Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 134. Mittwoch, den-14. Juli. 1909 (Nachdruck herbolen.) 10] Die Inrdbaucrn. Roman von August Strindöerg. Deutsch von Emil Schering. ' Die Ankunft der Städter unterlieb nicht, ihren Einfluß auf Sinne und Sitten der Jnfelbauern auszuüben. Täglich Menschen vor sich zu sehen, die festtäglich gekleidet waren, jeden Tag zum Sonntag machten, ohne Ziel spazieren gingen und ruderten, badeten und musizierten; sich die Zeit der- trieben, als gebe es keinen Kummer, keine Arbeit in der Welt— das erregte anfangs keinen Neid, sondern nur Er- staunen; Erstaunen darüber, daß das Leben sich so gestalten könne; Erstaunen über Menschen, die ihr Dasein so ange- nehm und ruhig, so rein und fein vor allem einzurichten der- mochten, ohne daß man sagen konnte, sie hätten anderen Un- recht getan oder Arme geplündert. Ohne sich dessen bewußt zu werden, fingen die Insel- dauern an, sich stillen Träumen hinzugeben; verstohlene Blicke nach der Großstuga zu werfen. Sahen sie ein Helles Sommer- kleid auf der Wiese aufleuchten, blieben sie stehen und weideten sich an den Anblick wie an etwas sehr Schönem. Gewahrten sie einen weißen Schleier um einen italienischen Strohhut, ein rotes Seidenband um einen schlanken Leib, in einem Boot auf der Bucht, zwischen den Fichten des Waldes, wurden sie still und andächtig vor Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, daß sie nicht zu hoffen wagten, zu dem sie sich aber hingezogen fühlten. Gespräch und Lärm unten in der Küche und der alten Stuga nahmen eine stillere Art an. Carlsson erschien be- ständig in reinem, weißem Hemd, hatte auch wochentags eine dlaue Tuchmütze auf und nahm allmählich das Aussehen eines Verwalters an; hatte einen Bleistift in der Brusttasche ader hinterm Ohr und rauchte oft eine leichte Zigarre. Gustav zog sich dagegen zurück, hielt sich so abseits wie möglich, um nicht zu Vergleichen Anlaß zu geben; sprach bitter von Städtern im allgemeinen; mußte sich und andere öfters als früher an das Geld auf der Bank erinnern; machte weite Bogen, um an der Großstuga vorbeizukommen und den hellen Kleidern auszuweichen. Rundqvist ging mit finsterem Gesicht umher, hielt sich meist in der Schmiede auf und erklärte, er frage den Teufel flach der ganzen Welt, und sei es die Königinwitwe selber. Norman dagegen holte seine Soldatenmütze hervor, schnallte den Hungerriemcn über das Wams und schlug Haken um den Brunnen, wohin die Mägde der Herrschaft morgens flnd abends zu kommen pflegten. Am schlimmsten kamen Clara und Lotte weg; die sahen bald alle Mannsleute feige abfallen, um zu den Mägden der Herrschaft überzugchen, die sich auf Briefen Fräulein nennen ließen und im Hut nach Dalarö, dem Badeort, fuhren. Clara und Lotte mußten barfuß gehen; im Viehstall war es so schmutzig, daß sie ihre Stiefel bald verdorben hätten; auf der Wiese und in der Küche war es zu heiß, um beschuht zu sein. Sie trugen dunkle Kleider und konnten sich nicht einmal eine weiße Passe erlauben, infolge von Schweiß, Ruß, Spreu. Clara machte einen Versuch mit Manschetten, kam aber übel im; sie wurde sofort entlarvt, und man lachte lange über sie, daß sie sich in Wettstreit eingelassen. Doch am Sonntag hielten Clara und Lotte sich schadlos; da legten sie einen Eifer für den Kirchengang an den Tag, wie man seit Jahr und Tag nicht gesehen; nur um ihre besten Kleider anziehen zu können. Carlsson machte sich immer etwas beim Professor zu schaffen: blieb stets am Vorbau stehen, wenn jemand dort saß; fragte nach dem Befinden; sagte schönes Wetter voraus; schlug Ausflüge vor; gab Ratschläge und Aufschlüsse über die Seefischerei. Dann und wann bekam er ein Glas Bier oder einen Kognak. Die anderen beschuldigten ihn bald, halblaut, er schmarotze. Am Sonnabend, wenn die Köchin der Herrschaft nach dem Badeort Dalarö fuhr, um einzukaufen, entstand ein Meinungsaustausch, wer sie rudern solle. Carlsson ent- schied die Sache ganz einfach zu seinen Gunsten, denn das kleine, schwarze, weißhäutige Mädchen hatte es ihm angetan. Ms die Alte ihm Borstellungen machte, der erste und wich- tigste Mann auf dem Hof dürfe sich nicht mit solchen kleinen Diensten befassen, antwortete Carlsson, der Professor habe ihn eigens gebeten, weil wichtige Briefe zur Post müßten. Gustav verriet wider Willen, daß auch ihm daran gelegen sei, den Boten zu machen, indem er dorschlug, die Briefe sollten ihm anvertraut werden. Carlsson aber erklärte bestimmt, er könne unmöglich zu- geben, daß der Hausherr Knechtesdienste verrichte; das' gebe den Leuten nur Stoff zum Klatschen. Und dabei blieb es. Den Dalaröbotcn zu machen, hatte seine Vorteile, die der findige Knecht im voraus aufgespürt. Zuerst war man allein mit dem Mädchen auf See und konnte ungestört mit ihr schwatzen und schäkern. Dann folgten Bewirtung und Trinkgelder. Und im Badeorte konnte er sich alle Kaufleute verpflichten, indem er ihnen einen Kunden verschaffte; das brachte immer einen Händedruck ein, einen Schnaps hier, eine Zigarre dort; auch fiel ein gewisser Schein von Ansehen auf den, der Aufträge vom Professor zu besorgen hatte, am Wochentag fein gekleidet war und sich in Gesellschaft eines Fräuleins von Stockholm befand. Die Fahrten nach Dalarö fanden jedoch nur einmal in der Woche statt und hatten keinen störenden Einfluß auf den regelmäßigen Gang der ArKit. Carlsson war nämlich so pfiffig, die Tage, an denen er fort war, den Burschen die Ar- beit in Akkord zu geben: Sie mußten so und so viele Klafter entwässern, und so und so viele Aecker pflügen, so und so viele Bäume fällen; dann waren sie frei. Die Leute gingen mit Vergnügen darauf ein, denn auf diese Weise konnten sie schon zur Vesperzeit fertig sein. Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Arbeit zugemessen und die geleistete geprüft werden mußte, kam der Bleistift und das jetzt eingeführte Notizbuch zu Ehren. Carlsson ge- wöhnte sich daran, als Verwalter aufzutreten und allmählich die Arbeit auf andere Schultern gleiten zu lassen. Gleichzeitig richtete er sich auf der Kammer wie in seinem eigenen Junggesellenzimmer ein. Tabakrauchen war längst eingeführt: auf den Tisch am Fenster hatte er ein grüneS Taschentintenfaß, Federhalter, Bleifeder, einige Bogen Post- Papier aufgetischt und mit Leuchter und Streichholzgestell geordnet: es sah aus wie ein Schreibtisch. Das Fenster ging nach der Großstuga; daran saß er in seinen Erholungsstunden und beobachtete die Bewegung der Herrschaft; auch konnte er hier zeigen, daß er zu schreiben verstand. Abends machte er das Fenster auf, legte die Ellbogen aufs Fensterbrett und schmauchte eine Pfeife oder einen Zigarrenstummel, den er aus der Westentasche hervorsuchte. Oder er las ein Wochenblatt. Von unten sah das so aus, als sei er der Hausherr selber. Wenn es aber dämmerig wurde und er Licht ansteckte, legte er sich aufs Bett und rauchte. Dann kamen die Träume, Pläne vielmehr; die bauten sich auf Umstände auf, die zwar noch nicht eingetreten wiyren, aber durch eine kleine Befinge- rung sich vielleicht einstellen konnten. Als er eines Abends so auf dem Rücken lag und Schwarzen Anker" qualmte, um die Mücken zu betäuben, während seine Augen sich auf das weiße Laken hefteten, das die Kleider bedeckte, ließ dieses plötzlich los und fiel zu Boden. Wie den Schatten einer Reihe Soldaten sah er die ganze Garderobe des Verstorbenen an der Wand Flankenmarsch machen: gegen das Fenster und zurück zur Tür, je nachdem das Licht im Zuge flackerte. Carlsson glaubte den Toten in all die Gestalten zu sehen, welche die Kleider auf die karierte Tapete zeichneten. Da kam er in Joppe aus blauer Boi und in grauen Tuchhosen, in denen Knie waren, da er mit denen im Trebel am Steuer gesessen, wenn er mit Fischen nach der Stadt segelte, um dann in der„Messingstange" mit dem Fischkäufer Toddy zu trinken. Hier kam er in schwarzem Geh- rock und langen, flatternden Hosen: so ging er zur Kirche, wenn Beichte war; so war er auf Hochzeit, Begräbnis, Kinds- taufe gekleidet. Dort hing die schwarze Jacke aus Schaffell; die hatte er an, wenn er im Herbst und Frühling am Strand stand und Zugnetz zog. Dort brüstete sich der große Seehund- pelz, der noch Spuren vom Weihnachtsschmaus trug. Der Reisegurt, mit grünem, gelbem, rotem Wollgarn gestickt, ringelte sich wie die große Sceschlange bis auf den Boden. Carlsson wurde warm unterm Hemd, wenn er sich in len schönen, seidenweichen Pelz hineindachte: sich vorstellte, wie er auf einen Schlitten übers Eis schoß, eine Kappe aus Seehundsfell auf dem Kopf: wie die Nachbarn den Weih- nachtsgast am Strande mit Feuern und Büchsenschüssen emp- singen: wie er in der warmen Stube den Pelz auszog, um dann im schwarzen Tuchrock dazustehen: wie der Pastor ihn mit du begrüßte und er ganz oben an der Schmalseite des Tisches sitzen durste, während die Knechte an der Tür standen oder sich aufs Fensterbrett geschwungen hatten. (Fortsetzung folgt.) (Nachdru« verroten.), Unter der Mtternacktsfonne. i. Für jeden, der JxZbmt überzeugt ist, daß die ökonomischen Momente im Leben eines Volkes von ausschlaggebender Bedeutung für seine EntWickelung und seinen Charakter sind, ist das nördliche Norwegen ein klassisches Beispiel für diese Anschauungen. Hier, Wo das wirtschaftliche Leben lokalisiert und seit Jahrhunderten fast gleich blieb, ist auch das kulturelle Leben seit Jahrhunderten lckalisiert und im innersten Wesen fast gleich geblieben. Die soziale Schichtung der Bevölkerung ist aber ohne Zwischenstufen ganz nach ihrer Erwerbsart durchgeführt. > Die Hauptgruppe bilden die Fischer. Man staunt in Nor- wegen darüber, daß diese sozialistisch gesinnt sind, daß fast das ganze Gebiet sozialistisch gestimmt hat und daß sich unter den sozialistischen Abgeordneten auch ein Lappe befindet. In Kristiania hat man dafür stets die Erklärung, daß dies dem persönlichen Ein- flüsse Dr. Erichscns zu danken ist, der als Priester das Vertrauen und das Ohr der sehr religiösen Fischer besitzt. In Trondhejm sagte mir ein sehr intelligenter und sonst klar urteilender Mann, daß die sozialistische Gepnnung der Fischer eigentlich nur ein Aus- druck ihrer ungünstigen Lage sei, ein Protest gegen den Händler, dessen Schuldner er ist und der gewöhnlich Anhänger der radikalen Linken und politisch einflußreich ist. In Tromsö und Narvik aber— wo die Fischer zum größten Teil Lappen sind— hat man dafür die Erklärung, daß die Lappen minder intelligent, also �leichtgläubig und daher der Agitation leicht zugänglich sind. In Finnmarken wird wieder der persönliche Einfluß Egede-Nisscns und der Frau Wessel als Ursache angegeben. Prüft man aber die Verhältnisse näher, so sieht man, daß der Einfluß der genannten Personen wohl besteht, aber nur, weil sie Sozialisten sind. Der Fischer des Nordlandes*) ist prädestiniert für den Sozialismus und dessen Wirtschaftsidcale. Das ist leicht zu beweisen. Der Hauptfischfang— Hering und Dorsch— wird in der folgenden Weise betrieben: Man geht gemeinsam auf den Fischfang aus, arbeitet gemeinsam und verteilt die ge- meinsame Beute zu gleichen Teilen. Für individuelle Arbeitsleistung ist kein Raum da. Nur solidarische Arbeit kann bestehen. Man schließt sich freiwillig in Gruppen zusammen, wählt freiwillig einen Führer und arbeitet. Weiter nichts braucht der Fischer zu seiner Arbeit als Boot und Netz. Beides kann er, wenn es sein mutz, sich selbst anfertigen. Das Meer ist ihm— mit Ausnahme von zwei Seemeilen fest- gesetzten Küstenterritoriums— überall frei zugänglich, das ganze große Meer mit feiner reichen Beute. Ist das nicht die fast freie Verfügung über die Produktionsmittel, das Genutzrecht auf die Naturprodukte und das Recht auf Arbeit? Wer hier leben will, muß arbeiten. Nur einer nicht, der Händler, der Fischhändler. Man bringt ihm die Ware ins Haus und er bezahlt, ohne persön- liche Arbeitsleistung. Der ganze Apparat des modernen Wirt- schaftslebens, Banken, Technik, geistige Arbeitsleistung, fällt bei «hm aus. Zwischen dem Fischer und dem Konsumenten steht nur der Kaufniann, der Zwischenhändler, der den größten Profit ein- heimst. Bedarf es da wirklich großer Agitation, um dem Fischer klar zu machen: der Zwischenhändler ist unnütz, er benachteiligt Euch und den Konsumenten? Muß sich nicht dem beschränktesten Fischer die Gewißheit aufdrängen, daß sich gleich dem Fischfange auch der F i sch v e r tr i e b so organisieren ließe, daß der Arbeits- wert den Arbeitenden zufällt. Der Fischer trägt auch alloin das wirtschaftliche Risiko, trägt es unter Einsetzung des Lebens, der Kaufmann aber hat seine gesicherten und regelmäßigen Absatz- gebiete und— im Fischhandel— nie Verlust, sondern stets Ge- winn. Das sieht der Fischer, das weiß er— kann es da wunder- nehmen, daß er den Kaufmann als sozialen Schmarotzer entfernt wissen will und sich dem Sozialismus anschließt? Dazu kommt noch, daß der kapitalistische Betrieb jetzt auch in die Fischerei einzieht und Wirkungen zeitigt, deren Bedeutung man verstehen kann, wenn man den Fischfang näher betrachtet. Ganz auf kapitalistische Basis gestellt ist der Wal- fang, und obwohl der Wal ein Säugetier ist, ist er für den Fischer von der größten Bedeutung. Er ist der einzig sichere An- *) Wenn hier und an anderen Stellen vom„Nordlande" gesprochen wird, so ist damit das ganze nördliche Norwegen gemeint, also das Amt„Nordland" und die Aemser Tromsö und Finnmarken. Haltspunkt für die Orte, tvo die großen Heringszüge, die tief im Meere hinschwimmen, sich befinden. Seine Lieblings- und Haupt» nahrung sind die Heringe und Dorsche. Ihre Schwärme verfolgt er und treibt sie in die Fjorde, und da er, um Atem zu schöpfen, in Zwischenräumen von 1— 2 Minuten an die Oberfläche kommen muß und dabei zugleich einen oft bis SC Meter hohen Wasserstrahl ausstößt, verkündet seine Anwesenheit auch die Anwesenheit der unter dem Wasser gehenden Fischzüge. Mitte Juli oder anfangs August tauchen im Küstengebiete zahlreiche Wale auf, die den Hering, der aus dem Ozean zum Laichen in die Fjorde geht, folgen. Der Wal ist daher für den Fischer ein gerne gesehenes Tier und ein wichtiger, fast unentbehrlicher Faktor für das Ge- lingen ihrer Arbeit.(Außer dem Wale sind auch die in dichten Schwärmen dem Heringszuge folgenden Möwen, deren Beute die einzeln an die Oberfläche des Wassers kommenden Fische sind, dem Fischer ein Merkzeichen, doch sind sie nicht so zuverlässig und so leicht zu verfolgen wie der Wal.) Daher treten auch die Fischer für die Schonung des Wales ein, und diese Frage gab den ersten Anlaß zu dem Zusammenstoße mit dem Großkapital, daS in den Besitzern der Waljägerboote repräsentiert ist. Diesen ist selbstverständlich an der reichsten Ausbeute gelegen, die Fischer befürchten aber die Ausrottung der Wale; denn es ist Tatsache, daß sie sich nur äußerst spärlich vermehren. Man glaubt, daß ein e!wa ICC Jahre lebender weiblicher Wal nur 3— 5 Junge zur Welt bringt. Da haben es die Fischer durchgesetzt, daß der Wal- fang im Küstengebiet von ö Seemeilen durch das Gesetz vom Jahre 1904 verboten wurde. Nun ist dafür nur daS freie Meer offen; die Hauptfangorte jedoch sind Spitzbergen und Grönland. Neben den norwegischen und dänischen sind es hauptsächlich englische Unternehmer, die die Walfangboote ausrüsten. Die eng» lischen Boote haben fast durchweg Schotten als Besatzung. Die Walfangboote sind speziell gebaute Dampfer, die sehr leicht lenkbar sind, denn der verwundete Wal ist ein sehr gefährlicher Gegner. So friedlich er unverwundet ist— niemals verfolgt er oder greift er Schiffe an—, so gefährlich ist er, wenn er im Schmerze um sich schlägt. Streift da die Schwanzflosse das Schiff, so ist es unrctt- bar verloren. Deshalb ist es das Bemühen der Walgänger, das Tier sofort so schwer zu verwunden, daß es kraftlos untersinkt. Die Harpunen sind an einem mehrere hundert Meter langen dicken Seidentau— Seide ist das haltbarste und zugleich überaus elastische Material für Taue— befestigt und tragen an den Spitzen, wie Torpedos, Explosivstoffe. Ist nun die Harpune aus der Harpunen- kanone abgefeuert, und trifft sie den Körper des Wals, so explo- diert die Masse an der Spitze, reißt den Körper auf und die Harpune angelt sich fest. Durch Manöver vom Schiffe mittelst des sehr elastischen Seidentaues wird die Harpune tiefer in den Körper gebohrt, also besser verankert, und das Tier wird zugleich schwerer verwundet. Ist es gesunken, so wird es dann vorsichtig an dem haltbaren Scidentau mit Dampfkraft gehoben und mit Ketten an den Außenseiten des Schiffes befestigt. Ist das Tier größer als die Schiffsbordseite, so wird es mit eigenen Schleppern nach dem Hafen gebracht. Oft kommt es aber vor, daß ein plötzlich herein- brechendes Unwetter die Mannschaft zwingt, die Beute und das Tau im Stiche zu lassen., Da die Ausrüstung der Boote sehr teuer ist— das 4CC bis Meter lange Seidcntau allein kostet 12— 20 00C M.—, ist dieser Fang ganz in den Händen der reichen Kaufleute, die die Expedi- tionen ausrüsten, monopolisiert. Die Mannschaft der Boote ist angeworben und erhält ein Achtel des Wertes der erlegten Tiere gemeinsam, sowie jeder Mann 6C bis xOO Kronen monatlich. Ein großer Wal liefert 1SC Tonnen Tran, die Tonne zu 45 M.(40 Kronen). Natürlich liegt es im Interesse der Walfangsunter- nehmer, eine möglichst große Anzahl von Tieren zu erlegen, was wieder den Interessen der Fischer widerspricht. Diese aber glauben bestimmt, daß, wenn der Schutz im Küstengebiet längere Zeit an- halten wird, die Tiere mit ihrem sicheren Instinkte das offene Meer verlassen und das Küstengebiet aufsuchen werden. Taucht im Sommer der Wal im Fjord- und Jnselgebiete auf. so ist die Zeit des Heringsfanges gekommen. Zuerst werden von den Fischern die Wale gesichtet; wo sich diese befinden, ist auch der Heringszug. Dieser flüchtet vor dem Wal mit sicherem Instinkte in die engen Fjorde, wo ihm der Wal nicht mehr folgen kann. Dort ist der Fischzug aber den Netzen der Fischer erreichbar. Da sich der Schwärm immer auf der Flucht vor dem Wale befindet, der ihm kreuz und quer den Weg versperrt, ist es auch ganz un- sicher, wohin er sich wendet. Es ist Zufall, wo er ans Land ge- warfen wird. Geworfen— das ist der rechte Ausdruck. Er strebt geängstigt dem Fjordende zu. Kommt er zur Ebbezeit bei niedrigem Wasserstande, so rennt er sich— er schwimmt in einer Dichte von 3 bis S Meter dahin und verhindert oft das Anker- werfen der Schiffe— im niederen Wasserstande am Grunde fest, die nachkommenden Fische drängen über die festgerannten hinweg dem Lande zu, sind überall zusammengedrängt und führerlos. Ist nun das Nahen de? Heringszuges rechtzeitig signalisiert worden, so wird ihm durch die bis 300 Meter tiefgehenden Netze der Rück- weg versperrt und er durch die Netze vorwärts ans Land gedrängt, an das Land geworfen. Manchmal schlüpft aber, wenn das Netz nicht tief genug geht, der größte Teil der Heringe unter dem Netze ins Meer zurück. Ein vollkommen geglückter Heringszug- fang ergibt 20— 25 000 Fässer Füllung. Auch hier ist die Fang- weise verschieden. Die wohlhabenden Fischer schaffen sich— aus einer Art Produktivgcnossenschaft— gemeinsam ein„Sildvaad" an.«in Netz, das melirere hundert Meter lang und ebenso breit ist, also das Fjordende ganz sperren kann. Die ärmeren Fischer betreiben den Fischfang in Gruppen von 5 bis 7 Mann, wobei sie mit kleineren in das Wasser herabgelassenen Netzen einen Teil des Heringszuges abschöpfen. Die Unbestimmbarkeit der Fangorte und die Notwendigkeit des— sozusagen— Handbetriebes verhinderten bisher, daß dieser Fischfang industrialisiert wird. Doch wird der Ertrag der Fischer durch einen anderen Umstand sehr geschmälert. Ein Teil des Ufers ist Privatbesitz. Strandet der Heringszug nun in einer Fjordecke, deren Ufer Privatbesitz sind, so verlangt der Besitzer, da der Fisch„auf seinem Grunde gefangen" wurde, ein Drittel der Beute als Gewinnanteil und erhält ihn auch, da er sonst das Be- treten seines Bodens verbieten kann. Wohlgemerkt: der Fischer verfolgt unter Lebensgefahr den Heringszug, lauert ihm bei Sturm und Wetter manchmal tagelang auf. Er hebt ihn an das Land, verarbeitet ihn. Der Bodenbesitzcr, der in dem Lofotengebiet zum größten Teile auch zugleich der Kaufmann ist, leistet dabei keine Arbeit, erlaubt nur, daß die Fischer zur Bergung des Fanges das Ufer betreten und erhält dafür ein Drittel des Fanges.— Ver- steht man nun, weshalb die Fischer der sozialistischen Agitation zugänglich, weshalb sie Klassengegner der Kaufleute und Gegner des Privatbesitzes an Grund und Boden sein müssen? Ganz ähnlich, wie der Heringsfischfang im Sommer, vollzieht sich der D o rs ch f i s ch f an g im Winter, nur find da die Fisch- bänke bekannt und die Vcrkünder der Dorschzüge sind da die Vögelschwärme, die ihnen folgen. Er ist auch ein ständiger Be- wohner dieser Gewässer, während der Hering den Ozean nur im Sommer verläßt, um in den Buchten zu laichen. Die Grundbasis der wirtschaftlichen Existenz der Nordlandfischer ist der Hering, und niemand weiß» woher er kommt, wohin er geht. Er ist das Manna, das aus dem Meere kommt.— IVeuc GrzablungsUtcratur. A. H. v. Kohl: Im Palaste derMikroben. Ueber- setzt von Math. Mann.(Verlegt bei Haupt u. Hammon, Leipzig.) Der Palast der Mikroben— das ist jene Schreckens- und Schmerzens-Arinada, die sich zu dem unglücklichen Zug Roschdestwenskis nach Ostasien rüstete. Nicht viel mehr als diese Todesfahrt der Russen gegen die Japaner auf schlechtgebautcn und übelbemannten Schiffen schildern die drei dicken Bände des RomanS. In der Reihe der Bücher, die vom Kriege handeln, lodert gemeiniglich die flammende Begeisterung, die die Menschenschlächterei für Gott, König und Vaterland verherrlicht, oder es wird die Verdammnis über die Mordgreuel ausgesprochen, wie in den Friedenspropaganda- schriften einer Berta v. Suttner und Genosien. Die Verwüstungen am Leibe und am materiellen Wohl der Menschheit stehen da im Mittelpunkt— hier aber wird der S e e l e n m o r d des Krieges gezeigt, jene fürchterliche Seuche, die die Gedanken und Gefühle der Menschen vergiftete, die bestimmt waren, ihr Leben einem un- bekannten Feinde zu opfern unter einer elenden und unsinnigen Strategie. A. H. v. Kohl— man wird sich den Namen dieses dänischen Schriftstellers merken müssen, denü er ist einer von der Rasse Johannes B. Jensens, der mit vergrößerndem Spürsinn und einer eminenten Mitteilungskraft das Labyrinth der Pfyche entwirrt— zeigt in unheimlich beklemmendem Naturalismus, in dem sich doch wieder geistige, ethische und poetische Strahlen faszinierend brechen, die grauenvolle Degeneration der Besatzung des Schiffes, das nichts anderes bedeutete, als eine demonstrative Parade. Infolge der Ge- wißheit, daß die miserable Flotte und der jammervolle KriegSzug nur ein zweckloser Humbug ist, erkranken Offiziere und Mannschaft an dem Bazillus der Hoffnungslosigkeit. Und in dieser Hoffnungs- lofigkeit kriecht über Gähnen, Langeweile, allerlei Selbstbetrug und Gefühlsmaskerade langsam und zermürbend die Bestialität hervor. Der Mechanismus der gesellschaftlichen Konvention gerät ins Stocken, brutale Gedanken drängen zu brutaler Handlung, die moralische Zwangsjacke zerreißt und der Kulturmensch schält sich in der ganzen Blöße seiner Seeleninfamie heraus. Luschinsky, der junge Offizier mit der Bravheit eine? guten Jungen wird zum Brennpunkt des Romans. Durch das Beispiel seiner Käme- raden— eS sind vier oder fünf Hauptcharaktere, die jeder ein Kapitel feinster Seelenanalyse für sich bilden— und infolge der Ausfichtslosigkeit auf Rettung und Sieg vollzieht sich in unaufhaltsamer Zerrüttung auch an ihm der Prozeß der Degeneration. Die Seiten über das sadistische Verhältnis zu seinem Diener Iwan sind eine verblüffende Studie bestialischer Verirrung und das spätere Erwachen des Gewissens nach dem Tod des armen Burschen ist mit Tolstoischer Feder geschrieben. Zu plastischer An- schaulichkeit erhebt sich die Schilderung des angestauten VerzweiflungS- gefühlS in Luschinsky, das sich in einem erotischen Peitschen an dem Burschen, in einer Art sexuellen Rache entlädt. Und mit Luschinsky wird auch baS ganze Geschwader zu Perversitäten getrieben. Sie beulen in die Ewigkeit hinein, die Hitze, die ihnen die Mikroben von Madagaskars pesterfüllter Erde eimerweise ins Fleisch pumpt, machte ihr Blut von Krankheiten kochend, und damit ist eine unverstandene Fackel der Begierde angezündet. Sie schwält, brennt, lodert, sengt und Meuterei, Unzucht, Mord ist die traurige Auslösung. Des Burschen blanschinnnerndeS Haufenblasenantlitz verfolgt Luschinsly in seine Träume, die jungen Leiber der Kadetten werden von de, Brunst der Menschenbestie geschändet. Ehe noch Togo der Menschen« zermalmer zu donnern anfängt, ist schon die russische Flotte, im Innersten verfault, verloren. Im Palast der Mikroben ist vom Mann nur daS.Stativ seiner Männlichkeit" übrig geblieben. Delirisien wurden alle und für dieses grausige Delirium findet Kohl Worte von einer ebenso grauenhaften Bildhaftigkeit. Sein Stil er- innert an die heftische Sprache des Russen Brjussoff, der gleichfalls anormale Seelenzustände mit einer Wollust der Grausamkeit schildert, auch der Franzose Brulat hat in seinem Roman„Eldorado" ein ähnliches Thema mit ähnlicher überhitzter Leidenschaft behandelt. Doch Kohl übertrifft beide noch in seiner zerfleischenden und ent- blößenden Ekstase. Es sind darum weniger die Scheußlichkeiten, Verruchtheiten, das Bacchanal flagellierender Degeneration, was in diesem Roman wie mit glühendem Stift sich einbrennt in das Ge« dächtnis des Lesers: es ist vor allem dieser vernichtungswütige, phantastisch-beladene Stil, der wirkt, wie ein einziger unaufhörlicher Krampf I Man müßte zur Kritik dieses Stils ganze Seiten anführen, um ein Bild von seinem Wortreichtum zu geben. Seine quälenden Vergleiche sind fast alle aus der Kloake, aus der Zone der Exkre» mente, die Sprache ist eitrig, voll Schleim und Geschwüre. Nie bin ich so zwischen physischem Ekel und Bewunderung hin und her ge« warfen worden. Doch muß ich gestehen, daß weniger mehr gewesen wäre. Man könnte z. B. fast einen ganzen Band allein mit den Stammellanten füllen, die Kohl im Dia- log zur Nervenfolter des Lesers anbringt. Math. Mann betont in einer Vorrede, daß sie die erste sei, die sich erkühnt habe, den Versuch zu machen, dem deutschen Leser einen Eindruck von der eigentümlichen Kraft der Sprache Kohls zu geben. Mir will aber doch scheinen, als ob in der sklavischen Anlehnung an die individu- ellen Wendungen des Originals manches Forcierte und manche Schief- heit mit unterlaufen ist. Stellen wie:„Grundwasser zu einem Fest legen",„Verpflichtetheit",„Jnwendigkeiten",„vom Schweiß des vorigen Mals" usw. klingen unserem Öhr etwas barbarisch. Freilich noch lange nicht so barbarisch, wie zum Beispiel folgende Sätze, an denen die Uebersetzerin allerdings schuldlos ist:„Sie machten ihn stangensteif über den ganzen Leib, schlugen ein Gitterwerk vor seinem Atemholen zu, spalteten seine sämtlichen Muskeln mit ihren kantigen Stöcken, klemmten seine Gedärme hie und da zusammen, sso daß sie jjliedergeteilt und quabbelig wurden wie Bandwürmer und zerrten ihm den Mund rund. Kässj I Kö I... hö... hickste er"... Von solchen Sätzen trieft das Buch und bei allem Respekt vor der Ausdruckskunst der Kohlschen Dichterphantasie mutz die Häufung seiner tropischen Metaphern doch zuletzt als Künstelei empfunden werden. Geistiger Reichtum ist die Stärke des Verfassers, aber eine Verschwendungssucht im Ausdruck ist seine Krankheit. Wir hoffen, daß er sich zu der Disziplin I. V. Jensens, den er übertrumpfen wollte, bekehrt. Vor der Hand behält der Eindruck einer experimen« tierenden Artistik die Oberhand. Henning Berger: Aus dem Tagebuch eines E i u s a m e n.(Verlag S. Fischer, Berlin.) Ein anderer Nordländer aus der Gefolgschaft Joh. V. Jensens. In seinem Roman Asail arbeitete er noch im Volldampf des Gigantensfils, wenn man das Ouadertürmen von gleichnisbeschwerten, koloristischen Sätzen so nennen will und seine Psychologie war gewissermatzen eine kosmische. Nun schreibt er mehr aus einer kulturellen Ruhe heraus, die Psychologie, die das flutende Leben umschlingen wollte, hat sich von den fühllosen Umdingen weg den empfindenden Lebewesen zugewandt. Diesmal ist es nicht die Stadt selbst, oder ein Symbol des Lebens, das ihn beschäftigt, wie in Vsail, diesmal sind es Menschenherzen. Dabei ist sein Stil stiller geworden, die athletische Gebärde, mit der Kohl noch Keulen schwingt, ist bei Berger verschwunden. Man darf mit Freuden konstatieren, daß dieses zweite Buch keinen Abstieg, sondern einen Aufstieg be« deutet. In einer Pariser Studenten- und Künstlerherberge, dem „Gespensterhotel, in dem die Menschen an Raumangst leiden", haust der Autor. Das Wandelpanorama der seltsamen Gäste, die dort hungern, phantastisch träumen, genialisch verderben, lieben und Schmerzen tragen, zieht an dem Leser vorüber. Seine Erlebnisse mit den Insassen, seine Beobachtungen vertraut der weltflüchlige Gast seinem Tagebuche an, seitenlang schaut er nicht nur durch die Wände der Zimmer, sondern auch durch die Wände der(Herzen. Zur Geschichte webt sich Dichterphantasie und Erfahrung, zur Geschichte der Einsamkeit. Neben dem windverwehten einsamen Tagebuch« schreiber wächst die Gestalt Hektars herauf, der verkörperten Melan- cholie, der in seinem öden Hotelzimmer in Einsamkeit trauert. Bettler. Dirne, Hund, Zigarre. Stock macht er auf Augenblicke zu Genossen seiner Verlassenheit, die ganze Marter des liebelosen Men- scheu, den die Nähe keines anderen wärmt, ist mit der feinen bohrenden Analyse weiterlebender Kunst geschildert. Und auf dem dornenvollen Leidenswege dieses Hektor, der seine Einsamkeit gleich- sam nährte mit seinem blinden Willen, findet der Verfasser eine Weisheit: Einsamkeit ist Selbstschuld. Wer einsam sein will,� wird es auch. Denn nicht von außen kommt Hilfe und Gesellschaft! So finden die einsamen Leben in dem Buche die Geschichte ihres Elends, aber auch eine Geschichte des Trostes und Zuspruchs. Wie in den Stellen der Göttlichen Komödie Dante solche in das Inferno verweist, die eigenwillig in Traurigkeit leben, so daß im tiefsten Höllenmoor die hausen, die„in der süßen Luft grämlich" waren, so predigt auch Henning Berger in sein. m Tagebuch eines Einsamen wider die selbstverschuldete Isoliertheit wie die HeltorS. Sie ent« springt der Mutlosigkeit, die nach Verlusten nicht mehr an die Eelvinn- chancen des Lebens zu glauben vermag. In das Buch sind, wie die Frucht- und Blumeustücke Jean Pauls, entzückend poesievolle Kapitel eingestreut, wie das Zwiegespräch Hektars mit dem Koffer, die Stellen über Zegette, die Katze, oder Eold. die Schildkröte. Von zartem Märchenreiz aber find die Seiten, die von Marcelle handeln, die aus Trotz und Rache ein Spiel der Liebe trieb, das wie eine Farce anfing und wie ein Gedicht endete. Oskar Wilde: Ds Profundis.(S. Fischer, Verlag Verlin.) Ein Tagebuch schmerzlicherer Art I Auf der schönen weißen Llesthetenstirn des Dichters der Salome lag unsichtbar die Binde des tragischen Geschicks. Der von Oxfords Kolleg hinaus in die Welt trat, um von den Früchten aller Bäume im Garten der Welt zu esien, wurde durch die Gier perverser Leidenschaften vom Throne gestoßen, auf dem er König war. Oskar Wilde, der von sich selbst in seiner Epistel aus dem Zuchthause zu Reading als von einem »Repräsentanten der Kunst und Kultur seines Zeitalters" mit unsterblichem Ruhme schreibt, seine Werke„prachtvoll farbig", »musikalisch",„Goldbrokat" nennt und mit Stolz rekapituliert, daß er alles, was er berührte, in ein Gewand der Schönheit hüllte. dieser Oskar Wilde des Glanzes und des Hochmutes sprach geistvolle Paradoxa, seine Finger zerpflückten eine Orchidee, während seine Fußspitzen in Polstern von alter chinesischer Seide wühlten. Und dann wurde aus Oskar Wilde der Sträfling C. 3. 3., dessen Finger das Werg von Schiffstauen in der ZuchthauSzelle aufzupften und der dort in das gräßliche Bad steigen mußte, in das vor ihm die Reihe der anderen Gefangenen gestiegen waren. In diesen Tagen fürchterlichen Erwachens, da niemand mehr an seinen Lippen hing. um seinen geschliffenen, funkelnden Sätzen zu lauschen, mit denen er„das ganze Dasein in ein Epigramm" zusammenfaßte, in dieser schmerzvollen Zeit der öffentlichen Erniedrigung und der Gewisiens- bisse betrachtet er das schmähliche Schauspiel seines Lebens und tiefe Demut kommt über ihn. De profundis, Aufzeichnungen aus dem Zuchthause, wurde zuerst diese Beichte der Demut genannt. Die vorliegende neue deutsche Ausgabe mit Einleitung und Anmerkungen von Max Meyerfeld läßt Wildes eigene lleberschrift be- stehen: Epistola: In Carcare et Vinculis, Botschaft oder Brief aus dem Zuchthause. Ist es wohl auch noch immer nicht der lückenlose Text des in den Händen des Empfängers, des als Robbi bezeichneten Kunsthändlers undKunstschriftstellersRobertRoß. befindlichen Original- briefes, so hat doch das im neuen würdigen Gewände erscheinende Buch die vollständigste Fassung erfahren. Die Rücksicht auf die noch Lebenden war in der deutschen Ausgabe weniger geboten als in England, dem Lande der Prüderie, da ohnedies jeder Brite das Recht hat, das Gedrucklwerden seines Namens in einem unangenehmen Zusammenhange strafrechtlich zu verfolgen. So liegt nun dieser erschütterndste und geistvollste Ausschnitt einer Autobiographie in der zurzeit möglichen Klarheit vor uns, und wir sehen einen Menschen, der die Welt mit Zynismus aus den Angeln zu heben glaubte, der nicht für Gesetze, sondern für Ausnahmen geschaffen schien, wie er sich unter Leiden und Qual mit dem Geist hinter den Formel» des Lebens in Einklang zu setzen sucht. Wilde hatte nicht den stoischen Gleichmut eines Sokrates. auch nicht das freie Verantwortlichkeils- gefühl für seine Taten, die ihn zum Paria machten. Im Kerker, da er den Tag mit dem Aufwaschen seiner Zelle beginnt, verleugnet er die Renaissancenioral seines früheren Lebens und wird Büßer im echt christlichen Sinne Das Zuchthaus bedeutet »hm nicht das Ende, sondern der Anfang des Lebens, des neuen Lebens. So ergreifend sich die Selbstankiagen, die Versprechungen künstiger Sühnetaten lesen, so empfinder man doch diese Unter- würfigkeit als nicht zum Bilde Wildes gehörig. Daß er an einem Gesetz zuschanden wurde, das die unerklärliche Physis des Menschen einem mittelalterlichen Paragraphen unterstellt, hätte sein Rebellen- tum herausfordern müssen nach dem Nietzscheiatz:„Der Gewissensbiß ist unanständig." Aber Oskar Wilde schreibt:„... im Leben wie in der Kunst verschließt die aufrührerische Stimmung die Kanäle der Seele und sperrt die Luft des Himmels aus." Und er kniet vor Christus und studiert die vier Trostgedichte der Bibel. Allerdings scheint gerade hier die ästhetische Wollust des Poeten durch, der Christus als den Vorläufer aller romantischen Bewegung im Leben anspricht. Es find Stellen endlosen Weinens, in denen C. 3. 3.„die volle Brust des argen Stoffs entladet", wundervoll Dichterisches kreuzt die Reflektionen, und daneben entzückt der Stilkünstler wie am ersten Tag. Denn der kultivierte Aristokrat in Wilde sucht auch dem Gefängnisleben und dessen schriftlichen Niederschlag einen artistischen Stil zu geben, der selbst beim Tode der Mutter nach Worten sucht, die„wohllautend und hoheitsvoll genug im purpunten Zuge meines unaussprechliiben WehS einherschreiten". De profundis ist um so tragischer, als Sebastian Melmolh, der nach dem Zuchthaus aus Oskar Wilde und C. 3. 3. wurde(unter dieser Nummer wurde die Zuchthausballade veröffentlicht), die Erhabenheit zur christlichen Reue. zur Demut und Sehnsucht nach dem Guten wieder zertrümmert. Denn der der Freiheit wiedcrgcgebene Sebastian Melmoth war stumpf und tot, noch ehe er einsam und ohne die versprochenen großen Werke, die er zu schreiben gedachte, in ciirem Pariser Hotel starb. Aber für den Leser ist es schließlich gleichgültig, ob Oskar Wilde noch an seine Beichte glaubte, als das Leben ihn wieder umfing. Im Moment, als er seine Schmerzen und sein Gelübde uud seine Ergebenheit in das strafende Schicksal nieder- schrieb, führte sicher keine Unaufrichtigkeit die Feder, erfüllte ihn sicher der ausgesprochene Gedanke. Wer würde Stimmungen Lügen heißen? So ist De profundis ein menschliches Dokument tiefster Seelenoffenbarung, ein Dokument, in dem würgend Tragisches und Groteskes zusammenliegt. Die Anmerkungen, die Max Meyer- seid dem Buche gegeben, orientieren zwar uud ergänzen verschiedene Anspielungen im Texte, tragen aber doch einen akademischen Charakter, der manchmal ein Lächeln abzwingt. Die Noten zum Beispiel über Girolamo Savonarola(Seite 177) oder über George Ohnet(Seite 187) bedeuten in ihrer steifleineneil Gouvemanten- hastigkeit eine Degradierung des Lesers zum Tertianer. Hermann Stehr: Drei Nächte(G.Fischer, Verlag, Berlin). Ringen und Kämpfen heißt das Motto aller Bücher des schlesi- scheu Dorfschullehrers, der kein Erstorbener im Amte ist, sondern hellhörig uud hellsichtig auf Entdeckungsfahrten in heimatlichen Landen und heimatlichen Seelen ausgeht. Schon in seinen allerersten No- Vellen: Auf Leben und Tod, fiel die unerbittliche Realistik auf, mit der Stebr auf der sonnenlosen Seite Schatten und Dunkel des Lebens malt. Ein dü'twcs Grau in Grau ist lange die Farbe seiner Bücher geblieben, aud. jetzt noch darf niemand von Stehr einen rosigen Abglanz von Welt und Menschen in seinen Geschichten er- warten. Aber doch ist es leichter um und in ihm geworden, sein bohrendes Grübeln stößt nun zuweilen auf glänzendes Gold, ein Stück Wiesengrün leuchtet, und nicht mehr liegt eine solche Starre über den Geschehnissen, hinter denen stets das unheimliche harte Schicksal mit mitleidslosen strengen Augen stiert. In den drei Nächten kämpft und ringt wiederum ein Mensch und wiederum ein Lehrer um seinen Gott. Doch der Gott, um den Faber, den die Amtsbrüder den Verrückten nennen, ringt, ist nicht der Buchstaben- Gott, er ringt um den Glauben an die Gerechtigkeit der Welt und an sich selbst. Durch Familie und Jugend- und Mannesgeschick aus dem Gleise geschleudert, irrte er suchend nach dem rechten Ziel innerer Harmonie. Aber durch Wahn und Irrtum reift er und gesundet zu jener Auferstehung aus Zweifel, Ver- bitterung und Halbdcit, aus der auch anderen Suchenden ein Ostern entspringt. Das Ostern im Herzen nähert sich Faber, der Fremd- ling in der Heimat, wieder den Menschen und trägt seine Er- kenntnis des rechten Glaubens in die lustlose Welt. Stehr sieht die Dinge ein bißchen zu dogmatisch an. aber er weiß plastisch zu schildern, und wenn er den Leser durch die Abgründe seelischer Verworrenheit führt und, ein grausamer Auatom, Faser und Faserchen untersucht, hält er den Leser fest im Bann seiner Zcrgliederungskuust. Die starke Ehrlichkeit hinter den Zeilen teilt sich sofort mit; kein unterhaltsames, aber ein durchgefühltes Buch. Darum hat es auch die Kraft, das heiße, den berechnenden Effekt vergessende Gefühl des Autors auf den Leser zu übertragen. J. V. Kleines feuiUeton» Sprachwissenschaftliches. Deutsche Vornamen und ihre Schicksale. Auch Namen haben ihre Schicksale. Jedes Zeilalter scheint bestimmte Vornamen zu bevorzugen. Man braucht so krasse Fälle gar nicht heran- zuziehen, wie die zahlreichen„Werthers" in der Sturm- und Drang- Periode oder die vor etwas über einem Jahrzehnt grassierende Manie aus„Bismarck" einen Vornanten zu bilden. Und wemi es auch Vornamen gibt, wie zuni Beispiel Johannes, Friedrich u. a., die an Beliebtheit seit Jahrhunderlen nichts eingebüßt zu haben scheinen, so gibt es wieder andere, die heule ausgestorben sind oder allmählich verschwinden. Besonders von diesen haben einzelne eine ganz merkwürdige Entwickelung in ihrer Bedeutung durchgemacht. Bekannt ist ja, welche Bedeutung der Vornmne„Michael" bis weit über unsere Grenzen hinaus angenommen hat: der „Deutsche Michel", ein dummer, verschlafener, zipfelmütziger Bauer, als Verkörperung des Deutschen Reiches. Auch„Nikolaus" hat kein besieres Schicksal gehabt.„Nickel", die Abkürzung davon, bezeichnet das, was wir mit dem Ausdruck„er ist ein Bauer" sagen wollen. Daher auch die häufig gebrauchten Schmipfwörter: Drecknickel, Sannickel. Auch da?„Pumpernickel" zeigt das Wort in seinem zweiten Bestandteil(das Wort ist zusammengesetzt aus dem münsterländischcn„pumpert"~ vierschrötig, plump uud„nickel", also etwa„ein großer Korb von Brot").„Ruprecht" hat sich zwar in der französierten Form „Robert" erhalten. Aber waS ist aus dem althochdeutschen„hruod- peracht"—«der Ruhmglänzende" geworden? Da der Name be- sonders in bäuerlichen Kreisen vorkam, nannte man den Bauern kurzweg„Rüpel" und bezeichnete später danrit einen ungeschlachten, tölpeligen oder flegelhaften Menschen. Auch der Name„Mathias" hat eine ähnliche Entwickelung durchgemacht. Gab bei„Rüpel" das Tölpelhafte den Ausschlag für die heutige Bedeutung des Wortes, so scheint bei„Mathias" daS Ungewohnte, Komisch-Drollige, zum Lachen reizende seine Wirkung ausgeübt zu haben. Denn die Abkürzung davon:„Matz" bedeutet etwas Aehnliches in den heute gebräuchlichen Zusammensetzungen „Piepmatz",„Hosen-, Hemdenmatz",„Mätzchen machen". eg. Berantw. Redakt.: Wilhelm Düwell, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlag»anstaltPaul Singer L-So.. Berlin L W.