Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 188. Dienstag, den 20. Juli. 1909 LNachdriul verboten.) 14] Die Xnrclbauem. RMan von AugustStrindberg. Deutsch von Emil Schering. ' Noch einmal knackte der Zauntritt, und wie ein junger Stier kam der Quarnöer Bursche mit dem Fjellonger Mädchen angesprungen. Als sie hoch oben auf dem Zaun stand, das Gesicht vom Tanz gerötet und mit ausgelassenem Lachen die Weißen Zähne zeigend, legte fie die erhobenen Arme über Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fgllen lassen: und mit schnaubendem Lachen und aufgeblähten Nasenflügeln warf sie sich dem Burschen in die Arme: der empfing sie mit einem langen Kuß und trug sie in die Dunkelheit hinein. Die Alte stand hinter den Haselbüschen und sah Paar nach Paar kommen, gehen, wiederkehren: ganz wie in ihrer Jugend; und altes Feuer glühte wieder auf, das unter der Asche von zwei Jahren versteckt gewesen. Währenddessen war die Geige allmählich verstummt. Es war über Mitternacht, und die Morgenröte stand im Norden bereits schwach über dem Wald. Die Stimmen auf der Tenne wurden lauter und einzelne Hurrahrufe von der Wiese gaben an. daß sich die Tanzgesellschaft zerstreut hatte und die Heim- fahrt für die Mäher bevorstand. Die Alte mußte zurück, um beim Abschied zugegen zu sein. Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so zu lichten anfing, daß man das grüne Laub unterscheiden konnte, sah sie Carlsson und Ida ganz hinten auf der Höhe kommen, Hand in Hand, als wollten sie einen neuen Tanz beginnen. Fürchtend, hier im„grünen Gang" getroffen zu werden, kehrte sie um und eilte über den Zauntritt, uni nach Haus zu kommen, ehe die Gäste gingen. Aber auf der anderen Seite des Zauntritts stand Rund- gvist und schlug die Hände zusammen, als er die Alte er- blickte, die ihr Gesicht in der Schürze verbarg, um nicht zu zeigen, wie sie sich schämte. „Nein, ist die Tante auch im Wald gewesen? Ich sage ja. auf die Alten ist doch nicht mehr Verlaß als ans..." Sie hörte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte, der Stuga zw Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit Hurrahrufen, Händeschütteln und Dankesworten für gute Bewirtung, um sich dann zu verabschieden. Als alles wieder still geworden und die Flüchtlinge aus Hag und Wiese herbeigerufen waren, ohne daß sich alle ein- stellten, ging die Alte zu Bett: Lange aber lag sie wach und lauschte, ob sie nicht Carlsson die Treppe zur Kammer hin- aufgehen hörte...�_ Viertes Kapitel. ■(Es poltert zur Hochzeit; die Alte wird umS Geld genommen.) Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen. Der Sommer war zu Ende und er war gut gewesen. '„Er hat Glück, der Kerll" sagte Gustav über Carlsson, dem man nicht ohne Grund die Erhöhung des Wohlstandes zuschrieb. Der Strömling(der kleine Hering) war gekommen, und alle Männer außer Carlsson waren draußen in den äußersten Schären, als die Familie des Profesiors zur Eröffnung der Oper nach Hause mußte. " Carlsson hatte auch das Packen übernommen und lief den ganzen Tag mit der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank Bier am Küchentisch, am Anrichteschrank, im Vorbau. Hier kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort ein Paar ausge- tretene Segelschuhe: eine Pfeife, ungcrauchtc Zigarren nebst Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und Licbig- büchsen, Korke, Segelgarn, Nägel— alles, was man nicht mitnehmen konnte oder für unnötig hielt. »— Es fielen so viele Brosamen von des Neichen Tische, und man hatte allgemein das Gefühl, man werde die Abreisenden vermissen: von Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis hinunter zu den Hühnern und Ferkeln, die nicht länger Sonn- tagsessen aus der herrschaftlichen Küche kriegten. Am wenig- sten bitter war der Kummer für die verlassenen Mägde Klara Md Lotte: trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee bekommen hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, fühlten sie doch, ihr Frühling werde wiederkommen, wenn nur der Herbst die Mit» bewerberinncn auf dem Liebesmarkte entfernte. Am Nachmittag, als der Dampfer kam und anlegte, um die Familie abzuholen, war große Aufregung auf der Insel, denn noch nie hatte dort ein Dampfer angelegt. Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und führte das große Wort, während der Danipfer an die Brücke heran» zukommen suchte. Da aber hatte er sich auf ein Eis begeben, das ihn nicht tragen konnte, denn das Seewesen war ihm fremd: und gerade in dem stolzen Augenblick, als die Leine geworsen wurde und er. in Idas und der Herrschaft Gegen« wart, seine Getvandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau von oben auf den Kopf, daß ihm die Mütze herunter« geschlagen wurde und in die See fiel. In einem und dem- selben Augenblick wollte er die Trosse anziehen und nach der Mütze greifen: aber der Fuß blieb in einer Fuge hängen, er machte einige Tanzschritte und fiel nieder, während der Kapi- tän ihn schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich fort, böse über das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe hatte sie geweint, so schämte sie sich seinetwegen. Mit einem kurzen Lebewohl ließ sie ihn schließlich am Landungs- steg zurück; und als er ihre Hand behalten und vom nächsten Sommer, von Briefwechsel und Adresse, plaudern wollte, wurde der Landungssteg ihm unter den Füßen fortgerissen: er kippte nach vorn über, und die nasse Mütze rutschte ihm in den Nacken; gleichzeitig brüllte der Steuermann ihm von der Kommandobrücke aus'zu: „Wirst Du endlich das Tau losmachen!" Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den Unglück» lichen Liebhaber nieder, ehe er die Trosse losbekam. �' Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr fortreist, lief Carlsson am Strand ent- lang, sprang auf Steine, strauchelte über Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengruß abzugeben. Aber er niußte mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bette gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schuß. Er warf die Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am Strand entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und schnaubte. Vom Dampfer aber antwortete niemand, nicht eine Hand erhob sich, nicht ein Taschentuch bewegte sich. Ida war ver- schwanden.' Aber unermüdlich, rasend lief er über Granitfindlinge, sprang ins Wasser, stürzte gegen Erlenbüsche, kam an einen Fcldzaun und fuhr halb durch ihn hindurch, daß er sich an den Pfählen riß. Schließlich, gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stieß er auf eine Schilfbucht: ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser, schwang noch ein- mal sein Taschentuch und stieß ein letztes verzweifeltes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch einmal zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden, nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die Luft dunkel. Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt für Schritt nach seiner Flinte zurück. Er blickte sie mit bösen Blicken an, als sehe er eine andere, die ihn im Stich gelassen; er schüttelte die Pfanne, setzte ein neues Zündhütchen auf und feuerte ab. Darauf kam er an die Landungsbrücke zurück. Er sah den ganzen Austritt noch einmal; wie er gleich einem Hans» Wurst auf den Brückenplanken umhertanzte: hörte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas verlegene Blicke und kalten Handschlag: spürte noch den Dunst von Steinkohlen» rauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Küchen- Herd und von der Oelfarbe der Schifssbekleidung. Der Dampfer war hierher in sein künftiges Reich ge- kommen und hatte Stadtmenschcn mitgebracht, die ihn ver» achteten: die ihn in einem Augenblick von seiner Leiter herab- stürzten, auf deren Sprossen er schon ein gutes Stück hinauf« geklettert war: die ihm— er schluckte in der Halsgrube— � sein Sommerglück und seine Sommerfrcude entführten'T. ' Er blickte eine Weile inS Wasser, das die Radschaufeln zu einer einzigen Brühe aufgerührt hatten, auf deren Ober- fläche Ruß in Flocken und Oel in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie eine alte Fensterscheibe. Allen möglichen Schmutz hatte das Untier in der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grüne Wasser verun- reinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarren- stummel, abgebrannte Streichhölzchen, Papierfetzen, mit denen Uckeleis spielten. Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und habe auf einmal Unrat und Schelte ausgeworfen. Es war ihm einen Augenblick schaurig zumute, als er daran dachte, wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, müsse er in die Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mädchen mit Krause, Manschetten und Knöpfstiefel: wo alles, was lockte, war. Aber er haßte die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen Arbeiten nicht leisten konnte: wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen vermochten. Und doch mußte er daran denken, denn Ida hatte gesagt, mit einem Bauernknecht werde sie sich nie verheiraten, und Bauer konnte er nicht werden! Konnte er nicht? Ein kühler Wind, der immer stärker wurde, rührte das Wasser auf; das schlug gegen die Brückenpfähle, fegte den Ruß fort und klärte den blanken Abendhimmel auf. Das Rauschen der Erlen, das Plätschern der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus seinen Gedanken. Er warf die Flinte über die Schulter und wanderte heimwärts. Der Weg ging unter den Haselbüschen über einen Hügel: über dem hing noch eine höhere Grausteinwand, die mit Kiefern bewachsen war: die hatte er noch nie besucht. Bon Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und Himbeerdickicht hinauf: bald stand er oben auf einem Grau- steinfelsen, auf dem ein Seezeichen errichtet war. Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet: mit einem einzigen Rundblick konnte er ihre Wälder und Aecker, Wiesen und Häuser übersehen: und dahinter Holme, Kobben, Schären, bis aufs offene Meer hinaus. Es war ein großes Stück der schönen Erde, und Wasser, Bäume, Steine: alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte, die eine nur, und die andere zurückzog, die nach Eitelkeit und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben ihm zu stehen und zu betteln, vor diesem Bild auf die Knie zu fallen, das die zauberischen Strahlen einer sinkenden Sonne rosig färbten: auf dem blaues Wasser, grüne Wälder, gelbe Aecker, rote Hütten sich zu einem Regenbogen mischten, der auch einen schärferen Verstand betört hätte, als ein Bauernknecht ihn hat. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Der Landrtrdcher Olc-pcrs, Von I o h an Folkberget. Autorisierte Uebersetzung von Theobald Völcker. Dovrefjeld, im Juni. Nun bin ich also wieder hier Vor meiner alten sonnverbrannten Hütte ist ein kleiner See. Der Koboldsee... In den lichten Sommernächten ist er immer rnhig und silberbleich; denn im Hochgebirg legt sich am Sommer- abend der Südwind wie der Nordwind. Ich fitze in einem alter- tümlichen blaubemalten Lehnstuhl am offenen Fenster und starre hinaus in die bleiche Nacht. Und die Nacht haucht mir schwach und lautlos entgegen. Ab und zu höre ich— als käme es fernher— ein leichtes Plätschern. Das ist der Koboldfisch... Die Forelle mit den blinkenden Goldschuppen, die über den Wafferspiegcl huscht. Und einige kleine, leichte Kräuselungen zeigen sich. Auf der andern Seite des Sees— drüben längs dem Strande — steht der Birkenwald mit neuem, frischem Laub und mit seinen krummen, knotigen Stämnren. Die stummen Träume entschwundener Zeiten ruhen über diesem Walde. Aber noch ein anderer Wald ist dort am Strande. Der spiegelte sich einstmals mit seinem Laub und seinen knotigen Stämmen in dem stillen, dunklen Waffer. Nun liegt er, vom Winde gefällt, drunten im Heidekraut, mit hohlen Stänimen, und Hermelin und Feldmäuse hausen darin. Oberhalb des Waldes beginnt die große moosgrüne Einöde. Dort treibt der Nebel weiß und kalt. Und im Nebel gehen Remitiere und Wildgänse— jetzt wie vor tausend Jahren. Viele Jahre habe ich mich nun draußen in der weiten Welt herumgetrieben— bis in mir die Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen zu stark wurde. Und da mußte ich wieder hierher. Ich gehöre gewiß auch nur den Bergen an. Denn es ist sicherlich etwas von der Schwermut der großen Einöden in meiner Seele... Es war gestern nacht. Ich saß wie jetzt in dem blaubemalten Stich! am Fenster. Und wie ich so dasaß, hörte ich vom See her ein lustiges Pfeifen. Es lag ein leichtfinniges Spielen und Tanzen in den Tönen. Dazwischen hörte ich das Sausen einer Angelrute und der Angelschnur, die ausgeworfen wurde. Ich blieb sitzen und wunderte mich, wer es wohl sein könnte,— es geschieht ja nicht alle Tage, daß man hier, meilenweit in der Einöde einem Menschen begegnet. Das weiß ich von früher. Ja,— dort zwischen Gestein und Weidengestrüpp sah ich den Schatten einer Mannsgestalt. Fast ohne darüber nachzudenken, ging ich hinaus. Schü— Üßl So sauste es in der Lust. Und ein Kork platschte ins Wasser. Mittlerweile dauerte das leichtsinnige, tänzelnde Pfeifen fort. Da biß ein Fisch an I Der Kork tauchte unter, die Angelrute bog sich, als wollte sie brechen. Und aus dem Waffer kam eine wohlbeleibte Forelle. Die Angelrute brach nicht. Der Fisch blinkte in der Luft und fiel raschelnd oben in die Büsche. Die dunkle Ge- stalt kam trabend hervor aus dem Weidengestrüpp. Es war ein lauger Satan von einem Landstreicher. Er machte einige mächtige, wiegende Sprünge mit seinen langen Beinen und warf sich pladdautsch auf den Moorboden. Erst als er den Fisch umgebracht und neuen Köder auf den Angelhaken gesteckt hatte, ward er mich gewahr. Ich grüßte sehr ehrerbietig. Und er grüßte wieder, wie eS sich für einen gebildeten Mann schickt. Aber was sür einen sündhaften Anblick bot er I Einen so ver» lumpten Landstreicher sah ich noch nie— obwohl ich wahrlich schon manches Exemplar der Art gesehen hatte. Seine Haare waren schwarz wie Nuß, lang und strähnig. Sie staken wie Schweinsborsten hoch durch den Hut. Seine kleinen tiefliegenden Augen waren braun und hatten einen stechenden Blick. Und die Kleidung— da war auch nicht die kleinste Spur von Ehrbarkeit daran. Sie hingen wie flatternde Schonten um seinen schmutzigen Körper. Er machte wieder einige Angclwürfe und pfiff einen lustigen Walzer. Aber als lange kein Fisch anbiß, schlenderten wir mit einander hier nach der Hütte. Draußen ausider Türschwelle schneuzte er sich, daß es nur so krachte. Und er richtete sich auf in seiner ganzen Würde. Wir wurden bald gute Freunde. Wenn man sich so in der Einöde trifft, fern von der übrigen Menschheit, kommt man immer leicht zu gegenseitigem Verständnis. Namentlich bei zwei Land- streichern. Wir tranken Kaffee. Wir rauchten Tabak. Und wir logen einander die Hucke voll. Es war manches an meinen: neuen Freunde, baS mir gefiel. Er war äußerst radikal. Es war Glut und Feuer in seinen Worten. Auf die Bauern war er rasend. Das wäre so'n Satanszeug, sagte er. Landstreicher und Lumpenvolk dagegen hatte er gern. — Und Ihr seht mir, hol mich der Deibel, aus wie ein dufter Kunde! Er rückte mir mit seiner dreckigen Fratze' dicht auf den Leib. Ich nickte. — Mein Kumpan I Kenn Dtfj I brach er freudestrahlend au? und schüttelte inir familiär die Hand. Mein Freund hieß Ole-PerS. Geboren im schwarzen Schweden. Uebrigcns war er viel in Norwegen gewesen. Aber letzten Winter war er wieder einmal in Schweden. Da hatte er sich auch verlobt. Das war esiie lustige Zeit mit viel Liebe. — Pfui Deibel I Der Winter war wie ein Trauin dahin- gegangen. Jeden Abend hatte er sein Mädel im Arm gehabt. Und sie hatten sich so viele Male geküßt. — Pfui Deibel! Er spuckte den Fußboden entlang.— Aber dann war der Frühling über ihn und über das Mädel gekommen. Und mit dem Frühling kam über ihn auch die Reiselust. (jincS TageS sagte er seinem Liebchen Lebewohl. Aber hu, wie die weinte I Sie heulte: Huhu— u I Er spuckte hinüber nach dem Fenster. Jetzt war er Kaufmann. Selbstverständlich war er das. Er trieb Uhrenhandel. — Und Fabrikbesitzer bin ich auch, fügte er hinzu. Er machte Meffergriffzwingen. Seine Fabrik betrieb er, wo nur irgend möglich; am allerliebsten am Wegrande bei Sonnenschein und gutem Wetter. Da lötete er. feilte er und pfiff dazu. — Aber habt Ihr nicht Lust, ein Geschäft zu machen? NuS der Tasche holte er ein großes Ding von einer Talmiuhr. — DaS ist blitzend Gold, versicherte er und putzte das Ding an seinem zerlumpten Hosenbein. Ich lehnte ab. Er spuckte wieder einmal mit aller Kraft und der Gestank seiner Lumpen schlug mir entgegen. — Ach, Ihr seid lausig! Aber nicht dumm. Doch wart' man, ich werd' wohl noch einen dummen Bauernlümmel treffen. Nun bat er um Erlaubnis, seinen Fisch bei mir braten zu dürfen. Er zog den Hut und verbeugte sich tief. Daun holte er auS seinem Sack eine Türe mit Mehl und eine mit Salz hervor. Beides hatte ungefähr Erdfarbe. Er schlitzte den Fisch auf und warf die Ein- geWeide in die Ecke. Eine gute Portion Salz tat er in die Bauch- höhle, kehrte den Kadaver in der Mehltüte um und legte ihn auf die Glut des Herdfeuers. Da briet der Fisch. Und es duftete wie zu großen Fest- lichkeiten. Wie Ole-Pers aß. Er schloß die Augen und zermalmte die harten Brotkrusten und Fischgräten mit hmidestarken Zähnen. Zwischendurch kratzte er sich eifrig. Er hatte wohl Einquartierung in seinen Lumpen und vermutlich war der Speiseduft diesen kleinen Wesen so in die Nase gestiegen, daß sie nun um so glubscher zu- schnappten. Als die Mahlzeit zu Ende und auch der Kaffee hinuntergeschlürft war, machte Ole sich fertig weiterzuziehen. Ein ölgelber Kalkpfeifenstumpf wurde angefeuert mit einer glühenden Kohle. Der Qualm stieg ihm in die haarigen Nasen- löcber. Seine garsttge Fratze leuchtete wie ein koloriertes Teufels- gesicht. — Na, denn adieu I Ich werd' an Dich denken, wenn ich mein Testament niache. Mit breitem Grinsen reichte er mir die Hand. — Wo schläfst Du? fragte ich. — Wo's dem Satan gefällt. Aber nicht bei Nacht. Nun geh' ich den Birkenwald hinauf und schieß mir einen Vogel. Vielleicht treffen wir uns morgen. Mit Tanzsprüngcn wandte er sich nach der Tür und hinaus. Singend trippelte er über das Sumpfland. DaZ Wasser spritzte ihm hoch an den halbnackten Beinen empor. Ich stand am Fenster und lauschte seinem Lied. Es waren inter- nationale Worte und Töne.... Eine Liebessercnade mit lustigen Tirolerjauchzern. ES klang in der nächtlichen Stille weit hinaus in die Berge. --- Heute morgen kam ich wieder mit Ole-Pers zusammen Der Vogel, die Flinte und die Angel lagen neben seinen zerlumpten Kleidungsstücken im Grase am See. Der Landstreicher Ole-Pers platschte gleich einem Seeungeheuer weit draußen im Wasser herum, das in der Morgensoune dampfte. Rührte sich etwas in feinen Lumpen?— Ich will nicht darauf schwören. Mir ist nämlich fürchterlich bange bor Injurien. Weit ausgreifend mit den langen Armen, schwamm mein Freund heran. Im Ried am Ufer richtete er sich auf wie ein glänzend See- gctier und watend kam er ans Land. Das Wiedersehen war rührend. — Mein Freund! Sei gegrüßt. Er war von Grund auS ebenso dreckig wie vordem. — So lebt man, sagte er, und ließ sich nieder aufs Gras.— Jetzt schlummere erst einmal. Hernach genieß ich meinen Vogel. Splitternackt streckte er sich aus in der Sonnen wärme.--- Ole-Pers ist abgereist. Er tippelte eines Nachmittags singend und pfeifend davon. In einigen Tagen werde auch ich wieder hinausziehen und meiner Wege gehen... (Nachdruck vervolen.) Ehe Zwerge in der Sittengerebiebte der Völker. So behaglich auch die herrschenden Klassen in allen Zeiten da- hinlcben konnten, ein Feind erwuchs ihnen gar leicht in der eigenen Brust, der sie oft arg plagte— die Langeweile. Zur Vertreibung dieses ungreisbarcn und unsichtbaren Feindes wurden vielerlei Truppen ins Feld geführt. Wenn es Sängern und Harfenspielern, Schauspielern und Gauklern nicht mehr gelingen wollte, mußten die Spaßmacher in die Bresche springen. Ihren derben Witzen gelang es leicht, jene angenehme Zwerchfcllerfchütterung herbeizuführen, die nach einem zu reichlichen Mahle die Verdauung aufs an- genehmste befördern half. Da eS viel leichter ist, Witze zu belachen, als selber welche zu erdenken, wurden die Lustigmacher jahrhundertelang unter dem Titel von Hof- narren an allen Höfen weltlicher und geistlicher Fürsten gut be- soldet, und erreichten um so leichter ihre Absicht eines Lachcrfolges, wenn sie den Scherz ihrer Rede mit der Komik der Geste verbanden. Dem Groteskkomischcn ihres bloßen Anblicks, das für sich allein schon geeignet war, den Lachkitzcl zu reizen, verdankten die zwerg- wüchsigcu Menschen ihre Bevorzugung unter den Hofnarren, die ihnen lange Zeit zuteil wurde. Auf einem kleinen Rumpf mit sehr kurzen Extremitäten zeigten sie einen ungewöhnlich großen Kopf mit faltigen GesichlSzügen, und der greisenhaft- kindliche Habitus des verkümmerten Wesens erhöhte die komische Wirkung seiner Er- scheinung. Man brachte schon den peruanischen Königen als Tribut Zwerge, die während der Tafel ihre Kurzweil treiben mußten. Bei den Römern herrschte eine so große Vorliebe für Zwerge, daß daraus bei den Sklavenhändlern der scheußliche Gebrauch entstand, Kinder frühzeitig durch schlechte Ernährung und künstliche Bnndagierungen im Wachstum zu hemmen und so zn Zwergen heranzubilden. Die roinischen Damen hatten eine ebenso große Freude an diesen lebendigen Puppen wie die römischen Kmscr, und deshalb scheuten sie keine Ausgabe, um so ein kleines Geschöpf in ihr HauS zu bc- kommen. Die Zwerge, die gewöhnlich trotz ihrer Kleinheit mit viel Scharfsinn und Witz ausgestattet waren, mußten sich das Gespött ihrer glücklicheren Nebenmenschen gefallen lasten. So gab man ihnen oft den Namen eines Riesen, z. B. nannte Marcus Antonius seinen Zwerg„SisypHus", Domitian den seinigen„Atlas". Letzterer ließ oft Fechterspiele zwischen Weibern und Zwergen veranstalten, wobei aber nur er und seine nächste Umgebung anwesend war. In Rom endete die Mode, Zwerge zu halten, unter dem Kaiser Alexander Severus, der die kleine Gesellschaft von seinem Hofe ent- ferne» ließ. In den Zeiten des Ritterwesens gab man den Zwergen neben dem Amt eines Spaßmachers bei der Tafel, das den witzigsten unter ihnen immer zugeteilt wurde, noch das Amt eines Türmers, der durch Hornsignale vom Wachtturm verkündete, ob Freund oder Feind sich nahte. Daher hält Don Quixote jeden blasenden Kuhhirten für einen Zwerg, der irgendwelchen nur in seinem Hirn vorhandenen Schloßherrinnen seine hohe Ankunft vermeldet. Die Mode der als Spaßmacher benutzten Zwerge hat sich bis über die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts behauptet. In dem Münchner Hofkalender z. B. werden noch im Jahre 1785 3 Hofzwerge genannt. Man fand an allen europäischen Fürsten- Höfen, selbst am Hofe des türkischen Sultans, solche krankhaft der- unstalteten Menschlein, die in reifen Jahren nicht größer als zwei bis drei Fuß waren. Ihre Kleinheit wurde oft nicht nur zur eigenen, sondern auch zu Verhöhnung anderer benutzt. So ließ der Sultan Soliman einen gefangenen deutschen Soldaten von einem Ziverg töten, der dem stattlichen Krieger nicht bis an die Knie reichte. Mit einem kleinen Säbel bohrte der Knirps zum Gaudium des grau- samcn Herrschers so lange auf sein Opfer ein, bis er endlich mit Mühe seinen Auftrag vollendet hatte. In Frankreich wurde die Mode, Zwerge zu halten, von der Mutter Ludwigs.XTll. wieder eingeführt. Einer dieser kleinen Leute hieß Grand-Jean sgroßer Hans). Katharina von Medici hatte einen Zwerg und eine Zwergin verheiratet, um die Rasse fortpflanzen zu lasten. Sie mußte, wie nach ihr auch die erste Gemahlin des Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg, die Erfahrung machen, daß ihre schönen Pläne an der Unfruchtbarkeit der Zwergcnehe scheiterten. Diese Kinderlosigkeit war nur eine zufällige, sie ist nicht durchaus die Regel, obwohl sie häufiger ist, als bei gesund ausgebildeten Menschen. Einen mit fünf lebendigen Kindern gesegneten Zwerg traf Müller in der sibirischen Stadt Jeneseik, und nach der Zahl der zu Peter des Großen Zeit am russischen Hofe lebenden Zwerge ist anzunehmen, daß mehr als eine Ehe mit Nachkommenschaft gesegnet war. Die kleinen Geschöpfe gaben Anlaß zu den merkwürdigsten Schau- stellungen. Der Erzherzog Ferdinand von Oesterreich hatte einen Zwerg, der drei Spannen(60 Zentimeter) hoch war. Als im Jahre 1568 die Hochzeit Herzog Wilhelms von Bayern mit der Prinzessin Renata von Lothringen gefeiert wurde, brachte man eine Pastete auf die Tafel, der dieser Zwerg entstieg. Er war mit vergoldetem Küraß angetan und trug eine Fahne in der Hand. So tänzelte er um die Tafel herum, jedem Gast eine zierliche Verbeugung machend. Diese Idee griff der allmächtige Ratgeber Peters des Großen, der Fürst Mcnzikoff, auf und ließ im Jahre 1716 gleichfalls an einem Hochzeitsfest zwei große Pasteten servieren, die einen Zwerg und eine Zwergin bargen. Nachdem sie beim Oeffnen der Pasteten ihrem appetirlich duftenden Gefängnis entschlüpft waren, tanzten sie ein Menuett, was ihnen und dem, der den Spaß eingefädelt hatte, den lebhaften Beifall, des Kaisers und seiner Gäste eintrug. Peter der Große ergötzte sich ganz besonders gern an dem Ge- baren der kleinen Wesen, denen gegenüber er sich so recht als der der ungeschlachte Riese fühlen mochte. Der Pasteteninhalt seines GünstlingS Mcnzikoff hatte ihm so vortrefflich gefallen, daß er noch im selben Jahre, am 24. November, eine große Zwergcnhochzeit feiern ließ. Außer dem ganzen Hofe des Kaisers waren sechsund- dreißig Zivergenpärchen unter den Hochzeitsgästen. Die Trauung wurde mit allem üblichen Pomp in der Festungskirche vollzogen, worauf in demselben Saal des Schlosses, der die von der Pasteten- Überraschung gekrönte Hochzeitsfeier gesehen hatte, ein großes Gast« mahl folgte, groß wenigstens, was die Zahl der Teilnehmer und die Fülle der Speisen und Gettänke anbetrifft, denn den zwciund- siebzig kleinen Leutchen waren ihrer Größe entsprechende Geräte gedeckt. Am oberen Ende der Tafel saß das Brautpärchen unter zwei kleinen Thronhimmeln aus Seide, ven denen der der Braut, der russischen Sitte gemäß, von drei kleinen Lorbecrkronen überragt Wurde. Neun Zwerge. einer als Marschall, mit einem Stabe von acht Untermarschällen, be» dienten die Gäste und olle unterhielten sich köstlich über die komischen Gebärden der putzigen Menschlein. Wie roh das Vergnügen dieser erlesenen Hochzeitsgesellschaft unser modernes Empfinden anmutet, erhellt die Bemerkung des Geschichtsschreibers, daß die Zwerglein allerdings komisch anzusehen waren, denn einige hatten einen großen Buckel und kleine Beine, andere einen dicken Bauch, wieder andere krumme Beine wie Dachshündchen, die meisten aber große, dicke Köpfe. Wir möchten bei einem ähnlichen Anblick eher mit Faust ausrufen:„Der Menschheit ganzer Jammer packt mich an!" Ein so verkrüppeltes Geschlecht zur Fortpflanzung zu bringen, war ein Verbrechen, das zum Glück sehr selten gelang. Nicht immer waren die Zwerge häßlich, wie das Bild des spanischen Meisters VelaSquez zeigt, der neben den Kindern seines König? ihren unermüdlichen Spielgefährten verewigt hat. Ein anderer Meister des Pinsels, Adrian van der Werff, hat den famosen Zwerg Perkco im Bilde der Nachwelt überliefert. Dieser trinkfeste Held, der den Kurfürsten Karl Philipp von der Pfalz beim Leeren der riesigen Hcidelb-xger Fässer unterstützte, genießt auch noch die unverdiente Ehre, bnfe sein hölzernes Standbild neben dem großen Heidelberger Faß steht, von alle:: den Tausenden bewunden, die jährlich das wundervolle Schloß besuchen und nie unierlassen, den kuriosen Riesenbau von einem Faß anzustaunen. Perke o, ein Tiroler von Geburt, hat seinem rrinksesten Herrn nicht nur bei dieser Beschäftigung tapfer Gesellschaft geleistet, denn er brach trotz seiner Kleinheit täglich achtzehn Flaschen die Hälse, sondert, er vertrieb ihm auch durch seine Spaße die Grillen, die sich im gut katholischen Herzen des Kurftirsten reichlich festgesetzt hatten, denn seine Heidelberger wollten durchaus nicht so wie er, sondern huldigten sehr dem Protestantismus. Wie die weltlichen Fürsten, so hatten auch die geistlichen Herren. Aebte, Bischöfe, Kardinäle und Päpste Zwerge unter ihrem Hofstaat. Als der Kardinal Vitelli im Jahre 156öin Rom ein Gastinahl gab, bedienten 8t, Zwerge, die durch ihre häßliche Mißgestalt nicht gerade sehr appetiterregend gewirkt haben sollen. Raritütenkabinette, die allerlei menschliche Monstrositäten dem Volke zur Schau stellten, wie das in Casians Panoptikum noch heute geschieht, gab es so lange, wie es Märkte und Bolksfeste gibt. Ein solcher Schaubudeubesitzer ließ in Mailand im Jahre 1846 einen Zwerg sehen, der wie ein Papagei im Käfig saß. Ein anderer kleiner Mann, der bei einein Alter von dreißig Jahren nur zwei Fuß und ein paar Zoll maß, wurde im Mai 17S7 vor dem hallischen Tor in Berlin gezeigt, wo er einem»Neu- Amerika" genannten Zirkusunternehmen angehörte. Eine eigene Schickialsironie liegt in der Tatsache, daß zur Gründung der französischen Akadeniie ein Zwerg den mittel- baren Anlaß gab. Der französisch« Bischof Anton Godeau war trotz seines Zwergwuchses ein sehr semer Kopf, ein Schöngeist seiner Zeit und vortrefflicher Kanzelrediicr. Er war 1605 in Drieux geboren und hatte frühzeitig dichterische Begabung gezeigt. Ms er 1630 bei seinen. Verwandten Conrart in Paris weilte, um ihm seine Gedichte vorzulesen(denn das Versemachen war damals noch eine sehr hoch» geschätzte Kunst), lud Conrart eine Anzahl Gelehrter ein, deren Urteil über die Werke seines Verwandten er gerne hören wollte. Diese Gesellschaft gab den Llnswß zur Gründung der französischen Mademre. Wie in Godeau em Zwerg selber dichtend auftritt, so hat man die Ztoerge mit Vorliebe als dichterische Gestalten benutzt. In Sagen und Märchen tummeln sie sich und erfreuen durch ihren gut» mutigen oder erschrecken durch ihren boshaften Charakter, in so ordnungsntüßiger Abwechselung, wie cS der Wirklichkeit entspricht. Ein Vorurteil gegen die Gemütsanlagc Zwergwüchsiger ist ebenso ungerechtfertigt, wie gegen sonst irgcnioie mißgestaltete Menschen. Zwergvölker in dem Sinne, daß sie unser europäisches Mittelmaß an Körpergröße nicht erreichen, kommen außer in Europa in allen Erdteilen vor. Besonders gehören die in Zentralafrika lebenden Alka zu ihnen. Im Kongogcbiet lebt eine ncgritische Zwergraffe, die Watwa. Diese beiden Völker sind Nomadenvölker, während die von dem früheren Gouverneur in Dar-eS-Salam, Graf von Götzen, beobachteten Wanjafaiko Ackerbau treiben. Die ausgewachsenen Leute der genannten Rasjen erreichen ein Mittelmaß von 1,30 Meter bis 1.50 Meter, ein Durch- schnitt, den auch die Eskimos und selbst' die Japaner nicht oft überschreiten. Das von Homer in der Odhsiee erwähnte Pyg- mäenvolk tvird wahrscheinlick mit einem der erwähnten kleinwüchsigen Völker identisch sein. Jedenfalls sind Leute von 1,30 Meter Höhe noch sehr stattliche Erscheinmigen neben solchen von zwei Fuß Höhe, von deuen wir im Vorhergehenden gesprochen haben. E. K Kleines f euületon* Hygienisches. Die Rauchplagt in der Großstadt. Der Dunst und Rauchgehalt der Lust in den großen Städten schädigt das leibliche wie da? geistige Wohlbefinden ihrer Bewohner auf daS empfindlichste. Da? steht fest. Zur Bekämpfung des UebelS wäre es notwendig, sämtliche Feuerstellen der Stadt.rauchlos" zu machen und eine voll- ständige Vcrzehnmg des Brennstoffs aus der Theorie in die Praxis zw übertragen. Mit der Gesundheit der Menschen wird durch den Rauch und Nebel naturgemäß auch sein wirtschaftliches Leben in schwerster Weise in Mitleidenschast gezogen. Vor allem bedeuten die mangelhaften Einrichtungen, durch die der Ruß hervorgerufen wird. selbst eine ungeheuere Verschwendung an Geld, das in Form von nutzbarem Kohlenstoff in die Luft verpufft wird. Em Beispiel für das, was erreichbar ist, bietet einer der größten Industrie- plätze der Welt, PittSbnrg, wo jetzt ein völlig rauchloses Feuerungssystem durchgeführt ist. Dabei wird eine ganz billige Kohlensorte, die im Handel gar nicht gangbar ist, verbrämet. Die Tonn« dieser Kohle stellt sich in Piltsburg auf nur etlva 3,50 M. Auch an anderen Orten der Union hat dies Beispiel Nachahmung gefunden, so daß gegenwärtig in den größeren Städten des Landes über 200 industrielle Großbetriebe rauchlos arbeiten. Der Erfolg scheint nicht so sehr von einer besonderen Konstitution des Fcueruugs- raumes abznhängen als von der Einrichtung, daß eine vollkommene Verbrennung schon stattfinden kann, eh« die Heizgase die Heizfläche des Kessels bestreichen._ Sehr wesentlich ist auch, daß die Feuerung durch Maschinenbetrieb in Ordnung gehalten wird, da Menschelikraft dabei zahlreiche individuelle Unregelmäßigkeiten mit sich bringt. Die KohkenersparniS bei dem neuen amerikanischen Feuerungshstem soll nach Ansicht der maßgebenden Kreise nicht weniger als 10 Proz. betragen., Völkerkunde. Die Schlange als Gottheit. Der afrikanische Schlangen» kult, der im Westen des Erdteils sehr verbreitet ist, kommt im Osteu viel seltener vor. Doch bestand in Uganda früher ein interessanter Schlangenkult, der heute erloschen ist und über den auf Grund von Mitteilungen des Rev. I. Roscoe im.Globus" berichtet wird. Ja einem kleinen Gebiet auf Brilonge am Westufer des Viktoria Nyansa lag ein Tempel in einem Walde am Seeufer, der der Sorge einer bestimmten Familie namens Mntima sHerz) anvertraut war. Der Bodew dieser großen kegelförmigen Hütte war mit Gras überdeckt; an einer Seite befand sich die geheiligte Stätte der Schlange, deren Wärterin niemals heiraten durfte. Das heilige Tier lag gewöhnlich auf einem Stuhl und konnte durch ein nmdes Loch in der Wand ein» und ausgehen. Auf der anderen Seite der Hütte wohnte der Priester, das sogenannte.Medium", mit seinem Gehilfen. Die Schlange war soweit gezähmt, daß sie in der Hütte blieb. Täglich brachte ihr das Medium eine große Schale mft Milch von einer der belligen, nur für die Schlange bestimmten Kühe; die Wärterin hielt ihr die Schale vor und sie trank, während sie den Kopf über den Stuhl legte. Wenn man daS Tier für einen erfolg- reichen Fischzug günstig stimmen wollte, so band der Priester dann Hühner und Ziegen am Flußufer fest, die die Schlange verschlang! Man schrieb nämlich der Schlange Macht über den Fluß und alle Fische zu; ihre Hanptkrast wurde aber darin gesucht, daß sie Kinder» segen gewähre. Darum hieß sie die„Kinderbringerin" und junge oder kinderlos gebliebene Eheleute brachten ihr Opfer und baten nm ihre Hilfe. Um die Zeit des Neumondes wurde die Schlange besonders verehrt. Schon einige Tage vorher traf man große Vorbereitungen, da nun sieben Tage nicht gearbeitet werden durfte. Erschien der Mond, dann wurden die Trommeln geschlagen, das Volk versmnmelte sich vor dem Tempel und brachte Opfergaben. Der Hauptpriester, der zugleich Häuptling des Gebietes war, nahm die Opfer entgegen, sagte der Schlange, was man gebracht habe und was man von ihr wünsche. und bekleidete das Medium mit einem heiligen Gewand, damit der Geist der Schlange in ihn fahren könne. Seltsam ausstaffiert erschien nun das Medium; zwei lange Rindcnkleider hatte es über die Schultern geworfen, zwei schöne weiße Ziegenschürzen um den Leib, auf der Brust ein Lcopardenfell, auf dem Kopf eine Krone aus Ziegenfcllstreifm, mit Perlen und Samenkörnern verziert, in jeder Hand einen Fliegenwedel aus dem Schwänze des Büffels. Nachdem der Schlangenpriester eine kleine Kürbisflasche mit Bier und etwas von der mit weißem Lehm gemischten Milch aus der Schale der Schlange getrmrken hatte, kam der.Geist der Schlange" über ihn; mit dem Geficht warf er sich auf die Erde nieder, krümmte den Leib in schlangenartigen Windmigen und stieß sonderbare Töne aus, die dem vor dem Tempel versarmneltcn Volle durch einen besonderen Dolmetscher erklärt werden mußten. Zwischen das dumpfe Dröhnen der Trommeln klangen die seltsamen Laute des Mediums, das nach einiger Zeit still wurde und da lag wie ein von Anstrengungen Lberwältigter schlafender Mensch. Nun erklärte der Dolmetscher daS Orakel, das die Schlange durch den Mund des Mediums gegeben. Während der sieben Festtage wurde diese Zeremonie täglich wiederholt. Natnrwissenschoftliches. Unsichtbare Lebewesen. Vor der Erfindung und auch noch vor der neuzeitlichen Vervollkommnung des Mikroskops sind für das»»»enschliche Auge viele Lebewesen unsichtbar gewesen. Man braucht nur an die ganze Welt der Bakterien zu denke»», deren Vor« handensem die Naturforscher erst spät ahnten, noch später nachwiesen und m ihrer hohen Bedeuwng erst im Laufe der zweften Hälfte de? vorigen Jahrhunderts kennen lernten. Obgleich oder vielleicht gerade weil die Zahl der bekannten mikroskopischen. Lebewesen seit« dem ins Ungeheure gewachsen ist, ist die Frage berechtigt, ob es noch heute Organismen geben»nag, die dein menschlichen Äuge bei der Anwendung sämtlicher technischer Hilfsmittel' unsichtbar bleiben. Heute ist der Beweis dafür erbracht worden, daß daS Mikroskop auch in seiner höchsten Vollendung nicht zur Entschleierung der gesamten Lebewelt bis zu ihren winzigsten Vertretern ausreicht. Jetzt haben wir nämlich das Ultra- Mikroskop und können mit diesem Dinge sehen, die dem gewöhnlichen Mikroskop verborgen bleiben. Immerhin hat es den Anschem, als ob große Ueberraschungen»md eine erhebliche Bereicherung unserer Kenntniffe nach dieser Richtung hin nicht mehr zu erwarten sind. Professor Molisch hat in der„Botanischen Zeitung" festgestellt, daß die meisten der gewöhnlich als ultrannkrostopisch bezeichneten Lebe« Wesen auch durch ein gewöhnliches Mikroskop wahrnehmbar gemacht werden können, wenn daS Gesichtsfeld abwechselnd erhellt und verdunkelt wird. Wenn ultramilroskopische Organismen häufig wären, so würden sie sich nach der Meinung von Molisch doch dadurch ber- raten, daß sie Kolonien bilden, die als solche dem bewaffneten Auge >»icht entgehen können. Alle Lebewesen aber, die zu Kolonien zu« sammentreten, wie namentlich die Bakterien, sind auch als einzelne Individuen unter dem Mikroskop unterschcidbar. Allerdings gibt auch Molisch die Möglichkeit deS Vorhandenseins ultramikroskopischer Lebewesen zu. «erantw. Redakt..: Wilhelm Düwell, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: äJorSgrts Buchdruck«»«�«Jdßlanßalt lauj Singer üeZe,.Bulw SW.