Mttterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 109. Mittwoch, den 9� Juni. 1909 �(Nachdruck vervsten.) 6] Der Hrbeiter Scbewyrjoff. # Revolutionsgeschichte von M. Artzibaschew. " Der. Schlosser machte eine verzweifelte Handbewegung, Uvd der begeisterte Ausdruck schwand langsam von seinem mageren schwarzen Gesicht. -„Die schwarzen Hunderter*) kamen herein, wie Ummer.... Es gab eine Spaltung, und die Verwaltung, isobald sie merkte, daß alles auseinanderfällt, benutzte die Gelegenheit, und es ging los.... Unsere Vertreter flogen aus dem Ausschuß, an ihre Stelle wurden Schwarzhunderter Tlnd Meister gesetzt, die Ausschußmitglieder ins Gefängnis Msteckt, die Bibliothek aufgelöst... „Und Ihr habt ruhig zugeguckt?" �.Wir vom Ausschuß waren ja zumeist im Gefängnis." „Nicht die vom Ausschuß, sondern die Arbeiter selbst... fjgi denen Ihr Bewegung hineingebracht hattet?" .„Ja... ich sagte eben, Maschinengewehre wurden vor d'er Grube aufgestellt."„ „Ach so... Maschinengewehre.. Schewyrjoff Lehnte mit unbestimmtem Ausdruck seine Stimme. Der Schlosser schwieg eine Weile; sein Gesicht verzog sich mehr und mehr. „Wissen Sic... was die getan haben, das weiß nur Gott allein. Alles hat's gegeben, Nagajka, Erschießen, Ver- gewaltigung der Frauen.... Am bittersten ist es mit den Ausschußmitgliedern gegangen.... Mit mir ging es noch, ich wurde unter den ersten verhaftet... die anderen haben es ganz anders abgekriegt.... Unseren Bibliothekar hat ein Kosak an den Sattel gebunden und im Trab nach der Stadt gejagt. Die Arme waren ihm auf den Rücken gebunden, so daß sie ihm, wenn er zuriickblieb, ausgedreht wurden, er in den Schmutz fiel und über die Erde geschleift wurde.... Hinten aber ritt ein anderer Kosak und stach mit der Lanze, damit er aufstünde! Diese Schakale!... Geweint haben manche, als man ihn so sah...." -„Ach so, geweint!" wiederholte Schewyrjoff. In seiner kalten Stimme tönte eine wilde, unversöhnliche Verachtung. Sein Gesicht blieb jedoch regungslos wie timmer, und nur die Finger trommelten rascher auf der Tisch- platte. Der Schlosser verstand offenbar, denn seine Augen flammten auf. «Ja, geweint... und werden noch weiter weinen.... Aber in den Tränen steckt Blut." Er hob die Hand und drohte mit dem schwarzen Finger. Sein ganzes Gesicht geriet in Verzückung, als wenn sich seine Seele in finsterer Begeisterung spannte. Schewyrjoff lächelte kühl. „Ihr schätzt Eure blutigen Tränen billig ein!" warf er verächtlich hin. „Ob billig oder nicht, die Rache wird nicht ausbleiben!" erwiderte der Schlosser mit felsenfester, fast wahnwitziger Ueberzeugung.__ „Ob sie nicht doch ausbleibt?... Und wann?... wenn Ihr vor Hunger krepiert seid?" Der Schlosser blickte ihm erschrocken in die Augen. Ein schrecklicher stampf zeigte sich auf dem ausgehungerten schwarzen Gesicht mit den brennenden phantastischen Äugen. Wohl eine Minute hielten sich beide mit ihren Blicken fest. Schewyrjoff bewegte sich nicht. Der Schlosser senkte plötzlich das Auge, sein langer Körper wurde schlaff, und den Kops auf die Hände gelegt, antwortete er eigensinnig: „Und wenn auch.... Hat denn mein Leben irgend- welchen Wert im Vergleich..." „Nein, es hat keinen Wert!" schnitt ihm Schewyrjoff rauh das Wort ab und stand auf. Der Schlosser hob rasch den Kopf, wollte etwas sagen, legte ihn aber wieder nieder. „He. hat der sich einen Affen gekauft!" rief jemand am Nebentischchcn und stieß ein trunkenes idiotisches Lachen aus. *) Die schivarzen Hunderter— Mitglieder des Verbandes eckt russiscbcr Leute. Hier als gcwcrkschaftlicl� Schutztruppc der poti- tischen Reaktion, wie in Deutschland die„Gelben". Schewyrjoff stand eine Weile da, überlegte. Seine Lippen bewegten sich, er sagte aber nichts, lächelte nur ver». zerrt und schritt mit hoch erhobenem Kopf zum Ausgang.< Der schwarze Schlosser hatte sein Gesicht nicht erhoben. 6. � Der breite, gerade Prospekt verlief sich, vom kalten Himmel überspannt, in der blauen Ferne. Und soweit das Auge reichte, sah es eine dunkle, scheckige, lebendige Menge sich eilend vorwärtsbcwegen, zusammenfließen, drängen und stoßen, durch die endlose Kette der Equipagen und die Schienen der Straßenbahn in zwei Teile zerschnitten, ohne daß sie auch nur für eine Minute.sich zu vermehren oder zu vermindern schien. Prächtig sahen die Häuser aus, groß und spiegelnd die Schaufenster, leicht und elegant die Laternen und die Pfähle der elektrischen Straßenbahnleitung. Selbst die Luft und das Licht des Himmels schienen hier heller und reiner. Es atmete sich leichter als im Freien, und das Blut rollte frischer durch die Adern. Vor Schewyrjoff, hinter und neben ihm schoben sich in endloser Kette Menschen mit lebensvollen, festlichen Ge- sichtern. Von allen Seiten tönte Gelächter. Stimmengewirr. Knistern von Seidenstoff, und über dein ganzen bunten Lärm schwebten die Glockensignale der Straßenbahn und das bald wie Wellen anschwellende, bald sinkende Gedröhn der Equipagen. Schewyrjoff hatte die Hände in den Taschen vergraben, den Kopf trug er hoch aufgerichtet. Vor ihm trottete ein korpulenter Herr, den Hut auf der Seite eingeknickt, den rosigen Doppelnacken von einer weichen, wohlgepflegten Falte durchfurcht. Sein Gang war solide und gleichzeitig leicht, die Hand im braunen Handschuh schwang den Spazierstock. Der Kopf auf dem kurzen rosigen Hals drehte sich sorgenfrei nach allen Seiten, besonders die Frauen musterte er mit Behagen. Man sah ihm an, daß er soeben vom Diner kam, daß es ihm in seiner zufriedenen Stimmung Ver- gnügen machte, die frische Luft einzuatmen und die vom Essen angeregten Nerven durch den Anblick hübscher Frauen- gesichter zu kitzeln. Lange hatte ihn Schewyrjoff nicht bemerkt, doch der rosige Nacken lag beharrlich vor seinen Augen, und das appetitliche Fältchen am Halse zitterte faul bei jedem Schritt. So blieb Schewyrjoffs schwerer und harter Blick endlich an ihm haften. Ein drückender stumpfer Gedanke setzte sich plötzlich in diesem Blick Schewyrjoffs fest: er zog ihn hinter dem Nacken her. Als eine Gruppe von Damen Schewyrjoff den Weg ver- legte, bog er rasch, obgleich noch ganz mechanisch, ab, stieß einen Offizier an, ging aber, ohne den empörten Ausruf „Tölpel" zu hören, weiter hinter dem rosigen Nacken her, langsam, beharrlich, unablässig. In seinen hellen Augen spannte sich der sonderbare un- heimliche Ausdruck noch straffer; die durchsichtige Klarheit einer schonungslosen Kraft lag darin. Hätte sich der dicke Herr mit dem rosigen Nacken um- geschaut und diesen klaren Blick verstanden, so würde er sich in die Menge gestürzt, sich in ihre lebende Masse ein- gepreßt und verzweifelt, mit qualverzerrtcm Gesicht um Hilfe geschrien haben. Das Denken Schewyrjoffs wirbelte mit toller Ge- schwindigkeit in dem glühenden Hirn, zog immer engere und engere Kreise und blieb zuletzt mit albdruckartiger Wut an dem rosigen Nacken hängen wie ein zentnerschwerer Stein über dem Kopf eines Menschen. Hätte man versucht, den Kern dieser Gedanken in Worte zu fassen, so müßten sie ge- lautet haben: „-- Du gehst.°. geh nur!... Aber merke dir. daß ich mir, wenn irgendein Glücklicher, Satter, vor mir geht, sage: der ist satt, der ist glücklich, der lebt, nur weil ich es ihm erlaube!... Vielleicht überlege ich es mir �m selben Augenblick, und dann sind ihm nur noch zwei Se- künden, eine, c i n e h a l b e zu leben gegeben.... Vor nur können jetzt die armseligen Redensarten von dem heiligen Recht eines jeden Menschen auf Leben nicht mehr bestehen! Ich bin Herr über dein Leben!... Und niemand kann Stunde noch Tag wissen, da sich das Maß meiner Geduld erfüllt, und ich komme, um euch alle, die ihr uns euer Leben lang bedrückt, uns der Sonne, Schönheit und Liebe beraubt, uns zu ewiger freudloser Arbeitssklaverei verdammt, zu richten! Vielleicht werde ich dann gerade dir die Er- laubnis, zu leben und zu genießen, verweigern.... Ich strecke die Hand aus,— und aus deinem rosigen Schädel spritzt Blut und Hirn und klatscht auf die Platten des Trottoirs!... Ich bin allein Richter und Vollstrecker meiner Seele.... Das Leben eines jeden Menschen ist in meiner Gewalt, und ich kann es in Staub und Schmutz werfen, sobald ich es will!... Merke dir das und sage es der ganzen Welt!... Das ist mein Wort." Eine furchtbare Wut packte Schewyrjoff. Für einen Augenblick schwand alles aus seinen Augen, und nur der rosige Menschennacken beharrte wie ein leuchtender Punkt in der weißen Dämmerung;--- das Empfinden des kalten Revolvergriffs, den die krampfhaft in der Tasche zusammen- gepreßten Finger umspannten,— und der rosige lebendige Punkt gegenüber.... Der Herr ging vor ihm, schwang den Stock; oberhalb des steifen schneeweißen Kragens zitterte naiv das rosige Jältchen. Schewyrjoff tat einen jäheir Schritt und riß den Kopf impulsiv nach oben, als schleuderte er einen tollen Wut- und Racheschrei in die Luft hinein.... Doch ebenso plötzlich blieb er stehen. Ein seltsames Lächeln kroch über seine dünnen, der- zogenen Lippen, seine Finger lösten sich, und sich scharf um- drehend, ging er zurück. Der Herr mit dem rosigen Fältchen unter dem flott ein- geknickten Hut lief, den Spazicrstock schwingend, während er hübschen Frauen unter die Hüte guckte, weiter und war bald in der lärmenden, hastenden Menge verschwunden. Schewyrjoff schritt quer über die Straße, wobei er bei- nahe unter die Räder der Straßenbahn gekommen wäre, ohne daß er es bemerkt hätte, und tauchte in den einsamen Gassen unter, die zu seiner leeren Stube führten wie ein unheimlicher Schatten, der aus der Dunkelheit kommt und sich wieder in der Dunkelheit verliert. Seine Augen waren, wie immer, ruhig und hell. �Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) fjoebzeit. Novelle von S a m P Pascha sade Sezai, aus dem Türkischen übersetzt von Muhsine Hanim. (Schluß.) Eines Morgens, als sie lviedcr in aller Frühe den Garten durchstreifte, umschlangen sie zwei cisenfeste Arme von rückwärts, und jemand küßte sie auf den Nacken. Voll Angst und Entsetzen suchte sie sich zu befreien und wandte den Kopf— es war Bechdschet Bey. So stahlhart wie seine Arme war auch die Stimme gewesen, mit der er ihr zurief:..Halte still, ich liebe Dich!" Wenn auch der frische Morgenwind die blonden Löckchen über Dilistans rosige Ohren breitete—: die Stimme war zu nah, um ungehört zu ver- hallen, und Dilistan war ganz im Banne dieses jungen, starken Beys. Liebte sie ihn? O nein! diese Stimme, die ihr da von Liebe sprach, erschien ihr nur süßer alsjille Vogelstimmen, denen sie bis- her gelauscht, verhieß sie ihr doch das, was sie bis jetzt trotz aller Großmut ihrer Herrinnen entbehrt hatte. Und deshalb auch war sie sich noch nicht ihrer Gefühle klar. Ob nun der sie Umschlingende ein Beschützer, ein Bruder oder ein schöner Bey war, darüber hatte sie im Augenblick noch kein Urteil. Zwei Tage vergingen,— Dilistan war nicht mehr das un- schuldige Kind, die Vater- und mutterlose Sklavin— sie war die odalik Bechdschet Beys. Eine unbeschreibliche Seligkeit erfüllte sie, vor ihren kleinen Füßen lag die Welt in strahlendem Glück. Ach, wäre Dilistan nicht so gänzlich unersahren gewesen, sie hätte wohl verstehen müssen, daß das Gefühl ihres Herrn nicht Liebe, sondern nur tierische Sinnlichkeit war! Jawohl, er war wild und maßlos wie ein Raubtier. Wenn er des Abends ärgerlich nach Hause kam, zitterte und bebte das alte Haus unter seinen dröhnenden Schritten, und schon der geringste Anlaß genügte, um ihn voll Wut Stühle und Tische zerbrechen zu lassen. Schon in der zweiten Woche ihres neuen Lebens erkannte Dilistan zu ihrem großen Schmerze, daß dieses Betragen die Sicherheit ihres Glücks, ihr Vertrauen gefährdete. Wenn er sie z. B. anschrie:„He, dich rufe ich! Bist du taub, du Esel?!" — Wenn sie, vom langen Warten erschöpft, auf der Schwelle des Zimmers eingeschlafen war, stieß er sie mit den Füßen, bis sie erwachte. Als er sie eines Tages am Ohr zu seinen nicht sorgsam genug gebürsteten Kleidern hinzerrte, sah sie ihm ins Gesicht, um zu erforschen, ob diese Behandlung Ernst oder Scherz sei. Mi wildfunkelnden Augen eines Mörders waren das—— Ach, die Frauen! sie sind unergründlich... manchmal ziehet» sie Heftigkeit und Wildheit der Zartheit und Sanftmut vor! So wie der in den Abgrund Stürzende sich krampfhaft ai» einen Halm, der ihm doch keine Sicherheit bietet, anklammert, sq klammerte sich Dilistan nach dem Zusammenbruch all ihrer goldene»» Träume um so fester an Bechtsched Bey, sie begann ihn zu lieben». Sie begann ihn zu lieben... Junge Herzen hören ja nie auß zu hoffen. Vielleicht war die Liebe schuld an seinem Wesen, viel» leicht machte sie ihn so heftig und aufbrausend?! Eifersucht ... die kann auch das sanfteste Wesen rasend machen. Vielleicht war dies der Grund, weshalb er sie so schlecht behandelte! Siehjj der so ruhig neben dem weiblichen Löwen liegende König der Wüste ist doch auch ein wildes, wenn auch schönes, blutgierigeSi Raubtier. Das war es ja eben: dieser Elende sah nur das weibliche Geschlecht in ihr... Auf diese Weise waren sechs Monate vergangen, als sich im Hause eine alle ergreifende Geschäftigkeit bemerkbar machte. Die alten Strohmatten wurden ausgebessert, die alten Wände neu bemalt. Groß und Klein unterhielt sich nur von der bevorstehenden Verlobung Bechtsched Beys. Dilistan verbrachte alle ihre Nächte schlaflos. Hatte ihr Herz nicht doch allem zum Trotz recht behalten? War nicht Bechtsched Beys leidenschaftliche Liebe schuld gewesen an all dem Zorn und der Wut? Bis jetzt war sie seine odalik gewesen, von nun an würde sie sein angetrautes Weib sein! Ihre treue, alles ertragende Liebe würde gekrönt werden... Ach, diese Verlobung!... Liebe und Glück... Ihr kleines. trauriges, liebedürstendes Herz weitete sich in Wonne und Dank. Nach einer solchen mit offenen Augen durchträumten Nacht begab sich Dilistan in das Zimmer ihrer Gefährtinnen. Sämtliche Sklavinnen waren eifrig damit beschäftigt, ihre Nähereien bis zuv Hochzeit zu beendigen. Alle redeten zu gleicher Zeit, Gelächter er- schallte, hier und da flog eine Garnrolle unter Scherzreden durch den Raum. „Aber Schwester, wie faul bist du! Noch immer hast du nicht das Bettlaken fertig gesäumt!" „Meines Vaters Name ist bisir(rettender Zufallsengel), 3 mehr weiß ich nicht!!" „Mädchen, zeig mal deine Näherei... ah! das ist ja alles falsch! du mußt es wieder auftrennen. Fang wieder von vorne an und lerne die Augen aufmachen!" „�lasdia allah, Fellek Kalfa! Wie schnell hast du deine Arbeit beendet!" „Wofür soll ich denn arbeiten, wenn nicht für den Festtag »neines Herrn! Sogar das Doppelte brächte»ch fertig...(Zu einer kleinen, in einer Ecke sitzenden, vor sich hinschluchzcnden Sklavin:)„Mädchen, was weinst du denn? Ist's denn so schlimm, wenn»nan Schläge bekommt?! Ist's nicht dein Gebieter? Das gehört zur Erziehung..." (Weinend:)„Jawohl, Kalfa... weil ich den Kissenbezug ver- kehrt gefaltet habe, braucht»nan mich doch nicht so mit der Nadel in die Hand zu stechen?... Sieh doch... meine Hand ist ganz geschwollen..." Allerdings war die Hand der Kleinen entzündet und an- geschwollen. Aber ihre Tränen säuberten die kleine Wunde immer von neuem von dem hcrvorsickerndcn Blut. „Dilistan Kalfa! Weshalb nähst du denn nicht dein Festkleid?! ES ist nur noch eine Woche hin bis zum nikiad»(Verlobung) nachher wirst du es nicht ferrig bringen!" (Dilistan, schüchtern vor sich hinsehend:)„Mir hat noch niemand etwas deswegen gesagt... erst seit ein paar Tagen höre ich es von euch.. Wie auf Kommando fingen alle Mädchen an zu lachen. Schließlich hob eine Sklavin mit tatarischem Typus, die sich bis jetzt nicht an dem allgemeinen Gespräch beteiligt hatte, den Kopf uud sagte mit boshaftem Lächeln: „Dilistan Kalfa.... hast du unsere neue Herrin noch nicht gesehen?! Ich sah sie bei einer Hochzeit in der Nachbarschaft, zu der ich mit der Herrin gegangen war... Wie ist sie schön! Wie schön... 0, wie schön! Bechtsched Bey hat sie im Jaschniak gesehen und soll ganz außer sich sein..." „Und sehr reich soll sie sein. Wie heißt sie doch gleich?" „Setre Hanim..." Alle Sklavinnen brachen in schallendes Gelächter aus. „Mädchen, solch einen Namen gibt's doch gar nicht!... Du kannst aber auch gar nichts richtig aussprechen... S e t ä r e H an i m!" „Zu Hilfe!! Schnell zu Hilfe!! Mit Dilistan geht etwas vor!" Ja, mit Dilistan ging etwas vor! Die unter Lachen und Scherzen hervorgebrachten Reden hatten sich wie Dolchstiche in ihre garte Brust gegraben... ohne einen Laut war sie nach rückwärts zusammengesunken, und weder ein Atemzug noch ein leises Ticken des Herzens verriet, daß sie noch am Leben sei. Der Lärm im Zimmer war plötzlich verstummt, sogar die noch immer ihre schmerzende Hand haltende Kleine schwieg erschrocken still. Eine brutale Faust hatte den Schleier von den Augen Dilistans gerissen... Nachdem daS erste lähmende Entsetzen vorbei war. beeilten sich die Sklavinnen, Dilistan in ihr Bett zu bringen. Der eilig her- beigerufene Arzt untersuchte die noch immer wie leblos Daliegende und erklärte, daß es nuz ein Nervenanfall wäre, weiter nichts als Hysterie. Dasselbe Lager, auf dem sie wenige Nächte vorher ihre seligsten Träume gesponnen, war nun Zeuge ihrer bitteren Tränen und Qualen. Während der drei Tage, die sie an ihr Bett fesselten, hatte sich Bechtsched Beh nicht ein einziges Mal nach ihr erkundigt. ... Als sie nach weiteren drei Tagen mit schneeweißem Gesicht vnd großen traurigen Augen über die Korridore schlich, sagte sie mit schwacher Stimme zu einer ihrer Gefährtinnen:„Ich fühle mich wieder ganz wohl. Alle Arbeiten zum Verlobungsfeste werde ich übernehmen... und am Hochzeitstage werde ich die junge Frau bedienen..." Es war, als ob der in ihm tobende Sturm das junge Geschöpf aus seinem Traumzustande herausgerüttelt habe. Hoffnungen, heiße Wünsche, Liebe, Angst und Schrecken, Bechtsched Bey.... alles war für Dilistan ein Reigen körperloser Schatten geworden, sie hatte nur noch Sinn für ihre Arbeit. Ach, diese Hysterie, dieser Feind des Willens, dieser Tyrann, der einem die Kraft raubt und das Blut aus den Adern saugt, hatte leichtes Spiel mit der armen Dilistan. Irgendein Gedanke, ein Wunsch, ein kleiner Schreck, ein heftiges Wort bot die Veranlassung zu einem Ohnmachtsanfall. Trotz alledem»hatte sie, ihrem Worte getreu, sämtliche Arbeiten zum Feste übernommen, sie war einfach bewunderungswürdig in ihrer Entsagung. Mit todesblassem Gesicht, mit starrem Lächeln auf den farblosen Lippen bemühte sie sich, überall zu gleicher Zeit zu sein: wurde unten zugeschnitten, eilte sie herbei, um in fieberhafter Hast die Stoffe zu zerschneiden, rief man oben nach Kaffee, so kam sie allen anderen zuvor, um dann die Kaffeetäßchen aus den zitternden Händen fallen zu lassen. Wenn sie sich darauf, um auszuruhen, in irgendeine Ecke setzte, wurde sie von Lachkrämpfen befallen.... Auf jeden Fall wollte sie mit zur Verlobungsfeierl An dem Morgen erhob sie sich in aller Frühe. In der Hoffnung, ihre Leichenblässe damit etwas weniger auffallend zu machen, zog sie sich ein rosa, hinten langgcschnittenes seidenes Gewand an und wartete im Hausflur auf ihre Herrinnen. Trotzdem diese cnt- schlössen gewesen waren, Dilistan nicht mitzunehmen, brachte diese es mit ihrer steinerweichenden Schönheit doch dahin, daß sie mit- gehen durfte. Obgleich sie nicht dazu verpflichtet war, legte sie überall mit Hand an, und erst nachdem die feierliche Handlung vorüber und der Scherbet herumgereicht worden war, zog sie sich hinter das Gitter, das die Musik verbarg, zurück. Wie in den letzten Tagen ihre Nerven aufs höchste gespannt waren, so empfind- lich waren ihre Sinne für alle Eindrücke geworden. Das Klingen und Tönen der Saiten, die helle Stimme eines Tenors, die wie der Strahl eines Springbrunnens immer höher und höher wurde, alles stürmte mächtig auf Dilistans armes, gequältes Herz ein, und als gar diese ausdrucksvolle, mitleidlose Stimme das Lied begann: „Ungehört verhallt dein Todesschrei, o wundes Herz, Einsam vergehst in Asche du, in brennendem Schmerz—" da war sie mit ihrer Kraft zu Ende: mit heftigem Schluchzen brach sie zusammen. Damit die frohe Stimmung nicht getrübt werde, brachte man Dilistan schnell in einem Wagen nach Hause. Nach einigen Tagen schien sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden zu haben, sie konnte auch lachen, ohne daß ein besonderer Grund vor- handen war, nur klagte sie während des Lachens über Stiche in der Brust und im Rücken. Tage, Wochen, Monate vergingen, bis sie endlich einmal dem ihr stets aus dem Wege gehenden Bechtsched Bey begegnete; da sie mit gesenktem Kopfe vorüberging, war es ihr nur so gewesen, als ob ein Schatten, aber ein furchteinflößcndcr Schatten an ihr vor- überglitt. Ein anderes Mal stand Bechtsched Bey in schwarzem Beinkleid und Gehrock auf dem düsteren Korridor, als Dilistan mit einer Gefährtin vorbeikam. Sie schien ihn nicht zu erkennen, denn furchtsam fragte sie, wer der schwarze Mann da wäre.... Gegen Ende des Sommers, als durch die tiefsten Gründe der Wälder die letzten Seufzer des sterbenden Lebens zogen, rauhe Winde den Bäumen ihren letzten Schmuck entrissen und die Vögel scharenweise zum warmen Süden flohen, fühlte Dilistan eine große Schwäche von ihrem von trockenem Husten geschüttelten Körper Besitz ergreifen. Tie den jungen Leuten und besonders denen vom Stamme Dilistans so gefährliche tückische Krankheit machte rasche Fortschritte in dem zarten Körper der jungen Sklavin. Das sich jeden Abend einstellende Fieber zehrte rastlos an ihr, jeden Morgen stand sie bläffer, kraftloser auf. Die schmaler gewordene Oberlippe ihres kleinen Mundes ließ die weißen Zähne sehen, tvas den An- schein eines steten Lächelns erweckte. Das bleiche, dann und wann von Tränen benetzte, von goldigen Locken umrahmte Gesicht er- innerte an einen stillen, von weißem Mondlicht besluteten, glhzinen- überhangen«« See. Das tiefe Blau der früher so lachenden, nun so traurigen Augen war Heller geworden—: das Bild einer von Herl ftstürmen entblätterten Rose. Zu Beginn des Winters faßte Bechtsched Bah, um späteren Klatschereien zu entgehen und wohl auch um die Kosten der Hoch- zcitsfeicrlichkeitcn herauszuschlagen, den Entschluß, Dilistan zu verkaufen. Leider kam er zu spät— denn seiner früheren Ge- liebten fehlte die Hälfte ihrer Lunge.... die Hustenanfälle in der Nacht wurden immer furchtbarer, so daß alle Hausbewohner, be- sonders Bechtsched Bey, in der Nachtruhe gestört wurde». Deshalb brachte man Dilistan in den Seitenflügel, der wegen seiner Bcrchli fälligkeit und Feuchtigkeit unbenutzt lag. Selbstverständlich wav die Folge hiervon, daß die Krankheit noch rapidere Fortschritts machte. u» Als Djewrefelek Kalfa sich träumenden Auges über dfe mib dem Todesengel den letzten vergeblichen Kampf auskämpfende Dilistan beugte, drang der Schall der Hochzcitsmusik und das frohö Gelächter der Gäste klar und deutlich bis in das Sterbezimmcr. Klcuilcbewefen und Krankheiten/) Es ist ein langer mühsamer Weg, der hinaufführt zu den Gipfeln der modernen Bakteriologie, der Lehre von den mikroskopischen Kleinlebewesen: vom holländischen Naturforscher L e e u w en h o ek. der im Jahre 1g7ö als erster Bakterien in einem Tropfen Regenwasser beobachtete, bis zu den planmäßigen Forschungen eines Robert Koch. Lange Zeit wurden die Bakterien zu den Tieren gerechnet und mit den Infusorien zusaminengeworfeir. In der Mitte des XIX. Jahrhunderts gewann nian schließlich die Ueberzeugung, daß die Bakterien nicht zu den Tieren und nicht zu den Pflanzen ge» hören, sondern eine Klasse für sich darstellen und sden Pilzen ver- wandt seien. Dann kamen die grundlegenden Forschungen von Pasteur und Cohn. Pasteur war es gelungen, die verschiedenen Gärungen(von Bier, Zucker usw.) auf Lebewesen, auf verschiedene Arten von Hefepilzen zurückzuführen. Dann» wies Pasteur nach, daß die Fäulnis durch verschiedene Bakterien- arten veranlaßt werde. Und schließlich sei noch seiner Ent« deckung gedacht, daß die Bakterien nur aus überall vorhandenen Keimen entstehen— nicht aus leblosem Material—, die man durch Erhitzen abtöten kann. Auf Pasteurs Forschungen baute Li st er seine antiscptischc Wundbehandlung aus: wenn Fäulnis auf Bakterienwirkung beruhe, so müsse man die Fäulnis am Lebenden, den Hospitalbrand, die Wundeiterung, die zu jener Zeit jeden operierten Patienten mit dem Tode bedrohte, durch Abtöten der Fäulnisbakterien bekämpfen können. Lister wandte Karbolsäure zur Abtötung der Bakterien an und wurde der Begründer der Wundbehandlung, wie sie von der Chirurgie mit so großem Erfolge heute geübt wird. Schon früher— in den dreißiger Jahren— wurde die Ent» deckung gemacht, daß eine epidemische sseuchenartige) Krankheit der Seidenraupen durch einen Pilz veranlaßt werde. Später wurden im Blute von Tieren, die an Milzbrand gestorben waren, mikroskopisch kleine Stäbchen gefunden, die inaN für Bazillen halten mußte, und man vermutete in ihnen den Erreger des Milzbrandes. Nachdem nun noch der berühmte Botaniker Cohn das ganze Gebiet der Bakterien zusammengefaßt und ein System der Bakterien aufgestellt hatte und damit de» Nach» weis geführt hatte, daß man auch unter den Bakterien mannigfache Arten unterscheiden müsse, mußte die alte Vorstellung von den be- lebten Erregern der verschiedenen Seuchen, die schon vor zweitausend Jahren geahnt wurde, viel gewinnen. Aber ihre Anhänger hatten noch keinen einzigen unmittelbaren Beweis dafür erbracht, daß in einem bestimmten Falle ein mikroskopisches Klein» lebewesen als der Erreger einer Krankheit anzusehen sei. Und so konnte noch in den siebziger Jahren B i I l r o t h, einer der bester, Aerztc und Gelehrten jener Zeit, gegen die Annahme von belebte» Krankheitserregern seine Stimme erheben: es gäbe gar keine ver» schicdenen Bakterienarten, es seien stets ein und dieselben Bakterien« arten, die man bei den verschiedenen Krankheiten in den Körper» geweben antreffe, die Bakterien seien nur zufällige Begleiter bei Krankheiten. Jedoch nur drei Jahre druerte es und Robert Koch wies 1876 durch Tierversuche einwandsfrei die ursächliche Bedeutung deS Bazillus für den Milzbrand nach. Es begann ein neues Zeitalter in der Bakteriologie. Die Entdeckungen überstürzten sich: es folgt» die Entdeckung des Bazillus**) der Lepra, der Tuberkulose, der Lungenentzündung, der Cholera, des Typhus, der Tripper- und Eiterkokken*), des Bazillus des Starrkrampfes, der Diphtherie und des Kokkus der Genickstarre. Alle sind sie in den 80 er Jahren als die Erreger der betreffenden Krankheiten nachgewiesen worden. In den 90 er Jahren kamen jJnfluenza, Pest und Dysenterie hinzu. I» unser Jahrhundert fällt die Entdeckung des SyPhiliS-Erregers. Mit der Erkenntnis, daß wir in den Bakterien die Erreger be» stimmter Krankheiten vor uns haben, war nicht nur den Anforde- rungen strenger wissenschaftlicher Forschung genügt: es war damit auch ein großer Anlauf zur wirksamen Bekämpfung verheerender Seuchen getan. Man mußte sich jetzt die Lebensbedingungen der einzelnen Bakterienarten vorhalten, um sie anzngreisen, sie unschäd« lich zu machen. Die„Desinfektion", die Abtötung von Bakterien und ihren Keimen, spielt von nun an eine ganz hervorragende Rolly *)Prof. Ernst Schwalbe: Kleinlebewesen und Krankheiten. Sechs volkswissenschastliche Vorträge über Balte« riologie und Hygiene. Mit 2 Karten und 07 Abbildungen im Text�. (Verlag von Gustav Fischer in Jena. 187 Seiten. Preis 1,80 M.) —) Bakterie heißt griechisch„Stäbchen", B a z i l l u s— dasselbe lateinisch, Kokkus— lateinisch Korn, Kügelchen. Diese Be» Nennungen entsprechen den Formen der verschiedenen Klein- lebewesen, wobei wir die Bazillen und Kolken als Bakterien zusammenfassen. Natürlich liegt darin ein Widerspruch, da ja „Bakterie" und„Kokkus" das Gegenteil von einander bedeuten. m der Geslindheitslchre. Und>l.?ort zeigte es sich, dah es eine ö f s e n t l i ch e Gesundheitspflege sein muß, die uns vor einer Seuche schützen muß. Das liegt im Wesen der Jnfektionskrauihciten als a u st e ck e n d e r Krankheiten begründet. Auch stellen sich die Herrschenden Klassen zu den staallichen Aufwendungen für'.Belämpfung ansteckender Krankheiten, vor allem iier epidemisch auftretenden(Typhus, Cholera, Pest usw.), ganz anders als z. B. zu den gewerblichen Um snllcn, die nicht minder verheerend in der Arbeiterklasse wirken. Die Bakterien bevorzugen allerdings auch die armen Volksklasscn, deren feuchte, dunkle und ungenügend durchlüftete Wohnungen eine Brut- stalte für die Bakterien abgeben: aber die ansteckenden Krank- hciten. die im Volke Fuß gefaßt haben, bilden stets eine Gefahr auch für die Neichen, deren Wohnungs- und Lebensverhältnisse gute sind. Es muß der Stolz des Arbeiters sein, den staatlichen Maß- regeln zur Bekämpfung ansteckender Krankheiten mit vollem Ver- stündnis entgegenzukommen. Dazu gehört einmal, daß ninn über die Lebcnsäußcrungen und Lebensbedingungen der Bakterien grund- legende Kenntnisse besitzt, und dann, daß man die einzelnen In- felli onskrankheiten und die Ansteckungsgefahren— die Art und Weise der Verbreitung— kennt. Nur dieses verständnisvolle Entgegenkommen .der Bevölkerung gibt die Gewähr, daß die ergriffenen Maß- regeln von Erfolg begleitet sein werden. Auch tatkräftiges Eingreifen tut unter Umständen not: es ist bekannt, mit ivelchem Nutzen für die Allgemeinheit die Hambnrger Arbeiter mit Selbst- verletignung der Sanitätsbehörde während der großen Cholera- Epidemie in den 9ver Jahren zur Seite standen. Im Sinne dieser AnSeinandersetznngcn muß daS für weite Kreise bestimmte Buch von Prof. Schwalbe aufs wärmste begrüßt werden. ES ist ans Vorträgen hervorgegangen, die der Verfasser im Verein für Volksbildung in Mannheim gehalten hat. Ei» besonderer Vorzug des Büches ist eS, daß in ihm die ivisienschaftliche Darstellung der Bakteriologie mit einer Einführung in die Kenntnis der Jnfektions- tränkheiten und ihrer Bekänrpfung verknüpft ist. Im ersten Vortrage erläutert der Verfasser den Begriff des Parasitismus und der ihm verwandten Lebensweisen und gibt eine Einführung in die Geschichte der Bakteriologie. Der zweite und dritte Vortrag sind den Bakterien gewidmet. In kurzen, allgemeinverständlichen Worten werden die in Betracht kommenden Untersuchungsmethoden, vor allem die Nährböden zur Züchtung der Bakterien, besprochen, dann Bau und Leben der Bakterien. Hier kommt auch der Tierversuch, die Vivisekton(was unrichtigerweise.Zerstückelung des lebendigen Tieres" heißt), recht ausfiihrlich zur Sprache. Mit Recht sagt Schwalbe,„daß man ein großer Tierfreund und sogar ein Tierliebhaber sei» kann, daß man die Bestrebungen der Tierschutzvereine aus vollster Ueber- zeugung weitgehend unterstützen kann und doch die Notwendigkeit des Tierversuchs für die bakteriologische sxorschnng nicht nur, sondern auch für die laufenden bakteriologischen Unter- suchnngen, anerkennen muß... Ist zum Beispiel Material auf Milzbrand zu untersuchen, so werden wir erst dann mit voller Sicherheit erklären können, daß Milzbrand borliegt, wenn an Mäusen die typische krankmachende Wirkung des Bazillus erwiesen ist. Eine solche Diagnose: hier liegt Milzbrand vor. kann aber unsägliches Unheil verhüten l Da sollte man eine Maus nicht töten dürfen! Die Gegner des Tierversuchs sollten nur bedenken, daß auch.den Tieren der wirksamste Schutz gegen die Ausbreitung natürlicher Jnfektions- Irankheiten allein durch frühzeitige Feststellung der Krankheit mit Hilfe des Tierversuchs gegeben werden kann." Und was noch wichtiger:„Wir werden sehen, daß im Tierkörper, der mit Bakterien krankgemacht ist, Schutzstoffe entstehen. die sich mit dem Blutwasser auf andere Tiere oder den Menschen übertragen lassen. Die Kenntnis dieser Stoffe, das Studium der Abwehrvorrichtungen des Körpers gegen Krankheiten, die Heilmethode, die sich auf die Kenntnis dieser Schutz- stoffe stützt, wäre ohne Tierversuch unmöglich. Zur Herstellung des Diphtherieheilseruins ist das Krankmachen von Pferden, für die Abmessimg der Heilkraft deS Serums der Versuch am Meerschweinchen unumgänglich nötig. Wem ei» liebes Kind an Diphtherie erkrankt ist, der wird sicher die Heiluirg unter Opferung von einigen Meerschweinchen oder unter Richtachtung der Krankheit eines Pferdes erstreben. DaS sittliche Recht hierzu ist f-enml dasselbe oder größer, wie das Siecht Tiere zur Nahrung zn zebranchen l" Wenn die Siede auf die Vivisektion lommt, so muß ich stets an die in der Vorlesung gesprochenen treffenden Worte eines meiner Lehrer, eines namhaften deutschen Profeffors. denken, daß die Gegnerschaft gegen die Vivisektion zu wissenschaftlichen Zwecken gerade von den Kreisen ausgeht, die sich sonst für Jagden der hohen und höchsten Herrschaften zu begeistern pflegen, wo daS Wild auf die scheußlichste Weise zu Tode ge- hetzt wird. Der vierte Vortrag ist der Beschreibung»der wichtigsten In- fektionskrankheiten gewidmet: Diphtherie, Pneumonie(Lungen- entzündung), Genickstarre, Typhus, Cholera, Influenza: die Eiterungen, Tuberkulose, Lepra und Syphilis werden besprochen. Im fünften Vortrage behandelt Sckiwalbe die Maßregeln, die die GesnndhcitSlehre(Hygiene) zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten vorschreibt. Unsere wichtigsten Desinfektionsmittel sind Hitze und einige chemische Verbindungen, wie Kalk(Kalkwasser, Chlorkalk), Sublimat, Karbolsäure, Lysol und Formaldehyd, das in neuerer Zeit zur Desinfektion von Wohnungen größere Bedeutung erlangt hat, Aerantwortl, Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlaa: da die Formaldebhddämpfe, die alle oberflächlich vorhandenen Bäk» terien abtöten, für den Menschen unschädlich sind.— Durch eine farbige Karte wird die Bedeutung der Impfung gegen Pocken bor Augen geführt. Was streng durchgeführter Impfzwang bedeutet, ersieht mair aus einem Vergleich zwischen Deutschland und Rußland(oder Spanien). In Deutschland kamen im Zeit» räum von 1393 bis 1897 jährlich auf je eine Million Einivohncr 0 bis 6 Pockentodesfälle vor, in Rußland und Spanien— 4001 Im Jahre 1898 starben in Deutschland IS Per» soncn an Pocken, oder 0.3 Personen auf eine Million Einwohner: im Zeitraum von 1781— 1805, vor Einführung der Impfung überhaupt, starben an Pocken in Berlin jährlich 3442 Personen auf eine Million Einwohner.' im Zeitraum von 1810—1850, wo die Impfung schon verbreitet war, aber noch kein Impfzwang herrschte, starben in Berlin an Pocken jährlich 176 Personen auf eine Million Ein» >v o h n e r.— Bei Besprechung der Bekämpfung der Tuber» knlose zeigt unS der Verfasser, wie eng die Verbreitung der Tuberkulose mit der sozialen Lage der Arbeiterklaffe verknüpft ist. Die Tuberkulose ist eine Proletarierkrankheit und„vielleicht am wichtigsten für die Bekämpfung der Tuberkulose ist die Lösung oder wenigstens die möglichst gute Lösung der Wohnungsfrage, zu dieser Erkenntnis ist man in den letzten Jahren mehr und mehr gelangt. ES ist das auch nach der Natur der Krankheit... ganz verständlich. Die Ansteckung erfolgt wohl in den allermeisten Fällen durch den Auswurf. Leben Lungenkranke und Gesunde auf engem Räume zusammen, so ist die Ansteckungsmöglichkeit sehr groß. Es erklärt sich daran?, daß in den sogenannten oberen Schichten der Bevölkerung die Verbreitung der Krankheit eine sehr geringe ist im Verhältnis zu der erschreckenden Häufigkeit in Prole- tarierkrcisen.... Daß die Wohnverhältniffe bei Benutzung eines einzigen Wohnraumes durch einen Haushalt allen hygienischen An- fordernngen Hohn sprechen, ist nur zu verständlich. Für die Be- kämpfung der Tuberkulose— in geringerem Grade für die Be- kämpsnng der Infektionskrankheiten überhaupt— spielt die Beschaffung billiger, gesunder Wohnungen für den Arbeiter- stand eine große, wenn nicht die größte Rolle. Alle hierhin zielenden Bestrebungen verdienen die wärmste Unterstützung, ins- besondere muß die Bodenpolitik der Gemeinden diesen Gesichtspunkt weitgehend berücksichtigen, auch müßten alle gemcindepolitischen Maßregeln, die einer ungesunden Wertsteigerung de-Z Boden? entgegentreten. aufs freudigste begrüßt werden". Den städtischen Geldsacksparlamenten mögen diese Worte in einem Buche, das dem Stadtrat von Karlsruhe gewidmet ist, wohl etwas unangenehm in die Ohren klingen. Ueber das Verhältnis von Tuberkulosehäufigkeit und Wohndichte reden eine sehr eindringliche Sprache die WohnungS- zustände in Mannheim. Die Zahlen zeigen in Prozenten den Anteil der Tuberkulose au der Gesamtsterblichkeit in jeder der fünf nach den Wohnverhältniffen geschiedenen Klaffen. Die Todesfälle von Kindern bis zn fünf Jahren wurden nicht in die Rechnung bezogen: bis 3 Zimmer mit einer Wohndichte von 6 und mehr 4 bis 5 unter 0„ mehr als Zimmer Zimmer 2 Köpfen 3 Köpfen pro Zimmer 10,3 Proz. 22.2 Proz. 23,4 Proz. 84,0 Proz. 42,2 Pro,. AlleS in allem:„stets müffen wir denken, daß jede Bcffernng in den allgemeinen sozialen Verhältniffen auch eine Befferung der Volksgesundheit bedeutet. Und jede Befferung der Volksaesundheit kommt zum Ausdruck in dem Rückgang der Tuberkulosesterblichkeit I" — Die Verbreitung der Tuberkulose in den einzelnen Ländern Europas wird uns durch eine Karte vor Augen geführt. Die größte Sterblichkeit an Tuberkulose haben Rußland und Oesterreich, dann kommen Frankreich und Deutschland mit einer jährlichen Tuberkulose- Sterblichkeit von 3000—3500 resp. 2000 bis 2500(in den großen Städten mehr) auf je 1 Million Einwohner.— Auch„die hygienischen Maßnahmen gegen denAlkoholiSmuS sind ohne soziale Maßregeln wirkungslos. Gerade auf diesem Gebiete zeigt sich der enge Znsammenhang von Hygiene und Sozialpolitik. Die wirksamste Bekämpfung der Trunksucht ist die Hebung des sozialen Niveaus der Arbeiter." Im letzten Vortrag bespricht der Verfasser diejenigen Jnfektions« krankheiten, deren Erreger nicht zu den Bakterien, sondern zu einer anderen Klaffe von Kleinlebewesen gehören, zu den Urtierchcn (Protozoa). die sicher tierischer Natur sind. Recht ausführlich wird die Malaria beschrieben. Dann wird die Schlafkrankheit ab- gehandelt und schließlich der Ruhr Erwähnung getan, die nach neueren Forschungen nicht nur durch einen Bazillus, sondern auch durch eine bestimmte Amöbe(also ein Protozoon) veranlaßt werden kann.— Im Anhang ist daS vom kaiserl. Gesundheitsamte herausgegebene Merkblatt über Tuberkulose zum Abdruck gelangt. Das Buch von Schwalbe, aus dem ein jeder eine ganze Menge lernen wird, sei zur Anschaffung warm empfohlen, besonders den Arbeiterbibliotheken."Der Preis des Buches entspricht dem Gebotenen. Die Ausstattung läßt nickits zu wünschen übrig: die Abbildungen sind zum Teil farbig.— Der Stil ist an manchen Stellen(im ersten Vortrage) etwas abrupt, wie es im fteien Vortrage vorkommt, im gedruckten Text aber besser vermieden wäre. Dr. A. LipsiuS. > u.Vertaatanitalt Vau! Sinacr LrEo.. Berlin SW.