MnterhalkungsSlait des HorwSrts Nr. 121. Freitag, ven 25. Juni. 190S lNachdruS 18] veroeMt Der Hrbeitcr Scbewyrjoff* Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e w. Autorisierte Uebersetzung von A. V i l l a r d u. S. B u g o w. Die schwarzen Augen der Dame blickten ihn rasch an. man konnte nicht verstehen, was für ein Ausdruck in ihnen, lag. Ko ketterie oder Protest.. „Ja, aber immerhin ist es doch schrecklich!" sagte sie. Schweigend hörte Schewyrjofs zu, während seine kalten, hellen Augen langsam, fast unmerklich von einem Gesicht auf das andere glitten. Und je länger er sich umschaute, um so fester preßten sich seine Lippen zusammen, um so stärker zitterten die Finger feiner Taschen in die vergrabenen Hände. „Das ist ganz gut. daß sie ihn über den Haufen geschossen haben! Daß sich's auch die anderen merken, schöne Mode das, Bomben zu schmeißen!" „Weiß der Teufel.-.. das ist doch stark", bemerkte jemand leise, dicht an Schewyrjoffs Schulter. Er sah sich rasch um und erblickte junge Augen, die mit Entrüstung und Verachtung auf di« Menge schauten: e junges Mädchen stand hinter ihm. „So ist's aber am besten." erwiderte ihr ein Student, der sie begleitete. „Was sagen Siel" ''„Wäre es denn besser, wenn er gehängt würde?" ent- gegnete der Student bitter und senkte den Blick. Schewyrjofs sah ihn aufmerksam an. Aber im Augenblick als der Student die Aufmerksamkeit bemerkte, nahm er sich auch schon zusammen und sagte, das Mädchen am Arme berührend: „Gehen wir. Marussja... was sollen wir hier." „Man bringt sie, bringt sie!" ging es durch die Menge; die ganze Masse geriet in Bewegung, schwankte und drängte gegen das Tor. Zuerst erschienen nur die Köpfe von Schutzleuten, von denen zwei die Mütze abgenommen hatten, dann der Feder- busch eines Gendarmen. Sie trugen etwas, das nicht zu er- kennen war; nur unter einem Laken kamen lange kastanien- braune Haare, die von der Tagesluft langsam bewegt wurden, und ein schmaler Teil der hohen knöchernen Stirn zum Vor- schein. „Und die Liebe, und die Opferwilligkcit, und das Mit- leid!" klang Schewyrjofs die erregte Baßstimme Aladjews in den Ohren, und ein augenblicklicher Krampf verzog sein Gesicht. Der Menschenknäuel verdeckte die Leiche. Man sah nur, wie das grüne Dach des Krankentransportwagens von der Stelle rückte, schwankte und langsam fortglitt und wie sein armseliges rotes Kreuz in der schwarzen Straßenmonge auf und nieder tauchte. Die Menge lief allmählich auseinander. Nur kleine Häuflein blieben zurück. Der Geselle er- zählte noch immer, mit den Armen fuchtelnd; die Straße wurde leer, und wieder rollten Droschken vorbei, Menschen gingen vorüber und sahen sich mit verständnisloser Neugierde nach dem Tore um. Schewyrjofs stieß einen Seufzer aus, unterbrach ihn aber sofort, und die Hände tief in die Taschen vergraben, ging er mit festen Schritten weiter. Schwere Gedanken zogen wie ein endloser Streifen durch feinen Kopf. Er dachte, daß' auch damals, als die Frau, die er liebte, gehängt wurde, oder bei dem opferfreudigen Tode irgend- welcher anderen Bekannten von ihm. niemand vor Schmerz und Entsetzen aufgeschrien, niemand sein Geschäft verlassen hatte. Die Menschen hielten einander nicht an. um sich die entsetzliche, traurige Nachricht mitzuteilen. Wie immer rollten die Straßenbahnwagen, wie immer waren die Geschäfte ge- öffnet, wie immer gingen, wie im Spiel, schön gekleidete Frauen spazieren, fuhren solide, besorgte Männer vorüber. Keinen ging die entsetzliche Qual etwas an, die sein Herz. ias ein lautloser Schrei des Grauens und der Verzweiflung zu einem Klumpen zusammengezogen hatte, zerfleischte. Seine schweren Gedanken schienen ihn von der Außen, weit abzuschließen, und doch erfaßte fein geübtes Ohr fein, hörig den eigentümlichen Schall von Schritten, die nicht von ihm ablassen wollten. Schon vor dem Hause im Gedränge hatte Schewyrjoff listige, schonungslose Blicke, die sich hinter fremden Rücken zu verbergen suchten, auf sich gerichtet gefühlt. Ein paarmal schaute er sich sogar um, konnte aber nichts bemerken. Ueberall sah er nur dieselben eintönig gespannten, fremden Gesichter. Trotzdem war das unheimliche Gefühl stärker geworden; fein Herz schlug lauernd und unebenmäßig. Am Ende der Straße öffnete sich der breite Fluß mik blauen Wellen, von Dampferrauch überdeckt und überhallt von gellenden, in der Ferne zerspringenden Pfeifensignalen. Weit— auf dem anderen Ufer— lagen, in nebliges Grau gehüllt, Häuser, Gärten, Fabrikschornsteine: schwer über ihnen lastete ein schwarzer Streifen rußigen Rauches, der den Rand des hohen hellen Himmels beschmutzte. Schewyrjofs überlegte und bog nach der Brücke ein; un, vermutet sah er sich dabei um. Zwei Augen starrten ihm erschreckt ins Gesicht. Ein Mann mit überaus blondem Schnurrbart. Stehkragen und steifen Hut, trat ihm beinahe auf die Fersen. Ihre Blicke begegneten sich für einen Moment, und in entsetzlichem gegen- seitigen Verständnis wurden sie eisigkalt. Es dauerte nur eine Sekunde, dann drehte Schewyrjofs sofort, als wenn nichts geschehen wäre, den Kopf zurück und schritt weiter; der Mann im steifen Hut überholte ihn schnell, ohne Aufenthalt, pnd ging voraus. Alles vollzog sich so flüchtig und unfaßbar, daß Schewyr- joff anfangs glaubte, er hätte sich geirrt. Aber sein Herz pochte dumpf, als wollte es ihn warnen. Plötzlich sah er die schwarze Gestalt eines Schutzmanns vor sich, der sich in aller Seelenruhe die Nase mit dem Weißen Handschuh wischte. Der Mann im steifen Hut ging ruhig geradeaus und ohne den Schritt zu verlangsamen an dem Schutzmann vorbei. An- scheinend hatte er etwas Eiliges zu erledigen. Aber der Schutzmann zuckte zusammen, ließ die Hand sinken, sah ihm verwundert nach und schaute sich dann bestürzt um. Augenblicklich machte Schewyrjofs, behend und präzise, als hätte er es längst erwartet, kehrt, tauchte in einem Häuflein Maurer, die ihm in einem kleinen Trupp entgegenkamen, unter, und bog wieder nach dem Kai ab. In der Ferne lag der Sommergarten und die Straße, die nach dem kahlen Marsfeld*) führt. Mit blitzschneller Deutlichkeit berechnete er die Entfernung, doch sah er. daß er den Garten nicht er- reichen würde; der Kai jedoch war offen und glatt, wie eine Einöde. In der Menge fahrender und gehender Menschan schien er ebenso unverdeckt und vereinzelt wie auf einem kahlen Schneefeld. „Nun, was ist da zu tun?... Ist ja alles gleich..." dachte er und blieb apathisch gerade an der Landungsbrücka der Finnländischen Gesellschaft stehen, als durchdringend ein Dampfer zur Abfahrt pfiff. Mit dem genauen Gang einer Maschine, fast ohne Ueberlegung, schwenkte Schewyrjofs nach dem schwankenden Laufbrett ab und war mit einem Satz an Bord des Dampfers, mitten unter den verschiedenen Menschen, die eilig auf gelben Bänken Platz suchten. Erst da schaute er sich um. Ziemlich weit entfernt, am Anfang der Brücke, bemerkte er drei menschliche Gestalten, die von der ganzen Welt abge, sondert schienen. Es waren ein Spitzel, ein Schutzmann und ein Soldat zu Pferde. Sie berieten untereinander, die Gesichter auf den Dampfer gerichtet, und bewegten sich unsinnig auf demselben Fleck hin und her. Mit eigentümlicher Sicherheit erkannte Schewyrjofs den Grund ihrer Verlegenheit: Da sie nicht wußten, ob sie noch bis zur Abfahrt Zeit hätten, hercm>» zukommen, liefen sie zwecklos bald vor, bald zurück. Doch als der Schutzmann, endlich zu einem Entschluß gekommen, den Säbel mit der Hand haltend, ein paar Schritte auf Schewyr- joff zu machte, zischte der Dampfer gerade, keuchte und stieß gravitätisch von der Anlegebrücke ob. Da riß der Soldat •) Großer Exerzierplatz inmitten Petersburgs._ HlotzNch daS Pferd herum und sprengte vom Fleck weg in schnellem Trab über die Brücke, während der Spitzel und der Schutzmann nach anderen Richtungen fortrannten. „Zum Telephon... gleich ans Revier melden!" dachte Schewyrfoff, als wäre es ihm vorgesagt worden. Und wiederum fchnep und präzise wie eine Maschine ? prang er auf den Bordrand, durchmaß mit einem Blick den chmalen Raum zwischen der Brücke und der schmutzigen Dampferwand und sprang hinunter. Einige Leute schrien entsetzt auf, doch er erreichte die Landungsbrücke, glitt aus, fiel beinahe hintenüber ins Wasser, hielt sich noch an, lief über die Bretter und zurück nach dem Sommergarten. .lFortsetzung folgt.Jl Das Blend und der Hufrubr 4] in Scblelien. Bon W i l h e l m W o l f f. Der Polizeidertvcser Christ und ein Gendarm nahmen zwar ln Peterswaldau eine Arretierung vor, indes befreiten di« Weber bald den Gefangenen. Mben Zwanziger wohnt der Fabrikant Wagenknecht. Er hatte die Weber menschlicher behandelt, er blieb verschont. Da er ihnen noch ein kleines Geschenk verabreichte, brachten sie ihm ein Vivat aus. Bald fanden sich Weber aus Arnsdorf und Vielau ein. Was bei Zwanziger noch übrig ge- blieben, wurde vollends zertrümmert. Die Nacht unterbrach das Rachewerk. Ich darf den Vorschlag einiger Weber, die Häuser an- zuzündcn und die Verwerfung desselben aus dem Grunde, weil die so Beschädigten dann Brandgeldcr erhielten, und es doch darauf ankomme, sie auch einmal arm zu machen, damit sie erführen, wie der Hunger tu«, als zu charakteristisch nicht unerwähnt lagen. Am folgenden Tage, den 5. Juni, ging es zum dritten Mal in die Zwanzigerschen Etablissements. Ein Garnvorrat auf dem Boden des Hauses Ivar am 4. Juni nicht entdeckt worden; darum fiel er heilte der Vernichtung anheim. Zum Schluh ward selbst an die Dächer Hand gelegt und ihre teilweise Zerstörung bewerkstelligt. Nachdem hier alles zu Ende, begab sich der Haufe zum Fabrikant F. W. Fcllmann jun. Fellmann beschwichtigte die' Leute, indem er jedem 5 Groschen zahlte und Brot und Butter, nebst einigen Speck- feiten an sie verabreichte. Ein Stück Brot und ein Viergroschenstück reichten hin, die Wut der von Hunger und Rache Getriebenen im Zaume zu hallen! Nun gings weiter zu E. G. Hofrichters Witwe und Söhne. Die Masse der Weber betrug hier schon 3