Nnterhattmgsölatt des'Dotwärts Nr. 113. Dienstag, den 15. Juni. 1909 <7!achdruck Vcrl'oleg.j l)er Arbeiter Scde�yrjoff. Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e w. Maksimowa seufzte._ „Du dummes Dingl/ Und im Kloster nehmen sie Dich überhaupt nicht an... Da heiht's: Geld deponieren oder grobe Arbeiten machen. Was bist Du für eine Ar- beiterin?" Die Alte machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nein, was ist da zu reden... Gehe mit Wassilij Sste- lpanowitsch. Wirst wenigstens Deine eigene Herrin, und viel- leicht unterstützt Du mich auch... Wassilij Sstepanowitsch hat, sagen die Leute, gegen sieben Tausend auf der Bank." „Er ist schrecklich, Maksimowa," murmelte Oljenka bebend, als wenn sie um Vergebung flehte:«Grob, wie ein gemeiner Bauer!" „Und für Dich ist ein gnädiger Herr nötig? Die Herren sind nicht für uns, Oljenka... Mag er nur ein guter Mensch sein, und danke Gott." „Er hat gar nichts gelesen, Maksimowa. Ich frage ihn: wie gefällt Ihnen Tschechoff? und er sagt:„Bei unserer Tätigkeit ist für Kindereien keine Zeit".. Oljenka ahmte einen stumpfen, groben Baß nach. Ahmte ihm nach und weinte: ihre großen Augen füllten sich mit dicken hellen Tränen, und die Hände bebten wieder. „Was denn, er spricht vernünftig!" rief Maksimowa zänkisch: es war zu erkennen, daß sie sich Mühe gab, in Zorn zu kommen.„Denk mal an! Nichts gelesen!... wer hat denn Lesen nötig? Er ist Geschäftsmann, kein dummes Ding wie Du!" Oljenka hörte auf zu weinen und öffnete wieder weit und träumerisch die Augen. „Ach, Maksimowa, Du verstehst nichts davon, redest aber. Auf der Welt das einzig Gute, das sind die Bücher. Tschechoff zum Beispiel!... Wenn Du ihn liest— einfach— man will weinen. So was Wunderbares, so was!" Oljenka preßte beide Handflächen an die Backen und ischüttclte den Kopf. „Ah, geh Du mit Deinen Büchern!" fuhr die Alte sie böse und doch bedauernd an.„Möglich, es ist sehr schön, nur nicht für uns. Du— ich werde mit jedem Tag blinder... gestern räume ich den Tisch ab— zerschlage ein Glas. In einem Monat werde ich vielleicht ins Armenhaus müssen... und Sa hast Du's! Genau so nähte ich, nähte, nähte immerzu-- Sa bin ich nun mit meiner Näherei... Und ich war nicht so wie Du... Du hier, wenn Du fünf Rubel verdienst und davon zwei'rausbekommst, dann sagst Du noch„Gedankt sei Gott!" Keinen Fetzen auf dem Leibe, und noch... Bücher! Was soll das?" Die Greisin kam leise ins Zimmer geschlichen. Ihre winzigen Aeuglein plusterten ängstlich und neugierig.. „Maksimowa, das ist schlimmer als der Tod.... Er ist ein Bauer... wird mich noch schlagen!" stieß Oljenka ganz verzweifelt aus. „Na, weshalb gleich schlagen!" Die Alte wiederholte die hoffnungslose Geste von vorhin.„Und was schon, was ist fchon geschlagen?" muffelte die Greisin an der Tür.„Sie, Olga Jwanowna, soll sich eben unterwerfen." „Was?" fragte Oljenka erschrocken. „Unterwerfen sollen Sie sich, sage ich..." wiederholte die Greisin.„Wird Sie einmal schlagen, zweimal und hört auf... So sind sie alle. Bei ihnen heißt's, unterwürfig fein. Mag es sein, dulden Sie nur ruhig... Er wird schon aufhören, macht nichts!" Oljenka schaute sie mit Entsetzen an. als wenn aus dem dunklen Korridor ein schreckliches Ungeheuer hervorgekrochen wäre und sich ihr jetzt nähere. Sie faßte sogar das Kleid zu- fammen und drückte sich mit der Schulter an den Tisch. Aber die Greisin hatte sie schon vergessen und sich Maksimowa zu- gewandt. Ihre winzigen Augen glänzten vor listiger Schaden- freude. „Unseren Lehrer haben sie wieder aus dem Dienste ge- jagt!" „Was?": rief Maksimowa. W j, Wieso i weggejagt? Warum?" „Weil er gegen die Obrigkeit grob geworden ist. Der Vorgesetzte hatte ihn angeschnauzt, Uar ihm grob gekommen. Na, und haben ihn hinausgeworfen. Es ist furchtbar, wie Marja Petrowna heute wild gewesen ist!" berichtete die Greisin in eiligem Flüsterton, wobei sie sich fast bei jedem» Wort verschluckte und nach der Tür umsah. Maksimowa blickte sie ratlos an. „Ja, aber sie sind mir noch drei Monate schuldig. Sie selbst hat mir heute versprochen, wenigstens einen Teil zu bezahlen... Und was jetzt?" murmelte sie verwirrt. „Die werden jetzt nichts mehr bezahlen. I wo denn! Die werden jetzt selber hungern müssen!" „Aber was denken sie sich! Daß ich sie umsonst behalten werde? Haben eine Wohltäterin gefunden!... Ich habe selbst nichts zu fressen..." Sie überlegte noch eine Weile und ging plötzlich, rasch Kehrt machend, aus dem Zimmer. Oljenka, die fast gar nichts verstanden hatte, sah ihr erschrocken nach, und die Greisin schlich ängstlich in den Korridor und verschwand hinter dem Vorhang, von wo her sofort eiliges Flüstern ertönte. Im Zimmer des Lehrers war es still. Die Kinder duckten sich in den Ecken und waren nicht zu sehen und zu hören. Der Lehrer und seine Frau saßen beieinander am Fenster, in dessen wunderlich hellem Fleck die Schatten zweier von hoffnungslosem Kummer unterdrückter Köpfe sichtbar waren.> „Marja Petrowna!" rief die Maksimowa zurückhaltend', doch selbstbewußt, wie jemand, der die Gewalt in den Händen hat, von der Tür her.. Der Lehrer und seine Frau hoben rasch die Köpfe. Die Gesichter blieben undeutlich, aber die Bewegung war demütig und niedergeschlagen. „Die Miete, die Sie zu heute versprochen haben, kann ich sie bekommen?" fragte die Alte ebenso zurückhaltend. Zwei dunkle Schatten bewegten sich und schwiegen. Der klägliche, hilflose Ausdruck eines Menschen, der nicht einmal etwas zu antworten weiß, lag auf ihnen.. „Nun so..." sagte die Alte mit überruhiger Stimme. „Also wie gesagt, packen Sie zusammen. Morgen vermiete ich das Zimmer. Was mir für die drei Monate verloren geht, das mag schon auf Ihrem Gewissen bleiben. Bin selber schuld, ich Idiotin, daß ich Ihnen getraut habe. Aber länger mit-, zumachen, habe ich keine Lust. Wie Sie wollen!" Die Frau des Lehrers rührte sich nicht, aber der Lehrer selbst stand auf und ging schnell in den Korridor, wohin er auch die Maksimowa fast mit Gewalt hinausschob. „Sehen Sie... ich wollte Sie fragen... Wäre es denn nicht möglich, irgendwie... Ich werde mir eine Stelle suchen. Mir ist schon hie und da verschiedenes angeboten worden... Also nun... ja..." Seine Blicke liefen umher: eine schwindsüchtige Röte trat in Tupfen auf seine blassen Wangen. Maksimowa seufzte und wehrte mit der Hand ab. „Wirklich, wahrhaftig... versprochen worden!" beeilte sich der Lehrer zu wiederholen, während sich sein Gesicht immer mehr rötete: mit den Händen fuchtelte er in der Luft herum. „Und überhaupt: ich werde suchen. Es geht doch nicht. Sie sehen selbst ein." „Ich kann nicht, Herr," erwiderte Maksimowa. Sie trat zurück und schlug die Hände auseinander.„Wenn es nur an mir läge! Aber der Dwormk*) rennt mir ja die Türen ein. Ich werde selbst heraus müssen... Nur auf Sie hatte ich noch gerechnet. Und jetzt kommt es so!" „Maksimowa!" begann der Lehrer, eilig flüsternd, und sah sich nach der Türe um:„Bedenken Sie nur, wo sollen wir hingehen? Sehen Sie, ich habe die St-'llung verloren, und nun... Ich wollte heute Vorschuß nehmen, weil ich schon früher mein Gehalt erhoben hatte...'die Kinder brauchten Schuhe, und meine Frau nmßtc auch was haben... Sie wissen ja,' das Wetter tvar so kalt, und sie hustet... Jetzt habe ich keine Kopeke mehr. Wer wird uns nehmen? Ueberall wird die Miete im voraus verlangt, während Sie uns immer? 1 Portier, Vizewirt, 6tn schon kennen... Maksimowci, versetzen Sie sich in meine JCoge, Maksiinowa, um Gotteswillen!" „Nein. Ich kann nicht... das Hemd ist einem näher vis der Rock... Nun, wie Sie wollen, aber,.. Sie tun mir wirklich leid, aber ich kann nichts tun... Sie hatten eine Stellung, da hätten Sie sich mit den Zähnen festbeißen sollen. Da haben Sie es nun. Sind selber dran schuld." „Ja, freilich... ich habe schuld. Aber dann habe ich toch die Schuld und nicht die Kinder.. „Die Kinder sind Ihre Kinder. Sie hätten's eben um der Kinder willen ertragen sollen." „Sehen Sie, Maksimowa, das ist..." „Was habe ich da zu sehen!" mit aussichtsloser Grobheit Unterbrach ihn die Alte.„Wozu wollen Sie sich vor mir er- viedrigen. Ich kann nichts tun. Dort hätten Sie so reden mögen!" „Aber Maksimowa!" .(Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verv.oteii.1 Die Goetbebüftc. Kon Hans B r e n n e r t. I. Es war eine schöne Goethebüste. Er liebte Goethe. Aus diesem Grunde hatte er gestern abend am Stammtisch die schöne Goethebüste von dem kleinen italienischen Buben gekauft. Er war Staatsanwaltschaftsassistent. Aus diesem Grunde schien ihm die Goethebüste an keinem Orte einen größeren Genuß des Anblickes zu sichern, als wenn er sie oben auf sein Schrcibpult stellte, nicht daheim, wo er ein solches als möblierter Herr nicht besaß, sondern in seiner stillen Kanzleistube. Das war ein kirchen- stiller Raum mit Fensterausblick aus die vergitterten Milchglas- fenster des Untersuchungsgefängnisses und auf ein paar grüne Kastanienwipfel, unter denen mittags die Herren Untersuchungs- gefangenen luftschöpfend im Gänsemarsch sich ergingen. Morgens um acht enthüllte er denn die Goethebüste behutsam vor seinem Schrcibpult und stellte das kleine Denkmal ernsthaft oben auf das Fachspind, das den Pulttisch krönte. Es sah etwas ungewöhnlich, aber nicht schlecht aus. Und er dachte an Goethe. Und er dachte an Italien---. II. Um neun Uhr bekam er Besuch. Es war ein Herr, der die- selbe hohe Stellung wie er im Staate bekleidete. Der Unterschied zwischen ihnen bestand nur darin, daß der Besucher die Verbrecher- namen registrierte, welche mit K begannen, während er selbst den Verbrecherischen Anfangsbuchstaben C bearbeitete. Hieraus ergaben sich ihre menschlichen Beziehungen. Es gab Verbrecher, die so rücksichtslos waren, unter den Ver- nchmungsprotokollen ihren Namen bald mit C. bald mit K zu schreiben. Manches Mal war es also auch durch stundenlanges Besprechen der orthographischen Sachlage nicht möglich, den Zweifel zu klären, wer der berufene amtliche Wächter der Urkunden sei, die sich über «inen sicheren Raubmörder mit der unsicheren Schreibweise Clampe oder Klampe häufig vernichtend zusammenhäuften. Menschen, die solche Fragen täglich gemeinsam und liebevoll lösen, müssen sich auch innerlich näher treten. Es war also nicht Neugier, sondern Schicksal und Anteil, als lder Herr vom C den Herrn vom K beim Verlassen des Zimmers .rasch noch fragte:„Was haben Sie denn da für einen Jipskopf?" Höflich kam es zurück:„Eine Goethebüste!" „Ach so! Eine Joethebüste...." Die„Joethebüste" wurde sehenswürdig. Der Herr Staats- anwaltschaftsassistent wunderte sich, was die Kollegen heut alle bei ihm wollten. Warum ging es heute bei ihm nur wie in einem Tauben- schlag? Man kam, um ihm die neueste Strafversetzung, die neueste Beförderung zu berichten! Ihm! Man kam, um ihm— ihm! � zu erzählen, wer einen japanischen Orden bekommen. Man brachte ihm Akten, die sonst tagelang von Fach zu Fach reisten, bis sie bei ihm landeten, heute eigenhändig. Als sehr eilig! Man kam Federn borgen, Siegellack, rote Tinte, Oblaten, Nationalgarn ausleihen.... Was war geschehen? War er krank, sollte er befördert Herden? Nachdenklich begann er zu frühstücken. Aber die Besuch«rflut ebbte nicht. Um elf Uhr wurde es plötzlich still. Nämlich das gesamte Verbrecher-ABC, der gesamte Beamtcnstab, der die Angeklagten von N bis Z bearbeitete, war nunmehr durch seine Klause gezogen. Nachdenklich schaute er hinaus auf die Wipfel der Kastanien, die mit grünen Kronen und ihren weißen Blütenlichtern Mischen den Gefängnismauern standen, als sehnten sie sich nach ihren Schwestern, die draußen den bunten Straßenfrühling schauten. Fast verstört verspeiste er seine halbe Ananas, die er sich heute zum Frühstück gegönnt. Das Rätsel erschien ihm jetzt riesen- groß.... Er wußte es ja nicht: er hatte eine„Joethebüste". Er hat eine„Joethebüste" murmelte es durch die Zimmer- flucht der königlichen Staatsanwaltschaft. Die Federn kratzten, die Mten rauschten, der königliche Aktenstaub tanzte in der Sonne, soweit solche in die ernsten Räume hineinfiel, einen Frühlings- reizen, und in dem goldigen Staubflimmcr schwärmten die kleinen Mikroben und schrien: Er hat eine Joethebüste?... Es hatte schon Menschen gegeben, die ihr Amisheim mit Stall- werckbildern schmückten, Menschen, die daselbst auf kühlenden Luft- kissen saßen, Menschen, die im Dienst auf Spiritus kochten, die sich Diaphanien an die Fenster hingen, Menschen, die sich im Bureau Goldfische hielten oder in roten Tonkästen Nilgras zogen. Abep ein Mensch mit einer Goethebüste... Der Mensch mit der Goethebüste saß an seinem Pulte. En saß noch immer regungslos, ohne zu schreiben. Er hatte nur das dumpfe Gefühl, es sei etwas geschehen. Oder es werde etwas ge- schehen. Etwas Schreckliches. Oder etwas Herrliches. Um zwölf Uhr wurde er denn auch zum Ersten Staatsanwalt befohlen. III. Der Erste Staatsanwalt saß in seinem Gemache; er nutzte die Schwurgerichtspause, um zu frühstücken. Es gab kalten Kalbs- braten und ein Glas Haute Sauterne. Das Hausmädchen, das seine Gemahlin damit entsendet, saß mit dem Korbe an der Tür, Scheu und ehrfürchtig. Der arme Erste Staatsanwalt hatte noch eine lange� Sitzung bor sich. Ihm gegenüber stand sein Referendar und las die Er- gcbnisse der Vormittagssitzung vor.„Meineid— vier Jahre Zuchthaus, Brandstiftung— zehn Jahre Zuchthaus— Totschlag— acht Jahre Zuchthaus— Urkundenfälschung— fünf Jahre Zuchthaus!" „Das ist ja scheußlich!" rief der Erste Staatsanwalt.„Wieder über dreißig Jahre Zuchthaus! Schluß!" Und er goß sich noch ein Glas Sauterne ein.„Ich werde mich versetzen lassen... Ich werde zu alt für das Geschäft. Lieber eine nette, ruhige Zivil- kammer— I" Er war sehr schlechter Laune. Nun klopfte es auch noch, und der diensthabende Bote machte eine Meldung. Die Stimme de3 Ersten Staatsanwalts erhob sich sofort grollend, rauh, gereizt; „Ach so, ja! Soll mal eintreten!" Es war der Herr StaatsanwaltschaftSassistcnt. Bleich, aber gefaßt stand er vor seinem höchsten Chef. Er sah nicht daS hübsche HauSmädchen mit dem Frühstückskorb und nicht den wohlgescheitelterr Referendar. Er sah nur die reckenhafte Gestalt des Herrn Ersten Staatsanwalts in der schwarzen Robe und im Schmuck der weißen Halsbinde, den nach rascher Karriere angekommenen Korps- Philister mit den fürchterlichen Schmissen, die das Kaschemmen- gespräch aller vorbestraften Messerstecher und der freien schlagenden Verbindung„Schlagring" in den Vorstadtkneipcn bildeten.... „Also, ich habe soeben sehr merkwürdige Dinge von Jhne�i gehört!" sagte der öffentliche Ankläger und fuhr von seinem Sitze auf.„Sie haben es unternommen, in Ihrem Dienstzimmer eine Goethebüste aufzustellen! Ist der Tatbestand richtig?" Die Frage wurde leise bejaht. „So! Also wirklich! Sie scheinen sehr wenig zu tun zu haben, mein Herr! Anders kann ich mir diesen Einsall nicht erklären. Die Dienstzimmer sind nicht dazu da, um durch solche Spielereien angefüllt zu werden. Wollen Sie damit vielleicht sagen, daß Ihnen die fiskalischen Interieurs mißfallen? Sezessionsmöbel können wir natürlich nicht hinstellen. Brauchen Sie zur Erhaltung Ihrer Arbeitsfrische plastische Behelfe? Sehen Sie bei mir hier Büsten? Geschweige denn Goethebüsten? Ueberbaupt Goethe! Wie kommen Sie denn auf Goethe? Sind Sie vielleicht Mitglied des Goethe-Bundcs? Ausgerechnet Goethe!" Die Stimme wurde milder, väterlicher. „Also, lieber Freud! Das geht nicht. Nüchterne, einfache, schmucklose Räume sind der angemessene Rahmen für unsere ernste und traurige, hören Sie, traurige Arbeit! Stellen Sie den Jips- dichter zu Hause auf! Melden Sie mir morgen mittag: Die Joethe- büste ist beseitigt!" IV, Der Herr StaalsanwaltSassistcnt meldete am nächsten Mittag: „DieGoethebüste ist gestohlen!" Der Erste Staatsanwalt legte die Feder hin, durch sein Antlitz schoß eine Blutwelle. Auf seiner Stirne sammelte sich in Zornesfaltcn die Empörung. Aber sie glätteten sich schleunigst, und nachhelfend fuhr er mit der Hand an die Schläfe, da wo der Temporalhieb saß und die Stirnhaut schief angewachsen war. Das tat immer scheußlich weh, wenn er seine Brauen runzelte. „So?" sagte er. Er erholte sich schwer.„Gestohlen! En, Diebstahl in den Räumen der Staatsanwaltschaft! Täglich schöner! Juristisch ein blödsinnig verzwickter Fall! Wer ist denn nun bestohlen? Sie oder der FiSlus, bei dem Sie Ihre kostbare Goethebüste untergestellt haben? Ich werde die Sache unter- suchen. Und den Dieb ermitteln. Verlassen Sie sich darauf! Hier in meinem Ressort werden feine Goethedüsten gestohlen! Ich werde isofort Akten anlegen lassen! Sehen Sie, da haben Sie den Be- tveis! Stellen Sie keine Wertsachen auf, dann wird keiner zum Diebe! Vielleicht verlangen Sie jetzt noch, daß der Fiskus Ihnen diese wertvolle Goethebüste ersetzt.. „Sie kostet nur fünfzig Pfennig!" sagte der Beamte be- scheiden. „Und wenn sie nun nur einen Pfennig kostete!" fuhr sein Chef auf.„Der Wert spielt gar keine Rolle— das wissen Sie hoffentlich!— für die Strafverfolgung. Gehen Sie! Und den Dieb werden wir kriegen.. y. Man kriegte den Dieb. Er hieß Croschetzky, war Untersuchungsgefangener und Halle eine Vertrauensstellung bekleidet, als Kalefakior der Bureaus. Nur er konnte es gewesen sein, weil er allein nach Bureauschlust Zutritt zu dem fraglichen Zimmer gehabt, in dem der Bestohlene die sorgfältig verpackte Büste törichterweise hatte liegen lassen. Wahrscheinlich hatte er Lebensmittel, Zigarren oder ähn- liches in der Hülle vermutet und sie mitgehen geheißen. Außer seiner schwebenden Anklage wegen einer Schlägerei hatte er nun eine komplizierte Anklage wegen Diebstahls in ösfent- lichcn Gebäuden auf dem Halse. Er bestritt lebhaft. Aber es half ihm nichts. Er kam unter Anklage, und der Bestohlene hatte noch die Genugtuung, nachdem wieder festgestellt, daß der Dieb sich vorwiegend Croschetzky und nicht Kroschetzky schrieb, die Sache selbst zu bearbeiten. Der Erste Staatsanwalt vertritt selbst die Anklage. Er sagt in der Hauptverhandlung:„Meine Herren Schöffen! Einer meiner Beamten benutzt einen Teil seines Gehaltes dazu, um eine Gocthebüste zu kaufen. Er ist mit Arbeit überladen. Wie wir alle! Aber er sucht seine Nerven anzufrischen nicht durch Alkohol oder Nikotin, sondern durch den Anblick der teuren Züge unseres großen Klassikers, des Dichterfürsten von Sachsen-Weimar. Aber weiter! Er ist ein junger Mann, und wie junge Leute tun, er schwärmt für Sezession, für Goethe, er ist Mitglied des Goethe- bundes. Um seine schlichte Werkstatt zu schmücken, kauft er eine Eoethebüste. Und dieser Croschetzky kommt und stiehlt ihm,— man muß sogar sagen, uns!— diese Goethebüste.— Ich betone: eine Goethebüste!.... Die Büste Goethes, unseres Nationalschrift- stellers, des Verfassers von Faust und Gleichen und anderer Meisterwerke. Und warum stiehlt dieser Croschetzky? Was ist ihm Goethe?— Aber er benutzt seine Vertrauensstellung als Bureau- Heizer, um eine Goethebüste zu stehlen, in plumper Enteignungs- Wut, um sie zu zerstören oder in den Ofen zu stecken, was weiß man! Ich beantrage sechs Monat Gefängnis." Der Verteidiger ist anderer Ansicht.„Wozu soll Croschetzky Gipsfiguren stehlen? Man wird weder annehmen können, daß er sie zerstoßen und als Zahnpulver benutzen wollte, noch, daß er die Gipsstückchen als Kreide benutzt, um sich mit Komplizen durch Wandinschriften zu verständigen, was an sich möglich wäre, Herr Staatsanwalt! Aber er hat ja keine Komplizen, und Goethe- schwärmer ist er auch nicht. Ich beantrage Freisprechung." Croschetzky ruft:„Bravo!" Der Gerichtshof wird beraten und zieht sich zurück. Währenddessen erhält der Herr Staatsanwalt einen Brief. Als der Gerichtshof erscheint, und das Urteil eben fallen soll, erhebt sich der Herr Ankläger, setzt das Barett auf und spricht: „Ich habe dem Gerichtshofe eine Mitteilung zu machen: Die Goethebüste ist wieder da!" „Ick verlange Beweise!" brüllt Croschetzky. Und nach einer Weile etwas sanfter:„Oder'n Urteil!"� „Ich bitte, die Reinmachefrau Runge eintreten zu lassen!" ruft der Staatsanwalt. Sofort betritt Frau Runge den Zeugenraum. Sie taumelt her- ein wie ein Huhn, das in einen Ballsaal geraten ist. „Na?" sagt der Amtsrichter. „Ja!" sagt sie.„Ja, ick habe die Jipsfigur fallen jelassen. Ick konnte se nich friha Widder hinstellen. Ick ha se doch erst missen kitten lassen!..." „Ick befürworte meine Freisprechung!" brüllt Croschetzky. Croschetzky wird freigesprochen, Frau Runge erhält so viel Zeugengebühren, daß sie zehn Kittrechnungen bezahlen kann, und der Herr Erste Staatsanwalt packt seine Akten zusammen, nicht ohne zuvor eine sehr deutlich geschriebene Verfügung in das Bureau hinaufflattern zu lassen: „Sofort! Noch heute! Die wiederangefundene Goethebüste ist nunmehr sofort aus den Diensträumen zu entfernen."--- VI. Der Herr Staatsanwaltsassistent sitzt vor seinem Pult. Die Joethebüste ist verschwunden. Er hat sie Frau Runge als Andenken MiDA.■'-i'"- 9 iir» ist 1■flk'if Hftsy. iss keer. Da wo er geprangt zwischen Ex fühlt, heute ist ellvas ln ihmqersbrun�'unVgerissen.' Also an diesem Platz wird er stoch IlAüo sitzen. Weltabge» schieben! Einsam! Zehn Jahre. Zwanzig, bielleicht fünfzig Jchre. Und träumen von Goethe. Und träumen von Ji?»>en--- f rauen und 6bc im Islam. Trotz der großen Schar von Forschung?- und VergnügungS- reisenden, die alljährlich die Länder des Orients besuchen, haben wi» dennoch nur verhältnismäßig wenig Aufschluß über die Verhältnisse der türkischen Frauen erhalten. Es liegt die? hauptsächlich daran, daß es den Fremden schwer, ja fast unmöglich gemacht wurde und wird, einen intimen Einblick in die häuslichen Verhältnisse der Bekenner des Islam zu erhalten. Andererseits haben Romanschreiber das Ihrige getan, die Mysterien deS Harems und des FrauenlebenS zu enthüllen. Dabei ließen sie nur zu oft ihrer ausschweifenden Phantasie die vollen Zügel schießen und verliehen durch das poetische Gewand, in das sie ihre Erzählungen kleideten, dem schönen Geschlecht des Orients einen zauberischen Reiz, der well absticht von der Wirklichkeit. Sind also einerseits die Schilderungen der Reisenden voller Lücken, so sind die der Romanschreiber vielfach übertrieben und wahrheitswidrig. Indessen hat die Umwandlung der neueren Zeit zugleich mit dem Schleier der Frauen auch daS magische Dunkel gelichtet, das bisher aus ihrem Leben ruhte. Jetzt, wo man es sogar als Fremder wagen darf, auf offener Straße sich mit Frauen zu unterhalten, wo die Schleier so durchsichtig werden, daß sie auch den leisesten Zug nicht mehr ver- bergen, ja, wo man häufig genug Türkinnen ganz unverschleiert sehen kann, haben manche Ansichten und Urteile über die Frau und die Ehe eine gewaltige Aenderung erfahren. Auch hier gilt, wie so oft im Leben, daß an Stelle der Poesie die Prosa getreten ist. Nun kann man das Leben der Frauen des Islam nicht richtig auf« fassen und verstehen, wenn man nicht die historische Grundlage kennt, nach der sich die Stellung der Frau nach bell Gesetzen des Korans im Lause der Zeit aufgebaut hat.j Zur Zeit Mohammeds war in Arabien die Stellung der Frau eine dem Manne tief untergeordnete. Das einzige Gebiet, auf dem sich die Araber bis zu Mohammeds Austreten geistig entwickelt hatten, war die Poesie. Und in dieser vorislamitischen Poesie der Araber fehlte es allerdings nicht an Liebesliedern. Aber die Erotik dieser Lieder erhebt sich selten über die Schilderung sehr sinnlicher Eindrücke. Die körperlichen Reize der Geliebten, ihr Auge, ihr Busen, ihr Wuchs, werden in kühnen Bildern gepriesen. Der südliche Himmelsstrich steigert die geschlechtliche Leidenschaft. Bestimmte Formen der Eheschließung scheinen unter den„halbwilden" Bewohnern des damaligen Arabien nicht üblich gewesen zu sein. Wie bei den meisten im Naturzustande lebenden Völkern kaufte der Mann das Weib den Eltern gegen eine nach dem Maße ihrer Schönheit, Jugend, Fähig- kellen abgemessene Morgengabe ab, falls er sie ihnen nicht mit Waffengewalt raubte. Die Eltern gaben der Tochter zuweilen eine bescheidene Mitgift, wie dieL noch heutzutage bei den Beduinen geschieht. Witwen konnten selbständig über ihre Person und ihr Vermögen verfügen, besonders wenn ihre Väter schon ver- storben waren. An eine Beschränkung auf die Einehe dacht« unter den Arabern kaum ein Bruchteil des Volkes, der sich an den Grenzen des Landes nach Norden zu und in Uemen dem Christentum zugewandt hatte. In den Anschauungen der eingeborenen Stämme über das natür- liche Verhältnis des Mannes zum Weibe war Mohammed auf- gewachsen. Nicht sowohl aus Neigung als aus Dankbarkeit hatte der mit auffälliger Zartheit und Schönheit des Körper? aus- gestattete, arme junge Mann die alternde reiche Witwe Thadidscha geheiratet. Da kam unter den schlverstcn Kämpfen und Krämpfen des Leibes und der Seele für ihn die Stunde seiner „Inspiration". Aber die unerschütterliche Ueberzeugung von der Einheit Gottes,„des Allmächtigen und Gerechten, Gütigen und Barmherzigen" und sein Glaube an das bevorstehende Endgericht mit seinen Belohnungen und Bestrafnnaen, die er sich ganz sinnlich vorstellte, übte auf die leidenschaftliche Natur dieses ReligionSstisters keinen umgestaltenden Einfluß. Zwar der Blut« schände und der Prostitution ist Mohammed in verschiedenen Koransure»(Sprüche des Gesetzbuches) entgegengetreten; doch ist fraglich, ob diese Laster unter den heidnischen Arabern jener Zeit öffentlich geduldet worden sind. Ebenso ist es die Frage, ob die Anstandsvorichristen, die der Koran hinsichtlich der Verhüllung der Frau— und namentlich de» weiblichen Angesichts— enthält, erst durch Mohammed eingeführt oder, unter den ansässigen Arabern wenigstens, nicht schon längst iin Schwange waren. Die beiläufige, obgleich nachdrückliche Erinnerung daran, daß die Frauen, wenn sie ausgehen, sich in ihr Uebergewand hüllen sollen,„damit man sie als ehrbare Frauen erkennen könne und sie nicht beleidige" (Sure 83), klingt vielmehr so, als wenn eine bestandene Sitte nur aufs neue eingeschärft würde. Bedenkt man, daß dieselbe Sitte sich bei den Hindu und den Vornehmen in China findet, daß die Beduinen und Kabhlen in ihren Zelten sich davon emanzipiert oder vielmehr sie nie angenommen haben, daß der Jaschmack(Schleier) je nach den Bildungsverhältnissen einzelner mohammedanischer Städte und Stände ebenso wie das Feredje(langes Obcrkleid der Türkinnen) sehr verschiedene Formen, Farben und Dichtigkeit ange« nomine» hat—(letzteres ist in Arabien und Syrien weiß, in Kon« stantinopel farbig, doch überall quadratisch geformt und die Körper» sormcn verhüllend; der Gesichtsschleier in Aegypten und Syrien schwarz, in den Küstenstädten ÄleinasienS bunt, in Stainbul weiß und sehr durchscheinend)— so dürfen wir dem Islam eine Eni- Wickelungsfähigkeit seiner Vorstellungen über die Art und Weise anständiger Körperverhüllung nicht absprechen. Uebrigens dürste sich hier die Berührung der Frage recht, fertigen: hat Mohammed die Verschleierung der Frauen befohlen oder nicht. Trotz der Behauptungen von namhaften Gelehrten kann man diese Frage verneinen. Das Gesetz des Propheten enthält nichts, was die Verschleierung obligatorisch macht. Nur die geringe Erziehung der Frauen und die Eifersucht der Männer haben die Ge- wohnheit fast zu einer Art Pflicht gemacht, die sonst längst aufgegeben wäre. Tatsächlich ist der„Befehl" Mohammeds unter den Mohamine- dauern des indischen Archipels ein absolut toter Buchstabe; in Syrien sind die jungen Mädchen nicht verschleiert und in Damaskus sieht man oft Frauen mit vollständig unverhülltcm Gesicht. Bei den Kirgisen nehmen die Frauen den Schleier erst nach ihrer Heirat, selbst bei vielen Beduinen Arabiens ist der Schleier der Frauen nur eine Ausnahme. In Aegypten zeigen die Fellahfraueu oft ihr Gesicht und bedienen sich des Schleiers nur als eines Mittels zur Kokctlcrie. Wichtiger als diese für den Stand der öffentlichen Sittlichleit in südländischen Völkern nicht unwesentliche Angelegenheit ist die Sorge für Keuschheit und Züchtigkeit der Weiber, die Mohammed durch die an verschiedenen Stellen des Koran ausgesprochene Ab- mahmmg von liederlichem Lebenswandel und durch die Empfehlung, nur Jungfrauen zu heiraten, so es niöglich ist. ausgesprochen hat. Den Männern mutet er Enthaltsamkeit vor der Ehe dagegen nicht z». Er scheint den geschlechtlichen Sinnengenuß für eine der höchsten Freuden des Daseins gehalten zu haben— weshalb ja auch der phantastisch- reizend von ihm geschilderte Umgang der Gläubigen mit den ewig jungfräulichen Huris„mit keusch niedergesenkten Blicken",„schön Ivie Rubinen und Perlen",„mit großen, schwarzen Augen", eine so große Rolle unter den Genüsien des islamitischen Paradieses spielt. Männer sollen vor Frauen bevorzugt werden, weil Gott sie vorgezogen hat, und weil die Frauen von den Männern unterhalten werden. Darum trifft den Mann weder für Unzucht noch für Ehe- bruch Strafe, während die durch vier Zeugen überwiesene Ehe- brccherin bis an ihren Tod eingekerkert werden soll. Nur Unzucht von Männern, miteinander betrieben, ist strafbar, bis sie Besserung versprechen. Auch sind Heiraten der nächsten Aszendenten und Deszendenten, auch Kognaten miteinander, desgleichen mit den eigenen Ammen, Milchschwestern und mit zwei Schwestern zu gleicher Zeit als blutschänderisch verboten. Auch die Unbegrenztheit der Polygamie (Vielehe), die Mohammed in seinem Volke vorfand, suchte er einzu- schränken, hauptsächlich der Schwierigkeiten wegen, die sich bei der Versorgung von Waisen auS verschiedenen nebeneinander geschlossenen Ehen herausstellten. Gerade deshalb heißt eS im Anfange der 4. Sure(die die Ucberschrift„Die Weiber" trägt, weil sie am aus- führlichsten über diese Verhältnisse handelt):„Fürchtet ihr, gegen Waisen nicht gerecht sein zu können, so nehmet nach Gnlbefinden nur eine, zwei, drei, höchstens vier Frauen— oder nehmet nur eine und lebet mit Sklavinnen, die ihr erworben." Besser sei eS, eine Sklavin zu beiraten, loenn sie gläubig, als eine leichtfertige Freie oder eine Götzendienerin. Innerhalb der Ehe gestattete Mohammed dem Manne eine sehr große Freiheit gegen die Frau. Gleichwohl verlangte er von dem Begatwngsakt eine gewisse Heiligung der Gatten.„Die Weiber sind Ener Acker, kommt in euren Acker, auf welche Weise ihr wollt; weihet aber zuvor eure Seele." Wodurch, ist nicht ausdrücklich gesagt— vermutlich durch Gebet und Waschungen. Die Scheidung der Ehen erlaubte er in weitem Maße, verlangte jedoch von dem Manne, von dem nach den Begriffen aller orientalischen Völker die Scheidung alleinausgehen kann (sehr selten von der Frau), eine viermonatige Selbstprüfung. Wer dann geschieden wird, darf die Geschiedene durch gütliche llebereinkunft wieder zu sich nehmen, und zwar zweimal; trennt er sich nochmals von ihr, so darf er sie nicht wieder nehmen, eS sei denn, daß sie sich wieder verheiratet und der zweite Mann sich von ihr wieder getrennt hat. Stirbt der Mann, so soll die Frau, die Witwe geworden, vier Monate und zehn Tage bis zu ihrer Wiederverheiratung warten. Den geschiedenen Frauen soll nach Billigkeit Unterhalt von den Männern ausgesetzt werden, die sie ver- stoßen. Namentlich soll ihnen die Morgengabe(Mitgift) oder was sonst in den Ehepakten ausgemacht worden, bei der Scheidung nicht vorenthalten werden. Die Witwe dagegen soll nur den achten Teil des Vermögens erben, das der Mann hinterläßt. Die übrige Hinter- lassenschaft soll zwischen den Kindern so verteilt werden, daß jedes männliche doppelt soviel als das weibliche erhält. Wo mehrere Frauen als Witwen hinterbleiben, teilen sie sich in das Achtel. Man kann hiernach nicht mit Recht behaupten, Mohammed (habe für die Moslim die Polygamie befohlen oder deren Grenzen f genuber den bisherigen Gewohnheiten seines Volkes erweitert. r hat sie in gewissen, weitgcsteckten Grenzen erlaubt, so daß für den Mann die islamitische Ehe nie zur Fessel werden kann. Die Ehe ist im Islam ein bürgerlicher Vertrag, der unter Anrufung Allahs vor dem Kadi(Richter) geschlossen wird. Eine Eheschließung sfindct nicht in der Moschee statt, der Kadi schließt die Ehe im Hause eines der Verlobten. Die Hochzeit wird unter Gebeten des Hmam(Kultusbeamten) der Parochie, in der sie wohnen, ein- geweiht; ohne ein Jnschallah oder BiSmillah(eine Art Segens- spruch) findet keine Annäherung der Ehegatten statt. Aber das Wand, das sie zusammenbindet, ist ein in jedem Augenblick von dem Manne zu lösendes, während die Frau gebunden bleibt, so lange der Mann will. Das ist?iach unseren Begriffen in hohem Maße bedenklich, hart und ungerecht. Aber es ist gegenüber der Stellung, die die Frau in alten Zeiten hat, eher eine Verminderung der Gebundenheit und gegenüber den Zuständen, die Mohammed unter den Byzanunern vorfand, keine wesentliche Veränderung des früheren Zustandcs. Was Mohammed persönlich angeht, so zeigte er sich, je älter er wurde, desto sinnlicher. Weit entfernt, sich mit vier Frauen zu begnügen, vermehrte er deren Anzahl auf mehr als ein Dutzend, erklärte im Koran geradezu, daß ihm von Allah erlaubt sei, mit jedem gläubigen Weibe, das sich ihm ergebe, ein Ehebündnis abzu- schließen und machte außerdem reichlichen Gebrauch von dem Um- gange mit Sklavinnen. Aischa und Hafza, die beiden Frauen. denen er am zärtlichsten zugetan war, mußten sich doch gefallen lassen, daß er eine Zeitlang ihnen die koptische Sklavin Mirjam vorzog. Wäre der Sohn, den er mit Mirjam erzeugte— Ibrahim — am Leben geblieben, so würde diese Christin vielleicht seine Lieblingsfrau geblieben sein. Auch so liegt sie neben ihm in Medina begraben. Prostitution, Ehebruch, öffentliche Unzucht des weiblichen und auch zum großen Teile des männlichen Geschlechts sind allerdings von allen frommen Moslim seit Mohammeds Zeit verachtet und gemieden. Freudenhäuser, sich auf den Straßen feilbietende Dirnen, Ehcbruchkiagen und-Prozesse findet man in den Haupt- städten des Jslain selten— jedenfalls viel seltener, als in den Hauptstädten der Christenheit. Aber die Befriedigung des Geschlechtstriebes wird von den Moslim im Hause so sehr zur Haupt- fache des ganzen ehelichen Zusammenseins gemacht, geistige Be- zichungen zwischen Mann und Weib werden so wenig gepflegt, die Körperkraft des männlichen Geschlechts wird durch das Zu- sammenwohnen mit den Koukubinen-Sklavinnen so aufgezehrt, daß die mohammedanische Bevölkerung allenthalben höchst bedenkliche Zahlcuabnahmen zeigt. Keinem Reisenden in den europäischen oder asiatischen Provinzen der Türkei kann der Abstand zwischen der Menge fröhlicher Kinder in griechischen, bulgarischen, syrischen. armenischen Städten, Quartieren oder Dörfern und der geringeg Anzahl der Türkenkinder entgehen. Wie steht eS heute mit der so viel erwähnten Vielehe? All- gemein ist die Meinung verbreitet, daß ein Anhänger des Islam so viele Frauen heiraten kann, wie er für gut befindet. Das ist ein Irrtum. Er darf, tvelcher Gesellschaftsklasse er immer ange- hären mag, nur vier legitime Gattinnen zu gleicher Zeit haben. Lediglich die Zahl der Odalisken oder Konkubinen ist unbegrenzt. Sic hängt von den Vermögensverhältnissen eines jeden ab. Die von den Odalisken oder selbst von einer Sklavin geborenen Kinder sind ebenso legitim wie die von einer gesetzlich anerkannten Gattin. und sie erben in derselben Weise wie die anderen. Eine Sklavin uls Mutter zu haben, ist durchaus keine Schande für einen Musel- mann. Hieraus geht hervor, daß ein weißer Muselmann einen oder mehrere schwarze Brüder haben kann. Vor einigen Jahren starb ein türkischer General, der eine der Töchter des Sultans— des Vaters des früheren Sultans— im vorgerückten Alter geheiratet hatte. Einige Tage nach seinem Tode stellten sich zwei schokoladen- farbige Männer ein und verlangten ihren Teil von der Erbschaft; es waren zwei Söhne, die der General mit einer Negersklavin gehabt hatte. Nachdem diese Tatsache festgestellt war, wurden die beiden Schwarzen als legitime Söhne des Generals anerkannt. Ein anderer Irrtum ist es, daß der Sultan eine unbegrenzte Anzahl von Frauen haben dürfe. Der Sultan als Kalif genießt allerdings größere„Vorzüge" als die gewöhnlichen Sterblichen. Er hat das Anrecht auf sieben legitime Gattinnen, die man Kadinen, und auf 14 Gattinnen zweiten Ranges, die man gewöhnlich„Jkbals im Palaste" nennt. Der Harem eines Sultans kann Hunderte von Frauen cnihalten, aber abgesehen von den sieben ersten Gattinnen und den Frauen zweiten Ranges sind alle diese Frauen Odalisken. Wird eine dieser Frauen Mutter, so erwirbt sie Rechte auf be- sondere Privilegien und Ehren; sie nimmt den Titel Sultanin an. ohne zum Range einer Gattin erhoben zu werden. Wirft man den Muselmännern diese Freiheit, mehr als eine Frau zu haben, vor, so antworten sie, daß Mohammed, als er seinen Getreuen ge- stattete, mehrere Frauen zu haben, diesen durchaus nicht ein Leben voll Vergnügungen und Orgien bewilligen wollte, der Prophet hatte einen höheren, praktischen und für die Lebensweise und die Sitten der Völkerschaften, unter denen cr seinen neuen Glauben predigte, mehr geeigneten Zweck im Auge. Es steht außer Zweifel, daß in unserer Zeit die Polygamie bei den Muselmännern, wenigstens bei den Türken, weniger ver- breitet ist, als man gewöhnlich in Europa annimmt. Kenner der Verhältnisse versichern, daß seit mehreren Fahren ein sichtbarer Fortschritt in dieser Beziehung zu verzeichnen ist und daß die Ein- che sich mehr und mehr bei den Türken einbürgert. Eine andere Eigentümlichkeit, die, man könnte fast sagen, Mode wird, ist die Gewohnheit der Türken, Christinnen zu heiraten. Es gibt äugen- blicklich in Konstantknopel viele Türken, selbst unter hochgestellten Persönlichkeiten, die christliche Europäerinnen und Armenierinnen geheiratet haben. Ein Muselmann kann ruhig eine Christin hei- raten, ein Christ aber nur eine Bekennerin deS Islam, wenn er selbst zu diesem übertritt. Die von einer Christin geborenen Kinder werden natürlich in der muselmännischcn Religion er> zogen; aber ihre Mutter ist durchaus nicht verpflichtet»!chre«gen? Religion zu ändern; ihr Gemahl zwingt sie niecyals dazu. Aet merkenswert ist, daßdie Mytelm-runer nverhaupt nicht viel Gewicht darauf legen, die Frauen zu bekehren. Viele Türken, ehemalig« Minister usw., gibt.cS» d»e eine christliche Mutter haben; selbst Sultane sind auS�solHen"Ehen hervorgegangen.(Schluß folgt.)> lverantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchvn'Zcrei u.Bcrlegsanstalt Paul Singer �Co..Berlin LAt»