Anterhaltmigsblatt des vorwärts Nr. 115. Donnerstag, den 17. Juni. 190S (Nachdruck verboten.). 12� Der Hrbeiter Scbewyrjoff. Revolutionsgeschichte von M. Artzibaschew. Autorisierte Uebersetzung von A. V i l l a r d u. S. B u g o w. ' Der Krämer lächelte selbstgefällig. „Was heißt es— mit nichts! Die feinen Fräuleinchen lieben eS. sich zu zerstreuen I Das kann ich in keinem Fall glauben �— entschuldigen Sie—, daß sich ein so ausgezeichnetes Fräulein wie Sie den ganzen Tag die Augen an der Arbeit verdirbt. Ihre Aeuglein sind überhaupt nicht dafür ge- schaffen!" Oljenka schlug wieder ihre großen hellen Augen zu ihm auf. Ihr kam plötzlich der naive Gedanke, daß er mit ihr Mitleid hätte. Und sie war überzeugt, daß er wirklich ein guter, anständiger Mensch sei. ..Ich. sehen Sie..» lese Bücher.. Aie lächelte schüchtern. „Ach was, was ist das... Bücher!... Also, wenn wir so mit Ihnen erst näher bekannt sind, dann werden Sie mir erlauben... zum Beispiel-- ins Theater! Das wird Interessanter sein als hinter Büchern zu hocken!" Oljenka belebte sich unvermutet. Ueber ihr Gesicht, das schon wieder erblaßt war, flog eine neue leichte Röte. „O nein, wie können Sie das sagen. Es gibt sehr schöne Bücher.... Nun das. zum Beispiel Tschechosf..., Ich, wenn ich etwas von Tschechoff lese, weine ich immer-,. bei lihm sind alle Menschen so arm, so bemitleidenswert..." Der Krämer hörte zu, den Kopf mit der engen Stirn und den trüben Augen zur Seite geneigt. Dann überlegte er. „Als ob alle wirklich so unglücklich wären..." meinte er in dem süßlichen Tone,„es gibt auch Glückliche.... Frei- sich, wer nichts zum Fressen hat.,,, Aber wenn ein Mensch »... Ich nehme bloß mich..." Er rückte den Stuhl näher an Oljenka heran, schielte auf ihren Schoß und holte zu einer längeren'Rede aus. Auch seine Haltung wurde etwas bedeutsamer. Aber Oljenka be- gann naiv und träumerisch, mit feuchten Augen: „O nein, die Menschen sind alle unglücklich.... Auch die, die sich für glücklich halten, sind in Wirklichkeit Unglück- sich. Ich möchte barmherzige Schwester werden, um allen Unglücklichen zu helfen... oder Nonne..." „Na, warum denn gleich Nonne!" unterbrach sie der Krämer mit zweideutigem Ausdruck, der in seiner Frechheit furchtbar war.«Gibt es denn zu wenig Männer auf der Welt?" Oljenka sah ihn verständnislos an. Die Taubheit hatte sie das ganze Leben vor solchen Worten bewahrt, und sie be- griff nichts. So blickten ihre Augen ruhig: sie waren voll- kommen durchsichtig. „O nein... was sagen Sie!" fragte sie zerstreut:„eine Nonne zu sein, ist so schön!... Ich war einmal zwei Wochen lang bei meiner Tante auf Besuch, in Woronesh... im Kloster. Meine Tante ist Nonne... ganz alt... schweigt schon vierzehn Jahre... eine Heilige!... Da war es so schön! In der Kirche ist es so still— still, die Kerzchen leuchten.... Man singt so schön.... Du stehst und weißt nicht, ob du auf der Erde oder im Himmel lebst. Oder du gehst vor die Mauer. Das Kloster steht auf einem Berg, und unten der Fluß und dahinter die Felder. Man sieht weit— weit! Auf den Wiesen schreien die Gänse, und die Schwalben zwitschern nur so herum. Ich war dort im Früh- ling, da blühten im Kloster die Apfelbäume.... Da wirds manchmal so schön, daß der Atem still steht. Manchmal, scheint mir, hätte rch mich vom Berg losgerissen, wär' fort- geflogen wie ein Vogel— weit— weit!" Oljenkas Stimme zitterte vor Entzücken: in den großen hellen Augen standen stille Tränen, und die Lippen bebten. Sie glich ganz einer Weißen Nonne. Der Krämer hörte zu, indem er die Lippe ein wenig herabhängen ließ und den Kopf auf den dicken roten Hals wieder wie ein Stier zur Seite neigte. „Hm," meinte er,„das sind, selbstverständlich, so Ideen. ... Im Leben aber... da kann ein hübsches Fräulein auch ohne Kloster ihr Vergnügen haben!" Er kicherte und zwinkerte Oljenka verlangend zu. Sie bemerkte es nicht und schaute gerade aus ins Blaue, als sähe sie wirklich weite Felder und den blauen Himmel, breite Flüsse und die Weißen Klostermauern. Die Maksimowa kam init dem Ssamowar. Der Krämer, ganz aufgelöst und schweißig, war wie mit Oel gesalbt. „Ich liebe es, wenn Fräuleins eine so feine Taille haben wie Sie, Olga Jwanowna.... Wie bringen es die Frauen bloß fertig: Da scheint es, kannst du alles mit den Fingern umfassen, da unten aber, verzeihen Sie meine Freiheit, ist's so rundlich..." Die letzten Worte kamen ihm ganz plötzlich— eigentlich hatte er etwas anderes sagen wollen—, daß ihm die Röte ins Gesicht stieg und den Atem verschlug. Unwillkürlich hatte er sogar die Hand ausgestreckt, sah aber die Maksimowa ein- treten und zog sie zurück. Darauf wischte er sich umständlich den Schweiß von der Stirn. Er trank mit der Maksimowa Wodka, aß Hering und riß Witze darüber, daß alle Mädchen vom Kloster träumen. „Sind sie aber verheiratet und ist der Mann erst alt oder unfähig, dann graben sie ihm, sozusagen, das Grab." „Freilich!" antwortete die Alte unnatürlich dienstbeflissen. „Von Ihnen, Wassilij Sstepanowitsch, kann man das nicht sagen.... Sie würden noch jede in Schweiß bringen." Der Krämer brach in Lachen aus und betrachtete darauf. hin Oljenka mit unverhohlen lüsternen Blicken. „Jawohl! Das kann ich, ohne zu renommieren, zugeben! Meine Frau braucht sich nicht zu beklagen! Meine Selige, die wurde manchmal ärgerlich! Du Bulle, Du unersättlicher Du, pflegte sie zu sagen!" Er lachte immer noch und starrte Oljenka unverwandt an. Unter seinem Blick sank des Mädchens blasses Gesichtchen immer tiefer und tiefer— das satte triumphierende Lachen dieses Viehes war schrecklich. Als der Krämer fortging und die etwas angeheiterte Maksimowa ihn hinausbegleitete, brach Oljenka plötzlich in Schluchzen aus. Sie weinte lange. Ihr hellblonder 5iopf lag auf den Knien, ihre weichen Schultern zitterten, die herabhängenden Haarsträhnen bewegten sich wie Flaumfedern. Ueberall roch es nach Hering, nassem Leder und Schweiß. Die Luft war schwer und die Gestalt des Mädchens erschien seit- sam klein und zerbrechlich. 9. Aladjew war nach Hause gekommen. Er saß am Tisch und schrieb, als Oljenka zu ihm hereintrat. Das ganze Zimmer war voll Tabaksrauch. � Sie trat scheu und lautlos ein, wie immer. Wie immer, drückte sie schwach die zärtliche große Hand Aladjews und setzte sich so an den Tisch, daß ihr Gesicht im Dunkel blieb und nur die blassen Hände grell von der Lampe beleuchtet wurden. „Also, was bringen Sie, Olga Jwanowna?" fragte Aladjew mit behutsamer Freundlichkeit in Blick und Stimme. Oljenka schwieg. Haben Sie meine Bücher gelesen?," fragte Aladjew wieder.„Gefielen sie Ihnen?" „Ja." Das Wort siel klanglos von Oljenkas Lippen, dann schwieg sie wieder, während ihre Hände kraftlos auf den Knien ruhen blieben. „Na, das ist schön!" sagte Aladjew.?,Jch habe hier noch 'was Hübsches für Sie zurechtgelegt. Die Heldin glxicht Ihnen, ist ebenso lieb und still, ist ins Kloster gegangen, wie Sie es vorhaben." Oljenka zog die Schultern zusammen, als ob sie friere. „Ich werde nicht ins Kloster gehen"— sie sprach kaum vernehmlich: ihre Lippen zitterten so, daß es sogar Aladjew auffiel. „Na, Gott sei Dank," sagte er scherzend und blickte dem Mädchen ins Gesicht.„Und warum so?" Oljenka sah zu Boden:„Ich werde heiraten..." ant- wartete sie fast unhörbar. „Heiraten? Das ist eine Uebcrraschung!— Wen?" rief Aladjew zurückfallend. Sein Gesicht zuckte zusammen. „Wassilij Sstepanowitsch... der den Laden in unserem Hause hat..." „Den?" fragte Aladjew nochmals verwundert: eine Grimasse des Mitleids und Widerwillens glitt über sein Ge-. ficht. Cr nahm sich jedoch sofort zusammen und sagte an- gestrengt freundlich: „Na, was-- auch das ist gut.,. wünsche Ihnen Vlück..." Oljenka schwieg. Sie bewegte leise die Finger und schaute auf den Boden. Sie dachte über etwas nach, Aladjew aber sah sie wehmütig an und stellte in Gedanken den Krämer, der wie ein Tier aussah, neben diese zerbrechliche, feine Frauen- gestalt. Ein drückendes Gefühl— Mitleid, Widerwillen, Eifersucht— verließ seine Seele nicht mehr. Unvermutet rührte sich Oljenka. Sie wollte augenschein- lich etwas sagen, brachte es aber nicht fertig. Ihre Lippen zitterten, ihre Brust atmete mit schwerer Mühe, und tödliche Blässe breitete sich mehr und mehr über ihr gesenktes Gesicht. Eine eigentümliche Aufregung überfiel Aladjew. Er fühlte mit einem Male das Nahen eines Moments, der, ihm selbst noch undeutlich, seine Seele vor Furcht und Freude und Stolz erschüttern ließ. „„Was wollten Sie sagen?" fragte est mit zitternder Stimme. Oljenka schwieg, war aber unruhig, als ob esi sie irgend- wohin riß, wohin sie sich doch nicht wagte. Für einen Augen- blick hob sie das Gesicht, und Aladjew begegnete ihren großen, etwas fragenden, flehenden Blicken. Wohl eine Minute sahen sie sich in die Augen; in denk Auge des Mädchens lag ein- saches Grauen. Aber Aladjew fand keine Worte, ratlos, sich selbst miß- trauend und ängstlich. Oljenkas Lippen zitterten noch stärker. In ihrer Angst wollte sie die dünnen geschmeidigen Hände ringen, statt dessen aber erhob sie sich plötzlich. „Wohin denn? Setzen Sie sich doch!" sagte Aladjew verwirrt, erhob sich aber unwillkürlich ebenfalls. Oljenka stand ihm gegenüber, noch immer ohne ein Wort; sie krampfte nur leise und fast unmerklich die Finger der herabhängenden Hände ineinander. „Setzen Sie sich..." wiederholte Aladjew, während er fühlte, daß ihm das richtige Wort fehle und daß er endgültig verwirrt werde. „Nein... ich will gehen.... Leben Sie wohl-, Aladjew schlug die Hände ratlos auseinander. „Wie eigentümlich Sie heute sind!" sagte er aufgeregt. Oljenka wartete noch. Leise rührte sie sich. Irgendein furchtbarer Kampf rüttelte sie und zerrte ihren ganzen schwäch- lichen Körper. Noch einmal schlug sie die ungeheuer weiten erstarrenden Augen zu Aladjew auf, dann plötzlich drehte sie sich um und ging zur Tür. „Und die Bücher nehmen Sie nicht mit?" fragte Aladjew mechanisch. Oljenka blieb stehen.„Brauch nicht--- mehr" brachte sie mit Lippen, die kaum nachgaben, hervor und öff- nete die Tür. Aber in der Tür blieb sie noch einmal stehen und dachte kange nach, den Kopf gesenkt. Sie mußte wohl weinen. Wenigstens sah Aladjew, daß ihre Schultern zuckten. Doch sein Kopf blieb leer, er sagte nichts. Oljenka ging hinaus. Aladjew verstand, daß es für immer war, während fie doch für immer bleiben konnte. In entsetzlicher Auf- regung und gänzlich unbegreiflichem Herzdruck stand er mitten im Zimmer. Er sah, daß das Mädchen in tödlichem Gram um Hilfe zu ihm gekommen war, und sacht begann er schon zu verstehen, welches Wort sie von ihm erwartet hatte. Es wurde kurz an die Tür geklopft. „Herein!" rief Aladjew freudig, im Glauben, Oljenka komme wieder. Die Tür ging auf, und Schewyrjoff trat ein, Aladjew erkannte ihn nicht einmal gleich. „Kann ich Sie sprechen?" fragte Schewyrjoff kühl und und fast offiziell. „Ah. Sie sind es!... Bitte sehr!., J' gab Aladjew freundlich zurück.—„Setzen Sie sich!" .(Fortsetzung folgt.)! Das Glück. Sie war so frisch und jung... Oftmals, in Unmut und Zweifel, wenn die Feder nicht weiter wollte und nur widerwillig Zeile an Zeile reihte, hob ich den Kopf und sah ihr zu, wie fie die Finger über die Tasten gleiten ließ und behende Silbe um Silbe haschte. DaS tat Wohl. Denn wenn fie arbeitete, war fie froh. Wenn fie sich bewegte, schwand der bittere Zug; sie vergaß, daß sie Arbeit eigentlich nicht liebte, daß sie lieber Tennis spielte und spazieren ginge und das„Tippfräulein" ihr so gar nicht paßte. Das vergaß sie und ihr Gesicht wurde heiter, ein wenig gespannt, so recht um es anzuschauen. „Ein gutes Mädchen", dachte ich oft. Ich sah hinter ihr den tüchtigen Vater, eine Mutter voller Dünkel, die karge Pension, jüngere Geschwister, Freundinnen im Tennisrock, alles— Umgang, Verhältnisse, Erziehung, bis auf den kleinen bitteren Zug. Ich las ihre Blicke und Gedanken, jeden Zug ihres Gesichtes,— sie wußte es nicht. „Ein gutes Mädchen", dachte ich. Sie war so frisch und jung.... Und jeden Abend stand ein alter Faun, in Zylinder und Glaces, an der Tür und faßte sie ab. Seine Augen schmunzelten... schmatzten.... Sie kam— er zog den Hut. Er meckerte etwas— fie lachte. Sie lachte laut, es schallte. Dann trieb der Schwärm sie fort. „Sieben Sie ihn?" fragte ich sie einst. „Man muß zu leben wissen," sagte sie. Sie lachte. Es schallte. „Er ist mein Bräutigam." „Reich—?" „Ich... liebe ihn," sagte fie schnell. Zu schnell fast. In ihrem Gesichtchen arbeitete etwa?, fie zwang es nieder. Ich las ihre Gedanken, ich sah hinweg,— sie wußte es nicht. Und nun wollte sie fort. Ja, sie wollte fort I Es war nun nicht mehr nötig. Und der Faun meinte auch, es passe nicht, so in einein Bureau... Man mußte kündigen. Sie kündigte. Die Tage gingen. Oftmals, wenn die Feder nicht weiter wollte, sah ich zu ihr hinüber. Da sprach sie. Von Wald und Lust und Sonne, viel Luft und Sonne, viel Zeit und wenig Sorgen. Ganz behutsam sagte sie das. Als könne das Wort zerbrechen. Die Maschine ruhte. Sie sprach... Bäume rauschten, ein Fahrrad blitzte, Tennisbälle flogen... irgend jemand lachte... alles war Jugend und Kraft. Nur vom Faun sprach sie nie. „Lieben Sie ihn?" fragte ich sie einst. „Die jungen Leute haben nichts", sagte fie. Sie lachte. „Die Frau kann mitarbeiten I" „Ol" lagte sie nur.— Ich sah ihre Mutter.— Es blieben nur wenige Tage. Ihr Gesicht war heiterer, der bittere Zug der- schwunden. Nun würde alles anders werden! Nur die kurze Zeit noch, wenige Tage I Manchmal nur kniff sie die Brauen zusammen und es grub sich um den Mund... Eines Abends kam der Faun nicht. Sie war nervös, verstört. Er war krank. Vier Tage war er krank, am fünften kam sie in Trauer. „Er ist tot", sagte sie und weinte. Sie weinte sehr. Nun würde fie doch wohl bleiben. „Liebten Sie ihn?" stagte ich sie. „Ich hätte mein Glück gemacht," sagte fie. Sie weinte. Ich sah die Mutter, die karge Pension, jüngere Geschwister, Umgang und Erziehung... „Ich hätte mein Glück gemacht.. „Schade," dachte ich,„sehr schade. Ein gutes Mädchen. Und so frisch, so jung..." Werner Peter Larsen. lNaSdruck verlöten.! Zündhölzer und f euerzeuge. Die geplante Steuer auf Streichhölzer, die diesen massenhaft verbrauchten Bedarfsartikel um 150 Proz. seines bisherigen Wertes verteuert, wird— falls sie Annahme findet— zu sparsamer Achtsamkeit beim Gebrauch dieses bequemsten und verbreitetsten aller je er» fundenen Feuerzeuge zwingen. Die kaum dreiviertel Jahrhundert alte Erfindung der Streichhölzer lernt man erst dann zu den an- genehmsten Erzeugniffen der Neuzeit rechnen, wenn man rückblickend ihre früheren Vertreter betrachtet. Bevor wir diesen Blick zurückwerfen. wollen wir noch etwas bei den Streichhölzern verweilen. Die ersten Reibzündhölzchen wurden 18S2 von Jones hergestellt und kamen als Congrcvesckie Streichhölzer in den Handel. Sie hatten eine Kuppe aus Schwefel und einen Ueberzug aus Schwefelantimon und chlor» saurem Kali, und wurden durch Hindurchziehen durch zwei Sand» papierstreifcn in Brand gesetzt. Diese Zündhölzchen wurden durch die 1833 in Wien gemachte Erfindung der Phosphorsweichhölzer ver- drängt. Die Phosphorstreichhölzer waren aber in hohem Grade feuergefährlich, ein Uebelstand, der in vielen Staaten ihr Einfuhr- verbot zur Folge hatte. Dem Fabrikanten Preshel in Wien gelang eS im Jahre 1843 durch die Anwendung einer eingewockneten Mischung von Mennige und Salpetersäure ihre große Feuergeführlichkeit zu be- heben, und von diesem Zeitpunkt an datiert der große Äuffchwung der Streichhölzerfabrikation. 1848 brachte ein Deutscher, namens Böttger phosphorsteie Sicherheitshölzer auf den Markt, für deren Ent« zündung er mit rotem Phosphor präparierte Reibflächen herstellte. Das Publikum, das nun schon zirka ein Jahrzehnt gewöhnt war, sein Zündhölzchen an jeder xbeliebigen Mauer anreiben zu können, konnte sich mit diesen gelieferten Reibflächen so wenig befreunden, daß eine zur Herstellung der Sicherheitsstreichhölzer in Schütten« Hofen gegründete Fabrik wieder eingehen muhte. Such hier zeigte es sich: der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande I Denn als zehn Jahre später die Böttgerschen Hölzer aus Schweden zu uns kamen, fanden sie bereitwillige Aufnahme und einen großen, stetig steigenden Absatz. Fragen wir uns nun, wann und wie brachte der Mensch zuerst das Feuer in Anwendung? Man hat auf der Erde noch kein Volk entdeckt, dem der Ge- brauch des Feuers unbekannt gewesen wäre. Die Menschen der Urzeit härteten am Feuer ihre rohen Waffen, die Spitzen ihrer hölzernen Speere. Reste von verkohltem Holz fanden sich in der Höhle von Perigord, und was noch viel mehr sagen will, auch bei der Schussenquelle unter den Geräten aus Rcnntierhorn, deren Ursprung in die nordeuropäische Eiszeit zurückreicht. Bei Völkern niederer Kulturstufen wurde und wird noch heute die Feuergewinnuug durch Reibung verschiedener Hölzer angetroffen. Diese Art der Feuererzeugung, die auch bei deu germanischen Notfeuern und in der phönizischen Mythe vom Feuer in Anwendung kommt, muß als die älteste angesprochen werden, weshalb auch die altgriechische Sage vom Prometheus, der das Feuer in einer markhaltigen Pflanzenröhre vom Himmel ent- führte, in eine jüngere Zeit zu setzen ist. Nehmen wir an, daß etwa, ein einen Baum entzündender Blitz zuerst das Feuer vom Himmel brachte, so setzt seine Bewahrung doch eine Kenntnis von seinem Nutzen voraus. Dieser Nutzen wurde den Menschen wahrscheinlich zuerst durch Lavaergüsse aus Vulkanen vor Augen geführt und zwar dadurch, daß die glühenden Lava- maffen Gegenstände umformten, die sich auf ihrem Wege fanden. Wie lange solche vulkanischen Ausbrüche feucrerzeugend wirken, zeigt ein Bericht von A. von Humboldt, der erzählt, daß noch zwanzig Jahre nach dem Ausbruche des kleinen Jorullo Späne in seinen Spalten entzündet werden konnten. Auf dem Boden mancher Vulkane hat die glühende Lava jähr- hundertclang gebrodelt. Auch gibt es sogenannte Feuerquellen, das heißt Brunnen, die entzündliche Luftarten, nämlich Kohlenwasser- stoffe, ausatmen. Solche Erscheinungen finden sich in den Ver- einigten Staaten, in Italien, China, auf Java, vor allem gehören die ewigen Feuer von Baku am Kaspischen Meere hierher. Dort liegt Atesch- Dja Feuertempel) eine heilige Stätte der Feueranbeter, an der brennbares Gas aus der Erde dringt, und emporflammt, wenn es entzündet wird. Die Parsen oder Feueranbeter sind noch heute eine in Indien und dem Orient, besonders den persischen Landschaften von Jedz und Kirman weitverbreitete Sekte, die im Feuer ein geheiligtes Natur- element verehren. Erhaben in ihrer Schaurigkeit ist die BcstatlungS- art der Parsen. Sie werfen die Toten in ihre Dakhma, die Türme des Schweigens, in denen die Leichen den Vögeln zum Fräße aus» gesetzt werden. Atesch-Dja ist die Wallfahrtsstätte der frömmsten Parsen, denn es gibt kein heiligeres Feuer für sie auf der Welt. Die brennbaren Gase finden sich im Umkreis einer halben Meile um Atesch-Dja und werden von der Bevölkerung zu wirtschaftlichen Zwecken verwandt. Die Heilighaltung des FeuerS begegnet uns noch in vielen anderen Religionen, so bei den Indern, den Griechen, Römern und den Deutschen. Die heilige Lampe, die im Tempel der Juden und in christlichen Kirchen noch heute brennt, hängt auch mit der Heilig- Haltung deS Feuers zusamnien. Zu dieser göttlichen Verehrung mag die Schwierigkeit seiner Gewinnung und im Gegensatz dazu auch die Furcht vor seiner verheerenden Wirkung im entfesselten Zustand beigetragen haben, denn was ist natürlicher, als daß der Mensch die vernichtenden Tücken einer Macht, der gegenüber er sich wehrlos fühlte, durch Bitten beschwichtigen wollte. Die oben genannten Völker gewannen das Feuer zuerst durch Drehung. Ein Stab wurde in einen anderen gebohrt und so schnell hin- und hergedrcht, oft auch bohrte man einen Stab durch eine Scheibe oder eine Tafel, oder durch die Nabe eines Rades. Die durch diese heftige Reibung entstandene Hitze mußte durch bereit- liegendes, recht trockenes Holz aufgefangen werden. Eine genaue Schilderung dieser Feuerbercitung und zugleich die älteste uns überkommene gibt der altgriechische Dichter Homer; er erwähnt dabei, daß als Bohrer das besonders zähe Holz des Lorbeers genommen wurde. Wie an anderer Stelle in der Odhffee erzählt wird, so ist auch von den Indern bekannt, daß sie sich das Bohren durch Ver- wendung eines Riemens oder eines Strickes erleichterten, an den zwei Männer anfaßten und den Bohrer schnell hin- und herdrehten. Dieses primitive Feuerzeug hat man in unbedeutenden Ab- weichungen bei fast allen primitiven Völkern gefunden. Gewöhnlich beteiligen sich mehrere an der durchaus nicht leichten Arbeit, die bei der in den Tropen häufigen Feuchtigkeit der Luft nicht immer den gewünschten Ersolg hat. Bei Völkern, die die Gewinnung und Ver- Wertung des Eisens kennen lernten, wurde diese Reibungsmethode bald durch das Feuerschlagen mit Stahl und Stein abgelöst. So sagt der im Anfang unserer Zeitrechnung lebende Gelehrte PliniuS:»Die schwersten Feuersteine sind die, die, an einen Nagel oder an einen Stein geschlagen, einen Funken erzeugen, der, in Schwefel oder trocknen Schwämmen oder Blättern auf- gefangen, schnell Feuer erzeugt." ■ Zu dieser Art der Feuergewinnung wurden die Vorkehrungen zum Auffangen des Funkens je nach der Verschiedenheit der klimatiscken Verhältmffe getroffen. In Deutschland hatte man vom Anfang des 14. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts einen schuh- langen, etwa 8 Zoll hohen Holzkasten mit Deckel, deffen eine ab- geteilte Hälfte Stahl und Stein enthielt, während die andere mit Hobelspänen ausgefüllt war, die nicht nur den Funken leicht auf- fingen, sondern ihn auch mühelos zur hellen Flamme anfachen ließen. Der durch das Fortglimmen des Zunder? feuergefährlich« Holzkastcn wurde bald durch Metallkasten etwa derselben Kon- struktion ersetzt. Das im siebzehnten Jahrhundert übliche thüringische Feuerzeug enthielt in einem Blechkaflen außer Zunder noch Stahl, Stein und Schwefelfaden. Ein schlesisches Feuerzeug bestand aus zwei kupfernen Tellern gleichen Inhalts. Dann fabrizierte man im Erzgebirge noch Feuerbüchsen in Form von Zuckerdosen, in die statt der Hobelspäne trockener Holzmoder getan wurde. Der Methode des Feuerschlagens mit Stahl und Stein folgend, entstanden und entstehen noch heute viele Feuerzeuge aller Größen, die einzeln zu beschreiben zu weit führen würde. Zunächst wurde die crzgebirgische Feuerbüchse in kleinerem Format an- gefertigt. Noch zierlicher war ein im Anfang des 18. Jahrhunderts aufkommendes Feuerstäbchen, das Stein und Schwamm enthielt. Der fein polierte Stahl war am unteren Rande des Täschchens eingenäht. Dies Feuerzeug erfuhr eine Verbefferung, indem man den Schwamm durch eine Lunte ersetzte, die in einer drei Zoll langen Messingröhre lief. Am oberen Ende hing ein Deckel an einem Kettchcn, durch den die Röhre nach dem Gebrauch der Lunte verschlossen und so die Flamme durch Abschließen der Luft zum Verlöschen gebracht wurde. Seit dem 13. Jahrhundert waren auch Brenngläser in Deutschland im Gebrauch, sie wurden aber erst im 18. Jahr- hundert billiger und häufiger, denn ihre Abhängigkeit von der Wirkung des Sonnenscheins machten ihre Anwendung in unserem Klima gerade nicht sehr leicht. Sie hatten meistens eine Größe von 3 Zoll im Durchmesser und waren mit plattiertem Draht ge- faßt, der zusammengedreht als Henkel diente. Im Jahre 1789 erfand der Baseler Fürstenberg das elektrische Feuerzeug. Es bestand aus einem Gefäß, in dem durch Zink und verdünnte Schwefelsäure Wasserstoffgas ent- wickelt wurde, und aus einem Elcktrophor, der im Augenblick, wo man durch Umdrehen eines Hahnes das Wasserstoffgas aus einer feinen Oeffnung hervorströmen ließ, einen Funken erzeugte. Der so entzündete Gasstrom setzte den Docht eines an der Maschine angebrachten Wachsstocks in Brand. Dieser Elcktrophor wurde durch die von Döbereiner 1823 gemachte Erfindung wesentlich verbessert. Döbcreiner fand nämlich, daß der Plattinschwamm durch brennbare Gasarten, die mit atmosphärischer Luft oder Sauerstoff gemengt sind, ins Glühen gerät und diese Gase dadurch entzündet. So ersetzte man den Elcktrophor des Fürstenbergschen Feuerzeuges durch eine kleine Menge Platinaschwamm, der von dem ausströmenden Wasserstoffgas getroffen, das Gas sofort in Brand setzte. Auf der Döbereinerschen Erfindung beruht auch der Effekt unserer Gasselbstzünder, die, auf den Zylinder gesetzt, bei geöffnetem Hahn ein Platinadrähtchen zum Glühen bringen und durch dieses Flämmchen das Gas entzünden. Das alte System des Feuerschlagcns ist von der Metall- warenfabrikation, besonders der deutschen, zur Herstellung kleiner und kleinster Feuerzeuge, in denen der Funke auf einen winzigen Benzin- oder Spiritusbehälter überspringt, in den verschiedensten Formen glücklich verwendet worden. Besonders für die Raucher sind diese kleinen, handlichen Feuerzeuge sehr angenehm im Ge- brauch. Es ist wahrscheinlich, daß die neue Steuer ihnen wieder größere Verbreitung verschaffen wird.£. K. Kleines f euiUeton� Anthropologische?. Der G r e i f f u ß. lieber Verwendung der Füße in Funktionen der Hand schreibt Professor Regnault im Juniheft der„Dokumente des Fortschritts"(Berlin, Georg Reimer): Neue Untersuchungen haben ergeben, daß die Benutzung der hinteren Gliedmaßen zu Zwecken, die wir allein den Händen vorbehalten meinen, noch heute bei vielen Völkern verbreitet ist; nicht bloß die Affen sind dieser Kunst mächtig und nicht einmal bloß Naturvölker. Wir fanden, daß die Indianer DukatanS Geldstücke mit den Füßen aufheben, ja sogar Steine mit ihnen werfen; die Bewohner von Neu-Guinea fassen und brechen Banmzweige mit den Füßen; sie packen die betreffenden Gegenstände zwischen der großen und der folgenden Zehe wie mit einer Zange und halten sie fest oder schleuden sie auch fort. Aber all dieies ist bekannt. Verwundern wird eher, daß auch Kulturvölker, wie die Japaner, die Chinesen und Inder, heute noch den Fuß zu bedeutsamen Tätig- leiten benutzen. Den indischen Handwerkern z. B. dient er in ganz gleicher Weise wie die Hand, welche Methode durch die gewohnte hockende Stellung begründet wird. So hält der Zimmermann die Planke, die er bearbeitet, mit dem Fuß, der Metallarbeiter seine Zange; der Weber läßt durch die Zehen den Faden gleiten, den er webt. Außer diesem praktischen Nutzen, den ihr Maugel an beengenden Schuhen gewährt, ziehen sie auch hygienische Vorteile daraus. Die Angehörigen der breiten Volksllasstn fink6cn Me Segnungen des DarfnggehenS; die der höheren Klassen tragen Sandalen, die aber den Fuß nichl ein- schnür»«. Beim Eintritt in ein Hau» läßt der Besucher die beschmutzten Sandalen an der Türe, wie wir etwa unseren Hut im Vorzimmer lassen. Ein beträchtlicher Prozentsatz von Krankheits- keinicn, die im Staub und Straßenkot vorhanden sind, wird so nicht in die Wohnungen verschleppt. Ueber diesen allgemeinen Gebranch des Fußes in Gleichstellung mit der Hand hinaus gehen aller Orten solche Wesen, welche von der Geburt her oder durch Unfall der Hände überhaupt beraubt sind. Die Wissenschaft hat eine Reihe von Fällen aufgedeckt, in denen der Getreffende gelernt hat, sich der Füße genau so gelenk wie wir der Hände zu bedienen. Ich habe selbst der Anthropolischen Gesellschaft zu Paris einen Mann vorgeführt, dessen Arme durch eine Krankheit in der Kindheit völlig eingeschrumpft sind. Bis zum Alter von 20 Jahren bediente er sich ausschließlich des Mundes, um die Arme zu ersetzen; «s gelang ihm, mit dem Munde so gut zu schreiben, daß er das Amr eines Schreibers ausfüllen konnte. Als er das genannte Aller erreicht hatte, beschloß er, sich aiub der Füße zu bedienen, und er brachte eS wirklich so weit/ eine Reihe von Bewegungen zu erlernen, die ihn zum Auftreten auf der Schaubühne besähigten. Andere Fälle sind noch interessanter, so der des Franzosen Ducornet, der mit den Füßen malte und dessen Bilder der Stolz der französischen Provinzmuseen sind, insbesondere des Museums zu Reims, welches das bekannte Bild„Die Tanzstunde" besitzt. Wie immer man über die Auffassung des Gegenstandes denken mag, das Bild ist durchaus korrekt ausgeführt. Gewiß darf bei alledem nicht vergessen werden, daß der Fuß immerhin nur eine unvollkommene Hand darstellt, da die Zehen niemals in ganz derselben Weise der großen Zehe gegenübergestellt werden können wie der Daumen den übrigen Fingern. Der Fuß dient eher als Zange denn als Hand; er kann zu ähnlichen Zwecken benutzt werden, doch in verschiedener Weise; wird er es, dann voll- ziehen sich übrigens auch anatomische Veränderungen, die ihn in ge- wissem Grade der Hand angleichen können. Er dehnt sich aus wie ein Fächer, d. i. in entgegengesetzter Weise als bei uns, wo er in einen Schuh eingeschnürt ist. Daß der Europäer den Gebrauch des Greiffußes verlernt hat. während er bei den anderen Völkern noch besteht, scheint mir ein Nachteil unserer Kultur. Leicht wäre eS aber noch, ihn zu beheben; denn der Kinderfuß auch unserer Rasse ist durchaus schmiegsam und anpassungsfähig. Richtige Behandlung des Fußes, Vermeidung aller einschnürenden Schuhe. Uebung der Beweglichkeit in planmäßiger Weise würden uns in ihm ein wertvolles Organ zuführen, und dies läge gewiß auch im Sinne unserer Entwickelung. Geographisches. Ueber den Golfstrom im Lichte der neue st en Forschungen hielt Professor Dr. Schott- Hamburg in einer der letzten Versammlungen der Wiener Geographischen Gesellschaft einen Vortrag, der erneut bewies, wie wichtig eine Erforschung der MeereSverhältnisse nicht allein für die Wissenschaft, sondern überhaupt für das Wirtschaftsleben sowohl der seefahrenden wie der Land- bevölkerung ist. Der Golfstrom ist bekanntlich eine jener Mecres- strömungen, die in der Nähe der Tropen durch die dort regelmäßig wehenden warmen Passatwinde erzeugt werden und durch die Umdrehung der Erde in der Hauptsache ihre Richtung erhalten. Gewöhnlich heißt es. daß der Golfstrom in den westindischen Ge- wässern zwischen der Ostküste der Halbinsel Florida, im Südwesten Von Nordamerika und der Westkante der Bahamariffe seinen Ansang nimmt; in Wirklichkeit entsteht er aber bereits in den zentralen Teilen des Atlantischen Ozeans, in den unter dem Namen Sargasso- meer bekannten Regionen, strömt von hier nach Westen, um dann in der Nähe der westindischen Inseln nach Nordosten umzubiegen und sich in verschiedene Arme zu teilen. Wo die Hauptmasse des Golfstroms bei Florida vorbeifließt, trägt er ganz den Charakter eines Festlandstrome» von ungeheuren Dimensionen. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt in der Floridastraße 150 Kilometer pro Tag oder 1,7 Meter in der Sekunde, in besonderen Fällen sogar bis 2,6 Meter in der Sekunde, eine Geschwindigkeit, die z. B. von der Donau bei Wien selbst bei Hochwasser nicht erreicht ivird. Und während diese daselbst nur etwa MV Meter breit und wenige Meter tief ist, bat der Golfftrom in der Floridaenge eine Breite von 8000 und eine Tiefe von 700 Metern I Bietet hier schon die Strömung einen Anhalt für das Vorhandensein des GSlsstromS, so erkennt man ihn in den übrigen Teilen des Atlantischen Ozeans, wo seine Geschwindigkeit bedeutend abgenommen hat, an der auffallenden Wärme und dem hierdurch verursachten Salzreichtum des Wassers. Hauptsächlich sind es fünf Arme, die für Amerika und Europa von großer Bedeutung sind, einer verläuft in nordöstlicher Richtung nach dem BarentSmeer, einer bespült Spitzbergen, ein dritter erstreckt sich nach Nordwesten bis zur Insel Jan Mayen; von den beiden übrigen endigt der eine im Golf von Viscaya, der andere läßt sich durch den Aermelkanal bis weit in die Oftsee hin- ein irttchlveisen. In die Lücken zwischen diesen Strom- zweigen schieben fich von der Polnrzone her verschiedene Kaltwasserzungen, Unter die das salzrcichere und daher schwerere Wasser des GolfstromeS allmählich untertaucht und dann in der Tiefe seinen Weg noch fortsetzt, ivie die Beobachtungen der Temperatur der MeereStiefcn durch die Nordpolexpeditionen der letzten Jahre bewiesen haben. Die Gegenden, in denen Golf- und Polarströmungen zusammenstoßen, sind für die Schiffahrt von be> sonderer Wichtigkeit wegen der hier sich besonders häufig bildenden Nebel, deS Vorkommens von Eisbergen und Packeisniasjen. Vor allem ist aber der Golfstrom von größter Bedeutung für das Klima, die Witterung und danntauch die Entwickelung des Pflanzen- und TierlebenS im nordwestlichen Europa. Der Golfstrom weist nicht in jedem Jahre die gleiche Wärmemenge auf, sondern unterliegt. erheblichen Temperaturschwankungen, deren Periodizität sich bis heute noch nicht nachweisen ließ und die jn meteorologischen Vorgängen inner- halb des Tropengebietes ihre Ursache haben dürften. Natürlich machen diese Wärmeschwankungen sich auch in der Lufttenrperatur über dem Meere und den benachbarten Ländern geltend; daS beeinflußt wieder die Dauer der Schneedecke, den Beginn der Frühjahrsarbeiten, den Ausfall der Ernte usw. Wenn in diesem Jahre der Pflanzenwuchs fast um einen Monat bei uns zurück- geblieben ist, so tragen die Hauptschuld daran die ab- normen Wärmeverhältnisse innerhalb des Golfstromes. So dürfte die Mecresforschung, speziell die Erforschung der Meeresströmungen für die Wetterprognose einmal eine große Rolle spielen. Die Schwankungen in der Wärme und damit auch in dem Salzgehalt des Golfstromes scheinen auch parallel mit den Schwankungen der Erträgnisse der großen europäischen Seefischereien zu gehen. Die Wanderungen zum Beispiel des Dorsch? und Herings sind anscheinend indirekt durch das Vorhandensein bestimmter Temperaturen und eines bestimmteir Salzgehalts des Wassers bedingt; denn das sogenannte Plankton, das die Hauptnahrung dieser Fische bildet, ist seinen ganzen physiologischen Verhältnissen nach einem ganz bestimmten spezifischen Gewicht des Wassers angepaßt, und diese? wiederum hängt ab von der Temperatur und dem Salz- gehalt. Auch hieraus erhellt deutlich die praktische Bedeutung der modernen ozeanographischen Forschung: denn je mehr systematisch der ganze Atlantische Ozean wissenschaftlich untersucht wird, desto mehr wird man in den Stand gesetzt sein, unter anderem auch das Eintreffen und die Verbreitung großer Fischschwärme, den Ort ihres Vorkommens usw. vorauszusagen. Aus dem Pflanzenleben. Wandernde Pflanzen. Daß Pflanzen wandern— schreibt Prof. W. Mignla in seiner„Pflanzenbiologie"(Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig)— ist eine allgemein bekannte Tatsache, in welchem Maße aber solche Wanderungen stattfinden und wie sehr sie die heimische Flora verändern können, ist weit weniger bekannt. weil sich die Veränderungen meist ziemlich langsam vollziehen. Auch hier findet sehr häufig ein Kampf der neuen Eindringlinge mit ganz bestimmten alteingesessenen Arten statt, die gewöhnlich zuletzt das Feld räumen niüsien. So hat die Wasserpest in den siebziger Jahren in raschem Zuge unsere Gewässer erobert und dabei an vielen Stellen die einheimische Wasserflora vernichtet. In der Pfalz, unweit Karls- ruhe tobt zurzeit ein zwar stummer, aber nichtsdestoweniger er- bilterter Kampf zwischen einem alteingesessenen Ackernnkraut, dem Morcurialis annuus und einein aus dxn Hochebenen von Peru zu uns herabgestiegenen, noch viel zudringlicheren Unkraut. ES ist die kleine Gralmsog;a parviflora, ein unscheinbares Pflänzchen mit kleinen Blüten, welches aber in Gegenden, die eS einmal erobert hat. schwer wieder zu verdrängen seiir dürfte. Am liebsten entwickelt es sich auf Gartenland, oder, loic Msrcurialis annuus auf Kartoffeln- und Rübenäckern, die nicht durch wiederholtes Behacken rechtzeitig vom Unkraut freigehalten werden, und hier eben spielt sich auch der Kampf zwischen beiden Pflanzen ab. der immer mehr mit der Zurück- drängung des Mercurialis endet. Wir kennen noch viele andere Eindringlinge, die sich bei uns reichlich auf Kosten der einheimischen Flora entwickelt haben, so die kleine, schattige, ftuchtbare Orte der Ebene bevorzugende Impatisns parviflora, ferner die an Dämmen und namentlich an solchen in Flußtälern verbreiteten Nachtkerzenarten(Osnotbora), das den ödesten Plätzen an Eisenbahndämmen usw. eigene und den letzteren folgende kanadische Berufskraut(Erigeron canadense). Umgekehrt haben sich auch europäische Pflanzen in anderen Weltteilen angesiedelt; fast überall, wo der Europäer hingekommen ist, haben sich beispielsweise Brennesseln eingefunden und das Vor- kommen von Brennesseln an der Küste Grönlands' bei ihrer Eni- deckung in der Neuzeit wird mit Recht als ein Zeichen dafür an- gesehen, daß bereits früher dort Siedelungen von Europäern bc- standen haben. Die Brennessel ist eben eine Pflanze, die in fast jedem Klima fortkommt, wenn ihr nur guter Boden zur Verfügung steht; besonders liebt sie die menschlichen Ansiedelungen mit ihren reichlichen stickstoffhaltigen Abfällen. Auch die Wegevreitarten sind dem Menschen über den Ozean ge- folgt, und der Indianer nennt sie„die Pflanzen des weißen Mannes", weil sie mit dem Weißen immer weiter von Osten nach Westen vor- dringen. Ja an manchen Stellen Amerikas ist die heimische Flora fast verdrängt durch europäische Einwanderer, so sollen um Buenos Aires fast Dreiviertel der dort vorkommenden Pflanzen europäischen Ursprungs sein und zumeist dem Mittelmeergebiet entstammen. Daß solche Masseneinwanderungen den Charakter einer Flora vollständig verändern können, braucht nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanjtalt Paul Singer SiCo., Berlin LV/.