Nnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 133.' tSm Dienstag, den 13. Juli. 1909 tNachdruck verboten.) 01 Die Inlelbauern. RoMn von August Strindberg. Deutsch von Emil Schering. ' Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des ÜSohnes herabgesetzt, denn allem umherzufahren war kein Ver gnügon. Infolge dieses Mangels an Gesellschaft schloß sich Gustav den anderen bei der Arbeit an. Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer: dieser Fisch war sowohl häßlich wie alt: aber Carlsson kriegte ihn auch bald in den Fischkasten. Statt Geldstücke zu opfern, ließ Carlsson die Netze aus� bessern und neue Leinen in alle Schleppzüge ziehen: und siehe da, der Strömling blieb besser hängen als früher. Statt mit der auf einem anderen Baum gewachsenen Mistel nach neuen Quellen zu suchen, ließ Carlsson den alten Brunnen füttern und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte einen PumpMstock hinein: damit war die Mistel auf den Kehrichb Haufen geworfen. Statt die Kühe zu besprechen und Feuer über sie zu schlagen, ließ er sie putzen und gab ihnen trockene Streu. Konnte Rundqvist Hufnägel schmieden, zog Carlsson Haken: konnte Rundqvist eine Egge schnitzen, tischlerte Carlsson sowohl Pflug wie Walze. Als Rundqvist sich aus allen semen Maulwurfslöchern verjagt sah, griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen. Er begann rings ums Haus aufzuräumen: schaffte weg. was man den Winter über aus Nachlässigkeit oder infolge der Dunkelheit hatte„fallen" lassen: machte Hühnern und Katze den Hof: setzte eine neue Klinke an die Tür. — Nein, wie nett Rundqvist geworden ist: hat uns eine neue Klinke an die alte Tür gemacht! Ja, er kann nett sein, wenn er nur will. ,.v So hörte Carlsson die Mägde in der Küche sprechen. ' Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines Morgens war der Herd weiß gestrichen: eines anderen Morgens waren die Wassereimer grün angemalt, mit schwarzen Rändern und weißen Herzen: wieder eines anderen Morgens lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feind gelernt, die Großmacht der Küche zu gewinnen: mit dem neuen Pumpenstock war er unwiderstehlich geworden. Rundqvist war jedoch zäh und hinterlistig: in einer Sonnabend nacht strich er den Abtritt grell rot. Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman mit einem Viertel Branntwein, und in der Dreisaltigkeits- nacht hörte die Alte, wie es um die Winde des Hauses tuschelte und raschelte: da sie aber zu verschlafen war, um aufzustehen, sah sie erst am Morgen, daß die ganze„Stuga" rot angestrichen war und weiße Fensterpfosten und weiße Dachrinnen hatte. Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen für sein Alter gar zu anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man lachte jetzt über seinen köstlichen Geschmack, die Per- schönerungen mit dem Abtritt zu beginnen. Norman, als echter Abtrünniger, machte einen Witz über ihn, der lange im Schwange blieb: „Man muß am rechten Ende anfangen", sagte Rundqvist und strich zuerst den Abtritt an. Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um noch einmal neue Schliche zu versuchen oder einen vorteil- haften Frieden zu schließen. Gustav ließ sie gewähren; er sah zu und fand gut, was geschah. „Pflügt ihn nur," dachte er;„ich werde schon kommen und einheimsen." ♦#• �tr- Bisher hatte Carlssons Tätigkeit noch nicht Zeit genug gehabt, um es zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld, das für den Verkauf der Kühe eingenommen war, hatte allerdings einige Tage im Sekretär gelegen, nachdem es bei der Aufzählung einen ausgezeichneten Eindruck ge- macht; es war aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere des Vermissens zurückgelassen. Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu be« stellen gehabt und wenig Zeit zu Spaziergängen gefunden. Eines Sonntagsnachmittags ging er aber die Höhe hinauf und guckte sich um. Da fiel ihm die große Stuga in die Augen, die mit herabgelassenen Rollgardinen verödet dastand. Neugierig, wie er war, ging er hin und fand die Tür offen. Er trat in den Flur und entdeckte eine Küche: ging weiter und kam in ein großes Zimmer, das wirklich herrenmäsiig aussah: weiße Gardinen, Himmelbett mit Messingbeschlägen, ein Spiegel mit geschnitztem und vergoldetem Rahmen und geschliffenem Glas— das war fein, das wußte eyj— Sosa, Sekretär, Kachelofen: alles genau wie auf einem Herrenhof. Auf der anderen Seite des Flurs war ein ebenso großes Zimmer mit Kamin. Eßtisch, Sofas, Wanduhr... Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber be« gann er die Besitzer, die so wenig Unternehmungsgeist be- saßen, zu bemitleiden und zu verachten; besonders als er sah, daß das Haus noch zwei Kammern mit mehreren ge-, machten Betten hatte. „Oh, oh, oh", dachte er laut;„soviel Betten und keine Badegäste." Von dem Gedanken an die künftige Einnahme berauscht, ging er sofort zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei Verschwendung, die Stuga nicht an Sommergäste zu der« mieten. „Ach was. wir finden niemand, der hier wohnen will!" wehrte sich die Alte.' „Wie wißt Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die Stuga in der Zeitung angezeigt?" „Das heißt nur Geld in die See werfen!" meinte Frau Flod. „Man wirft auch Netze in die See", antwortete Carlsson. „Und das muß man tun. wenn man was erhalten will." „Versuchen kann man's ja; aber Badegäste kriegen wir nicht," schloß die Alte, die nicht mehr an die Erfüllung von Wünschen glaubte. Acht Tage später kam ein feiner Herr über die Wiese und sah sich um. Er kam näher. Als er in den Hof eintrat, wurde er allein von dem Hund empfangen, weil sich die Leute, nach ihrer Gewohnheit, aus Schüchternheit oder Fein- gefühl, in Küche und Stube verborgen hielten, nachdem sie vorher in einem Knäuel draußen gestanden und den Besuch angegafft hatten. Erst als der Herr in die Tür trat, kam Carlsson als der Mutigste ihm entgegen. Der Kämmling hatte eine Anzeige gelesen. „Ja, ja, das ist hier!" Carlsson führte ihn nach der Großstuga hinauf. Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle Verbesserungen, wenn sich der Herr sofort entscheide; denn der Bewerber seien viele, und die Jahreszeit sei vor- geschritten., Der Fremde schien von der schönen Lage des Hauses ge« fesselt zu werden und beeilte sich, abzuschließen. Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Ver« Hältnissen, wirtschaftlichen sowohl wie Familien-, erkundigt hatten, entfernte der Fremde sich wieder. Carlsson begleitete ihn bis zur Feldtllr. Dann stürzte er in die Hütte zurück und legte vor Hausfrau und Sohn sieben Scheine zu je zehn Kronen und einen zu fünf auf den Tisch. „Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzU« nehmen", murrte die Alte. Gustav aber war zufrieden, zum erstenmal sprach er Carlsson seine Anerkennung aus, als dieser erzählte, wie er durch den Hinweis auf viele Bewerber den Herrn gedrängt habe. Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf für Carlsson. Nach diesem Stückchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Ge- schäftssachen zugute gekommen war, sprach er in einem höheren Ton. Es sei nicht bloß das bare Geld für die Miete, das ihnen in den Schoß gefallen; es werde auch indirekte Einkünfte regnen./ Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zu« Hörern in raschen Zügen aus. Man werde Fische, Milch, Eier, Butter verkaufen; Feuerung brauche man nicht umsonst zu liefern; nicht zu sprechsn von den Fahrten nach deni Badeort Dalarö, für die man jedesmal eine Krone nehmen könne. Und dann könnte man ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn, Kartoffel und Gemüse absetzen. Oh, da sei etwas zu machen I Und es sei ein feiner Mann! Am Mittsommerabend langten die erwarteten Goldfische an. Es waren Mann und Frau, eine Tochter von sechzehn und ein Sohn von sechs Jahren, dazu zwei Dienstmädchen. Der Herr war Geiger der Hofkapelle, lebte in guten Verhältnissen, war ein Mann des Friedens, stand am Ein- gang der Vierziger. Er war von deutscher Geburt und konnte die Jnselbauern nicht gut verstehen; darum beschränkte er sich darauf, zu allem, was sie sagten, beifällig zu nicken und '„schön" zu sagen; so kam er rasch in den Ruf. ein sehr netter Herr zu sein. Tie Dame war eine ordentliche Hausfrau, die ihr Haus Und ihre Kinder pflegte und sich durch ihr würdiges Be- nehmen bei den Mägden in Respekt zu setzen wußte, ohne zu wettern oder zu bestechen. Carlsson nahm sich sofort als der am wenigsten Schüch- kerne und am meisten Sprechende der Fremdlinge an. Dazu hatte er ja auch ein Vorrecht, da er sie hergebracht. Auch besaß niemand von den anderen weder die unternehmende Lust noch die gesellige Gabe, ihm seinen Platz streitig zu machen. (Fortsetzung folgt.) Die Hufgaben der Internationalen Luftfdnffabrt- HusPtellung zu f rankfurt a.)VL*) Von Philipp S p a n d o w. TaS Schlagwort von der„Eroberung der Luft' wird nach. gerade zu Tode gehetzt. Das ist bedauerlich, denn es bringt einen überaus treffenden Vergleich in den Ruf der Plattheit und Ab- aeschmacktheit. Handelt es sich doch wirklich um einen durch Jahr- hunderte mit größtem Eifer geführten„Kampf", der jetzt durch die siegreiche„Eroberung" der feindlichen Burg sein Ende ge- funden hat. Oder vielmehr: jetzt erst seinen Anfang nimmt. Be- trachten wir die einzelnen Phasen jenes Kampfes. Die Geschichte der Luftschiffahrt beginnt in Wahrheit schon in grauer Vorzeit, denn die Erzählungen von Dädalos und Ikaros, die sich mit Aenderungen in fast jeder Volkssage finden, find wohl sicherlich � nichts weiter als Berichte über die ersten praktischen Versuche kühner Erfinder. In geschichtlicher Zeit finden wir dann eine schier endlose Reihe von Experimenten, deren wesentlichste vcn Lionardo da Vinei, dem Bischof von Ehester, Cyrano de Bergerac und dem Marquis von Bacqueville vorgenommen wurden. Aber diese ganze Periode gleicht dem aussichtslosen Kampf mit Holzstöckcn gegen eine Burgmauer. Denn die alte theologische Weltanschauung, das heißt die Lehre von der Zweck- Mäßigkeit der Schöpfung, hatte sich so fest und unausrottbar in den Köpfen auch aller dieser Persönlichkeiten festgesetzt, daß sie ausnahmslos glaubten, das Problem des menschlichen Fluges nur durch eine mechanische Nachahmung des Vogclflugcs lösen zu können. Endlich im Jahre 1783 gelang es den Brüdern Josef und Stefan Montgolfier die erste winzige Bresche in die feindliche Mauer zu legen, indem sie einen mit heißer Luft gefüllten Ballon in die Höhe steigen ließen. Damit war im Prinzip die sogenannte aöro statische Luftschiffahrt begründet, deren Grundgesetz eine Uebertragung des bekannten Satzes von Archimedes auf die Luft barstellt. Archimedes hatte festgestellt, daß jeder Körper in einer Flüssigkeit mit einer Kraft nach oben getrieben wird, die gleich ist dem Gewicht der von dem Körper verdrängten Flüssigkeit. Diesen Satz übertrugen die Brüder Montgolfier auf die Lust und entdeckten hierdurch, daß auch in der atmosphärischen Lust jeder Körper nach oben getrieben wird, dessen Gesamtgewicht leichter ist als das Gewicht der von ihm verdrängten Lust. Als solche Körper, die wesentlich leichter sind als die atmosphärische Luft, kommen nun in der Praxis vornehmlich drei Gase in Be- krocht, nämlich Wasserstoffgas, Steinkohlengas und heiße Luft. Die Gewichtsverhällnisse sind ungefähr folgende: 1 Kubikmeter Luft bei 0 Grad wiegt 1,2923 Kilogramm, 1 Kubikmeter Wasserstoffgas wiegt 9,99 Kilogramm, 1 Kubikmeter Steinkohlengas wiegt 9.65 Kilogramm. •) Aus der„Jla". dem offiziellen Organ der Ausstellung. Die Auftriebskrast eines GaseS ist natürlich gleich der Differenz zwischen dem spezifischen Gewicht des betreffenden Gases und der atmosphärischen Luft. Man kann sich dieses Gesetz sehr leicht dadurch veranschaulichen, daß man an eine Wage mit zwei von einem Querbalken herabhängenden Schalen denkt. Stellt man in die eine ein Gewicht von einem Kilogramm, so beträgt die Auftriebskraft der anderen Schale natürlich ebenfalls ein Kilo- gramm. Das heißt man kann bis zu einem Kilogramm heran- hängen und die Schale wird es noch immer in die Höhe heben. Hieraus ergibt sich also, daß(ungefähr und theoretisch) die Auf- stiebskraft von einem Kubikmeter Wasserstofsgas beträgt: 1,2923 Kilogramm — 9,99 Kilogramm 1,2928 Kilogramm oder rund 1299 Gramm. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß sich die Rechnung in der Praxis nicht ganz so günstig stellt, aber wir können ungefähr mit 1199 Gramm Auftriebskraft pro Kubikmeter rechnen. Hieraus resultiert die Berechnung eines Ballons von selbst. Nimmt man zum Beispiel an, daß man einen kleinen Ballon konstruiert, der nur 299 Kubikmeter Gas enthalten und eine Person, die mit 75 Kilogramm angenommen wird, heben soll, hat man folgende Rechnung: 299 Kubikmeter Wasserstofsgas heben 229 Kilogramm Der Führer wiegt....... 75 Kilogramm. Folglich darf die Ballonhülle nebst Gondel und allem Zubehör wiegen 145 Kilogramm. Ist die Ballonhülle schwerer, so hat der Ballon keinen Auf- stieb. Es ergibt sich also von selbst die Notwendigkeit, einen niöglichst leichten und natürlich möglichst undurchlässigen Stoff für die Ballonhülle zu verwenden. Hierfür kommt nach dem heutigen Stand der Technik am meisten gummierter Seidcnstoii in Betracht. (Diese Aufstellung ist dem empfehlenswerten Werk„Die Luft- schiffahrt" von A. Hildebrandt entnommen.) Dem Heißluftballon kommt trotz seiner Sparsamkeit— er braucht keine kostspielige Gasfüllung, sondern nur Feuerungsmaterial— keinerlei praktische Bedeutung zu. Selbst bei einer Erhitzung auf 199 Grad findet der Ballon bereits bei zirka 2599 Meter Höhe seine Gleichgewichts- zone, da hier die Luft infolge des nach oben abnehmenden Druckes der Luftsäule bereits ebenso leicht ist, wie die auf 199 Grad erhitzte Luft. Ueberdies birgt natürlich das unter einer Stoffhülle brennende Feuer eine so große Gefahr in sich, daß heute Fahrten mit Heihluftballons— selbst von Schaustellern— gar nicht mehr vorkommen..-. ■-"," Die Erfindung des GasballonS wurde in ihrer Bedeutung viele Jahrzehnte hindurch von den sogenannten„Männern der Praxis" unterschätzt. Der Umstand, daß der Kugelballon nicht „lenkbar" war, ließ alle Experimente qnit ihm als fiir den Verkehr lvertlose Spielereien erscheinen. Heute zeigt sich schon, daß diese Auffassung durchaus irrig war und daß auch hier wieder— wie immer— die technischen Optimisten recht behalten haben, die der Ansicht sind, daß es sich bei jedem technischen Fortschritt nur um die Ergründung des„Prinzips" handelt. Ist dieser erste Schritt einmal getan, so sind die Vervollkommnungen lediglich eine Frage der Zeit. Auch auf die Geschichte der Luftschiffahrt trifft diese uralte Wahrheit zu. Es hat Jahrtausende gedauert, bis der erste Aufstieg eines primitiven HciAuftballons gelang. Aber zwischen diesem ersten Aufstieg einer Montgolfiere und der Konstruktion unserer modernen Lcnkballons liegt nur die für weltgeschichtliche Ereignisse lächerlich geringe Spanne v-rn etwa 125 Jahren. Sicht man näher zu, so findet man sogar, daß dieser Zwischenraum noch wesentlich geringer ist, denn der von Henri Giffard im Jahre 1852 erbaute Ballon beruhte auf durchaus richtigen Konstruktions- Prinzipien und wenn Giffard nur äußerst geringe praktische Er- folge damit errang, so lag das lediglich an dem zu schweren Gewicht seiner Dampfmaschine, die nicht weniger als 159 Kilogramm für drei Pferdekräfte wog, das heißt also 53 Kilogramm pro Pferde- kraft. Seit jener Zeit war es klar und offenkundig, daß die Menschheit in dem Augenblick„lenkbare" Luftschiffe haben würde, in dem es mit irgendwelchen Mitteln gelang, einen leichten Motor herzustellen. Will man zu der gegenwärtigen Entwickclung den einzig rich- tigen, nämlich den historischen Standpunkt beibehalten, so muß man sich darüber klar bleiben, daß zwischen Giffard und—— Zeppelin nicht etwa eine Pause von einem halben Jahrhundert liegt, sondern daß eine ununterbrochene Kette von Projekten und Erfindungen von einem zum anderen führt. Die wichstgsten Name» dieser Perioden lauten: Paul Haenlein, Dr. Wölfert, Gebrüder Tiffandier, Renard und Krebs. Seit der Erfindung und Vervollkommnung des Explosions- motors haben sich die Konstruktionen und Projekte von lenkbaren Nerostaten(Luftschiffen) derartig gehäuft, daß eZ kaum noch möglich ist, die Namen aller Erfinder aufzuzählen. Aus den vielen Konstrustionen haben sich allmählich drei verschiedene Formen her- ausgehoben, die heute noch im Wettstreit miteinander stehen und über deren Wert oder Unwert die Meinungen sehr geteilt find. Man benennt sie mit den Namen:„starres",„h a lb st a r r e s", „unstarres" System. Hiermit soll das Verhältnis au»ae- drückt werden, das die betreffenden Konstrukteure zu der wichtigsten Frage jedes Lenkballons einnehmen, nämlich der Erhaltung seiner äußeren Form. Denn es ist klar, daß jedes Luftfahrzeug seine Lenkbarkeit einbüßt, sobald es— ganz allgemein ausgedrückt— nicht mehr die Form hat, auf die seine Steuerflächen berechnet find. Zum Zwecke dieser Erhaltung der Form werden nun im wesentlichen drei Systeme angewandt. Graf Zeppelin ist am radikalsten vorgegangen, indem er ein starres Gerüst aus Alu- minium baute und in diesem seinen Ballon oder vielmehr seine 17 einzelnen kleinen Ballons unterbrachte. Aus diesen Ballons kann natürlich noch so viel Gas entweichen, das starre Gerüst wird in seiner Form hierdurch niemals beeinflußt werden. Hiermit ist der Vorzug, den die Zeppelinsche Konstruktion vor allen anderen hat, bezeichnet. Ihre Nachteile liegen im wesent- lichen in den außerordentlichen Dimensionen begründet, die ein solches Luftschiff aufweisen muß, um noch auftriebsfähig zu sein. So war z. B. der verunglückte„Zeppelin IV" 136 Meter lang, hatte einen Durchmesser von 13 Metern und bedurfte zu seiner Füllung 15 066 Kubikmeter Wasscrstoffgas. Er wurde durch zwei getrennte Motore von je 116 Pferdekräften getrieben. Das völlige Gegenbild des Zeppclin-Schiffes ist die ganz un- starre Konstruktion des Majors v. Parseval. Bei diesem sind im Interesse schnellen und leichten Transportes alle starren Teile völlig vermieden. Der Ballonkörper ist aus Seidenstoff; seine Form wird erhalten durch zwei im Innern angebrachte„Ballonets", das sind Luftjäcke, die mit Hilfe eines Ventilators aufgepumpt werden können und dann den durch etwaigen Gasverlust ent- standencn Mangel an llebcrdruck ausgleicht. Zwischen diwcn beiden Konstruktionen steht das sogenannte „halbstarre" System, dem— unbeschadet mancher Verschiedenheiten— die meisten modernen Lenlballons angehören. Hier be- findet sich in der Regel zwischen dem aus Stoff gefertigten Ballon- körper und der Gondel irgendeine Versteifung— zum Beispiel in Form eines langen Kiels—, die ein Einknicken des Ballons verhindert. Alle diese drei Typen sind entsprechend der Fugend des leichten Benzinmoiores, erst neueren Datums; ihre Konstruktionen sind noch lange nicht ausgebaut und es wäre deshalb äußerst vor- eilig, wenn man heute schon ein Urteil über ihre praktische Ver- wendbarkcit abgeben wollte. Um so mehr, als sie alle drei zweifel- los erst die Anfangsstadien späterer Luftfahrzeuge darstellen. Von viel einschneidenderer Bedeutung ist die Frage, ob diese mit ExplosionSgas gefüllten Fahrzeuge, die„leichter als die Luft" sind, überhaupt eine Zukunft haben, oder ob diese vielmehr jenen gehört, die ohne irgend ein Gas arbeiten und daher„schwerer als die Luft" sind. Sie bewerkstelligen ihren Auftrieb lediglich auf maschinelle Weise, indem sie Flächen verschiedener Art schnell durch die Luft bewegen. Es gibt hiervon schon heute eine fast unüber- schbare Menge der verschiedensten Konstruktionen, die man um so weniger einzeln mit Namen aufzuzählen braucht, als bisher nur eine einzige Form praktische Erfolge gezeitigt hat. nämlich der „Drachenflieger". Alle sogenannten„Flugmaschinen", die bisher wirklich be- glaubigte Flüge ausgeführt haben(Wright, Farman, Telagrange usw.), beruhen auf dem im Jahre 1879 von Wilhelm Krcß(Wien) erfundenen Prinzip des Drachenfliegers, dessen Grundlage darin besteht, daß eine oder mehrere Flächen mit Hilfe einer oder mehrerer„Luftschrauben" so schnell durch die Luft bewegt werden, daß die bekannte Drachenwirkung eintritt. Um die Wirkung des wichtigsten Teiles des Drachenfliegers, nämlich der Luftschraube zu verstehen, ist es nur nötig, das Wesen einer gewöhnlichen Holz- oder Metallschraube sinngemäß auf das sehr viel leichtere Medium der Luft zu übertragen. Man muß sich zunächst klar darüber sein, daß daS Gewinde einer Schraube aus einer fortgesetzten „schiefen Ebene" besteht, die also bei der Luftschraube entspreche�» nachgebildet werden muß. Ist bei der Metallschraube noch ein „Vorschneiden" des Gewindes nötig, so entfällt dies schon zum Beispiel bei weichem Holze. Wird das Material noch leichter, so erwächst sogar die Sorge, der Schraube vor � allem genügende „Nahrung" zu verschaffen. Im höchsten Maße ist dieses natürlich der Fall bei dem leichtesten Medium, mit dem wir arbeiten können, nämlich der Luft. So muß denn die Luftschraube so gestaltet sein, daß sie mit großer Kraft und Schnelligkeit in Drehung versetzt durch ihre schief gestellten Flächen genügend„Nahrung" in der Luft findet. Werden diese Erfordernisse erfüllt, so schraubt sie sich nun in der Tat vorwärts und bewegt hierdurch die Drachenflächen des Apparates mit solcher Kraft gegen die Luft, daß diese den Flächen als Stützpunkt dient und sie in der Höhe erhält. Die Grundbedingung solcher Fortbewegung besteht natürlich darin, daß der Nutzeffekt der Schraube größer ist als das Eigen- gewicht der antreibenden Maschine. Ist das Verhältnis umgekehrt, so wird die Schraube zwar arbeiten, aber sie wird nicht genügend Kraft entwickeln, um die Maschine in die Höhe zu heben. Hieraus ergibt sich also die Notwendigkeit, die Antriebsmaschine so leicht an Eigengewicht, wie es die Betriebssicherheit irgendwie zuläßt, her- zustellen. Roch viele Jahre, nachdem Kreß bereits lange durch kleine Modelle die Richtigkeit seiner Projekte praktisch bewiesen hatte, war man nicht in der Lage, Maschinen herzustellen, die weniger als etwa 16 Kilogramm pro Pferdekraft wogen. An diesem Gewicht mußten notwendigerweise all« Versuche scheitern. Erst in den letzten zwei bis drei Jahren ist hier ein entschiedener Fort- schritt zu verzeichnen. Es gelang zuerst den Brüdern Wrigt, dann dem französischen Konstrukteur Levasseur und später auch ver- schiedenen deutschen Ingenieuren, Motore herzustellen, die nur noch. wenige Kilogramm pro Pferdekraft wogen, und jetzt ist man schon so weit, daß man über zuverlässige Maschinen verfügt, deren Ge- wicht nur noch VA bis 2 Kilogramm pro Pferdekraft beträgt. Da- mit ist der Kreßsche Drachenflieger aus der Theorie in die Praxis übergeführt und wir besitzen nun auch in der Aviatik die ersten „Experimentierformen". Unter solchen Umständen könnte es ber oberflächlicher Betrachtung als eine Voreiligkeit erscheinen, jetzt schon eine Ausstellung in größerem Rahmen zu veranstalten. Sieht man aber näher zu, so verschwinden diese Bedenken und es sprechew im Gegenteil viele Gründe dafür, diese Generalschau gerade jetzt abzuhalten. Ja, sie wird vielleicht nie wieder so nötig und uner- läßlich �ein wie gerade im gegenwärtigen Augenblick, in dem die beiden-vchwestergebiete fast sprunghaft in ein ganz neues Stadium ihrer EntWickelung getreten sind und Tausende von Ingenieuren. Konstrukteuren, Projektanten und Erfindern ihre Kräfte in deir Dienst einer Aufgabe gestellt haben, die nicht nur vom idealen Standpunkte aus als Sache der ins Unendliche strebenden Kultur- Menschheit gemessen werden darf, sondern auch betrachtet werden muß als eine neue Erwerbsquelle für viele fleißige Hände. Aber gerade durch diese, fast unvermittelt eingetretene Tätige keit so vieler, von ganz verschiedenen Voraussetzungen ausgehenden und örtlich weit getrennten Individualitäten, denen es überdies an den für alle anderen Wissenschaften in Archiven, Bibliotheken und Hochschulen längst geschaffenen Sammelpunkten alles bisher Erreichtem mangelt, hierrscht heute vielfach noch eine große Un- klarheit über den Umfang des bisher unstreitig eroberten Gc- bietes, wie auch über die Aufgaben, die zunächst gelöst werden müssen, wenn anders nicht die logische Entwickelungskette Willkür- lich durchbrochen werden soll. Hier wird nun die Internationale Lustschiffahrtausstellung einzusetzen haben. Sie wird den Tau» senden, die aus allen Ländern und Weltteilen zusammenströmen werden, zum ersten Male ein klares und übersichtliches Bild vom gegenwärtigen Stande der Luftschiffahrt geben. Sie wird ge» wissermaßen ihre„Eröffnungsbilanz" darstellen. Daraus ergibt sich von selbst, daß sie, da sie nicht mit unbestimmbaren Phantasiewerten, die erst in der Zukunft realisiert werden können, rechnen darf, manche Mängel und Lücken aufweisen wird. Die sexuelle Aufklärung der Kinder» Es gibt einen verstiegenen Radikalismus auf diesem Gebiete. Er will, daß die Kinder gründlich über die geschlechtlichen Verhält» nisse der Menschen aufgeklärt werden sollen. Sobald die Kinder zu denken anfangen, soll auch die sexuelle Belehrung in geeigneter Form einsetzen. Das Haus soll den Anfang machen, die Schule soll das Werk weiter führen. Natürlich streng methodisch, nach einem wohlgegliederten Schema, das mit A anfängt und mit Z aufhört. Wenn die Kinder dann aus der Schule entlassen werden, wissen sie„alles". Nichts Menschliches ist ihnen mehr fremd. Ueber die Geschlechtsorgane beider Fakultäten und einiger Zwischenstufen wissen sie genau Bescheid; den Zweck und den Verlauf der Be» gattung haben sie durch das Pflanzenreich und durch alle Tierreichs hindurch bis zum Menschen eifrig studiert und in Form des schul- üblichen Memorierstoffes auswendig gelernt; über die Geschlechts» krankheiten aller Stufen wissen sie genau Auskunft zu geben. Ausgerüstet mit der ganzen sexuellen Wissenschaft des Jahrhunderts treten sie in das„Leben". Ihnen kann nichts geschehen! Denn gefährliche„Geheimnisse" gibt es für sie nicht mehr., Ich lehne diese Sorte sexuelle Jugendaufllärung ab. Nicht aus Prüderie. Sie liegt mir fern. Aber ich halte das Ziel solcher Aufklärung und auch ihre Mittel für falsch. Das Ziel muß sein, die Kinder zur natürlichen Betrachtung natürlicher Dinge zu erziehen. Beiläufig halte ich das bei der Unnatur der heutigen Haus- und Schulerziehung für unmöglich. Eine neue freie und schöne Sittlichkeit, zu deren Voraussetzungen eine freie und frische Sinnlichkeit gehört, kann erst in einer Ge» sellschaftsordnung erwachsen, die, nicht wie die heutige, einen sumpfigen Boden, sondern feste solide Quadern zur Grundlage hat. Das Ziel darf aber nicht wie bei den radikalen Sexual- Pädagogen von heute darin gesucht werden, schon die Kinder zv kleinen Aerzten für körperliche und seelische Schwankungen des Geschlechtslebens zu erziehen und zur Erreichung dieses Zweckes vor ihnen auch die letzten Hüllen von den intimsten Borgängen zwischen Mann und Weib wegzuziehen. Ich glaube, daß dieses Ziel nicht einmal die Erwachsenen lockt, solange diese selbst aus freiem Antriebe um ihre höchsten Freuden den Mantel der Dunkel» heit und der wortlosen Leidenschaft schlagen. Wenn zwei Er- wachsene solche Stunden noch voreinander wie ein schamvolles Mysterium hüten, weil ihnen der sexuelle Vorgang nicht wie beim Tiere lediglich ein fleischliches Ergötzen ist, weil auch die feinsten seelischen Akkorde mit hineinklingen, so darf die geschlechtliche Auf» tlärung der Kinder nicht einem weltfremden Doktrinarismus zu» IteSe über alle Grenzen hinaus getrieben oder als ein nüchternes physiologisches oder hygienisches Problem aufgefaßt werden. Es ist dies freilich auch der Grund, der von jeher zu den er- zieherischen Nöten in der geschlechtlichen Frage geführt hat, und der gegenwärtig wieder viele ernste Ml-nner und Frauen be- Lchäftigt. Wie verhindern wir auf der einen Seite die„Auf- klärung" auf der Straße und in den verstecktesten Winkeln, ohne doch auf der anderen Seite durch eine rücksichtslose, sogenannte „vernünftige" Aufklärung mehr zu verderben als zu verhüten? Der D ü r e r b u n d, der sich in Gemeinschaft mit dem Kunstwart und seiner Gemeinde schon manche Verdienste um die ästhetische Kultur der Zeit erworben hat, versucht einen neuen Weg. Er hat durch ein Preisausschreiben eine große Zahl von Betrachtungen, Ratschlägen und Beispielen zur sexuellen Aufklärung erhalten, von denen er eine Auslese, zu einem„Hausbuch"*) zusammengestellt, den Erziehern darbietet. Die Sammlung ist sehr reichhaltig, zu reichhaltig, so daß gerade dadurch wieder eine gewisse Einseitigkeit bewirkt wird. Zu oft kehrt derselbe Gedankengang, dasselbe Bei- spiel, dieselbe Nutzanwendung wieder, mancher Leser wird oft er- inüdet seufzen: weniger wäre mehr! Aber vielleicht ist dieser Mangel in den Augen anderer Leser ebenso wie in denen der Herausgeber ein Vorzug, weil sie glauben, daß die eine Darstellung ergänzen kann, was die andere schuldig geblieben ist. In jedem Kalle ist das Buch als eine willkommene Bereicherung der ärmlichen Literatur über die sexuelle Jugendaufklärung zu begrüßen. Die reifsten und besten Beiträge stammen von Pädagogen. Kreilich nicht von den Schablonenpädagogen, nicht von engherzigen ulmeistern, sondern von Männern, die sich einen Blick über ihre ulstube hinaus für die drängenden Fragen des Lebens bewahrt haben. Hierzu gehört in erster Linie der bekannte Schulmann und Sozialpolitiker A g a h d, der sich bereits vor Jahren durch sein warmherziges Eintreten für die erwerbsmäßig ausgebeuteten Kinder einen guten Namen gesichert hat. Ferner nenne ich noch den Charlottenburger Pädagogen P e n z i g, den Münchener Weber und den Jenenser E i g e n b r o d t. Es ist bezeichnend, daß sie alle die lehrplanmäßige Behandlung der sexuellen Jugend- vutklärung durch die Volksschule ablehnen. Wohl zeigen Agahd und Weber, daß sie dem Problem nicht au? dem Wege gehen, wenn eS der Unterricht oder der Verkehr mit den Schülern plötzlich un- gerufen vor sie hinstellt; sie zeigen aber auch, daß sie die schwierige Aufgabe von Fall zu Fall zu lösen wissen. Freilich nicht durch Schema? oder durch irgend eine„Methode" oder durch die Esels- drücke eines„Leitfadens", sondern durch die Kraft ihrer Per- sönlichkeit. Sache der Persönlichkeit ift die sexuelle Aufklärung auch für die häusliche Erziehung. Man kann den Eltern keine fertigen Formeln an die Hand geben. Dazu ist das Gebiet viel zu schwierig, viel zu zart und viel zu verschiedenartig. Die Frage tritt in den mannigfaltigsten Gestalten an die Eltern und die sonstigen Er- t jeher heran; die Kinder werden zu ihren Fragen nach dem öarum und dem Wie der sexuellen Vorgänge in den verschiedenen Lebensaltern aus ganz verschiedenen Motiven getrieben. Lange Zeit spricht dabei keinerlei sexueller Reiz mit, sondern lediglich die Neugier und das Wissensbedürfnis. Die Kinder selbst sind verschieden geartet. Das eine gibt sich mit der ersten besten plau- siblen Antwort zufrieden, das andere reiht eine Frage an die andere.„Einzelvorschriften lassen sich da nicht geben. Ja, nirgends mehr als gerade hier wird es deutlich, daß alles, was wir hier zu sagen und zu raten vermögen, unendlich plump und schwerfällig ist und so gar nicht den Kern dessen trifft, waS gesagt und getan werden muß. Worte, Worte, nichts als Worte, wo man ganz Herz, ganz Feingefühl, ganz unschuldiges Wissen sein und geben möchte." lHenriette Fürth.) Die allgemeine Vorschrift aber, die man den Eltern und allen anderen Erziehern geben kann, faßt ein Wort Lessings am knappesten und treffendsten zusammen:„Man muß dem Kinde Wahrheit geben, nichts als Wahrheit— aber nicht die ganze Wahrheit." Nun mögen die Erzieher selbst nach dem Einzelfall, der für sie in Betracht kommt, beurteilen, wieviel von der Wahrheit sie dem Kinde geben sollen. Stückwerk und Flickwerk wird die sexuelle Jugendaufklärung heute in jedem Falle bleiben. Einmal stehen wir Erwachsenen selbst noch zu sehr unter dem Banne der alten Tradition, als daß wir die sexuellen Fragen schon mit der Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit und doch auch wiederum mit der Reinheit der Empfindung beurteilen könnten, die einmal wertvolle Eigen. schaften einer späteren besseren Zeit sein werden. Andererseits machen die sozialen Verhältnisse der Gegenwart nur zu oft die dicksten Striche durch die schönsten Vorsätze. Die jammervollen Zustände, in denen die große Masse des arbeitenden Volkes zu leben gezwungen ist, besonders die elenden Wohnungsverhältnisse be- wirken eine praktische sexuelle Aufklärung der bedauerlichsten Art. Agahd teilt den Notlchrei eines zwölfjährigen Kindes mit:„Wir haben zwei Schlafmädchen und einen Schlafburschen. Ich kann ja alle die Redensarten und Gemeinheiten nicht mehr mit ansehen und anhören. Aber unser Vater sagt, er möchte sie schon raus- schmeißen: aber dann kann er nicht die Miete bezahlen." *) Am Lebensquell. Ein Hausbuch zur geschlechtlichen Erziehung. Herausgegeben vom Dürerbund. Verlegt bei Alexander Köhler in Dresden. 1S09. So mündet die Frage der sexuellen Jugendaufklärung schließlich doch auch in dem großen Strome der Allgemeinen sozialen Frage. Heinrich Schulz. kleines feuUUton. Literarisches. Spinoza?„Ethik" ist in einer Volksausgabe(Leipzig. Alfred Kröner, 148 Seiten, 1 M.) erschienen. Spinoza hat nicht nur in der Philosophie großes geleistet. Er war nach den schwärmerischen Naturphilosophen aus der Zeit der Renaissance(Giordano Bruno, Jakob Böhme usw.) der erste, der das moderne naturwissenschaftliche Weltbild mit den Bedürfnissen des menschlichen Gemütes aussöhnte. Er hat alle die widerlegt, die behaupten, eine streng mechanische Weltanschauung lasse keinen Spielraum für Dichtung und Sittlichkeit. Sein Einfluß auf Goethe und damit die gesamte deutsche Kultur beweisen das Gegenteil. Ebenso auch sein eigenes Leben, das voll von Heroismus gegenüber der eifernden Synagoge wie allen geschichtlichen Mächten überhaupt sich durchgesetzt hat. Die „Ethik" enthält die gesamte Lebensphilosophie Spinozas, und kein ernster Wissenschaftsfreund wird sich durch die hier und da uns fremd anmutende Form der Gedanken von ihrem Studium abhalten lassen. Aus allen Sätzen spricht eine freiheitsdurstende Seele. Spinozas Ethik weist in manchem Punkte direkt auf die sozialistische Ethik hin. Wer das näher verfolgen will, lese J.SternS Buch über B. Spinoza, das bei Dietz in Stuttgart erschienen ist. Aus dem Pflanzenleben. Warum das Laub grün i st? Wem: auch manche Bäume und Pflanzen Blätter von mannigfaltigen Farben aufweisen, so bilden sie damit doch nur eine seltene Ausnahme und die vorwaltende Farbe unserer Vegetation ist das durch die Chlorophyllablagerung in den Blättern hervorgebrachte Grün. Die Frage, weshalb sich dies so verhält, ist keine müssige. Färbungen solcher Art stehen in nahem gesetzmäßigem Zusammenhange mit dem Licht, das die gefärbten Organe trifft. Zunächst ist eS eine bekannte Tatsache, daß bei voll- ständigem Ausschluß von Licht überhaupt keine Färbung zustande kommt. wofür die blassen Triebe der im Keller aufbewahrten Kartoffeln ein Beispiel sind. Engelmann hat nachgewiesen, daß die MeercSalgen die Komplementärfarbe des Lichts annehmen, das sie trifft; eS ist bei einer bestimmten Algenfamilie, den sogenannten Cyanophycäen sogar ge- lungen, experimentell durch Bestrahlung mit verschieden farbigem Licht«enderungen der Färbung zu erzeugen. Diese Tatsachen ver- anlassen Professor Ernst Stahl zu einer Erklärung der grünen Färbung der Landpflanzen, die er in einem besonderen Werke „Zur Biologie de? Chlorophylls, Laubfarbe und Himmelslicht". darlegt. Das Chlorophhllspektrum kann nach seinen Ausfüh- rungen als Kombination zweier AbsorptionS-Spektra betrachtet werden. Die Absorption am blauen Ende dieses Spektrums entspricht nahezu der de? EtiolinS, jene? Stoffes, der die Gelbfärbung der Blätter bewirkt, während sie am roten Ende mit jener grünen Substanz übereinstimmt, die gebildet wird. wenn etiolinhaltige Pflanzen der Wirkung des Lichts ausgesetzt werden, und die zur Hcrbstzeit wiederum verschwindet. Die grün- lichgelbe Vlattfärbung ist daher eine Anpassung an die vorwaltenden Farben des zerstreuten Tageslichts, wobei da? Gelb zu dem Blau des Tageshimmels und das Grün zu dem Rot und Orange des Sonnenuntergangs kompler.ientär erscheinen. Es liegt nahe, bei Gegenständen wie dem vorliegenden, auch die Frage nach der„Zweckmäßigkeit" zu stellen. Daß die grünen Strahlen nicht absorbiert werden, entspricht nicht allein dem Umstände, daß das Chlorophyll zu seinem chemischen Aufbau ihrer entraten kann. sondern geht mit der Tatsache Hand in Hand, daß die grünen Strahlen infolge ihrer starken Wärmewirkung der Pflanze geradezu schädlich wären. Die Landpflanzen brauchen d,e Absorption der grünen Strahlen nicht. Dort wo. sie stattfinde� wie zum Beispiel bei den rot und braun gefärbten Arten des See- tangs, den blaugrünen Algen usw., ist sie eben notwendig, um den betreffenden Pflanzen ausreichende Energie zuzuführen. Eine zu starke Belichtung des Blattes führt geradezu zu einer Zerstörung des Chlorophylls. Diese Tatsache war längst bekannt und man hat zu ihrer Erklärung die Wirksamkeit der ultravioletten Strahlen heran- gezogen. Im Gegensatz dazu spricht Stahl die Ansicht aus, daß die Warmesttahlen von größter Bedeutung seien. Die verschiedene Färbung, die die Blätter zeigen, je nachdem sie in der Sonne oder im Schatten stehen, ist als Schutzanpassung gegen die Gefahr der Ueberhitzung anzusehen. Let den Algen ist seiner Ansicht nach die Anpassung nicht allein auf die Qualität des Lichts gerichtet, sondern auch auf seine Stärke. Die Etiolierung der Blätter, d. h. ihre Gelbfärbung im Herbst, führt Stahl auf da? Oekonomie(Sparsamkeits)prinzip zurück. da da« Ettolin im Gegensatz zum Chlorophyll weder Stickstoff noch Magnesium enthätt und somit der Pflanze diese Stoffe nicht entzieht. die für sie von großem Werte sind. Ein Beleg dafür ist, daß Blätter, die an der Wende des Gelbwerbens gepflückt und in feuchtem Räume aufbewahrt werden, grün bleiben, während die am Baume verbliebenen zur Herbstfarbe übergehen. Berantw. Redakt.: Wilhelm Düwrll, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u.VerI«g»anstalt Paul Singer öcEo..Berlin SVf.