Nr. 126. Freitag, den 2. Juli. 1909 -(Nachdruck becSpttn.) 2] Die Inselbauern. vioman von A ü g u st S t r i n d ö e r g. Deutsch von Emil Schering Vom Pfleger der Gerechtigkeit weit entfernt, hat der Schärenmann in der Notwehr sein eigenes Lynchgesetz, und aus wirtschaftlichen Gründen spricht er lieber frei, als daß er verurteilt: auch in der Hoffnung, selbst freigesprochen zu werden, wenn sein Unglück kommt. Diese Nachsicht mit den Werbrechen anderer habe ich nie schöner ausdrücken hören als damals, als die Nachbarn erzählten, ein Mörder habe einmal, als er seine Frau ertränkte, einen„Fehltritt" be gangen. Der Schärenmann ist ein Einsiedler: hat weit zum Gericht, weit zur Kirche, weit zur Schule: weit zu den Nach darn und weit zur Stadt. Der Badeort ist sein nächster Kulturmittelpunkt: dort aber lernt er den Luxus kennen und beneidet Menschen, die er drei Monate Feste feiern sieht: denn die arbeitenden Mitglieder, die in der Stadt sind, sieht er nicht. In der Einsamkeit würde er Denker werden, wenn er Anleitung hätte: statt dessen wird er Phantast, und wie geschickt er in seinem Gewerbe sein kann, wie klarsehend im Alltagsleben, wird er leicht ein Raub subjektiver Wahr- nehmungen, wird„fernsichtig", ein Sonderling: macht fehler hafte Schlußfolgerungen, sehr oft Ursache und Wirkung der wechselnd: z. B. wenn es sich gut fischt, nachdem das� Geld stück unter den Stein gelegt worden, ist das Geldstück die mächtige Ursache. Er ist abergläubisch, und das Heidentum sitzt so tief in ihm, daß die Symbole der christlichen Kirche sür ihn noch gleichbedeutend mit Beschwörungen, Besprechun gen, Zauberei sind. Die Familie baut sich selbst nach alter Sitte und den einfachen Forderungen der Nawr auf, wo nicht wirtschaftliche Berechnung als Faktor mitspricht. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist ungezwungen: die Ehe wird gewöhnlich mit dem Kind geschlossen, wenn das Mädchen Wort hält und zur Gründung einer Familie geneigt ist. Ist das aber nicht der Fall, entstehen zuweilen schwere Verwicklungen, die mit dem vollständigen Verschwinden des Kindes und anderen Ge- schichten enden können: die kommen der ganzen Welt zu Ohren, nur nicht dem Länsman(Verwaltungsbeamten), der übrigens nichts machen kann, da er keine Zeugen findet. Beginnen, weit entfernt von Nachbarn, die Familien- bände zu zerreißen und werden starke Leidenschaften lange unterdrückt, erfolgen zuweilen unheimliche Ausbrüche der Naturkräfte: da nimmt es der an Tod und Verderben ge- wähnte Schärenmann mit den Mitteln nicht so genau. Dann werden dort draußen stille Trauerspiele aufgeführt, von denen man nur Andeutungen zu hören bekommt: in einigen meiner Erzählungen habe ich davon gemunkelt. Da reißen Bluts- bände entzwei, verbotene Schranken werden übersprungen: die Natur greift mit harter Hand, was sie kriegen kann: und sür Hunger und Liebe existieren nicht mehr Rücksicht noch Gesetze. Das Lichte, Lächelnde im Leben der Schärenleute, wenn es sich licht gestaltet, habe ich in diesem Roman„Die Insel- dauern" geschildert: in den Novellen„Das Jnselmeer" habe ich die Halbschatten gegeben: vielleicht kann ich später, wenn die Verhältnisse für die Literatur günstiger werden, auch die Schlagschatten geben(„Am offenen Meer"), die nicht fehlen dürfen, soll das Bild vollständig sein. Erstes Kapitel. jlTarlsson geht in Dienst und wird für einen Schwätzer gehalten.) Er kam wie ein Schneegestöber eines Aprilabends und hatte eine Kruke aus schwedischem Ton an einem Hunger- riemen um den Hals. Klara und Lotte waren mit dem Netzboot nach dem Badeort Dalarö gefahren, um ihn zu holen: ober es dauerte Ewigkeiten, ehe sie ins Boot kamen. Sie mußten zum Kaufmann, um eine Tonne Teer zu besorgen, und zur„Abtheke", um graue Salbe fürs Ferkel zu kaufen: und dann mußten sie auf die Post, um eine Freimarke zu holen: und dann mußten sie zu Fia Löfström, um den Hahn zu borgen, gegen ein Halbpfund dünnes Garn zum Netzbau. Und zuletzt waren sie im Gasthaus gelandet, in das Carlsson die Mädchen zu Kaffee mit Kuchen geladen hatte. Endlich kamen sie doch ins Boot. Carlsson wollte steuern, ab» das konnte er nicht: er hatte noch nie einen Nahsegler gesehen, daher schrie er, sie sollten die Fock hissen, die gar nicht vorhanden war. Auf der Zollbrücke standen Lotsen und Zöllner, die über das Manöver grinsten, als das Boot über Stag ging und ab« getrieben wurde. „Hör mal. Du hast ein Loch im Boot!" rief ein junger Lotse durch den Wind.«Stopf zu! Stopf zu!" Während Carlsson nach dem Loch guckte, hatte Klara ihn sortgestoßen und das Steuerruder genommen: und mit den Riemen gelang es Lotte, das Boot wieder in den Wind zu bringen: mit gutem Gang segelte es dem Sund der Insel Aspö zu. Carlsson war ein kleiner viereckiger Wärmländer mit blauen Augen und einer Nase, die so krumm war wie ein Doppelhaken. Lebhaft, spielerisch, neugierig war er, aber vom Seewesen verstand er nichts. Er war auch nach der Insel Hemsö im Stockholmer Jnselmeer gerufen, um für Feld und Vieh zu sorgen: damit wollte sich nämlich niemand mehr befassen, seit der alte Flod aus dem Leben geschieden war und die Witwe allein auf dem Hof saß. Als Carlsson die Mädchen mit Fragen nach den Ver« Hältnissen auf dem Hof anzapfte, bekam er Antworten, wie sie die Bewohner des Stockholmer Jnselmeers, der„Schären", zu geben Pflegen.-- „Ja, das weiß ich nicht! Ja, das kann ich nicht sagen! Ja, das weiß ich wirklich nicht!" Daraus wurde er nicht klug! Der Kahn plätscherte zwischen Holmen(Inseln) und Schären(Klippen) dahin, während die Eisente zwischen den Kobben schnatterte und im Fichtenwald der Birkhahn balzte. Ueber freie Wasserflächen, die„Fjärde", und über Strömun« gen fuhr das Boot, bis die Nacht kam und die Sterne auf- leuchteten. Da gings auf das große Wasser hinaus, wo der Leucht- tum der„Hauptschäre" blinkte. Bald kam man an einem Stangenzeichen mit Besen vorbei, bald an einer weißen Bake, die wie ein Gespenst aussah: bald leuchteten zurück- gebliebene Schneewehen wie Leinew auf der Bleiche: bald tauchten aus dem schwarzen Wasser„Netzwächter" auf, die am Kiel schrapten, wenn man darüber fuhr. Eine schlaf- trunkene Mantelmöwe ward von ihrem Riff aufgescheucht und brachte Leben in Seeschwalben und Möwen: ein höllischer Lärm brach los. Weit draußen, wo die Sterne ins Meer tauchten, keuch« teten das rote und das grüne Auge eines großen Dampfers: der schleppte eine lange Reihe runder Lichter, die durch die Ventile der Kajüten schimmerten. Alles war Carlsson neu. und er fragte nach allem: und jetzt erhielt er Antwort, und zwar so viele, daß er einsah, er war auf fremden Boden gekommen.„Er war eine Land- ratte", das heißt ungefähr dasselbe, was für den Städter „Einer vom Lande" ist. Jetzt segelte der Kahn in einen Sund(Meerenge) und kam in Lee(unter Wind), man mußte das Segel reefen und rudern. Als sie bald darauf in einen neuen Sund kamen, sahen sie ein Licht von einer Hütte leuchten, die zwischen Erlen und Kiefern lag. � «Jetzt sind wir zu Hause." sagte Klara. Das Boot schoß in eine schmale Bucht: eine Rinne wat durchs Schilf gehauen, das an den Seiten des Kahns raschelte: dieses Rascheln weckte einen Laichhecht, der sich in den Anblick einer Angelrute vertieft hatte. Der Hund gab Laut, und eine Laterne kam oben in der Hütte in Bewegung. Der Kahn wurde an der Landungsbrücke festgemacht, und die Ausladung begann. Das Segel wurde um die Rahe gerollt, der Mast herausgenommen, und die Stage mit den Tauen umwunden. Die Teertonne rollte man ans Land, und Kübel, Ko snen, Körbe, Bündel lagen bald auf der Landungs« brücke. Carlsson schaute sich im Halbdunkel um und erblickte kanter neue und ungewöhnliche Dinge. Vor der Landungs- brücke lag der Fischkasten mit seinem Hebespiel; an der langen Seite der Brücke lief ein Geländer, das mit Netzbojen, Fang- leinen Dregg(Schleppnetz)haken, Senkern. Schnüren, Grund- leinen, Angelhaken behängt war: auf den Brückenplanken standen Strömlingstrommeln, Tröge, Wannen, Bottiche, Näpfe, Grundleinenkasten: am Brückenkopf lag ein See- schuppen, der mit Lockvögeln behängt war: ausgestopfte Eidcr- gänse, Sägetaucher, Langschnäbel, Trauerenten, Quakenten; unter der Dachtraufe lagen auf Haltern Segel und Masten, Riemen und Bootshaken, Schöpfkellen, Eispickel, Quappen- keulen. Und am Lande standen Pfähle, an denen Strömlings- netze trockneten, so groß wie die größten Kirchenfenster: Flundernetze mit Maschen, durch die man den Arm stecken konnte: Barschgarn, neu geknüpft und weiß wie die feinsten Schlittennetze: doch von der Brücke geradeaus zogen sich zwei Reihen Gabelstangen wie eine Gutsallce, und an denen hingen die großen Zugnetze. Vom höchsten Ende des Ganges kam jetzt die Laterne und warf ihren Schein auf den Sandweg, auf dem Muschel- schalen und getrocknete Fischkiemen glitzerten, während in den Zugnetzen zurückgebliebene Strömlingsschuppen wie Reif an Spinngeweben blinkten. Aber die Laterne beleuchtete auch das Gesicht einer älteren Frau, das vom Wind gedörrt zu sein schien, und ein Paar kleine freundliche Augen, die beim Herdfeucr zusammengeschrunipft waren. Vor der Alten her sprang der Hund, ein zottiger Köter, der ebensogut auf See wie auf Land zu Hause sein mochte. „Nun, seid Ihr da, Mädchen," grüßte die Alte,„und habt Ihr den Burschen bei Euch?" „Ja, da sind wir. und hier ist Carlsson, wie Ihr seht, Tante I" antwortete Klara. Die Alte wischte ihre rechte Hand an der Schürze ab And reichte sie dem Knecht. „Willkommen, Carlsson I möge er sich bei uns heimisch fühlen!" Und zu den Mädchen: „Habt Ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, Mädchen? Sind die Segel im Schuppen? Dann kommt hinauf, ich werde Erich was zu essen geben." Alle vier gingen die Anhöhe hinauf: Carlsson still, neu- gierig, voller Erwartung, wie sein Leben sich in der neuen Stellung wohl gestalten würde. (Fortsetzung folgt.) richtet werden können; das hat für einen Kanaken viel zu be- deuten, denn er liebt wohl etwas Beschäftigung, sie darf aber niemals in Arbeit ausarten. Die Hütte ist oval gebaut. AuK kurzen Pfosten ruht das dichte Strohdach, so daß man im Innern kaum stehen kann, ohne mit dem Kopf überall anzustoßen. Dia Seitenwände sind aus Bambusstäben gebaut und werden mit KokoS- matten oder Stroh bedeckt. Natürlich gibt es keine Fenster; sie wären ja auch zwecklos. Die einzige Oeffnung ist ein kleiner Eingang, durch den man in die Behausung hineinkriechen muß. Diese wird mit einer doppelten Kokosmatte dicht verschlossen, damit des Nachts kein kühles Lüftchen hineindringen kann. Fortschritt» liche Kanaken bringen es sogar bis zu einer verschließbaren Brettertür. Auf einigen Stäben, die unter dem niedrigen Dach angebracht sind, liegen allerlei Kleinigkeiten, wie Messer, Beile, Spaten, Rudet, Handtrommeln, Fischnetze, Körbe mit Mandeln usw. Zuweilen stehen auch einige Kisten im Hintergrund, in denen Kleider und sonstige Habseligkeiten aufbewahrt werden. Einige Rollen Muschel» geld hängen verborgen in einer dunklen Ecke, damit sie dem Ein» tretenden nicht gleich auffallen. In der Mitte der Hütte ist die Feuerstelle, auf der des Nachts das wärmende Feuerchen unter- halten wird. Rund herum schlafen die Familienmitglieder bunt durcheinander auf der bloßen Erde. Ihr ganzes Nachtlager besteht aus einer Kokosmatte ohne Kopfkissen und ohne Decke. Da die Kanaken möglichst nahe beim Feuer schlafen, kommen sie oft mit demselben in unangenehme Berührung. Es verkohlen ihnen dabei nicht nur die Kleider am Leibe, sondern sie wälzen sich auch manch, mal ins Feuer hinein. Manchmal ist die Hütte mit einer kleinen, ein Meter tiefen Veranda umgeben. Eine Rinne, die ringsum gegraben wird, leitet das Regenwasser ab und schützt das Innere der Wohnung von einer etwaigen Ueberscbwcmm» ng, die infolge des häufigen und starken Regens leicht eintreten könnte und besonders des Nachts sehr ungelegen käme. In dem Gehöft befinden sich auch gewöhnlich einige schmale, hohe Häuschen, in denen auf einem kleinen Boden unter'dem Dach Uamswurzeln aufbewahrt werden, die sich nur in dieser luftigen Lage längere Zeit halten. Die vielen Frucht- unS Kokosbäume geben den nötigen Schatten für die ab. die tagsübev zn Hause bleiben muffen, um den Tieben aufzupassen. Die Kalos- bäume sind zwar wegen der herabfallenden Blätter und Nüsse sehr Hefährlich; aber dem suchen die Wilden dadurch vorzubeugen, daß sie die reifenden Nüsse und welken Blätter vorsichtig herunterholen. Zur Abhaltung der Tänze legen die Häuptlinge in der Nähe ihrer jGehöfte eine lange, zu beiden Seiten mit Krotonen und Drazänen bepflanzte Allee an. Die Wohnungen der Marshallinsulancr sind noch die dllen armseligen Hütten, in denen man nur liegen, kaum sitzen und gar nicht stehen kann. Sie sind plump und unsymmetrisch gebaut und dienen eigentlich nur als Schlafstellen, ohne gegen Wind und Regen Schutz zu bieten. Vier niedrige Pfosten tragen ein Dach, unter dem ein wagcrecht liegendes Balkenwerk einen oberen Raum abschließt: in ihm wird die Habe verwahrt: man gelangt von unten mittels Kletterns durch eine viereckige Ocffnung jhinein. Im unteren oder oberen Räume, auck, in den neben dem Hause stehenden Hütten verbringt man die Nacht. Eine Matte dient als Bett, ein Stamm als Kopfkissen. Die Dächer bestehen aus Kokos- und Pandanusblättern, den Boden des Jnnenraumes belegt man mit geriebenen Korallen- und Muscheltrüminern, die der Strand reichlich bietet. In der Umgebung der Wohnungen lassen die Insulaner Kokosnuhschalen und sonstige Küchenabfälle sich anhäufen und mit den sich daraus entwickelnden Pestgerüchen die Luft verderben: nur die immer frisch wehende Seebrise ver- scheucht die Gefahr für Leben und Gesundheit. Bessere Häuser besitzen die Häuptlinge mit ein bis zwei Abteilungen im Innern, deren Fußboden mit gut geflochtenen Matten belegt ist. Das Hauptdorf von Jaluit hat eine Anzahl von Bretterhäusern. Dort steht auch das 5kochhaus, Bella?, ein überdachtes Erdloch, um das einige glühende Kohlen(aus Kokosfaser) zu finden sind. ' Betrachten wir nun noch schließlich die Häuser auf den Karolinen- Inseln. Hier zeigt der Hausbau eine hohe Stufe der EntWickelung. Im einzelnen weichen die Häuser in Form und Schmuck nach den Gruppen voneinander ab. Die besten Häuser finden sich auf Ponapc. Das Haus steht hier auf einem mannshohen Postament aus regelmäßig geschichteten Basaltstücken. Palmholzpfeiler, 5 bis 6 Meter hoch, tragen das hohe, steile Giebelchen aus Pandanus- oder Ripablättern. Die Seitenwände, aus Rahmen von zusammengebundenen Rohrstäben bestehend, lassen sich fachweise herausnehmen. Auch der Fußboden besteht aus solchem Geflecht und ist mit Pandanusmatten belegt. Der Dachgiebel zeigt oft bunt bemaltes Schnitzwerk. Auf Ponape sind die Häuser bisweilen bis 1l) Meter, auf 5lusaie bis 13 Meter lang. Außer den Familienhäusern gibt es auf fast allen Inseln größere Bersammlungshäuser, die besonders gut gebaut sind und den Jung- gesellen zur Schlafstätte, zur Aufbewahrung der Kanus usw. dienen. Für Kusaie ist der an papuanischen Baustil erinnernde schmale, in eine hohe Spitze auslaufende Giebel und die sattel- Iförmig eingebogene Firstlinie des Daches charakteristisch. Auf Namoi berühren die nach unten verlängerten Seiten des Daches sast den Boden.— Uebrigens gibt es neben dem eigentlichen Privat- ihaus, z. B. auf der Insel Jap, noch eine Anzahl{leiner, niedriger Hüttchen, die teils als Frauenwohnung, teils als Kinderzimmer, iuianchmal auch als Spind oder Vorratskammer dienen. Auch auf der Insel Samoa gibt es Häuser für Frauen, (für Männer, Familien- und Beratungshäuser._ Zum Teil gruppieren sich die Wohnhäuser um das große Gemeindehaus und einen Versaminlungsplatz. Sie stehen bald nahe beieinander, bald einige hundert Meter voneinander entfernt, auf freien Plätzen oder beschattet von Brotfruchtbäumen und Kokospalmen. Diese Hütten, die im allgemeinen gleiche Gestalt haben, bestehen im wesentlichen aus einem von einer größeren Anzahl von Palmholz- Pfeilern getragenen, schildkrötenpanzerähnlichen Dach aus Blättern Xdie bisweilen wie Dachziegel auf Rohr gereiht sind, damit der Regen besser abfließen kann) und sind sehr kunstvoll gefügt. Bei ungünstiger Witterung und des Nachts werden die offenen Wände durch eine Art von praktischer Nolljalousie aus Palmenwedeln ge- schlössen. Die Herstellung der außerordentlich dauerhaften Häuser ist gewöhnlich Sache gewisser Baumeister. Meist ist der Boden der Hütte gegen die Umgebung etwas erhöht, außen von Steinen be- grenzt, im Innern regelmäßig mit einer Schicht von flach- geschliffenen und zerklopften Steinen etwa 20 Zentimeter hoch bedeckt, die sich beim Liegen der Körperform weich anschmiegen.— Das Hausgerät ist sehr dürftig. Kasten oder sonstige Gelasse und feste Behälter kennt der Samoaner nicht. Sein Inventar wickelt er in Matten, und diese werden auf die Türbalken im Hause ge- legt oder in Körben aus KokoSblättern daran aufgehangen. Stühle «nd Tische braucht der Samoaner nicht. Matten als Tisch, iKtuhl und Schlafdecke, Becher aus Kokosnußschalen, Kopfbänkchen aus Bambus, Fischerei- und Jagdgeräte und in wohlhabenderen Familien neuerdings dieses oder jenes europäische Stück, das ist das ganze Inventar. Gegen die Moskitos schützt man sich nachts durch eine Art Bettsackzelt aus Bast oder Kattun. Jedes dieser Sackzelte bedeckt eine Schlafstelle von 2 bis 6 Quadratmeter, in die sich dann meist mehrere Interessenten teilen: entweder eine Familie oder mehrere Kinder oder Geschlechtsgenossen. Aus- gestreckt auf einer Matte, bedeckt mit einem Lendenschurz oder gar einem besonderen Schlaftuch, im Genick das„Kopfkissen" als Bambus, erfreuen sich die anspruchslosen Naturkinder hier eines Schlummers, um den sie so mancher Europäer beneiden würde; sie brauchen dazu nicht einmal— die Arbeit als Schlafmittel. Eine mit Lehm ausgekleidete Vertiefung in der Mitte der Hütte bildet den Herd, der im wesentlichen Beleuchtungszwecken dient, falls nicht schon Petroleumlampen vorhanden sind:= kleinere Hütten abseits dienen als Küche. kleines Feuilleton. Naturwissenschaftliches. Ein experimenteller Nachweis für die Ver- erbung neuerworbener Eigenschaften. Außerordent» lich interessante experimentelle Untersuchungen über die Vererbung erzwungener Fortpflanzungsanpassungen hat Dr. Kämmerer in der Wiener Biologischen Versuchsanstalt gemacht. Dr. Kämmerer zwang einen Feuersalamander, der hauptsächlich im Tieflande lebt und bei jeder Geburt mit Kiemen versehene, den Kaulquappen ähn- liche Larven im Wasser absetzt, immer auf dem Lande zu bleiben. Umgekehrt hielt er den im Gebirge lebenden Alpensalamander, der stets zwei fertigentwickelte Junge zur Welt bringt, ständig im Wasser. Bei diesen Versuchen konnte nun festgestellt werden, daß der Feuersalamander infolge des auf ihn ausgeübten Zwanges, ständig auf dem Lande zu verbleiben, die Gebär- und Entwccke- lungseigentümlichkeiten des Alpensalamandcrs annahm und um» gekehrt der seiner Gewohnheit zuwider zum Wasserlcben ge- zwungene Alpensalamander brachte Junge zur Welt in der Weise, wie es sonst beim Feuersalamander zu beobachten ist. So zeigen diese Versuche, daß durch eine Veränderung der Lebensweise auch eine Veränderung des Fortpflanzungsmodus bedingt wird. Am interessantesten und wichtigsten sind nun aber jene Ergebnisse, die sich bei der Fortsetzung dieser Experimente herausstellten. Es zeigte sich nämlich, daß die den Versuchstieren aufgezwungenen Foripflanzungsanpassungcn an ihrer bisherigen Lebensweise ent- gegengesetzte Lebensbedingungen auch auf ihre Nachkommen über- tragen, d. h. also vererbt wurden. Damit ist wieder ein neuer experimenteller Nachweis für die von Lamarck, Darwin, Haeckek und ihren Anhängern behauptete Vererbung neuerworbener Eigen- schaften erbracht, die bekanntlich von dem Zoologen Weismann und seiner Schule bestritten wurde. st. b, Technisches. Gasmotoren i m Schiffbau. Die grundlegenden Ge- fichtspunkte für die Wsrtbemessung bei einem Schifssmotor sind Ersparnis an Brennmaterial sowie möglichste Verringerung deS Gewichts und der Raumbeanspruchung. Die gewöhnliche Dampf- Maschine ist, nach diesem Maßstab gemessen, ein wenig leistungs- fähiges Instrument, und es ist recht bezeichnend, daß in der jüngsten Sitzung des Instituts der Schiffsarchitekten ein hervorragender englischer Schiffbautechniker den Ausspruch tun konnte, daß der am wenigsten ökonomische Explosionsmotor immer noch ökonomischer arbeite als die beste Dampfmaschine. Es erscheint daher wahr- scheinlich, daß dem Explosionsmotor im Schiffbau der Zukunft eine große Rolle vorbehalten sein wird. Bisher liegen Verhältnis- mäßig wenig praktische Versuche vor, so daß man über die Oekonomie, das Gewicht und die Raumbeanspruchung derartiger Betriebsmittel wenig weiß: und auch dies Wenige bezieht sich nur auf kleinere Fahrzeuge und läßt nicht ohne weiteres Schlüsse auf die Verhältnisse bei großen Schiffen zu. Besonders gute Resultate sind nach Mitteilung der Wochenschrift„Engineering" mit kleiner» Petroleummotoren erzielt worden, deren Kraftentwickelung im Verhältnis zu ihrem Gewicht eine außerordentlich zufriedenstellende ist. Dabei darf allerdings nicht außeracht gelassen werden, daß diese Leistungen mit einer sehr hohen Tourenzahl und unter An- Wendung von besonders widerstandsfähigem Konstruktionsmaterial zustande kommen. Die große Leichtigkeit ist kein direkter Vorzug der Explosionsmaschine: ihr eigentlicher Vorzug in dieser Hinsicht besteht in der Möglichkeit, einen weit kleineren Zylinder zu ver- wenden, als für eine Dampfmaschine gleicher Größe erforderlich wäre. Bei sehr großen Explosionsmotoren würde allerdings mit Rücksicht auf die nötige Gleichmäßigkeit des Umlaufes eine sehr beträchtliche Zahl solcher Zylinder erforderlich sein. Wie weit man mit dieser Zahl gehen kann, ist einzig und allein durch die Er- fahrung festzustellen. Bisher hat man Maschinen mit 1ö Zylindern an einer Achse konstruiert, und es liegt kein Grund vor. diesen weitere Gruppen von je vier oder mehr Zylindern hinzuzufügen. Die Kraft, die bei Bewegungsmaschinen, auf einen Zylinder ge- rechnet, bisher erzielt werden konnte, ist keine sehr große und dürfte 100 Pferdekräfte nicht überschreiten. Bevor diese Ziffer nicht wesentlich überschritten wird, können Explosionsmotoren als Quelle für den ungeheueren Kraftbedarf moderner großer Schiffe noch nicht in Betracht kommen und bleiben in ihrer Anwendbarkeit auf Boote und kleinere Fahrzeuge beschränkt. Der Typ für den Ersatz der Maschinen unserer transozeanischen Dampfer ist noch zu schaffen. Doch ist anzunehmen, daß dieser Schritt, der zu ent- sprechender Oekonomie bei leichtem Gewicht und geringer Raum- beanspruchung führt, in naher Zukunft getan werden wird. «ergntw. Bkdakt,: Wilhelm Düwcll, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchiruckerei u.Vtrl-g»anltalt Paul Singer LiEo..ivulm A«.