Anterhaltungsklatt des Horwärts Nr. 106. Freitag, den 4. Juni. 1909 (Raddruck verboten�). s] Der Hrbeiter Scbewyrjoff. Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e w. Aladjew saß lange, fast bis zum Morgen, und schrieb ununterbrochen. Voll Liebe und Inbrunst schilderte er, wie Bauern, die für ihre Ueberzeugung hingerichtet werden, sterben: schlicht, ohne Worte, ohne daraus eine Heldentat zu machen, ohne be- geisterte Hymnen zu erwarten, gesammelt und ruhig, gleich- sam, als wüßten sie etwas, was anderen verborgen ist. Der Zigarettenrauch glitt langsam in dichten Wolken an der Lampe empor und verlor sich in der Dämmerung. In der Wohnung schwieg alles, nur schwarze Nacht schaute ins Fenster hinein. Man hätte sich kaum vorstellen können, wie ihre tote Finsternis Täuschung sei und daß irgendwo hinter den Dächern, auf den breiten Straßen Tausende lebender Feuer leuchten und eine eilende, schwatzende Menge sich hinwälzt, Restaurants geöffnet stehen, nackte Schultern auf Bällen flimmern, in Theatern schöne Stimmen tönen; daß Menschen reden, sich verlieben, ums Leben kämpfen, Leben genießen und sterben. Hinter der Wand, auf dem harten Bett, lag unbeweglich Schewyrjoff, und seine kühlen, weitgcöffneten Augen blickten mit unbeugsamem Ausdruck in die Finsternis. ir. Das einzige Fenster in Schewhrjoffs Zimmer ging auf eine Mauer hinaus, über der sich ein schmaler Streifen grauen Himmels, durchschnitten von verräucherten Schornsteinen, hin- zog. Das Fenster hatte einen besonderen Charakter: infolge der vollständig kahlen Wände schien es zu hell und kalt, auf dem Fußboden war kein Stäubchen sichtbar, auf dem Tische lag kein Buch, und wäre darin nicht Schewyrjoff selbst ge- Wesen, der ganz unsinnigerweise nicht am Fenster, sondern vor der verschlossenen Tür zum Nebenzimmer saß, so würde man gar nicht geglaubt haben, daß hier jemand wohnte. Kerzengerade und regungslos, nur mit den Fingern leise auf die Knie trommelnd, saß Schewyrjoff mit dem Rücken an der Tür, auf dem einzigen Stuhl, den er sich selbst dort hin- gestellt hatte. Seine Augen blickten teilnahmslos, als studiere er mechanisch seine Bettstelle, aber an den kaum merklichen Be- wegungcn, mit denen er auf jeden Laut reagierte, konnte man sehen, daß er gespannt auf alles horchte, was in der Wohnung vorging. Zuerst hörte er, wie Aladjew Tee trank und dann ausging: dann fuhr er fort, die ferneren Laute zu überwachen, die ihm schüchtern und schwach von dem grauen Leben Nach- richt gaben, das sich um ihn bewegte. Hinter der Tür, vor der er saß, wohnte— das wußte Schwyrjoff bereits, eine blutjunge, naive und etwas taube Näherin. Er erriet das an ihrer frischen Stimme, dem stillen Schnurren der Maschine, an jenem mütterlichen Tone, in dem ihr die alte Wirtin über irgend etwas Vorwürfe machte, und an dem stetigen Fragen der zaghaften und rührend hilflosen Stimme:„Wie?" Weiter im Korridor, hinter dem Vorhang, wühlten alte Leute in Haufen von Lumpen wie Würmer im Aas und riefen sich fortwährend im Flüstertone etwas zu. Dieses ängstliche Hin- und Hcrraunen, das mitunter abriß, als wenn etwas Beunruhigendes die Alten aufgestört hätte, klang wider- wärtig durch die Stille. Einmal kam die Wirtin zu Schewyrjoff herein, eine magere Greisin mit trüben, erloschenen Augen. Als Schewyrjoff ihr die Miete gab, betrachtete sie das Geld lange und betastete es mit den dürren Fingern. „Bin blind geworden..." sagte sie mit trauriger Ruhe, und später hörte Schewyrjoff, wie sie das Geld der Näherin zeigte und diese ihr silberhell und laut wie alle Tauben, die nicht verstehen, daß sie gehört werden, antwortete: „Es stimmt, stimmt, Maksimowa!" So saß Schewyrjoff gegen drei Stunden, ohne auch nur einmal die Stellung zu ändern, und nur seine Finger be- wegten sich schneller und schneller. Aufmerksam und ernst sog er zu irgendeinem Zwecke alle diese farblosen Töne in sich ein, die ohne Worte erzählten, wie arm und elend ein mensch« liches Leben sein kann. Dann stand er rasch auf, zog sich an und ging fort. III. Schewyrjoff stand auf dem Fabrikhof und schaute durch das riesige Fenster mit eisernem Kreuz in den Maschinensaal. Dort, im Innern, summte und rasselte es, und bis Scheiben klirrten leise mit. Die umgebenden Fenster ließen wahrlich eine Menge Licht nach innen durch, aber vom Hofe aus, über den sich hoch und hell der freie Himmel spannte, machte es den Eindruck, als herrsche dort ewige Dämmerung. Man sah, wie Ketten gespensterisch hinauf- und herunter« krochen, wie Schwungräder stürmisch und doch scheinbar laut- los, hin- und herschwirrten, und endlose Riemen ins Dunkle liefen. Alles drehte sich, wälzte sich, war in Eile; nur Menschen waren fast gar nicht zu sehen. Ab und zu erschien mitten unter schwarzen, kühl glänzenden Ungeheuern ein blasses Menschengcsicht mitAugen wie an einemLeichnam und versank gleich wieder in der trüben, mit Dröhnen und Bewegung er« füllten Dämmerung. Dieses schreckliche Dröhnen schien immer stärker und stärker anzuschwellen und blieb doch immer gleich wuchtig und eintönig. Und die staubigen Fensterscheiben ließen alles in einem farblosen Ton, flach und grau, wie auf der Leinwand eines gigantischen Kinematographen„ zer- rinnen. Dicht am Fenster, auf dem Hintergrund der mit unge« lenker Gewandtheit laufenden schwarzen Hebel, Räder und Kolben drehte ein kleines feingliedriges Wunderding aus Stahl und Eisen mit abstoßenden zuckenden Bewegungen hastig an einem Messingbecken, und feine goldene Späne cnt- fielen seinen scharfen metallenen Zähnchen. Ueber ihm schaukelte sich ein gekrümmter menschlicher Rücken: schmutzige große Hände bewegten sich hin und her. Dieses Schaukeln war gleichmäßig, monoton und ging in auffallender Weise in die Bewegungen der kleinen Maschine über. Gerade auf dieses Wunderding war Schcwyrjoffs auf- merksamer Blick gerichtet. Es war eben solch eine Drehbank wie die, hinter der er sich einst, voll von unerfüllbaren Hoffnungen, hingestellt hatte, hinter der er tagaus, tagein, von früh bis spät, fünf lange Jahre gestanden hatte. Gestanden, ob gesund oder krank, traurig oder froh, verliebt oder ge- quält von bangen Gedanken an die, zu denen sich seine Seele zog. Hätte jemand jetzt Schewhrjoffs Auge gesehen, so wäre er über den sonderbaren Ausdruck in ihm erstaunt gewesen: es war nicht mehr kalt und klar wie sonst: eine gewisse zarte Trauer glimmte darin, und scharf loderte mitunter un- versöhnlicher, eiserner Haß auf. Mitunter zuckten seine Lippen, aber es war nicht zu erkennen,— ist es Lächeln, oder flüstert Schewyrjoff lautlos etwas vor sich hin? So stand er lange, wandte sich dann jäh um wie auf Kommando, und ging mit festen Schritten fort. „Wo ist das Kontor?" fragte er den ersten Arbeiter, der ihm in den Weg kam. „Drüben. Zweiter Eingang," antwortete der Arbeiter und blieb stehen.„Sich einschreiben lassen? Niemand wird eingestellt," setzte er halb mitfühlend, halb schadenfroh hinzu und lächelte, wobei unter den dünnen bläulichen Lippen große hungrige Zähne— weiß wie bei einem Neger, zum Vorschein kamen. Schewyrjoff sah ihm gerade ins Gesicht, als wollte er sagen:„-- Weiß schon..." Er öffnete die Tür und trat ins Kontor. Drinnen warteten schon gegen zehn Mann, die unter zwei hohen weißgestrichcnen Fenstern saßen. Auf dem hellen Hintergrund konnte man nur jchwarze Schatten sehen: auf irgendeiner glatten Glatze spiegelte sich wie auf einem Totenschädel ein bläulicher Lichttropfen. Die mienen- und augenlofen Schatten wandten sich Schewyrjoff zu und verfielen dann wieder in das gewohnte geduldige Abwarten. Schewyrjoff blieb aufrecht an der Tür stehen. Es war lange still. Endlich klappte die innere Tür, und ein dicker, kurzhalsiger Mann trat schnell ins Kontor. „Nikoforoff, die Strafliste!" befahl er mit selbstsicherer» angeschwollener Stimme. Der Schreiber warf die Feder hin md fing an, in einem Kaufen blauer Bücher herumzustöbern; gleichzeitig schoben die glatten Schatten, die sich beim Eintritt des Meisters er- hoben hatten, von allen Seiten auf ihn zu und drängten alle auf einmal an ihn heran. Abgetragene Jacken, durchlöcherte Mützen, schmutzbefleckte Stiefel, fahle Gesichter mit hungrigen Augen und herabhängende sehnige Arme traten ins Licht. „Herr Meister!" begannen einige heisere Stimmen gleichzeitig. Ter dicke Mann riß grob und gereizt das Buch aus der Hand des Schreibers und drehte sich zu ihnen um. „Schon Wiederl" schrie er unnatürlich laut.„Draußen hängt doch der Anschlag! He!" „Erlauben Sie zu erklären"— ein alter Mann ver- suchte, sich vorschiebend, den Meister milder zu stimmen. „Was da noch erklären! Keine Arbeit— fertig! Keine Aufträge... Also bald lassen wir auch unsere Schicht machen. Ist ja klar!" Für einen Augenblick verstummten alle, als zögen sie sich in sich zusammen. Aber der alte Mann begann mit Tränen in der zitternden Stimme: „Wir verstehen ja... Freilich, wenn es keine Arbeit gibt... was ist da viel zu tun. Aber es ist nicht zum Aus- halten... Wir verhungern... Wenn wir bloß den In- genieur Pustowojtoff sprechen dürften... der Herr hat uns voriges Mal versprochen, nachzusehen... ob..." Seine glänzenden, hungrigen Augen richteten sich voll Flehen und Angst auf den Meister. „Nein!" schnitt ihm der, ganz plötzlich in Wut geratend, tas Wort ab. „Fjodor Karlowitsch.. bat der Alte beharrlich, als wenn er nichts gehört hätte. (Fortsetzung folgt.)! Die Grolk ßcdüicr Kunstausstellung. Vielleicht hat es noch nie eine Epoche in der deutschen Kunst- entWickelung gegeben, in der die offiziell gepflegte und unterstützte Kunst sich in so dreister und schamloser Weise zur persönlichen Dienerin der geldbefitzendcn Klassen erniedrigt hat wie jetzt..Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigleiten ihres Heiligenscheines entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschast in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt". So schrieben vor einigen und sechzig Jahren Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest. Sie vergaßen damals die bildenden Künstler ihrer Liste einzureihen. Wir müssen heute das Versäumte nachholen: der Kunsttcmpel ist zur Marktbude geworden, ein Riesenramschbazar lockt mit Militärmnsik, Bierhallen, Restaurants und CaffeS die Käufer und das neugierige Publikum in seine Räume. Unendliche Lager von Plunderzeug und Schluder- waren breiten sich vor den Augen aus und schreien nach dem bar- zahlenden Abnehmer. Eine Branche spekuliert auf den Patriotismus des rohen Spießertums, eine andere handelt mit Landschaftsbildern aus den besuchtesten Touristengegenden, eine dritte wendet sich nnt lieblichen Genrebildern heiteren oder traurigen Inhalts an daS.deutsche Gemüt" oder hält pikante weibliche.Studienköpfe",.Aktstudien" usw. feil. Zu diesen Kategorien von Kunstindustriellen gesellen sich die- jenigen, die direkt auf Bestellung arbeiten. Dazu gehören bor- nebmlich die Bildnisproduzenten, die schnell und billig liefen,, keinen ilustrag ablehnen und allen Wünschen der geehrten Kundschaft gerecht werden. Sie unterscheiden sich zu ihrem geschäftlichen Vorteil durchaus von den eigentlich künstlerischen Porträtmalern, die der Meinung find, daß man mit einen, Bildnisse auch zugleich ein selbständiges Kunstwerk schaffen müsse und daß dazu die bloße „Aehnlichkeit" und ein gewisses konventionell gefälliges Arrangement des Ganzen nicht genüge. Ich weiß sehr wohl, daß Bilder der gekennzeichneten Art in jeder großen Kunstausstellung zu finden find und daß die leitenden Männer, die Aufnahme- und Anordnungskommissionen usw. keines- Wegs die Verantwortung für das niedrige Niveau der Ausstellung am Lehrter Bahnhos tragen; sie find genötigt, die fast 100 Säle, Zimmer und Kojen des Blechpalastcs zu füllen, und sie werden überdies durch tausenderlei hemmende Vorschriften und lähmende Rücksichten beschränkt, gegen die wirksam anzukämpfen unter den heute bestehenden Velhältnissen nicht möglich ist. Hier geben den Ausschlag höhere Gewalten, deren souveräne Macht aus unseren gegenwärtigen sozialen und kulturellen Zuständen be- ruht. In dem seichten Pegelstande des KunstbnzarS, der in der Hauptstadt des Deutschen Reiches mit Unterstützung der königlichen Akademie der Künste und unter der Protektion der preußischen Staats- regierung veranstaltet ist, spiegelt sich die nngeheuerliche Verwahr» lonmg unserer künstlerischen Kultur, ihre ästhetische Roheit der maß» gebenden, herrschenden und besitzenden Klaffen. Die Große Berliner Kunstausstellung ist diesmal immerhin etwas besser geraten als in den vorhergegangenen Jahren. Der Unterschied ist nicht wesentlich, aber doch unverkennbar. Es scheint, als ob die Konkurrenz der Sezession auffrischend gewirkt hat. Die Kommerzienräte, die etwas auf„Bildung" halten, genieren sich schon, die altmodischen Schinken zu kaufen, an denen ihr Herz viel- leicht im stillen noch hängt. Man macht sich lächerlich, wenn man— was vor wenigen Fahren noch zum guten Ton gehörte— Begas einen genialen Bildhauer und Auto» v. Werner einen ausgezeickrneren Maler nennt. Selbst die Simili- Europäer spotten über Knack- süßler und SiegeSallee. Dieser Aeuderung des Modegeschmacks muß natürlich die Große Kunstausstellung bis zu einem gewissen Grade Rechnung tragen, und so kam es, daß man den Kitsch, den man nicht ganz entbehre» konnte, wenigstens etwas einschränkte und den absoluten Schund, der sich sonst in den Hanptsälen breit machen durste, in die abseits gelegenen Kojen verbannte. Der sogenannte Ehrensaal lH), sonst die Schreckenskannner der Ausstellung, ist diesmal in eine Bildnisgalerie venoaudelt worden, die manches geschichtlich interessante und künstlerisch wert- volle Stück enthält. Neben dem bekannten Selbstbildnis des alten Anton Grafs(26), den Cornelius- und Overbeck-Porträts(12 und 19) von Ed. v. H e u ß und dem Menzel-Porträt von 1843(ö) von Eduard Magnus sieht man gute moderne Arbeiten wie B ö ck l i n s unvollendetes Lenbach-Porträt(49) und das Bildnis des Prof. Buscher(23) von Heinrich Nauen. Von den ernst zu nehmenden Malern, die der Großen Aus- stellung treu geblieben oder nach kurzem Gastspiel bei den Sezessio- nisten wieder zu ihr zurückgekehrt find, ist Franz Skarbina (280, 1322, 1317) mit ein paar nichtssagenden Bagatellen und Artur Kampf mit einem anspruchsvollen, aber nach allen Richtungen verunglückten Bilde.Der Clown"(127) miserabel vertreten. Richard Friese, der früher Tüchtiges leistete, trottet seit Jabren bequem niid selbstzufrieden im ausgefahrenen Gleise. Seine Elch- bilder<504 und 1663) sind handwerksmäßig nach der Schablone bingepinselt. Auch die seltsame präraffaelitische Manier, die Friedrich Stahl(140—142, 259, 264) sich zu eigen gemacht bat, dürste nur wenige Freunde finden. Dagegen sandte Alfred Mohrbutter außer dem etwas langweiligen„Grünen Interieur" (1366) ein fein empfundenes Gemälde„Der tiefe Ton"(1356), in dem aus dunklen rauchigen Farben ein schöner Frauenkopf matt hervor- leuchtet; Max Uth eine Dorfftraße im hellen Mitragslicht(352); Theodor Ha gen mehrere(besonders 1450 u. 1452) seiner schlichten und poetischen Landschaftsbilder; Robert Richter fein gezeichnete Kinderakte(1648 und 1652); Hugo Vogel eine flott gemalte .Junge Dame im Garten"(1323); Max Pietschmann sein be- kanntes Meisterwerk„Adam und Eva"(1318); Karl Bantzer einen farbig und zeichnerisch im großen Stil gehaltenen„Ernte- arbeiter"(1327), deffen lebensgroße weiße Gestalt, von scknvüler, flimmernder Lust umflossen, sich wirkungsvoll von dem hellblauen Himmel und dem leuchtend gelben Kornfeld abbebt. Der Saal 37», in dem die zuletzt genannten Arbeiten von Vogel, Pietschmann und Bantzer sich finden, kann überhaupt als eine Oase in der Wüste des AuSstellungs- labyrinihs gelten. Er enthält außer zwei in Licht und Linien sehr fein gesehenen Landschaften(1326 und 1328) von Max Clären» b a ch und OSkar FrenzelS korrekt und solide gemalten „Ruhenden Kühen"(1317) die beiden großen Gemälde»Der Sommer"(1325) und„Spanisches Fest"(1329) des Franzosen Gaston La Touche, die— wie alle Arbeiten dieses eigenartigen Koloristen— etwas bizarr und nicht ganz ohne berechnende Effekt- hascherei sind, aber doch einen bemerkenswerten Reichtum an Phantasie und Poesie sowie viel zeichnerische und loloristische Verve aufweisen. Von bekannten ausländischen Künstlern find außer La Touche die Pariser Edmond Aman»Jean und Andrö Dauchez zu nennen. Jener sandte ein etwas kalkiges, aber in der ge- schloffenen Wirkung der Linien und Konturen sehr feines Damen- Porträt(1367), dieser ein einfaches, großzügiges und stimmungsvolles Landschastsbild(389). Von dem verstorbenen großen Amerikaner James Whistler sehen wir eine wunderbare, in leichten Pinsel- strichen hingehauchte Jnpression.Cremorne Gördens"(143); von seinem Landsmann, dem in England hochgeschätzten Porträtisten John Singer Sargent, ein paar ebenso virtuos und effekt- voll wie oberflächlich hingestrichene Damenbildniffe(113 und 190); von dem Belgier Jef LeempoelS eine seiner gewiffenhast gearbeiteten, in altmeisterlicher Manier gehaltenen Tafeln(165), bei denen einzelne gut gelungene Details (hier die feine Modellierung des Rückens) für die an sich unerfreuliche braunsaucige und spitzpinselige Mache entschädigen. Zu den auswärtigen Künstlcrvereinigungen, denen man den Raum für Separatausstellungen eingeräumt hat, gehören leider die unvermeidlichen Düsseldorfer. Sie haben von altersher das Recht, in die Berliner Aufnahme- und Anordnungskommisfion ihre eigenen Vertreter zu senden, und sie dürfen sich in den günstig ge» legenen Sälen 12, 14 und 20 breit machen. Unter der erdrückenden Masse des Minderwertigen und Wertlosen finden sich nur wenige Lichtpunkte. Reben einigen erträglichen Arbeiten von Ernst Hardt(907. 909) und Gregor v. Bochmann(905. 910) sind dies vor allem Sie sehr talentvolle Skizze»Aus der Brandstätte" (935) von Hermann Emil Pohle und da-Z schlichte und kraft- Volle kleine Bild.Altes Städtchen"(929) von August Kaul. Einen noch übleren Eindruck als die Düsseldorfer macht die Ausstellung der Münchener Künstlergenossenschaft (Saal 18 und 19), die selbst vor der Darbietung des elendesten, südlichen und veilogenen Genrs-Kitiches— Th. Kleehaas„Gute Freunde"(826). Franz Simm.Der Erstgeborene"(868)— nicht zurückschrickt. Im Künstlerbund Bayern(Saal 33) fällt Rudolf Sieck mit einigen sein gezeichneten Landschaften(1224, 1241) angenehm auf; im übrigen ist auch hier das Niveau ein erstaunlich niedriges. Am besten unter den Münchenern präsentiert sich die Luitpold- Gruppe(Saal 29), die allen Schund ferngehalten hat und in dem .Wintcriag"(1065) von Karl Küstner, in dem„Bootshafen am Morgen"(1086) von HanS Bölcker, in Kurt Ullrichs auher- ordentlich farbigem und temperamentvoll gemaltem„Domino"(1100) sowie in den originellen und geschmackvollen PorträtS und Land- schaften(1079, 1081 und 1082) von Heinrich Brüne eine Reihe wertvoller und interessanter Arbeiten zeigt. Unter den Wienern(Saal 47) verdienen die eleganten Porträts von Adams(1691) und Schatten st ein(namentlich 1693), ein zierliches Landschastsbild von Emanuel Baschny und die eigenartigen Gemälde„Der Totentanz von Anno Neun" (1700) und„Der Sämann"(1708) von Albin Egger-Lienz besondere Beachtung. Die letzteren zeigen ein erfolgreiches Streben nach eindrucksvoller Schlichtheit und ruhiger Wucht der Liniensprache, und fie würden noch günstiger wirken, wenn der Künstler fich nicht im Format übernommen häite. Die ausgedehnten Flächen tun es nicht; man kann aus einem handgroßen Leinwandstück Monumentales schaffen. Ein sehr achtbares Durchschnittsniveau hat die Ansstelluna des Künstlerbundes Karlsruhe. Ueberraschende Größen sohlen zwar auch hier, aber die scharf charakterifierenden und koloristisch interessanten Porträts von Georg Poppe(1143 und 1147) sowie die feingetönten, anmutigen Landschaften von Hans v. Volkmann(1153, 1157 und 1160) und Gustav Kampmann(1155) gehören zu den erfreulichsten Werken der ganzen Ausstellung. Der Karlsruher G u st a v S ch ö n I e b e r ist mit einer größeren Kollektion (Saal 32) vertreten. Er zeigt in diesen dreißig Arbeiten seine be- kannte redliche und stets mit gediegenen Mitteln wirkende Kunst; er ist nie geschmacklos, aber fast immer etwas ängstlich und oft allzu sauber in seiner Technik. Auster Schünleber hat man noch eine gröstere Anzahl anderer Künstler, Maler und Bildhauer durch Kollektivausstellungen aus- gezeichnet. So sind die Säle 36 und 41 den früheren Sezessionisten Ludwig Dettmann und Otto H. Engel eingeräumt. Detlmann ist der Vielseitigere und Gewandtere, aber auch der Ober- flächlichere von beiden; er wagt sich an alles heran und erreicht überall einen gewissen Grad von gefälliger, glatter Vollendung. Er wird niemals so gründlich danebenhauen, wie Engel es in seinem „Kinderfest"(1579) oder seiner.Beweinung Christi"(1567) fertig bringt, aber ihm wird auch nie ein so seines und in jeder Hinsicht ausgeglichenes Werk gelingen wie die„Dorfstraße"(1566). Dem Renommee des Dresdener Malers Hans Unger dürste die im Saal 40b untergebrachte Kollektion schwerlich von Nutzen sein. Einzelne Arbeiten des Künstlers konnten hie und da Interesse wecken, wenn man sie aber in Masse beisammen sieht, machen sie doch einen recht unsympaihi- scheu Eindruck. Vieles Wesentliche, namentlich das mosaikartige Flimmern der Farbe, ist von Klinger entlehnt. Eine persönliche Note ist nirgends erkennbar, wohl aber tritt häufig eine reckt üble Genialitätspose zu Tage. Sehr interessant ist die Ausstellung von Oskar Zwintscher im Saal 37b. Zwar hat auch dieser Dresdener seinen eigenen Stil noch nicht gesunden. aber er ist ans dem Wege dahin und vom Ziel nicht mehr weit entfernt. Präraffaelitisch sind die strenge Zeichnung, die oft harte Modellierung und die düsteren Sckmttentöne. An Tizian erinnert, und zwar nicht nur in Aeußerlichkeitcn, das Gemälde „Melodie"(1351). Daneben aber findet man sehr viel eigenartig Feines und Schönes. Namentlich das lichte und heitere„Bildnis in Blumen"(1346) und das wunderbare Farbengcdicht„Gold und Perlmutter"(1344) zeugen von einem ganz individuellen und sehr kultivierten Stilgefühl. In den Sälen 44, 50. 51 und 52 ist die sehr reichhaltige Sch w a rz- W eist- Aus stellun g untergebracht, die aber, ab- gesehen von den Blättern der„Simplicissiinus"-Ki>nstler Th öny, Gulbransson und R e z n i c e k und einigen Zeichnungen von F i d u s(alle im Saal 44) nichts Bemerkenswertes bietet. Auch die der Plastik gewidmeten Säle 3 und 17 kann man stillschweigend übergehen. Nicht ein einziges über das Niveau konventioneller Marktwaren emporragendes Werk ist hier zu finden. Pathetische Heldengestalten im bombastischen Siegesallecstil und kalte klassizistische Arbeiten wechseln mit genrehaften, teils neckischen. teils sentimentalen Nippessachen ab. Das relativ Wertvollste find ein paar Porträtbüsten(„Fritz v. Uhde" von Hugo Kaufmann im Saal 3 Nr. 65) und die soliden und liebenswürdigen Arbeiten von Lewin-Funcke(„Der Vogler" im Saal 3 Nr. 86 und namentlich der„Lachende Junge" im Saal 8s Nr. 355). Die vcr- storbenen Bildhauer Ferdinand Lepcke und Max Klein find mit SeparatauSstellmigen vertreten. Der erstere(Saal 22) erscheint als völlig physiognomieloser Dutzendalademster, die Schöpfungen des letzteren(Saal 25) wirken teils durch flcmo Süßlichkeit, teils durch überhitzte Krafthuberei sehr unsympathisch. Im Architektnrensaal(15— 16) sei besonders auf das Modell der Einlüchenbänser in Friedenau von Albert Geßner (756) und der Hansabrücke von Bruno Möhring(762) sowie auf den schönen, aber bekanntlich nicht zur Ausführung kommenden Eni- Wurf zum Haager Friedenspalast von Berlage(749) hingewiesen. Daneben interessieren die in den Zimmern 5b und 8o untergebrackten Photographien von Bauten Ludwig Hossmanns, namentlich dem Märkischen Museum(151— 165 im Ziinmer 5b), dem Birchow- Krankenhauie(157 und 158 im Zimmer 5d) und dem Friedrichs- Realgymnasium(323 und 324 im Zimmer 8c). John Schikowski. JVcuc GrzählungeUteratur. .Der Roman der Marianne Vanmeer" von Anna Reichard. Es scheint, daß die letzten guten Bücherjahre oder vielmehr Jahre der guten Bücher, die ohne Zweifel in der Literawr zu konstatiere»! find, auch unter dem weiblichen Geschlecht keimkrästig gewesen find. Sind es auch keine Schlager, diese Frauenromane, die da wieder tapfer mir in der Reihe marschieren, so zeigen fie doch zumeist einen ernsten Willen und eine Stärke, die die Grenze der traditionellen„Weiblichkeit" erfreulich gesprengt haben. Es tauchen Namen auf, die man sich merkt. Die alte be- währte Garde, die Böhlau, die Viebig, die Huch usw. bekommen jungen Nachwuchs; er hat sich ebenfalls aus der„Gartenlaube" ent- fcrnt und ist gesäugt von der Kultur unserer Zeit. Und glücklich unterscheiden sie sich von den femininen„Freigeistern", die durch die Zeitkultur verseucht sind und fich auf allerlei perverse Mann- Weiblichkeit etwas zugute tun.„Marianne Vanmeer" ist ein Bekenntnisbuch. Geschlechtliches steht im Mittelpunkt. Aber zum Glück sind es keine erotischen Schreie im Stile der Marie Madeleine oder Dolorosa. Hier ringt ein Weib, das sich selbst nicht versteht, mit dem Rätsel seiner komplizierten Natur. Es brauchte allerdings nicht gerade eine Studentin der.Journalistenhochschule" zu sein, die so von widerstreitenden Gefühlen geplagt und zwischen Komödianterei der Seele und tiefstem Wollen nach Wahrhaftigkeit hin und her geworfen wird. Doch, die Heldin des Buches ist keine konstruierte Nomansigur, es ist ein echt gesehener und echt geschilderter Typus: Der Typus der unsinnlichen Natur. Wohl glüht es zuweilen unheimlich und packend in ihrem suchenden Herzen, aber zu einem Dionysenwme des Lebens wie der Liebe fehlt ihr Kraft, Wille und Blut. Ja, dieses kalte Blut macht ihr jedwedes Erleben zum Experiment. Suchend und experiinentierend, krank vor Sehnsucht nach einem ge- sunden Lebensziel, einem reinen Glück, irrt Mariunne durch das Leben, stößt auf Männer und Frauen entfesselter Instinkte, gerät im Verein der„Nacktkultur" in die Atmosphäre sexueller Brunst und bleibt doch von allem Schmutz unberührt. Nicht aus Tugend oder Moral, wie die Amorinnen des Familienblattes ihre Heldin glori- fiziert haben würden,— Marianne sucht gerade bewußt die Sünde auf — sondern eben aus innerer Gleichgültigkeit. Bis dann ihre frostige Seele doch auftaut an der Liebe eines Mannes. Die Schilderung dieses Verhältnisses ist das zweite Motiv der Geschichte, und hier schuf die Verfasserin wiederum einen Typus: Den Philister der Liebe. Marianne, die Untätige, die Schwankende, die Kaltherzige, die In- differeirte erstarkt an der Liebe' zum Manne zur Tat, fie lernt fühlen, sehnsüchtig verlangen und wird hingebend opferbereit. Ganz soll der Mann sie kennen lernen, und so schreibt sie ihren Roman. ihre Lebensbeichte. Sie hofft, wie sie sich hüllenlos gegeben, daß der Mann sie verstehen, sie beglückt und dankend umfangen werde. Sie fiebert nach dieser Stunde der Erlösung aus Unwahrheit und Unsinnlichkeit. Ihre Sinne lodern in heißer Sehnsucht— da, nachdem sie im langen Kampfe lebendig geworden, schlägt der spießerhafte Egoismus des Gelieblen ihr Glück wieder tot. Am kleinlichen, mit sittlichem Bürgermaß messendem Spießertum des Manne? zerschellt ihr Hoffen. Doch selbftbefreit wird sie fortan leben. Ueberaus lebenswahr rundet sich in der Geschichte das Bild des Mannes, der mit Schmerzen und von Herzen bis zur eigenen Vernichtung liebt und doch nicht über gewisse Punkte hinwegkommt, die mit der korrekten Weltordnung kollidieren, eben weil er ein Philister ist, ein unduldsamer Philister der Liebe. Die Kapitel über den modernen Unfug der„dionhsiscken Gesellsckasten*. die unter dem Stichwort von Schönheitsabenden usw. niedrigsten» Sinnenkitzel dienen, zeugen gleichfalls von gerstiger Unabhängigkeit, wie im Hauptthema die feine Psychologie überrascht und fesselt. Ab und zu entgleist die Dichterin zwar noch ins „Damenhafte" oder sagen wir ins Unterhaltungsschema. Doch Individuelles behält die Oberhand. » „Pitt nnd Fox", Roman von Friedrich Huch. �(Wilh. Langewiiche-Brandt, München-Ebenhausen und Leipzig.) Wie m dem Reichardschen Roman auf verschlungenen Pfaden ein Weib umher- irrte, ehe es seine Selbstsicherheit gelvann, so taumelt hier ein Mann unsicher im Leben, denn auch ihm mangelt die v�lle Genußlraft. und er ist eine Beute seiner grüblerischen Natur. Pitts Glücksmomente brechen sich an einer kühlen Refleklion. und so steht auch bei ihm eine scheinbare HerzeilSkätte im Vordergrund seiner Handlungen. Neben seinen Liebeswegen, die Voller Dornen, Enttäuschungen, Ernüchterungen und Schmerzen sind, gehen die LiebeSwege seines Bruders Fox, und diese führen in die Sonne, in die Helligkeit. Denn er ist selbst eine sonnige Natur. draufgängerisch verwegen, wenig belastet mit Skrupeln, voller Zu- verficht und leichten Sinnes, ja leichtsinnig. Und der Verfasser be- leuchtet an der Gestalt deS optimistischen, zugreifenden, glücklichen Fox den pessimistischen, immer unterliegenden Charakter Pitts um so deutlicher! mit schlichter Kunst bringt er die Naturen beider Brüder in Wechselwirkung und hält den Leser im Bann einer feingeistigen Seelen- künde. Eine einfache Geschichte im Grunde. Zwei Jünglings- leben, die der Liebe entgegenwachsen, Herzensabenlcuer haben, bis sie die Eine, die Rechte, finden. Für Fox bedeutet die Rechte nicht mehr als eine gute Partie, seine Devise lautet„M. W."(machen wir!), der zartbesaitete Pitt dagegen muh erst aus Wunden bluten, ehe er sich auf die Rechte besinnt, die die Wunden heilt und zugleich auch seine zaghafte, unbewußt egoistische Natur heilt. Doch Friedrich Huch hat König Midas' Talent. Er vergoldet die Dinge, die er angreift; aber sie bleiben dabei lebendig. Und auf jeder Seite stößt man auf Dichte- rischcs, wie helles Tageslicht fließt darüber hin ein leuchtender Humor. Die Sähe wie poliert, die Schilderung liebevoll, alles plastisch geformt, daß man die Liebesgeschichte der beiden ungleichen Brüder mit Interesse bis zur letzten Seite liest. Er gibt genug Ab- schweifungen, aber niemals hat man das Gefühl der Weitschweifig- keit. Banale Dinge werden gehoben, einfache Dinge fesselnd gc- macht durch des Autors künstlerische und geschmackvolle Art der Ge- staltung. « „Auf der Schaukel', Novellen von Georg Hirschfeld. S. Fischers Verlag, Berlin. Den sechs neueren und älteren Erzählungen, die hier zum Buch zusammengefaßt wurden, drückte Berlin den Stempel auf. Mit Ausnahme der Titelnovelle haben die Geschichten die Reichsmetropole zum Hintergrund, und das gibt ihnen Farbe und Form, ihr eigenes Gepräge, wie zum Beispiel Münchener oder Wiener Novellen ihr eigenes bestimmtes Kolorit haben. Notabene, wenn sie echt sind, ans einem Erleben herausgeschrieben, aus einem Schauen geboren und nicht am Schreibtische ausgeklügelt und in ein erfundenes Milieu hinein- gesetzt. Hirschfelds Novellen sind gewissermaßen auf der Straße ge- funden; ich meine damit nicht, daß sie billig oder wertlos sind, sondern ich will damit ihre innere Wahrhaftigkeit andeuten, ihre Lebensnähe, ihre Wirklichkeitsbasis. Der Auior hat uns in seinen Romanen immer gern ein bißchen in das Land der Ideale, in das bleiche Reich der Schatten, der Acsthetenphantasie geführt. Nun kommt er ganz irdisch daher, gesund und manchmal sogar robust; der Träumer blickt heiter, wenn es darauf ankommt auch ernst, oft spöttisch und mit Humor, immer aber in dieser Novellenreihe mit klaren Augen in die reale Welt. Hin und wieder macht er an das Publikums- bedürfnis ein paar Zugeständnisse— man merkt, daß diese kleinen Geschichten zuerst in Unterhaltungsblättern Absatz gefunden haben. Offenbar erscheint dem Autor die Novelle, die dem Buche seinen Namen gab— daß man noch immer an dieser un- sinnigen Methode festhält— am besten geglückt.„Auf der Schaukel", cS klingt symbolisch, aber der Titel steht dennoch zu den übrigen Novellen nur in sehr gewaltsamem Zu- sammenhang. Freilich hat diese letzte Geschichte insofern vielleicht am meisten spezifisches Gewicht, als sie als ein lehrreicher Reiseführer dienen kann. Wenn ein Autor eine Reise tut, so kann er was er- zählen, und Georg Hirschfeld läßt nun seinen Peter— selbst- verständlich Künstler— in anregender Form seine Er- lebnisse und Eindrücke in Dänemark erzählen. Außer den Sehenswürdigkeiten findet der malende Jüngling natürlich auch„sie", und am Ende kriegen sie sich. Weitere Unfälle sind erfreulicherweise nicht zu melden. Dagegen ist vom kritischen Amt zu melden, daß die Novelle:„Sonntag"(eine psychologisch fein durchgeführte Studie von der tragischen Liebe zweier mutterloser Knaben zu ihrem unglücklichen Vater, den ein herzloses Weib ruinierte) an Delikatesse und Vertiefung die Aus- hängefchildgeschichte weit übertrifft. Zwingend in ihrer Stimmungs- kunst ist auch die sauber gestrichelte Skizze:„Ein seltenes Fest". Hier quillt wieder des Verfassers lyrische Natur hervor, während die zweifellos von einem lebenden Modell befruchtete Schilderung eines problematischen Dichtergenies, SebalduS Rünipel, der über das Kabarett ins Waffer springt, von weiser Ironie ge- tränkt ist. „Bunte Herzen", Novellen von E. von Keyserling. S. Fischers Verlag, Berlin. Wurde Hirschfeld von außen inspiriert, so horcht Graf Keyserling auf die innere Stimme, gibt inneren Gefühlen Leben. Es ist, als ob eine versunkene Welt bor dem Autor auffliege, er wandelt wieder in ihr, grüßt die Ahnenbilder und ver- gißt das lärmende, das rauhe und rohe Heute. Diese Scheu vor dem Rohen zittert durch die Keyserlingschen Werke, aber cS ist nicht das eingebildete Fatzkentum unserer kleinen Gernegroße, nicht die falsche Vornehmheit der Snobs. Keyserlings Anschauungen, Keyserlings Prätention gegenüber dem Vulgären des Lebens, Keyser- lingS Stil ist etwas Gezüchtetes, die Erbschaft einer alten Kultur. Die feinste Blüte jeder Kultur sprießt meist bor dem Absterben dieser Kultur oder vor dem Niedergang, und sie ist darum so oft Dekadenz. Keyserling jedoch hat nichts von Dekadenz an sich, er ist ein Fürsprecher der Kraft, ein Prophet der Natürlichkeit bei aller exklusiven Zurückhaltung. Und gerade das Snobtum, jene gefährliche und dumme Giftblüte unserer heutigen Aeußerlichkeitskulwr, muß seinen Geschmack wie seinen Gefühlsaristokrattsmus beleidigen. Die erste Novelle,„ B u n t e H e r z e n ist darum in erster Linie eine Epistel gegen die Snobs, die auS ihrem Glück wie aus ihrem Unglück eine Toilettensache machen. Ganz wundervoll ist die Herzensgeschichte eines kleinen Komteßchens geschildert, das die Welt so wenig kennt wie ihr eigenes Herz und deffen Liebe beim Anblick eines plebejischen roten Kopfkissens jämmerlich zusammensinkt, dieweil ihr Liebhaber unter schönen Gesten und Worten aus der romantischen Affäre sich in den Tod hinüber- spielt. Und über dieser unbewußten Schauspielerei sitzt der alte Graf mit sinnendem Haupt und spricht seine weisen Worte. Ueber- Haupt, diese weisen, reifen Geister, diese Kavaliere der Denkungsart sind Keyserlings Spezialität. Köstlich fließt alles zum Gemälde zu- fammen, frisch und lebendig sehen wir die Bilder vom alten Herren- hause, der alten Komteß, die mit ihrer Bänderhaube die Läden der Morgensonne öffnet. Auch die zweite Novelle ist ein Kabinettstück, das„Dumala-Motiv" in knapper Form noch einmal meisterlich be- handelt: Mann und Hausfreund bewogen von der ungetreuen Frau. Eine weiche Melancholie und ein überlegener, lächelnder Humor, eine überaus suggestive Stimmungskunst geht durch die stillen Ge- schichten._ J. V. Kleines f euiUeton* Aus dem Gebiete der Chemie. Oxybenzylmethhlenglykolanydrid— das ist durchaus noch nicht einer der längsten chemischen Namen, die es gibt. Die Chemiker haben es bei der Namengebung für neuentdeckte Ver- bindungen meist sehr leicht, indem sie die Bezeickmungen für die einzelnen Bestandteile einfach so zusammenfügen, daß die Zusammen» setzung des Körpers daraus ersichtlich wird. Was dem Laien als ein fast unaussprechlich langer Name erscheint, gibt dem Chemiker sofort ein Bild von der Beschaffenheit deS benannten Stoffes. Jener Körper, der mit dem schönen und wohl- klingenden Namen„Oxybenzylmethylenglykolanhdrid" in die Chemie eingeführt ist, bildet einen Bestandteil des Kohlenteers, der für die chemische Industrie schon so unendlich viele Stoffe von größter Wichtigkeit, namentlich für die Herstellung künstlicher Färb- stoffe, geliefert hat. Er hat übrigens noch einen leichter zu behaltenden Namen bekommen, nämlich Bakelit nach seinem Entdecker Dr. Bakcland. Nach den bisherigen Untersuchungen scheint dieser Bakelit zu außerordentlichen Dingen in der Technik berufen zu sein, denn er stellt einen ganz hervorragenden Isolator dar, der in fast allen seinen Eigenschaften den teueren Hartgummi über« ttifft. Der Bakelit ist fester, hat eine größere Widerstandsfähigkeit gegen Hitze und bleibt von den meisten chemischen Stoffen unversehrt. Demzufolge empfiehlt er sich für zahllose Au- Wendungen, besonders in der Elektrotechnik. Außerdem soll er sich zur Imprägnierung weicher Hölzer eignen, die durch Versetzung mit diesem Stoffe hart wie Ebenholz werden. Auch Elektrizitätserzeuger und Motoren sind zum Schutze der Draht- bewickelung mit Bakelit überzogen worden und haben sich in diesem Zustande vortrefflich bewährt. Die Verwertung des Steinkohlen« teerS wird somit eine neue Gelegenheit zur Schaffung eine? be- deutsamen Hilfsmittels für die Technik erhalten. Medizinisches. Ergebnisse der Sammelforschung über Blind- darmentzündung. Die vielfach konstatierte beunruhigende Zunahme der Blinddarmentzündungen— ist doch in den preußischen Heilanstalten die Zahl der Fälle in den Jahren 1903/1907 von 8000 auf 18 000 gestiegen— hat die„Berliner Medizinische Gesellschaft" veranlaßt, eine Sammelforschung über das Vorkommen der Blind- darmentzündung in Groß-Berlin zu veranstalten. Die Ergebnisse sind jetzt bekannt geworden. Danach sind in den Krankenhäusern 9,2 Proz., in der Privatpraxis 1,7 Proz. der behandelten Patienten gestorben. Ein Schwercrwerden der Krankheit ist nicht erwiesen. Die größte Häufigkeit der Krankheit liegt zwischen dem 10. und 20. Lebensjahre, die Krankheit ist im Aller seltener, jedoch verläuft sie da auch schwerer, so daß jenseits der Sechziger kein an Blinddarm- entzündung Erkrankter durchkommt. Von den Symptomen der Blinddann- entzündung wurden am häufigsten beobachtet: Leibschmerzen, Er« brechen, Fieber, mit der Schwere der Erkrankung nimmt auch die Häufigkeit der Bauchmuskelspannung zu. Die Statistik umfaßt 2700 verwertbare Fälle; davon wurden 2300 Fälle in Krankenhäusern be» handelt. Von den Operierten starben 14,65 Proz. Die im Früh- stadium Operierten wiesen bessere Ergebnisse auf als die später Operierten. Profeffor Rotter, der die Resultate der Stattstik in der Berliner Medizinischen Gesellschaft vortrug, bedauerte, daß noch immer nur eine kleine Anzahl der Erkrankten der Frühoperation am ersten oder zweiten Tage zugeführt werde; eine Besserung der Operationsresultate sei nur von der allgemeinen Einführung der Frühoperation zu erwarten. iBerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer SiEo..Berlin L>V.