorgange von Moses Mendelssohn, trotz aller obrigkeitlichen und gesellschaftlichen Hemmnisse, seit Mitte des 13. Jahrhunderts, über den Bereich der ihnen zwangsweise zugewiesenen Handelsbetäti- «ung hinaus sich als Förderer wie als Mitarbeiter an dem ge- lehrten und künstlerischen Emporringen der Bürgerschaft zu be- jtätigen. Ihre in der langen mittelalterlichen Ghettozeit ge- (mährten Eigenschaften der Unterdrückten, ihr Scharfsinn und Spitzer Witz, ihre Schlauheit und Fähigkeit, fremder Eigenart nach- «uspüren und sie sich zu eigen zu machen, da zu die harterprobte Zähigkeit und Energie: all dies ging als wesentliche Farbe mit ■Hn das Charakterbild dcS Berliners der gedachten Zeit über, und haS Jahrhunderte alte Sklavenvolk hat damals wenigstens noch ian allen Punkten gestanden, wo es dem Fortschritt jeder Art galt, lleves Terxain abzugewinnen. v A. F. C, Die JMacbnower Scbleufe. -' Seit der Eröffnung des Teltowkanals ist die Machnower /Schleuse(die mit den Motorbooten des Kreises Teltow und seit diesem Sommer auch mit Automobilomnibussen, deren Betrieb unter der Verwaltung der— Stadtsynode steht, bequem erreicht werden lann) ein beliebtes Ausflugsziel geworden. Die Schleuse, die nach dem alten in unmittelbarer Nahe gelegenen Klein-Machnow benannt tst, gilt— abgesehen von den landschaftlichen Reizen.— auch «technisch und architektonisch als eine Sehenswürdigkeit. Es wird «nun vielleicht manchem Besucher der Schleuse von Wert sein, wenn tcr über die technischen Einzelheiten der Anläge vorher etwas unter. «richtet wird, da er dann mit um so größerem Interesse das Bau- werk zu würdigen verstehen lernt und dem Vorgange des Durch- ffchleusens mit etwas Sachverständnis zu folgen vermag. Der in den Jahren 1S01 bis 1906 erbaute Teltowkanal verkündet die Spree mit der Havel und bildet so ein wichtiges Glied tn dem märkischen Wasserstraßennctz zwischen Oder und Elbe. Der «Spreewasserstand beträgt unveränderlich+ 32,28, was durch die Mehre am Mühlendamm in Berlin erreicht wird. Der Havelwasser- jstand schwankt hingegen zwischen-j- 28,97 und+ 30,54. Es entsteht dadurch ein Höhenunterschied von 1,74 bis 3,31 Meter, der durch eine «einzige Schleuse, eben durch die Machnower Schleuse überwunden wird. Die Schleuse ist zur Erzielung einer großen Leistungsfähig- keit als Doppelschleuse ausgebildet, die aus zwei neben- «einanderliegenden Kammern besteht. Es kann also, falls erforder- lich, nach beiden Richtungen gleichzeitg geschleust werden. Jede «Kammer ist 67 Meter lang und 10 Meter breit, so daß sie auch für den später zu erwartenden Verkehr mit„Normalschiffen" von 5 Meter Länge und 8,6 Meter Breite ausreicht. t* Der Abschluß der Kammern gegen die beiden Teile des Kanals, die„Haltungen", erfolgt durch schwere Hubtore, die durch Elektro- «motoren gehoben und gesenkt werden. Die Tore, die beim Heben ganz aus dem Wasser austauchen, bestehen aus eisernen Gitterträgern mit Riegeln, die mit Blech verkleidet sind. An den eisernen Rahmen «sind kieferne Bohlen befestigt, die einen besonders dichten Abschluß «ermöglichen. Die Untcrtore wiegen 20 000 Kilogramm, die Ober- tore 16 000 Kilogramm. Das Gewicht jedes Tores ist durch ein Gegengewicht teilweise ausgeglichen, so daß das Tor im Wasser noch ein Uebergewicht von 1000 Kilogramm besitzt. Die Tore und die Gegengewichte sind an je zwei Gelenkketten und vwr Stahl- drahtseilen aufgehängt, und zwar so, baß beim Reißen eintt Kette die Seile und umgekehrt beim Reißen der Seile die Ketten die Tore und Gewichte tragen können. Die Ketten und die Seile gehen über Scheiben, die auf einer im oberen Teile der Türme befindlichen Welle einer elektrisch angetriebenen Winde befestigt sind. Diese Winde wird vom Steuerraum aus elektrisch in Gang gesetzt. In diesem Steuerraum befinden sich auch elektrisch betätigte Höhenstandsfernanzeiger, an denen der Wärter die jeweilige Stellung der Tore erkennen kann. In den Höchststellungen werden die Tore durch Riegel versichert. Diese Riegel sind mit Signal- armen so verbunden, daß zum Beispiel der Arm„frei" nur dann gezogen ist, wenn das Tor sich in der Höchststellung besindet. Bei Nacht sind mit den Riegeln entsprechend farbige Lampensignale de» Kunden. Das Durchschleusen eines Kahnes, der zum Beispiel von der unteren Haltung, also der Havelseite her, nach der oberen Haltung. der Spreeseite, geschleust werden soll, spielt sich in folgender Weise ab: Das untere Tor der einen Kammer am„Unterhaupt" ist hoch- gezogen, das obere Tor am„Oberhaupt" niedergelassen. Der Wasser, spiegel in der Kammer entspricht dem der Havel. Das Schiff, daS durchgeschleust werden soll, legt an der Seite der etwa 140 Meter langen, den Kammern vorgebauten hölzernen Leitwerke an und muß in die Kammer hineingezogen werden. Dies geschieht mit Hilfe von kleinen elektrisch betriebenen Laufkatzen, welche auf Schienen laufen, die ihrerseits auf hölzernen, über das Leitwerk hervor» ragenden Pfählen ruhen. Diese Katzen werden durch Schleusen- gehilfen bedient, die sie jedoch nur dann einschalten dürfen, wenn die oben erwähnten Signalarme anzeigen, daß„freie Fahrt", daß also das Tor ganz oben ist. Das Schiff wird durch die Katzen an einem Drahtseil, dem Treidelseil, das am Mast befestigt ist, in die Kammer gezogen. Dann wird das Tor am Unterhaupt herab- gelassen. Die Schleuse muß nun mit Wasser aus dem höher ge- legenen Teile des Kanals, der„Oberhaltung", gefüllt werden, oder der Wasserspiegel der Schleusenkammer mutz dem der Oberhaltung gleichgemacht werden. Diese Wasserausspiegelung geschieht mittels sogenannter Hotoppscher Heber. Die Hotoppschen Heber sind ge- bogene Rohre, die nach dem Prinzip des Hebers einen Ausgleich der Wasserspiegel der beiden Gefäße, in denen sich ihre Enden be- finden(im vorliegenden Falle also zwischen dem Oberwasserspiegek und dem Wasserspiegel der Schleusenkammer) schaffen. Die Verbindung der Kammer mit dem Oberwasser erfolgt durch einen im Mauerwerk gelegenen Umlauf, der neun Einläufe in die Kammer besitzt. Durch diese große Anzahl von Einlaufen wird erzielt, daß das Wasser gleichmäßig ansteigt. Nach erfolgter Wasserausspiegelung wird daS obere Tor hochgezogen und das Schiff durch Laufkatzen in gleicher Weise wie beim Einfahren an die in der Oberhaltung befindlichen Leitwerke gezogen. In analoger Weise spielt sich eine Durchschleusung in der entgegengesetzten Richtung ab. Die Leitung über das Durchschleusen hat ein Schleusenmeister, der sich auf der Plattform zwischen beiden Kammern befindet. Er verständigt den im Steuerraum(der im Turmbau der Unterhaltung untergebracht ist) befindlichen Wärter durch Klingel- und optische Signale, das Tor zu schließen. Die übrigen Manipulationen, deren Reihenfolge immer die gleiche isch vollzieht dann der«Schleusenwärter ohne weitere Signale. Der Schleusenmeister, der die Signale von verschiedenen Stellen der Platt» form aus gehen kann, kann sich außerdem noch durch Fernsprecher mit dem Schleusenwärter und den Gehilfen auf den Leitwerken in Verbindung setzen. Auf der Plattform sieht man außer der Meisterbude noch verschiedene Spillköpse(Heranholmaschinen für Schiffe) als Ersatz für die Laufkatzen und die Köpfe der oben er- wähnten Heber. Die beiden Kammern selbst sind auch mittels eineS Hebers verbunden, so daß, falls die eine Kammer voll sein sollte und die andere gefüllt werden muß, das Wasser, um zu sparen(die Spree führt oft sehr wenig Wasser), von der einen Kammer in die andere gehoben werden kann. Die Bedienung der Heber ge- schieht durch einen Steuerapparat, der gleichfalls im Schaltraum untergebracht ist. In die Mittelmauer, die die beiden Kammern voneinander trennt, ist noch ein sogenanntes Freilaufgerinne eingebaut. Dieses hat den Zweck, bei Hochwasser die Oberspree mit dem Kanal zu ver- binden, und das überschüssige Wasser in diesen abzuleiten. Im normalen Betrieb ist diese«? Freilaufgerinne durch em«schütz, das durch einen Motor gehoben und gesenkt werden kann, abgeschlossen. Zur Schleusenanlage gehört auch das«schleusengehöft, das außer Wohn- und Restaurationsräumen eine Ausstellung der beim Bau des Kanals geftmdenen Altertümer enthält. Dank der reich- haltigen maschinellen Ausrüstung ist die Leistungsfähigkeit der Schleuse sehr groß, da für eine vollständige einfache Schleusung nach einer Richtung nur 15 Minuten erforderlich sind. Diese Leistungs- fähigkeit wird nur durch den elektrischen Betrieb ermöglicht. In der Schleuse befindet sich eine kleine Unterstation, die den vom Kraftwerk zugeführten hochgespannten Drehstrom in Drehstroin niederer Spannung umformt. Ferner ist noch Gleichstrom vor- Händen, der außer für einige motorische Antriehe für die Lokomo- tiven der Treidelei verwendet wird. Denn die Fortbewegung der Schiffe geschieht im Kanal durch kleine elektrisch betriebene Treidel- lokomotiven, die auf einem Treidelpfad längs deS ganzen Kanals laufen. Durch diese elektrische Schiffsförderung vom festen Ufer aus wird erst ein Großbetrieb ermöglicht.- verantwortl, Redakteur: Hans Weber, Berlin,->- Druck£ öerlag: Vorwärts Buchdruckerei u, Verlagsanstalt Paul Singer L Vi,