Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 123. Dienstag, den 6 Juli. 190S (Nachdruck verdaten.) 41 Die Infclbaiiern. Roman von A u g u st Strindberg. Deutsch von Emil Schering. Gustav rupfte eine Eider und antwortete: „Ei, Mutter, Du liebst es doch auch, wenn Braten auf den Tisch kommt, nachdem es den ganzen Winter über ein- gesalzenes Schweinefleisch und gedörrten Fisch gegeben hat: Du mußt also nicht so sprechen. Uebrigens gehe ich nicht in den Krug, und etwas muß der Mensch doch zu seinem Vcr- gnügen haben. Essen haben wir ja genug, und etwas Geld auf der Bank auch, und verfaulen tut der Hof nicht: will er brennen, so mag er: er ist ja versichert." „Verfaulen wird der Hof nicht, das weiß ich wohl, aber alles andere geht entzwei. Die Feldzäune müssen ausgebessert, die Gräben gereinigt werden. Das Stalldach ist so morsch, daß es aufs Vieh regnet. Nicht eine Brücke ist heil, die Boote sind zerbrechlich wie Zunder, die Netze müssen geflickt, der Milchkeller gedeckt werden. Und so weiter. Da ist so vieles, das gemacht werden müßte, aber nie gemacht wird. Jetzt aber wollen wir mal sehen, ob es nicht doch gemacht werden kann, nachdem wir einen Knecht eigens dafür an- genommen haben. Es wird sich herausstellen, ob Carlsson nicht der rechte Mann dafür ist." „Dann laß ihn nur machen!" schnauzte Gustav, indem er mit der Hand durch das kurzgcschorenc Haar fuhr, daß es wir Stacheln in die Höhe stand.„Da ist Norman! Komm und trink eine Halbe, Norman!" Norman, klein, breit, hellblond, mit keimendem Schnurr- bart und blauen Augen, trat in die Stube und ließ sich bei seinem Jagdgenossen nieder, nachdem er die Alte gegrüßt. Die beiden Helden zogen ihre Tonpfeifen aus den Westen- laschen und stopften sie mit„Schwarzem Anker". Dann gingen sie nach Jägerart, bei einer Halben Kaffee mit Branntwein, alle ihre Heldentaten draußen am offenen Meer durch; Schuß für Schuß. Die Vögel wurden untersucht, die Finger in die Schußwunde gebohrt, die Hagelkörner gezählt, unent- schiedene Treffer erörtert. Schließlich entwarfen sie Pläne zu neuen Ausflügen. Inzwischen war Carlsson in die Küche hinausgekommen, um sein Nachtlager aufzusuchen. Die Küche war eine Firststube und sah wie eine mit dem Kiel nach oben gekehrte Schute aus, die auf der Ladung schwamm. Die Ladung bestand aus allen möglichen Gütern. Hoch oben unter dem berußten Dachfirst hingen Garn und Fischgeräte an den Balken; darunter waren Bretter und Bootsplanken zum Trocknen verstaut; Flachs und Hanfsträhne, Dreggankcr, Schmiedeeisen, Zwicbelbündcl, Talglichtcr, Mundvorratskasten: auf einem Querbalken lag eine Reihe frisch ausgestopfter Lockvögel; über einen andern waren Schaf- fclle geworfen: von einem dritten baumelten Wasserstiefel, Unterjacken, Hemden, Strümpfe: und zwischen den Balken Spieße mit Lochbroten, Stöcke mit Aalhäuten, Stangen mit Grundschnüren und Angelhaken. Am Giebelfenster stand der Eßtisch aus rohem Holz: an den Wänden standen drei Ausziehsofas, die mit reinen, aber groben Laken gebettet waren. In einem davon hatte die Alte Carlsson einen Platz an- gewiesen. Als sie sich mit dem Licht entfernte, ließ sie den Kömm- ling im Halbdunkel, das nur schwach von der Herdglut und einem kurzen Mondstrcifcn erleuchtet wurde. Der Mond zeichnete Pfosten und Sprosseü des Fensters auf den Boden. Aus Gründen der Schamhaftigkeit wurde beim Schlafengehen kein Licht angesteckt: denn die Mädchen hatten auch ihre Schlaf- Plätze in der Küche. So entkleidete sich Carlsson im Halbdunkel. Er legte Rock und Stiefel ab: dann holte er die Uhr aus der Westen- tasche, um sie beim Schein des Herdfeuers aufzuziehen. Er hatte den Schliissel ins Loch gesteckt und begann sie mit etwas ungewohnter Hand aufzuziehen: die Uhr ging nämlich nur an Sonntagen und bei feierlichen Gelegenheiten; da erklang aus den Bettdecken eine tiefe, brummende Stimme: „Nein, hat er auch eine Uhr!" Carlsson fuhr zusammen, sah hin und bemerkte im Glut« schein einen zottigen Kopf mit einem Paar blinzelnder Augen� der sich auf zwei haarige Arme stützte. „Geht's Dich was an?." erwiderte er, um die Antworl nicht schuldig zu bleiben. „Geht's an, dann läuten sie in der Kirche, wenn ich auch nie hineinkomme!" antwortete der Kopf.„Das ist jedenfalls ein feiner Mann: er hat ja Saffian an den Stieselschäften." „Das will ich meinen: und Galoschen hat er auch, wenn'S drauf ankommt!" „Nein, hat er auch Galoschen: dann kann er sicher auch einen Schluck spendieren!" „Ja. das kann er auch, wenn's sein muß," antwortete Carlsson bestimmt und holte seine Tonkruke.„Bitte!" Er zog den Kork heraus, trank einen Schluck und reicht« die Kruke hinüber. „Gott segne ihn; ich glaube wirklich, das ist Brannk« wein. Dann: Gutjahr und Willkommen! Jetzt sage ich Du zu Dir, Carlsson, und Du nennst mich den närrischen Rund« qvist, denn so heiße ich meistens." Und dann kroch er wieder unter die Decke. Carlsson entkleidete sich und kroch ins Bett, nachdem efl seine Uhr am Salzfaß aufgehängt und die Stiefel mitten ins Zimmer gestellt hatte, damit die roten Saffianzwickek recht zu sehen waren. Es war still in der Küche und nur Rundqvist hörte man schnarchen am Herd. Carlsson lag wach und dachte an die Zukunft. Wie ein Nagel saß ihm das Wort der Alten im Kopf, daß er etwas mehr als die anderen sein solle, um die Wirtschaft in die Höhe zu bringen. Um den Nagel schmerzte und schwärte es; es war, als habe er ein Gewächs im Kopf. Er dachte an den Mahagonisekretär, an die roten Haare und mißtrauischen Augen des Sohnes. Er sah sich mit einem großen Schlüssel- bund herumlaufen, mit dem er in der Hosentasche klapperte; da kommt einer und bittet um Geld; er hebt das Schurzfell, schüttelt das rechte Bein, steckt die Hand in die Tasche und fühlt die Schlüssel gegen den Schenkel; dann zupft er am Bund, wie man Werg entwirrt, und als er den kleinsten Schlüssel, der in die Klappe paßt, gefunden hat, steckt er den ins Schlüsselloch, ganz wie crs heute abend mit dem kleinen Finger getan hatte: aber das Schlüsselloch, das wie ein Auge mit einem Augapfel ausgesehen, wird rund, groß und schwarz wie eine Flintenmündung, und über dem anderen Ende des Laufes sieht er das rote Fischauge des Sohnes scharf und tückisch zielen, als wolle der sein Geld verteidigen. Die Küchentür ging, und Carlsson wurde aus seinem Halbschlummer gerissen. Mitten im Zimmex, wohin die Mondscheiben gerückt waren, standen zwei weißgekleidete Ge- stalten, um gleich darauf in ein Bett unterzutauchen, das gewaltig knarrte, wie wenn ein Boot gegen eine schwankende Landungsbrücke stößt. Dann ward es in den Laken lebendig und kicherte, bis es still wurde. „Gute Nacht, Mädchen," erklang Rundqvists erlöschende Stimme.„Träumt von mir!" „Daran ist uns allerdings sehr gelegen," antwortete Lotte. „Still, antworte dem Scheusal nicht," warnte Klara. „Ihr seid— so— nett! Wenn ich nur auch so— nctk — sein könnte wie Ihr!" seufzte Rundqvist.„Ja, Herr Gott, man wird alt; dann kann man seinen Willen nicht mehr kriegen, und dann ist das Leben nichts wert. Gute Nacht, Kinder, hütet Euch vor Carlsson: der hat Uhr und Saffian- sticfel!— Ja, Carlsson, der ist glücklich! Das Glück das kommt, das Glück das fliegt, o glücklich, o glücklich, wer da3 Mädchen kriegt!— Was habt Ihr dort in Eurem Bett zu kichern, Mädchen!— Hör' mal, Carlsson, kann ich nicht noch einen Schluck kriegen? Es ist so furchtbar kalt hier hinten; es zieht vom Herd her." „Nein, jetzt kriegst Du nichts mehr, denn nun will ich schlafen," schnauzte Carlsson, in seinen Zukunftsträumen, in Lsnen weder Wein neich MüdKen vorkamen, gestört und de- reits mit seiner Stellung n's Großknecht vertraut. Es wurde wieder still. Nur dumpfe Laute von den Ge- schichten der Jäger drangen durch die beiden Türen; und der Nachtwind rüttelte an der Ofenklappe. Carlsson schloß wieder die Augen. Im Schlummer hörte er Lottes halblaute Stimme etwas auswendig her- sagen, das er zuerst nicht verstehen konnte, das wie ein ein- ziger langer Salm klang; schließlich unterschied er: „Undführeunsnicht— inversuchung, sondernerlöseuns- vondemübel, denndeinistdasreich, mnddiemachtunddieherrlich- keit inewigkeitamen. Gute Nacht, Klara I Schlaf gutl" Und nach einem Weilchen schnarchte es im Bett der Mädchen. Rundqvist aber sägte, daß die Fenster zitterten, ob nun aus Scherz oder Ernst. Aber Carlsson lag halbwach und wußte selber nicht, ob er wachte oder schlief. Da hob sich seine Decke und ein fleischiger, schweißiger Körper kroch an seine Seite. „Es ist nur Norman I" hörte er eine schöntuende Stimme neben sich. Da wußte er, es war der Knecht, der sein Bett- genösse sein sollte. „Aha, der Schütze ist heimgekehrt," knarrte Rundqvist Rostiger Baß. Ich dachte, es sei der Teufel, der am Sonn- abend draußen geschossen." „Du kannst ja gar nicht schießen, Rundqvist: Du hast ja keine Flinte," schnauzte Norman. „Kann ich nicht?" gab der Alte zurück, um das letzte Wort zu haben.„Ich kann Schwarzstare mit der Büchse schießen, und zwar zwischen den Laken...." „Habt Ihr das Feuer gelöscht?" unterbrach ihn die freundliche Stimnie der Alten, die aus dem Flur zur Tür hineinguckte. „Jawohl," antwortete man im Chor. .„Dann gute Nacht!" „Gute Nacht, Tante!" Einige lange Seufzer wurden ausgestoßen, dann wurde gepustet, geschnaubt, gekeucht, bis das Schnarchen im Gang war. Aber Carlsson lag noch eine Weile wach und zählte die Fensterscheiben, um einen Wahrtraum zu haben. s Fortsetzung folgt.) Der lUiibenkolomrt als Gärtner und Klcintierziicbter» Vom Terrarium. In der Großstadt gibt es nicht wenige Menschen, die wohl am Sonntag bei gutem Wetter hinaus in Wald und Feld kommen, sich auch einmal an sonniger Halde oder im Waldesschatten lagern. aber in freier Natur von wild lebenden Tieren höchstens einmal «inen schüchternen Rehbock, einen feigen Hasen und vielleicht auch noch einen plumpen Wasserfrosch zu Gesicht bekommen haben. Wo der Mensch in großen Massen hinkommt mit seiner Qual, da der- tchwinden mehr und mehr die frei lebenden Tiere, die zum größten Teil, meist aber unverschuldet, den Menschen als ihren erbittertsten Erbfeind betrachten müssen. Nur wenige Sonntagskinder haben (fich im Kampfe ums Dasein noch einen scharfen Blick für alles, tvas um uns her fleucht und kreucht, bewahrt, und diese wenigen Menschen interessieren auch solche Geschöpfe, die von jeher, wenn auch mit Unrecht, verabscheut worden sind. Zu diese» Geschöpfen gehören die Reptilien und Amphibien, also Schlangen, Eidechsen, Schildkröten» Frösche, Molche und Salamander. Wenn man im Frühling bei hellem Sonnenschein an einem /Feldbache entlang durch saftige, in buntestem Blütenschmucke prangende Wiesen vorsichtig oahinschreitet, durch die überall das (falte Geldgelb der Sumpfdotterblume und des Hahnenfußes her- vorleuchtet, so kann man an den Uferrändern und im Waffer ein hochinteressantes Tierleben beobachten. Im Wasser tummeln sich die Molche, vielfach fäschlich als Salamander angesprochen, die das nasse Element nach dem Erwachen aus ihrem Winterschlafe aufsuchen, um sich zu paaren. Die stattlicheren Männchen mit prächtigem Rückenkamm geziert, prangen nun in lebhaften Farben, dem Hochzeitskleid. Ab und zu springt vom Ufer mit lautem Plumps ein Wasserfrosch in die kühle Flut, um unterzutauchen «ind im Schlamme zu verschwinden. Verhält man sich lautlos, so wird Man ihn nach wenigen Minuten wieder zum Luftschnappen zur Oberfläche emporsteigen sehen. Auch der Grasfrosch, der während des größten Teils des Jahres auf feuchten Wiesen und auf dem begrünten Waldesboden zubringt, sucht zur Paarungszeit das Wasser auf, um hier seinen Laich abzulegen. Kommt man als„Jäger" daher gezogen, so kann man häufig, wie man zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn es pflegen dann in der Regel zwei Frösche aufeinanderzufitzen. Der kleiners oben ist das Männchen, der das Weibchen mit seinen Vorderarmen fest umklammert hält, um es schließlich durch den fortgesetzten Druck zur Ablage seiner Eier zu veranlassen. Diese quellen int Wasser rasch auf, um dann eine schleimige, mit„Kaviar" durchsetzte Masse zu bilden. Auch an Kröten kann man die gleiche Be» obachtung machen. Den Eiern entschlüpfen die Froschlarven, Kaulquappen genannt» die ausschließlich auf das Wasserleben an» gewiesen sind und durch Kiemen atmen; späterhin wachsen ihnen dann die Vorderfüße, dann löst sich der Schwanz, die Kiemen sterben ab und„Frosch junior" entsteigt vollständig entwickelt dem nassen Element. Böse Menschen stellen im Frühling und jetzt den meist harmlosen Fröschen nach,— nur der gefräßige Wasser- frosch wird vom Fischzüchter gehaßt. Sie schlagen sie, sobald sie zum Luftschnappen an die Oberfläche kommen, mit Haselruten tot, oder schneiden ihnen gar bei lebendigem Leibe die Hinterbeine ab, um hierauf die verstümmelten Tiere ihrem Schicksal zu über- lassen. Die heruntergeschnittenen Froschbeine finden im Handel als sogenannte Froschschenkel Absatz. Verwöhnte Feinschmecker verschlingen diese zweifelhafte Delikatesse mit dem gleichen Be- Hägen, mit dem sie die eklen Weinbergsschnecken, den Kot aus dem Mastdarm der Schnepfen, die aus Speichel bestehenden Nester einer indischen Schwalbe, der Salangane, unausgenommene Leipziger Lerchen und Ortolane kauen, welch beide aber bei Licht besehen meist ganz gemeine Haus- und Feldspatzen sind. Naturfreunde, die frei von jeder Voreingenommenheit und von jedem Aberglauben sind, bringen nicht selten auch den so ver- kannten Kriechtieren ein so tiefes Interesse entgegen, daß sie dag ein« öder das andere mit heimnehmcn, um es in einem«nt- sprechenden Glaskasten, dem sogenannten Terrarium zu pflegen und zu beobachten. Der Vorläufer der Terrarien von heute war das Laubfroschglas von anno dazumal: ein rundes, mit etlvaS Wasser und einem Leiterchen ausgestattetes Einmacheglas. In diesem führte der kleine Grünrock, selten auf der Leiter sitzend, meist am Glase klebend, ein erbarmungswürdiges Dasein, das nur vorübergehend durch die Jagd nach einer eingesetzten mageren Stubenfliege erhellt wurde. Er galt und gilt noch heute als Wetterprophet. Sitzt er verärgert im Wasser, so gibt es Regen, wenn nicht heute, dann vielleicht in acht oder vierzehn Tagen, sitzt er oben, so kann man mit gleicher Sicherheit rechnen, daß nach trüben Tagen auch die Sonne wieder hervorbricht. Wetterprophc- ten dieser Art gibt es ja im Tierreich mehrere. Von Fischen nenne ist nur den Schlammbeißer, von Vögeln den Hahn. Wenn fich der Schlammbeißer im Aquarium richtig vollgefressen hat, so liegt er 8— 10 Tag« zur Verdauung still; das Wetter muß dann schön sein oder schön werden, wird er aber, vom Hunger getrieben, unruhig, so kann man sich auf Regen gefaßt machen. Bezüglich des Hahnes als Wetterpropheten lasse ich die alte Bauernregel sprechen, sie lautet:„Kräht der Hahn auf dem Mist, so ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist." Auch wir wollen das Wetter lassen wie eS ist und uns wieder dem Laubfrosch zuwenden. Auch ihn, den zweifellos interessantesten und zierlichsten unserer heimi- scheu Frösche finden wir im Frühlinp im Wasser; ist aber die Paarungszeit vorüber, so steigt er aufS Trockene. Man findet ihn dann noch kurze Zeit auf Sträucbern, Stauden und Blattpflanzen. Aber um die gegenwärtig« Jahreszeit scheint er schon vollständig verschwunden zu sein, er hat dann die Kronen höherer Laubbäume aufgesucht, wo er in luftiger Höhe als außerordent- lich gewandter Springer der Jnsektenjagd mit Eifer obliegt. Wie der Prophet nichts gilt in seinem Vaterlande, so gelten auch häufig mit Unrecht die Vertreter der heimischen Tierwelt nichts in den Augen des Liebhabers, der oft jedes Tier, das er pflegt, in erster Linie nach schnödem Geldeswert abschätzt. Das hat die Einführung vieler fremder Laubfroscharten aus den Vereinigten Staaten und aus Australien zur Folge gehabt. Unter diesen gibt cS einige besondere Seltenheiten und riesenhafte Arten, die man in den Warenhäusern, die teilweise bereits Vierhandel treiben. gelegentlich zu dem ansehnlichen Preis« von lö— 30 M. pro Stück angeboten findet. Ein prächtiges, nordamerikanisches Kerlchen ist der gescheckte, farbenwechselnde Laubfrosch, H�Ia versicolor. Die Fähigkeit des Farbenwechsclns, die auch gewissen Menschen eigen sein soll, besitzt bekanntlich das Chamäleon, ein Reptil, aber kein Zeitungsreptil, in hervorragendstem Maße; nach ihm kommt dann der farbenwechselnde Laubfrosch, dem gegenüber unser heimischer Grünrock in dieser Hinsicht ein wahrer Waisenknabe ist. Diesen Frosch, der wie andere Laubfrösche, wenn er einen guten Bissen geschluckt hat, gewaltig die Augen verdrehen kann, muß man aber möglichst allein lassen, da er einen Saft aus der Haut schwitzt, durch den nicht nur andere im gleichen Behälter gehaltene Tiere, sondern auch seine eigenen Artgenossen getötet werden können. Durch derartige HautauSschwitzungcn schützen sich verschiedene Am- phibten und Reptilien vor ihren Feinden, so auch unser heimi» fcl>«r, auf schwarzem Grunde gelbgescheckter Salamander. Dieser plumps Geselle führt ei» ausgesprochenes Nachtleben; in Thü- ringen und anderen Landesteilen ist«r mir häufig begegnet, in der Mark Brandenburg noch niemals. Nachts und auch am Tage nach einem Regen kommt er aus seinem Schlupfwinkel hervor, und im Frühling geht er vorübergehend ins Wasser, um hier einen ganzen Posten lebender Junge zur Welt zu bringen. Eine ein- malige Begattung befähigt das Weibchen, durch Jahre hindurch zu gebären. Die kleinen, neugeborenen Kerlchen, die erst später die charakteristische Fleckenzeichnung annehmen, atmen zunächst durch Kiemen und nähren sich von Wasserinfusorien. Später fallen dann die Kiemen ab und das fertig entwickelte Tier vertauscht nun das Wasserleben mit dem Landleben. Dieser Salamander wird von keinem anderen Reptil, auch von keiner Schlange gefressen. Neben den Hautausscheidungen, die manche Amphibien vor dem Gefressenwerden bewahren, haben andere die Fähigkeit, einen stinkenden Saft auf ihre Verfolger zu spritzen, um diese abzu- schrecken. Zu diesen gehört die kleine Feuerunke mit dem feuerroten Bauch, die während des ganzen Sommers sich mit Vorliebe im Wasser aufhält, aber auch gelegentlich aufs Trockene kommt, und, im Terrarium gehalten, durch ihr possierliches Wesen und die bald eintretende Zahmheit viel Vergnügen macht. Unter unseren heimischen Schlangen ist es besonders die Ringel- natter mit der hübschen, beim Weibchen blasseren gelben Kopf- Zeichnung, die ihre Verfolger durch eine tüchtige Spritze abzu- schrecken sucht. Ich weih auS eigener Erfahrung, daß eine solche Dusche nicht übel riecht, und daß man den Geruch auch durch gründliches Waschen mit Schwefelseife, die ja vorläufig noch steuer- frei ist, sobald nicht wieder los wird. Aber diese sonst harmlosen Tiere gewöhnen sich sehr bald an den Pfleger und machen dann von diesem Verteidigungsmittel keinerlei Gebrauch mehr. Die Ringel- natter kommt auch noch in der Provinz Brandenburg vor, und wenn man Glück hat, kann man sie an sumpfigen Uferstellen der Grüne- Waldseen gelegentlich erbeuten. Aber auch die einzige bei uns heimische Giftschlange, die kleinere Kreuzotter, durch ihre Zickzack. artige Rückenzeichnung gut kenntlich, in den kleineren männlichen Exemplaren heller gefärbt, kommt in der Mark Brandenburg vor. Ich habe mehrere Exemplare in dem Spandauer Forst gefangen, aber auch in der Jungfernheide ist sie nicht selten. Vor ihr mutz man sich hüten; aber einem beherzten mit dicken Lederhandschuhen versehenen Fänger, der sie rasch und entschlossen im Genick faßt, kann sie nichts anhaben. In der Gefangenschaft ist die Kreuzotter halsstarrig, sie verweigert dann meist jede Nahrung und stirbt, wenn auch oft erst nach Jahr und Tag, den freiwilligen Hungertod. In ähnlicher Weise verhalten sich manche von den Liebhabern be- vorzugte harmlose Schlangen, wie die prächtige Leopardennatter, eine Südländerin, und die Aeskulapschlange, die in Deutschland bei Schlangenbad vorkommt, das nach ihr seinen Namen trägt. Diese und die bei uns stellenweise ziemlich häufige glatte Natter beißen zwar gelegentlich, aber die Bisse verursachen nur winzige,. unschädliche Wunden gleich schwachen Nadelstichen. Hochinteressant ist es, im Terrarium die Ringelnatter und auch die aus Dalmatien zu uns kommende Würfelnatter zu halten. Beide pflegt man in einem möglichst geräumigen Glaskasten mit Drahtgazedach zur Lüftung, ausgestattet mit einem nicht zu kleinen Wafferbassin, mit einigen Steinen, grobem Kies und harten Pflanzen. Im Schwimmen sind beide Meister. Die Fütterung er- folgt im Sommer von acht zu acht Tagen mit kleinen Fischen, Gras, oder Wasserfröschen, wobei zu beachten ist, datz alle Schlangen nur lebende Nahrung zu sich nehmen. Ich habe im Terrarium die Ringelnatter wiederholt zur Fortpflanzung gebracht; sie legt durch- schnittlich 15 Eier, denen bei feuchter Lagerung nach einigen Wochen die kleinen Nachkommen entschlüpfen, denen man zunächst nur winzige Futterfischchen bietet. Selbstverständlich dürfen Schlangen ihrer räuberischen Natur wegen niemals mit andersartigen Ter- rarientieren zusammengehalten werden, deshalb mutz man sich bei Einrichtung eines feuchten Terrariums entscheiden, ob man es mit Fröschen, Salamandern und Sumpfschildkröten oder mit Schlangen bevölkern will. Reptilien, die Sonne und Trockenheit lieben, gehören in das sogenannte trockene Terrarium. Solche sind unsere Eidechsen und die griechische Landschildkröte, die man im Sommer als Garten- polizistin auf der Parzelle halten kann. Auf sonnigen Oed. ländereien findet man auch in der Mark nicht selten die grüne, prächtig metallisch schillernde Zauneidechse. Sie ist sehr flink, und wenn man sie haschen will, mutz man rasch zugreifen, aber so, datz man das niedliche Tierchen nicht am Schwanz, sondern möglichst im Genick hinter dem Kopfe greift. Faßt man den Schwanz, der von knorpeliger Beschaffenheit ist, so wird das erschreckte Tier diesen in der Hand des Fängers zurücklassen und sich selbst in Sicherheit bringen. Der Unerfahrene ist verdutzt und läßt den noch minutenlang krampfhaft zappelnden Schwanz erschreckt fallen. Wie viele Reptilien, so besitzen auch die Eidechsen die Fähigkeit, ein verlorenes Glied zu ersetzen; auch der Schwanz wächst im Laufe der Zeit nach, bleibt aber stumpf und erlangt nie mehr die ursprüngliche Länge. An einzelnen Orten der Mark kommt auch «ine große, stattliche Südländerin, die Smaragdeidechse vor, Haupt- fächlich bei Oderberg, aber auch in Kalkberge-Rüdersdorf ist sie früher gefunden worden. Das Terrarium für Eidechsen, das nur ein kleines Wasserschälchen mit Trinkwasser zu enthalten braucht, wird am besten mit Steingeröll ausgestattet, zwischen dem man einige stachlige Kaktuspflanzen oder sonst großer Trockenheit standhaltende Gewächse anbringt., Was die Fütterung der Terrariententiere anbetrifft, so ist zu beachten, daß man schwimmfähige Schlangen mit Fischen, daneben auch mit Fröschen füttert, aber nicht mit Kröten, die von allen ihrer Hautausscheidungen halber gemieden werden; Molchen. Sara. wandern und Sumpfschildkröien gibt man vorzugsweise Regen- Würmer. Die Sumpfschildkröten schlucken aber nur im Wasser» wenn sie auch das Futtertier häufig auf dem Lande aufgreifen. Landschildkröten füttert man mit Salat- und Kohlblättern, Frösche mit Fliegen und sonstigen weichhäutigen Insekten, Eidechsen mit Mehlwürmern, Heuschrecken und Käfern aller Art, die mit einem Schmetterlingsnetz auf blumiger Wiese durch Abstreifen der Blütenpflanzen leicht in größerer Zahl erbeutet werden können. Mit dem Eintritt des Herbstes sinkt die Fretzlust all dieser Tier« gewaltig herab; in kühler Stube gehalten, verkriechen sie sich dann, um dem Winterschlaf obzuliegen. Doch soll der Standort des Ter« rariums stets ein durchaus frostfreier sein. Der Gartenbesitzer beachte, datz alle Reptilien und Amphibien ohne Ausnahme recht nützliche Gartenpolizisten sind, die man auf dem Grundstück nicht nur dulden, sondern direkt anzusiedeln ver» suchen soll. Eidechsen und Kröten sind stets willkommene Gäste im Garten, für deren Schonung gar nicht genug gewirkt werden kann. Die Pariser Gemüsegärtner verstehen schon seit Jahrzehnten den Nutzen der Erdkröte zu schätzen, und in der Pariser Zentralmarkt- halle wid zeitweise ein schwunghafter Handel mit diesen nützliche« Amphibien betrieben,'" Uck. Oie neueröffnete Hauernbabn. Wir Menschen sind ein undankbares Geschlecht. Die großen Kulturgüter, die unS das Zeitalter der Technik darbietet, nehmen wir hin wie Selbstverständliches. Einen Moment lang horchen wir auf, da wir von dem Neuen hören, und im nächsten Moment haben wir uns das Neue schon zunutze gemacht, haben wir es dem alten Trott eingeordnet. Es ist l Diese Tatsache genügt uns— das„Wie eS kam' überlassen wir den Lehrbüchern. Ganz besonders gilt dies von den Fortschritten in der Verkehrstechnik. Wer gedenkt heute noch ResselS, des Erfinders der Schiffsschraube, wenn er auf dem Schnelldampfer dahinfährt? Wer erinnert sich der Schar genialer Männer, die unS den Telegraphen, das Telephon geschenkt oder die den elektrischen Strom dem großftädtiscben Massenverkehr dienstbar gemacht haben? Oder: als welch kleines Ereignis erscheint unserer schnellebigen Zeit die Eröffnung einer neuen Bahnlinie? In wenigen Tagen ist da» Lied zum Preise ihrer Schöpfer verklungen, als diese tausend regsamen Köpfe und Hände Jahre gebraucht haben, um das Werk zu vollenden. Einige schöne Reden, einige Zeitungs» artikel, in denen übrigen? in der Regel nur der geistigen Schöpfer, nicht auch derer gedacht wird, die in Millionen Arbeitsstunden ihren Schweiß und ihr Blut mit verbaut haben, die Hammerschlag um Hammerschlag geführt, die tausend Beschwerden und Gefahren getrotzt haben... und am nächsten Tage ist das Werk Gemeingut, über dessen Werden sich niemand mehr Rechenschaft gibt. Wer dächte wohl heute noch daran, wie viel Opfer an Gehirnmasse und Blut die Ueberfahrung des SemmeringS gekostet hat, wenn er, am Fenster deS Waggons stehend, die ewig schönen Ausblicke genießt, wenn der Zug bald Berge durchfährt, bald auf hohen Viadukten tiefe Schluchten überbrückt? Im Genießen der Segnung zollt er ihren Schöpfern den Tribut. Gedanken über das Werden macht sich von tausend kaum einer. Und doch l Wie nützlich wäre dieses Zurückdenken manchmal. Wir sähen dann den Menschen im Kriegszustand mit der Natur, die sich endlich seinem starken Willen beugen muß, die sich aber nicht wehrlos preisgibt, die Schritt um Schritt niedergerungen, bezwungen sein will und darum Schritt um Schritt auch Opfer fordert. Die Sohle jedes Tunnels, den wir durchfahren, ist mit Blut gedüngt und Blut klebt auch an seinen Wänden. Ein solcher großer Krieg ist nun zu Ende. Am 5. Juli wird das letzte Stück der neuen großen Alpenbahnen Oesterreichs feierlich eröffnet und damit dem Verkehr übergeben. Die Tauernbahn ist fertig. Eine ungeheuere Summe von Arbeit war auch hier zu be- wältigen, die größte wohl im ganzen Zuge der neuen Bahnen. die wahrlich nicht sparten, die mit der Natur ringenden Techniker vor die schwierigsten Aufgaben zu stellen. Aber nun ist sie da. Durch die neuen Alpenbahnen wird Nord- und Süd- deutschland der Adria um ein beträchtlich Stück näher gebracht und der Hafen von Trieft, der bisher nur durch die Südbahn mit dem Norden verbunden war, kann nun in frisch- fröhliche Konkurrenz mit dem Elbehafen Hamburg und mit Genna freien. So wesentlich wurden namentlich im Verkehre mit Süd- deutschland die Entfernungen gekürzt. Von Berlin nach Genna war es früher nur um 133 Kilometer weiter als nach Trieft. Heute ist dieser Unterschied auf 21S Kilometer angewachsen. Karlsruhe hat den Entfernungsunterschied um 22 Proz. gekürzt, Stuttgart um 24, Nürnberg um 23, Leipzig um 16 Proz. Genau so im Verkehr mitVenedig. Trieft ist nun den Berlinern um 81 Kilometer näher als Venedig, den Mannheimern um 176, den Stuttgartern, Ulmern und Münchnern um 17O den Nürnbergern um 198 und den Regensburgern um 198. DaS sind Gewinne von 8—30 Proz. der bisherigen Einfernungsunter- schiede, also Vorteile, die schon mächtig tu die Wagschale falle«. Auch tm Verkehr mit Hamburg-- hier freilich nur, soweit Süddeutschland in Frage kommt— ist durch die neue Verbindung das bisherige Verhältnis zu Trieft wesentlich verschoben. Für Karls- ruhe ist der Entfcrnungsunterschied gegen früher um 27 Proz. ge- ringer, von Stuttgart um 25 Proz., von Aschaffenburg um 33 Proz., von München um 21 Proz., von Nürnberg um 31 Proz. und von Regensburg um 28 Proz. Ulm, Lindau, München, Passau und Regensburg liegen nun ein bedeutendes näher zu Trieft, als zu Hamburg, und früher lagen nur Lindau, München und Passau um 10, 8 und 11 Proz. des Entfernungsunterschiedes näher zu Trieft. AuZ diesen Angaben allein erhellt schon, welche grohe Um- wälzung im Verkehrsleben durch die neuen At'penbahnen hervorgerufen werden. Aus der politischen Not Oester- reichs zu Zeiten Körbers geboren, sind sie bestimmt, nicht nur die Völker Oesterreichs untereinander näher zu bringen, sondern Oesterreich auch noch fester mit seinem natürlichen Bundesgenossen zu verketten. Zu diesem Ende mußten fast alle Alpenkronländer, die voneinander durch mächtige Gebirgszüge getrennt waren, anstatt des bisherigen Weges über die Berge den Weg durch die Berge suchen. Oberösterreich und Steiermarl wurden im Laufe der Pyhrnbahn durch den Bosrucktunnel verbunden, Kärnten und Krain durch den Karawankentunnel, und der ebene Weg zwischen Krain und dem Küstenland wurde mit Hilfe der Durchbohrung der Julischen Alpen bei Wocheiner-Feistritz erzielt. Aber noch ein mächtiger Stock, der mächtigste von allen, lagerte, Gletscher gekrönt, zwischen der blauen Adria und dem Zuge des Rheins der Zug der Hohen Tauern. Dieses letzte Stück, das selbständig unter dem Namen Tauernbahn in Erscheinung tritt, und das die österreichischen Kronländer Salz- bürg und Kärnten auf kühnem Wege miteinander verbindet, dieses letzte Stück wird nun eröffnet. Die Tauernbahn beginnt bei Schwarzach-St. Veit in Salzburg und endet in Spital a. d. Drau in Kärnten. Drei Etappen treten uns in ihrem Zuge beutlich vor Augen. Der Nordaufstieg von Schwarzach bis Böckstein, die Scheitelstrecke, die durch den Tauernstock führt und bis Mallnitz in Kärnten reicht, und der Südabstieg von Mallnitz abwärts zum Drautal. Nur ein kleines Stück dieser Strecke, der Weg von Schwarzach bis Gastein, war bisher eröffnet. Das nun zu eröffnende Stück der Alpenbahnen beginnt hier. Die Trace fetzt gleich kühn ein. Ueber Brücken und Viadukte klimmt sie zur Höhe der ersten Station B ö ck st e i n, mit der sie, aus dem Gasteiner Tal kommend, den für sie höchsten Punkt des ronrantischen Anlaufs- talS erreicht. Das letztemal war von diesem Tal die Rede, als im heurigen Frühjahr ein Lawinensturz, von der Höhe zu Tal sausend, eine Arbeitergruppe beim Frühstück überraschte und 12 Pioniere des großen Kulturwerkes in Sekunden dahinraffte. Mächtige Berge umschließen das Tal. Aus dem Hintergrunde grüßen die Gletscher der Ankogelgruppe herüber. Friede liegt nun auf dem Gelände. Vor einem Jahr noch pochten hier tausend Hämmer und zischten die Lokomotiven und Dampfauslässe und ächzten die Karren und erfüllten den weiten Platz, auf dem nun das Stationsgebäude mit seinen, dem Charakter der Gegend angepaßten grauen Stein- mauern, freundlichen grünen Holzbalkonen und Giebelwänden steht, die tausend Stimmen der Arbeit. Hier war der große Jnstallations- platz für den 8550,5 Meter langen Tauerntunnel, dem längsten im Zuge der neuen Alpenbahnen, dem zweitlängsten der Monarchie. Rur der Arlberg-Tunnel ist um 1700 Meter länger. 7'/3 Jahre rangen hier die Menschen mit dem Berge, und nun durchfahren wir mit dem Eilzug in ebensoviel Minuten den Stock der 2828 Meter hohen Gamskarspitze, selbst mehr als 1200 Meter über dem Meere. Wie könnten wir in den Minuten dieser Fahrt durchs Dunkel er- fassen, welche Riesensumme von Arbeit hier zu leisten war, welcher Berg von Gefahren zu überwinden war, ehe Salzburg mit Kärnten durch den Schienenstrang vermählt wurde, wie viel Opfer gebracht werden. Eines Tage? trat in der finsteren Röhre Knall- 8 est ein auf. Ohne vorherige Anzeichen sprangen plötzlich Platten iS zu 150 Millimeter Stärke von den Wänden des freigelegten Ge- birges. Nur ein schußähnlicher Knall flog durch den Berg, manch- mal gefolgt von dem Auffchrei eines Getroffenen. Auch die Wasserquellen sendete der Berg dem Menschen als gefährliche Soldaten entgegen, so der Arbeit ernste Hindernisse bereitend. Und das Gebirge selbst teilte, dank der hohen Ueberlagerung dem Ge- stein Temperaturen mit, die für die arbeitenden Menschen fast unerträglich waren. In der Scheitelstrecke des Firststollens wurden 83 Grad ZelsiuS gemessen. Gleich den Pionieren, die den Gebirgs- stock des Simplon durchbohrten, mußten auch hier die Italiener und Montenegriner, die Kroaten und Serben, die man als Arbeits- fräste zu Hilfe gerufen hatte, halb nackt ihr mühseliges Werk vollbringen. Erst als man durch Wasserzerstäubungsapparate die Temperatur auf 20 Grad herabgedrückt hatte, war auch dieses schwerste Stück der Arbeit Jju überwinden. Im September 1904 überschwemmte eine Hochwasserkatastrophe im Gebiete des Anlauf- tales auch den Tunnel, auf den tagelang durch Sickerwasser 4000 Sekundenliter einstürmten. Auch der Südstollen hatte seine Leidens- geschichte durchzumachen. Dieselben Helfer deS Berges stellten sich auch hier den Menschen feindlich entgegen. Einige Ziffern mögen dt« Riesensumme der Arbeit beleuchten. DaS im Tunnel aufgeführte Mauerwerk erforderte etwa eine Million Kubikmeter Bruchsteine und ebenso viel merrische Zentner Zement. Zur Sprengung des Gesteins mußten 580 000 Kilo Dynamit und 125 000 Kilo Sprenggelatine verwendet werden. Auf der Nordselte des Tunnels allein wurden bei der Bohrung während zwei Schichten bis zu 20 000 Stück Bohrer ab- genützt. Im Fluge_ der Fahrt gedenken wir der Tausende Mit» arbeiter aus dem Süden und Südosten Europas, der Ungenannten, denen für ihre Mühsal und Opferfreudigkeit kaum mehr wurde als ein wenig Brot, Speck und Schnaps. Und wir gedenken derer, die hoch über dem Tunnel auf dem einsamen Friedhofe von Böckstein ihre letzte Stätte gefunden haben. Die Sonne Kärntens, die uns mit heißem Zauber umfängt, scheucht diese Gedanken und alle unsere Sinne nimmt nun die grandiose Bilderreihe gefangen, die an unserem Auge vorüberfliegt. Das malerische Seebachtel mit seinem schönen Ausblick auf die Berghäupter des Ankogels, des Felsseekopfes und der Gamskarspitze durcheilen wir zuerst, dann kommen wir an den Mallnitzbach und fortwährend durch Tunnels, über kühne Viadukte bald an steiler Berglehne dahinsausend, bald Schluchten überspringend, Weiler über den Dössenbach in das Gebiet des Kaponikbaches, und endlich ins Mölltal. Ueber den Sattel des Danielsherges, auf dessen lichtumflossener Spitze einst ein Tempel des Herkules stand, sausen wir weiter, der Talsohle zu, die ivir nach Ueberschreitung der romantischen Klinzerschlucht und des Taborgrabeus hei der Station Mühldorf am Lurnfeld erreichen. Eine kurze Strecke noch und die neue Strecke mündet bei der Süd- bahnstation Spital-Millstädtersee in den alten Strang ein. Ueber Villach, Tarvis und Pontafel werden wir weiter nach. Ober- italien getragen, über Villach durch das Rosenbachtal und den Karawankentunnel nach Krain und durch die blühenden Gefilde der Wochein zum letzten große» Tunnel, der Krain mit dem Küstenland verbindet und dann weiter die sonnigen Ufer des Jsouzos entlang an Görz vorüber nach Trieft, dem durch die neue Verbindung mit der Welt und namentlich mit Süddeutschland bald die Aufgabe eines Welthandelsplatzes zufallen wird. Aber auch als Ausgangspunkt weiterer Reisen zur See und mithin als Touristenstation wird Trieft unendlich gewinnen. WaS weiß heute das reiselustige Deutschland von dem sonudurchglühten Dalmatien, in dem die Orangen reifen und die Myrte blüht, was weiß es von den herrlichen Inseln im Norden und Süden der dalmatischen Gewässer, was von dem lauge noch nicht gehobenen Reichtum dieses südlichsten Krön- landcs Oesterreichs und des zauberischen Meeres, das es bespült. Das Oel der dalmatischen Olive wird mit Recht gerühmt, der dalmatinische Wein hat sich längst Weltruf erobert und die dalmatinischen Früchte werden ihm folgen. Reicher»och aber als das Land, dem große Entwickelungsmöglichkeiten gegeben sind, ist die See. Die kostlichsten Fischgerichte, die begehrtesten Edelfische birgt die Adria in reicher Fülle. Auch diese Wunder des österreichischen Südens sind nun der Welt näher gerückt und damit auch die Reste der herrlicken venetianischen Kultur, die in Dalmatien überall, manchmal ganz unberührt, erhalten sind. Neue große Möglichkeiten, die Menschen einander näher zu bringen und damit wahrer Kultur zu dienen. eröffnen sich. Ein neues Band zwischen Nord und Süd ist ge- schmiedet, möge eS dauern zu Nutz und Frommen der Völkerschafien, die es verbindet. Max Winter. kleines fcuUlcton» Wie sich früher reiche Herren amüsierten. Auf dem Reichstag zu Augsburg bestand das größte Vergnügen des Kaisers Maximilian in einem Schwanke, den Kunz von der Rosen, sein Hofnarr er- sonnen hatte. Es wurden auf dem dortigen Weinmarkte starke Schranken errichtet und in der Mitte de« umhegten Platzes ein Pfahl eingerammt, an dem ein großes, fettes Schwein an einer langen Lerne angebunden war. Zwölf Blinde wurden dann beordert, die mit einem tüchtigen Knüppel bewaffnet, in die Schranken traten. Sie waren mit alten, rostigen Harnischen angetan und sollten gegen das Schwein kämpfen. Der Narr Kunz von der Rosen leitete den ganzen Roheitsakt. Im Halbkreise wurden die Blinden aufgestellt und wie bei einen, Ritleripiele wurde das Zeichen zum Anfang des Kampfes durch Trompeten gegeben. Die Blinden gingen nun auf das grunzende Tier los, denn wer es erschlug, sollte es als Beute erhalten. Das Schukein empfing einen Schlag, fuhr heftig schreiend auf und fuhr etlichen Blinden durch die Beine, sie dabei umwerfend. Den Höchstgrad dieses widerlichen Vergnügens bildeten natürlich die Szenen, wenn einer der Armen an Stelle des vermeintlichen Schivcines den Leidens- geführten traf. Wie die Hunde bissen sie sich dann ineinander fest, verprügelten sich wütend und mußten gewaltsam getrennt werden. Daß diese„Turniere der Blinden" weil lebensgefährlicher waren als jene, die die feinen Herren aus„Ehre" auSfochte», versteht sich wohl von allein, uni fo größer aber war auch das Ergötzen der Zuschauer. Zum Beschluß gab der Kaiser den„überlebenden Blinden" ein reichliches Mahl, um sie so einigermaßen für die ausgestandenen Leiden zu enffchädigen. Berantw. Redakt.: Wilhelm Düwell, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagaanstalt Paul Singer L-Co.. Berlin SW.