Ilnterhatttmgsblatt des HorwSrls Nr. 120. Donnerstag, den 24. Zum. 1909 �Nachdruck verVoten.! t7] Der Hrbeiter Schcwyrjoff. Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e w.' Autorisierte Uebersetzung von A. V i l l a r d u. S. B u g o w. Mit aller Kraft packte Aladjew die schwere Kommode und rückte sie vor die eingeschlagene Türfüllung. Dann stürzte er zum Ofen zurück und zündete den Haufen zerrissenen, zer- knüllten Papiers an. Lustig flackerte das Feuerchen auf und strahlte mit spielerisch zuckenden Flammen über das zer- krümmerte. zerschossene Zimmer. Aladjew lehnte sich mit dem Rücken gegen die Zimmerecke und sah sich um. Es war inzwischen ganz hell geworden. Eigenartig traurig sah sein altes gemütliches Zimmer aus. Die Lampe lag umgestoßen in einer Petroleumlache: seitwärts hing das Bild Tolstois, von einer Kugel durchbohrt: der Weiße Staub des Mauerputzes lag in den Ecken, und in feinen Zügen stieg der blaue Rauch durch ein zerbrochenes Fenster ins Freie. Aladjew schien, daß er wahnsinnig geworden sei: es konnte nicht Wirklichkeit sein. Noch am gestrigen Tage, noch einige Stunden vorher, saß er an diesem Schreibtisch und schrieb, und rings um ihn lebten alle Einzelheiten seiner gewöhn- lichen Umgebung, die Bücher, Bilder, Papiere. Unaussprech- licher Jammer, voll der letzten bitteren Tränen, umschloß feine Seele. Er sah seinen Tisch, seine Bücher an... und griff sich verzweifelt in die Haare. Sein ganzes künftiges Leben, das so interessant, weit und hell, voll lieber Arbeit, lieber Menschen, voll unausdrücklichen Reizes wonniger Tage und Liebe sein konnte, schoß an seinen Augen vorbei. Das Leben, das kommen sollte und nicht kommen würde. „Tod," sagte in ihm dumpf die Stimme der Verzweiflung. „Warum denn? Was war denn geschehen? Nur ein dummer Zufallt..." hatte er noch Zeit zu denken. Ein Hagel schwerer Schläge sauste vom Nebenzimmer her auf die Tür nieder. Ueber den Korridor wurde etwas Schweres geschleift. Und plötzlich krachten wieder Schüsse, Staub schüttete von der Decke herab, während Türsplitter Aladjew schmerzhast ins Gesicht schlugen, das im selben Augen- blick mit heißem Blut überlaufen war. „Ah sol" dachte er mit eigentümlicher toter Ruhe, r,... wenn es denn'mal so istl..." Fröhlicher, rachsüchtiger Haß stieg ihm unaufhaltsam in die Kehle, er schrie irgend ein Wort heiser heraus und sprang wie eine Katze mit einem Satz zum Bett, die Hand nach der Bombe ausstreckend. „Feuert Hierl" rief jemand, wie es schien, dicht an seinem Ohr. Die Schüsse hatte Aladjew nicht gehört. Etwas loderte grell vor seinen Augen auf, das ganze Zimmer flog irgend- wohin zur Seite, und Aladjew schlug stark mit dem Rücken auf den Boden. Sofort wurde es still, in gespannter banger Stille. Blasse Gendarmen guckten ins Zimmer, Gewehre in der Hand. Immer noch stieg der blaue Rauch in feinen Zügen durch das zerbrochene Fenster, hinter dem der entstehende Tag auf- leuchtete, und Aladjew lag inmitten seines Zimmers, das Gesicht nach oben, die Arme auseinander geworfen, die Knie der langen toten Bejne angezogen. Seine traurige Nase, die blau und mit Blut bespritzt war, schaute auf die Decke. während neben seinem Kopf leise etwas Schwarzes auf dem Fußboden zerrann.. 13. Schewyrjoff ging, mit hochgeschlagenem Mantelkragen und tief in den Taschen vergrabenen Händen die helle Straße hinunter. An allen Straßenecken verkauften Zeitungshändler Blätter und riefen laut, als priesen sie ihre Ware an: „Ein Drama auf der Mochowajal Eine Schießerei mit Anarchisten!..." Schewyrjoff kaufte ein Blatt und las, in den Jekateri- nenskianlagen sitzend, den ausführlichen Bericht, während ihn die Stimmen der herumspielenden Kinder umklangen. „Der durch das Fenster entkommene Anarchist, der auf einem für den Bauern Nikolaj Jegoroff Schewyrjoff aus« gestellten Paß lebte, ist nach Kenntnis der Polizei in Wirk« lichkeit der von den Behörden seit langem gesuchte Student der Jurjewer Universität Leonid Nikolajewitsch Tokarjoff. Er wurde zum Tode verurteilt und war auf dem Wege vom Gericht nach dem Gefängnis den Aufsichtsbeamten ent« kommen. Zu seiner Ergreifung sind Maßregeln getroffen worden." Schewyroffs Gesicht war vollständig ruhig. Nur an eine« Stelle, wo der Reporter mit übertriebener Dramatik unter Zuhilfenahme einer Unmenge Ausrufungszeichen schilderte, in welcher Lage Aladjews Leiche aufgefunden war. zuckte in Schewyrjoffs Augen etwas auf. das qualvollem Mitleid ebenso wie wahnsinniger Wut ähnlich schien. Darm erhob er sich, warf einen gleichgültigen Blick übe« das ihm umwimmelnde Kindervolk und ging aus den An« lagen. Er durchlebte eine eigentümliche Spannung. Zähe und unüberwindlich zog ihn etwas„dorthin". Er war sich ganz klar, daß alle Chancen dafür sprachen, daß ihn die Dworniks erkennen und feswehmen würden. Er fühlte bereits inmitten der gleichgültig dahineilenden Menschenmenge die unsichtbaren Hände, die ihn langsam, unabwendbar mst einem Todesring umgaben. Es war augenscheinlich, daß er weder aus der Stadt fortkommen noch sich auf den Straßen herumdrücken konnte: dabei hungerte er und zitterte vor Kälte wie ein herrenloser Hund. Aber gerade dieses Gefühl hündischen Abgehetztseins rief in ihm Spott und Dreistigkeit wach. „Ganz egal!" dachte er, während er mechanisch und schein. bar ruhig vor sich hinschaute. Und erhobenen Kopfes schritt er langsam dorthin, wohin ihn ein unbegreiflicher Zwang zog, der sich aus Grimm, Verzweiflung und Mitleid zu- sammesisetzte. Schon aus der Ferne sah er neben dem bekannten Hause eine schwarze aufgeregte Menge und die zwei dunklen Gestaltan berittener Schutzleute, die hoch über die Köpfe der Neugierigen ragten. Schewyrjoff mischte sich unter die Menge, die dicht- gerdrängt zu beiden Seiten des Tores stand und noch das gegenüberliegende Trottoir bedeckte: er wollte hören, was die Leute sprachen. Die meisten warteten schweigend' und bemühten sich, einen Blick in den Hof zu werfen, wo die schwarzen Gestalten der Schutzleute und die graugemäntelten Revieraufseher dicht beieinander standen. Auf dem Fahrdamm hielt ein Wagen des Roten Kreuzes, und dieses rote Leidenssymbol erzählte ohne Worte, daß sich hier ein schreckliches Drama abgespielt hatte. Ein Malergeselle, eine mit weißer und grüner Farbe be- spritzte Mütze auf dem Kopf, führte in einem Häuflein das Wort: alle drängten sich an ihn und reckten die vor Neugierde glühenden Gesichter über Rücken und Schultern vor. „Also, wollten einen festnehmen, der also gesucht wird, der aber war natürlich über alle Berge. Na also ein Haus« suchung, und der, der also nichts damit zu tun hatte, schoß.., hat zwei Menschen getötet und einen Gendarmen in den Bauch geschossen... Na also, alle Mieter waren raus, und es ging eine Schießerei los,.." „Was hatte aber der andere damit zu tun?" fragte streng ein dicker solider Herr mit Mienen, als wäre er zur Wieder- Herstellung der Ordnung und sollte den Arbeiter einem aus« führlichen Verhör unterziehen. Der Malergeselle, in größter Erregung, sich offenkund'g bewußt, der Held der Situation zu sein, drehte sich mit Hoch- genuß von einer Seite zur anderen und beeilte sich außer« ordentlich, weiter zu erzählen. �. „Der andere hatte also nichts damit zu tun»,» ver rhm wurde, heißt es, die Bombe aufgefunden..." „Was redest Du— die Bombe aufgefunden und nicht? damit zu tun? Du schwätzt Blödsinn, Junge!" „Durchaus kein Blödsinn! Aber, wie gesagt, nicht et wurde gesucht, von ihm wußte die Polizei nichts, und erst später zeigte es sich."- „Boren Sie mal. MI ist Sentt das für einer?" mischte W eine aufgedoimerte Dame ein. „Ja, ich weiß nicht." antwortete der Geselle bedauernd. Ihre untermalten Augen brannten vor Neugierte, und die zarten Wangen wurden weiß. So ist er geradezu irrtümlich getötet worden?" „Jawohl, nun stÄlt sich's heraus wie irrtümlich." Der Erzähler schlug die Hände auseinander und ließ den Blick mit einer Miene, als bereite ihm diese Tatsache einen Hochgenuß, lächelnd über die Gesichter der Zuhörer gleiten. „Aber das ist doch entsetzlich I" rief die Dame und sah sich ebenfalls um, als suche sie Zustimmung. „Na. wissen Sie... bei ihm hat man auch eine Bombe gefundenl" bemerkte ein junger Offizier, der schönen Frau kaum merklich zulächelnd.„Das ist alles ein Aufwaschen!" (Fortsetzung folgt.)) Das Slenä und der Hufrubr 81 in Scblclien. Von Wilhelm W o l f f. Der Schullehrer Schenk gab im Laufe dieses JahreS einen Nachweis(f.„Breslauer Zeitung" Nr. 30) über verschiedene Sorten, nämlich 6, 7, 8 und 8 Gebindcr-Leinwand, über das dazu nötige Garn, den Preis desselben und den Preis der daraus ge- fertigten rohen Leinwand zu 60 Ellen Länge und 1% Ellen Breite angenommen, verdient ein Weber bei einem sogenannten 9 Gc- binder Schocke: 1 Taler 13 Sgr. Die dabei nötigen Arbeiten sind folgende: das Garn wird sortiert, gewaschen, getrocknet, geklopft, gespult, geschert, gehüllt, auf den Webstuhl gezogen, angedreht, ge. schlichtet und gewebt. Sodann wird es geschauert, hcrabgenommen, geklopft, gestempelt, gelegt, gepreßt und dann mit banger Angst oon einem Kaufmann zum anderen getragen, bis man es los wird. An einem solchen Schocke arbeiten Mann, Weib und Kind, und soll es früher als in zwei Wochen fertig werden, so muß der Weber Tag und Nacht unablässig schaffen. Hat er nun mit den Seinen den täglichen Verdienst von 3� Sgr. in der Tasche, so muß oder soll er damit die Ausgaben für Brot, Kartoffeln, Salz, Holz, Licht, Stärke, Seife, Kleidung, Schuhe und Ausgaben mancherlei und der drückendsten Art bestreiten. Sollte man nicht denken, selbst der här- teste Amtspfänder müßte aus solchen Hütten des Elends mit Eni- setzen fliehen? Den Angaben Schcnks. der übrigens seit 36 Jahren als Elcmentarlehrcr unter den Webern lebt und also wohl unter- richtet ist, mögen sich folgende Worte aus einem am 5. Februar dieses Jahres von dem Pastor Hepche, dem Polizeiverweser Kobelt und Gerichtsschreiber Obst in Leutmannsdorf veröffentlichten Auf- xufe anschließen: „Wie leicht die körperliche Anstrengung auch hie und da zu sein scheint, so ist es doch bei Gesundheit, Kraft und dem aus- dauerndsten Fleiße, der die Stunden des Abends bis nach Miticr- nacht zu Hilfe nimmt, nicht möglich, ein Gewebe von 140 Ellen (es ist hier von Baumwollenwebern die Rede) früher als in sechs Arbeitstagen zu vollenden, wofür der Fabrikant ein Almosen von 14 Silbergroschen verabreicht.-- Die Lebensweise jedes Korrigenden, jedes Militärsträflings erscheint ungleich beneidens- werter um ihrer Sorgensrciheit, Ordnung und Menschlichkeit willen, als diejenige eines solchen Webers. In alle Häuser tritt die Not mit unwiderstehlicher Gewalt ein, ohnerachtet es nicht zu leugnen ist, daß treue und redliche Familienväter alle ihre Kräfte, ihrer Kinder, ihres Hauses aufbieten, um Hunger und Rot von sich abzuwehren und der Gefahr, der Bitterkeit all- mählicher Verarmung zu entrinnen." Der Gutsherr, der sich untcrdeS der Herabsetzung der Pfand- briefzinsen erfreute, dachte nicht daran, seinen„Untertanen" in den Leistungen herabzusetzen. Er forderte nach wie vor den Grund- ztns, das Spinn-, Jagd- und Wächtergeld, die Hofetage, das Schutz- aeld usw. usw. und befand sich ganz wohl; er litt keine Not. Der Fabrikant und der Leinwandkaufmann magerte trotz der schlechten Konjunktur nicht ab, im Gegenteil, er sah recht munter und be- habig aus, trank seinen Clicguot, aß Äußern, gab Feten und hing seiner Gemahlin und Fräulein Töchtern für einige tausend Taler Geschmeide um den Hals, während sich da drüben die von Arbeit erschöpfte Armut im dumpfen, stinkenden Winkel, schlaflos vor Frost und Hunger, auf dem dürftigen Lager der Entbehrung wälzte. Da ertönte Notruf in Schlesien und fernerhin durch ganz Deutschland; Vereine zur Linderung der Not bildeten sich überall; «in Hoffnungsstrahl drang in die Hütten der Armen. Sie hörten von Borschlägen, wie man eine große Assoziation bilden wolle, in welcher die Weber als Produzenten auch Teilnehmer am Gewinne ihrer eigenen Produkte werden, wie die Konsumenten nun un- mittelbar von ihnen die Waren beziehen und dos ganze Geschäft von eigens dazu angestellten, erfahrenen und besoldeten Beamten geleitet werden sollte. Der Notruf hatte zwar nicht die Not her» vorgerufen, wie freilich viele jetzt uns überreden möchten; und die Verzweiflung würde ohnedies zum Ausbruch gekommen sein; tenw „Not kennt kein Gebot". Allein wenn die Armen glaubten, nun in Kürze auf eins bessere Gestaltung ihrer Lage rechnen zu dürfen, so sahen sie doch bald, daß sie, wie immer, von der Willkür der Fabrikanten ab- hingen, daß der Lohn hier und da noch weiter heraüging, und wenn> auch an vielen Orten Geld und Lebensmittel verteilt wurden, so war das eben nur eine Galgenfrist, und die milden Spenden bloß ein Tropfen auf eine brennend heiße Sandwüste. Traf es sich nun gar, wie in Salzbrunn, daß für sämtliche Arme des eine Meile langen Dorfes an einem Wintertage 38 Metzen Kartoffeln aus dem landrätlichen Amte abgeholt und bei der Verteilung ganz er» froren und selbst fürs Vieh ungenießbar befunden wurden, so wav es natürlich, daß die Weber und Spinner an der sehnlichst er- warteten Hilfe irre wurden. Einen kleinen Begriff von dem tnr Gebirge herrschenden Elende konnte man sich schon aus den vorr einer Menge von Dorfgerichten eingesandten, bescheinigten und der ersten Generalversammlung zu Schweidnitz in betreff der Weber- angelegenheiten überreichten Tabellen und Listen bilden, worin die allerbedürftigsten, dem Hunger preisgegebenen Personen nament- lich aufgeführt waren. Danach war selbst in kleineren Ortschaften die Zahl der Unglücklichen überraschend groß. So befanden sich in Dorfbach 31 Personen, in Grund 33 Personen, in Neugericht 110 Personen, in Toschendorf 43 Familien, in Zedlitzheyde 72 Fa» Milien, die aufs äußerste gebracht waren, lauter Weber, Spulet? und' Spinner. Dies alles nur in einem kleinen Teile des Walden» burger Kreises. Und in anderen Kreisen ist das Elend noch viel umfangreicher, viel schrecklicher. Wenden wir unö jetzt nach dem Eulengebirge, an dessen Fuße sich der erste blutige Akt, mindestens ein Vorspiel in dem unaufhaltbaren Proletarierdrama, im Kampfe des niedergetretenen, von der Macht des Goldes und der schlauen Berechnung zur Maschine erniedrigten Menschen um Wiedergewin- nung seiner Würde, im Kriege der Besitzlosen gegen die Tyrannei und Selbstsucht des Privateigentums, zu Anfang dieses Monats entwickelt hat. Hier in den großen Dörfern Langenbielau(13 000 Einwohner), Peterswaldau(5000 Einwohner) und in den übrigen Dürfern, wie Arnsdorf, Peilan usw. ist besonders die Baumwollweberei zu Hause. Die Not der Arbeiter war und ist hier nicht minder bedeutend, ja vielleicht noch mehr, als in anderen Gegenden, obgleich man denken sollte, das Elend könne keinen höheren Grad erreichen, als auf dem es im Landshuter, Hirschberger, Bolkenhainer und anderen Kreisen anzutreffen ist. Schon im Winter, mit beginnendem Februar fand in Bielau ein kleiner Ausstand statt. Ein Haufe rief durch Signale die Weber des Dorfes zusammen. Man be- freite einen Kameraden, der eingesperrt worden. Durch einige Geschenke wurde die Dienge beschlvichtigt. Eine Untersuchung des Vorfalles folgte, doch bei der Heimlichkeit unseres Verfahrens blieb dieser Vorgang selbst in Breslau, d. h. unter dem nicht rcgierungs- mäßigen Publikum, meist unbekannt. Inzwischen wurde die Not und das Drängen nach Arbeit von einzelnen Fabrikanten müg» lichst benutzt, um für geringen Lohn viel Ware zu erhalten. Unten diesen ragten die Gebrüder Zwanziger in Peterswaldau besonders hervor. Für ein Webe Kattun von 140 Ellen, woran ein Weber 8 Tage zu arbeiten hat und wofür andere Lohnherren 32 Silber» groschen zahlten, gaben sie nur 15 Silbergroschen. Für 160 Ellen Barchent, welches 3 volle Tage angestrengter Arbeit erfordert, ent- richteten sie 12sh und 12 Silbergroschen Lohn. Ja, sie erklärten sich bereit, noch 300 Weber in Arbeit zu nehmen, wofern dies« ebensoviel für 10 Silbergroschen arbeiten wollten. Das biftersts Elend zwang die Armen, auch unter dieser Bedingung zu arbeiten. Von seinen 12 oder resp. 10 Silbergroschen mußte der Weber noch 2% bis 3 Silbergroschen an den Spuler enftichteu, alle Staats-, Gemeinde- und gutsherrlichen Lasten tragen und— leben. Achi wenn mich doch einer belehren wollte, warum der faulenze ndg Sohn reicher Eltern, der in Bädern, auf Reisen oder sonst wo schwelgende Besitzer von 3, 10 und 100 Gütern und Herrschaften, der müßige Kapitalist, die„wohlhabende Jugend des Landes", dec Major, Oberst, General, der nach unblutigem Kriegsspiel in langer Friedenszeit sich mit einer Pension von 1000, 1500, 2000 Talern usw. zurückzieht, warum diese trotz ihres NichtardeitenS von Jugend auf dennoch herrlich und in Freuden leben, und der fleißige Ar, bciter vertiert und verdumpft, aller moralischen und intellek» kuellen EntWickelung beraubt, für seine tägliche mühsame Arbeit von 14 bis 16 langen, langen Stunden nicht einmal soviel gewinnt, daß er mindestens die Bedürfnisse eines Tieres, die Forderungen des Magens befriedigen kannl Doch ich gehe weiter. Das anfangs nicht allzu große Vermögen der Zwanziger war in kurzer Zeit zu großem Reichtum angewachsen. Sechs prächtige Gebäude gaben Zeugnis davon.' Herrliche Spiegelscheiben, Fenster» rahmen von Kirschbaumholz, Treppengeländer von Mahagoni, Kleider- und Wagenpracht sprachen der Armut der Weber Hohn. Bei der letzten Lohnverkürzung sollten die Zwanziger auf der Weber ihre Vorstellung, daß sie nun gar nicht mehr bestehen und selbst nicht mehr Kartoffeln kaufen tonnten, geäußert haben, sie würden noch für eine Quarkschnitte arbeiten müssen, oder, wie andere sagen: die Weber möchten nur, wenn sie nichts andere» hätten, Gras fressen; das sei heuer reichlich gewachsen. Ich lasse diese Aeußerungen dahingestellt IWt; ich teile sie nur mit, weil sie in aller Munde sind. Dagegen kann ich folgenden kurzen Bericht, wie ich ihn Augenzeugen» und zwar glaubhafte» Männern, nach- erzähle, verbürgen. Ein Gedichk, nach der Bolksmelodie?»ES liegt ein Schloß in Oesterreich" abgefaßt, und von den Webern gesungen, ward gleich» sam die Marseillaise der Notleidenden. Sie sangen es zumal vor Zwanzigers Hause wiederholt ab. Einer ward ergriffen, ins HauS genommen, durchgeprügelt und der Ortspollzei überliefert. Endlich, um L Uhr nachmittags, den 4. Juni, trat der Strom über seine Ufer. Eine Schar Weber erschien in Nieder-Peterswaldau und zog auf ihrem Marsche alle Weber aus den Wohnungen rechts und links an sich. Alsdann begaben sie sich nach dem wenig entfernten Kapellenberge und ordneten sich paarweise und rückten so auf das neue Zwanzigersche Wohngebäude los. Sie forderten höheren Lohn und— ein Geschenkt Mit Spott und Drohen schlug maus ihnen ab. Nun dauerte es nicht lange, so stürmte die Masse ins Haus, erbrach alle Kammern, Gewölbe, Böden und Keller und zertrüm- merte alles, von den prächtigen Spiegelfenstern, Trumeaus, Lüsters, Oefen, Porzellan, Möbel bis auf die Treppengeländer herab, zerriß die Bücher, Wechsel und Papiere, drang in das zweite Wohn- gebäude, in die Remisen, ins Trockenhaus, zur Mange, ins Pack- haus und stürzte die Waren und Vorräte zu den Fenstern hinaus, wo sie zerrissen, zcrstückt und mit Füßen getreten, oder in Räch- ahmung des Leipziger Meßgeschästes, an die Umstehenden verteilt wurden. Zwanziger flüchtete sich mit seiner Familie in Todes- angst nach Reichcnbach. Die dasigen Bürger, welche einen solchen Gast, der die Weber auch ihnen auf den Hals ziehen konnte, nicht dulden wollten, veranlatzten ihn zur Weiterreise nach Schweidnitz. Aber auch hier deuteten ihm die Behörden an, die Stadt zu verlassen, weil sie durch seine Gegenwart leicht einer Gefahr aus- gesetzt sein konnten; und so fand er endlich hier in Breslau Sicherheit. (Fortsetzung folgt.) ]VIit Luft gefüllte Luftballone. ES ist ekgcntlich erstaunlich, daß man sich immer noch darauf beschränkt, Luftballons mit Leuchtgas oder mit Wasserstoffgas zu füllen, imd nicht zu der viel näher liegenden Füllung mit atmosphärischer Lust greift, um so mehr, als bei den ersten praktischen Versuchen, Luftballons emporzusenden, Lust verwendet wurde, und schon mehr als hundert Jahre, bevor diese ersten praktischen Versuche im Jahre 1783 von den Gebrüdern Montgolfier ausgeführt wurden, der Borschlag gemacht war, ein mit Luft ge- fülltes Gefäß in die Höhe gehen zu lassen. Selbstverständlich läßt sich die Luft in der Gestalt und mit den Eigenschaften, mit denen sie uns umgibt, nicht zur Füllung von Luftballons verwenden— dazu ist sie zu schwer—, aber man hat mehrere Methoden, sie zu erleichtern. Daß überhaupt, wenn man in die Luft gelangen will, das dazu zu verwendende Gesäß leichter sein muß als Luft, hatten die Menschen wohl schon sehr früh aus der Aehnlichkeit mit den Verhältnissen des Wassers erkannt; auch ein Schiff kann sich nur dann schwimmend auf dem Wasser halten, wenn der Schiffskörper und sein ganzer Inhalt zusammen leichter ist, als so viel Wasser wiegt, wie man dazu gebrauchen würde, um den Raum, der von dem Schiff gefüllt wird, mit Wasser anzufüllen. Darum sinkt ein Schiff, von dem ein beträchtlicher Raum sich mit Wasser füllt. Wäre es aus leichtem Holz gebaut und hätte nur Gegenstände an Bord, von denen ebenfalls jedes Kubikzentimeter leichter wäre, als ein Kubikzentimeter Wasser, also als ein Gramm, so würde auch das mit Wasser gefüllte Schiff weiterschwimmen können, aber die Schiffsbemannung und die vielen metallenen Gegen- stände an Bord bedeuten eine so große Belastung, daß, trotzdem ein Teil des Schiffsraumes mit Lust gefüllt ist, die doch weniger wiegt als Wasser, das Gesamtgewicht zusammen mit dem Gewicht des eingedrungenen Wassers größer ist. als wenn alles aus Wasser bestände. Ebenso kann ein Lustschiff nur in eine solche Höhe der Atmosphäre gelangen, wo der Raum, den der Ballon, also Balloninhalt und Ballonhülle und die Gondel mit allem lebenden und toten Inventar zusammen einnehmen, nicht schwerer ist als da» Gewicht der ihn dort oben umgebenden Luft. Da die Ballon» hülle mit ihren Stricken und sonstigen Einrichtungen, sowie die Gondel mit ihrem Inhalt schwerer find als Luft, muß zum Aus- gleich der Balloninhalt, also das Gas. leichter sein als atmosphärische Lust, und je mehr von solchem leichten Gas vorhanden ist. das heißt je größer der Ballon ist. um so mehr schwere Körper, Menschen, Rahrungsmittel, wissenschaftliche Instrumente und der» gleichen kann er mit hinaus tragen, und je leichter alles zusammen ist, um so höher hinauf kann eS gelangen, denn die Lust ist um so leichter, je höher sie sich befindet. UebrigenS muß schon beim gewöhnlichen, für Wasserfahrt ve- stimmten Schiff, dannt es sicher und in richtiger Lage schwimmt. ■«(6 eine Bedingung erfüllt sein, nämlich, der Schwerpunkt des ,.üwimmenden Körpers muß tiefer liegen als der Schwerpunkt des Wasser? liegen würde, wenn solches den Raum des Schiffe? ein- nähme, oder eS muß doch der Schwerpunkt des schwimmenden Körpers tiefer liegen als das„Metazentrum", das heißt als der Punkt, in dem eine Linie, die durch den Schwerpunkt des vom schwimmenden Körper verdrängten Wassers senkrecht gezogen ist, die Mittelachse des schwimmenden Körpers schneidet. Liegt der Schwerpunkt deS schwimmenden Schiffes höher als der Schwerpunkt des verdrängten Wassers oder als das Metazentrum. so würde da? Schiff sich so wenden, daß sein Schwerpunkt nach unten zu liegen käme, das heißt. eS würde sich umkehren, sein Kiel käme nach oben, ein tödliches Unglück für die Insassen deS Schiffes. Uni derartiges zu vermeiden, muß man die Belastung eines Schiffes mit Verständnis imd Sachkenntnis so verteilen, daß die schwersten Stücke nach unten kommen, denn nur so erreicht man es, daß der Schwer« Punkt des Ganzen recht tief liegt, tiefer als das Metazentrum. Für Luftschiffe gilt dasselbe Gesetz, hier ist aber ein Kentern von Hauss nicht zu befürchten, denn stets ist der schwere Korb oder die schwere Gondel unterhalb des trotz seiner Größe sehr leichten, weil mit leichtem Gas gefüllten, Ballons angebracht, der Schwerpunkt des ganzen Systems hat also die genügende Tiefe. Jedenfalls also muß der Ballon leichter sein als ein gleiches Volumen der ihn umgebenden atmosphärischen Lust. Die Gebrüder Montgolfier erreichten dies dadurch, daß sie die im Ballon befind« liche Luft durch brennendes Stroh, das sich cm der Ballonöffnung befand, erhitzten. Dadurch wurde die Luft park ausgedehnt, im Ballon blieben weniger Gramm Lust als vorher, da sie so kalt war wie die Umgebung, der Balloninhalt und die Hülle wogen also weniger als die kühlere Umgebung, und deshalb erhob sich der Ballon in die Höhe. Diese Methode der Ballonerlcichternng war aber mit großen Nachteilen verbunden. Wenn das Feuer nicht dauernd unterhalten wurde, kühlte sich die Luft im Ballon bald ab. fie zog sich zusammen, von außen drang kalte Luft ein. die Luft im Ballon hatte dieselbe Schwere, wie die außerhalb, und mit der Hülle zusammen war fie schwerer, der Ballon mußte sinken. Dagegen gab es nur das Mittel, das Feuer auch während der Ballon in der Höhe war zu unterhalten, und das war nur schwer durchführbar, aber selbst wenn eS durckigeführt werden konnte, war eS mit einer beständigen FeuerSgefahr für den Ballon verbunden. Man verließ also diese Methode und führte die« jenige Art der Ballonerleichtenmg ein, die noch jetzt die allgemein gebräuchliche ist, nämlich man füllte den Ballon mit einem GaS, das an sich leichter ist als die atmosphärische Lust. Aber es gibt noch eine andere Methode, und auf fie verwies schon im Jahre 1ö70 — der Jesuitenpater Francisco Lana— er schlug vor, mittels einer Luftpumpe die Lust auö dem Ballon zu entfernen. Diese Methode hat sicherlich große Vorzüge vor der Füllung mit leichten Gasen. Denn erstens kann die Auspumpung ohne weiteres überall vor« genommen werden, die Füllung mit leichten Gasen aber kann ent« weder nur an bestimmten Stellen vorgenommen werden, wo man die betreffenden Gase zur Verfügung hat, oder man muß fie mit großen Unbequemlichkeiten und Geldkosten dorthin trans» Portieren, wo die Ballonfiillung von statten gehen soll. Zudem find die in Betracht kommenden Gase über- Haupt nicht billig, eine Füllung mit ihnen also sicher kostspieliger als die Verwendung der Lustpumpe. Außer« dem aber sind die leichten Gase, um deren Verwendimg eS sich handelt, Leuchtgas und Wasserstoffgas, brennbar und leicht explosibel. und es hat immer etwas sehr Bedenkliches, solche feuergefährlichen und explosionsgefährlichen Stoffe in die Luft zu nehmen. Bei den lenkbaren Luftschiffen aller Systeme müssen die Motore durch Feuer» Maschinen, bei denen gewöhnlich Benzin verwendet wird, in Tätig« keit gehalten werden, und eS ist eine höchst bedenkliche und der Ab- änderung dringend bedürftige Einrichtung, solche Maschinen und zu- gleich brennbare Gase aus demselben Lustschiff unterzubringen; auch bei den selbstverständlich sorgfältigsten Vorsichtsmaßregeln bleibt dies Versahren immer anfechtbar rmd ist nur sa lange zu dulden, wie man kem befferes kennt. Aber auch wenn man, wozu freilich vorläufig keine Ausficht vorhanden ist, von den Fenermaschinen abseben und ungefährliche einführen könnte und bei den gewöhnlichen, nicht lenkbaren Lustschiffen. bei denen überhaupt keine Bewegungsmaschinen nötig find, ist die Ballonfüllung mit brennbaren Gasen sehr gefährlicb. Immer existiert die Möglichkeit, daß ein Blitz den Ballon trifft, und in solchem Falle muß bei brennbarem Gase eine stlrchtbare Katastrophe eintreten, während bei Vorhandensein von nicht brennbarer Ballon- füllung die vom Blitz getroffene Ballonhülle nur in ein relativ langsam brennendes, also verhältnismäßig nicht so sehr gefährliches Feuer versetzt werden würde. Selbst wenn man aber sagen wollte, die Wahrscheinlichkeit, daß der Ballon in der Luft vom Blitz ge» troffen wird, ist nur gering, zumal man bei Gewitterneigung den Sufftieg vermeiden wird, so ist doch in der Luft stets mehr oder weniger Lustelektrizität vorhanden; selbst wo sie nicht bedeutend genug ist, um zur Entladung durch einen Blitz zu führen, wird fie daS Luftschiff in einen elektrischen Zustand versetzen. und es ist Sacke eines unberechenbaren Zufalls, ob die dann aus dem Ballon entstandene negative und positive Elektrizität sich durch einen elektrischen Funken ausgleicht, der dann das brennbare GaS in jähe Flamme setzt und ein eilt» setzliches Unglück herbeiführt. Tatsächlich sind auch gar nicht selten Ballons und die zu meteorologischen Bcobachtungszwecken in die Lust gesandten Drachen durch einfache Lustclektrizität, ohne eigent« lichen Blitz, in Flammen gesetzt und vennchtet worden. Zu dieser eminenten Feuersgefahr kommt bei den mit be- sonderen Gasen gefüllten Ballons ein weiteres Bedenken. Während der Fahrt entweicht das Gas allmählich, man muß es auch, wenn man zu bestiunnten Zwecken, zum Beispiel um eine ge- sährliche oder doch hindernde Luftbewegung vermeiden will, in eine andere Lustschicht gelangen will. absichtlich entweichen lassen, und hat dann nicht mehr die Möglichkeit, eS unterwegs durch frisches Gas zu ersetzen, wenn man solches gebrauchen könnte. Nm höher hinauf zu steigen, hat man das Mittel, durch Auswerfen von Ballast das Luflschiff zu erleichtern, aber man kann später den Ballastvorrat nicht mehr vermehren, wenn man eS wünschen möchte, um ein wenig tiefer zu fahren. Gerade solche Schwierigkeiten waren eS im wesentlichen, die den Grafen Zeppelin bei seiner jüngsten Dauerfahrt störten. Ist aber am Ballon eine Luftpumpe angebracht, so kann man jederzeit nach Belieben Luft von austen in den Ballon eintreten lassen und später nach Be- darf durch Auspumpen wieder entfernen, so dast die Steuerfähigkeit dadurch ungemein vermehrt werden könnte. Die jetzt gebräuchlichen mit Gas gefüllten, bald hierin, bald dorthin transportabel» und nach Bedarf entleerbaren BallonetS sind nur ein ganz schwaches, Vergleichsweise wenig nutzbares Surrogat. Wenn man trotz aller dieser Vorzüge nicht schon früher die lustgefüllten Ballons mit der Luftpumpe entleerte, so lag dieS daran, dast man kein für solche Zwecke geeignetes Material besah, das die Ballonhülle hätte bilden können. Denn hier kann man nur eine starre, ganz oder doch beinahe unbiegsame Substanz verwenden. Wollte man Gummi- oder Seidenbüllen oder solche aus ähnlichen unstarren Stoffen benutzen, so würde der äustere Luftdruck sie so tveit zusammendrücken, dast das im Ballon eingesperrte Lustquantum auf ein geringes Volumen gebracht wäre, indem es dann ebenso dicht wäre wie die äustere Lust. Die Wirkung wäre, dast der Walloninhalt gerade so schwer wäre wie ein gleiches Volumen äuherer Lust, der Ballon wäre zu schwer, um steigen zu können, es wäre ebenso, wie wenn gar keine Lust ausgepumpt wäre. Francisco Lanas Plan wurde durch diese Schwierigkeit vereitelt. Er hatte, um starre Ballonwände zu erreichen, keine andere Substanz als Holz, und dies erwies sich, was man sich auch von vornherein sagen kann, als so schwer, dast auch bei weitgehender Luftauspumpung das Ganze viel zu schwer war, um zu steigen. Jetzt besitzt man aber im Aluminium einen Stoff, der diese Schwierigkeit beheben kann. Man hat schon Berechnungen an- gestellt, aus denen hervorgeht, dast, wenn man die Ballonwand so dick herstellt, dast sie dem äusteren Luftdruck widerstehen kann, also keine schädliche Zusammenpressung des Ballons zu befürchten ist, die Belastung dadurch doch nur so gering zu sein braucht, dast ein Ballon von den'Gröbenabmessungen, die denen der jetzt vorhandenen lenk- baren Luftballons etwa entsprechen, imstande wäre, so viel Menschen, Apparate und Vorräte in die Lust zu heben,«vie eS für die praktische Verwendung der lenkbaren Luftschiffe notwendig ist. Und da ein solcher Luftballon, ein wirklicher Lustballon, nicht GaSballon, nicht feuergefährlich ist, da er viel lenksamer ist, alS der GaSballon, und dabei sogar billiger, dürste man in ihm das Luftschiff der Zukunft erblicken, vielleicht einer so nahen Zukunft, daß Graf Zeppelin selbst noch, der in seiner Genialität alle Hilfsinittel benutzt, sich seiner bedient. Dr. H. 0. Kleines f einlleton* Kulturhistorisches. Badeleben im alten Rom. Das Baden war eine der wichtigsten Volksbelustigungen und Volksbeschäftigungen in der «römischen Kaiserzeit und von den Alten zu einem so durchdachten Luxus ausgebildet worden, wie es unsere Gegenwart nicht von fern tvieder erreicht hat. Wohl sahen einzelne Sittenprediger in dieser jallgemeinen Verbreitung der Sauberkeit ein Zeichen des Verfalls. „Wie reich an Tugend war doch die schlichte alte Zeit," ruft Seneca aus,»als man sich nur wusch und selbst ein Scipio nur einmal die Woche ein Vollbad nahm!" Aber das Bäderwesen hatte doch den großen Vorteil, die Volksgesundheit in allen Schichten zu erhalten, zumal nicht nur der Körper, sondern auch Seele und Geist in diesen großartigen Thermenanlagen gestärkt und erquickt wurden. Das betont Professor Theodor Birt in einer lebendigen Schilderung der altrömischen Bäder, die er seinen Skizzen„Zur Kulturgeschichte Roms"(Quelle und Meher, Leipzig) einordnet. Der vornehme Mann hatte seine Privatthermen, die einen märchenhaften Prunk buntschimmernder Marmorinkrustationen und silberner Wasser- lköhren entfalten mochten und nur Freunden zur Mitbenutzung geöffnet wurden. An der Küste baute man die Fundamente solcher Thermen ins kühle Meer hinaus. Doch die große Masse der Be- dölkerung versammelte sich in den öffentlichen Bädern, dem be- liebtesten Rendevouz der Bürgerschaft, wo man sich trefflich unter- hielt. Das Baden war die schönste Art des Faulenzens, ein Schlemmen in Sauberkeit, bei dem man den prächtigsten Hunger und Durst für die Hauptmahlzeit, die gleich nach dem Bade statt- fand, bekam. Bevor man zu den eigentlichen Thermen gelangte, befand man sich in einer Budenstadt, wo allerlei feilgeboten wurde, >und aus dem unbedeckten Thermenhof, der aber von der Straße aus nicht gesehen werden konnte, schallte Lärmen, Lachen und fröh- liches Geschrei herüber. Auf diesem zwei Drittel der ganzen riesigen Anlage bedeckenden Platz tummelten sich die schon AuS- gekleideten im lustigen Spiel. Die Frauen hatten von den Männern gesonderte Räume und taten es ihnen in allem so ziemlich gleich. iuf dem Platz nun werden Kugeln geschoben, wird Rapier ge- fochten und besonders eifrig Ball gespielt, denn das Ballspiel war «ine Hauptpassion auch der ältesten würdigsten Herrn, die im lverantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Springball wie st» Federball und Fußball noch ihren Mann stellten. Ein Gong ertönt: man muß sich beeilen, um noch in die Bäder hereinzukommen; sonst findet man keinen Platz mehr. Die Sammelbüchse geht herum und man zahlt seinen Eintritt, in Rom nur zwei Pfennige, in Provinzstädten aber mehr, die Männer vier, die Frauen gar acht Pfennige. Korpulente Damen sollten das Drei. fache zahlen, erklärt Martial; sie nehmen zuviel Platz weg. Durch kleine Warteräume mit Bänken, in denen man beim Aufseher auch seine Wertsachen ablegen kann, gelangt man in einen Auskleide- räum und von dort ins„Tepidarium", wo man sich zunächst in lauer Luft durchwärmen läßt, um dann ins heiße Wannenbad zu steigen. Dies heiße Bad war der höchste der Genüsse und galt als sehr gekund. Danach ließ man sich mit lauwarmem Waffer be- sprudeln und säubern, wobei auch der Schwamm seine Arbeit tat. Das kalte Bad, ein schöner, großer heller Raum, bildete den vor- schriftsmäßigen Abschluß; in Sommerzeiten wurde es hauptsächlich besucht; man konnte auch in einem großen Bassin im Thermenhof schwimmen. Nach vollendetem Bade folgten sorgfältige Abreibungen, Massage und Oelung der Haut. Wer etwas Besonderes tun wollte, ging auch noch in das Schwitzbad, eine Rotunde mit halbkugel- förmigem Dach, das oben offen war und durch eine verschiebbare Metallscheibe frische Luft zuführen konnte. Die Heizung erfolgte durch hohle Fußböden und hohle Wände, durch die heiße Wasser- dämpfe geleitet wurden. Diese Heißluftheizung war von dem Römer C. Sergius Orata, einem Zeitgenossen CiceroS, er- funden worden. Die Leitung geschah auch in Tonröhren. Um aber nicht nur dem Körper, sondern auch dem Geist Erholung zu ge- währen, brachte man in den Thermen Kolossalfenster an mit riesigen Glasscheiben, durch die Aussicht auf ein weites Panorama gespendet wurde. Ueberhaupt war der Thermenbau für den Fort- schritt der Architektur von hoher Bedeutung; die Form der christ- lichen Basilika hat sich an den Stil der Baderäume angelehnt; die kolossalsten Bauten wurden in den Caracalla- und Diokletians- thermen ausgeführt; bisweilen wurden die Spielhöfe mit Riesen- gewölben überspannt, so daß sie in heißen Sommertagen die beste Kühlung boten. Ueberall erfreuten den Badenden Werke der bildenden Kunst, bilderreiche Mosaiken auf den Fußböden, Mosaiken auch in den farbenstrahlenden Apsiden der Höhe. Statuen von Marmor und Erz waren hier aufgestellt, so daß sich das Bad zu einem idealen Museum wandelte. Den„Schaber" des Lysipp stellte Agrippa in seinen Bädern auf; der farnesische Stier und der farnesische Herkules stammen aus den Diokletiansthermen. So sehr liebte das Volk diese Bildwerke, daß ein Aufruhr entstand, als TiberiuS den„Schaber" in seinen Palast brachte; die Statue mußte wieder an ihren alten Platz gebracht werden. Das regste Leben und Treiben entfaltete sich in diesen Bädern. Die Vor- nehmsten mischten sich unter die Niedrigsten. Auch Tiere brachte man mit ins Bad, hauptsächlich Hunde, aber auch andere exotische Lieblinge aller Art, bis zum Rhinozeros. Reiche Ernte hielten die Bäderdiebe, denen im römischen Strafrecht ein besonderer Ab- schnitt gewidmet ist. Medizinisches. DaS Raupenfieber. Ob das Jahr 1909 als ein Raupen- jähr zu betrachten ist oder nicht, darüber scheinen die Meinungen geteilt zu sein. Soweit sich bisher eine Ucbersicht gewinnen läßt, treten die Raupen in einzelnen Gebieten massenhaft auf, in anderen nahe benachbarten dagegen ungewöhnlich spärlich. Wie dem aber auch sei, es vergeht kein Jahr, wo nicht hier und da ein Fall von sogenanntem Raupenfieber vorkommt, einer Art von Haut- erkrankung, die von den Haaren gewisser Raupen verursacht wird. Weitaus am häufigsten wird als Urheber dieses höchst unangenehmen Uebels die Raupe des Goldafters und des ihm sehr ähnlichen Gartenbirnenspinners und„Schwans" unter Anklage gestellt. Diese Arten gehören beide zu der Familie der Lipariden, ebenso wie auch der aus anderen Gründen berüchtigte Schwammspinner. Es läßt sich ohne weitere? sagen, daß fast alle stark behaarten Raupen zu jener Erkrankung Anlaß geben können, zum Beispiel auch der sogenannte„braune Bär"(�rctis caja). Einerseits ist aber die Empfänglichkeit der einzelnen Menschen für die Ein- Wirkung der Raupenhaare glücklicherweise,— oder für die Benach- teiligten unglücklicherweise— sehr verschieden, und außerdem be- sitzen auch die Raupenhaare der einzelnen Arten noch eine ver- schieden starke Wirkung. Am meisten gefürchtet ist der nicht allzu weit verbreitete Prozessionsspinner, der durch einen plötzlichen Ueberfall auf Nadelholzwälder zeitweise manches Ostseebad aufs schwerste geschädigt hat, indem die Kurgäste aus Furcht vor dem Raupenfieber ausblieben. Uebrigens gibt es auch Spinnen, deren Haare eine ähnliche Wirkung ausüben. Am meisten fft aber doch, wie schon bemerkt wurde, die unendlich häufige Raupe des Gold- afters zu fürchten. Ein Finger, in dessen Svitze sich Haare dieser Raupe festgesetzt haben, sieht im stark vergrößerten makroskopischen Bilde höchst merkwürdig aus, und man kann sich danach ohne- weiteres denken, daß diese BeHaftung mit den Raupenhaaren nicht harmlos ausgehen kann. Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrl«g»anstaIt Paul Singer L-Co..Berlin SW.