Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 124. Mittwoch, den 30 Juni. 1909 (Nachdruck bereuten.! 21J Der Hrbeiter Scbewyrjoff. Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e w. Autorisierte Uebersetzung von A. V i l l a r d u. S. B u g o w. (Schluß.) Einige Stapel Ziegelsteine, Holz und Kalkplatten sahen düster wie Grabhügel aus. Das Tor des Bauzaunes stand offen, und dahinter glänzte das undeutliche Weiß des Strasienpflasters. Schewyrjoff ging über den Hof und schaute vorsichtig hinaus. Dem Tor gegenüber, nur einige Schritte entfernt, standen in der leeren Straße unbeweglich drei Gestalten. Es waren Schutzleute mit Gewehren auf der Schulter. Schewyrjoff sprang zurück und drückte sich an die Wand. Die Schutzleute hatten nichts bemerkt. Sie unterhielten sich leise, doch konnte Schewyrjoff die Worte verstehen: „Was für einen Zweck hat es, Menschen grundlos zu Krüppeln zu machen... Da haben Sie recht..." Schewyrjoffs Herz begann stärker zu schlagen, doch sein Denken blieb so scharf wie vorher. Mit lautlosen Be- wegungen lief er zurück, huschte hinter die Holzstapel, schwang sich leicht auf den Zaun und sprang auf denselben Holzhof herunter, über den er schon einmal gelaufen war. Holzschuppen ragten an den Seiten hoch-, es roch nach Holz und Feuchtigkeit. In der leeren Wächterbude waren die Fenster dunkel alles war still und ruhig. Vor dem offenen Tor lag die helle große Straße, glitten die schwarzen Umrisse der Passanten vorbei, klangen hell die Pferdehufe quer gegenüber brannten die gelben Lichter eines Geschäftes. „Gelingt es mir jetzt, bis auf den Prospekt zu kommen, so verliere ich mich in der Menge. Dann schlage ich mich nach dem Finnländischen Bahnhof durch und gehe zu Fuß längs den Schienen nach der Grenze..."*) zuckte es schnell durch sein Hirn.„— Wir wollen noch miteinander kämpfen", sagte er stolz zu dem unsichtbaren Feind und trat entschlossen aus dem Tor. Licht, Lärm, die Bewegung in den Straßen betäubte ihn. Er machte einige Schritte vorwärts, prallte aber plötzlich zurück: an verschiedenen Stellen, an Torwegen und Straßen- kreuzungen standen überall dieselben schwarzen Posten mit Gewehren, deren Bajonette im Abendlicht glänzten. „Eine Einkreisung!" begriff Schewyrjoff mit dem Gefühl gleichgültiger Verzweiflung. Es war undenkbar, auf der hellen Straße unbemerkt zu bleiben. Alles war zu Ende, und doch wollte er sich, in Wahn- sinnigem Trotz, nicht ergeben. Während er sich ganz klar war, daß man ihn sehen müsse, sprang er quer über die Straße und rannte fast unter den Händen der von allen Seiten her- beistürzenden Schutzleute auf den Platz hinaus. 1ö. Ein schwarzer Himmel, der die Abendröte von Millionen Lichtern zurückwarf, hing über der Stadt. Trotzdem an jeder Ecke auf den Bürgersteigen grelle Laternen brannten, waren die Straßen doch wie dunkle Hohlwege im Vergleich zu dem ungeheuren Theater, das innen von einem Brand erfaßt zu sein schien. Das gedehnte Rufen der Kutscher schlug von allen Seiten heran: wie ein Fluß strömte die Menge aus dem mächtigen Dunkel und mündete in die reich beleuchteten Ein- gänge. In der schwarzen Menschenmasse tauchte Schewyrjoff auf, verschwand, erschien auf einer anderen Stelle wieder und schlängelte sich wie ein Aal weiter durch. Er hatte seine Ver- folger auf den Versen, wurde von allen Seiten umstellt, und trotzdem er sich immer wieder herauswand, war es nur ein letztes, sinnlos brutales Spiel. Gerade vor dem Eingang ins Theater schloß sich der Ring. Die auf das Lärmen und Stoßen herbeieilenden Gen- darmen vom Theaterdienst drängten sich in die bestürzte •) Di« Grenze von Finnland ist von Petersburg aus zu Fuß in wenigen Stunden zu erreichen. Menge, die nichts von den Vorgängen verstand. Rur einige Studenten, die begriffen, worum es sich handelte, versuchten vergeblich, die Panik zu steigern und diesem sonderbaren ab« gehetzten Menschen zur Flucht zu h lfen. „Laufen Sie ins Theater!" Und instinktmäßig dieser jugendlichen Stimme ge« horchend, drückte sich Schewyrjoff zusammen mit der Menge in das riesige Theater hinein., Von irgend jemand wurde er in den Aufgang zum ersten Rang gestoßen. Der Theaterdiener in rot-goldenem Frack versuchte ihn aufzuhalten, prallte jedoch beim Anblick des wilden Augenpaares zurück und wurde durch einen Haufen unbekannter Menschen zur Seite geschoben. Schewyrjoff ge- lang es, in einen schmalen Korridor zu laufen: an Garde- roben, roten Dienern, geputzten Damen vorbei sprang er in eine leere Loge, die mit rotem Samt ausgeschlagen und mit vergoldeten Stühlen gefüllt war. Fast besinnunglos ver- riegelte er die Tür, verstellte sie noch durch einen Diwan und ließ die Hände sinken. Das war das Ende. Man hörte, wie jemand im Korridor mit unnatürlicher, aufgeregter Stimme schrie: „Nach der Galerie!... Ich habe ihn gesehen! Nach der Galerie! Dorthin! dorthin!" Jemand versuchte die Tür zu öffnen, aber im selben Moment erlosch plötzlich das Licht, der Vorhang hob sich mit leisem Rauschen und zeigte einen grell beleuchteten grünen Garten und Menschen in phantastischen, goldenen, roten und hellblauen Kostümen. Was weiter folgte, war wild überstürzend wie ein Wirbel- stürm. Anfangs unterschied Schewyrjoff nichts, außer einem Meer von Köpfen, von Rängen, die im Nebel verschwammen, und einzelnen trüben Flecken. Er begriff nicht einmal gleich, daß er sich im Theater befand und daß die Aufführung be- gönnen hatte, daß diese eigentümlichen Gestalten, die auf der Bühne hin- und herlaufen und mit den Händen zu agieren beginnen, Schauspieler sind. Mit furchtbarer Bestürzung blickte er sich wie ein abge- hetzter Wolf nach allen Seiten um. Alles, was an diesem Tage durchlebt war: die Flucht, die Verfolgung, die tödliche Gefahr, der nahe, unentrinnbare Tod, hatte nichts gemein mit diesem Meer feierlich dahinschauender Köpfe, nackter Schultern, phan- tastischer Dekorationen und buntfarbiger Lichter. Zum Tollwcrden wild kam ihm der Gedanke vor, daß dies hier das Wirkliche sei, gegen das Grauenhafte, die ganze Größe seiner Leiden nichts zu sagen habe. Gerade so, als wenn nichts geschehen wäre, ging der Vorhang auf. gerade so fuchtelte der Kapellmeister mit den Händen, gerade so trat eine Sängerin in Reifrock und roter Perücke auf und begann die Arme auseinanderlegend, zu singen— leise, süß, feierlich, wie in einem Tempel. Man wird ihn suchen, wird ihn bald finden, ergreifen und bei Tagesanbruch hängen, hier dagegen wird sich alles nach kurzer Unterbrechung beruhigen, die Musik wieder ein- setzen, lächelnde Menschen wieder würdevoll ihre Aufmerksam- keit anspannen, tausende Köpfe sich niedersenken, eine zauber- volle Stimme ertönen, nackte blasse Fräuenschultern vor Ent- zücken zittern, und dann wird der donnernde Applaus aus». brechen. Für einen kurzen Augenblick wuchs in seinem entzündeten Gehirn etwas zu Riesengröße an und spannte sich, doch mit einemmal riß es ab. Und wild, geduckt, mit wirr zerzaustem Haar, mit schmutzigem, zermartertem Gesicht und brennenden Augen lehnte sich Schewyrjoff zur Loge hinaus und schoß direkt, ohne zu zielen, die Hand krampfhaft ausgestreckt, in dieses Meer ruhiger, nichts ahnender Köpfe. � Ein furchtbares Kreischen war die Antwort. Eine hohe Note riß ab, eine riesige Menge sprang auf die Beine, ein seltsames Krachen und der betäubende Aufschrei vieler Stimmen ertönten zu gleicher Zeit. Schewyrjoff erblickte tausende ihm zugewandter, vor Entsetzen fast wahnsinniger Gesichter und feuerte mit unglaublichem Genuß von neuem, diesmal aber mit Ueberlegung, mitten in die dichteste Menge zielend. �as ununterbrochene Krachen der Schüsse übertönte d«� Wilden Schreie. Aus dem glatten Laufe des Brownings traf es wie Blitze in die Reihen, in die Köpfe, in die in panischem Schrecken gekrümmten Rücken, in die Beine der Fliehenden. Das Chaos Schreie wurde von hysterischen Ausbrüchen Weib- licher Stimmen durchschnitten. Ein dicker Herr blieb dicht vor der Loge im Gange eingekeilt und winselte wie ein Tier mit dünner reißender Fistelstimme. In den Türen zerdrückte man sich gegenseitig, riß die Spitzen und den Samt der Toiletten in Fetzen, stieß geschmückte, zarte Frauen zu Boden und schlug mit Fäusten aufs Geratewohl in Gesichter, Rücken und Nacken. Ueber allem aber, alles übertönend, krachte mit ununter- brochenem Rattern Schewyrjoffs Browning und übte mit kaltblütiger brutaler Freude Rache für die Beleidigungen, die Leiden, die vernichteten Leben, deren er so viele um sich gesehen hatte. Es wurde gegen die Tür gestürmt, sie wurde auf- gebrochen, Schewyrjosf gepackt und zu Boden geschlagen. Als er überwältigt und von den Revolvern der Okolodotschnijs*) in die Ecke des Korridors gedrängt war, blieb er stehen, und seine Augen brannten in schonungslosem Siegesbewußtsein. Aus der Ferne, aus dem Saal und den Korridoren, drang ein Getöse wie von einem Lawinensturz. Soweit das Äuge reichte, wimmelte es von einer Menge, die jedes menschliche Aussehen eingebüßt hatte. Ein dicker Herr wurde vorbeigetragen, seine blutüber- strömten Frackschöße schleiften auf dem Boden nach; eine Frau, unter die Arme gefaßt, in hellblauem T�collets vorbeigeführt, deren wächsernes Gesicht auf die Brust gefallen war: in den Locken ihrer zerrissenen rotblonden Frisur hing eine Weiße Lilie auf geknicktem Stengel. Schewyrjosf blickte an den schwarzen Revolverläufen, die auf seine Brust gerichtet waren, an den wutverzerrten Ge- sichtern vorbei auf diese geknickte Lilie und auf das Blut, das die atlaszarte Haut der für verfeinerte Genüsse gepflegten Frauenbrust besudelte. Man schrie auf ihn ein, man rüttelte ihn an der Schulter, aber seine Augen blieben hart und kalt und schauten mit einem unbegreiflichen Ausdruck geradeaus, als sähe er etwas, Was keiner von den anderen zu sehen vermochte. � (Nachdruck bctdolcn.) Scbackcrcbcti. Von Hans H h a n. Als der grüne Wagen das Tor der Anstalt passiert hatte und jhielt, stiegen die Insassen heraus, und der alte Meiners verglich nochmals mit seinen Akten, ob der„Zugang" auch in Richtig- Zeit war. Indem kam der Oberaufseher der Jsolierstationen über den weiten Hof. Der Gang seines langen, hageren Körpers hatte etwas vom Wiegen des Kameles, er bewegte sich sehr schnell. Und mit einer Stimme, die nie laut, dafür aber immer scharf und unan- genehm war, sagte er schon von weitem: „Na, Herr Meiners, guten Transport gehabt, heh?" „Jawohl, Herr Oberaufseherl... lauter bessere Leute... Unter drei Jahre is nich dabei., „So... so..." Herr Fahrenhorst musterte den Zugang. Mt'einer gewissen Ueberraschung, soweit davon bei ihm die Rede sein konnte, sagte er: „Na, un da... is das nich der Kuno Neugebauer alias ßchackerchen-.. heh?.. Der, den er bei diesen Worten fixierte, war ein kleiner, sehr proportioniert gebauter Mensch mit scharfgeschliffenen Zügen. Das rechte Auge zukneifend, hob er die linke Braue zu unnatürlicher Höhe, was seinen dunkel getönten Zügen den Ausdruck einer spaß- haften Ueberlegenheit verlieh, und als jetzt der alte Meiners er- widerte: „Jawohl, Herr Oberaufseher, das is Schackerchcnl" nickte der bedächtig und sah dann mit seinem komischen Gesicht auf die ge- Lesselten Hände nieder. „Soll ich ihm die Fesseln abmachen?" fragte der alte Trans- porteur spaßend. „Um Gotteswillenl... Nicht eher, als bis wir'n drin habenl" Der alte Meiners machte eine Bewegung, als wollte er sagen: „Das weiß ich wohll.. Dann kommandierte er:„Vorwärts!", und der Trupp setzte sich ktt Bewegung über den Hof hinweg, dessen durch Kreuz- und Quer- Wege zerschnittene Felder mit Kartoffeln bepflanzt waren, die eben in der Blüte standen. *) Unterste Polizeioffizier-Charg«, Der Gefangene, über den sich die beiden Beamten soeben unke?» halten hatten, wandte seinen schwarzen Kopf, und sowie er bemerkte, daß der Oberaufseher durch die kleine Nebenpforte in der Mauer nach außen verschwunden war, ließ er das in der täuschendsten Weise nachgeahmte Schnackern einer Elster hören. Sofort erschienen an den unzähligen Fenstern des roten Ge- bäudes. deren kleine vergitterte Quadrate so regelrecht über- und nebeneinander lagen, überall Gesichter. Alle Stammgäste der An- stalt wußten nun: Schackerchen ist wieder dal Aber der alte Meiners war sehr ungehalten: „Ich hab's Dir doch noch ausdrücklich im Wagen verboten, Dul ... soll's denn sofort wieder runtergehen in' Keller')? l... Nu muß ich Dich melden!.,." „Aber, Herr Meiners I..." Schackerchen spitzte den Mund, als wollte er dem alten Herrn einen Kuß geben.„