Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 119. Mittwoch, den 23� Juni. 1909 ——■——"B- (Nachdruck verboten.) 161 Der Hrbcitcr Scbewyrjoff, Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e w. Autorisierte Uebersetzung von A. V i l l a r d u. S. B u g o w. 12.... Aladjew wurde durch die schrille Glocke, die in seinem Zimmer selbst zu läuten schien, aufgeschreckt. Aus Gewohn- heit griff er zuerst nach der Zigarette, aber im selben Augen- blick beklemmte etwas sein Herz, und während er nach den Streichhölzern tastete, hob er den Kopf und lauschte. In ihrer Kammer rührte sich die Maksimowa. Man hörte, wie sie gähnte, mit dem Unterrock raschelte, an etwas anstiesi und mit blosien Sohlen den Korridor entlang schlürfte. „Wer ist da?" hörte Aladjew ihre schläfrige, mißmutige Stimme. „Ein Telegramm?*) Für wen ein Telegramm?" fragte die Maksimowa Wahrscheinlich wurde ihr geantwortet, aber so leise, daß man nichts verstehen konnte. Aladjew erhob sich schnell und setzte sich auf. „Dal" schoß es wie ein Blitz durch sein Gehirn, und ein ganzer Wirbelsturm von Bildern und Vorstellungen raste durch seinen Kopf. Das kleine Paket und die Papiere, die ihm dys Männchen mit dem Habichtsgesicht zurückgelassen hatte, standen plötzlich vor seinen Augen auf und wuchsen zu etwas grauen- Haft Kolossalem heran. Fast wollte er rufen, daß man die Tür nicht öffnen solle: er sprang auf und stürzte in den Korridor,— aber mit unabwendbarer Klarheit ertönte da das eiserne Knirschen des zurückgeschobenen Riegels und das unter- drückte Stampfen vieler menschlichen Füße, die in schweren, cisenbeschlagenen Stiefeln steckten. Mit einem Male schien die ganze Welt erwacht zu sein und in schreckhaft grellen Farben, Rufen, Pfiffen aufzublitzen. In bloßem Hemd, lang, hager, mit ungeheuren Händen und Füßen, begann Aladjew krampfhaft im Zimmer umherzu- jagen. Alles darin war plötzlich hell geworden. Eine Minute vorher hatte es, wie er glaubte, noch vollständig im Dunkeln gelegen: doch jetzt, im bläulichen Schimmer des Tagesanbruches, wurde alles deutlich erkennbar: der Tisch mit der unvollendeten Arbeit, die Zigaretten darauf, die Stiefel unter dem Bett, die Bilder an den Wänden. Alles so schlicht, be- kanmt, so gewöhnlich und lieb. „Aber zu wem wollen Sie denn?" fragte erschrocken Mak- simowaS zitternde Stimme. Was ihr geantwortet wurde, war nicht zu hören, nur stieß die Alte einen Aufschrei aus und schlug die Hände zu- sammen. Ein Hagel schwerer Schritte rumorte gleich darauf im Flur. Aladjew stürzte zur Tür und drehte, ohne sich über den Grund Rechenschaft zu geben, den Schlüssel lautlos im Schloß um. Dann sprang er zum Tisch, ergriff das Paket, das ihm wie ein tausend Zentner schwerer Stein vorkam, hielt es einen Augenblick lang in der Hand und stürzte mit ihm ans Fenster. — ES explodiert— ganz egal,. dachte er, vor dem geöffneten Halbfenster stehend, durch das ihm die zärtlich frische Morgenluft entgcgcnhauchte.„— Ganz egal— später kann man es ableugnen...." Fieberhaft rannte sein wirres Denken umher, er schob das Paket durch den Gucker, und die Bombe hing einen Augenblick über dem vier Stock tiefen Schlund des Hofes. Aladjew hatte fast schon die Finger geöffnet, als plötzlich ein neuer Gedanke durch sein Gehirn schlug: er war so entsetzlich und auswegs- los. daß Aladjew wie ein verwundetes Tier aufstöhnte. �•)„Ein Telegramm I" ist die gewöhnliche Antwort auf die Frage des Wohnungsmieters, wenn die russische Polizei nachts an einer Wohnung läutet, um eine Haussuchung vorzunehmen. D. Ueb. „Was tu ich,.. die Papiere, die Adressen?.-- Sie würden doch auf dem Hofe zusamniengesucht werden!. �* Verbrennen?,-» Keine Zeit mehr. „Dann also... selber untergehen, um andere zu retten? ... Aber, ich hatte es ihnen doch gesagt! Ich habe sie ge- beten, sie sollten mich in Ruhe lassen. �». Was für ein Recht haben sie jetzt, auf mich zu rechnen! Die ganze Wohnung war erwacht. Irgendwo fingen Kinder zu weinen an. jemand erschrak: es wurde geseufzt. Im Nebenzimmer bei Schewyrjoff, wurde laut gesprochen, mit den Möbeln geklappert, geschimpft. „Wirklich ausgerückt! Was da noch. V- Ist wohl zum Nachbar hinübergelaufen. Euer Wohlgeboren-.. hier ein Student... Hol's der Teufel-- So nimm doch die Flinte beiseite. Satan, schießt einen mir nichts dir nichts tot!" Zu Aladjew drangen kalte, wütende Stimmen herüber. Plötzlich klopfte jemand an seine Tür. Mit so sicheren! und gleichzeitig korrekten Schlägen, daß Aladjew durch die geschlossene Tür den Klopfenden zu sehen glaubte: einen Höf- lichen, zuvorkommenden Polizeioffizier mit glatten Manieren und schonungslosen, durchsichtigen Augen. Da sprang er. während er sich bemühte, keinen Lärm zu machen, vom Fenster zurück, legte das Geschoß auf den Tisch, ergriff es wieder, ließ es um ein Haar fallen und schob es unter die Matratze. Sckiob es hinunter und erhob sich dann, die langen, kräftigen Arme kraftlos gesenkt. Es wurde abermals gegen die Tür geklopft. „Seien Sie so gut, öffnen Sie auf eine Minute!" ertönte eine unbekannte Stimme, die einschmeichelnd und doch un» heimlich klang. Aladjew antwortete nicht. Der alte, mit der Muttermilch eingesogene und das ganze Leben hindurch entwickelte Haß gegen diese Leute riß ihn fort. Und ohne sich selber über seinen Entschluß Rechenschast zu geben, kniete er vor dem schwarzen Ofenloch, aus dem ihm der Geruch kalter Asche ent- gegenkam, nieder. Mit furchtbarer Schnelligkeit zerriß er den Bindfaden des Pakets und begann die Papiere in Stücke zu reißen. Der Ofen knarrte klagend mit dem eisernen Türchen, das Papier knisterte anscheinend durch das ganze Haus. „Machen Sie auf. sonst brechen wir die Tür ein!" schrie eine eisige, wütende Stimme. Jetzt standen wahrscheinlich schon mehrere Menschen an der Tür: plötzlich wurde mit aller Kraft dagegen geschlagen« „Sie kommen mir zuvor!" schoß es durch Aladjews Hirn. Und er sah alle vor sich, deren Schicksal und Leben davon ab- hing, ob ihm die Vernichtung der Papiere gelänge, ob er sie preisgeben oder sich aufopfern wolle. Die ganze riesenhafte Arbeit, in der die lichte Selbsthingabe Hunderter junger und reiner Seelen steckte, zog in einem Augenblick an ihm vorüber, Dutzende bekannter Gesichter schienen ihm voll Hoffnung in die Seele zu blicken. Er fühlte sich selbst klein und unbedeutend« „Nun, was denn?" sprach gleichsam in der Tiefe seiner Seele eine warme Stimme, voll Tränen und Entzücken.„Mag es so sein... lieber ich als..." Man drängte sich gegen die Tür. als standen nicht Men- schen hinter ihr. sondern eine ganze Horde wilder Tiere. „Mach doch enMich auf! Was soll das denn! Ergilü Dich," dröhten Stimmen..,«« Plötzlich überkam Aladjew wilde, kalte Wut. Er hatka den Wunsch, sie zu überbrllllen, zu singen, zu pfeifen, sie mit den unflätigsten und tollsten Schimpfworten zu bewerfen. Er wußte selber nicht, wann und wie ein schwerer Re- volver in seine Hand kam. Wahrscheinlich hatte er ihn mit aufgegriffen, als er die Papiers vom Tisch nahm. „Ergib Dich!... Ach was, schlag die Tür ein« Drücke zu!"*- „Hol Euch der Teufel. Eure Mutter Hab ich gebraucht!"')! brüllte Aladjew wie toll, indem er sich der Tiir zuwandte: dabei zerriß er noch immer, wenn auch instinktiv, die Papiere in Fetzen. Plötzlich krachte die Tür. Ein schwarzer breiter Spalt klaffte auf ihrer weißen Oberfläche. Holzsplitter flogen herab, •) Gewöhnliches russisches Schimpfwort. 5er Schlüssel fiel klingend" auf den_ Fußboden. Mehrere Stimmen begannen zu brüllen, und ein schwarzer Schatten, vor dem trübe ein Gewehrlauf aufblinkte, schob sich durch den Spalt herein, Aladjew feuerte,.. Ein gelber kurzer Blitz zuckte, jemand schrie durchdringend Und stürzte schwer rückwärts in den Korridor. „Halt ihnl Halt ihn! Feuern!" brüllte es vielstimmig. Aladjew hockte auf den Zchen, mit wirrem Haar, im Hemd; seine Augen glänzten wie irrsinnig, und seinen langen Arm nach dem schwarzen Soalt in der Tür ausstreckend, schoß er einmal nach dem anderen. Er wußte nichts mchr und empfand nichts mehr als wildes elementares Grauen und schüttelnden Haß, jenen unmenschlichen Haß, mit dem man ein giftiges Ungeziefer zertritt, einen Feind mordet, ein Opfer erdrosselt. Plötzlich prasselte ihm aus dem vollen schwarzen Schlund der Tür Feuer entgegen. Klirrend schlug das Tür- cheu des Ofens zu, ein Bild siel vom Nagel, und weißer Staub rieselte von den Wänden herab. Aladjew sprang zur Seile, drückte sich an die Wand, glitt sie, sich windend, entlang und kam so bis an die Tür. Das Feuer der Schüsse schlug ihm gerade ins Gesicht, aber, mit einem Satz an der Tür, steckte er den Revolver in den Spalt und feuerte zweimal gegen Körper, die er mit der Waffe fast berührte Ein Schrei betäubte ihn. Tie Schüsse hörten auf: ein Mensch stöhnte mit reißenden, zähen Seufzern. „Aha!" schrie Aladjew mit unglaublicher Wonne, im ganzen Körper quälende Freude, bereit, ohne Ende zu schießen und zu töten. „Halt! Er wehrt sich Gehe nach dem anderen Zimmer herüber," schrien mehrere Stimmen, .(Fortsetzung folgt.ss Das Slenä imä der Hufrubr 21 in Schlcfun* Von Wilhelm SBolff,*) Die jungfräuliche Gestalt der Gewerbefreiheit wurde zwar nicht von den Privilegierten, Zünften, Innungen und Zwangs- berechtigten, aber von der übrigen Menge mit Freuden begrüßt. In der Stadt wie auf dem Lande konnte nun jeder, ohne ein Meisterstück zu liefern, ohne eine„Gerechtigkeit" zu kaufen, sein Handwerk ausüben. Der ganz natürliche Drang, möglichst schnell selbständig zu werden, einen eigenen Herd zu gründen, lockte, nebst dem Sprichwort:„Handwerk hat einen goldenen Boden", eine Menge junger Leute zur Ergreifung eines solchen. Man zahlte nur Gewerbesteuer, in der Stadt etwa noch fürs Bürgerrecht und — man war fertig. Allein, es zeigte sich bald, daß, wenn die Zünfte als Monopole nur eine gewisse Zahl mit der Bedingung einer ge- wissen Summe hereinließen und alle übrigen, die kein Geld hatten oder der Gunst entbehrten, ausschlössen, mochte aus ihnen werden, was da wollte, die OewerbefreiHdt nicht mehr und nicht weniger als auch auf ein Monopol hinauslief, und zwar auf das Monopol des Kapitals im Bunde mit der Spekulation. Diesen war jetzt die Herrschaft bloß leichter gemacht; früher gehörte noch ein Meister- stück, Kenntnis des Gewerbszweigcs und etwas Nepotismus, ein bißchen Patriziertum und dergleichen dazu; jetzt war die ganz freie Rennbahn eröffnet. Es ist unschwer einzusehen, daß in einem Kampfe der gefesselte oder waffenlose dem frei-rührigen, wohl- gepanzerten und stark bewehrten Streiter unterliegen muß. Dem ersteren gleicht der auf seiner Hände und seines Geistes Arbeit allein und lediglich Angewiesene, während der Kapitalist, der die Mittel und Werkzeuge zur Produktion befitzt, den zweiten rcprä- sentiert. Der bloße Handwerker, der Krämer, der Kleinhändler, der sogenannte Mittelstand, fand sich nach und nach von den reichen Kapitalisten, von den Handelsherren en gros, von den Fabrikuntcr- nehmern zu seinem Erstaunen nicht bloß überflügelt, sondern in die schnödeste Abhängigkeit versetzt— mit so gewaltigen Mächten war eine vorteilhafte Konkurrenz auf die Dauer unmöglich. Man ward Lohnarbeiter für einen vom hohen Gebieter bestimmten Preis. Ward der Lohn verringert, es blieb nur die Wahl, nach dem niedrigen Satze fortzuarbeiten oder zu— hungern. An Bewerbern um Arbeit fehlte es nicht. Die Bevölkerung wuchs und wächst von Jahr zu Jahr. Die unterste"Klasse der Proletarier nahm auch in Städten auffallend zu. Häuser- und andere Bauten zogen im Sommer die wenig verdienenden Leute vom Lande herein. Kam der Winter und versiegte die Arbcitsquelle.— man war ein. mal da, man blieb. Die Mädchen und Knechte begaben sich nach der Stadt auf Dienst; sie machten es billiger und gingen nicht wieder zurück. Daneben Steigung der Miete, der Holz, und Lebensmittelpreise. Wo die Akzise beliebt ward, außerdem noch eine Ueberbürdung des Armen zugunsten des Reichen. Denn wäh- rend der letztere sichs mit seinen gebratenen Gänsen, Enten, Fasanen, Kapaunen, Rebhühnern, Krammetsvögeln, Hasen. Rehen und Hirschen, für die er keine Steuer zahlt, wohl sein läßt, muß der Arme für sein bißchen Schweine- oder Rindfleisch erst dem Staat und der Kommune abgeben. Ja, hier in Breslau entrichtet der Arme für das Brot, was er ißt, zugleich für den Reichen, der Semmel, Kuchen usw. vorzieht, die Steuer mit. Denn Breslau hat den Zuschlag, den jede Kommune bis auf die Höhe von bv Proz, zu erheben berechtigt ist, für Weizen und Roggen ganz gleichgestellt, da doch die Semmelesser gewiß eher die Zuschlagssumme aufbringen könnten als die bloßen Brotesser. In den Stadtkounnunen mehrte sich nun die Zahl der hilflosen Armen. Das Armenwesen lag und liegt noch an den meisten Orten im argen. Trotz der immer größeren Summen, welche dieser Zweig jährlich erforderte, wurde wenig Ersprießliches damit ausgerichtet.„Bloß uicht sterben", er- gab sich etwa für den Armen noch als günstigstes Resultat. Die Schuld liegt gleichwohl nicht an der Art und Weise der Armen. pflege, sondern in unseren ganzen Zuständen. Die ganze Gesell. schast ist samt ihrer Grundlage verurteilt und gerichtet, solange überhaupt noch eine„Armenpflege" existiert. In der Stadt wie auf dem Lande vermehrte Bedürfnisse. Der Handwerker und Ge. schaftsmaun mußte seiner Kunden, des äußeren Scheines wegen, um mit seinen Rivalen gleichen Schritt zu halten, vieles feiner ein- richten, sich besser kleiden usw. Selbst viele Herrschasten verlangen ausdrücklich von ihren Dienstboten, daß sie sich immer nett und -nach etwa» aussehend" herausputzen, weil sie dem Hause Ehre machen müssen. Da wollen die anderen auch nicht zurückbleiben, Die Gewerbefteiheft war die letzte Stasiel, auf welche sich das Privateigentum stellen mußte, damit seine unheilvollen Konse- quenzen selbst dem gewöhnlichsten Verstände klar werden könnten. Ter Handel nach dem Osten ging mehr und mehr ein; der russische Schwager mochte in diesem Bezüge nichts von Verwandtschaft wissen; die sonst blühenden Grenzstädte verfielen; die Tuchmanu- kok cur, wie viele andere Zweige sanken zusehends. Die Kapitalisten hörten deshalb nicht auf, gute Zinsen zu beziehen; gings nicht auf dem Wege, so wußten sie auf einem anderen sich schadlos zu halten. Nur die Handwerker und andere Arbeiter verloren.— Der sonstige Flor unserer Leincnindustrie fing an zu schwinden; die Konkurrenz anderer Länder trat uns in den Weg; ein Teik unserer Kaufleute begann, unsolide Waren zu liefern, er sandte wohlfeile, aber schlechte Leinwand auf den Weltmarkt und war zu. frieden, wenn er durch unreelle Bedienung seinen Gewinn in die Tasche stecken konnte. Die Flachskultur blieb ziemlich stehen, wo sie sonst gewesen, d. h. sie blieb schlecht. Die zahlreichen Spinner. welche im flachen Lande wie im Gebirge ehemals einen zwar ge- ringen, aber sicheren Verdienst hatten, fanden nur noch zu solchen Preisen mit ihrer Ware Absatz, daß sie oft nicht mehr das Salz in die Suppe gewannen. Die Spinnrädchen wurden nicht verbessert; man bediente fich fortwährend der alten. Das Ausland spann unterdes mit Maschinen; es spann viel und wohlfeil. Nun bauten wir auch Maschinen und machten vollends eine Menge Spinner. Hände überflüssig. Daneben traten Baumwollenwaren vielfach an die Stelle der Leinwand. Mindestens ebenso nachteilig als auf die Spinner wirkte die neue Gestaltung der Dinge auf die Weber ein. Die Nachkommenschaft eines Webers war von jeher gleichsam vorausbestimmt, wieder am Webstuhl zu sitzen, und wenn sonst noch einige Mitglieder der Familie sich durch Spinnen �ernährt hatten, siel dies hinweg oder brachte nichts ein. Die Bevölkerung mehrts fich, mit ihr der Begehr nach Arbeit, deren gerade immer weniger und täglich minder lohnend wurde. Die kleineren Kaufleute, denen nur unbedeutende Kapitalien zu Gebote standen, richteten wenig mehr aus. Die Macht über die Weber konzentrierte sich in den Händen der reichen Fabrik- und Handelsherren. Von ihnen mehr und mehr abhängig, sah sich der Weber gezwungen, für einen Lohn zu arbeiten, welcher ihn mit den Scinigen am Hungertuche nagen hieß. Aber die Reichen gewannen, wie immer, und wurden immer reicher, während der Arme stets ärmer wurde, stets tiefer in Armut und Sklaverei versank. Die Klagen der Weber bezogen sich übrigens weit weniger auf Arbeitslosigkeit als auf den jäinmerlichcn Verdienst, den die angestrengteste Arbeit eintrug. Aber nicht genug, daß fortwährende Herabsetzung des Lohnes die armen fleißigen Menschen in täglich größeres Elend stürzte, es wurden auch von vielen Fabrikanten unzählige Mittel angewandt, es ihnen unmöglich zu machen, sich aus den Händen derer zu befteicn, die an ihrem Schweiß sich bereicherten. Der Weber mußte, weil er selbst von Mitteln entblößt war, das Garn vom Fabrikanten«nt- nehmen und ihm die fertige Leinwand verkaufen. Da der Weber stets für das Garn fich iin Vorschuß befand, so war er dem Fabri- kanten schon dadurch in die Hände gegeben. Andere, die gerade noch das Garn anzuschaffen imstande waren, erlangten doch keinen besseren Preis. Denn schrieb der Fabrikant letzteren unver« tilgbar auf das Stück oder machte sonst ein Zeichen, daß es bereits angeboten worden, so war der Weber, selbst wenn er nicht von der Not zum augenblicklichen Verkauf gedrängt worden wäre. gleichwobl nachzugeben genötigt. Oftmals bin ich im Winter solchen Armen begegnet, die in dem schrecklichsten Wetter, hungrig und frierend, viele Meilen weit ein fertig gewordenes Stück zum - 475— Fabrikanten trugen. Zu Hause warteten Frau und Kinder auf die Rückkunft des Vaters; sie hatten seit Ith Tagen bloß eine Kar- toffelsuppe genoffen. Der Weber erschrak bei dem auf seine Ware gemachten Gebot; da war kein Erbarmen; die Kommis und Ge-� Hilfen begegneten ihm wohl noch obendrein mit empörender Härte. Er nahm, was man ihm reichte, und kehrte, Verzweiflung in der Brust, zu den Seinigen zurück. Nicht feilen erhielt der Arbeiter seinen Lohn in Gold; der Dukaten wurde ihm mit 3 Taler 6 Sgr. ange- rechnet, und wenn er ihn wieder verausgabte, sah er ihn nur zu 2 Taler 28 Silbergroschen., 2 Taler 25 Silbergroschen, ja noch nie- driger angenommen. Noch andere Fabrikanten hatten ganz das englische Trucksystem eingeführt. Die Weber wurden nicht bar bezahlt, sondern erhielten ihren Lohn zum größten Teil in Waren, deren sie bedurften. Meist im Vorschuß, mutzten sie sich die Preise dieser Waren ebenfalls bestimmen lassen; der Fabrikant hatte sie einmal, wie das Sprichwort sagt, im Sacke. Ließ der Weber seinen Klagen freien Lauf und führte er seinen Zustand dem Kauf- mann zu Gemüte, so hieß es, die schlechte Handelskonjunktur sei an allem schuld. Gewiß wird niemand leugnen, daß eine unselige, meist aus dem Lcgitimitätsprinzip hergeleitete Politik in bczug auf die süd- und mittelamerikanischen Kolonien, später auf Por- tugal und Spanien, das ihrige redlich zur Verstopfung der Absatz- Wege beitrug. Allein der Weber sah den Fabrikanten demunge- achtet in Palästen wohnen, prächtige Equipagen halten, Landgüter kaufen, herrlich essen und trinken, während er selbst, der doch min- bestens ebensoviel als der Fabrikant arbeitete, in enger, schmutziger Stube, auf modrigem Stroh gelagert, mit Lumpen bedeckt, sich glücklich gepriesen hätte, an dem reichlichen Kartoffelmahl der Mastschweine seines Lohnherrn teilnehmen zu dürfen. Einige von Treumund Welp mitgeteilte und mir von mehr als 2<1 Webern bestätigte Angaben werden hier ein notwendiges Detail liefern. Derselbe führt an, daß in bielen Orten unseres Gebirges..alle Lebensmittel so kostspielig als in größeren Städten. i'a oft noch teurer, und nicht einmal zu haben sind, daß nament- ich alle Bäckerwaren notorisch geringer an Gewicht zu sein pflegen". Daraus kann man die Lage eines Familienvaters, der mit Bei- Hilfe der Seinigen wöchentlich 1 Taler verdient, leicht entnehmen. .Rehmen wir nicht den schlimmsten Fall," sagt Tr. Welp weiter. .treten wir nicht in das niedrige, dunkle, ungesunde Gemach, das der ganz Mittellose vom Armen für jährlichen Zins von 8 oder 8 Talern mietet— blicken wir nicht in solche, dem reinen Hunger, der bittersten Not gewidmete Lokale, gegen die der Vieh- stall eines Dominialbesitzers ein Prunksaal genannt werden muß: — besuchen wir den Häusler, der unter eigenem Dach und Fach wohnt und nebenbei 1, Ish bis 2 Morgen Landes besitzt.— Seine Einnahme ist jährlich mit Beihilfe von Weib und Kindern aller- höchstens 60 Taler." Die Ausgaben find durchschnittlich folgende: Grundsteuer an den Staat jährlich. 1 Taler!ö Sgr. Klassenstener.........2.—„ Grundzins an die Gutsherrschaft.. 3„ 6„ Jagd« und Spinngeld an die Guts- Herrschaft.........—„ 15„ 8 Tage Feldarbeit an dieselbe...—„ 15„ Gemeindeabgaben(bar)..... 1„ 10„ 8 bis 4 Tage Arbeit bei Wege- bessern uslv.........—„ 20„ Schulgeld für 2—3 Kinder.... 4„—„ Zins eines auf dem Hause stehenden Kapitals von 100 Talern... 5„—„ Feueraffekurauzbeitrag......—„ 15„ Summa: 19 Taler 5 Sgr. Folglich bleiben 40 Taler 25 Sgr. von der ganzen Einnahme der 60 Taler zur Bestreitung von Reparaturen des Hauses, Aus- gleich des Ausfalls im Arbeitslohn, während man im Garten arbeitet, zur Feuerung, Beleuchtung, zur Bestreitung der drin- gcndsten Lebensbedürfnisse, ohne die Kosten für Kindtaufen, Be- gräbnisse usw., ohne Krankheits- und andere Unglücksfälle in An- schlag zu bringen. Der arme Weber zahlt jährlich 2 Taler Klaffensteuer. der große Besitzer, und hätte er hundert Herrschaften, höchstens 12 Taler monatlich, im niedrigsten Falle 4 Taler." sFortsetzung folgt.) (ZIachdruck vcrkoten.Z L-eucbtKafer. Von M. H. B a e g e. Wieder ist die Zeit herangenaht, da wir, wie alljährlich, auf imseren abendlichen Spaziergängen besonders in der Nähe von feuchtem Gebüsch oder saftigen Wiesen die Johanniswürmchen leuchtenden Funken vergleichbar die kühle Abcndluft durchkreuzen oder mildleuchtenden Edelsteinen ähnlich ibr moosiges Bett schmücken sehen. Die Johanniswürmchen— vom Volksmunde nach der Zeit ihres Erscheinens sum Johannis) so genannt— gehören zu den Leuchtkäfern, die eine Gattung der Weichflügler bilden, einer Käierfannlie, deren Körper und Flügeldecken lederartig weich sind. Am Hinterlcibe besitzen sie einige unter dem Einfluß des Nervensystems leuchtende Ring«, und zwar find e« die beiden borletzten HiuterleibZringe, die die Leuchtor�ane enthalten. Sie leben tagsüber versteckt und fliegen erst abends umher. Den» flüchtigen Beobachter mag eS scheinen, als seien von den leuchtenden Tierchen zweierlei Arten zn unterscheiden: eine unge- flügclte und eine geflügelte Art: L e u ch t w ü r m e r und L e u ch t- käser. Untersuchen wir jedoch die Sache näher. Heben wir einen im Grase langsam sich bewegenden, aber auffallend hell schimmernden.Leuchtwurm" auf. so lönnten wir über das eigentliche Wesen dieses Tieres in Zweifel geraten; denn es hat viel Aehnlichkeit mit einer Assel, doch können wir nur drei Beinpaare auffinden, während jene deren sieben besitzt. Sein breit und platt gedrückter, ganz glatter und hellbraun ge- färbter Leib ist aus elf Ringeln zusammengesetzt, die an der Ober» seile kantigen Schildern gleichen und an den Ecken vortreten. DaS größte dieser Schilder, das Brustschild, ist vorn, das hinterste und kleinste ist hinten halbkreisförmig abgerundet. Die Hinteren Leibes« ringe find sehr weich, und besonders fallen uns die drei letzten durch ein eigentümliches Leuchten auf. ähnlich dem Scheine, den ei» paar Phosphorstreickihölzer, wie sie früher meist im Gebrauch waren, im Dunkeln von sich gaben, wenn man sie mit angefeuchteten Fingern am zündbaren Kopfe rieb. Außerdem fällt un« auch bald der Um« stand auf, daß der Wurm sein Licht mehr oder weniger leuchten zu lassen, ja es ganz zu verlöschen und plötzlich wieder hell anzufachen vermag. Dieser eben beschriebene Wurm ist aber nichts anderes als ein weiblicher Leuchtläfer. der seines wurmähnlichen Aussehens halber vom Volk Glühwurm, Feuerwurm oder Echeinlvurrn, auch Johannis« wurm genannt wird. Da ihm jegliche Flugorgane fehlen— statt der Flügeldecken hat er nur zwei kleine Schuppen zn beiden Seiten hinter dem Halsschild— muß er sich beständig auf dein Boden aufhalten. höchstens daß er an einem Grashalm emporklcilern kann. Da« Männchen. der glänzende Leuchtkäfer. ist insofern glücklicher dran als sein Weibchen, als ihm sowohl Flügel wie Flügeldecken verliehen find. ES vermag daher nach Jnsektenart in der Luft urnherzu« schwärmen, wiewohl es sich auch gern bei seinem in, Grase ruhenden liebeglühenden Weibchen aufhält, wie denn seine Streifereien über- Haupt nur wohl das Aufsuchen seiner Liebsten bezwecken. DaS Männchen ist etwas kleiner als das Weibchen, lang, flach, ganz bram, gefärbt. Der Kopf ist ganz unter dem vorgestreckten Hals- schild verborgen und dieses ist zu beiden Seiten, gerade über den großen kugelrunden und kohlschwarzen Augen mit zwei durchsichtigen Mondflecken gezeichnet, die man ihrer Stellung halber etwa mit einer Brille vergleichen könnte. Auch bei ihm liegt die Leuchtkraft in den zwei letzten Lcibesringen, jedoch ist sein Lichtschein sckwächer als beim Weibchen und oft glänzen nur vier kleine Punkte. Während des Fluges läßt es sein Licht am meisten strahlen, als müsse es sich die dunkle luftige Straße erhellem um ohne Anstoß zwischen den Zweigen und Blättern der Bäume und Sträucher durchzukommen. Sobald man es aber verfolgt, oder sobald eS sonst irgendwelche Gefahr für sein Leben fürchtet, hüllt es sich in Dunkel ein, fliegt eine kurze Strecke dahin und läßt erst nach und nach seinen Glanz wieder fichtbar werden. Der eben beschriebene Leuchtkäfer ist der kleine Leuchtkäfer jl-ainpyris splendidula L.). Bei ihm sind die Männchen Iveit zahl» reicher als die Weibchen. Die Eigenschaft des Leuchten? kommt übrigens auch der Larve dieses Käfers zu, die dem ausgebildeten Weibchen sehr ähnlich ist, nur daß ihr Leib dreizehn Ringe zählt, die schmäler als beim Weibchen sind und jedenfalls an den hinteren Ecken hellere Flecke zeigen, längs des Rücken? läuft in der Mite eine dunklere Linie herab. Da dm Larven auS den Eiern schlüpfen, wenn die Käfer längst verschwunden sind, kann man ihr Leuchten in schönen Herbstnächten bemerken, wenn sie zwischen Grashalmen umhertletteni und dort ihre Nahrung suchen, die aus kleinen Sckinecken besteht, während die reifen Tiers sich von Pflanzenstoffen nähren. Setzen wir nun unser Suchen im nächtlichen Busch weiter fort, so wird uns bald eine zweite Art begegnen. Diese als großer Leuchtkäfer fLampyris nootiluca L.) bezeichnete Art ist größer als die vorher beschriebene. Während die Männchen des kleinen Leuchtkäfers 8— 9 Millimeter und sein Weibchen 9— 10 Millimeter messen, erreichen die Weibchen des großen Leuchtkäfers 12— Ib Milli« meter und feine Männchen 10 Millimeter Länge..Das Weibchen, dunkler gefärbt und ohne Spur von Flügeldecken, ist hier also be» deutend größer. Bon dieser Art gibt es im umgekehrten Verhältnis zum kleinen Lenchttäfer mehr Weibchen als Männchen. Das sind die beiden leuchtenden Käser, die bei unS in Deutsch- land die Sommerabende von Johannis bis gegen Ende des August mit ihrem lieblichen Glanz verschönen. Im Süden von Europa aber, z. B. in Italien, kommen noch andere Arten vor, die zum Teil noch viel Heller leuchten als unsere Arten. Wollen wir aber das prächtige Spiel der leuchtenden Käfer in vollster Schönheit und in großartigstem Maßstabe genießen, so müssen wir uns nach den heißen Ländern des tropischen Amerika, nach Brasilien, Surinam und den westindischen Inseln wenden. Dort trifft man nicht allein die Riesen der Käferwelt und mit strahlenden Farben prachtvoll geschmückte Insekten aller Art, sondern auch die prächtigsten der leuchtenden Käfer und anderer leuchtenden Insekten vor. Vor allem ist hier der zur Familie der bekauuten Schnellkäfer gehörige brasilianische Eujuoo(Pyrophorus noctilucus) zu nennen. Dieser Käfer, der eine Läi�e von 24 Millimeter und eine Breite von 12 Millimeter erreicht, verbreitet ein wunderbar Helles und kräftiges Licht. Bei ihm kommt aber der zaubervolle Glanz nicht aus den HintcrleibSringcn, wie bei unseren Leuchtkäfern, sondern ans zwei gewölbten, durchsichtigen und augenförmigen Höckern in den Hinterecken des breiten, dicken Halsschildes. Doch sind noch zwei andere, unter den Flügeldecken verborgene leuchtende Flecken vorhanden, die aber nur während des Fluges sichtbar werden.' Alsdann erscheint der Käfer wie mit vier strahlenden Edelsteinen von schönstem hellgrünen Glänze geschmückt, der so stark sein soll, daß man dabei lesen kann, wenn man den Käfer über die Zeilen hält. Eigentlich ist dessen ganzer Leib voll leuchtender Materie, die zwischen den Bauchschienen durchschimmert, wenn man ihn streckt. Auch er hat das Leuchten ganz in seiner Gewalt und lägt es am stärksten werden, wenn man ihn beunruhigt. Daher haben die Eingeborenen von St. Domingo, wo dieser Käfer— hier„Feuer- fliege" genannt— sehr häufig ist, die Gewohnheit, diese lebendigen Lampen bei ihren abendlichen Hausgeschäften statt Lichter zu gebrauchen, indem sie, wie Humboldt berichtet, in ausgehöhlte Flaschenkürbisse mit durchbohrten Löchern einige dieser Käser stecken. Bei Nacht- Wanderungen Pflegen sie ferner auf jede große Zehe einen solchen Käfer zu binden, so daß sie ihnen den Pfad erhellen und die Schlangen vertreiben. Auch beim Fischen und Jagen gebrauchen sie diese lebendige Fackel. Dieses Dienstes wegen steht der Käser bei ihnen in größer Gunst, wie es am deutlichsten in dem indianischen Sprichwort ausgedrückt ist:„Nimm die Feucrflicge mit Dir, doch tue sie wieder an den Ort. wo Du sie genommen hast". Wir müssen es uns hier versagen, mehr mitzuteilen von diesem glühenden Getier der Tropenländer, wo man bereits niehrere hundert Arten kennen lernte, während es bei uns in Europa knapp l'/z Dutzend verschiedener Leuchtkäferarten gibt. Vergleicht man jene gewaltigen Verhältnisse mit denen unserer schlichten gemäßigten Zone, so wird man an unseren„Glühwürmchen" sich leicht eine niehr oder weniger richtige Vorstellung von der JlluminationSpracht der Tropennächte durch die dortigen Leuchtkäfer gewinnen. So allgemein bekannt nun auch unsere Lenchtkäfer sein mögen, so schwebt doch über ihnen, namentlich ihrem Leuchtverinögen, ein geheimnisvolles Dunkel, denn niemand vermag zurzeit genügenden Aufschluß darüber zu geben, welcher Art die leuchtende Materie ist, oder welches die Ursachen des Leuchtens seien. Naturforscher ver- schiedcner Zeiten und Völker haben zwar schon vielfache Unter- suchungen über die fragliche Materie angestellt, sind aber dabei zu den verschiedensten Resultaten gelangt. Einige halten den gelblichen, klebrigen leuchtenden Stoff, der unmittelbar unter der durchsichtigen Haut der hinteren Leibesringe lagert, für einen eiwcißartigcn Llörper; andere zählen ihn zu der das Innere jedes Jnsektenleibes aus- füllenden Fettmosse, die ein fettes, selbstleuchtendes Oel absondere, noch andere schreiben das Leuchten einer langsamen Verbrennung einer Phosphorzusammensetzung zu, die durch eine besondere Organisation aus den Flüssigkeiten des Tieres ausgeschieden werde und sich mit dem durch die'Atmung aufgenommenen Sauerstoff verbinde. Noch viele andere Ansichten sind darüber geäußert worden und ein langes Register von Name» der Gelehrten alter und neuer Zeit, die sich mit Erforschung der leuchtenden Materie beschäftigt haben, könnte man hierhersetzen; doch zum endgültigen Abschluß ist man bis heute noch nicht gelangt. llebrigens scheint die Eigenschaft des Leuchtens den in Rede stehenden Käfern nicht immer innczuwohncn, wenigstens nicht innner in demselben Grade. Am auffallendsten, lcbbaftesten und glänzendsten ist es in der Begattungszeit und erreicht im Augenblick der geschlecht- lichen Funktion seinen höchsten Grad. Wie die Natur, so ist auch der Nutzen oder Zweck dieser sonderbaren Eigenschaft nicht viel besser erkannt. Wahrscheinlich dient das Leuchten wenigstens unseren Johanniswürmchen als Verteidigungsmittel, in- dem sie mit dem Glänze manchen nächtlichen Feind von Verfolgung ab- schrecken mögen, da ihnen nun zugleich das Vermögen zukommt, den Schein zu verstärken, abzuschwächen und ganz zu unterdrücken, so liegt auch hierin wieder ein Mittel zur Verteidigung; denn schon oben ward erwähnt, daß man besonders beim fliegenden Männchen die Beobachtung machen könne, daß es bei Verfolgung sein Licht verdunkle und ün Finstem davonfliege. Es ist somit für alle Fälle versehen, auf jede Art von Verfolgung gerüstet. Sodann mag auch das Leuchten dazu dienen, die Geschlechter zusammenzuführen, was beim Johanniskäfer um so eher anzunehmen ist, weil dessen Weibchen ohne Flügel ist und nicht mit ihm herumschwärmen kann. Wenn das Weibchen nun im Grase herumkrabbelt und bei Annäherung der Nacht seine Fackel anzündet, so mag dies dem in der Luft spielenden Männchen daS Zeichen sein, an welchem dunklen Orte das liebeglühende Weibchen seiner harrt. (Nachdruck verboten.) Em Bodenfee. Weißt du tvas Segeln ist? Man stellt einen hölzernen Mast Ins Boot, zieht ein weißes Tuch daran auf und fängt den Wind auf dem See damit ein. Es ist ein herrliches Tun, bei ruhigem, leichtem Wind, am schönsten aber im Sturm.' Das Boot schießt Wellenauf und-ab, eine große Woge klatscht herein, vom Berg saust's hinunter ins Wasscrtal, und man sieht ernst und groß dem Tod ins Auge. Da ist die ganze Welt so rein in allem Leid und aller Not, Grüßgott, lieber Tod; willst du mich hinunter haben, sei's; im Sturm sollst mich begraben. Einmal kam ich so ans Ufer hinüber im hellen Saus, und als der Alte, der uns begleitete, aus dem Boot stieg und den Fuß ans Land setzte, atmete er auf, wischte sich die Stirn und sagte:„Mit euch fahr i numme übere". Der Sturm ist unberechenbar und die Winde auch. Aber es ist wundervoll, ihnen gegenüber zu stehen und mit ihnen zu ringen auf Leben und Tod. Manchmal ist der Sturm freilich stärker als alle Menschenkraft, ein Herr über alle Bäume, und Masten und Nußschalen voll Menschlein. Dann kann der See donnern so gut wie der Herrgott, und Nächtelang stürmen die Wasserberge heran in ungeheurem Rhythmus und zerprallen am Strande. Erst wenn er seinen ganzen Zorn hergegeben hat und wieder ruhig ge- worden ist, fangen die Wolken an, blendend und rund geballt sich in ihm zu spiegeln und sich hoffärtig anzuschauen, ob sie für heute schön genug seien, wenn sie über die Hegauberge steigen. Die Sonne traut sich wieder hinter ihnen heraus, wird frech, steigt auf den zwinkernden See herunter und brennt ihm eines auf den Pelz. Dann etwa spann ich meine beiden Eselein an, den Lump und die Gretel, pfeif den Hunden und fahr mit ihnen nach Horn/ wo das Kirchlein hinuntergrüßt auf Welt und See, trotzig und wohlgebaut, wie ein treuer Wächter. Unten im Ried weiß ich alte Wiesen, sich fröhlich auszustrecken und in den Himmel zu gucken. Aber da ich auf der Höhe bin, seh ich ein Segel mitten im blauen See, ein Schifflein strebt von der Reichenau herüber, ich weiß schon, wer's ist und mein Herz lacht. Hüo, Gretel und Lump, hüo! Flink geht's den Abhang hinunter zum Strand, wo das Segelschiff festgemacht, Pirminius heißt's. Die Hunde heulen vor Freude. Nun ist gut in den Himmel gucken. Ein Feuerle wird am Ufer angezündet, die Eselein dürfen grasen, wohin sie wollen, und die Pfanne brazzclt über dem Feuer. Schön ist der See am Tage, wenn Sonne und Wind ihn zer- zausen, und tiefblau ausleuchten lassen, und die weißen Schaum- körnlein ihm auf dem Leibe herumtanzen, Seeschäflein, eine ganze Herde. Dann leidet's dich nicht mehr am Lande, du mußt ins Wasser, dich von ihm tragen lassen. Manchmal spaßt es mit dir. Es schickt dir tausend winzige Fischlein, kaum stecknadelgroß an die Beine, sie wollen an dir herumknuspern, wie an einem guten Braten. Oder du willst vom hohen Steg aus ins Boot steigen, lässest dich fröhlich an einem der großen Pfähle herunter, um ins Schifflein zu gleiten, das unter dir liegt; und kommst ruhig im tiefen Wasser an, weil eine lustige Welle das Boot inzwischen weg- geschoben hat. Schön ist der See auch im Nebel, wenn nichts ist als ein weißer Schwall und kein Unterschied zwischen Himmel, Wasser und Erde; die Glocken der Schiffe läuten und die Nebelhörner blasen. Du ruderst im Boot ans andere Ufer hinüber, aber das Ufer kommt nicht näher, so grad du auch deinen Weg nimmst. Nach drei Stunden tapferen Nuderns endlich erreichst du Land, und bist glücklich und stolz wie Columbus, und wenn du aussteigst, erkennst du, daß du zehn Schritte unterhalb deiner Abfahrsstelle gelandet und drei Stunden im Kreis herumgefahren bist. Schön ist der See auch in der Nacht. Die Fische schlafen und die Sonne hat noch ein paar letzte goldige Wolken ins Wasser ge- warfen, die langsam sterben; aber schon blitzt ein Stern im tiefen Grund auf und schimmert und lockt; alle Gebilde der Erde malen sich ins Wasser hinein» schöner als sie sind; die Stadt dort drüben mit ihren Lichtern scheint ins Wasser gesunken, und die Wellen plätschern und singen. Fern taucht ein silberweißer Schein auf und kommt näher; er schickt gewaltige Lichtbündel über die See- fläche, über die schlummernden Dörfer, an den Kirchturm hinauf, über die alten Weiden hin, zieht schimmernd vorüber und leuchtet ins Gewölk. Ein Nachtdampfer hat seinen Scheinwerfer spielen lassen. Am frühen Morgen patschten drei Kinder mit nackten Beinen am Strand herum, jauchzen, wenn eine Schaumwelle heransprüht, packen sich an den Händen, gehen den Wellen nach, wenn sie zurück- weichen, und fliehen lachend, wenn sie wiederkommen und ihre Füße und Röcke netzen und dann singen sie ins Wasser hinein: Hidele, hädele, Hinterem Städcle Hat ein Bettelmann Hochzeit; Es tanzt e Kätzle, Es pfeifet e Spätzle, Es schlaget en Igele Trommel. Alle Gedirele, die Wedele habe, Dürfe zur Hochzeit komme. So ist das Leben am See, das still und ruhig dahinfließt. Was soll ich weiter suchen? Ich habe Bienen, die in der Sonne fliegen können, ohne auf den See verschlagen zu werden, und habe einen Weiher voll Forellen, die ich mit Heuschrecken füttere, Willst du mithalten? Ludwig Finkh. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»austalt Paul Singe: ScTo..Berlin L>V.