NnterhaltungsSlatt des Horwärts Nr. 105. Donnerstag� den 3. Juni. 1909 (Nachdruck verboten.). 23 Der Hrbeiter Scbewyrjoff» Revolutionsgeschichte von M. Artzibaschew. Wirt und Gast schwiegen eine Weile. Schewyrjoff starrte regungslos aufs Glas und spielte schnell, kaum merklich, mit den Fingern der auf dem Knie ruhenden Hand. Aladjew war sichlich erregt. Er hatte große Lust, zu fragen, wie Schewyrjoff feine Erzählungen gefielen. Er war vollkommen überzeugt, daß er nicht für das gebildete Publikum, sondern gerade für Arbeiter und Bauern schreibe. Ein paarmal öffnete er sogar den Mund, konnte sich aber nicht dazu entschließen. Dann steckte er sich eine Zigarette an, zwinkerte mit den Augen und beobachtete überaus aufmerksam die Flamme' aber noch bevor er zu rauchen begann, fragte er mit gemachter Nachlässigkeit: „Nun, wie haben Ihnen meine Sachen gefallen?" „Warum nicht." meinte Schewyrjoff,„sie sind sehr ein- drucksvoll geschrieben... Saftig!" Aladjew errötete und suchte vergebens ein strahlendes kindliches Lächeln zu unterdrücken. „Stur idealisieren Sie die Menschen zu sehr", fügte schewyrjoff hinzu. „Das heißt?" fragte Aladjew aufgeregt. „Wenn ich nicht irre, gehen Sie von dem Standpunkt aus, daß es bei gesundem Verstand und klarer Urteilsfähigkeit keine bösen Menschen gibt. Daß nur äußerliche, weg- zuräumende Umstände die Menschen hindern, gut zu sein. Ich kann daran nicht glauben. Der Mensch ist von Natur wider- wärtig. Im Gegenteil, gerade günstige Umstände sind er- forderlich, um aus einigen... aber nur wenigen... gute Menschen zu machen." Aladjew war empört. Das war sein Wunder Punkt: hierin lag der Grundzug seiner gesamten zukünftigen Schreiberei, und er glaubte fest und einfach, ohne Beweise zu fordern, an seine Idee, wie ein Bauer an Gott glaubt. „Was reden Sie da!" schrie er auf. „So denke ich", antwortete Schewyrjoff mit eiserner Un- erschlltterlichkeit.„Ich bin ein Arbeiter und kenne das gut." In seiner Stimme zitterte gewaltsam unterdrückte schmerzliche Bitterkeit, und mit einem Male tat er Aladjew leid. „Sie haben, wahrscheinlich ein sehr schweres Leben hinter sich... und das hat Sie verbittert. Sie können unmöglich an das glauben, was Sie behaupten. Das sieht ja, verzeihen Sie, nach Menschenhaß aus!" „Ich fürchte dieses Wort nicht," erwiderte er kühl:„ich hasse die Menschen in der Tat, aber was Sie verbittert bezeichnen, nenne ich erfahre n." „Worin?" „Die Warheit zu sehen, die die Menschen hartnäckig vor sich selbst zu verbergen suchen." „Warum sollten sie sie verbergen, wenn alle so sind? Und was verstehen Sie unter dieser Wahrheit?" „Sie muß unterdrückt werden, damit die einen auf Kosten der anderen leben können. Das ist der gewöhnlichste Be- trug... Wahrheit ist, daß alle Begierden des Menschen nur Raubtierinstinkte sind..." „Was reden Siel! Alle!" schrie Aladjew aufgeregt.„Und Liebe, und Selbstaufopferung, und Mitleid?" „Ich glaube nicht an sie. Sie sind nur der Deckmantel, um die häßliche Blöße zu verbergen und die räuberischen In- stinkte, die ein Leben unmöglich machen, niederzuhalten. Ein Produkt menschlicher Ideen: es liegt gar nicht in der mensch- lichen Natur... Dressurstiick!... Wären Liebe— allerdings nicht die Geschlcchtslicbe—, Mitleid und Selbstlosigkeit wirklich instinktiv in uns, so wie der Trieb zum Rauben, so hätten wir jetzt an Stelle des Kapitalismus die christliche Republik, die Satten könnten es nicht mitansehen, wie die Hungrigen sterben, und es würde keine Herren und Knechte geben, weil alle gegenseitig Opfer brächten und alles gleich wäre. Das aber haben wir nicht." Aladjew sprang aufgeregt empor und lief mit schweren Schritten durchs Zimmer, als ginge er über aufgerissenen Schollen hinter dem Pflug her. „Im Menschen leben zwei Prinzipien— das göttliche und das teuflische, wenn wir die Worte unserer Mystiker ge- brauchen wollen. Der Fortschritt ist nur ein Lkampf der beiden Prinzipien und nicht, wie Sie..." „Ich meine, daß, wenn beide Prinzipien, in ihrer reinsten Form genommen, der menschlichen Natur in gleichem Maße innewohnen sollten, das Leben nicht so widerwärtig sein könnte, wie es jetzt ist... In keinem Fall...Der bloße Kampf ums Dasein hat diese Stichworte erfunden, wie er Lokomotiven, Telephone und Medizin erfunden hat." „Nun gut... zugegeben... Folglich ist der Mensch doch imstande, seine Psyche zu beeinflussen,— warum glauben Sie denn nicht an den endlichen Sieg dieser Prinzipien über den Raubtierinstinkt? Die Ideale durchdringen das Leben langsam aber sicher, und nachdem sie den Sieg davongetragen und die Rechte aller Menschen gleichgemacht haben..." „Das wird niemals geschehen,"— erwiderte Schewyrjoff kühl:„in gleichem Maße wie dieser Fortschritt wächst auch die Mannigfaltigkeit des Lebens... Der Kampf ums Dasein ist ein ewiges Gesetz, er wird nicht eher aushören als daS Dasein selbst." „Sie glauben also nicht an eine Verbesserung der Lebens- formen?" „An neue— ja, aber an bessere— nicht." „Warum das?" „Der Mensch ist nicht glücklich oder unglücklich, weil ihm Gutes oder Böses zugefügt wird, sondern weil ihm die Fähig- keit zu Leid und Freude angeboren ist. Hätte ein Mensch des steinernen Zeitalters unsere Welt im Traum sehen können, so wäre sie ihm wie ein Paradies auf Erden vorgekommen. Und wir erleben nun seinen Traum und sind doch genau so, wenn nicht noch unglücklicher als er... Ich glaube an kein goldenes Zeitalter." „Na, wissen Sie," sagte Aladjew, den es unwillkürlich durchfröstclte,„das ist ja ein dämonischer Unglaube. Ver- zeihen Sie, ich kann mir aber nicht vorstellen, daß Sie es wirklich so meinen..." „Schade"— lächelte Schewyrjoff kalt. „Na, ich danke, das ist ja furchtbar." „Ich sage auch nicht, daß es g u t ist." Aladjew verstummte und sah sein Gegenüber mit auf- richtigem Mitleid an. Jetzt begriff er, woher die Klarheit und Kühle des Blicks, woher die schreckliche Ruhe kamen. In der Seele dieses Mannes waren arge Finsternis und O e d e. Vielleicht war noch heftiger Ekel und Rachsucht, doch auch nur unpersönliche Rachsucht zurückgeblieben. Schewyrjoff fing an, rascher mit dem Finger zu spielen. sann nach und stand plötzlich auf. „Auf Wiedersehen," sagte er, ich bin von der Reise noch müde... und ich spreche selten so viel..." Nachdenklich drückte ihm Aladjew die Hand. Doch als Schewyrjoff die Tür öffnete, fragte er rasch: „Ach, sagen Sie... Sind Sie wirklich ein Arbeiter?" Schewyrjoff lächelte.„Was ist da wunderlich? Gewiß." Und er ging hinaus, die Tür fest hinter sich ins Schloß drückend. Aladjew ging noch lange im Zimmer auf und ab, rauchte erbittert Zigaretten und setzte in Gedanken den Streit fort. Jetzt, da sein Gegner schwieg, schienen seine eigenen Einwände unwiderlegbar: allmählich kam er ins Träumen. Das zu- künftige Leben stieg gleich einer undeutlichen, aber sonnen- hellen Vision vor ihm auf. Vor seine Augen trat das unübersehbare Bild der Felder, Wälder und Dörfer, grau, traurig und ärmlich, in deren Endlosigkeit ein großes duldendes Volk seine einfältige Wahr- heit, die Wahrheit eines künftigen gerechten Lebens, still und verborgen hegt. Aladjew wünschte etwas Gewaltiges zu schreiben: in einem Wurf durch ganze Berge von Bildern voller Kraft und Wahrheit, die von einer großen inneren Idee zusammen- gehalten wurden, das ausdrücken, was ihn so auälte und freute. Sein Kopf glühte, in seine Augen traten Tränen: es schien ihm nahe und erreichbar. Aber das bebende Bewußtsein seiner Kraftlosigkeit cntflügelte seine Seele. »Wie käme ich dazu." — 418— - Er seufzte schwer und dachte mit einer Demut, die ihm das Herz erleichterte:. „Nun, was schon! wenn nicht ich, so ein anderer. Ich werde das meine tun!" Eine Weile stand er noch im Zimmer und starrte gc- dankenlos mit feuchten Augen auf das Bild Tolstojs, das ihn scharfseherisch und durchdringend von der Wand ansah. Dann stellte er Zigaretten und Lampe auf den mit Zei- tungspapier bedeckten Schreibtisch, reckte sich mit dem ganzen Körper und fetzte sich nieder. (Fortsetzung folgt.� Der erste Streik in MeiKenburg. Da wo die Vogesen sich mit dem Haardtgebirge verbinden, am Fuße der Berge, liegt die alte ehemalige freie Reichsstadt Weißen- bürg. Klein und lieblich schmiegt sich der freundliche Ort in das reichgesegnetc Tal. Als seien die Häuser mit ihren lächerlich steilen und spitzen Giebeln einer Spielschachtel entnommen und von unge- schicktcr Kinderhand aufgebaut, so liegt das Städtchen friedlich da: in behaglicher Ruhe und Abgeschlossenheit. Ernst und würdig, von den Schatten vergangener Jahrhunderte umwoben, reckt sich tveit über die Häuser hinaus die schöne Peter- und Paulstirchc, ein Meisterwerk altgothischer Baukunst. Die Festungsmauern hat man größtenteils schon niedergerissen, und wo noch kümmerliche Reste stehen, da vollendet, was Menschenhände be- gönnen, langsam, aber sicher der Zahn der Zeit. Zwei Pulver- türme stehen noch breit und massig, sie schauen gar trutziglich drein, und in ihrem verlassenen Innern führen Ratten, Eulen und Flcder- mause ein beschaulich stilles Dasein. Die ehemaligen Festungs- wälle aber sind der Kultur erschlossen und in schmucke Parkanlagen umgewandelt.... Wie das gekommen ist und was die Gründung eines„Weißenburgcr Verschöncrungsv�eins" bewirkt hat, dem die Honoratioren der Stadt angehören, das soll hier wahrheitsgetreu geschildert werden. Ich muß hier einschalten, daß man, wenn hier das Wort „Streik" vorkommt, nicht etwa vermuten darf, es gebe in Weißen- bürg auch schon so'was wie„Hetzer und Wühler", die die fleißigen und zufriedenen Arbeiter dieses Städtchens aus ihrer idllischen Ruhe aufschrecken wollten. O nein!— Uebrigens ist die Industrie hier erst schwach entwickelt und über einen schüchternen Ansatz noch nicht hinausgekommen. Außer einer Fabrik, die Nachttöpfe in jeder Größe und Spucknäpfe in Emaille produziert, gibt es keine weiteren industriellen Betriebe. War man doch stets in auffallender Weise bestrebt, jegliche Industrie aus der Gegend fernzuhalten. Böse Zungen behaupten, dieses Bestreben sei darauf zurückzuführen, daß den Herren Grundbesitzern ihre billigen, anspruchslosen Arbeits- kräfte erhalten bleiben. Diese sind nämlich mit ihren 9— 14 M., die sie wöchentlich verdienen, sozusagen„zufrieden". Kapital und Arbeit fußt hier ja noch ein wenig auf den Traditionen der„guten alten Zeit"..... Wie kam es nun, daß die wackeren Weißenburger Bürger, ob- gleich die Natur sie schon mit einer Umgebung von prächtigen land- schaftlichen Reizen gütigst versehen hat, sich plötzlich dazu auf- schwangen, brachliegende Festungswälle und sumpfige Gräben gärt- nerisch herzurichten und zu kultivieren?— Ein geringfügiges Ereignis brachte den Stein ins Rollen und die Weißenburger Edelsten in eine bewundernswerte Verschönerungswut. Vor dem Stadttor breitet sich ein großer Weiher aus. Ehemals lag er wild und verlassen da. Das Schilf wuchs bis in die Mitte, eine grüne dicke Schicht bedeckte das trübe Wasser. Frösche und Kröten quakten und lobten in warmen Smnmernächten unablässig den fürsorglichen, allgütigen Schöpfer, der ihnen zum fröhlichen Da- sein dieses Kapua geschaffen hatte. Auf dem Platze nebenan und auf den anschließenden Wällen sproß üppiges Gras und dicke Brennesselbüsche breiteten sich aus. Im übrigen bedeckten Schutt und Scherben den Platz, über den am Tage die Kinder für ihre Spiele verfügten. In der Dunkelheit der Nacht konnte man an verschiedenen Stellen das Glühen einer Zigarre, das Blitzen von blanken Metallteilen und das verräterische Leuchten weißer Klei- dungsstücke sehen. Alles weitere bedeckte Mutter Nacht liebevoll mit ihrem dunklen Mantel. Nur manchmal schielte der Mond ver- schmitzt hinter die Büsche und freute sich spitzbübisch. Irgendwo aber lag Amor, der kleine Schalk, und schoß seine Pfeile ab. Von Zeit zu Zeit fanden sich Menagerien, Zirkusse. Schießbuden und Oasperletheater ein und schlugen auf dem Platze ihre Zelte auf. Dann herrschte dort reges Leben, und bis in die elfte Abendstunde wimmerten die verstimmten Drehorgeln durch die Nacht. Eines Tages nun— es war im Frühjahr— hatte sich der ganzen Bevölkerung eine fieberhafte Aufregung bemächtigt. Wie ein Trompetenstoß war in das stille Oertchen die Kunde gedrungen, es seien vier große Vögel angekommen und hätten sich im Weiher niedergelassen! Man stelle sich vor: vier fremde große Vögel in einem Orte, wo selten ein Pferd stürzt, wo nie zwei Wagen karam- dolieren, in einem Orte, dessen Bewohner messt kaum über den nächsten Umkreis hinausgekommen waren. den 6000 Einwohnern setzten sicherlich 4000 an jenem Tag-, ihre Beine in Be- wegung, das neue Ereignis mit eigenen Augen zu schauen. Und wirklich, da schwammen die fremden Vögel und zogen elegante Kurven auf der Wasserfläche? Sie reckten die langen biegsamen Hälse, blähten die Flügel auf und blickten mit souveräner Ver- achtung auf die Gaffer. Ein Professor vom städtischen Gymnasium stellte mit unanfechtbarer Bestimmtheit fest, daß die Ankömmlings zur Gattung der Zahnichnäbler gehörten und mit ihrem gewöhn- lichen Namen Schwäne genannt würden. Den Schwänen gefiel ihr neuer Aufenthalt anscheinend, denn sie taten sich, unbekümmert um die Gaffer, gütlich an der reichbesetzten Tafel. Jetzt aber trat die hochwohllöbliche Behörde in Aktion, als da sind: Kreisdirektor» Bürgermeister, Polizeikommissar usw. Gewissenhaft, wie nun ein- mal Behörden sind, ließen sie den Telegraphen nach allen Rich- tungen der Windrose spielen, um anzufragen, ob die zugeflogene» Vögel, genannt Schwäne, irgendwo entflogen wären. Alle Ant- Worten lauteten: Nein! Obgleich nun jede Gemeinde ängstlich bestrebt ist, neu Hinzu- ziehende, sofern sie nicht im Besitze der nötigen Subsistenzmittel sind oder die Gewähr für eine gut bürgerliche Existenz bieten können, möglichst schnell wieder loszuwerden— hier machte man eine Aus- nähme. Ja, eine sofort einberufene Sitzung der ehrsamen Stadt- Väter beschloß einstimmig, den fremden Gästen in der Mitte des Weihers auf der schon vorhandenen natürlichen Insel eine Residenz in Gestalt einer Hütte zu errichten. Damit sollte den hochnäsigen Fremdlingen eine bessere Achtung vor ihren künftigen Mitbürgern abgenötigt werden. Die Arbeit wurde auf dem Submissionswege vergeben, und eines Tages prangte inmitten des Weihers ein geräumiger, gift- grün angestrichener Pavillon. Dieser wurde mit Heu ausgelegt, und man wartete nun gespannt der Dinge, die da kommen sollten. Mißtrauisch umkreisten die Schwäne den Bau, dann hielten sie in einer Sprache, die den Weißenburgern unverständlich blieb, eine eingehende Beratung. Das Ergebnis war, daß sie das neue Heim entschieden ignorierten und die Nacht wieder im Freien verbrachten. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden! Darob große Be- stürzung, die sich aber legte, als die Flüchtlinge am Abend wieder eintrafen. Diesmal hielten sie feierlich Einzug in ihr Häuschen. Bon da an war das Interesse für den Weiher erst recht rege geworden. Aber die ganze Umgebung störte den ästhetischen Genuß. Deshalb bildete sich bald aus den Spitzen der Einwohnerschaft der besagte„Weißenburgcr Verschönerungsverein".... Der Weiher wurde gereinigt, das Schilf zum Teil abgehauen. Das Wasser er- hielt frischen und ständigen Zulauf. Der Gärtner erschien auf dem Plan, und schon nach kurzer Zeit prangten auf dem häßlichen Platze hübsche Anlagen mit Blumen und Sträuchern. Bänke wurden auf- gestellt und luden zum Sitzen ein, und abends und Sonntags Wim- melte es von Spaziergängern. Das Glühen der Zigarre, das Blitzen der Metallknöpfe und das Leuchten der hellen Blusen und Schürzen war von nun ab nur noch an weiter entlegenen Stellen zu sehen. Nun war es ab�c alter Weißenburger Brauch, daß in jedem Winter das Eis des Weihers verkauft wurde, und regelmäßig er» hielt es der städtische Schweinehirt, der es sprengte und weiter ver- kaufte. Dieser Mann, der sein poetisches Amt schon lange Jahre zu aller Zufriedenheit versah, hieß mit Namen Meier, doch wurde er allgemein„Schikel" genannt. Er war ein rechtschaffener Mann, wenn er auch seinen besten Zug in der Kehle hatte. Und dann priemte er, priemte einfach fürchterlich. Da in jener Gegend fast durchweg der gewöhnliche Pfeifentabak zum Priemen benutzt wird und die Betreffenden meist ein ansehnliches Quantum davon(man nennt das„Schick") in den Mund stecken, so bildet sich in der einen Backe mit der Zeit eine Ausbuchtung in Form und Größe einer mittleren Nutz. Bei Schikel war sie schon zur Stärke einer Billard- kugel angewachsen. Dem biederen Schikel nun war der ehrenvolle Auftrag erteilt worden, neben den Schweinen auch die Schwäne der Gemeinde zu warten, und er kam diesem Auftrag gewissenhaft nach. Zumal da er den königlichen stolzen Tieren, die so distinguiert taten, leb- Haftes Interesse abgewann. Und Schikel war ein geborener Philo- soph. Wenn er auf dem Felde allein bei seinen Rüsseltieren stand, stellte er tiefsinnige Betrachtungen über alle möglichen Dinge zwischen Himmel und Erde an und zog daraus die kühnsten und gewagtesten Schlüsse. Besonders wenn er ein größeres Quantum vorjährigen„Tockayers" und einige„Trester" im Magen hatte, dann kamen ihm die schönsten Gedanken. Allerdings war es besser, ihn in solchen Stunden zu meiden.... Also, Schikel gewann die Vögel sehr lieb und unterhielt sich in seinen Mußestunden angelegentlichst mit ihnen. Jedem der viere hatte er einen Namen gegeben, die er seinem„französchen Diksjonnähr" entnommen haben wollte. Und die Pfleglinge hörten auf die„französischen" Namen und kamen willig auf Schikcls Ruf, was diesem große Befriedigung gewährte und ihm auch Ansehen bei den Leuten einbrachte. Da geschah es, daß ein Ratsmitglied das Eis vom Weiher für den eigenen Bedarf kaufte! Schikel war außer sich und oppo- nierte. Aber es half nichts. Er sollte diesmal das Eis nicht erhalten. Doch jetzt zeigte Schikel dem hohen Rat seine Macht. Den Weißenburgern aber bot er ein köstliches Schauspiel, das in der Erinnerung noch auf lange Zeiten fortleben wird.. Eines Morgens kam der städtische Schweine- und Schwäne- Hirt die Hauptstraße entlang und trieb rund ein Dutzend Schwäne (sie hatten sich inzwischen vermehrt) in Reih und Glied vor sich her. Von allen Seiten lief die Einwohnerschaft herbei, um das ergötzliche Bild in Augenschein zu nehmen. Auf dem Marltplatze angekommen, lieh Schikcl die Herde stehen und betrat das Rat- haus, wo der hohe Gemeinderat gerade tagte. Schitel erklärte den verdutzten Herren(er hatte schon eine Flasche„Tocfayer" und einige»Trester" genehmigt) kategorisch: wenn er nicht das Eis bekäme, würde er die Tiere auf dem Markte stehen lassen! Während nun einige Stadtvätcr über die Szene in Heiterkeit ausbrachen, schimpften andere weidlich auf den unbotmäßigen Pfleger, und der Herr„Maire" drohte, wenn Schikel nicht sofort mit den Tieren nach dem Weiher zurückkehre, ihm beide Aemter abzunehmen. Aber Schikel war sich seiner Macht bewußt. Des- halb beharrte er auf seiner Forderung: Das Eis— oder die Schwäne bleiben auf dem Marktplatze! Damit rückte er seine Mütze in den Nacken, spie eine Flut braunen Tabaksaftes aus und verließ ostentativ das Rathaus. Die Schwäne standen unterdessen unbeweglich auf einem Fleck und harrten in philosophischer Ruhe der Dinge, die da kommen würden. Als aber die beiden Polizisten ihren Auftrag, die Tiere zurückzuführen, ausführen wollten, da stoben die Schwäne wild nach allen Windrichtungen auseinander, und der stärkste unter ihnen ging sogar zum Angriff über und brachte dem einen Polizisten eine üble Wunde an der Nase bei. Die Umstehenden platzten fast vor Schadenfreude. Der Rat war ratlos. Schikel aber stand dabei und stopfte in aller Seelenruhe ein halbes Päckchen Knaster in die Backenhöhle. Nun verlegte sich der Bürgermeister aufs Parlamen- tieren. Schikel aber blieb dabei: das Eis, oder die Schwäne kämen nicht wieder nach dem Weiher zurück!— In dieser kritischen Situation blieb den Vätern des Städtchens weiter nichts übrig, als den Gemeindevertreter, der das Eis gekauft hatte, himmelhoch zu bitten, es wieder an den Schweine- und Schwänehirten abzutreten. Als er sein Eis wieder in der Tasche hatte, da steckte Schikel gelassen zwei Finger in den Mund und lieh einen durchdringenden Pfiff ertönen. Wie auf Kommando sammelten sich da die zerstreuten Schwäne um ihren Herrn und Gebieter, und unter dem stürmischen Jubel Weißenburgs ging es nach dem Weiher zurück. So endete der erste Streik in Weißenburg. Emil U n g e r. Der Laubenkolomft als Gärtner und Klcintierzücbter. Unser Blumenfenster. In der Großstadt sind die Leute, die einen eigenen Garten be« fitzen, spärlich gesät: auf tausend Einwohner kommt kaum ein solch Glücklicher; aber auch diejenigen, die über einen Balkon an der Mietswohnung verfügen, sind nicht allzu zahlreich vorhanden, und deshalb ist man in den meisten Familien— von den immer noch zu beneidenden Laubenkolonisten abgesehen— während des Sommers bezüglich der Blumenpflege ausschließlich auf das Blumen- brett außerhalb des Fensters angewiesen. Für den Blumenfreund, dem die Pflege einiger Blumenstöcke zur zweiten Natur geworden ist, haben leider die meisten sonstigen Erdenbewohner kein Verständnis, am wenigsten die Hausagrarier und die Baumeister. Wäre in diesen Kreisen ein solches Verständnis vorhanden, so würden sich die meisten Ballone nicht wie jetzt an der Schattenseite befinden, nur weil diese nach der Straße liegt, sondern da, wo die Blumen Sonne erhalten und gedeihen können, und die Gesimse außerhalb der Fenster würden geräumig und eben sein und nicht wie jetzt fast allenthalben schräg nach abwärts führen, so daß jeder Blumentopf, den man dahin stellen will, mit unfehlbarer Sicherheit auf die Straße stürzen muß. Ein ebenes Fenstergesims, versehen mit einer Ab- zugsrinne für das beim Gießen abfließende Wasser und eingefaßt mit Bandeisen, würde an der Sonnenseite eine ideale Vor- richtung zur Topfpflanzenkultur während des Sommers für alle diejenigen fein, die auf einen Balkon verzichten müssen. Da solche Gesimse aber nur selten vorhanden, ist derjenige, der Blumen vor den Fenstern ziehen will, gezwungen, sich auf eigene Kosten eine derartige Vorrichtung herstellen zu laßen. Am geeignetsten hierzu ist ein aus Holz gefertigter, grün ge- strichener, rechts und links genügend fest in der Hauswand verankerter Kasten. Die mit grün gestrichenem Holzgitter eingefaßten Fenster- kästen, die man so häufig sieht, find weniger zweckentsprechend, da sie in sonniger Lage die sengenden Strahlen nicht von den Blumentöpfen abhalten. Der Ton dieser Töpfe ist ein guter Wärmeleiter, deshalb erhitzt er sich in den Mittagsstunden unter der Einwirkung der Sonne so sehr, daß nicht nur die Erde in den Töpfen nach kurzer Zeit immer und immer wieder vollständig austrocknet, sondern auch die vorzugsweise um die Topfwandungen liegenden Saugwurzeln. denen die Nahrungsnahme obliegt, verkümmern und verbrennen. Dies hat ein Erkranken der Gewächse znr Folge, für dessen Ursache dem Laien oft jede Erklärung fehlt. Abgesehen davon nimmt auch staubtrocken gewordenes Erdreich nur sehr schwer wieder Wasser an; die Erde in den Töpfen wird ballcntrockcn, das Gießen ist dann nutzlos, da das Gießwasser zwischen Erdbällen und Topfrand rasch hindurch zieht und aus dem Abzugsloch im Topfboden wieder herausläuft, ohne der Erde und den Wurzeln zu gute zu kommen. Nach einiger Uebung kann man leicht an dem geringen Gewicht der emporgehobenen Pflanze Ballentrockenhett feststellen. Ballentrocken gewordene Blumentöpfe müssen ein bis zwei Stunden in eine mit Wasser gefüllte Bütte gestellt werden, bis die Erde wieder mit Feuchtigkeit gesättigt ist. Im Gegensatz zu Ton und Metall ist Holz ein schlechter Wärmeleiter, eS erhitzt sich dementsprechend nie und aus diesem Grunde ist der einfache Holzkasten für die Fensterkultur am geeignetsten. Er kann vollständig schmuck- los sein, da die Wirkung nicht durch den Kasten, sondern durch die Pflanzen, die man ihm anvertraut, erzielt werden soll. Wie in Balkonkästen, mit denen wir uns im vorigen Monat beschäftigt haben, so können die Pflanzen auch frei in die Fensterkästen ausgepflanzt werden, zu welchem Zwecke sie mit guter Scherbenunterlage ver- sehen und dann mit kräftiger Erde gefüllt werden. Viel- fach verfährt man aber vorteilhafter, die Pflanzen in den Töpfen zu lassen, um beliebig über jede einzelne verfügen zu können und die Möglichkeit in der Hand zu haben, die Anordnung der einzelnen Töpfe nach Erfordernis zu verändern. Einige Hängepflanzen, deren Triebe über die schmucklosen Kasteuränder nach außen herabhängen, erhöhen die malerische Wirkung der Gesamtanordnung. Vorteilhaft ist es, vor Einbringung der Töpfe den Kasten bis au zwei Drittel seiner Höhe mit angefeuchtetem Torfmüll oder mit Sägemehl zu füllen und hier hinein die Töpfe bis fast zum Rande einzufüttern. Diese Füllung bietet verschiedene Vorteile. Zunächst saugt sie das nach dem Gießen aus den Abzuglöchern der Töpfe abziehende Wasser auf und verhindert dadurch das gesetzwidrige Tropfen auf die Straße, dann aber auch erzeugt eine derartige Füllung, wenn sie stets beim Begießen der Töpfe auch von oben mit angefeuchtet wird, durch allmähliches Verdunsten des Wassers eine feuchte Atmosphäre in der Umgebung der Pflanzen, die deren Gedeihen sehr befördert. Die Auswahl der Pflanzen muß sich nach der Lage des betreffenden Fensters richten. Für volle Sonne wählt man die verschiedenen Pelargonien, die großblumigen Petunien oder schönblühende Kakteen und sonstige Fettpflanzen; bei voller Morgensonne Heliotrop. Fuchsien, hängende Glockenblumen, die blaublütigen hängenden Lobelien, Begonien und andere in den Gärtnereien und Blumen- geschäften käufliche Pflanzen. Wer haushälterisch sein will, der kann sich auch die Blumentöpfe selbst herrichten und mit Samen be- stellen. Die neueren Resedasorten. Kapuzinerkressen, Sommerritter- sporn, Herbstastern, Ageratum und ähnliche wachsen bei richtiger Behandlung bald zu hübsch blühenden Pflanzen heran. Reseda und Kapuzinerkresse sät man gleich in die Töpfe, rn denen sie ihre voll- ständige Entwickelnng erlangen sollen, die übrigen zunächst in ein Saatgefäß, aus dem dann ipäter die jungen Pflänzchen zu drei bis fünf Stück in Blumentöpfe von 10 Zentimeter oberer Weite ver- pflanzt werden; dazu bedient man sich eines stumpf zugespitzten Holzes von doppelter Bleifederstärke, mit welchem man die zur Aufnahme der Pflanzen bestimmten Löcher macht. In ein solches Loch ist der Pflänzling bis zu dem Keimlappen so hineinzu- halten, daß die Hanptwurzeln gerade in die Erde komnien' dann wird das Loch zugedrückt, der Topf angeklopft, damit sich die Erde gleichmäßig um die Wurzeln setzt, und danach mit einer Brause gut angegossen. Unter den sommerblühenden Pflanzen gibt eS nur wenige von bescheidenem Wüchse, die vom Frühling bis zum Herbst unverpflanzt stehen bleiben können; stark wachsende Gewächse dagegen erfordern im Laufe des Sommers ein zivei- bis dreimaliges Versetzen, aber stets nur in mäßig größere Töpfe; sobald die Wurzeln um den Topftand herum filzartig verwachsen sind— was man durch Aus- topfen der Pflanze feststellt—, ist ein Versetzen notwendig. Die ver- wachscnen Saugwurzeln werden mit einem zugespitzten Holz ge- lockert, unter Umständen auch etwas eingekürzt, der ganze Wurzel- ballen wird dadurch etwas verkleinert, worauf man ihn in einen etwas größeren Topf verpflanzt. Der Topf erhält eine Scherbe auf das AbzugSloch, die dieses vor Verstopfung bewahrt, eine kleine Erd- einlage, die mit dem Handrücken der rechten Hand festgedrückt wird und so stark sein soll, daß die nun mit dem Ballen in den neuen Topf gefetzte Pflanze nicht tiefer steht als zuvor.(Kommt sie mit dem Stamm zu sehr in die Erde, so erstickt sie. steht sie zu hoch, so leiden die fteiliegenden Wurzeln unter dem Einfluß der Luft und Sonne.) Nach dem Versetzen sind die Pflanzen gut anzubrausen und in den nächsten Tagen bis zum erfolgten Anlvurzeln etwas beschattet zu halten, wodurch man starkes Welken verhindert. Der aufmerksame Blumcnfteund wird bald herausfinden, ob eine Pflanze zu sonnig oder zu schattig steht. Steht sie zu schattig, so treibt sie geil und farblos, steht fie zu sonnig, so erhalten die Blätter Brandflecke, und die jungen Triebe werden welk. Wo Jalousien am Fenster angebracht sind, die um die Mittagszeit schirm- artig herabgelassen werden können, ist dies für viele Gewächse von Vorteil. Die weit verbreitete Ansicht, daß man durch künstliches Düngen der Topfgewächse das Verpflanzen erübrigen könne, trifft nicht zu, da das Verpflanzen dadurch nur etwas hinausgeschoben, niemals aber aufgehoben werden kann. Ein vorzüglicher Dünger für Topfpflanzen, der leicht und in der Regel kostenlos beschafft werden kann, ist Taubeiidung. den man am besten in Wasser gelöst gibt. Die richtige, den Pflanzen niemals schädliche Lösung ist: 2—3 Gramm trockener Taubendünger in einem Liter Wasser gelöst. Er wird an, besten abends mit kochendem Wasser angesetzt, am Morgen verrührt und dann zum Gießen verwendet. Für Blatt« — 420- gewächse. die nur der üppigen VelauVung halber gepflegt Verden, verwendet man das stickstoffreiche Hornmehl, ein bis zwei Gramm in einem Liter heißen Wassers verrührt und nach dem Erkalten gegeben. Abgesehen von diesen Dünge- Mitteln stehen noch vie in den Samenhandlungen auch in kleinen Packeten erhältlichen Universal-Nährsalze zur Bersügung(Florasalz und Alberts Nährsalz). Von diesen gibt man ein Gramm in je einen Liter Wasser, das ist ein Teil Salz auf tausend Teile Wasser. Mit schwacher Lösung kann man nie des Guten zu viel tun. das heißt man kann in flottem Wachstum und flottem Blühen bc- griffene Pflanzen in der Hauptvegetationsperiode, also im Juni, Juli und August, täglich gegen Abend damit gießen, wenn die abgetrocknete Erde anzeigt, daß die Pflanze Wasser nötig hat. Ein großer Irrtum ist es, anzunehmen, man könne einer kranken Pflanze mit künstlichen Dünge- niitteln wieder— wie man zu sagen pflegt— auf die Beine helfen. Kranke Gewächse vertragen keinerlei künstliche Nährmittel; sie sind, wenn sich die Wurzeln krank zeigen, wenn sie faule Spitzen oder sonst ungesunde Färbung erkennen lassen, oder wenn die Erde durch unangenehmen säuerlichen Geruch Verdorbenheit anzeigt, aus den Töpfen zu nehmen und nach Abschütteln der schlechten Erde und Abschneiden der verdorbenen Wurzeln unter Verwendung möglichst kleiner Töpfe in eine recht leichte, sandige Erde zu verpflanzen. Bei Ausschmückung des Blumenfensters begnüge man sich mit kraut- oder halbstrauchartigen Gewächsen, die nur eine bescheidene Größe erreichen, ui»d lasse starke ältere Pflanzen, wie sie als Familienerbstllcke vielfach zu finden sind, beiseite. Auch bei denkbar bester Befestigung ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß ein allzu sehr belastetes Blumenbrett eines Tages auf die Straße stürzt und, wenn es das Unglück will, irgend einem unten vorübergehenden harmlosen Menschen den Schädel einschlägt. Auf diese Weise kann man dann unverhofft zu einer Anklage wegen fahrlässiger Tötung oder fahrlässiger Körperverletzung kommen. Aber auch wenn das Blumenbrett unbedingt sicher befestigt und so ausgeführt ist, daß es noch eine weit größere Last, also auch schwere Töpfe und Pflanzenkübel, zu tragen vermag, ist immer die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß ein starker Sturm oder Wirbel- wind die Pflanzen mit dem Erdballen aus den gut befestigten Töpfen oder Kübeln herausreißt und auf die Straße schleudert. Große Pflanzen läßt man deshalb, kann man sie nicht in den Hof oder in den Garten stellen, im Innern des Zimmers nahe dem Fenster, daS dann bei warmer Witterung Tag und Nacht geöffnet fein soll. Stellt sich Ungeziefer ein, so ist dies immer ein Zeichen fehler- hafter Behandlung, eine Folge von Licht-, Luft- oder Sonnenmangel, zu trockener und staubiger Luft, Nahrungsmangel oder ungenügender Bewässerung. Gesunde, kraftstrotzende Pflanzen sind fast stets von Ungeziefer frei. Manche tierischen Schädlinge unserer Zimmerpflanzen sind so klein, daß man sie mit bloßem Auge kaum wahrnehmen kann, aber trotzdem fähig, selbst starke Bäume zu ruinieren; so die sogenannte rote oder Milbenspinne und der ThripS, eine winzige schwarze Fliege. An krantartigen Pflanzen treten die verschieden- artigsten Läuse auf, von denen fast jede Pflanzenart eine besondere Vertreterin beherbergt. Als gutes und nebenbei kostenloses Mittel zur Bekämpfung all' dieser tierischen Schädlinge wird in neuester Zeit handwarmes Waffer angewendet, das da, wo e? sich nur um die Vertilgung der Blattläuse handelt, eine Temperatur von 46— 50 Grad Celsius haben soll, die bei der Be- kämpfung der anderen genannten Schädlinge und namentlich der Schildläuse bis auf 54 Grad Celsius steigen muß, aber durchaus nicht darüber hinausgehen darf. Kleinere Pflanzen werden mit den Kronen vollständig in das Wasser hineingetaucht, größere mit Waffer abgespritzt. In letzterem Falle muß die Temperatur etwas über das angegebene Höchstmaß hinausgehen, da sich das Wasser durch das Einziehen in die Spritze und das Herausschleudern auS ihr je nach der Tagestemperatur und nach der Entfernung, die es zurückzulegen hat, mehr oder weniger abkühlt. Die Verwendung solchen Wassers macht nach meinen praktischen Ver- suchen die Anwendung der unappetitlichen Ouassia- und Tabakbrühen und der im Handel angebotenen Geheimmittel nberflüsffg; letztere sind nicht nur teurer wie Medizin, sondern sie haben vielfach, nicht richtig angewendet, auch die unangenehme Eigenschaft, mit den Schädlingen zugleich auch die befallenen Pflanzen zu ruinieren. Luftfchiffbabiiböfc und Luftfcblff- Unten. Die in große Nähe gerückte Eröffnung der..Jla", d. h. der Internationalen Luftschifffahrtausstellung zu Frankfurt a. M., hat auch die Frage der Erbauung von Luftschiffbahnhöfen oder wie man sprachlich richtiger es ausdrücken müßte, von Luftschiff- Häfen und die Errichtung bestimmter Luftschifflinien in den Vordergrund des Jntereffes gerückt. In gewissem Grade sind schon heute vie Anstalten bei Bitterfeld, der Uobungsplatz des Luft- schifferbataillons und die Zeppelinschen Luftschiffhallen bei Frie- drichshafcn-Manzell am Bodensce als Luftschiffbahnhöfe zu be- zeichnen. Sie dienen aber weder der allgemeinen Benutzung, noch find sie dem großen Publikum zugänglich. Auf der Frankfurter Ausstellung hingegen werden zum erstenmal Aufstiege von Ballon? und Motorluftschiffen der verschiedensten Konstruktionen mit be- stimmten Zielen sowie Vorführungen von Flugmaschinen nach dem Prinzip„Schwerer als Luft" stattfinden. Die Aufftiege und Vor- Bereitungen dazu werden sich im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit vor einem vieltausendköpfigen Publikum vollziehen, und ebenso wird es dem privaten Besucher unbenommen sein, sich an Fahrten in Lenkballons zu beteiligen. Der Ausstcllungsplatz der Jla wird somit, wenn man von den mit jeder Ausstellung mehr oder minder lose verbundenen An- hängseln absieht, ein Luftschiffbahnhof in großem Maßstabe sein, aus dem sich der Fachmann unter Zusammcndrängung des Unent- bchrlichcn und Ausscheidung des Fernerlicgenden wohl das Bild eines Luftschiffbahnhofs konstruieren kann, wie ihn eine nahe Zu- kunft bringen muß. Wenn demnächst, wie es nun wirklich den Anschein hat, auf bestimmten Strecken verkehrende Luftschifflinien mit Fahrplänen eingerichtet werden sollen, in denen an nicht ab- solut ungünstigen Tagen wenigstens die Abfahrzeiten fest bestimmt sind, wenn solche Routen, von denen als erste eine Linie vom Bodensee nach Zürich und zum Bierwaldstädtcr See und von Frank- furt oder Wiesbaden rheinaufwärts und abwärts in Aussicht ge- nommen sind, zu einem Deutschland überziehenden Netze erweitert werden sollen, sind Luftschiffbahnhöfe unentbehrlich. Denn mehr noch als das Wasserfahrzeug braucht das Luftschiff, wenn sich sein Flug über weite Räume erstrecken soll, des schirmenden Hafens, in dem es bei bedrohlicher Wetterlage Ilnterschlupf suchen und seine Vorräte an Gas und Brennmaterial für die Motoren ergänzen und Maschincndefekte ausbessern kann. Der wichtigste Teil des Luftschiffbahnhofes sind die Berge- hallen, die nicht nur den Ballons Zuflucht gewähren sollen, sondern auch zur Aufnahme und Ausschiffung der Passagiere bestimmt sind. Der Ballon, derXsie rechtzeitig vor Ausbruch eines Wettersturzes erreicht, braucht nicht zum letzten und kostspieligsten Mittel, dem Gebrauch der Reihbahn, zu greifen, der zum vollständigen Gas- Verlust fuhrt. Er fährt in die Halle ein, wird vertaut und kann nach Nachfüllung von Gas weiterfahren. Ebenso wie in einem See- oder Binnenhafen enthält deshalb die zweckmäßig für die Auf- nähme von zwei Ballons eingerichtete Luftschiffhalle reichliches Vertauungsmaterial und Blöcke. Vorrichtungen zum Verholen und selbswerständlich ein Leitungsnetz für Leuchtgas mit beweg-- lichcn Ansatzstücken zur Nachfüllung. Zweifelsohne ist der Bahnhof vom Standpunkte der Feuersicherheit ein nicht ungefähr- liches Gebäude. Die großen Vorräte von Flaschen mit verdünntem Wasserstoffgas und explosionssicheren Benzinbchältern befinden sich deshalb selbstverständlich in einem in entsprechender E n t f e r- n u n g gelegenen Magazine. Am zweckmäßigsten sind Hallen, die auf drehbaren Unterlagen ruhen und je nach der herrschenden Windrichtung sich in ähnlicher Weise benutzen lassen wie die Lokomotivdrehscheiben eines Eisenbahnhofes. Da solche Hallen aber recht teuer sind, so ordnet man die unbeweglichen Hallen ent- sprechend der in Deutschland vorherrschenden Windrichtung aus West mit einer wcst-östlichen Längsaxe an und gibt ihnen lieber eine so breite Einfahrtsöffnung, daß das Luftschiff auch in Quer- stellung aufgenommen Iverden kann. Selbstverständlich muß ein Luftschiffbahnhof auch mit weithin sichtbaren Lichtsignalcn aus- gestattet sein, damit der Luftschiffer auch bei Nacht wie der nach den Leuchtturmfeuern sich orientierende Steuermann auf See ohne Irrtum den Hafen ansteuern kann. Schwimmende Luftschiffhallen nach Zeppelinschem Muster für den allgemeinen Verkehr haben«angesichts des großen zahlenmäßigen Ucbcrwiegcns der halbstarren Ballons zurzeit ebensowenig Aus- sichten auf Verwirklichung wie die der blühenden amerikanischen Phantasie entsprungenen Pläne von Luftbahnhöfcn auf den Platt- dächern breiter Gebäudeblocks oder auf Wolkenkratzern. Man wird das Innere der großen Städte mit ihren hochaufragendcn Hinder- nissen und den Gefahren funkenspcicnder Schornsteine ängstlich meiden und sich damit begnügen, derartige Anlagen auf freiem Lande in erreichbarer Nähe des Häusermccrcs zu errichten. Dort aber wo Grund und Boden noch nicht in unerschwinglich hohem Preise stehen, wird der Luftbahnhof ohne besondere Mühe auch der Benutzung durch Flugnraschincn dienstbar gemacht. Auf Flächen. die asphaltiert oder mit geglättetem Zementbeton hergestellt sind, lassen sich leicht die Bahnen herstellen, auf denen die mit Rädern versehenen Flugmaschinen auf einer Schicncnspur den Anlauf nehmen, che sie nach Einstellen des Höhensteucrs vom Boden auf» steigen. Mag heute auch noch mancher Zweifler diese in ihren Anfängen bereits fichtbaren Unternehmungen als lebensunfähige Frühge- burten der Technik betrachten, so werden doch schon die nächsten Jahre die Skepsis widerlegen. Der Automobilmotor, auf dessen Leistungen die ganze moderne Luftschiffahrt mit lenkbaren Fahr- zeugen beruht, befindet sich in fortschreitender Vervollkommnung. Graf Zeppelin konnte das Problem erst mit Erfolg angreifen, als das Motorgewicht auf 4 Kilogramm pro Pferdekraft herunter- gedrückt war. Diese Grenze ist aber längst unterschritten und damit die Möglichkeit gegeben, den Luftschiffen eine weit größere Selbständigkeit als beute zu geben. Die weitere Popularisierung der Luftschiffahrt, die Vermehrung der Zahl der Fahrzeuge und Aufstiege ist dann aber nur eine selbstverständliche Folge. Dr. Kreuschner. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl-gSanstaltPaul Singer SeCo..BerlmL>V.