Anttthaltungsblatt des Vorwärts Nr. 136. Freitag, den 16. Juli. 1909 XNaKdru« PerSolen.) »21 Die Inlelbauern. ßloman von A u g u st S t r i n d ö e r g. Deutsch von Emil Schering. Es begann in Carlsson Innern ruhig zu werden: es leuchtete ihm ein, daß es seine Vorteile haben müsse, den Hof zu vertreten: aber er war noch zu sehr gereizt, um seine Flamme gegen etwas Ungewisses zu vertauschen: er hatte ein Bedürfnis, zuerst etwas Handgeld zu erhalten, ehe er sich auf das Geschäft einlietz.> „So wie ich hier bin, kann ich nicht gehen, und saubere Kleider habe ich nicht," warf er seine Schnur aus. „So schlimm ist es mit den Kleidern wohl nicht." meinte die Alte:„wenn aber weiter nichts fehlt, so werden wir schon Rat schaffen." Weiter mochte Carlsson in dieser Richtung nicht gehen: dafür wollte er lieber das angedeutete Versprechen gegen ein anderes, bestimmtes, auswechseln. Nach verschiedenen Ein- Wendungen der Alten gelang es ihm auch, zu erreichen, daß Norman, als unentbehrlich beim Schleifen der Sensen und Ausbessern der Heuwagen, zu Hause bleiben sollte, während Lotte Ida nach Dalarö fuhr.____ •. MÜ• ** Es war drei Uhr morgens eines Julitages im Anfang des Monats. Es raucht schon aus dem Schornstein, der Kaffee- kessel ist aufgesetzt: das ganze Haus ist wach und in Be- wegung: draußen aus dem Hof ist ein langer Kaffeetisch gedeckt. Die Schnitter sind am Abend vorher gekommen und haben auf Heuboden und Scheune geschlafen. Zwölf stattliche Männer aus den Schären, in weißen Hemdärmeln und Stroh- hüten, stehen in Gruppen vor der Stuga, mit Sensen und Wetzsteinen bewaffnet. Da ist der Alte aus Owassa und der Alte aus Swinn- okar, deren Rücken vom Rudern bucklig geworden sind: da ist der von Aspö mit seinem langen Heldenbart, einen Kopf höher als die andern, mit tiefen, traurigen Blicken von der Einsamkeit draußen am offenen Meer, von Kummer ohne Namen und ohne Klage: das ist der Fjällonger, eckig und halb gedreht, wie ein Mverkiefer draußen auf der letzten Schäre: der von Fiversätra, mager, durchweht, lebhaft, trocken wie eine Kaffeehaut: die Quarnöer, Bootbauer von Ruf: die von Longskär, die ersten Seehundschlltzen: der Bauer von Arnö mit seinen Jungen. Und um ihnen, zwischen ihnen bewegten sich die Mädchen, in Hemdärmeln, mit Brusttüchern über den Busen, in hellen Kleidern aus Baumwolle, mit Tüchern auf dem Kopf. Die Harken, die in allen Farben des Regenbogens frisch bemalt waren, hatten sie selber mitgebracht. Sie sahen aus, als gingen sie zu einem Fest, und nicht zu einer Arbeit. Die Alten klopften sie mit den Fingerknöcheln auf die Taille und sagten ihnen vertrauliche Worte. Die Burschen aber hielten sich so früh am Morgen beiseite; sie warteten den Abend mit Dämmerung. Tanz und Musik ab, um ihre Liebesspiele zu spielen. Die Sonne war seit einer Viertelstunde aufgegangen, aber noch nicht so weit über die Wipfel der Kiefernhöhe ge- kommen, um den Tau aus dem Gras zu lecken. Die Bucht lag spiegelblank da, von dem jetzt blaßgrünen Schilf einge- saßt,-das Piepen der eben ausgebrüteten jungen Enten war zwischen dem Schnattern der Alten zu hören: die Möwen fischten dort unten Uckeleis, segelnd, groß, flügelbreit, schnee- weiß wie die Gipsengel der Kirche: in der Kellereiche waren die Elstern erwacht und schwatzten und kicherten von den vielen Hemdärmeln, die sie unten auf dem Haushügel gesehen: der Kuckuck rief im Hag, brünstig, rasend, als sei die Zeit des Be- gehrens zu Ende, wenn er den ersten Heuschober erblickte; die Wiesenknarre arpte und schnarpte unten im Roggenfeld; aber auf dem Hügel sprang der Hund und begrüßte alte Bekannte. Hemdärmel und Leinenpassen glänzten im Sonnenschein, streckten sich über den Kaffeetisch, auf dem Tassen und Schüsseln, Gläser und Kannen klirrten: die Bewirtung hatte begonnen. �—-, Gustav, sonst schüchtern, machte den Wirt; sich unter den alten Freunden seines Vaters sicher fühlend, setzte er Carlsson in Schatten und handhabte selber die Branntweinflasche. Carlsson aber, der auf seiner Einladungsfahrt Bekannt«. schasten geschlossen, benahm sich, als sei er zu Hause, wie ein älterer Angehöriger oder Gast, und ließ sich den Hof machen. Da er vor Gustav zehn Jahre voraus hatte und ein männ« licheres Aussehen besaß, stach er diesen aus; zumal Gustav für die Männer, die sich mit seinem Vater geduzt, kaum etwas anderes als„der Junge" werden konnte. Der Kaffee war getrunken, die Sonne stieg, die Veteranen setzten sich in Bewegung, um nach der großen Wiese hinunter zu ziehen, die Sensen auf den Schultern: die Jungen und die Mädchen folgten. Das Gras reichte den Männern bis an die Schenkeln und stand dicht wie ein Fell. Carlsson mußte über die neue Bewirtschaftung der Wiese Bescheid geben; wie er Laub und Gras vom vorigen Jahr abräumte, die Maulwurfshaufen ausglich, in die Frostflecken säete, mit Jauche begoß. Dann verteilte er wie ein Hauptmann seine Truppe; gab den Alten und Vermögenden Ehrenplätze und ging selber an letzter Stelle; verlor sich also nicht im Haufen. Und so begann die Schlacht. Zwei Dutzend weiße Hemd« ärmel in einem Keil, ziehenden Schwänen gleich, die Sensen Ferse an Ferse; und hinterdrein, in zerstreuter Unordnung. wie ein Volk Fischschwalben, launenhaft hin und herspringend. aber doch zusammen haltend, die Mädchen mit ihren Harken; jede ihrem Mäher folgend. Es sauste um die Sensen, und das tauige Gras fiel in Büscheln. Seite an Seite lagen alle Blumen des Sommers. die sich aus Wald und Hag herausgewagt: Gänseblume und Kuckucksblume, Pechnelke und Labkraut, Kälberkropf, Heide- nelke, Erve, Steinsame, Pestwurz, Kleeblatt: und alle Gräser und Halbgräser der Wiesen. Es duftete nach Honig und Ge- würzen: Bienen und Hummeln flohen in Schwärmen vor der mörderischen Schar. Die Maulwürfe verkrochen sich in die Eingeweide der Erde, als sie es in ihrem gebrechlichen Dach krachen hörten. Die Ringelnatter schlüpfte erschrocken in den Graben und verschwand in ein Loch, das nicht größer als ein Tauende war. Aber über das Schlachtfeld in die Höhe schwang sich ein Lerchenpaar, dessen Nest ein Absatzeisen zertreten hatte. Als Nachhut trippelten die Stare, um allerhand Getier, das in den brennenden Sonnenschein geraten war, aufzulesen und aufzupicken. Die erste Bahn war bis zum Feldrain abgemäht. Die Kämpfer hielten inne und betrachteten, aus ihre Sensenschäfte gestützt, das Werk der Zerstörung, das sie hinter sich gelassen. Sie wischten sich den Schweiß aus dem Mützenstreifen und nahmen eine neue Prise Schnupftabak aus den Messingdosen. Inzwischen hatten sich die Mädchen beeilt, in die Frontlinie zu kommen.> Dann geht es wieder auf das grüne Blumenmeer los, das unter der wachsenden Morgenbrise wogt: bald bunte leuch« tende Farben zeigt, wenn die steiferen Stengel und Köpfe der Blumen sich in den Wellen des weichen Honiggrases behaup- ten: bald sich in einem einzigen Grün wie ein See in Wind« stille ausbreitet. Es ist Fest in der Luft und Wetteifer in der Arbeit: man würde lieber am Sonnenstich niederstürzen, als die Sense fortstellen. Carlsson hat Ida zur Harkerin, und da er der letzte in der Reihe ist, kann er, ohne die Waden zu gefährden, sich prahlerisch umdrehen, um ihr ein Wort zuzuwerfen. Aber Norman hat er unter strenger Bewachung schräg vor sich; so« bald dieser einen Blick nach Südosten tun will, hat er Carls« sons Sense an den Hacken und hört einen eher unfreundlichen als wohlwollenden Warnungsruf: „Die Füße in acht nehmelrl" Als die Uhr acht ist, liegt die Quellwiese wie ein eben geeggter Acker da, glatt wie eine Hand, und das Heu in langen Schwaden. Jetzt wird das Werk beschaut und die Schläge geprüft. Ueber Rundqvist sitzt man zu Gericht: man kann sehen, wo er gegangen ist: es sieht aus, als hätten Elfen dort getanzt. Aber Rundqvist verteidigt sich: er habe nach dem Mädchen sehen müssen, das man ihm gegeben.>- � Jetzt halloht Klara oben von der Gohe zum Friibstück: die Branntweinflasche funkelt in der Sonne und der Anker Dünnbier ist angestochen: der Kartoffeltopf raucht auf der Felsplatte, der Strömling dampft in den Schüsseln, die Butter ist aufgelegt, das Brot ist geschnitten: die Schnäpse werden eingegossen, und das Frühstück ist im Gang. Carlsson hat Lob erhalten und ist siegestrunken: Ida ist ihm auch gewogen, und er wartet ihr mit einer Aufmerk- samkeit auf, die auffällt: aber sie ist auch die Schönste des Tages. Die Alte, die mit Schüsseln und Tellern aus- und ein- läuft, streicht oft an den beiden vorbei: zu oft, um nicht von Ida bemerkt zu werden: doch nicht eher von Carlsson, als bis sie ihm mit dem Ellbogen sanft in den Rücken stößt und flüstert: „Carlsson muß Wirt sein und Gustav helfen: er muß tun, als sei er hier zu Hausei" Carlsson hat nur Augen und Ohren für Ida und ant- wartet der Alten mit einem Scherz. Jetzt aber kommt Lina, das Kindermädchen des Professors, und erinnert Ida daran, daß sie nach Hause muß, um aufzuräumen. Aufregung und Trauer bricht unter den Männern aus, aber die Mädchen sind nicht sehr betrübt. „Wer soll denn für mich aufnehmen, wenn ich kein Mäd, chen mehr habe?" ruft Carlsson mit gespielter Verzweiflung aus, die den wirklichen Verdruß verbergen soll. „Dann muß es Tante wohl tun?" antwortete Rund- qvist, der Augen im Rücken haben soll. „Tante muß harken!" rufen die Männer im Chor.„Tante muß kommen und harken." Die Alte schlägt abwehrend mit der Schürze: „Was soll ich alte Frau unter den Mädchen? Nein, nie- mals, niemals! Ihr seid wohl närrisch!" Aber der Widerstand reizt. „Nimm die Alte," flüstert Rundqvist, während Norman sich aufheitert und Gustav finster wie dte Nacht wird. Es blieb keine Wahl: unter Lärm und Lachen eilt Carls- son ins Haus, um die Harke der Alten zu holen, die irgendwo oben auf dem Boden liegen muß. Hinter ihni drein läuft die Alte, die schreit: „Nein, um Gottes willen, er darf nicht in meinen Sachen kramen." So verschwinden die beiden, während die Zurückbleibenden laute und beißende Bemerkungen machen. „Ich finde," unterbricht Rundqvist schließlich das Schwei- gen, das entstanden ist,„sie bleiben etwas lange aus! Geh, Norman, und sieh nach, was geschehen ist!" Stürmischer Beifall ermuntert den Ehrgeizigen, fort- zufahren. „Was mögen sie oben nur machen? Das ist doch zu arg! Ich werde wirklich unruhig, wißt ihr." Gustavs Lippen wurden dunkelblau, aber er zwang sie zu einem Lachen, um sich nicht von den andern abzusondern. „Gott verzeihe mir meine Sünden," fuhr Rundqvist im selben Tone fort:»jetzt aber halte ichs nicht länger aus: ich muß nachsehen, was die beiden vorhaben." (Fortsetzung folgt.) .(Nachdruck verdaten.) Von Leonid A n d r e j e w. I. Er gehörte niemand, hatte keinen Namen, und niemand hätte zn sagen vermocht, wo er sich während der langen, kalten Winter aufhielt, wovon er lebte. Aus ihren warmen Hütten verjagten ihn die Hofhunde, die ebenso wie er hungrig, aber gleichzeitig stolz und stark waren in dem Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zu einein Haus« Wesen. So oft er sich, vom Hungcr oder dem instinktiven Ver« langen nach Gesellschaft getrieben, auf der Straße zeigte, warfen die Kinder mit Steinen und Stöcken, und die Erwachsenen hetzten ihn und pfiffen laut und gellend. Wenn er so, halbtot vor Furcht und Schrecken, gejagt wurde, flüchtete er gewöhnlich nach einem kleinen Landhaus, wo er sich an einer ganz bestimmten Stelle des ausgedehnten Gartens versteckte. Hier leckte er seine Schrammen und Wunden, hier in der Abgeschiedenheit speicherte er Haß und Groll gegen alle lebenden Wesen auf. Nur einmal waren ihm Mitleid und Liebkosung zuteil ge- worden. Es war ein betrunkener Bauer, der aus der Schänke nach Hause taumelte. Er liebte alle, bemitleidete alle und brummte etwas in den Bart von guten Menschen und von seinem Vertrauen Hu diesen guten Menschen. Dieser Bauer bemitleidete auch den Hund, den schmutzigen, häßlichen Hund, auf den sein trunken«. ziellos umherschweifender Blick fiel. „Karo I" lockte er ihn.„Karo, komm her! Hab' keine Angst!' Karo wollte sehr gern dieser ungewohnten Einladung folgen. Er wedelte mit dem Schwänze, konnte sich aber doch nicht entschließen. Der Bauer schlug sich mit der Hand aufs Knie und wiederholte eindringlich: „Na komm doch her. Schafskopf! Wahrhaftig, ich tu' vir nichts!" Aber während der Hund noch schwankte, immer heftiger mit dem Schwanz wedelte und sich zaghaft vorwärts bewegte, schlug die Stimmung des Trunkenboldes plötzlich um. Er erinnerte sich an alle Kränkungen, die ihm von den„guten Menschen" zugefiigt waren. empfand auf einmal Mißbehagen und dumpfen Groll, und als Karo sich vor ihm auf den Rücken legte, um gestreichelt zu werden, stieß er ihn mit der Spitze seines schweren Stiefels heftig in die Seite. „Zum Teufel mit Dir. Du schmutziger Köter! Was kriechst Du hier?" Der Hund begann zu winseln, mehr der unerwarteten, unver- dienten Kränkung wegen als vor Schmerz. Der Bauer taumelte nach Hause, prügelte seine Frau und zerriß das neue Tuch, das er ihr eine Woche vorher geschenkt hatte, in kleine Stücke. Seit dieser Zeit war der Hund mißtrauisch gegen Leute, die ihn liebkosen wollten, und lief bei solchen Gelegenheilen, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, davon. Bisweilen warf er sich auch böse auf die Menschen und versuchte sie zu beißen, bis ihn Steine und Stöcke in die Flucht Wieben.— In einem Winter halte er sich unter der Veranda einer leer- stehenden Villa eingerichtet, die er ganz uneigennützig bewachte: er lief des Nachts auf den Weg hinaus und bellte, bis er heiser wurde. Auch wenn er sich schon auf seinen Platz niedergelegt hatte, knurrte er noch immer zornig, aber durch den Zorn blickte doch so etwas wie Zufriedenheit mit sich selbst, sogar Stolz. Lange, lange zog sich der Wmter hin, und die schwarzen Fenster de? leeren Hauses blickten finster auf den eisbedeckten, unbeweglichen Garten. Manchmal hatte es den Anschein, als loderte ein bläu» liches Flämmchen in ihnen auf: dann spiegelte sich ein fallender Stern in den Scheiben oder der Mond sandte seine schüchternen Strahlen. II. Der Frühling brach an. Eines Tages war das stille Landhaus erfüllt von lautem Gespräch und Gelächter und den wuchtigen Schritten lastentragender Männer. Aus der Stadt waren Sommer- güste angekommen, ein ganzer Haufen Erwachsener, Halberwachsener und Kinder, die von Luft, Wärme und Licht ganz trunken zu sein schienen, einer schrie, einer lachte, einer sang mit hoher weiblicher Stimme. Der erste Mensch, mit dem der Hund bekannt wurde, war ein niedliches Mädchen in brauner Schuluniform, das in den Garten ge» laufen kam. Es sah zum klaren Himmel empor, betrachtete die rät- lichen Neste der Kirschbäume und warf sich schnell ins Gras, das Ge- ficht der warmen Sonne zugewendet. Dann sprang es ebenso plötzlich wieder auf und jauchzte, mit frischen Lippen die Frühlings» luft küssend: „Ist das mal schön!" Sprachs und begann sich schnell im Kreise zu drehen. In diesem Augenblick packte der Hund, der lautlos herangeschlichen war, wütend mit den Zähnen den sich blähenden Saum ihres Kleides, zerriß ihn und verkroch sich ebenso lautlos in den dichten Zweigen der Johannis» beersträucher. „Ach, ein böser Hund l" schrie das Mädchen davonlaufend, und noch lange hörte man seine aufgeregte Stimme:„Mama l Kinder! Geht nicht in den Garten I Da ist ein Hund... ein großer... ein sehr böser!..." Nachts schlich sich der Hund an daS wilder fülle Haus und legte sich geräuschlos auf seinen Platz unter der Veranda. Es roch nach Menschen, und aus den geöffneten Fenstern drang das Geräusch sanften, friedlichen Atmens. Jetzt schliefen die Menschen, jetzt waren sie hilflos, nicht mehr schrecklich, und der Hund bewachte sie eiser- süchtig: er schlief fast gar nicht und erhob bei dem geringsten Ge- räusch den Kopf mit zwei, wie unbewegliche, phosphoreszierende Flämmchen leuchtenden Augen. Und der Geräusche gab eS viele in der balsamischen Frühliugsnacht: im Gras raschelte etwas Unsichtbares, Kleines und kroch sogar bis dicht an die glänzende Nase des Hundes heran: dann knackte ein Ast unter einem schlafenden Vögel- chen, und auf der nahen Chaussee rasselte eine Telega, knarrten be« ladene Wagen, während sich in der unbeweglichen Luft ein frischer, kerniger Teergeruch verbreitete und in die hellwerdende Ferne lockte. Die zugereisten Sommergäste waren gute Leute, und die Eni« fernung von der Stadt, die gesunde Lust, die sie atmeten, und die ganze junge, frische, grüne Natur ringsum machten sie noch besser ünd erfüllten sie mit Güte und Wohlwollen gegen alles Lebendige. Zuerst freilich wollten sie den Hund, der sie so erschreckt hatte, fort« jagen, ihn sogar erschießen, bald aber gewöhnten sie sich an sein Bellen in der Nacht und fragten bisweilen deS Morgen?: „Aber wo ist denn unser Kussak?" Dieser neue Name«Kussak" blieb dem Hund. Manchmal be- merkten sie auch am Tag: im dichten Gesträuch einen dunklen Körper, der bei der geringsten Bewegung der Hand, die ihm Brot zuwarf, spurlos verschwand— gerade als wenn es nicht Brot, sondem ein Stein gewesen wäre; und bald gewöhnten sich alle an Kiissak, nannten ihn.ihren" Hund und lachten über seine Menschenscheu und grundlose Furcht. Mit jeden, Tage verkleinerte Kussak die Ent- fernung, die ihn von den Menschen trennte; er studierte aufmerksam ihre Gesichter und prägte sich ihre Gewohnheiten ein: eine halbe Stunde vor dem Mittagessen stand er schon im Gebüsch und blinzelte vergnügt in Erwartung des Mahles, das ihm die Köchin bringen würde. Und dieselbe Gymnasiastin Lelia führte ihn schließlich, die erste Kränkung vergesiend, in den lustigen Kreis der Erholung und Erheiterung suchenden Menschen. .Kussakchen, komm her zu mir I" lockte sie ihn..Na. lieber... na, guter... komm I Willst Zucker? Soll ich Dir Zucker geben? Willst? Na, komm doch Herl" Aber Kussak kam nicht: er hatte Angst. Borsichtig, in die Hände klatschend und so freundlich sprechend, wie eS einem Mädchen mit hübschem Geficht und hübscher Stimme nur möglich ist, näherte sich Lelia den, Hund, obgleich sie heftige Angst empfand: wenn er nun plötzlich beißt? Ich Hab' Dich lieb, Kusiakchen, ich Hab' Dich sehr lieb. Du hast ein hübsches Näschen und so ausdrucksvolle Aeuglein. Traust mir nicht, Kussakchen?" Lelias Augenbrauen hoben sich, und sie hatte in diesem Moment selbst so ein hübsches Näschen und so ausdrucksvolle Aeuglein, daß die Sonne nichts Besseres tun konnte, als ihr ganzes, junges, naiv« reizendes Gesichtchen zu küssen. Und Kussakchen legte sich zum zweitenmal in seinem Leben auf den Rücken und schloß die Augen, ohne genau zu wissen: wird man ihn stoßen oder liebkosen? Aber man liebkoste ihn. Eine kleine, warme Hnnd berührte zaghaft seinen zottigen Kops, dann lief sie, wie von einer unsichtbaren Gewalt getrieben, kühn über den ganzen, wolligen Körper, zupfend, streichelnd, kitzelnd. .Mamal Kinderl Schnell! Seht mal: Kusiakchen läßt sich streicheln!" rief Lelia. Als die Kinder lärmend, laut lachend, hastig wie Tropfen aus- einandergelaufencn Quecksilbers herankamen, erstarrte Kussak vor Furcht und banger Erwartung. Er wußte: wenn ihm jetzt jemand einen Stoß gibt, wird er nicht mehr die Kraft haben, sich mit seinen spitzen Zähnen auf diesen Menschen zu Wersen— sein unversöhn- licher Groll war gelähmt. Und als alle um die Wette ihn zu streicheln begannen, zitterte er noch lange bei jeder Berührung der kleinen Hände, und die ungewohnten Liebkosungen taten ihm weh, gerade wie Schläge. (Schluß folgt.) Unter der Mtternacktslonne. in. Wie der Fischer ökonomisch ein Doppelwesen ist, so ist es auch der Bauer. Seine Bedeutung aber verschwindet im Nord- lande gegenüber dem Fischer. Er ist nur in den Aemtern„Nord- land" und.Tromsö" zahlreicher, und auch hier ist der Ackerbau so gering, daß er eigentlich fast nur für den Hausgebrauch oder für eine lokal begrenzte Gegend in Betracht kommt. Was der Bauer über den Hausgebrauch erntet, verkaust er dem Händler, bei dem er wieder alle Einkäufe besorgt. So ist es eigentlich ein Tauschverkehr mit dem Landhändler als Marktregulierungs- instrument. Ich bin dem nordnorwegischen Bauern nur im Tröndedaler Gebiete(um Tromsö) begegnet, und diese Bauern haben den Ruf, sehr selbstbewußt zu sein. Sie wirlen auch so. Ihr Auftreten ist aber nicht protzenhaft, sondern nur selbstbewußt, denn sie haben. was sie brauchen und noch etwas darüber. Ihre Saat ist nicht den Wechselfällen ausgesetzt, mit denen der Bauer in Mittel- europa rechnen muß. Gewitter im Sommer gehören in diesem Länderstriche zu den Seltenheiten, sie stellen sich nicht einmal in jedem Jahre ein. Die Becker liegen fast durchweg in der Ebene oder an den gut geschützten Ufern der Buchten und sind der Sonne Tag und Nacht ausgesetzt, bedürfen daher nur die halbe Zeit- dauer, um zu reifen wie bei uns zu Lande, wo die kühlen, sonnen- losen Nächte das Wachstum beeinträchtigen. Gefährlich wird hier der Saat nur ein zu kurzer Sommer. In den letzten 20 Jahren war der frühe Frost dreimal zu verzeichnen. Da ist die Ernte geschmälert, aber der Bauer im Küstengebiete hat dann einen Ersatz: er treibt Fischfang, das heißt er dehnt den Um- sang des Fischfanges aus, denn etwas Fischfang muß er auch bei normaler Ernte treiben, um im Haushalt keine Lücke entstehen zu lassen. Das ist die Norm. Es gibt sehr wenig Bauern im Küsten- gebiete, die auf den Fischfang verzichten können. (Diese ökonomische Situation gibt auch den Schlüssel für den Charakter des norwegischen Bauern: er ist nämlich nicht Nur. Bauer, sondern auch Fischer. Das erklärt ferner, warum zwischen dem Bauer und dem Fischer kein Antagonismus besteht, daß sie dem Charakter und dem politischen Temperament nach eine Einheit bilden, denn sie sind im Wirtschaftsprinzip eine Ein- heit. Die eine Schicht betreibt mehr Fischsang, die andere mehr Landwirtschaft. Aber beides muß von beiden betrieben werden. Deshalb ist auch der nordnorwegische Bauer nicht jener behäbige, schwerfällige Typus wie bei uns zu Lande, sondern auch Hand- aibeiter, Fischer und hat als solcher auch manches von de» Charaktereigenschaften des Nordlandfischers. Das Bürgertum als Klasse bildet einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung des Nordlandes. In den drei Aemtern Nordland, Tromsö und Finnmarken stehen nach der Volkszählung vom Jahre 1900 der Landbevölkerung von 231 219 nur 25 771 Städtebewohner gegenüber, von denen aber ein großer Teil Fischer und Seeleute sowie Arbeiter sind. Da die Mittel» klasse hier erst zu werden beginnt und die Beamten in sehr ge. ringcr Zahl sich vorfinden, so reduziert sich die bürgerliche Klasss auf die Kaufleute und Handwerker. Reich in unserem Sinne dürften im ganzen Nordlande kaum zehn Personen sein, es soll nur einen einzigen Mann hier oben— ein Grundbesitzer in Narvik— geben, der Millionär ist. Aber hier hat das Kapital einen viel größeren Wert, weil es trotz der geringen Quantität durch den Handel eine große ökonomische Macht ist Wir finden in der norwegischen Literatur immer den Kaufmann als Re» Präsentanten der lokalen Machtsülle. Uns erscheint das sonderbar, aber wenn man einen Einblick in die Verhältnisse der kleinen Städte erhält, so wird einem sofort klar, wie groß diese Macht» fülle sein muß. Der nordländische Kaufmann treibt nämlich mit allem möglichen Handel. Sein Hauptbestreben ist, den Handel im Orte zu monopolisieren und das ist ihm nur möglich, wenn er durch den Besitz des Bodens die Neuansiedelung von Kaufleuten unmöglich macht. In den letzten 19 Jahren ist auch in den Ge- bieten mit guter Dampferverbindung eine Kleindustrie im raschen Aufblühen, die auch ganz in den Händen der Kaufleute ist. Das ist nur möglich, weil der ganze Boden ihnen gehört. In Scolvaer z. B. ist der ganze städtische Boden Eigentum der drei Familien Berg, Störmer und O. I. Kaarboe. Kein Flecken Grund kann hier erworben werden, weil diese drei Familien den Boden nicht verkaufen, sondern nur zum Hausbau vermieten g>gen die vertragliche Verpflichtung, ohne Einwilligung der Be- sitzer keinen Handel im Hause zu treiben. Dadurch sind der Handel und die beginnende Industrie für die Bodcnbesitzer mono» polisiert. Welche Verhältnisse sich da ausbilden, sollen einige Bei- spiele beweisen, Angaben, die dem auf Grund offizieller Angaben hergestellten„Norwegischen Handelskalender" vom Jahre 1393 entnommen sind. Der ganze Grund und Boden des Gebietes ge» bört L. Berg sönner, Georg Störmer und O. I. Kaarboe. In Soolvaer sind folgende Handels- und Jndustrieunternehmungen in ihren Händen: Dampfschiffsexpedition(O. I. Kaarboe), eine Brandversicherung(O. I. Kaarboe), Nordlands Kraftfuttersabrik (Disponent O. I. Karboe); L. Bergs sönner Kolonialwarenhand- lung, Import von Kohle und Salz, Tonnenfabrik.(Salz und Tonnen sind beim Fischversand sehr lukrativ.) Berg u. Co., Spezialfabrik für Manufaktur, Herrenequipierung, Glashandlung und Möbellager; L. Bergs sönner, Bäckerei; H. Berg, Konserven-, Wurstfabrik und Fleischverkauf(der einzige im Ort); Norwegische Angelfabrik(Disponent John Berg); Norwegische Fischguano- fobrik(Direktionspräsident John Berg); H. Chr. Störmer, Kolonial- waren-, Haushaltungs-, Kohlen-, Salzgeschäft und Bäckerei; Georg Störmer, Kolonial-, Kurzwaren, Glas- und Porzellan. Warenfabrik; Soolvaer Seilspinnerei(L. Bergs sönner) und der Hafenplatz, der 1999 Boote faßt und den Fischern unentbehrlich ist, wird gegen Platzgebühr vermietet von den Eigentümern L. Bergs sönner und H. Chr. Störmer. Das ist die ökonomische Stellung der Kaufleute in einer Stadt von 12 999 Einwohnern, die sämtlich auf dem Boden der Kaufleute wohnen. Noch ärger liegen die Verhältnisse in M e l b o e(Vesteraalen), wo fast der ganze Boden dem Kaufmann Chr. Frederiksen gehört, der nicht nur den ganzen Handel vollkommen monopolisiert hat, sondern noch Besitzer respektive Mitbesitzer von folgenden Unter- nehmungcn ist: 4 Hafenfischereidampfer, eine Oelkleiderfabrik (wasserdichter Stoff), Wollwarenfabrik, Seifen» und Kaffee- surrogatfabrik und eine Meierei. Als drittes Exempel: Stockmarken, der Hauptort im Vesteraalen. Hier sind die Familien With, Brüder Hals und der — oben erwähnte— Chr. Frcderiksen-Mellw die Besitzer des Grund und Bodens und des Handels. Die einzigen Händler im Orte und die einzigen Bäcker sind: Brüder Hals. In den anderen Unternehmungen teilt er sich mit den beiden anderen Besitzern. Aber daran nicht genug: die einzige Zeitung,-die im Vesteraalen» gebiet erscheint, gehört in Stockmarken eben den Herren Hals, With und Frederiksen, die einzige Zeitung in den Lofoten, die in Snolvaer erscheint, gehört den Herren Berg, Störmer und Kaarboe(als vierter Interessent kommt hier der Redakteur deSj Blattes in Betracht). Also nicht nur der Grund und Boden, der Handel und die Industrie ist im Besitze der Kaufleute, fondern auch die Presse. Ich glaube, deutlicher als hundert literarische Kommentare zur norwegischen neuen Literatur bezeichnen diese ökonomischen Umstände die Verhältnisse im Norden, die Stellung des Kaufmanns bei Ibsen. Sie lassen einen auch ver- stehen, warum die Kaufleute— trotz der verhältnismäßig kleinen Vermögen— eine solche Rolle spielen. Nicht in ihrer Kapitals- stärke, sondern in dem Handelsmonopol liegt ihre Macht, und das erklärt auch ihren ökonomischen Chauvinismus: sie wollen niemand in ihr Revier kommen lassen. Aber das ausländische Großkapital dringt ein und schafft eine neue Großindustrie, namentlich im Bergwerk»» wesen. Die großen Erzlager im Dunderlandsdalen, in dem Ofoten, f}orb— um Narvik und in einze.nen Gegenden der Lofoten owie am Altenfjord werden schon gehoben. Drei neue Erzlager Werden eben der Belebung zugeführt. Die Werke in Salangen bei Harstad in Vesteraalen werden von den s ch l e s i s ch e n Werken DonnerSmarckhütte und Friedenshütte, das Werk in Madmoren im Vaterfjord von der österreichischen Länderbank finanziert und der Ausbeutung zugeführt. Aber das grötzte Erzlager ganz Skandinaviens wird jetzt der Ausbeutung in K i r k e n e s, schon dicht an der russischen Grenze, eröffnet werden; Hauptaktionär ist die Norddeutsche Bank, Hamburg. Hier rechnet man für die ersten zehn Jahre mit einem 35prozentigen Eisenerz in dem Quantum von 3L Millionen Tonnen, das an Ort und Stelle auf 64 Prozent veredelt werden wird. Mit einem gewaltigen Schwünge hat sich hier das internationale Großkapital festgesetzt und damit auch einen neuen Faktor in das öffentliche Leben ge- bracht: den industriellen Arbeiter der Groß- betriebe. Es ist in jeder Hinsicht ein neues Element, eine Schicht, die erst herbeigezogen werden muß in diesem so schwachbevölkerten Lande. Der Fischer selbst ist für die Jndustriearbeit nicht zu haben. Sie widerstrebt ganz seinem Naturell. Die Arbeit nach dem Glockenschlage ist ihm zuwider. Er steht auf dem Standpunkt, daß es Unsinn ist, jeden Tag genau um sieben Uhr die Arbeit zu beginnen und jeden Tag genau um sieben Uhr die Arbeit zu be- enden. Durch lebenslange Gewohnheit ist es für ihn selbstverständ- lich geworden: zu gewissen Zeiten ununterbrochen zu arbeiten und dann wieder einige Zeit auszusetzen, da ganz Herr seiner Zeit zu sein. Dann noch ein drittes sehr wichtiges Moment: das ökonomische; er hat ein Häuschen und ein Stück Grund, das er als Industriearbeiter verlassen müßte. Fischer, mit denen ich sprach, sagten mir, daß es für sie etwas Trostloses ist zu denken, daß sie jahraus, jahrein nicht mehr als 20 Kronen wöchentlich ver- dienen sollten; niemals mehr. Als Fischer haben sie im Durch- schnitt auch keinen höheren Verdienst, aber sie haben die Möglich- keit und die Hoffnung, in einer Nacht durch einen guten Fang mehrere hundert Kronen zu verdienen. Und diese Hoffnung hält ihn fest bei seinem Berufe und läßt es ihm als trostlos erscheinen, immer und ewig nur einen beschränkten Verdienst zu haben. Des- halb ist der erwachsene Fischer für den Industriebetrieb fast voll- kommen verloren; es sind nur zwei Kategorien, die dem Rufe folgen: die nordschwedischen Arbeiter und die norwegische Jugend. Der schwedische Arbeiter ist vn ganzen Skandinavien als radikal bekannt. Er kommt aus einen« großkapitalistisch entwickelten, feudal- plutokratisch regierten Land. Die norwegische Jugend hat aber eins, das für die Arbeiterbewegung hier oben sehr wichtig ist: eS existiert kein Analphabet unter ihnen(in ganz Norloegen nicht), und sie kommen aus einer Bevölkerungsschicht, die die gegenseitige Hilfe praktisch betätigt und ihre Unabhängigkeit außerordentlich liebt. Sie bringt also eine Tradition mit, die sie für die Organisation übermis geeignet macht. Dazu wirkt auch init, daß in den großen Bergwerks- etrieben ihnen als Unternehmer das organisierte ausländische Kapital gegenübersteht. Da wird ihnen die Bedeutung der inter- nationalen Gegenorganisation umso leichter klar. Es ist die beste Mischung, die man sich denken kann: die schwedischen Arbeiter mit ihrer langjährigen gewerkschaftlichen Schulung und die norwegische Jugend mit ihren Gefühlen für Freiheit und Solidarität. So kommt es, daß im ganzen Nordlande keine einzige nationale oder christliche Arbeiter- organisation besteht. Alle Arbeitervereine sind sozialistisch und mit dem ersten Spatenstiche für ein neues Jndustrieuilternehnien wird auch sofort eine neue politische oder gewerkschaftliche Organisation gegründet. Wo der Kapitalismus sich ein Heiin aufschlägt, ersteht auch sofort ein.ArbeitervereinshauS". Und welchen Eifer in der Agitation entwickeln sie. Ein Beispiel dafür: in Narvik ist das zweimal wöchentlich erscheinende Parteiblatt„T r e m o v e r" zu arm. um einen Redakteur zu er- halten. Die Redaktion wird nun von einem«Redaltions- komitee" besorgt, daS aus drei Arbeitern besteht, die zweimal in der Woche nach der Arbeit.RedaktionSkomitee-Sitzungen" abhalten, um das Blatt zu redigieren. Dieses Koinitee wird in jedem Halbjahre neugewählt, denn die einzelnen Arbeiter lechzen danach, sich zu betätigen. So ist der Arbeiter im Lande der Mitternachtssonne l O. M. Kleines feiiilleton* Techuisches. Was ein Flugmotor leisten soll. Die gegenwärtige Unterscheidung zwischen den Motoren für Luftfahrzeuge, die leichter, und solchen, die schwerer als die Luft find, ist keine sehr berechtigte, da bei beiden Arten die Anforderuugen, die an den Motor zu stellen find, nicht wesentlich voneinander abweichen. Nur in einem Punkt erfordert der Gasballon eine besondere Konstruktion, da die Feuersgefahr bei ihm noch Ueit schwerer ins Gewicht fällt. Es ist jedoch nicht allzu schwierig, dieser Bedingung Ge« nüge zu leisten. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß der beste Motor für eine Flugmaschine auch für Lust- schiffe am besten geeignet ist. Außerdem hört man sehr häufig, daß die Leichtigkeit beiin Lustschiffmotor nicht von so großem Belang ist wie beim Flugschiffmotor, weil das Gewicht der Maschine gegenüber dem hohen Gewicht des«nitgeführten Brennstoffs nicht so sehr in Betracht käme. Wie Dr. Fritzhuth in der.Deutschen Zeitschrift für Luftschiffahrt' mitteilt, gebraucht ein Motor von 100 Pferdestärken etwa 27 Kilogramm Benzin in der Stunde. Es müsien daher für 24 Stunden 648 Kilogramm mitgeführt werden. Das Gewicht eines derartigen Motors beträgt mit der Wafferfüllung etwa 47S Kilogramm. Ein Daimler-Motor von gleicher Leistung wiegt mit der Kühlung etwa 600 Kilogramm. Aehnlichc Gewichte haben die Maschinen des deutschen Militärluftschiffs, so daß man fünf bis sechs Kilogramm pro Pferde- stärke rechnen»nuß. Da also für 24 Stundenbetrieb das Gewicht des Brennstoffs dem der Maschine etwa gleichkonunt, ist eS gewiß nicht bedeutungslos, wie schwer dieser ist. Könnte man einen Motor bauen, der auf die Pferdestärke nur ein Kilogramm wöge, so könnte man unter sonst gleichen Bedingungen sechs Personen mehr mitführen oder aber daS Luftschiff wesentlich verkleinern. ES ist durchaus unrichtig, dem Lustschiffmotor ein größeres Eigengewicht zuzugestehen, als dem Flugmaschinenmotor. Der Unterschied liegt vielinehr einzig und aller» in der Größe der Leistung, da Lustschiffe meist Motoren von 60 bis 100 Pferdestärken brauchen, während die Flugmaschinen mit weit geringeren Kräften auskommen. Doch dürften diese sehr bald mit kräftigeren Maschinen ausgestattet werden. WaS die Konstruktionseinzelheiten der Motoren für Luftfahrzeuge anlangt, so sind sie im wesent- lichen Sache der Motorenfabrik und können dem Flugtechniker im Grunde gleichgültig sein. Für ihn konnnt eS lediglich darauf an, daß der Motor seine Pflicht tut und daß sein Gewicht ein«nöglichst geringes sei. Diese Bedingungen find recht schwer zu erfüllen, da der Motor in der Lust unter weitaus schwereren Ver- Hältnissen arbeitet als der mit ihm zu vergleichende Automobilmotor, aus dem er hervorgegangen ist. Der Flugmotor ist im Gegensatz zu semem irdischen Genossen beinahe unaufhörlich vollbelastet. Aus diesem Grunde sind bei ihm die Abmessungen der Lager bedeutend größer zu wählen, und ebenso muß der Techniker auf die äußerste Schonung der Kurbelwellen- lager bedacht sein. Zwischen Zuverlässigkeit und Leichtig- feit besteht natürlich geradezu ein Gegensatz. Wird die Leichtigkeit durch möglichst starke Materialbeanspruchung erzielt, so geht die?««aturgemäß auf Kosten der Zuverlässigkeit. Versucht man dagegen diese dadurch zu erhöhen, daß mai« jene Teile, die das stetige Arbeiten des Motors gelvährleisten, mehrfach anbringt, so er- höht sich wiederum das Gewicht. In Wirklichkeit wird es not- wendig sein, die Zahl der Teile möglichst zu verringern, um damit auch die Möglichkeit eines Schadens zu vermindern. Man wird auch das Material nicht zu sehr anspannen, sondern vielmehr versuchen, den Brennstoff auss beste auszunutzeu. Der Eiffelturm als Telegraphen st ation. Bei den letzten Unruhen in Marokko hat der Pariser Eiffelturm zum Zweck der drahtlosen Nachrichtenübermittelung außerordentliche Dienste ge- leistet. Die an der marokkanischen Küste liegenden französischen Kriegsschiffe befinden sich auf diesem Wege in ständiger Verbindung mit der Hauptstadt und eS ist sicher, daß die militärischen Operationen hierdurch sehr vereinfacht und erleichtert werden. Man hat daher, wie der„Elektrotechuical Engineering' mitteilt, die weitere Aus- gestaltung dieses wichtigen Nachrichtenstützpunktcs ins Auge gefaßt und will sogar versuchen, vom Eiffelturm aus direkt draht- los mit New Jork zu verkehren. Die ersten Versuche, vom Eiffel- türm aus drahtlos zu telegraphieren, wurden im Jahre 1903 an- gestellt. Die gesamte Antenne(Geber- und Empfängerdrahtj bestand aus einem einzigen Draht, der von der zweiten Plattform des Turmes nach dem Stationshause unten hinabführte. DaS obere Ende des Drahtes war mittels eines Isolators an die Spitze des Turmes angeschloffen. Diese Vorrichtung gestattete, bis Belfort zu telegraphieren, aber die Hoffnungen, die man an die große Höhe des TurnieS geknüpft hatte, gingen nicht in Erfüllung, weil die riesenhaften Eisenmaffen ein Hindernis bildeten. Man mußte daher zu Verbesserungen schreiten, und namentlich die Befestigung des unteren Endes der Drahtantenne abändern. Der Luftdraht«vurde daher in einiger Höhe durch einen Isolator abgeteilt und oberhalb dieser Isolierung ein besonderer Zuführungsdraht vom Stationshause aus angelegt. Ferner wurde die Zahl der Luftdrähte auf vier erhöht. Die Luftdrähte bestehen aus stählernen Drahtkabeln von vier Millimeter Durchmesser und werden mit einem Strom, der von 3000 Volt auf 220 herabtransformiert wird, angeregt. Die Wellenlänge beträgt 1600 Meter. Der Empfang von Nachrichten findet telegraphisch statt. Auch diese Einrichtung ist nur als provisorisch zu betrachten. Die ganze Telegraphiereinrichtung soll unter die Erde verlegt werden. Gleichzeitig beabsichtigt man damit eine starke Erhöhung des erregenden Stromes zu vermeiden. Die Zahl der Anlennendrähte wird um zwei vermehrt und die Befestigung an der Turmspitze vervollkommnet. Die unteren Kabelenden sollen mittels Zementblöcken fest verankert werden. Die Wellenlänge soll auf 2000 erhöht werden. Man hofft, daß die Station nach ihrer Ausgestaltung eine Reichweite von 6000 Kilo- meter erzielen wird. verimtw. Redakt.: Nilhelm Düwell, Lichtenberg.— Druck Verlag: Vorwärt« Luchdruckerei u.BerI«g»anstalt Paul Singer LcEo.. Berlin LW.