Anttthaltnngsvlatt des vorwärts Nr. 117. Sonnabend, den 19. Juni. 1909 (Kachdruck dervoten.). u] Der Hrbeiter Scbcwyrjoff» Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e w. Autorisierte Uebersetzung von A. V i l l a r d u. S. B u g o w. 13. Es war Nacht, und die ganze Wohnung schlief. Kein Laut kam von außen her, alles war totenstill und in dumpfer Regungslosigkeit erstarrt. Nur die gestaltlose Finsternis wanderte schweigsam durch die Zimmer und schaute auf die schlafenden Gesichter. In Schewyrjoffs Zimmer schimmerte in undeutlichem Blau das offene Fenster. Plötzlich erzitterte Schewyrjoff und schlug die Augen auf. Jemand stand bei ihm. Er hob den Kopf. Gerade vor ihm. am Fußende des Bettes, stand, das Ge- ficht mit den Händen bedeckt, eine weibliche Gestalt. Etwas Geheimnisvolles lag in ihren feinen, schwankenden Umrissen. Und noch bevor die Erinnerung das halbvergessene Bild wach- gerufen hatte, erkannte sie Schewyrjoff durch ein seltsames inneres Gefühl, das in sein Hirn griff und sein Herz zu- fammenzog: Es war die Frau, die er einst geliebt und die dahin gegangen war, von wo es, wie er meinte, für keinen Rückkehr gäbe. „Lisa!" rief Schewyrjoff gleichzeitig in äußerstem Ent- Kücken und Schrecken, während ihm schien, daß ihm das Herz aus der Brust gerisse" wurde. Die Gestalt stand wie vorher, das Gesicht mit den Händen bedeckt; nur begann sie mit dem Nebel, der in Wellen vor seinen Augen wogte, zu schwanken. „Lisa! Woher bist Du?... was ist mit Dir., rief Schewyrjoff noch verzweifelter. Sein Schrei schien ihm durch die ganze Wohnung zu hallen. Aber plötzlich wurde es Schewyrjoff klar: sie kam, weil sie alles voraussah und ihn in übermenschlicher Liebe— der Liebe, die stärker ist als der Tod— in dieser letzten Nacht seines Lebens beweinen wollte. „Lisa, weine nicht!" bat Schewyrjoff. trotzdem er fühlte, daß Worte machtlos seien, daß sie nicht antworten würde und nicht antworten könnte, weil sie in Wirklichkeit nicht existierte. ».Sieh, so habe ich es gewollt, das war der Traum meines Lebens, von dem Tage an, da Du gestorben bist.... Es ist der einzige Ausweg für den Haß, der mich drückt!... Es fixtd keine Berechnungen, keine Theorien, das bin ich selbst ,.. verstehe das!..." Seine Hände streckten sich ihr krampfhaft entgegen, sie griffen in die Luft. Sie trat zurück, ohne die Hände von ihrem kummervoll gesenkten Gesicht zu entfernen. Und unvermutet begann sie irgendwohin zur Seite zu gleiten, schob sich lautlos wie ein Schatten an seinem Kopfe vorbei und verschwand in der Zimmerecke, die für ihn im Dunkel lag. Aber ihm blieb noch Zeit, die dunkle Bluse, dieselbe in der er sie zum letzten Male gesehen hatte, die dünnen Finger und die Haare, in der alten lieben Frisur zu erkennen. Schewyrjoff sprang rasch mit den bloßen Füßen auf den kalten Fußboden. Niemand war da oder konnte da sein. Matt schimmerte das Blau des Fensters, und in sein Licht, das zittrig wie Spinngewebe war, schauten kühl die kahlen Wände des Zimmers. Er trat ans Fenster. Ihm gegenüber stand eine langgestreckte, breite Mauer. Ueber ihr lag der blasse, nächt- liche Himmel: wie schwarze, starke Arme streckten sich ihm eiserne Schornsteine entgegen. --„Eine Halluzination!" dachte Schewyrjoff: und er empfand, wie schwer sein Herz schlug: ein ungeheurer Knäuel schob sich die Kehle hinauf. Er trat an die Tür. betastete sie, als wenn er seinem Verstand nicht mehr traute.. --„Ich bin krank... vielleicht werde ich noch der« rückt?... Man muß dagegen ankämpfen. Ich werde der- rückt! Mein ganzes Denken ist nur das Produkt eines kranken GehunsiT"' Und plötzlich, lautlos und kühl lächelnd, ging er mit festem Schritt zum Bett und legte sich nieder. Es schien ihm, daß er die Augen gar nicht geschlossen hätte und nach wie vor das hell schimmernde Fenster, die kahlen, weißen Wände und die dunkle Tür sähe. Währerlddem jedoch sprach jemand mit eintöniger und lautloser Stimme zu ihm: „Auch Dein Haß, Deine wahnwitzigen Pläne sind nichts anderes als disfelbe große, alles opfernde Liebe, die Du ver« wirfst..." „Das ist nicht wahr!" entgegnete Schewyrjoff mit furcht- barer Anstrengung, wie wenn irgendeine ungeheure Last seine Brust bedrückte.„Das ist keine Liebe... ich will keine Liebe!.. Irgend jemand fuhr jedoch beharrlich und eintönig zu reden fort, mit Lauten, die aus dem Schädel Schewyrjoffs zu kommen schienen: „Ja, es ist wahr... Du liebst die Menschen mit allen Kräften Deines Wesens, Du konntest nicht die ungeheure Masse des Bösen, des Ungerechten, des Schmerzensvollen er- tragen, und Dein lichtes Gefühl, voller Glauben an den schließlichen Sieg, an die Wahrheit jener schrecklichen Opfer, die Du gebracht hast, wurde trübe und krank.... Du haßtest. weil in Deinem Herzen zu viel Liebe ist! Und Dein Haß selbst ist nur Dein höchstes Opfer!... Weil es keine höhere Liebe gibt, als wenn einer seine Seele... nicht das Leben. sondern die Seele für seine Nächsten hingibt!... Erinnerst Du Dich daran? Erinnerst Du Dich?" Die Stimme wurde lebhafter, tönte aber nicht mehr, wie anfangs, aus seinem Schädel, sondern irgendwo in der Nahe. Fremd und lebendig. Und wirklich sprach jemand mit ihm. Mit einem Male erkannte Schewyrjoff, daß am Fußende seines Bettes, in der Dämmerung kaum sichtbar, ein Mensch saß. Ein hageres Profil schwankte, ein gekrümmter Rücken. ein langer, magerer Hals. Schewyrjoff riß die Augen weit auf und setzte sich mit einem Ruck aufrecht hin, „Wer ist da?" Die undeutliche Gestalt rührte sich nicht.... Für einen Augenblick kam es Schewyrjoff vor— das brachte ihm eine ungeheure, freudenvolle Erleichterung—, daß er nur einen zufälligen Schatten, der nicht einmal auf dem Bette, sondern bedeutend weiter, dicht an der Tür saß, erblickt hätte. Die Finsternis täuschte: das Nahe schien fern und das Ferne nah. Selbst das Zimmer dehnte sich aus und zog sich wieder zusammen und drückte mit seinen kahlen Fenstern wie ein Alb auf ihn. Die Finsternis schwieg und lag wie geduckt, um zu lauschen. Schewyrjoff wollte aufstehen und Licht machen, aber noch vor der ersten Regung fühlte er, daß seine Decke von einem schweren Körper niedergehalten ward und daß tatsachlich jemand am Fußende des Bettes saß. Der feine, flüchtige Gedanke an Wahnsinn schoß durch sein Gehirn. „Aber, wer ist da?... Wozu?" brachte er mit Mühe hervor. Jener schwieg. „Wer hat Sie hereingelassen?" rief er noch leiser. Jener drehte langsam den Kopf um, und bei dem schwachen Dämmerlicht erblickte Schewyrjoff ein hageres schwarzes Gesicht mit dunklen Höhlen an der Stelle der im Finsteren unsichtbaren Augen. „Wer?" gab eine Stimme verwundert und beinahe spöttisch zurück.„S i e s e l b st I" „Warum lügen Sie!" rief Schewyrjoff, während er fühlte, wie ihm wahnsinniges Grauen von unten her in den Kovf stieg.„Ich lasse niemanden zu mir herein!" ,> „Doch Sie selbst..." erwiderte der nächtliche Besuch. Schewyrjoff schwieg und heftete seine glänzenden Augen wirr auf den sonderbaren Schatten. „Was wundert Sie eigentlich so sehr?" setzte der Gast. jetzt schon mit offensichtlichem Spott, hinzu. „Ah... das ist wieder nur eine Halluzination.... Ich muß mich wirklich zusammennehmen!" erinnerte Schewyr- joff sich plötzlich und lächelte. Doch mit einem Male wurde das Grauen von Erbitte- rung, fast Haß verdrängt. Diese Gestalt, die ihm so ruhig gegenübersaß, als wenn sie in Wirklichkeit und nicht nur aus, WisWch in seinem kranken Gehirn existierte, ivurde ihm widerwärtig bis zum Aeußersten. Schewyrjoff preßte die Zähne unter dem Aufwallen physischen Ekels zusammen und sagte: „Nun, meinetwegen. Im Grunde sind das— Dumm- heiten! Was wollen Sie?" Er glaubte, das Gespenst werde nicht antworten; er er- wartete es geradezu mit Schadenfreude; es sprach aber in gänzlich lautloser, doch auffällig deutlicher Weise: „Nichts Bejonderes. Führen wir nur das GssPvWH weiter.... Sie müssen Ihren Gedanken klarer ausdrücken." „Hören Sie damit auf. Ich mutz nichts und kann Sie jeden Augenblick loswerden," erwiderte Schewyrjoff hoch- mütig, während er gleichzeitig voller Bestürzung bemerkte, daß er sich mit einem Gespenst unterhielt und daher an dessen Existenz zu glauben schien. Irgendeine Macht hielt ihn fest und erzeugte in ihm gegen seinen Willen die Worte. „Wen stellen Sie denn eigentlich vor?" fragte Schewyrjoff höhnisch: er fühlte, daß sein Spott ihm selbst galt. „Erkennen Sie mich denn wirklich nicht?" „Ach doch!" Plötzlich erinnerte sich Schewyrjoff, wem dieser magere Hals und das schwarze Gesicht gehörte.>,Sie sind ja der Schlosser, mit dem ich im Teelokal sprach..." „Hören Sie auf, noch im Traume zu heucheln," erwiderte der Gast geärgert,„ich bin ebensowenig der Schlosser, wie Sie Schewyrjoff sind. Befehlen Sie, datz ich mich vorstelle, mein Herr Studiosus Tokarjoff?.. „Nicht nötig... weiß schon... habe mich er- innert.. erwiderte Schewyrjoff angestrengt. Kein Name, kein Gesicht war ihm bewußt geworden, und doch beruhigte er sich, als hätte er plötzlich anstatt eines Men- scheu, der ihm in der Finsternis entgegentritt, einfach einen Spiegel und sein eigenes Bild darin erkannt. Die Furcht war jetzt gänzlick» verschwunden, und er fühlte nur schreckliche Müdigkeit und das unüberwindliche Verlangen, irgendeine Last von sich abzuwälzen. „Ich wollte mit Ihnen zum letzten Male sprechen... obwohl es wahrscheinlich ganz zwecklos ist.... Besinnen Sie sichl... Begreifen Sie das Grauenhaste Ihres Vor- Habens.... Sie sind dem schrecklichen Irrtum anHeim- gefallen, daß Haß die Sache der Liebe zu fördern vermag. ,.. Sie, Tokarjoff!" Schewyrjoff verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Sie sprechen noch immer über dasselbe! Ich denke nicht an Liebe.... Ich will nicht davon hören!... Ich hasse nur. Wofür soll ich Ihre Menschen lieben? Weil sie sich wie Schweine gegenseitig auffressen, oder weil sie so unglücklich, schwächlich und dumm sind, sich millionenweise unter den Tisch jagen zu lassen, an dem Dutzende brutalere Schufte sich an ihrem Fleische satt fressen?... Ich will sie nicht lieben, ich hasse sie, die mich mein ganzes Lebenlang bedrückt, mir alles fortgenommen haben, was ich geliebt, woran ich geglaubt hatte.... Ich räche mich.... Machen Sie sich das ein für allemal klar!... Ich hätte mich ebenso an Ihren Un- glücklichen, die genau so wie die Glücklichen das Leben am anderen Ende verpfuschen, gerächt, wenn diese Unglück- lichen nicht so jämmerlich wären und nicht von selbst unter- gingen.... Ich kann nicht leben, aber sterbend will ich daran erinnern, daß sie sich irren, daß sie sich in der Gewalt des ersten besten befinden, der Mut und Verstand genug be- sitzt, um sich von der Suggestion freizumachen.... Ich will Ihnen zeigen, daß es eine Macht gibt, die stärker ist als die Liebe.— der tödliche, unversöhnliche, der letzte Haß..,. Schon gut..." „Aber was wollen Sie— allein tun?" fragte eingeschüch- tcrt der Gast. Schewyrjoff lachte kurz und seltsam. „Erstens will ich überhaupt nichts tun, was ich nicht allein knn kann. Und zweitens, glauben Sie denn, daß ich der einzige sein wcrdeZ,,. Wollen wir abwarten.,., Ab- Wartens"- (Fortsetzung solgt.j) Die färben in der Pflanzenwelt. Vor Jahren galt als Maßstab für den Wert einer Vlume deren Geruch, heute wird schon wesentlich mehr Wert auf die Farben- Wirkung gelegt. Die Blumenzüchter sind heutigentags darauf hinaus, bei den Ncnzüchtungen eine Verbesserung der Farbentönung herbei- zuführen. Diese Umwertung wird hoffentlich über kurz oder lang veranlassen, daß auch der Pstanzenphhsiologe sein Augenmerk auf das Wesen der Farben in der Pflanzenwelt in erhöhtem Maß richtet. Hier gibt es noch manches Geheimnis zu entschleiern, denn allzu umfangreich sind unsere Kenntnisse von diesem Gegenstand nicht. Was wir davon wissen, geht oft nicht über bloßes Beobachten hinaus. Bekannt ist jedem, der nur etwas mit der Pflanzenwelt der« traut ist, daß manche Pflanzenorgane in steter Farbeneintönigkeit auftreten, während bei anderen ein bunter Wechsel bemerkbar wird. Laubblätter, Blumen und Fruchlstände find solche Organe mit schnell wechselnder Farbentönung. Noch ein anderes wird häufig auf- gefallen sein: zu dem an und für sich schon reichen Wechsel der Farbe tritt noch eine bedeutende Veränderung der einzelnen Töne an den einzelnen Pflanzenteilen. In wie unendlich vielen Farben« tönungen von Grün erscheint uns der erwachende Laubwald im Frühjahre, der dann im Sommer ein verhältnismäßig gleichförmiges grünes Antlitz trägt, bis im Herbst das farbenbunteste Blätterkleid angelegt wird. Aehnlicher Wandel ist bei vielen Blüten zu be- obachten, desgleichen auch bei den Früchten. Nur die Stempelglieder gehen von einer ursprünglich lebhaften Farbe zu einer mehr toten über, um schließlich im Stamm und Ast ein in der Farbe eintöniges Bild zu bieten. Wollen wir Mutter Natur nun ein wenig in die Farbentöpf« gucken, so müssen wir das Mikroskop fzu Hilfe nehmen und uns einige Erfahrungen des Chemikers zunutze machen. Das Mikroskop zeigt uns den Zellenaufbau des Pflanzenleibes und im Innern der Zelle die verschiedenen Stoffe, darunter das Protoplasma und den Zellsaft. Und in diesen Stoffen sind die Farbentöpfe zu suchen. Das festere Protoplasma enthält Farbstoffe in festen Körpern, die ohne weiteres beobachtet werden können. Im flüssigen Zellsaft sind andere Farbstoffe gelöst, und deren Anwesen« heit läßt sich nur mittels chemischer Experimente nachweisen, durch Begießen mit verschiedenerlei Säuren. Die größte Bedeutung für die Pflanzenwelt hat die grüne Farbe, die zur Hauptsache in den Blättern sitzt, und deren Träger hierauch am besten beobachtet werden können. Das Mikroskop zeigt uns in den meisten Blattzellcn eine bald kleinere, bald größere Anzahl linsenförmiger Gebilde von lebhast grüner Farbe im Protoplasma eingelagert. Bei genügend starker Vergrößerung sehen wir, daß diese Linsen eine Anzahl öliger grüner Tröpfche" enthalten, die von einer farblosen schwammartigen Masse find. Diese grünen Linsen sind die Chlorophyllkörper, die dem Blatte die grüne Farbe verleihen. Der Färb- körper besteht jedoch nicht nur aus grüner Farbe, dem eigentlichen Chlorophyll, sondern auch au? einer gelben, Xanthophhll genannt. Der Nachweis hierfür läßt sich leicht erbringen. Werden frische Laubblätter mit Alkohol übergössen, so zieht dieser die grüne Farbe aus den Blättern heraus und färbt sich selbst grün. Wenn sodann noch Benzin hinzugefllhrt wird, so wird, nach gehörigem Durch- cinanderrühren, die zunächst trübe Flüssigkeit sich alsbald in zwei Schichten sondern, zu Unterst der grüne Alkohol, zu oberst das gelb- gewordene Benzin. Entstanden sind die Chlorophyllkörper aus den ihnen in der Form ähnlichen Leukoplasten. Diese Gebilde sind in allen Zellen an« gelegt, die sich in der Nähe der wachsenden Pflanzenteile befinden, sie sind farblos und besitzen die Eigenschaft, das Licht stark zu brechen. Sofern diese Gebilde vom Lichte getroffen werden und eS an der nötigen Zufuhr eisenhaltiger Nährstoffe nicht mangelt, färben sie sich grün. Bleibt das Licht fern, so vermögen sich die Leukoplasten höchsten? gelb, aber niemals grün zu färben, die Chlorophyllbildung bleibt dann aus. Weil sich im Frühjahr immer neues Blattgkün bildet(Blattgrün ist lediglich eine Umschreibung für Chlorophyll), erscheint uns der Wald um diese Zeit, in so vielen grünen Tinten. Ist zur Sommerszeit die Blattgrünbildung vollendet, so hat der Wald eine ziemlich gleichmäßige Färbung; wandelt daS Chlorophyll im Herbst sich um, dann prangt der Wald in den herrlichsten ver« schiedenen Farbentönen. Die alternden Zellen lassen ihr Protoplasma immer mehr und mehr in Zellsaft zerfließen. Der Zellsaft seinerseits ist imstande, alle von der Zelle produzierten Stoffe aufzulösen. Schon bevor das Protoplasma ganz zerflossen ist, kommen die Blatt« grüngebilde mit dem Zellsaft in Berührung und werden von diesem unverzüglich aufgelöst; eS nimmt schon bei bloßer Berührung mit dem Zellsaft eine braune Färbung an. Nun kommt das Chlorophyll auch mit dem im Zellsaft gelösten Zucker in Berührung, das wird die Ursache zu einer gelben oder roten Färbung, und dies gibt in seinen verschiedenen Stadien und Abtönungen die herrlichen Herbst- färben. Außer den grünen sind dem Protoplasma auch noch andere feste Farbstoffe eingebettet; eines gelben wurde bereits gedacht, es sind weiter noch gelbrote und rote vorhanden, die jedoch alle nur von untergeordneter Bedeutung sind. Unter den im Zellsaft gelösten Farbkörpern ist das A n t h o« cyan der bedeutendste. Dieser Farbkörpcr ist daS reine Chamäleon; je nach der Zusammensetzung des Zellsaftes ändert er seine Farbe. Ist der Zelliaft sauer, so ist rot, bei Laugenlösungen ist blau die Losung. Ist der Zellsaft weder sauer noch laugenhast, so ist daS Anthocyan violett. Wenn wir eine Blume vor uns haben, die in der Knospe rot ist und im Verblühen zum Blau übergeht, so enthält der Zellsaft erst Säuren und später Laugen. Von untergeordneter Bedeutung sind das Xanthei'n, ein im Wasser löslicher gelber, und das Anthophaeln, ein brauner Farbstoff. Während da-Z Chlorophyll zur Hauptsache in den Blättern dominiert, ist das Anlhocyan der Hauptfarbstoff für die Blumen. Aus den grüne», gelben und roten bezw. blauen Grundstoffen er- stehen nun all die vielartigen Farbenschattierungen, die uns nament- lich in den Blüten so wertvoll erscheinen. Aus der jeweiligen Mischung dieser Grundstoffe ergibt fich die Farbentönung. Die Intensität deS Tones ist abhängig von der Menge der Farbstoffe. In den lichtfarbenen Blumen ist der Farbstoff nur in geringer Menge vertreten, er liegt auch nicht i» den oberen Zellcnlagen, während bei den dunklen Tönen reichliche Mengen von Farbstoff die Zellen füllen und viele Zellenreihen übereinander den Farbstoff enthalten, selbst Oberhautzellen. Bei den weißen Blumen find die Farbstoff führenden Zellen gegen die Außenseiten durch eine Zellenschicht abgeschlossen, die lediglich Luft enthält, und die es verhindert, daß eine Wirkung der Farbstoffe nach außen bemerkbar wird. Aehnlich ist die weiße Farbe bei Blättern und Stenipelteilen zu erklären. Wesentliche Aufschlüsse über die Natur der Blumenfarben ver- danlen wir dem englischen Forscher Sorby, der unlängst gestorben ist. Er hat ein Lebensalter diesem Studium gewidmet und dabei insonderheit mit spektralmikroskopischen Untersuchungen— einer eigenen Erfindung dieses Forschers— wesentliche Entdeckungen voll- bracht. Noch möge hier erwähnt sein, daß die Blumenfarben sich auch künstlich beeinflussen lassen, sei es durch Beifügung gewisser Mine- ralicn zur Erde, in der die Pflanzen gedeihen, oder durch Anilin- färben, die dem Wasser zugesetzt werden, in welchem abgeschnittene Blumen stehen. So sind die grünen und blauen Nelken und Rosen, blaue Tulpen und ähnliches mehr, das hin und wieder in den Schaufenstern von Blumengeschäften zu sehen ist, künstlich gefärbt. Jener Blumenhändler, der derartige Blumen- färben für echt erklärt, macht fich des Betruges schuldig. Um diese gefärbten Blumen sind schon wiederholt Prozesse geführt worden. Auch durch Eintauchen der weißen Blumen in eine Anilinfarbstoff- lösung hat man Blumen gefärbt; so werden seit einigen Jahren regelmäßig im Winter verschiedenfarbige! Narzissenblumen angeboten, die ursprünglich weiß waren. Bei dieser Art gefärbten Blumen wird die Täuschung jedoch leicht bemerkt. Vom ästhetischen Stand- punkte aus ist das Färben der Blumen eine große Geschmacklosigkeit — allein was fragt der Händler danach, wenn's nur Geld bringt. _ Herm. Krasft. popiilar-mcdizimrche Literatur. Nichts ist geduldiger denn Papier. Und hat man das nötige Kleingeld, so kann man schon seine Geistesprodukte drucken lassen, auch wenn sie nur der Ausfluß eines kranken Gehirns oder der kindischen Eitelkeit des Narren sind. So erwächst dem Referenten häufig die Aufgabe, die Leser seiner Zeitnng vor Ankauf und der noch— für den Laien— gefährlicheren Lektüre mancher Bücher zu warnen. Ein Fleischermeister Maas in Koblenz veröffentlicht snatürlich im Selbstverlag I) ein Buch über „Die Tuberkulose. Krebs und dero ähnliche Seuchen, ihre Entstehung. Heilung und Prophylaxe." über hundert Seiten stark, aus tadellosem Papier gedruckt! Der Mann sieht sich zu seiner großen Tat veranlaßt, da er als— Fleischer sich die hierzu nötigen Kenntnisse„am lebenden und geschlachteten Vieh" erworben hat. Das Buch ist sehr zweckmäßig mit einem Briefe„an den Herrn Minister des Innern von Brasilien in Rio de Janeiro" eingeleitet. Unglaublicher Blödsinn auf mehr als hundert Seiten I— Ein anderer Mann hat den„Urstoff" entdeckt, worüber er in einem zweibändigen Werke berichten will. In der ersten Lieferung wahrt er fich gleich das Recht der Priorität für alle Entdeckungen, die aus seinen krankhaften Offenbarungen überhaupt gefolgert werden könnten I Das nur ein paar lustige Beispiele zur Warnung.— Im Verlage für Bollshygiene und Medizin ist als erstes Heftchen einer Serie„Fragen des Lebens" eine lleine Broschüre von Professor Martin:«Die Pflege und Ernährung des Neu- geborenen" erschienen(16 S. Preis 30 Pf.). Die sehr empfehlens- werte Schrift wird jeder jungen Mutter manchen guten Dienst er- weisen und vielleicht um so wertvollere Dienste leisten können, als sie kurz und knapp gehalten ist, nur die wichtigsten Dinge hervorhebt und die Leserin nicht durch eine Flut von Gelehrsamkeit und frommen Ratschlägen zu betäuben sucht. Die Kürze solcher Darlegungen ist uin so mehr ein Vorzug, als je dickleibiger ein Buch heute wird, es desto weniger Chancen hat, gelesen zu werden. In der Broschüre ist auch eine sehr zweckmäßige Tabelle für künstliche Ernährung im ersten Lebensjahr abgedruckt. Nicht zu begrüßen ist ein weiteres Buch au? demselben Ver- läge:„Dr. A. Smith: Die Gefäßentartung(�.rtsrio- sklsroso). Das Buch ist über 200 Seiten stark und als erster Band weiterer Schriften über Herz- und Gefätzkrankheitcn—„neue Wege zu ihrer Beurteilung und Heilung" gedacht. Es ist voll- kommen unzweckmäßig, einen Leidenden mit den verschiedenen Mög- lichkeiten seiner Behandlung weit und breit zu unterhalten, in einem für ihn bestimmten Buche noch gar mit gegensätzlichen Meinungen über andere Behandlungsmethoden zu polemisieren überhaupt dem Leidenden dicke Bücher über seine Krankheit, die zudem noch so chronischer Natur ist. wie die Arterien« entartung, in die Hand zu geben. Pflicht des medizinischen Schriftstellers ist einzig und allein, das Publikum für ein Verständnis von Krankheitsformen vorzubereiten. Er muß das Wesen der Krankheit treffend zu charakterisieren wissen, ohne diejenigen Krankheitserscheinungen, über die nur der Patient Auskunft geben kann, breit behandeln zu dürfen. Er muß die wichtigsten Dinge über Bekänipfung und Verhütung der betreffenden Krankheiten hervor- beben und schließlich die individuelle und soziale Tragweite be- ftimmter Krankheiten erläutern. Dann wird ein ersprießliches. gegenseitiges vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Publikum in allen"Einzelheiten hergestellt werden. Das läßt sich aber alles stets in knapper Form auf wenigen Seiten tun. Der Erfolg der vom„Borwärts"-Verlage herausgegebenen knappen Heftchen über medizinische Dinge zeigt doch zur Genüge, daß damit der richtige Weg eingeschlagen ist.' Gibt man also einem Kranken ein mehr als 200 Seiten starkes Buch über eine einzige in Be- kracht kommende Krankheit in die Hand, mit dem er sich nun dauernd befassen wird— so kann man sicher sein, daß er durch die eindringliche Lektüre des Buches sich zu seiner Arterienverkalkung noch eine Hypochondrie hinzuerwirbt. Solch ein Buch verfehlt eben seinen Zweck: es will den Patienten zum Arzt machen. Und gar noch auf 15 Seiten die Literatur zur Frage zusammengebracht! In einem Buche, das für den Kranken bestimmt ist I Im Verlage von Teubncr ist aus der Serie„Aus Natur und Geisteswelt" ein neues Bändchen über„Die Geschlechts- krankheiten, ihr Wesen, ihre Verbreitung, Bekämpfung und Verhütung" von Professor Schumburg erschienen. Auf 91 Seiten bringt es eine populäre und erschöpfende Darstellung der Geschlechts- krankheiten. Die einzelnen Abschnitte sind im Titel schon genannt. Besonderes Interesse bietet der Abschnitt über die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten dar. Tabellen illustrieren die Verbreitung der Geschlechtskrankheilen in den Städten mit verschieden großer Einwohnerzahl sowie ihre Verbreitung in den verschiedenen Berufen und Klassen der Bevölkerung. Unter den Städten steht an erster Stelle Berlin(mit 142 Geschlechtskranken auf 10 000 erwachsene männliche und 46 auf 10 000 erwachsene weibliche Ein- wohner), an letzter Stelle die Regierungsbezirke mit vorwiegend kleinstädtischer oder ländlicher Bevölkerung(mit wenigstens 3 Geschlechtskranken auf 10 000 erwachsene männliche und etwa 2 auf 10 000 erwachsene weibliche Einwohner). Von den einzelnen Be- rufen stehen die geheimen Prostituierten mit 80 Proz. an erster und die Studenten mit 23 Proz. an zweiter Stelle. Die Arbeiter (9 Proz.) werden nur von den Soldaten(4 Proz.) von der letzten Stelle verdrängt. In der Armee muß der große Vorsprang auf hygienische Maßregeln zurückgeführt werden.— Mit seinem Eintreten für das Kasernierungssystem der Prostitution wird der Verfasser wohl kaum Anklang in sozialistischen Kreisen finden, wenn auch er sich durchaus der Mängel der Kasernierung bewußt ist.— Im An- hang ist das Merkblatt der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten abgedruckt.— Dem Büchlein können wir nur die weiteste Verbreitung wünschen und es allen sehr empfehlen. Es ist aus Vorlesungen hervor- gegangen, die der Verfasser an der Technischen Hochschule in Hannover gehalten hat. Speziell mit der Syphilis befaßt sich ein gutes Schriftchen von Dr. Strauß: Die Syphilis im Lichte neuer orschungen(Stuttgart 1909,„Gegenwartsfragen", Preis 50 Pf.). s werden in knapper allgemeinverständlicher Form auf 30 Seiten die wichtigsten Ergebnisse der Syphilisforschung, die ja in den letzten Jahren so außerordentliche Triumphe gefeiert hat, besprochen. Wer sich für diesen Zweig der Wissenschaft interessiert, wird das Schriftchen gerne in die Hand nehmen. Nicht eigentlich medizinische Fragen, aber doch hierhergchörige Dinge behandelt Pr o f e s s o r Ah r enS in einem Bändchen aus der Serie„Wissenschaft und Bildung" über„Lebensfragen, die Vorgänge des Stoffwechsels"(Verlag von Quelle und Meyer. Leipzig 1907, Preis 1,25 M.). ES werden hier weniger die Stoff- wechselvorgänge, als die einzelnen Nahrungsmittel in ihrer chcmi- schen Zusammensetzung und Bedeutung für den Organismus be- sprachen. Es eignet sich das Bändchen sehr für den, wer ein Hand- liches und kurzes Nachschlagewerkchen für diese Dinge braucht. Es werden besprochen: Fleisch, Eier, Molkcreiprodukte, pflanzliche Nahrungsmittel, Zucker, Stärke, die künstlichen Nährmittel, die Genußinittel(Alkohol, Kaffee, Tee, Kakao usw.). Besondere Kapirel behandeln: die Nahrung und die Ernährung, die Enzyme und ihre Wirkung, Chemie und-Nährmittelbeschaffung, Frischhaltung und Konservierung von Lebensmitteln. Zuletzt noch ein Buch, das sich zur Aufgabe gestellt hat, ein filfsmittel zu sein für die erste Einführung des KindeS in die enntnis vom Getriebe des menschlichen Organismus: Robert Theuer meist er,„Unser Körperhaus. Wie ich mit meinen Kindern über ihren Körper rede"(Verlag von Scheifer, Leipzig 1909, Preis 1,80 M. kart. und 2,40 M. geb. 200 S.). Der Verfasser ist bestrebt, in der Sprache des KindeS zu rclen, greift zur Er- läuterung auf geläufige Beispiele aus dem täglichen Leben zurück und gestaltet die Darstellung durch Anregung der kind- lichen Phantasie manchmal recht lebhaft. Bei dem großen Interesse, daS man augenblicklich in Arbeiterkreisen der Frage nach der Aus- dildung der Jugend(auch in naturwissenschaftlichen Fragen) entgegen- vringt, wird sich das Buch geWitz manche Sympathien erwerben. Ob der Ton des Kindes in der Darstellung richtig getroffen ist, soll der Pädagoge beurteilen. Es sei aber gesagt, daß das Buch vom Kinde allein nicht gelesen werden kann. Auch wird man wohl, wenn man das Buch vorliest, schon über manche Kenntniffe verfilzen müffen, ebenso wie eine Benutzung des Büches ohne er- iläulernde Abbildungen, vielleicht Tafeln, uns nicht den Zweck zu erfüllen scheint. Das letzte Kapitel„Wo kommen die Menschen her?" bezweckt die sexuelle Aufklärung des Kindes. Diesem Kapitel wurde vom Dürer-Bund ein Preis zugesprochen. _ Dr. LipsiuS. Kleines f euilleton. �„Zwei rechte Stiefel.- Ludwig Ganghofer gibt in seinen lFugenderlebnissen, die er in den„Süddeutschen Monatsheften" mit viel Laune und guter Beobachtung erzählt, einen netten Jugend- streich wieder. „Im Sommer einmal, da hatte ich neue Stiefel, die mich drückten. Unter der Schulbank zog ich den reckten Stiefel herunter, um dem schmerzenden Fust ein bißchen Lust zu vergönnen. Der verwünschte Kerl, der hinter mir saß. merkte die Sache und gab d«n Stiefel einen so kräftigen Fußpufs, daß die lederne Lokomotive durch alle Bankreihen hinausfuhr und pumpernd gegen den Ka- theder schlug. Profeffor Loher guckte mißbilligend aus seiner Höhe hmunter, ließ den Stiefel unter sein Pult stellen und sprach:„Wenn die Unterrichtsstunde zu Ende ist, werden wir das weitere sehen!" Mir wurde schwül. Und weil mein Banknachbar ein Sdadtstudent war, der nicht weit vom Gymnasium wohnte, tuschelte ich:„Du! Verlang hinaus und hol mer en Stiefel." Räch fünf Minuten trwr der Stiefel richtig da— aber es war nicht der rechte, den ich brauchte, sondern ein linker. Ich kam aber doch hinein. Mit festem Willen vermag der Mensch auch naturwidrige Hindernisse zu überwinden. Unter wachsenden Schmerzen erwartete ich den Schluß der Schulstunde.„Sssso!" sagte Professor Loher und stellte fich vor die erste Bank.„Heraus zetzt. einer nach dem anderen!" Wer zwei Stiefel an den Füßen hatte, durfte fortgehen. So leerte fich Bank um Bank. Als ich heraustrat, machte Professor Loher auch bei mir den entlassenden Hcmdwink. Ich wollte rennen. Aber da fiel ihm plötzlich etwas auf.«Ganghofer! Halt!... Du hast ja zwei linke Stiefel an!" „Ja, Herr Professor, weil.,. weil ich zwei linke Füße Hab. „Gut! Weiter!" Ich machte flinke Beine. Und ein Viertelstündchen später er» fuhr ich, daß Professor Loher. als der letzte mit zwei Stiestln auS der hintersten Bank heraustrat, unter Kopfschütteln sagte:„DaS ist aber doch ganz unerklärlich...". Am anderen Morgen, vor Beginn des Unterrichts, gab Pro- fessor Lober diese Erklärung ab:„Um auf die Sache von gestern zurückzukommen... wenn einer von Euch zufälligerweise zwei rechte Füße haben sollte, kann er den überzähligen Stiefel beim Pedell in Empfang nehmen." Dabei sah er mich an— und schmunzelte ein bißchen. In der nächsten Turnstunde, als ich einen tüchtigen Sprung über die Hochschnur gemacht hatte, sagte er: „Schade! Um wieviel höher würdest Du noch springen, wenn Du keine Mißgeburt wärst! Aber zwei linke Füße..." Er zog mein Haardach an seine Brust und versetzte mir eine Kopfnuß, die ich am anderen Tage noch spürte. Archäologisches. N e b e r die neuen Funde in Antinos(Aegypten) be- richtete dieser Tage der Leiter der Expedition, der bekannte«egyptologe G a y e t, im Pariser Museum d'Ennerh. Wenn im Wfiner 1909 auch kein Kmfflwerk vom Wert der im vorigen Jahre ausgegrabenen Tänzerin mit dem Spiegel zutage gekommen ist. so ist der dies- malige Hauptfund, das K l a g e w e i b I s a d o r a, von besonderer archäologischer Bedeutung. Sie führt uns in die Riten des Toten- kults ein. Wir wissen, daß das Klageweib im Leichenzug unmittelbar der Mumie folgte, die nach ihrer letzten Wohnung getragen wurde. Sie trug die Flechten ihres schweren Haares über dem Gesicht, was Berzweiflung ausdrücken sollte, ihre Hand bot dem Himmel, d. h. der Sonne und der Gottheit, die toiederbelebenben Tränen dar. Hotten doch die Tränen der Ist? den von seinem Bruder getöteten Osiris erweckt, wie es die Legende und der Roman von den feindlichen Brüdern lehren. Im Museum d'Ennery. Ivo jetzt die Funde ausgestellt sind, sieht man das Klageweib Jsadora, in die fieben Schleier der Göttin gehüllt. Auf. dem Kopfe trägt sie die „Krone der Rechtfertigung". Der Roman von den zwei Brüdern erzählt, daß die Frau Anobu den Osiris zu verführen suchte und weil er ihr Widerstand, ihn deS unerlaubten Begehrens beschuldigte. Er wurde getötet, aber aus dem toten Gott erwuchsen zwei Stiere. Die Frau ließ sie töten, aber ans ihrem Blut keimten Persea. Sie ließ auch die Perseabäume umhauen, aber aus den Blüten entstand HoruS, der Gott der Erneuerimg. Die Verse« ist der Lebensbaum, der JfiS am Ufer deS Jenseits schützt, wenn sie die Seele deS Verstorbenen empfängt. Darum sieht man der Mumie zu Füßen zwei Stierköpfe. Die Mumie der Jsadora hat sieben Lampen und vier kleine Träneuurnen neben sich. auf. denen man das.Üdscha". das mystische Auge sieht, das gegen bösen Zauber schützt.— Daneben sind andere Mumien ausgestellt, barunter die einer anderen Jsispriesterin, die auf dem Geficht und auf der Brust die vorgeschriebenen Bergoldungen trägt, die den Erwählten gleich dem Licht leuchten machen sollten. Ferner enthält die AuS- stellung eine Menge anderer Fundgegenstände. Einen Stoff zeigt über- raschcnderweise eüie Tänzerin in ausgesprochen indischem Stil. Daneben findet man ein christliches Priester-, vielleicht Bischofskostüm mit einem Kreuz auf dem violetten Grunde des Gewandes, dem Gürtel, den Sandalen, einem mit Leder garnierten Einsiedlerstab. Antinoe war eme griechisch-ägyptische Stadt, die ziemlich weit in die christ- liche Periode hinein blühte. Ein in der Sammlung enthaltenes Elfenbeinetui und ein Etui aus Schiistohr stammen aus dem dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Aus dem Tierlebe«. UeberNutzenundSchaden derTiere.-) Die Natur kennt nicht das, was wir als Nutzen und Schaden bezeichnen, sie kennt nur Werden und Vergehen. Dem kleinen schwachen Anfang eines aus dem Ei oder Samenkorn entstehenden neuen Lebens folgt die EntWickelung des Individuums zu individueller Macht und Stärke; es kämpft den Kampf des Lebens, bis es früher oder später vom Tod ereilt wird. Von Nutzen und Schaden kann man nur sprechen, wenn man die mannigfachen Aeußerungen des tierischen Lebens in Beziehung fetzt zu den Interessen des Menschen. Da dieser nun Wert darauf legt, in seinem modernen Wirtschastswalde Holz von bestimmter Art und Qualität in gewissen Zeiträumen zu erziehen, so wird er das Tun und Treiben der Waldbewohner mit kritischen Blicken betrachten, ihre Lebensweise erforschen und zu dem Urteile kommen, daß diese seine Bestrebungen hemmen, ihm schädlich sind, daß jene dagegen den Schädlingen nachstellen, wcs- halb er sie für nützlich hält, während viele andere ihm gleichgültig und wirtschaftlich bedeutungslos erscheinen. Dabei ist z« beachten, daß bei dieser Beurteilung gar zahlreiche Fehler unterlaufen, so- wohl bei der Beobachtung, als auch solche der Schlußfolgerung. Vor allem kommt es darauf an, das beobachtete Tier so zu er- kennen, daß die Artbestimmung ohne jeden Zweifel erfolgen kann. Dies ist häufig nicht leicht, wie jeder gerne bestätigen wird, der die Sänger(Shlvien) nach ihrer Gestalt bestimmen will oder der den Schrei- und Schelladler unterscheiden soll. Die vielen Arten der Fliegen und Wespen im weiteren Sinne auseinanderzukennen, ist nur den Spezialisten möglich, und selbst bezüglich der Käfer und Schmetterlinge erstreckt sich unsere Kenntnis in der Regel nur auf wenige, höchstens zwei oder drei Dutzend Arten. Ist es also an und für sich nicht leicht zu sagen, dies oder jenes Tier sei beobachtet worden, so ist es noch schwieriger, die Beobachtung des Tieres selbst fehlerfrei zu machen, so daß jeder Zweifel aus- geschlossen ist. Wer wollte mit Sicherheit behaupten, der aufbäumende Raub- Vogel trägt eine Maus oder eine Spitzmaus in den Fängen? Und was nützt eS, wenn man tatsächlich erkannte, daß es keine Spitz- maus ist? Welche Maus ist es nun? Lebt nicht jede in eigen- artiger Weise, ist ihr Vorkommen nicht von gewissen Umständen abhängig und wiederum bei den Mäusen vielfach doch so gleich- artig, daß aus den Rebenumständen die Spezies der gefangenen Maus nicht zu bestimmen ist? Aber wenn man auch diese Ungewißheit ganz außer acht lassen wollte, so ergibt fich für die Beurteilung noch eine weitere Schwierigkeit, nämlich jene der Schlußfolgerung bei der Beurteilung des Nutzens oder Schadens eines Tieres. Wir beobachten, wie der Trauerfliegenfänger am Rande des Buchenwaldes eine Fliege erhascht und verzehrt. Fragen wir uns, ob der dadurch nützlich oder schädlich wurde?„Sicherlich nützlich, denn die Fliege ist Ungeziefer, höre ich sagen. Weit gefehlt: War die Gefangene eine Tachina, so war sie dem Forstmanne nützlich, da sie als Larve in einer Raupe lebte und mit ihren Eiern zahlreiche Raupen, welche Buchcnblätter vernichten, belegt hätte, wenn sie nicht vorzeitig weggeschnappt worden wäre. War sie eine Schmeißfliege, so war sie ebenfalls nicht schädlich, denn draußen im Wald ist sie nicht in der Lage, das Fleisch in der Speisekammer mit ihrem Geschmeiße zu belegen, wohl aber den toten Maulwurf oder den toten Vogel. Hier aber arbeiten ihre Larven im Vereine mit Bäk- terien und anderen, zumal Käferlarven, emsig, und nicht lange dauert es, so ist der Kadaver aufgezehrt, das stinkende Aas ver- schwanden. Demnach wäre ia der Fliegenschnäpper gar nicht so nützlich. wie allgemein angenommen wird? Das ist er tatsächlich nicht, und darin besteht der große Fehler bei Beurteilung der Insekten- und Vogclwelt, daß alle Insekten— mit wenigen Ausnahmen— für schädlich, alle insektenfressenden Vogel für nützlich gehalten werden. Tatsächlich liegen die Verhältnisse so, daß in der Lebens- gemeinfchaft, welche wir Wald nennen, jedes Tier, d. h. jede Spezies und auch jedes Individuum, eine Rolle spielt. Es füllt seinen Platz aus und trägt zur Erhaltung dieser Lebensgemein- schaft bei, mag dieselbe im Laufe engerer oder weiterer Zeiträume noch so großem Wechsel unterworfen sein. *) Diese Ausführungen entnehmen wir dem im Berlage Strecker und Schröder in Stuttgart erschienenen Buche„Tierlcben des deutschen Waldes" von Dr. Karl Eckstein.(Geheftet 1 M., gebunden 1,40 M.) fmnlaoiti. Redakteur: Haus Weber, Berlin, Druck u, Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u.Verlagsaiistalt Paul Singe: S-Ts-BerliuLW,