Anterhaltungsblatt d«s Vorwärts Nr. 104. Mittwoch, den 2= Juni. 1909 �Nachdruck dervoten.) u Der Hrbciter Schewyrjoffc Nevolutionsgeschichte von M. Artzibaschew. Es waren aber zu derselben Zeit etliche dabei, die verkündigten ihm von den Galiläern, welcher Blut Pilatus samt ihrem Opfer vermischt hatte. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meinet ihr. daß diese Galiläer von allen Galiläern Sünder gewesen find, dieweil sie das erlitten haben? Ich sage: Nein; sondern, so ihr euch nicht besiert, werdet ihr alle auch also umkommen. Lul. 13. l-g. I. Auf der Treppe hatte sich in der Dämmerungsstunde vom Erdgeschoß bis hinauf unters Dach ein schwarzer, undurch- dringlicher Nebel zusammengeballt: die. Fenster auf den Treppenabsätzen waren in trübe Flecken zerronnen. Da läutete irgend jemand vor einer Wohnung. Hinter der klebrigen, mit Wachstuchfetzen beschlagenen Tür schluchzte die alte Glocke zornig auf und konnte sich lange nicht beruhigen: ihr feines versterbendes Summen, wie das einer Fliege, die sich in einem Spinncnnetz verfangen hat, klagte noch lange über ihr bitteres Los. Niemand kam: der Mann stand regungslos und gerade wie ein Pfahl. Seine Gestalt hob sich in tieferem Schwarz von der Dunkelheit ab. Eine magere Katze, die unsichtbar am Geländer hinunterglitt, schenkte ihm keine Aufmerksam- keit, so still stand er. Etwas Unheimliches lag in ihm: gute und fröhliche Menschen, die mit offenem Herzen kommen, stehen nicht so da. Lautlos und kalt war es auf der Treppe, und in der öden Dunkelheit stieg muffiger Dunst auf die übelriechenden Aus- dünstungen einer riesigen Mietskaserne, die von den Kellern bis zu den Dachstuben mit schmutzigen, kranken, hungrigen und betrunkenen Menschen vollgefüllt ist. Je höher man kam, um so dichter wogte der Nebel, und es schien, daß er selbst den un- heimlichen schwarzen Schatten erzeugt hatte, indem er sich zu einer menschlichen Gestalt verdichtete. In der Ferne rasselten Droschken, klingelten Straßen- bahnwagen: aus der Tiefe des bodenlosen Schachts her, vom Hof, drangen rasche verbitterte Stimmen; hier oben jedoch war es tot und still. Dann schlug unten die Haustür zu, und das dröhnende Echo hallte, an den Treppenfliyey zersplitternd, im ganzen Hause wider. Tritte ertönten. Man hörte, wie jemand höher und höher stieg, hastig auf den Treppenabsätzen umbog und dann wieder mit jedem Schritt zwei Stufen auf einmal nahm. Als diese Schritte bereits auf dem letzten Absatz angekommen waren und als an dem trüben Flecken, wo das Fenster saß, eine dunkle Silhouette vorbei- glitt, machte der Mann vor der Tür eine Bewegung auf sie zu. -„Wer ist da?" schrie unwillkürlich der Kommende in einem Ton, aus dem mehr als einfaches Erschrecken klang. „Ist hier ein Zimmer zu vermieten? Wissen Sie viel- leicht?" fragte scharf, bestimmt der Mann an der Tür. „Ah! Ein Zimmer?... Ich weiß wirklich nicht... Ich glaube, ja. So klingeln Sie doch!" „Ich habe schon geklingelt." „Q, bei uns mutz man das ganz besonders machen. Sehen Sie, so!" Er griff tastend nach der Glocke und riß aus Leibes- kräften daran. Die Glocke erzitterte gar nicht erst, sondern schrie geradezu auf und verstummte dann plötzlich, als ob eine Blechbüchse mit Erbsen, die die Treppe hinunterkollerte, von einer Wand aufgefangen worden wäre. Dann raschelte es, und durch den Spalt der sich öffnenden Tür zeigte sich in einem Streifen gelben Lichtes der graue Kopf eines alten Weibes. „Maksimowa, hier fragt jemand nach Ihrem Zimmer", erklärte der Angekommene, ein langer hagerer Student. Er ging als erster durch den Korridor, in dem die Luft sauer und dampferfüllt war, wie in dem schmutzigen Vorraum einer Badeanstalt. Er hörte nicht weiter auf das. was die Greistn sprach, schob sich durch den Korridor, an Koffern und Vor- hängen, hinter denen sich irgend etwas rührte, vorbei und verschwand in seinem Zimmer. Erst als er seine Sacken ab« gelegt hatte und in roter Vauernbluse mit offenem Kragen ohne Gürtel dastand, fiel ihia der neue Mieter wieder ein, und er fragte die Alte, die ihm einen siedenden Samowar herein, brachte: „Nun, Maksimowa, sind Sie das Zimmer losgeworden?"- „Vermietet, Gott sei Dank, Ssergej Jwanowitsch. Für sechs Rubel vermietet. Ich glaube, das ist ein ruhiger Mieter." „Warum denn?" Die Alte sah ihn mit ihren weißen, fast erblindeten Augen an und sagte, indem sie die ausgetrockneten dünnen Lippen einzog: „Seit fündundsechzig Jahren schon, Ssergej Jwanowitsch, lebe ich in der Welt, habe da allerlei Volk gesehen. Bin ja blind geworden beim Zugucken", fügte sie bitter hinzu und machte eine grämliche Handbewegung. Der Student blickte unwillkürlich auf ihre Augen, wollte etwas sagen, stockte aber wieder, doch als sie fort war, klopfte er an die Nebentür und rief: „Sie, Herr Nachbar, wollen Sie nicht ein Gläschen Tee zum Umzug, wie?" „Mit Vergnügen", antwortete die scharfe Stimme. „Dann kommen Sie bitte herüber." Der Student setzte sich an den Tisch, goß zwei Gläser blassen Tee ein. rückte den Zucker heran und wandte sich zur Tür. Ein mittelgroßer, hagerer, äußerst blonder junger Mann trat ein. Seine Gestalt rief den sonderlichen Eindruck hervor, als wenn er sich die ganze Zeit über absichtlich in die Höhe recken und den Kopf in den Nacken werfen wolle. „Nikolai Schewyrjoff", sagte er mit harter Deutlichkeit. „Aladjew", antwortete der Wirt und drückte freundlich lächelnd die Hand seines Gastes. Er tat es ganz bäurisch: etwas ungeschlacht-freundlich und länger als nötig. Auch im übrigen war er durch seinen gekrümmten kräftigen Rücken, die herabhängenden Schultern, die langen Arme und breiten Hände und das langnasige Profil, wie das eines Heiligenbildes, mit dünnem Kinn- Kärtchen und rundgeschnittenen Haaren einem einfachen Bauernburschen, irgend einem Zimmermann aus Pskow oder Nowgorod ähnlich. Mit etwas dumpfer Baßstimine, die äußerst bestimmt klang, aber doch gutmütig, sagte er: „Schön, nehmen Sie Platz, wir werden Tee trinken und Reden schwingen." Schewyrjoff setzte sich; er bewegte sich dabei rasch und prägnant, doch blieb sein Wesen immer noch steif und ab» lehnend. Seine grauen metallenen Augen blickten kalt und un» durchdringlich. In ihm war auch nicht eine Spur jener be- fangcnen Neugierde, die sich selbst der ungebundensten Leute bemächtigt,»venu sie sich zum ersten Male bei gänzlich Un- bekannten aufhalten. Und Aladjew dachte, während er ihn betrachtete, daß dieser Schewyrjoff sich selbst und dem beson- deren Etwas, das in der Tiefe seiner verschlossenen Seele liegt, unter keinen Umständen untreu werden würde. —„Der Bursche ist interessant", dachte er. „Nun, und Sie—— wie? Erst angekommen?" fragte er. „Ja— erst heute aus Hclsingfors." „Und wo sind Ihre Sachen?" „Sachen habe ich überhaupt nicht. Nur... so. ein Kissen, eine Decke, ein paar Bücher." Bei den letzten Worten sah Aladjew den Gast besonders aufmerksam und freundlich an. „Und... wenn ich fragen darf... womit beschäftigen Sie sich eigentlich?" „Gewiß dürfen Sie... Ich bin Arbeiter, Mctalldrcher. Bin hergekommen, Arbeit zu suchen. Die Fabrik wurde zu- fällig geschlossen." «Soll heißen-- arbeitslos?" „Ja", antwortete Schewyrjoff, seine Stimme nahm eine eigentümliche Nuance an, >»Augenblicklich sitzen viele osine Arbeit ba." bemerkte Vladjew mit Teilnahme,»es ist schwer für Sie." ,„Schwer ist's immer," erwiderte Schewyrjoff gleichgültig, ».bald wird's aber auch denen schwer werden, die es jetzt leicht haben", fügte er mit drohendem Klang hinzu. . Aladjew sah ihn neugierig an. --„Lalalal" dachte er,»der Kerl ist nicht ganz sauber. Der Sache muß man auf den Grund kommen. Die Fratze ist verdächtig." Schewyrjoff bemerkte offenbar den eigentümlichen Aus- druck, mit dem die klugen Bauernäuglein des Wirtes sein Gesicht streiften, und senkt«! es auf das Glas.� „... Sie sind wohl Student. Und schreiben auch was?" weinte er rasch. �• Aladjew errötete ein wenig. r'-„Warum glauben Sie das? Nämlich, daß ich schreibe?" Schewyrjoff lächelte unvermittelt, und das Lächeln war diel freundlicher, als man es nach seiner selbstbewußten Miene erwarten konnte. „Das ist nicht schwer", erklärte er:„An den Wänden haben Sie Bilder von Dichtern, auf den Wandbrettern eine Menge Bücher, auf dem Tisch beschriebenes Papier, unter dem Tisch zerknüllte und zerrissene Blätter. Daran sieht man's." Aladjew lachte auf, faßte ihn aber noch aufmerksamer fcts Auge. Sein Blick wurde listig, doch wiederum nach Bauernart war zu sehen, daß er schlau sein wollte.»Richtig, stimmt... Sie sind aber, wie ich sehe, ein guter Beobachter." Schewyrjoff schwieg. Aladjew zündete sich eine dicke Zigarette an und beob- Ächtete den Gast aufmerksam durch den Rauch. Schewyrjoff saß aufrecht da und drehte die ganze Zeit über mit dem Daumen. In seinen« Aeußeren lag etwas ganz Besonderes, was ihn den taufenden Gesichtern, die man täg- lich zu sehen bekommt, unähnlich machte. Und die klugen Bauernäuglein Aladjews fingen sofort dieses Eigentümliche auf: einen Zug unbegreiflicher Entschlossenheit und ver- borgencr Ueberlegung. Schon der Gegensatz zwischen der steinernen Unbeweglichkeit des ganzen Körpers und der fast unmerklichen, aber sonderlich raschen Fingerbeweglichkeit war ihm aufgefallen. Und je mehr er darauf acht gab, desto schärfer erwachte sein Argwohn, und um so tiefer schlich sich unbewußte Sympathie und instinktive Achtung vor diesem fremden Menschen in seine Seele. Er kniff die Augen wie im Rauch zusammen und sagte scheinbar obenhin, aber doch zweideutig: �„Beobachtungsgabe ist ein seltenes Talent..." Schewyrjoff antwortete nicht gleich; nur seine Finger gerieten in raschere Bewegung. Es sah aus, als ob er gar nicht antworten wolle, aber nach kurzem Schweigen warf er den Kopf plötzlich hoch, blickte Aladjew unverwandt kalt an und sagte, ein wenig die Lippen verschiebend: „Ich verstehe Sie nicht." „Wieso?" Aladjew wurde gegen seinen Willen verwirrt. „Sie geben sich Mühe,'rauszukriegen, ob ich nicht ein Spitzel bin... Nein, seien Sie unbesorgt. Warum auch... wo zwinge ich Sie etwa zum Reden, und ich bin auch nicht allein zu Ihnen gekommen." „Ach, was reden Sie sich ein", fiel Aladjew hitzig ein, wurde aber dunkelrot. Schewyrjoff lächelte wieder. Entschieden, sein Gesicht wurde beim Lächeln ganz anders, weich und fast zärtlich. „Nein, warum auch nicht... Das liegt auf der Hand... Aber wenn ich ein Spitzel wäre, so müßte ich nach Ihren Ausfragen schon'raus haben, daß Sie Grund haben, 'was zu fürchten." Aladjaw sah ihn wohl eine Minute lang ganz verdutzt vn, strich sich dann über den Nacken, lächelte breit und machte eine hoffnungslose Handbewegung. „Na, mögen Sie recht haben. Ich bin schuldig. Da läßt sich nicht streiten... Sie wissen ja selbst, wie es heute steht... Aber zu Verstecken habe ich nichts." „Ich sagte fürchten, Sie aber sprechen von Verstecken. Also, haben Sie doch etwas." Schewyrjoff lächelte. Aladjew sperrte die Augen weit auf und dachte nach. „Tja..." sagte er langsam.„Aber doch, entschuldigen Sie, aus Ihnen könnte ein prächtiger Spitzel werden. Einer mit Psychologie I" „Kann sein", gab Schewyrjoff ernst, doch mit durch- klingender Unzufriedenheit zu.„Aber was schreiben Sie?" fragte er mit offensichtlichem Bestreben, dem Gesprach eins andere Wendung zu geben. Aladjew errötete, als ob man ihn auf frischer Tat ertappt hätte.„Ja— so... ich fange ja erst an. Zwei Erzählungen sind übrigens schon gedruckt... es geht an, man lobt sie." Die letzten Worte fügte er ohne aufzublicken und mit schein- barer Gleichgültigkeit hinzu, aber die naive stolze Freuds legte sich gegen seinen Willen deutlich genug in seine Stimme. „Weiß ich. Habe ich gelesen. Dachte erst nicht daran; habe mich dann Ihres Namens erinnert. Sie schreiben vom Bauernleben. Erinnere mich." .(Fortsetzung folgt. A Die Hrmee der heimatlosen. Das höchste Glück der Jugend ist das Wandern. Wenn der Frühling kommt, dann ergreift so manchen jungen Menschen, der den Winter über zwischen grauen Mauern eingesperrt war, die Sehn- sucht nach dem Glück und der Freiheit der blauen Ferne, und mancher schnürt auch sein Bündel, um sich die weite Welt zu er- obern. Der brave Bürgersmann, der selber hübsch zu Hause bleibt, hat das Wandern mit einem romantischen Schimmer überkleidet, und die Dichter haben dazu ihre schönsten Lieder gesungen. Aber wenn man sich das Leben auf der Landstraße näher ansieht, dann entschwindet dieser Hauch von Poesie gar schnell. Lustig Blut und leichten Sinn gibt es hier ebenso wenig wie die Kanne blanken Weins des Abends im Wirtshaus. Und das holde Mägdelein, das dem Wandersmann die Arme öffnet, ist erst recht eine Fabel. Nein, was heute über die Landstraßen wandert, das sind die AuSgestoßenen und Verbrauchten des sozialen LebcnS: Menschen, die in Not und Elend aufgewachsen sind und die man jetzt„ver- bummelt" nennt, weil ihre von Hanse aus schwache Energie dem rücksichtslosen Kampfe umS Dasein nicht mehr gewachsen ist; zcr- mürbte Arbeitslose, die hungrig und verfroren von Ort zu Ort gehetzt werden, immer im Streite mit der hohen Obrigkeit, immer in Angst vor dem Arbeitshause oder vor ähnlichen„wohltätigen" An- stalten; Losgerissene jeder Art, die vom Winde herum- gewirbelt werden, bis sie irgendwo auf einem Kehrichthaufen liegen bleiben. Ja, sie haben alle verflucht wenig Sinn für die Romantik ihres Lebens, fie sind froh, wenn sie abends ihr Schlafgeld er- fochten haben, und selig, wenn sie ihre Sorgen mit einem Schluck elenden Fusels betäuben können. Die Liebe aber finden fie höchstens bei einer Tippelschickse, an die sich nur die Allerabgehärtetsten heranwagen. Und so wandern sie ziellos und willenlos umher. Viele kommen auch über die Grenze, fie reisen durch ganz Europa bis nach Klein- asicn und Aegypten, ja man trifft sie in Südafrika und in chinesischen Häfen. Bon den jüngeren aber läßt sich eine gar nicht geringe Anzahl für die französische Frenidcnlegion anwerben. Em merkwürdiger Unterschlupf für diese Losgerissenen und Heimat- losen: die Fremdenlegion. Sie verkaufen auch noch ihr letztes, das bißchen arn, selige Freiheit, für das enge Obdach einer afrikanischen Kaserne. Und die unsicheren Heerespflichtigen, die sich so viele Mühe geben, dem Segen deutscher Mililärgewalt zu entgehen, sie unter- schreiben sich mit Haut und Haaren auf fünf Jahre einer fremden Armee, in der man doch auch nicht sehr glimpflich mit ihnen umgeht. Kein Mensch zwingt sie dazu— es ist eine Fabel, daß man in Frankreich Leute mit Gewalt zur Fremdenlegion preßt. Aber Hunger und Not, die sorgen schon dafür, daß der Menschenstrom, der sich nach Algier ergießt, nicht abnimmt. Einmal kommt für den armen Teufel, der da über die französischen Landstraßen tippelt, die Stunde, wo er des ewigen Hetzens und Sorgens müde wird und dann verkauft er sich selbst und sein Leben für eine gute Mahl- zeit, für eine Flasche Wein oder auch nur für die Aussicht auf eine Bcrändcrung seiner elenden Lage. Und denselben Grund haben die vielen deutschen Deserteure, in die französische Legion einzutreten. Wir haben leider keine Statistik über die Anzahl deutscher Soldaten, die sich alljährlich über die deutsche Grenze flüchten. Aber diese Zahl ist keinenfalls klein, sie ist wahrscheinlich viel größer, als man sie sich in weiteren Kreisen vor- stellt. Und es sind nicht immer die schlechtesten, die die Quälereien unseres herrlichen Kascrnenlebens nicht ertragen können. Freilich, für die meisten Soldaten ist die Desertion ein viel zu schivieriger Schritt, als daß sie ihn jemals wogten, wenn sie auch hundertmal davon träumen. Aber in den Grenzgarnisoncn in Elsaß-Lothringen und imRheinland liegt ein Entweichen schon viel eher im Bereich der Möglich- keit, obgleich es auch hier sicherlich sehr schlimm kommen muß, bis sich solch ein armer getretener Rekrut zu diesem äußersten Mittel entschließt. Ist er dann über die Grenze— m a n ch e kommen mit Gewehr und Torni st er in einem französischen Grenz st ädtchen an— dann atmet er wohl zuerst befreit auf und denkt nur daran, welcher Quälerei er entronnen ist, aber bald n»erkt er, wie völlig hilflos er in diesem fremden Lande ist. Aengst- lich und eingeschüchtert weiß er sich keinen Rat, Arbeit findet er auch nicht, bis ihn der Hunger schon nach ganz kurzer Zeit zwingt, ein Legionär zu werden. Meist vertauschen so die Deserteure ihre deutsche Uniform direU mit der französischen, nur daß sie diese ftinf Jahre lang tragen niüsscn. Und sie wissen nicht einmal, ob sie nicht aus dem Regen in die Traufe kommen. Wir haben eine ganze Menge Schriften über die Fremdenlegion, aber in dem Bestreben, vor dem Eintritt in die Legion zu warnen, geben die meisten nur Zerrbilder von den Zuständen dort. Alles wird in den schwärzesten Farben gemalt, und man begreift nicht, wie noch irgend ein Mensch diese unerhörten Anstände aushalten kann. Einzelne jener Schriften:»Die Hölle in Afrika',„Fünf Jahre Sklavcnleben' oder wie sie alle heißen, find auch direkt von interessierter Seite inspiriert, um deutsche Soldaten vor der Desertion abzuschrecken. Werden doch in den Kompagnien des Reichslandes sogar Vorträge abgehalten über die Greuel in Algier. Natürlich hilft das alles nicht viel. Ja, es gibt sogar Abenteurer« naturen, die gerade durch solche Schilderungen erst recht zum Eintritt in die Legion verlockt werden. In Wirklichkeit ist die Fremdenlegion eine moderne Kolonial- trilppe, die sich äußerlich wenig von der sonstigen französischen Infanterie unterscheidet. Dem einzelnen Soldaten geht es auch zu- nächst gar nicht so schlimm. Der Dienst ist leicht, da es weder Parade- noch sonstigen Drill gibt. Mißhandlungen und dergleichen find sowohl beim Exerzieren wie in der Kaserne vollständig aus- geschlossen, und ich habe auch, solange ich in der Legion war, nie- mals so etwas gesehen noch gehört. Da jeder Mann beim Eintritt mit ganz neuer Wäsche und mit neuen Kleidern ausgerüstet wird, so fällt es ihm leicht, seine Sachen in Stand zu halten.(Man denke dabei einmal an die Quälerei, die der deutsche Rekrut mit seinen zerrissenen und abgetragenen Uniformen, seinen. Drillichanzügen und dem anderen Lumpenzeug hat l) Auch ist die ganze Verpflegung und Beköstigung in der Legion nach meiner Ansicht besser als in der deutschen Armee. Das Schlimme an der Legion liegt auf ganz anderen Gebieten: Da das Menschenmaterial dieser Truppe meist aus Fremden besteht, für die die Republik niemand Rechenschaft zu geben braucht, so setzt sie sie als Ganzes in rücksichtslosester Weise ein, wenn es gilt, irgend eine Aufgabe durchzuführen. Ob es sich um die Fiebersümpfe Tonkins oder Madagaskars oder um die Sandwüsten Marokkos handelt, immer bekommt die Legion die gefährlichsten Aufgaben. Natürlich sind die Folgen alle Arten Fieber und sonstige Krankheiten, die die Gesundheit eines jeden, auch des Stärksten, untergraben. Daher sind die alten Legionäre schon mit dreißig Jahren hinfällige Greise, die, wenn sie überhaupt mit dem Leben davonkommen, zu nichts mehr taugen. Und was das Klima nicht tut, das besorgen Ausschweifungen aller Art und vor allem das Trinken. Die Legionäre sind alle Trinker— ohne jede Ausnahme. Denn was sollten sie auch anderes anfangen bei dem stumpfsinnigen Soldatenlebcn? Ihre Freiheit haben sie verkauft oder vielmehr verschenkt— fünf Jahre sind eine lange Zeit. So sitzen diese Wandervögel, die der Sturm aus der Heimat vertrieben hat, in deni Käfig der Legion. Sw-sehnen sich nach Freiheit und träumen sich vielleicht in ihre Jugend zurück, und inzwischen fühlen sie, wie ihnen das Leben zerrinnt, wie das Fieber sie morgen oder übermorgen dahinraffen wird. Und sie trinken I Die ekelhaftesten Schnapssorten sind ihnen gerade recht, denn sie berauschen am meisten. Manche aber revoltieren noch ein- mal gegen ihr Schicksal. Sie versuchen Desertionen, die ihnen nichts einbringen als strenge Bestrafungen. Sie werden waghalsig und enden in den berüchtigten Strafkompagnien. Viele werden irrsinnig, manche sind es auch schon bei ihrem Eintritt. *** Vor kurzem erschien ein neues Buch über die Legion bon Erwin Rosen'). Der Verfasser war früher in Amerika, wurde dort Journalist und machte den Kampf der Amerikaner auf Kuba mit. Später gelangte er dann auch in die Fremdenlegion, aus der er aber bald wieder enfloh, und es sind seine Erinnerungen und Eindrücke, die er uns jetzt schildert. Was dieses Buch wertvoll macht, ist die frische, lebendige Sprache, in der alles beschrieben ist. Rosen hat sehr viel gesehen und seine Erzählung fesselt von Anfang an. In Belfort, wo er sich anwerben lieh, lernt er auch die ersten Leidensgefährten kennen: einen Rekruten, der aus einem Kölner Regiment desertiert ist und einen früheren Akrobaten. Es geht über Marseille, wo ein schlauer Kantinenwirt sich an den Legionären bereichert, indem er ihnen alles Entbehrliche gegen Schnaps und Wein abkauft, nach Afrika und in die Garnison des Regiments. Und nun umgibt ihn auch schon dieses ganze Leben der Legion mit einer Ueberfülle von Eindrücken. Einstweilen geht's ihm noch sehr gut, denn er besitzt noch Geld, und Geld hat hier bei der geringen Löhnung, die die Soldaten erhalten, einen un- geheuren Wert. Er lernt fremdartige und unheimliche Dinge kennen, lebt mit Trunkenbolden, Irrsinnigen, Verbrechern zu- sammcn, er hört grausige Geschichten aus den Kämpfen mit den Arabern. Dann macht er einen großen Uebungsmarsch von 600 Kilometer mit, der ihm zuerst eine Probe davon gibt, was man im Notfalle von den Legionären verlangt, denn es waren täglich fast 50 Kilometer, die mit dem schweren Kriegsgepäck marschiert wurden! Hier hat er auch einen bösen Zusammenstoß mit einem bornierten Arzt, der ihn für einen Simulanten erklärt. Rosen wäre wohl auch mit Arrest bestrast worden, wenn er nicht seinem •)„In der Fremdenlegion." Verlag von Robert Lutz, Stutt- gart, Preis brojch. b M., geb. 6 M. Hauptmann durch einen kiesigen Wutanfall unv ein tolleg Schimpfen auf den Militärarzt imponiert hätte. In Frankreich nimmt man so etwas nicht so genau wie in Deutschland. Rosen fühlt sich bald sehr unglücklich in der Legion. Die Kameraden« deren Gesellschaft er teilen muß, werden ihm immer mehr zuwider. Er wird verstimmt und traurig, er sieht nur noch das Hätzliche und Unangenehme an seiner Umgebung. So ist es denn ein Glück für ihn, daß er aus der Heimat Geld erhält und über Oran und Marseille nach Italien entfliehen kann. In einem Schlußkapitel erhebt Rosen ein etwas pathetisches l'accuse(Ich klage an!) gegen die französische Regierung, die für den Schandlohn von vier Pfennigen pro Tag fremde Menschen ausbeutet, ihre Gesundheit und ihr Leben ruiniert, um sich dadurch ein großes Kolonialreich zu schaffen. Natürlich hat er mit seinem Vorwurf mehr als recht, aber er sollte nicht vergessen, wie leicht Deutschland den Franzosen das Anwerben dieser Leute macht« indem das Elend im deutschen Heere fortwährend eine solche Menge Deserteure über die Grenze jagt. Die Mehrzahl der Legionäre sind Deutsche. Wären unsere Militärverhältnisse menschenwürdiger, dann fiele es niemand mehr ein, aus der deutschen Kaserne in die französische zu laufen, und es ließe auch der ganze Menschenstrom nach der Legion gar bald nach. � WilhelmCreiner.„ Die Ausstellung der SezelTion. IL Jedes Gemälde kann auf zweierlei Art wirken: einerseits durchs das größere oder geringere Maß von gelungener Naturnachahmung, und andererseits durch die selbständige, reine, unmittelbare Sprache seiner Farben und Linien. Wenn ein alter holländischer Meister einen hölzernen Kistendeckel malt, auf dem rote und schwarze Siegel, vergilbte und zerrissene Papierstücke, Schmutzflecke, Bind- fäden, Astlöcher, Splitter und Nägel so naturgetreu wiedergegeben sind, daß der Beschauer einen wirklichen Kistendeckel in Glas und Rahmen vor sich zu sehen glaubt, so ist hier das Streben nach naturalistischen Effekten aus die Spitze getrieben und Selbstzweck geworden. Als dagegen Böcklin die berühmte„Toteninsel" malte» ging seine Ansicht kaum dahin, das genaue Konterfei einer aus dem Meer aufragenden Felseninsel zu geben oder durch die treue Darstellung der blanken Wasserfläche, der Steinwände und Zypressen den Eindruck eines wirklichen Landschaftsbildes hervorzurufen. Sein Streben war vielmehr darauf gerichtet, in dem Beschaueiz bestimmte Gefühle und Stimmungen zu erwecken, und zwar vor- wiegend durch die direkte Sprache der Linien und Farben. Die das Bild beherrschenden parallel laufenden Vertikalen geben den Eindruck des Majestätischen und Feierlichen; das grünlich leuch» tende, berschwimmende Schwarz des Mittelpunktes erweckt das Gefühl des Geheimnisvollen und Rätselhaften, und aus den kühlen stahlblauen Tönen, die über das Ganze ausgegossen sind, scheinen uns die Schauer des Todes entgegcnzuwehen. Das Publikum unserer Zeit hat für künstlerische Wirkungen der letzten Art zwar eine mehr oder weniger deutliche Empfindung, aber zum klaren Bewußtsein kommen sie ihm nur in seltenen Fällen. Das künstle- rische Interesse und Verständnis des Laien richtet sich fast auS- schließlich auf die naturalistischen Effekte, und der Kunstgenuß beschränkt sich in der Regel auf die freudige Genugtuung darüber, daß es dem Maler gelungen ist, gewisse Details möglichst„täuschend" wiederzugeben. Die reine Schönheit der Linien und Farben zu empfinden, ist die große Mehrheit der Zeitgenossen nicht imstande, und ein Gemälde, das auf naturalistische Effekte ganz oder fast ganz verzichtete, würde dem modernen Durchschnittspubliküm schlechterdings unverständlich sein und unsinnig erscheinen. Und doch hat es in der Entwickelungsgeichichte der bildenden Künste ganze Zeitalter gegeben, die vom Naturalismus nichts wissen wollten, und nur die reine, unmittelbare Wirkung von Linie und Farbe in ihren Werken anstrebten. Diese Kunstanschauung, die von der heutigen prinzipiell und fundamental verschieden ist, hat viele Jahrtausende geherrscht. Wir finden sie bei den alten Aegyptern und Babhloniern, und ebenso während des Mittelalters im byzantinischen, romanischen und gotischen Stil. Es wäre ein großer Irrtum, loenn man etwa annehmen wollte, daß die Künstler dieser Zeitepochen für die Natur kein Auge gehabt hätten: in den sogenannten niederen Künsten haben sie zahlreiche Proben einer streng naturalistischen Kunstübung gegeben. Sie sahen ebenso klar und scharf wie wir, aber sie gestalteten die Formen und Farben» die sie in der Natur fanden, für die Zwecke der hohen Kunst ab- sichtlich und zielbewußt um und schufen neue Gebilde, die durch! ihre selbständige Form- und Farbensprache die stärksten und tiefsten Eindrücke bei den Menschen ihrer Zeit hervorriefen. Erst die Griechen und Römer haben den eigentlichen Naturalismus in der hohen Kunst zu Ehren gebracht, und die Renaissance hat dann das von ihnen begonnene Werk nach jahrhundertelanger Unterbrechung wieder aufgenommen und fortgesetzt. Da wir nun heute in allen künstlerischen Dingen noch mit beiden Füßen auf dem Boden des sogenannten klassischen Altertums und der Renaissance stehen, er- scheinen uns die abweichenden Auffassungen der anderen Entwicke- lungsepochen so fremd und wunderlich. Übet: wir müssen schon Sersuchen. unS mit ihnen vertraut zu machen, wenn un5 daS Kunstschaffen unserer jüngsten Malergeneration nicht ein Buch mit sieben Siegeln bleiben soll. Denn hier herrschen ganz ähnliche Tendenzen. Man mag das, was diesen Modernsten als nächstes Ziel vorschwebt, dekorative oder monumentale Malerei oder sonstwie nennen,— das Charakierisiische an der neuen Richtung ist die be- wußte Abkehr von der Naturnachahmung und das prinzipielle An- streben von reinen Linien- und Farbenwirkungen. Unter den Begründern— oder richtiger gesagt Anregern und Vorläufern— des neuen Stils steht der Franzose Paul Co- zanne in erster Reihe. Cozaime. ein Jugendfreund Zolas, der ihm seinen berühmten Band Malerkriiiken.Mein Salon" widmete, spielte im Anfang der naturalistischen Bewegung eine be- deutende Rolle und verschwand dann plötzlich vom Schau- platz. Er schlug seine eigenen Wege ein. zog sich von allem Berkehr zurück und wurde als querköpfiger Sonderling erst verhöhnt und dann vergessen. Rur wenige Zeitgenossen, z. B. der Poet Huysmans, erkannte» seine eigenartige Bedeutung und feierten ihn als den aufgehenden Stern, der der Kunst den Weg in die Zu- kunft weisen werde. Seit etwa einem Jahrzehnt ist man auf den inzwischen Verstorbenen wieder aufmerksam geworden. Seine Gemälde werden zu hohen Preisen gekaust und die jüngste Malergcneration Frankreichs wandelt in seinen Spuren. Das große' Bild„Badende"(Nr. 40) gibt keinen rechten Be- griff von Cszannes Eigenart. Es ist ein Entivurf und weit von der Vollendung entfernt. Die Gestalten sind nur in den allgemeinsten Umrissen skizziert, und die niancherlei Ab- weichuuge» von den natürlichen Formen und Verhältnissen erscheinen, da man die letzten Absichten des Künstlers noch nicht zu erkennen vernmg, als willkürliche Vergewaltigungen. Deutlich wird nur das Streben nach kräftiger Zusaimncnfafiung der zahlreichen Leiber zu einheitlichem Ganzen und der pyramidenförmige Aufbau der Kom- pofition. Bon großer Schönheil ist die Farbe; ein wunderbar harmonisches Zusammenklinge» von lichtem Stahlblau, Gelb und Grau. Die Wirkung ist am stärksten,»venu man das Gemälde vom Zimmer I aus betrachtet. Neben dem Franzosen Cözanne steht als Leitstern unserer Jüngsten der vor etwa 19 Jahren verstorbene Holländer V i n z e n t v a n G o g h. Er war ein krankhaft exzentrisches Genie, das einen Teil seines Lebens in Irrenhäusern und Nervenheilanstalten zu- brachte und zwischen zwei TobsuchtSanfällen die wunderbarsten Meisterwerke schuf. Er malte stets in rasender Eile, mit vor Anstrengung kochendem Atem. In dicken, geraden oder gekrümmten Linien, die wie Würmer nebeneinander oder durchemander krabbeln, trug er seine Farben auf. Mit Blau, Gelb, Grün und Rot erzielt er alle seine Effekte. Realistische Wirlungen werden kann» angestrebt. ES kommt ihm nicht auf plastische Modellierung, sondern auf Ab- tönung farbiger Flächen an. Strotzende Krafr und raffinierte Grazie vereinigen sich in den schönsten Arbeiten dieses Meisters, und alles ist durchtränkt von einen, ganz persönlichen, in den winzigsten Einzel- hciten sich äußernden Stilgefühl, da? trotz seiner dekorativen Ten- denzen nie in tote Schnöckelei ausartet, sondern überall reiches, sprühendes Leben schafft. Das Stilleben.Bücher' sNr. Sö) gibt einen gute», Begriff von der Art bcS van Gogh. Alles Gegenständliche verschivindct hier, und es bleibt nicht» übrig als ein starker farbiger Eindruck: Gelb in zahllosen Nuancen, Kontraste» und Harmonien. Man darf bei einem solchen Bilde nicht fragen, lvaS es darstellt, sondern man muß die farbige Fläche rein fiiinlich auf sich wirken lassen, ettva wie man ein Tapetenmuster oder die Bilder eines Kaleidoskops auf fich wirken läßt. Dasselbe gilt von den Werken aller Maler, die zu dieser Richtung gehören. Bei den ineisten kommt man gar nicht auf die Idee, nach dem.Juhalt' zu fragen. Man tritt dicht heran�und ge- lvahrt tausend entzückende Details— nicht gegenständlicher, sondern dekorativer Natur—, man entfernt sich von dem Gemälde, die Details verschwinden und daS Ganze schließt sich zu einer einheitlichen, ruhigen Gesamtwirkung zinammen. Die Bilder deS Franzosen Eduard Vuillard(Nr. 253—257) erinnern an mattgetönte orientalische Teppiche oder an japanische Stickereien. Farbige Mosaiken, die wie au? unzähligen kleinen Steinchen zusammengefügt erscheinen, gibt der Münchener Karl S t r a t h m a n n in seinen Gemälden.Danae'(Nr. 224) und .Salambo'(Nr. 225). Mit mosaikartigen Wirkungen arbeitet auch der vielumstrittene Wiener Gustav Klimt. Auf seinem Damen- bildniS(Nr. 137) ist der Hintergrund in strengem Stil gehalten, die Figur selbst aber mit allerhand naturalistischen Details über- häuft. Diese seltsame Stilvermischung, dieses Einschmuggeln kleiner realistischer Einzelzüge in ein streng stilisiertes Ganzes ist eine charakmistische Besonderheit der Klimtlchen Manier. Und während bei dein ornamentalen Beiwerk meist helle, ungebrochene Farben angewandt sind, verschwimmt die menschliche Gestalt in einen unbestimmten, sanften, milchigen Duft. Selbst die äußersten Konturen, die die Silhouette der Figur umgrenzen, er- scheinen wie mit Vanillesauce übertüncht. Die Grazie der Linien und ein eigenartiges loloristisches Raffinement ist unverkennbar, aber diese Vorzüge erscheinen nicht ausreichend für die monumentalen Wirkungen, die Klimt anstrebt. Den, Wiener Künstler mangelt das, was man Großzügigkeit nennt. Seme Begabung weist vielmehr auf kleine, gefällige Formate hin, in denen das Zierliche, Weiche, Süßliche fich entfalten kmm, ohne Ueber�ruß zu erwecken. Der Schweizer Ferdinand Hobler, besten großes, nsr zum Teil vollendetes Gemälde„Aufbruch der Fenenser Studenten zum Freiheitskampf 1813*(Nr. 91) viele Bewunderung und viele Anfeindung gefunden hat, kann in mehrerer Hinsicht als ein Antipode des Wieners gelten. Er strebt wie Klimt in erster Linie nach delora- tiven Wirkungen in monumentalem Stil. Er ist der Mann der großen, einfachen, stilisierten Linie. Seine herben, oft etwas spröden Zeichnungen wirken wie alte Holzschnitte in riefigem Formate. Was dieser eigenartige Schweizer schafft, trägt überall die äußeren Züge echt monumentaler Kunst, seine Gemälde sind in kleinem Forma, un» denkbar, sie sprengen die Rahinen und verlangen nach ausgedehnten Wandflächen, um die Wucht ihrer Liniensprache entfalten zu können. Und auch die Komposition ist im einzelnen durchaus auf Raum- schmuck berechnet. Sie wird von dem Prinzip des.Parallelismus' beherrscht, dessen Endzweck darin besteht, dem durch die umgebende Architektur erzieUen parallelen Gleichklang durch die Linien deS raumschmückenden Gemäldes möglichst nahe zu kommen. Mit dem Kompositionsprmzip der Japaner, das durch den modernen Natura- lisnms in der abendländischen Kunst zur Herrschast gelangte und deffen Wesen Unsymmetrie und scheinbare Willkür und Regel- losigkeit ist, ist vollständig gebrochein Und noch eine andere elementare Forderung der modernen realistischen Tafelmalerei wird radikal negiert: die Forderung des Raumgefühls, der perspektivischen Tiefe. Die Ge- mälde Hoblers wollen nicht den Anschein erwecken, als durch» brächen sie die Wand und öffneten den Blick in die freie Natur, sondern sie wollen dem Raum als Begrenzung dienen, sie wollen nichts weiter sein als eine dekorierte Wand, als eine farbige Wieder» holung des sie umgebenden architekwmschen Rhythmus. DaS große Bild, das den Hauptsaal der Ausstellung beherrscht und für die Universität Jena bestimmt ist, zeigt die Vorzüge HodlerS im günstigsten Lichte. Roch nie ist dem jungen Künstler ein Wurf so gut gelungen. Prachtvoll stehen die dunkelgrünen Töne der energisch und eindrucksvoll umriffenen Gestalten ans dem lichten Hintergrunde, der als weite, in rosenrotem Morgenlicht schimmernde Ebene ge« geben ist. Rur der Umstand, daß fast jede der an sich sehr schönen Silhouetten in der Bewegung etlvas übertrieben erscheint, stört die monumentale Wirkung, die sich nicht in der Uebertreibung, sondern in der Milderung der Effekte kundgeben soll. Auf den neuen Wegen, die Hobler als vorsichtiger und relativ zahmer Kompromißler zu benutzen weiß, schreiten andere junge Künstler mit kühnem Radikalismus rücksichtslos vorwärts. Natürlich ist das Maß des Gelingens sehr verschieden. Das wirre, Farben- gemisch, das uns Wenzel Hab l i k in seinem Gemälde.DaS Feuer als Element"(Nr. 76) bietet, vermag ebensowenig eine klare einheitliche Stimmung zu erzeugen wie die nüchternen geometrischen Linien, auf die der zweifellos talentvolle Älexei v. Jawlensky die Konturen seines.Mädchens in Rot'(Nr. 118) reduziert. Auch das Frauenporträt (Nr. 98) von Hans Hoffmann beruht trotz seiner scheinbaren Extravaganz im Grunde auf einem ziemlich trivialen malerischen Empfinden. Sehr viel höher steht Jean Berhoevens Damen» bildnis(Nr. 245) mit seiner graziösen, raffiniert schlichten und überaus suggestiven Liniensprache. Auch Hans Brühlmanns.Sitzendes Mädchen'(Nr. 38), Artur Segais.Interieur'(Nr. 217) und Otto Hettners„Neapolitanische Phantasie'(Nr. 90) sind starke und sympathische Leistungen. Eine angenehme Ueberraschung bereitet uns Max Pech stein, der auf der letzten Winterausstellimg der Session wenig günstig vertreten war. Sein großes Gemälde „Weiber mit gelbem Tuch"(Nr. 194) ist zwar noch ziemlich stark von Gauguin beeinflußt, zeigt aber in der Auffassung so viel Originalität und in Farbe und Zeichnung so viel ur- wüchsige Kraft und stischc Schönheit, daß man von der weiteren Entivickelung deS Künstlers das beste erwarten darf. Den Philister überläuft freilich eine Gänsehaut beim Anblick dieser und ähnlicher Bilder. und der Snob fällt aus einer Entzückung in die andere. Man wird gut tun, sich von beiden Extremen fern- zuhalten. Denn die Jünger der neuen Richtung sind natürlich ebensowenig verrückt, wie sie etwa samt und sonders Genies sind. Ich möchte den Besuchern der Ausstellung den Rat geben, vor den Arbeiten unserer Jüngsten nicht gleich mit runden Urteilen heraus- zurücken, sondern erst und vor allem den Absichten der Künstler nachzuspüren. Sie werden dann, wenn auch nicht immer an glänz» vollem Gelingen, so doch meistens an sehr achtbarem Können, an redlichem Streben und flottem Wagemut ihre Freude haben. Die Plastik ist in der SezesfionsauLstellung diesmal leider sehr stiefmütterlich behandelt worden. Es fehlt fteilich nicht an einzelnen guten und interessanten Werlen. Gauls prächtiger kleiner.Bär"(Nr. 295) sowie sein Brunnen mit dem bronzenen Fischotter(Nr. 294), CarabinS ausdrucksvolle und graziöse Tänzcrinnenstatuetten(Rr. 283— 288), B a r l a ch S wuchtiger .Zecher'(Nr. 278), Kruses Leistikow- Büste(Nr. 3l'31. S ch e ib e s.Pavian"(Nr. 325) und bor allen: die schwungvollen, großzügigen und wahrhast monumentalen Arbeiten von Georg Kolbe(namentlich die.Weibliche Figur' Nr. 313) sind durch- »veg beachtens- und zum Teil bewundernswert. Daneben aber ist sehr viel WtittelmäßigeS, Flaues und Minderwertiges zu sehen, die größten Namen fehlen, und von dem neuen Geist, de» wie in der Malerei so auch in der Bildhauerkunst seinen Einzug ge- halten hat, bekommt man nur einen schwachen und schiefen Begriff. John SchikowSii. Perantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckerei u.VerUgsanstalt Paul Singer ör?o., Berlin LW.