Nxterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 114. Mittivoch, den 16. Juni. 1909 (Nachdruck verboten). il] Der Hrbeitcr Scbcwyrjoff» Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e tt>. Plötzlich erschien in der schwarzen Türe eine hagere Frauengestalt mit aufgelöstem Haar. „Ljoscha, laß siel" schrie sie hysterisch.„Haben denn diese Leute einen Funken Mitleid I Verflucht seien sie alle! sie sind nicht Deinen kleinen Finger wert, und Du erniedrigst Dich vor ihnen!" „Warum fluchen Sie?" begann Maksimowa beleidigt. -„Mitleid haben wir vielleicht mehr als Sie..." „Ihr habt Mitleid? Ach, Ihr seid Raubtiere und keine Menschen! Ein Mensch geht unter, und Sie halten ihm Pre- digten... beleidigen ihn erst, um ihn nachher aufs Pflaster zu werfen!... Und er gibt ihr noch Erklärungen!..." stieb sie mit endloser Qual und Entrüstung in der Stimme hervor.„Schert Euch alle von hier fort." „Das heibt, wie meinen Sie das„von hier"?" Mak- simowa verstärkte ihre Stimme.„Ich brauche aus meiner Wohnung nicht heraus..." „Hinaus mit Euch!" schrie die Kranke kreischend, ab- gerissen, und streckte den mageren Arm mit einer fast tragischen Gebärde aus.„Was wollen Sie? Dab wir fort- gehen? Sie können ruhig sein. Wir gehen fort... gehen gleich fort, vorläufig aber scheren Sie sich hinaus!" „Maschenka," murmelte schüchtern der Lehrer,«nicht doch!" „Hinaus! hinaus! Ihr Verfluchten... zu Tode gequält habt Ihr mich!" Die Frau griff sich in die Haare und stürzte ins Zimmer zurück. Der Mann lief ihr nach, und man hörte, wie er etwas vor sich hinmurmelte, während die Kranke in wütendem, zer- fetztem Ton weitersprach', aber es blieb unverständlich. Maksimowa stand eine Minute schweigend, dann schlug sie mit der Hand durch die Luft und ging schuldbeladen fort.' Aladjew, der an der Tür zu seinem Zimmer stand, rief sie an. „Maksimowa, kommen Sie, bitte, für eine Minute her- ein..." Mit dem gleichen Ausdruck schwerer Ratlosigkeit auf dem Gesicht trat die Alte zu ihm herein. „Sagen Sie, bitte," begann Aladjew unschlüssig, mit ab- gewandtem Blick,„ist es denn für Sie ganz unmöglich, ein bißchen zu warten?... Sie sehen doch selbst, in welcher Lage die Leute sind... nicht ivahr?" „Bei Gott, ich kann nichts... tu ich es aus Nieder- trächtigkeit? Mir selber hat der Dwornik bis übermorgen Zeit gegeben! Bezahle ich nicht, so wirft er mich hinaus!... Ich habe mich auf sie verlassen." „Aber vielleicht doch...?" „Sie meinen wohl, ich habe tatsächlich kein Mitleid? Ich bin alt, muß bald sterben... Nein, Ssergej Jwanowitsch, als sie auf mich losschrie, schnitt es mir wie mit Messern durchs Herz. Aber was kann ich tun? Ich habe drei Monate gewartet, habe den Dwornik auf den Knien gebeten... Was denken Sie, warum? Mir tat's leid. Wenn man ein- ander nicht bemitleidet, so wird der arme Mensch nicht wissen, wohin... Die hungernde Welt lebt nur von Mitleid. Aber der arme Mensch kann auch nicht ewig Mitleid haben... am Ende muß man auch mit sich ein bißchen Mitleid babcn.... Nicht ich bin erbarmungslos— das Leben kennt kein Erbarmen!" Aladjew blickte erstaunt auf die Greisin und kam sich ihr gegenüber klein und leichtsinnig vor. „Ja— so, Ssergej Jwanowitsch, einem armen Teufel wie uns ist's schwerer, mitleidig zu sein, als anderen... Schenkt ein Reicher eine Kopeke— niacht er sich selbst ein Vergnügen damit: we»� ich hier eine Kopeke hergebe, so spare ich mir' einen Bissen vom Munde ab. Und durch diesen Bissen, sehen Sic, werde ich bald blind sein, tverde die Sonne nicht mehr sehen können... Werden dann die Leute mit mir kein Mitleid haben, so krepiere ich auf der Straße wie ein alter Hund!... Wie kann man da noch von Erbarmungs- losigkeit sprechen!.. Verstehen muß man das!" Die Greisin seufzte. Aladjew stand vor ihr und ließ die langen Arme hilflos herabbaumeln., „Hören Sie mal, Maksimowa," begann er endlich un« entschlossen,„wenn ich Jbnen für einen Monat bezahle... wie wär's dann?..."..» „Ja— so! Ich bin doch kein Ungeheuer— wirklich.— Irgendwie werde ich mich schon herausdrücken... Man kann was versetzen... Aber die haben ja nichts!", „Ich schaff's herbei, Maksimowa", murmelte Aladjew, verlegen auf den Boden starrend. Die Greisin sah ihn forschend an, konnte aber seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen. „Sie? Sie haben ja selber nichts!" „Aber ich werde es beschaffen... werde es bei einem guten Freunde leihen. Lassen Sie sie heute zufrieden, und ich laufe inzwischen dort hin, es ist nicht Iveit von hier... Ja... geben Sie ihnen auch Tee und Licht, denn bei ihnen... Hier Tee, Zucker, Semmeln, nehmen Sie meine... Und ich laufe hinüber." Maksimowa sah ihn schweigend an, nahm den Tee und Zucker und ging, den grauen Kopf schüttelnd, hinaus. Aladjew blieb eine Weile verwirrt inmitten des Zimmers stehen. Ihm schien es, daß er sich ungeschickt benommen hätte. Aber er dachte nicht weiter darüber nach, sondern überlegte einfach, wo er am schnellsten Geld austreiben könnte. Dann rannte er, nachdem er eilig zu Mantel und Hut gegriffen hatte, aus der Wohnung: mit seinen langen Beinen nahm er jedesmal drei Stufen in einem Satz. 8. Gegen sieben Uhr kam der Krämer. Er klapperte im Korridor lange mit seinen neuen Gummischuhen, trocknete sich sorgfältig und angestrengt sein rotes Gesicht und trat mit leise knackenden Schritten in Oljenkas Zimmer. Dort hatte Maksimowa schon den Samowar vorbereitet. Wodka und ein Hering standen auf einem Teller. Oljenka saß am Tisch, kerzengerade wie ein Grashalm, und sah aus großen wehmütigen Augen auf die Thiir. „Oljenka, schau nur, welch ein Gast uns aufsucht!" sagte Maksimowa in dein unnatürlich rührseligen Tone, mit dem man zu Kindern spricht. Der Krämer trat so vorsichtig ein, als ob er in hohen Lackstiefeln über Eis ging. � „Guten Tag", sagte er und reichte ihnen eine große der». schwitzte Hand mit unbiegsamen Fingern. Stumm, ohne aufzublicken, streckte ihm Oljenka ihre dünnen blassen Finger hin: ihr gesenktes Gesicht glühte, und ihr Busen, der noch ganz mädchenhaft war, atmete schwer. „So ist's schön... Sie werden sich unterhalten, ein bißchen plaudern, und ich gehe, nach dem Tee sehen..." sagte Maksimowa in demselben unnatürlick>en Ton und ging hinaus. Die Tür schlug sie fest hinter sich zu. In der Küche blieb sie stehen, wurde nachdenklich und seufzte. Dasselbe düstere, fast drohende Mitleid wie vorhin lag auf ihrem aus-. getrockneten blinden Gesicht.< Oljenka saß am Tisch: ihre Hand ruhte auf der Platte. und die gebogene Linie war fein und scharf, als wäre sie aus Marmor. Der Krämer saß ihr gegenüber: er lastete massig mit seinem riesigen mehlsackgleichen Körper auf dem Stuhl. Bisher hatte er Oljenka nur in der Kirche gesehen oder bei sich im Laden, wohin sie auch nur für Augenblicke kam. Jetzt betrachtete er sie aufmerksam, eindringlich, als ob er den Wert der Sache genau abschätzen wollte. Oljenka spürte seine Blicke auf ihrer Brust, auf ihren Füßen und Armen: ihr blasses Gesicht glühte in Angst und Scham. Sie war schlank und zart: es fiel schwer, zu glauben, daß ihr zerbrechlicher Körper robusten tierischen Funktionen dienen könne. Die Augen des Krämers überzogen sich mit trüber Feuchtigkeit, und er blähte plötzlich am ganzen Körper auf, als wäre er größer und dicker geworden.. � „Womit beliebten Sie sich zu beschäftigen?" fragte er mrt dünner Stimme, die nur niühsam aus der fetten Kehle quoll. „Ich habe nicht gestört, wie?" „Was?" fragte Oljenka erschrocken zurück, während sie für einen Moment die flehenden Augen aufschlug. „Sieh mal einer... sie ist richtig taubi" dachte der Kramer.„Na— um so besser! Ein feines Mädchen!" Er unterzog ihren Körper, der weich und zart in die schlanken Beine, die unter dem dünnen Rock deutlich zu sehen waren, auslief, einer neuerlichen Prüfung. „Ich fragte: womit beliebten Sie sich zu zerstreuen?" „Ich? Mit nichts..." antwortete Oljenra ängstlich, während sie mit dem ganzen Körper empfand, daß sie von diesen schamlosen kleinen Augen entkleidet und beleckt wurde. (Fortsetzung folgt-IZ r)ev\yegk9 Merke. Ten Heinrich Heine die„eiserne Lerche" genannt, der, gleich Freiligrath, den schwülen Atem seiner Zeit in brausenden Sturm verwandelte: er bleibt dem proletarischen Volke, dem er ja selbst entstammte und dem er treu blieb bis zum Grabe, allezeit teuer und unvergessen. Und das Volk tut wohl daran; denn die Macht der gebundenen Rede auf die Gemüter kann kein noch so frostiger Denker und Politiker wegleugnen, wie überlegen er auch tue. Ein einziges Gedicht vermag mehr Zündstoff in die Masse zu werfen, weit gewaltigere Wunder zu wirken als noch so viele gelehrte Ab- Handlungen oder wohlgesetzte Reden zusammengenommen. Wir wären wirklich arm zu nennen, wenn wir im proletarischen Klaneukampfe auf die anfeuernde Kraft des dichterischen Wortes verzichten wollten. Darum bildet aber auch die revolutionäre Lyrik unser Arsenal, aus dem wir in Kämpfen und Streiten die besten Waffen holen. Und darum halten wir die Namen aller Poeten, die jemals ein un- erschrocken freies Wort gewagt, jemals gegen Despotie und Knecht- schaffeuheit ihr zornflammendeS Auathema geschleudert, in heiligen Ehren. Am 7. April sind 3t Jahre seit dem Ableben Herweghs dahin- gegangen. Nun ist auch in der schnell bekannt gewordenen „Goldenen Klassiker-Bibliothek" des deutschen VerlagshauseS Bong u. Co., Berlin, eine Gesamtausgabe seiner Werke erschienen, deren gediegene Ausstattung mit einem billigen Preise wetteifert. Der alles in allem 69V Seiten umfassende Band kostet geschmackvoll gebunden nur 2 M. Jetzt, meinen wir, ist der Zeitpunkt gekommen, wo in jedes Arbeiters Bücherei auch Herweghs Werke ihren Ehrenplatz behaupten sollten. Diese Ausgabe empfiehlt sich ferner dadurch, dag sie mit Ausbietung des ganzen literar- wissenschaftlichen Apparates(ausführliches Lebensbild, kritische Ein- leitungen der einzelnen Abteilungen, Literaturnachweise, An- merkungen, alphabetisches Verzeichnis usw.) besorgt wurde. Außer- dem ist ein Bildnis nebst einem faksimilierten Briefe des Dichters dem Bande beigegeben. Es sind darin alle Gedichte aufgenommen, die Herwegh geschrieben hat. Seine Leyer, das läßt sich nunmehr klar erkennen, ist zeitlebens auf den politischen Ton gestimmt gewesen. Poesie der Liebe fehlt fast gänzlich. Höher als sie stand ihm das Volk, die Mensch- heit. Selbst die Natur: Wald, Heide, Meer, Gebirge, spielt nur eine nebensächliche Rolle, allenfalls verknüpft er sie mit dem all- gemeinen Symbol der Freiheit oder des Kampflebens. Aber schon um der wenigen reinen Klänge willen, die dem Herzen des Dichters entströmt sind, müssen wir ihn lieben; denn sie sichern seinem Namen Unsterblichkeit. Ein ähnliches Schicksal läßt sich bei einer obwohl beschränkten Anzahl seiner politischen Kampf- gedichte stellen. Ihr künstlerischer Gehalt verspricht Dauer. Warum? Weil Herwegh doch ein Auserwählter unter den Dichtern ist. Wer erinnert sich nicht an das Goethesche:„Politisch Lied, welch garstig Lied I" Nun, das Zeitalter Goethes war nicht das Zeitalter Herweghs, Freiligraths und HeineS. Seit der Julirevolution, be- ginnt auch in Deutschland politisches Leben sich zu regen. Die Literatur wird demokratisch.„Eigentlich ist jeder echte Dichter Demokrat", sagt Herwegh sehr treffend. Jeder echte Dichter steht aber auch in Opposition mit denr Staat. Man braucht dabei nicht gleich an„offene Angriffe" oder an„gewalt- same Mittel" zu denken, hingegen„an die friedliche Opposition des Herzens, dem ehernen Geist der Gesetze und Staatsformen gegenüber". Die Verpflichtung dieser neueren Literatur, zum Unterschied von der klassischen, ist eine andere. Sie hat den Menschen in uns frei zu machen. Dann muß sie freilich die Gegenwart begleiten. Dementsprechend ver« langt Herwegh vom Dichter, daß er politisch denke.„Tendenz- Poesie I" rufen alle Angstmeier und Rückwärtser verächtlich aus. Ja, was heißt Tendenz, wo doch alles„Ewige"— und das ist ent- schieden auch die Bestimmung des Menschen zur Freiheit— immer „Tendenz" ist. Daraus folgt allerdings nicht, daß nun auch jeder Dichter, der einen„politischen Glauben" hat, Zeitstoffe behandle; denn nicht das„Was", sondern das„W i e" entscheidet.„Der poli- tische Glaube entschuldigt einen ästhetischen Fehler nur halb". So aber einer imstande ist. seinen Dichtungen„die glühende Färbung des Moments zu geben, ohne darum der Schönheit irgend Eintrag zu tun", mit anderen Worten, wenn er ein echter Dichter ist, dann wird der Begriff.Tendenz"poesie bedeutungslos. «Das Volk der Hütte hat so gut seine Poesie als der Faulenzer im Palast, so gut seine geheimen Schmerzen und Freuden, als die Leute, welche sich zu den Gebildeten zählen". Es hat aber auch„für echte Poesie immer einen glücklichen Sinn; man versuche nur. ihm direkt gegenüber zu treten, sich direkt an die Massen zu wenden, im Volkslieds, im nationalen Drama. Es ist freilich auch der strengste Richter und wird sich nie von abgestandenen Ideen be- tören lassen, an welche die Menschheit den Glauben verloren hat". Herwegh sagt hierin zugleich, daß sowohl die soziale als die politische Poesie gerechtfertigt ist. Er selbst gibt ja beide Gattungen. Sein„Bundcslied ftir den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein" mit der Kampfparole darin: Mann der Arbeit, aufgewacht l Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will. sowie die Gedichte von der„Kranken Life" und dem„Armen Jakob"„sichern Herwegh einen Platz unter den sozialen Lyrikern des Jahrhunderts", bemerkt der Herausgeber, nein aller Zeiten, dürfen wir sagen. Die erst nach Herweghs Tode erschienenen„Neuen Gedichte", die den dritten Abschnitt des Sammelbandes darstellen, wollen die bürgerlichen Aestheten, auch deren nunmehriger Herausgeber, nicht mehr gelten lassen. Waruin? Weil hier die politische Betätigung der Dichtkunst„noch rücksichtsloser und siegesbewußter verkündet wird", weil der Dichter revolutionärem Republikanismns huldigt und weil er überwiegenderweise die Wandlung vom pathetischen Kampf-- lyriker zum„thcrsiteischen" Satiriker in sich vollzogen habe. Soviel ist ja richtig: Herwegh machte keinerlei Entwickelung mehr durch; er blieb der radikale Demokrat von 1843 und vermochte weder mit der neuen politischen noch sozialen Wendung der Dinge sich abzufinden; dies um so weniger, als er im Ausland lebte, mithin gar nicht in die Lage kam, die vom Bürgertum sich lösende Bewegung des sozialistischen Proletariats ihrem inneren Wesen nach zu begreifen. Psychologisch läßt sich die Ernüchterung, die sich nach dem kläglichen Scheitern der Revolution aller Demo- kraten, auch Herweghs, bemächtigte, sehr wohl rechtfertigen. Sie wurde aber noch rascher herbeigeführt durch den völligen Umschwung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. An Stelle romantischer Tatcnträume trat die Politik der Tatsachen, die praktische Arbeit. Eine neue Klasse rang sich vom siechen Körper des Bürgertums empor: die Arbeiterklasse. Die Mission des ideologischen Kampfdichters war erfüllt, seitdem er sich vor eine Welt realer Erscheinungen gestellt sah. Wollte oder konnte er nicht schweigen, so mußte er wohl oder übel zum konkreten Mittel der Satire greifen. Allerdings besaß er nickt jene Heinesche Ironie, die sich mit sieghafter lleberlegenheit zu entäußern vermochte: aber man wird nicht leugnen können, daß Herwegh doch einen sicheren Instinkt für Politik' besessen hat und daß er scharfe Beobachtung mit zumeist trefflicher Beurteilung aller Borgänge verbindet. In dieser Hinsicht find denn auch schon manche seiner kritische» Aufsätze aus den Jahren 1839 und 1849, die den zweiten Teil des Bandes ausmachen, höchst bemerkenswert, obgleich sie nur mehr oder weniger noch ein historisches Interesse beanspruchen, wie seine satirischen Randglossen zur neueren Zeitgeschichte überhaupt. Doch wäre es ungerecht, einen Teil dieser Gedichte als„Ausfluß einer politischen Idiosynkrasie und das nationale Empfinden verletzend" abtun zu wollen. Wieder posierte ja das grobpreußische Bürgertum in der Bedientenrolle, die ihm noch aus vormärzlichcn Zeiten her so vor- trefflich zu Gesicht stand; nur daß es jetzt seine Jämmerlichkeit hinter dem dreifarbigen ReichSzipfel verbergen konnte. Wer ver- möchte es Herwegh verübeln, wenn er seinerseits mit dieser Sedanfestrummelnden„neudeutschen" Knechtsseligkeit nichts zu schaffen haben wollte! Im Gegenteil: es ehrt den Mann und Dichter. Der Vorwurf: daß er von der geflissentlich mit der „deutschen Volksseele" verwechselten„Seele" des bourgeoisen Haufens— auf den ja selbst noch heute Herweghs satirische Strafepisteln„überaus peinlich" wirken—„keinen Hauch mehr ver- spürte". Wahr ist, daß das Bürgertum den Dichter schon bei Lebzeiten verleugnete. Dagegen Haidas sozialistische Arbeiterproletariat seiner zu keiner Stunde vergessen I Beweis dessen ist das schöne Denkmal, welches ihm„Vaterlands lose Gesellen" auf dem Grabe zu Licstal in Bafelland errichtet haben! Warum— so frage ich— verschweigt Hermann Tardel, der Herausgeber von Herweghs Werken— diese für die richtige Einschätzung der modernen bürgerlichen Gesellschaft nicht ganz unwichtige Tatsache? Zwar hat er, was willig anerkannt sei, alles getan, um dem Leser ein möglichst objektives Lebensbild des Dichters zu geben. Unsere Arbeiterschaft— die doch von vornherein als Käufer dieser Gesamtausgabe in Betracht kommt— wird aber nicht umhin können, an einzelnen„Voreingenommenheiten" Tardels Anstoß zu nehmen. Es klingt doch ein wenig anmaßend, wenn da gesagt wird: Herwegh sei„ans dem Milieu der unteren Volksklassen hervorgegangen und hat sich durch Anlage, Schule und Selbststudium diejenigen fähigkeiten erworben, die nötig find, um sich durch eigenes önnen in eine höhere soziale Gesellschaftsschicht empor- zuHeben". Anderenorts, wo die Entstehung des Herwcghschen „Bundesliedes" behandelt ist, konnte sichs der Herausgeber nicht versagen zu bemerken, daß jetzt„in den Kreisen der Sozial- demolrntie häufig die deutsche Neversetzung deS„ddsiit des ouvriers" von Pierre Dupout oder noch häufiger eine unbedeutende Reimerei Von Jakob Audorf als sogenannte Arbeiterniarseillaise gesungen" werde.... Was nun die Ausgabe selbst anlangt, so ist fie mit würdigem Fleiß besorgt. Tadeln muß ich jedoch den doppelten Abdruck einiger Stücke, wie:„Alles ringt sich von der Scholle"—„Der Gefangene (Zehn Jahre!)"—„Frühlingsnacht" und„Ich habe nie mein Elend mir vergoldet". Ueberflüssiger Ballast und buchstabengelehrte Kaihedermarotte— weiter nichts._ Ernst Kreowski. frauen und 6he im Islam. Uebrigcns wird die Stellung der europäischen Frau in den mo- hammedanischen Harems oft genug eine gefahrvolle und es kommen Fälle vor, in denen sie eines frühen Todes an Vergiftung sterben. Pischon, dem wir in unseren Ausführungen vielfach gefolgt sind, erzählt in seinem Werke„Der Einfluß des Islam, das häusliche, politische und soziale Leben seiner Bekenner" von einer ihm be- kannten jungen Berlinerin, deren Uebertritt zum Islam er ver- geblich zu verhindern suchte. In den Harem eines türkischen Großen aufgenommen, erlag sie binnen Jahresfrist dem Gifttode. Noch unsicherer als bei den Sunniten(den Bekennern des ortho- doxen Islam), von denen vorzugsweise die bisherigen Bemerkungen gelten, hat sich das Verhältnis zwischen Wann und Weib bei den Schiiten(der wichtigsten Sekte des Islam) gestaltet, bei denen die Ehe auf Zeit— selbst nur auf einen Tag und eine Nacht— zu schließen gesetzlich gestattet ist. Diese Art gesetzlicher Prostitution ist bei den Sunniten verboten. Wo der Islam nur äußerlich über Christentum, Judentum oder Heidentum gesiegt, ohne von den zwangsweise Bekehrten willig aufgenommen zu sein, hat sich auch unter moslimischer Bc- völkerung die Monogamie als Adet(Gewohnheit) erhalten. So unter den Kurumli in der Gegend von Trapezunt; den Dömne in der Stadt Selanik(Salonichi) und Umgegend; den Lino-Bambaki auf Chpern; den Berberstämmen der Sahara— von denen die ersten griechischen, die zweiten spanisch-jüdischen, die dritten griechisch-phönizischen, die letzten vandalischen Ursprungs sind. Die Wandalen scheinen, vom Christentum wenig berührt, ihre alt- heidnisch-deutschen monogamischen Gewohnheiten auf viele Stämme am nordwestlichen Rande der Wüste und in den Schluchten des Atlas vererbt zu haben. Was die Muselmanen Nordafrikas anbetrifft, so muß man diese in zwei Lager teilen, nämlich in solche, die ihren Wohnsitz wechseln und herumschweifcn, also ein normadenhaftes Leben unter Zelten führen, und in Stadtbewohner oder Kabylen, die in einer unbeweglichen Wohnung verbleiben. Alles nun, was in einer un- beweglichen Wohnung verbleibt, neigt aus sehr gewichtigen Gründen zur Monogamie, alles was unter der beweglichen Leinwand Schutz sucht, wird aus den entgegengesetzten Gründen zur Poly- gamie getrieben. Sehr charakteristisch für die Stellung des Weibes zum Manne im ganzen Gebiete des Islam ist dies: Der Mann ißt nie mit der Frau zusammen, sondern läßt sich von ihr beim Essen bedienen. Der Mann geht nie mit seiner Frau aus oder führt sie gar am Arme. Diese europäische Sitte haben selbst Armenier und Griechen nicht angenommen. Dagegen von Sonnenuntergang bis-aufgang gehört der Mann in den Harem. Vernachlässigt er hier seine Pflichten, so machen die Weiber ihm(falls er kein Tyrann ist) das Leben sehr schwer und können ihn sogar gesetzlich verklagen. Beschränkt sich die Vielehe meist auf die begüterten Klassen der Bevölkerung, so wechseln die minder Begüterten sehr häufig die Frauen. Zur Ehescheidung bedarf es ja nach mohammedani- schem Rechte nur der Willenserklärung des Mannes:„Dachlak!", d. i.„Deinen Rücken"(will ich sehen), d. h.„mache, daß Du fort- kommst!" Nach vicrmonatlicher Frist scheidet dann jeder Kadi für 4(1 Piaster(ö M.). So wird von Männern berichtet, die sich nach- einander fünfundzwanzigmal, und von Frauen, die sich nachein- ander siebzchnmal verheiratet hatten. Dauernde Ehen kommen jedoch auch, und nicht selten, bei den Moslim vor. Ist die Frau aus vornehmerem Geschlecht, oder verdankt der Mann ihr seine bürgerliche Stellung, oder überragt fie ihn an Verstand— die Türkinnen haben wenig Bildung, aber in der Regel einen sehr ge- sundcn Verstand und Mutterwitz—, dann steht der Mann so gut unter dem Regiment des weiblichen Pantoffels wie in Europa. Fällt es einer Türkin ein, von der Gesellschaft ihres Mannes bc- freit zu sein, so setzt sie einfach ein paar Frauenpantoffel vor die Tür ihres Zimmers, das ins Deutsche übersetzt ungefähr soviel heißt als:„Herr Gemahl, bleiben Sie gefälligst draußen, ich habe Damenbesuch!" Und wehe dem armen Manne, der diese Warnung nicht respektieren und über den Talisman dennoch in das Zimmer dringen wollte. Es würde nicht allein unausbleiblich die Trennung einer Frau von ihm zur Folge haben(denn dafür möchte es viel- eicht doch mancher riskieren), sondern er hätte auch eine Armee von 2(1000 Geistlichen, so viel als in Stambul sich aufhalten, gegen sich. Deren Rache für Verletzung des heiligen Gesetzes könnte er nur durch Selbstmord entgehen. Daß diese Pantoffelzeremonie von den schlauen Weibern gehörig zu ihrem Vorteile ausgebeutet wird, und sie bisweilen zum Deckmantel für nicht weiblichen Besuch dienen mutz, läßt sich denken; und da steht dann der arme betrogene und von Eifersucht gequälte Mann bor der Tür und muß die Pari. tosfel respektieren, während drinnen der Liebhaber glücklich ist und sich schliestlich durch einen andern Ausgang aus dem Staube macht. Berühren wir nun noch kurz einige interessante Einzelheiten. Wie steht es um die geistigen Fähigkeiten und das Wissen der Türkinnen? Im großen und ganzen wird man nicht fehlgehen� wenn man behauptet, sie besitzen einen großen natürlichen Ver- stand, sind aber meist sehr unwissend. Von Lesen und Schreiben ist bei ihnen noch weniger die Rede als bei den Männern. Ihre Tätigkeit besteht im Schlafen, Essen, Baden, Rauchen, Fahren» Spazierengehen, Sticken und— sich putzen. Die letztere Tätigkeit nimmt einen großen Teil der Zeit in Anspruch. Bei allen ist der orientalische Kleiderschmuck verhaßt. In der Tat verschönt die Landestracht sie keineswegs, sondern wirkt unvorteilhaft aus ihre Erscheinung ein. Sie besteht aus folgenden Teilen. Ein Hemd von Kattun oder Seide, das jedoch die Brust frei läßt, umschließt den obern, und ein Paar Beinkleider von gleichem Stoffe, die vom Gürtel bis unmittelbar unter das Knie reichen, den unteren Teil des Körpers. Ueber dem Hemde tragen sie in Form einer Polka- jacke einen ebenfalls vorn offenen Ueberwurf. Auf dem Kopf, dessen Haar zwar umflochten, aber sonst europäisch mit glattem Scheitel und hinten in einer Art Nest frisiert ist, sitzt ein Fez, und die Füße stecken in ein Paar gelbledernen Strümpfen oder viel» mehr Siefeln ohne Sohlen, deren Schäfte bis etwas oberhalb des Knöchels gehen und sehr weit sind. Ueber dieser Fußbekleidung werden dann noch Sammtpantoffcln, gewöhnlich reich mit Gold oder Silber gestickt, getragen, und diese Teile machen die Haus- kleidung aus. Außer dem Hause wird der Kopf bis auf die Augen verschleiert, d. h. mit einem weißen Tuche verbunden, wobei außer der Berbergung der Gesichtszüge eine Hauptaufgabe das gänzliche Verstecken des Haares ist. Ebenso wird ein Mantel von Merino und fast immer sehr lebhast gefärbt ungeworfen, der bis unter die Knie reicht und ihnen oben ein so unvorteilhaftes Aussehen ver- leiht. An die Stelle der gestickten Pantoffel treten dann gelblederne, das Abzeichen der echten Türkinnen, während die sonst ebenso ge- kleideten Armenierinnen diese von schwarzem Leder tragen müssen. Ist es dann schmutzig auf den Straßen, so werden auch noch ein Paar Galoschen hinzugefügt, d. h. dicke Holzsohlen, mit drei unter« genagelten Klötzen, die mit ein paar Riemen über den Fuß greifen und das häusliche Fußzcug noch mehr verunstalten. Dabei sehen sich alle in diesem Anzüge vollständig gleich, und mit dem umge- schlagenen Mantel ist die Frau des Pascha nicht von der des Sol« baten oder ihrer Dienerin zu unterscheiden, da sich nur in der Stoffwahl oder nicht sichtbaren Unterkleidern, oder der Haustracht, ein Unterschied äußert.— Was Gestalt und Gesichtszüge der Tür- kinnen betrifft, so ist die erstere weder junonisch, noch sind die letzteren der Venus entliehen. Ihr Wuchs ist im Gegenteil nicht hübsch, die Figur gewöhnlich klein und gdrungen, die Füße sind nach einwärts gebogen, und der Gang erinnert an das Watscheln der Enten. Die dünnen und lose um den Körper hängenden Klei- dungsstücke tragen natürlich weder zur Milderung noch zur Ver- bergung dieser Mängel bei, und ebensowenig entschädigen im all- gemeinen die Gesichtszüge für die unschönen Formen, wenn man auch bisweilen allerliebste Köpfe sieht. Nur Haar und Augen sind durchgängig schön; die letzteren gewöhnlich von dunkler, seltener von blauer Farbe.' Die Nasen sind nicht wie bei den Männern ge- bogen, sondern gerade, merkwürdig stereotyp und ziemlich groß. Der Mund ist fast ohne Ausnahme unangenehm groß. Hände und Füße sind proportioniert, erstere bisweilen recht fein und besonders die Nägel hübsch geformt. Der Taint ist infolge der beständigen Gesichtsvcrhüllung natürlich zart und weiß und kontrastiert ange- nehm mit den ftischcn rosigen Wangen, die jedoch oft künstlich durch Schminke hervorgebracht werden. Ein Haupterfordernis für tür- kische Frauenschönheit sind die Augenbrauen. Sie müssen als feine Linien in Halbkreisform sich oberhalb der Nase vereinigen, und wenn dies nicht der Fall ist, kommt man der Natur durch Tusch- maierei zu Hilfe. Ein anderes Schönheitsbcdingnis ist die Färbung der Nägel und der inneren Handfläche mit Rosa oder eigentlich mit Flcischfarbe. Mit den Händen kokettieren sie gar zu gern, und junge Türkinnen haben, wenn sie sich von einem„Franken"(jeden nichtislamitischen Europäer) beobachtet glauben, damit stets an ihrem Schleier zu zupfen, der dabei zugleich so geschickt verschoben und wieder in Ordnung gebracht wird, daß das ganze Gesicht frei wird. Die Geselligkeit unter dem weiblichen Geschlecht ist sehr gross, und die gegenseitigen Besuche nehmen gar kein Ende. Tschibuk (Pfeife), Kaffee und Süßigkeiten, denen die Türkinnen sehr zu- getan sind, füllen dabei die Pausen im Gespräch, und an die Stelle des deutschen Strumpfes tritt der Stickrahmen. Besonders ist ein Konfekt unter dem Namen Rachat Lukum sehr beliebt. Es ist aus Traubensaft, Honig und etwas Mehl bereitet, mit Rosenwassec oder Mastix gewürzt, und schmeckt auch in der Tat sehr angenehm. Außerdem werden Schcrbet, Säurt und Mahalebie herumgereicht, lauter flüssige Erfrischungen, da die Türken sehr wenig feste Speisen außer den Pillafs(Reis und Hammelfleisch) genießen; das Schcrbet oder Sorbet ist eigentlich jedes flüssige Nahrungsmittel, bezeichnet bisweilen eine Suppe, wird speziell aber als Name dem Absud von getrockneten Früchten beigelegt. Man bereitet es aus Rosinen, Birnen, Pfirsichen, Pflaumen, Himbeeren und anderen Obstsorten, als einen Saft von sehr verschiedenartigem Geschmack, bald mehr, bald weniger süß oder sauer, immer aber mit Eis ab- öclüljlt, und seht es dem Fremden bei Besuchen nach dem üblichen Tschibu? und Kaffee vor. Die allgemein beliebte Erfrischung des Säurt ist so alt, daß die Türken behaupten, Llbraham sei über seine Bereitung von einem Engel belehrt worden. So viel ist sicher, daß sie bereits zu Strabos Zeiten im taurischen Chersoncsos im Gebrauche war und wenigstens 1800 Jahre alt ist. Bei der Be- reitung dieses Nahrungsmittels gieht man ein Quart gekochte Milch auf Gest(Hefen) und läht eS gären; darauf schüttet man zwei Löffel davon in ein anderes Quart Milch und wiederholt dies noch einmal. Dadurch verliert die Milch gänzlich den Hefen- geschmack, gerinnt zu einer festen Masse, die den Namen Säurt erhält und getrocknet wird. Will man dann den Säurt zur Speise bereiten, so wird davon ein Teelöffel voll zerstohen, ein Quart laue frische Milch darauf gegossen und diese in einem irdenen Ge- fäss hingestellt. Nach etwa zwei Stunden ist es eine dicke, etwas säuerliche, mit einer Nahmhaut bedeckte, aber äußerst wohl- schmeckende Flüssigkeit. Die Mahalebie ist eine helle, durchsichtige und aus Reis gekochte Gallerte, die mit Zucker und Roscuwasser versetzt, eine angenehme und wohlschmeckende Speise gibt. Auch in den Frauenbädern(Kareh Hamam) kommen die Türkinnen in großen Gesellschaften zusammen. Schon bei den Kulturvölkern des Altertums war der Gebrauch der Bäder diel- fach mit dem Kultus verknüpft, da man die Körperreinheit als Symbol der sittlichen Reinheit betrachtete. So war den Juden das Bad nach erfolgter(levitischer) Verunreinigung gesetzlich vor- geschrieben. Auch den Mohammedanern ist das Bad wie den Juden rituell vorgeschrieben und in ihre Sitten und Gebräuche vollständig aufgenommen; zumal nach beendeter Menstruation sind die türki- scheu Frauen, gleich den Jüdinnen, ein Bad zu nehmen verpflichtet. Hoch und Niedrig badet in dem öffentlichen Hamam. Höchst inter- cssant schildert eine Engländerin in„St. James Magazine" das Leben und Treiben in diesen Hamams: „Beständig gingen Frauen ein und aus. Die einen, von dem Bade- und Knetfaal zurückkommend, legten sich nachlässig auf die Kissen ihrer Diwane; vom Kopf bis zu den Füßen eingehüllt in nntadelhaft weiße und mit Fransen oder Gold-, Silber- oder Seidenstickereien verzierte Tücher. Um ihren Nacken flössen ihre langen Haare herab, die die Sklavinnen mit ungemeiner Sorgfalt trockneten, kämmten und parfümierten; die anderen bereiteten sich zum Bade vor und entkleideten sich oder ließen sich vielmehr durch ihre Begleiterinnen entkleiden, denn es waren nur sehr wenige anwesend, die sich die Mühe nahmen, sich selbst zu bedienen. Man sah auch Gruppen von Frauen, die, kaum angekommen, Mäntel und Schleier ablegten und Höflichkeiten mit ihren Bekannten aus- tauschten. Nachdem ich eine ziemlich genaue Uebcrsicht über die verschiedenen Einzelheiten dieses Gemäldes gewonnen, folgte ich dem Beispiel meiner Freundin; ich zog meinen Schlafrock an, löste meine Haare und ging barfuß in einen anderen Saal, wo ich viele Frauen auf den Diwanen sitzen oder liegen fand, alle lachend und miteinander plaudernd. Die warme Luft, wovon das Zimmer, in vas ich trat, erfüllt war, schien mir erstickend, und als ich meine Füße in die Bäche dampfenden Wassers tauchte, die über den Marmor dahinflössen, zog ich sie wieder zurück, als wenn man mich gebrannt hätte. Dennoch war hier nur ein Uebcrgangszustand, und .ich mußte erst in die eigentliche Schwitzstube dieser Anstalt ein- treten. Diese Stiche ist ein unermeßlicher achteckiger Saal und enthält acht Brunnen, deren springende Wasserstrahlen zu den Ab- Waschungen der Frauen verwendet werden, die die Kosten eines abgesonderten Kabinetts nicht bestreiten wollen oder können. Bei meinem Eintritt in die Schwitzstube glaubte ich in Wahrheit, daß mein Kopf schwindle: eine dicke, schwere, mit Schwefeldünsten ge- schwängerte Atmosphäre hemmte mir das Atmen, und ich blieb halb erstickt. Das durchdringende und unharmonische Geschrei der Sklavinnen widerhallte an den Gewölben des Saales, während das minder schrille Gelächter und Gespräch ihrer Gebieterinnen ein wirres und eigentümliche? Murmeln erzeugte. Der Anblick von ungefähr 300 nahezu entkleideten Frauen, deren sämtliche Formen sich auf ihren durchsichtigen und dampfgeschwängcrten Musselinübcrwürfen abzeichneten; die Dienerinnen, die, mit über der Brust gekreuzten Armen, den Saal in allen Richtungen eiligen Schrittes durchliefen und auf ihren kraushaarigen 51öpfen Ge- schirre voll beftanstcr und stickereiverzierter Badchandtücher trugen; Gruppen anmutiger junger Mädchen, die leise sprachen und ein- ander augenscheinlich die ihrem Alter teuren ernsten Vertraulich- leiten mitteilten; fröhliche Kinder, die sprangen, liefen, einander verfolgten, ohne sich um die Temperatur zu bekümmern, die so erstickend war, daß ich fast in Ohnmacht fiel; dann plötzlich der Gesang der bizarrsten türkischen Melodien, deren Heller Schall von den Gewölben wicdertöntc— alles dies ließ mich glauben, ich sei der Spielball irgendeiner. Sinnestäuschung und dünkte mir die Wirkung eines Deliriums. Diese Frauen, deren Alabastergliedcr durch ihre feuchten Ueberwürfe hindurch erkennbar waren und deren Augen von Leben und Feuer strahlten oder ein weiches Schmachten zur Schau trugen, bildeten einen eigentümlichen Gegen- satz zu dem Ebcnholztcint der sie bedienenden Töchter Afrikas. Die Dünste, die sich erhoben, zerstreuten sich, sammelten sich wolkenartig, verbargen bald die Brunnen und die Badenden, bald machten sie diese sichtbar; der durch die Oeffnungen der Dachkuppel einfallende Tag verbreitete, möchte ich sagen, einen Regen von Lichtern, die sich im Nebel verloren; ein unaufhörliches und un- aussprechlicheS Geräusch ertönte von allen Seiten... s Wahrlich» diese Szene wird in meinem Gedächtnis unauslöschlich bleiben." Allerdings hat die neuere Zeit auch auf dem Gebiete des Bade- Wesens eine Umwälzung herbeigeführt oder doch angebahnt. Denn wie es einerseits den unteren Volksschichten der Preise wegen, über die wir näheres leider nicht mitteilen können, nicht möglich ist, sich oft ein Bad in den öffentlichen Männcrbädern zu gestatten, so steht auf der anderen Seite den türkischen Frauen reicher Männer hie und da im eigenen Hause eine Badeeinrichtung zur Verfügung. Wichtiger aber als dies erscheint uns die Tatsache, daß sich neuerdings auch die Zahl jener türkischen Frauen mehrt, die sich vom Banne der alten moslimischen Anschauungen freimachen und regen Anteil an den sozialen und politischen Kämpfen der Gegenwart nehmen._ Kleines f euilleton* Technisches. Der„Parseval". Uebcr das Parsevalsche Motorluftschiff (Modell 1908), da? die Berliner jetzt fast täglich über ihren Häuptern sicher manövcrieren sehen können, berichtet Rumpler in der„Zeit- schrift des Verein? deutscher Ingenieure" interessante Einzelheiten. Das Lufischiff, der einzige Vertreter des vollkommen unstarren Systems, hat einen sogenannten Prallballon als Träger. Die Form dieses Ballons ähnelt der eines Torpedo? und ist nach Vcr- suchen von Professor Prandtl in Göttingen, an dessen Universität sich der erste offizielle Lehrstuhl für Luftschiffahrt befindet, in beziig auf Luftwiderstand und Luftreibung besonders günstig. Der Ballon ist über 63 Meter lang, hat einen Durchmesser von 0— g'/z Meter und hat einen Inhalt von 2300 Kubikmeter. Die Hülle ist aus einzelnen Ouerstreifen, die an? zwei gummierten, diagonal übereinander liegenden Stofflagen be- stehen, augefertigt. Sie ist außen auffallend gelb gefärbt, um die zerstörende Wirkung des Sonnenlichtes auf die Gummi- stoffe abzuschwächen. An der unteren Seite des Ballons sind Gurte angenäht, an denen das Tauwerk zum Halten der Gondel befestigt ist. Von diesem Tauwerk sieht man bei den Fahrten ganz deutlich eine Reihe von Seilen herabhängen, die zum Halten bei der Abfahrt und beim Landen dienen. Die Gondel ist am Ballon beweglich aufgehängt. Sie hängt einerseits i» einer sogenannten Parallelogrammfiihrung an zwei gleich langen Seilen in der Milte de? Ballons und ist andererieitS auf Tragseilen befestigt, die unter der Gondel durchlaufen und ihrer- scitS an den Spitzen des Ballons befestigt sind. Diese Art der Auf« hängung soll das beste Resultat ergeben haben. Die Gondel ist Meter lang und 1'/« Meter breit. Die Seiten- wände, die V/t, Meter hoch und als Geländer aus- gebaut find, umschließen einen fteien Belegraum von »irka 7 Quadratmeter, der in erster Linie für den Motor zum An- trieb der Luftschraube und für die mitfahrende» Personen ausgenutzt wird. Das Goiidelgerüst besteht hauptsächlich aus Nickelstahlblech. Im vorderen Teil ist ein Tisch für Karten usw. aufgestellt, ganz an der Spitze ist das für die Landungen erforderliche. 160 Meter lange Schleppseil untergebracht. Der Motor besteht aus sechs Zylindern, die miteinander so verbunden sind, daß im Falle eines Defektes an einem oder zwei Zylindern die übrigen vier Zylinder stets weiterarbeiten können. Der Motor leistet bei einem Gewicht von nur 350 Kilo- gramm 100—200 Pferdestärken. Er treibt mittels einer llebersetzung eine Luftschraube von etwa 300 Umdrehungen in der Minute au. Die Schraube hat unstarre Flügel von 4,3 Meter Durchmesser, die erst bei der Drehung durch die Fliehkraft von Schwunggewichten ihre Form erhalten. An der Außenseite des Ballons bemerkt man noch verschiedene Flächen, die zu Steucrzwecken dienen. Das Seitenstener besteht aus einer senkrechten, drehbaren, 7.6 Quadrat« meter großen Fläche, die sich an eine senkrechte, mehr als doppelt so große Stützfläche anschließt. Beide Flächen können von der Gondel aus mittel? Zugleinen verstellt werden. Außerdem hat der Ballon zwei mit ihm verbundene, wagrechte Stützflächen, die eine Stabili- sierung des Ballon? bezwecken, also ein Auf- und Abpendcln sowie Rollen des Ballons vermeiden sollen. Eines der wichtigsten Teile des Luftschiffs, die Ballonets oder Lnftsäcke, sind von außen nicht sichtbar, da sie im Ballon selbst unter- gebracht sind. Sie haben den Zlocck, den zum Erzielen der Starrheit also der Trag- und Lenkfähigkeit des Ballons erforderlichen Ueber- druck zu erzeugen und zu erhalten. Sie sind, wie ihr Name schon sagt. Säcke, in die Luft eingepreßt wird, und aus denen die Luft durch sinnreich angeordnete Ventile austritt, wenn der Druck im Innern des Ballons zu groß wird. Durch Uebcrlcitcn von Luft von einem Vallonet in da? andere kann auch das Luftschiff in Verbin- dring mit dem Höhensteucr gehoben und gesenkt ivcrden. Zur Ver- störkung der Hohenstcuerwirkung hat Parseval ähnlich wie Zeppelin versucht, ein Laufgewicht anzuordnen. Größere Höhen wie die seinerzeit bei den Versuchsfahrten erreichte Hohe von 1600 Meter werden durch Auswerfen von Ballast erreicht. Nach dem Muster dieses Ballons werden von der Motorluftschiff» Studieiigesellschaft mehrere Luftschiffe gebaut. Auch die Siemens- Schnckcrl-Wcrke haben ein sehr großes Pralluftfchiff im Bau, so daß auch von dem unstarren System schöne Resultate zu er« warten sind. verantwortl. Redakteur: Hc.ns Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsaustalt Paul Singer L-Co.. Berlin L1V.