NnterhattMgsbtatt des vorwärts Nr. 139. Mittwochs den 21. Juli. 1909 IlNachdruil verboten.) 15] Die Inlelbauern. Roman von August Strindberg. Deutsch von Emil Schering. Von der absichtlichen Vernachlässigung der Treulosen ge> reizt, die in fünf Minuten das letzte kleine Verlprechen, ihm zum Abschied zu winken, vergessen hatte: von den Schimpf Worten der übermütigen Stadtflegel so verletzt, als habe er den Stock gekostet: vom Anblick der fetten Erde, der fisch- reichen Gewässer, der warmen Hütten entzückt, faßte er seinen Entschluß: einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das falsche Herz zu prüfen, das ihn vielleicht schon vergessen hatte: dann aber zu nehmen, was genommen werden konnte, ohne daß man stahl. Als er nach Hause zurückkam und die Großstuga leer stehen, die Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten draußen herumliegen sah, würgte es ihn im Hals, als habe er Apfelstücke quer geschluckt. Nachdem er feine Andenken an die ziehenden Sommer gaste in einen Sack gesammelt, schlich er so lautlos wie mog lieh auf seine Kammer hinauf. Dort verbarg er seine Schätze unter dem Bett, setzte sich an den Schreibtisch, holte Papier und Feder hervor und machte sich bereit, einen Brief zu schreiben. Die erste Seite ergoß sich in einem einzigen Wortstrom, teils aus seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der „Sagengeschichte" und den„Schwedischen Volksliedern" von Afzelius: die hatten einen starken Eindruck auf ihn gemacht, als er sie beim Verwalter in Wärmland gelesen. „Liebe, geliebte Freundin!" begann er.„Einsam sitze ich hier auf meinem Kämmerchen und sehne mich ganz furchtbar nach Dir, Ida. Als seis gestern gewesen, weiß ich noch wie Du hierher kamst: wir säeten Frühlingsroggen und der Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es Herbst, und die Bur- sehen sind draußen auf der Schäre, um Strömling zu fangen. Ich würde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist wärst, ohne mich vom Dampfer noch einmal zu grüßen, wie es der Professor so freundlich vom Achterdeck getan. Es war leer wie ein Loch nach Dir heute abend, und das ist vor allem der Grund, warum der Kummer so schwer lastet. Damals beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst Du Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als hätte ichs auf- geschrieben: aber ich bin auch imstande, zu halten, was ich verspreche. Dazu sind aber nicht alle imstande: doch das ist einerlei, und ich frage nicht so genau danach, wie die Men- schen gegen mich sind: die ich aber einmal liebe, die vergesse ich nicht: das möchte ich gesagt haben." Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die Bitterkeit kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern tauchte auf, vor den Versuchungen der Stadt mit ihren Ver- gnügungen; und im Bewußtsein, daß er außerstande sei, den befürchteten Sündenfall zu verhüten, schlug er die edlern Gefühle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng, sittlich: ein strafender Rächer, durch dessen Mund ein anderer sprach: „Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der großen Stadt umhergehst, ohne daß ein Arm Dich stützt, der Gefahr und Versuchung von Dir abwenden kann: wenn ich an alle die sündhaften Gelegenheiten denke, die den Gang breit und den Fuß leicht machen, fühle ich einen Stich in meinem Herzen: ist mirs, als habe ich vor Gott und Menschen unrecht getan, daß ich Dich ins Garn der Sünde ließ; wie ein Vater hätte ich Dir sein sollen, Ida: und Du hättest dem alten Carlsson wie einem rechten Vater vertraut.. Bei den Worten„Vater" und„alter Carlsson" wurde er weich und erinnerte sich an das letzte Begräbnis, das er mitgemacht hatte. „Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im Herzen und auf den Lippen hat. Wer weiß, wie lange der alte Carlsson(et liebte das Wort bereits) hier noch wandelt: wer weiß, ob nicht die Zahl seiner Tage gezählt sind, wie die Wassertropfen in der See oder die Sterne in der Luft: viel, leicht, ehe man sichs versieht, liegt er da wie trockenes Heu... Dann wird vielleicht jemand ihn ausgraben wollen, ders jetzt nicht glaubt: aber wir wollen ho,se..> und beten, daß er noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus der Erde kommen und die Turteltaube sich in unserem Land hören läßt. Dann ist eine liebliche Zeit für manchen, der jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten singen möchte.. Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mußte das Testament aus seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber er hatte die Wahl zwischen hundert Psalmen, und Klara rief schon zum Abendbrot: er mußte also aus der Menge einen herausgreifen, und er nahm: „Die Weiden in der Wüste sind auch fett, daß sie triefen. und die Hügel sind umher lustig. Die Anger sind voll Schafe. und die Auen stehen dick voll Korn, daß man jauchzet und singet." Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine glückliche Anspielung auf die Vorzüge, die das Landleben vorm Stadt, leben hat: und da das gerade der wunde Punkt war, beschloß er, ihn nicht mehr zu berühren, sondern die Anspielung für. sich sprechen zu lassen. Dann überlegte er, was er noch schreiben solle: fühlte sich hungrig und müde; konnte sich nicht verhehlen, daß es schließlich einerlei sei, was er schrieb, denn Ida war ihm doch wohl verloren, bis der Frühling wiederkam. Darum unterzeichnete er„Treu und ergeben" und ging hinunter in die Küche, um zu Abend zu essen. Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich auf- gemacht. Unruhig kam die Alte und setzte sich an den Tisch, an deni sich Carlsson niedergelassen, nachdem er ein Talglicht angesteckt hatte. Die Mädchen gingen still und abwartend zwischen Herd und Tisch hin und her. „Carlsson, er soll heute abend ein Glas Branntwein haben," sagte die Alte.„Ich sehe, er hats nötig." „Ja ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu bringen," antwortete Carlsson. „Darum muß er sich jetzt ausruhen," meinte die Alte und ging nach dem Stundenglas.„Aber was für ein Wind heute abend ist, und von Osten kommt er auch: die Burschen werden es heute nacht schwer haben mit den Netzen." „Da kann ich ihnen nicht helfen: übers Wetter vermag ich nichts," biß Carlsson den Faden ab.„Aber nächste Woche muß es schön werden; da denke ich mit dem Fischboot nach der Stadt zu fahren, um selber mit dem Fischhändler zu sprechen." „Soso, das will er, Carlsson?" � „Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen Preis für die Fische: und das muß doch wohl an irgendetwas liegen: wer nun die Schuld haben mag." Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Geschäft als der Fischhandel führe ihn nach der Stadt. „Hm!" sagte sie.„Dann ist er wohl so artig und spricht beim Professor vor?" „Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe: er hat nämlich einen Flaschenkorb hier vergessen..." „Sehr nette Menschen waren es jedenfalls. Will er nicht noch eine Halbe nehmen, Carlsson?" „Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und ich glaube, sie kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich von Ida hörte." Mit großem Vergnügen sprach er den Namen aus, und er legte seine ganze Ueberlegenheit hinein. Die Alte fühlte auch, wie sehr sie ihm unterlegen war: eine Glut stieg ihr in die Wangen und ein Brand in die Augen. „Ich glaubte, es sei aus zwischen ihm und Ida," flüsterte die Alte. „Nein behüte, weit davon," antwortete Carlsson, der sehr wohl wußte, wie er seine Schnur einholen mußte, und daß etwas am Haken saß., .„Wollt Ihr Euch denn heiraten?" „Gewiß, wenn die Zeit kommt: aber ich muß mich erst nach einer neuen Stellung umhören."-~'■ v ES zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die magere Hand zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieber- kranken am Laken zupft. „Er gedenkt uns zu verlassen?" wagt« sie mit zitternder, Vertrockneter Stimme zu sagen. „Einmal muß es doch sein," antwortete Carlsson; früher oder später will man sein eigener Herr werden; und sich für andere abarbeiten, tut man nicht gern um nichts." Klara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson wurde plötzlich von einer Lust erfaßt, mit ihr zu schäkern. „Nun, Klara, seid Ibr nicht bange davor, heute nacht allein schlafen zu müssen, da die Burschen fort sind? Viel- leicht wollt Ihr, daß ich hinunterkomme und Euch Gesellschaft leiste?" „Oh, das ist durchaus nicht nötig!" antwortete Klara. Einen Augenblick herrschte Schweigen in der Küche. Man hörte, wie draußen der Sturm durch den Wald sauste, das Laub von den Birken riß, an den Feldzäunen rüttelte, an Wetterfahnen und Dachtraufen zauste. Zuweilen fuhr ein Windstoß in den Schornstein hinein und bließ Feuer und Rauch aus vom Herdmantel, daß'Lotte sich die Hand vor Augen und Mund halten mußte. Als der Wind einen Augenblick ausblieb, hörte man das offene Meer gegen die östliche Landspitze schlagen. Plötzlich schlug der Hund draußen auf dem Hofe an, und das Gebell entfernte sich, als sei der Hund jemandem entgegen ge- sprungen, um ihn zu begrüßen oder zu bedrohen. „Seh' er bitte nach, wer das sein kann," sagte die Alte zu Carlsson. Der stand sofort aus und ging zur Tür hinaus. Er sah nur ein Dunkel, das so dick war, daß man es mit einem Messer schneiden konnte; und der Wind empfing ihn mit einem Stoß, daß ihm das Haar wie Erbsensträucher um den Kopf stand. Er lockte den Hund, aber das Gebell war be- reits unten ans der Ouellwiese und klang jetzt freudig, als erkenne das Tier einen Menschen. „Es kommt so spät noch Besuch," sagte Carlsson zur Alten, die sich in die Tür stellte.„Wer kann das sein? Ich muß wohl gehen und nachsehen. Klara, steck die Laterne an und gib mir meine Mütze!" (Fortsetzung folgt.) Die fraucn in der engUfeben Revolution. An der französischen Revolution haben die Frauen bedeutenden Anteil genommen. Jedes Buch über die Geschichte der stanzösischen Umwälzung erwähnt den Zug der Frauen nach Versailles, die Namen von Theroigne de Möricourt und Madame Roland. Weniger bekannt ist, daß auch schon in der englischen Revolulion des siebzehnten Jahrhunderts das weiblikbe Geschlecht eine beträcht- liche Rolle gespielt hat. Eine so beträchtliche Rolle, daß in dem satirischen Revolutionsepos des gleichzeitigen Dichters Butler, im »Hudibras", der puritanische Titelheld sogar sagt: „Wir waren ohne sie verloren, Die unsre ersten Apostel waren; Weiber, die alles angewandt. Wodurch die Sache Fortgang fand. Sie brachten Kinderpfeifchen her, Ums Schwert zu kaufen und Gewehr; Warben den Buhlen, wie den Mann, tiir die Partei der Heiligen an; itrebten, wie sie manch Hochbegabten Von der Bischofspartei wegschnappten, Und setzten ihn durch ihre Regung Für uns in heftige Bewegung,. Und Butler malt dann weiter in seiner Art die weibliche Mit- Wirkung an der puritanischen Agitation aus, indem er gar behauptet, daß die Frauen mit zarter Hand den müden Rednern„Seit' und Lenden" gerieben und sie mit Roastbef, Pudding und Kuchen zu neuen Debatten gekräftigt hätten. Wo in seinen Kiiittelreimen von den Gaben der Frauen die Rede ist, wird auf die Tatsache angespielt, daß bei dem Ausbruch des Bürgerkrieges unter der Menge der zur Errichtung eines Parlamcntsheeres steiwillig Beisteuernden auch die Frauen, besonders auch solch- aus den ärmeren Schichten der Londoner Bevölkerung stark vertreten waren. Nach einem gleichzeitigen Historiker brachte die Näherin ihren silbernen Fingerhut, das Dienstmädchen seinen Haarpfeil, die Köchin ihren silbernen Löffel und manche Frauen sogar Trau- und Ohrringe zum Opfer. In dieser Zeit, wo die gewaltige Auseinandersetzung zwischen Königtum und Parlament, Kavalieren und Puritanern vor der Tür stand, versicherten auch die Londoner Frauen das HauS der Gemeinen ausdrücklich ihrer Teilnahme und drängten zu energischem Vorgehen. Am 3. Februar 16-42 erschienen eine Menge von Frauen in der Nähe des Parlamcntsgebäudes und verlangten gehört zu werden, entfernten sich auf das Drängen des Befehlshabers der Parlamentswache, nach- dem sie erklärt hatten, für jede einzelne Frau, die diesmal gekommen sei, würden am anderen Tag fünfhundert kommen. In der Tat erschienen ani 4. Februar 1642 Tausende von Frauen in Westminster, an ihrer Spitze als Sprecherin Anne Stagge, die Frau eines Londoner Brauers, mit. einer Petition, worin es unter anderem hieß, die Frauen litten ebenso gut wie die Männer unter den öffentlichen Mißständen; sie wollten sich zwar nicht den Männern an Autorität oder an Weisheit gleichstellen, aber sich doch, so viel an ihnen wäre, ihrer Pflichten gegen ihr Land entledigen. Man konnte nicht umhin, ihre Petition anzuhören und zu beantworten, und zu diesem Zweck erschien sogar der angesehenste Führer der Puritaner im Parlament, der Abgeordnete Pym. in der Mitte der Frauen, um ihnen den Dank des Unterhauses abzustatten und zu verkünden, daß das Parlament immer zur Verteidigung ihrer selbst, ihrer Gatten und Kinder bereit sein würde. Pym konnte es sich übrigens als typischer Spießer nicht verkneifen, einen leisen Tadel des Vorgehens der Frauen in seine Ansprache einfließen zu lassen, indem er sie beschwor, nach Hause zurückzukehren und ihre Petitionen in Gebete für den Erfolg der parlamentarischen Arbeiten zu verwandeln. Die Frau Stagge, die an der Spitze dieser Demonstration stand, war die Gattin eines wohlhabenden Mannes, die große Mehrzahl ihrer Genossinnen aber wird wohl aus Kleinbürger- und Proletarierstauen bestanden haben. Unter den Frauen der besitzenden Klassen von London waren zahlreiche Gegner des Bürgerkriegs. Aus diesen mehr oder minder royalistisch gesinnten Kreisen von Londoner Frauen in erster Linie ging im folgenden Jahre 1643, als der Revolutionskrieg schon lange tobte und im Augenblick für das Parlament nicht sonderlich günstig stand, eine weibliche Demonstration gegen den Krieg hervor, die ein tragisches Ende nahm. Am Morgen des 9. August 1643 fanden sich zwei- bis dreitausend Frauen, mit weißen Bändern geschmückt, in Westminster ein mit einer Petition, die den Frieden verlangte, damit diese Zeiten der Not ein Ende nähmen und der Handel wieder auf- lebe. Auf die Versicherung eines Abgeordneten, daß das Parlament auch den Frieden wünsche, auf sein Ersuchen, nach Hause zu gehen, reagierten die Fraucn nicht nach Wunsch; sie blieben vielmehr, und ihre Zahl wuchs bis Mittag auf mehr als fünf- tausend. Ein Teil von ihnen drang schließlich bis an die Tür des Hauses der Gemeinen vor unter Hochrufe» auf den Frieden und mit dem Verlangen, ihnen die verräterischen Gegner des Friedens auszuliefern, damit sie sie in Stücke reißen könnten. Die Demon« strantinnen wurden von der Bedeckung des Parlaments bis an den Fuß der Treppe zurückgedrängt, wobei, um sie einzuschüchtern, einige blinde Schüsse abgefeuert wurden. Auf diese provozierende Maß- regel antworteten die Frauen mit einem Steinhagel, und nun wurde scharf auf sie geschossen; gleichzeitig hieb eine Schwadron Kavallerie ein. Die Demonstrantinnen leisteten erst noch einigen Widerstand, flohen aber natürlich schließlich und ließen sieben oder acht der« wundete und zwei tote Frauen zurück; eine hiervon war eine be- kannte Bänkclsängerin. Dieser Sieg über unbewaffnete Frauen war, wie kaum gesagt zu werden braucht, kein besonderes Helden- stück der Parlamentspartei. Man darf aber nicht außer Acht lassen, daß der Vorgang unter ziemlich verzweifelten Umständen erfolgte: man sah nämlich gerade einem unmittelbaren Angriff des Junker- hcereS auf London selbst entgegen und war also, vom äußeren Feinde bedroht, dem inneren nicht besonders grün. Die große Mehrzahl der Bevölkerung, die auf feiten des Parlaments stand, war Tags über gar nicht in der Stadt, sondern war draußen damit beschäftigt. eine Verschanzungskette von zwanzig Kilometer Länge herzustellen. Unter den Menschen- masien, die da alle Morgen mit Hacken und Spaten unter dem Klange von Trommeln und Pfeifen hinauszogen, waren auch große Mengen von Frauen. Auch Butler ninimt von den militärischen Leistungen der Londoner Frauen im.Hudibras" mit den Worten Notiz: .Wie vieles haben sie London Im Dienst der Sache ausgestanden I Mit Fahn' und Trommel aufmarschiert, Bis an das Maul sich retranschiert, Mit zarten Händen Wälle gemacht Und unfern Feind zum Stch'n gebracht. Vom Austerweibe bis zur Dam' Jede mit Hack' und Schaufel kam Und half den Männern im Laufgraben, Wie Hamstern, in der Erde graben. Da wählten Mägde in der Stadt AuS ihren Mitteln einen Rat Und sparten, was sie sau'r erwarben, Um Reiter damit anzuwerben...." Der Bürgerkrieg endigte bekanntlich zuletzt mit dem Siege des Parlaments, ttnd nachdem im Parlament mit Hilfe des revolutionären Heeres die radikaleren Jndependenten über die gemäßigten Presby- teriancr Herren geworden waren, wurde 1649 KnrlI. prozessiert und hingerichtet, England zur Republik erklärt. Gleich in die ersten Zeiten der Republik, ins Frühjahr 1649, fällt nun ein Kampf zwischen der jetzt regierenden Partei der Jndependenten und der klein- bürgerlichen Deniolratie der Levellers oder Gleichmacher, die all- gemeines Wahlrecht, Gewerbe- und Handelsfreiheit, Beseitigung der indirekten Steuern usw. verlangen und im Heer, aber auch in der unter Teuerung und Daniederliegen von Handel und Wandel leidenden Bevölkerung beträchtlichen Anhang hatten. Und unter den Demokraten finden sich nun auch zahlreiche Frauen, die lebhaften Anteil an den Vorgängen nehmen. So an der Verhaftung des an- gesehensten Demokratensiihrcrs John Lilbnrne, den das Parlament lvegcn einer heftigen Flugschrift gefangen setzte und mit einer Hoch- Verratsklage bedachte. Unter den Maffenpelitionen zu Lilburnes Gunsten, die nun zahlreich beim Parlament einliefen, war auch eine solche von Londoner Frauen. Am 23. April 1649 richteten sie an das Parlament das dringende Gesuch, Lilburne der Freiheit wieder- zugeben. Tausende von Frauen fanden sich mit der Bittschrift beim Parlament ein. Sie waren in großer Aufregung, weil sie glaubten, daß Lilburne und seine Leidensgefährten nächtlicherweile in Whitehall umgebracht werden sollten. Sie sagten, das Haus habe dadurch, daß es die Verbreiter von Lilburnes Schrift für Verräter erklärt, deft Leuten eine Scklinge gelegt.' da man kaum über die gegenwärtigen Zeitverhältnisse sprechen könne, ohne ähnlich wie dies Buch zu sprechen, so daß alle Redefreiheit damit gänglich ab- geschnitten fei und man siih keine ärgere Sklaverei denken könne. Das Parlament wollte den Frauen kein Gehör schenken, sondern bedeutete sie geringschätzig, sie sollten nach Hause gehen und ihr Geschirr abwaschen. Darauf gaben einige, die Haare auf den Zähnen hatten, die bissige Antwort, sie hätten kein Geschirr und auch kein Fleisch mehr. Alle hatten sie sich gewiß ihre eigenen Gedanken gemacht über den parlamentarischen Bescheid, der, wie ein gleichzeitiger Geschichtsschreiber sagt, so verschieden war von den Antworten, die sie zu bekommen pflegten,„als sie Geld, Silberzeug, Ringe, Haarpfeile und Fingerhüte den Gesetzgebern zu opfern hatten." Acht Tage später hatten die demokratisch gesinnten Frauen wieder Gelegenheit, für ihre Ueberzeugung zu demonstrieren. Unter den Truppen in einem Londoner Regiment war der Widerstand gegen die Herrschast der Jndependenten und der mit ihnen ver- bündeten Armeeleitung zum Ausbruch gekommen. Die Meuterei war aber niedergeschlagen worden und hatte die standrechtliche Erschießung eines jungen Soldaten namens Lockyer zur Folge, der mit der Stand- hastigkeit einer gefestigten Ueberzeugung starb und von den Demokraten als Märtyrer der Bolkssreiheit gefeiert wurde. Sein Begräbnis am 39. April 1649 gestaltete sich zu einer großen Demonstration, und auch die Frauen waren in großer Zahl daran beteiligt. Tausende von ihnen gingen im Leichenzuge mit und be- kundejen durch Abzeichen in der grünen Farbe der Gleichmacher, daß sie sich zur demokratischen Partei rechneten. Die Glcichmacher waren nicht folgerichtig genug, um auch die Gleichberechtigung der Frau auf ihr Programm zu setzen. Im Lilburneschen Volksvertrag ist nichts Derartiges zu finden; das all- gemeine Wahlrecht wird nur für Männer gefordert. Und auch der Wortführer der sogenannten wahren Gleichmacher, das heißt der Kommunisten, die sich 1649 von der kleinbürgerlichen Demokratie absonderten, auch Gerard Winstanley tritt nicht für den Gedanken des Frauenstimmrechts ein: in seinem Entwurf eines demokratisch- kom- munistischen Gemeinwesens findet sich das Wahlrecht auf die Männer be- schränkt. Man darf aber deshalb nicht glauben, daß der Gedanke der Gleich- berechtigung des weiblichen Geschlechts zur Zeit der englischen Revo- lution gar breiten Boden gefunden. Die Idee ist vielmehr zweifel- los bereits in den ersten Zeiten der Revolution aufgetaucht. 1647 erscheint schon eine Flugschrist, die sich betitelt„Ein Zzauenparlament" und die weiblichen Ansprüche auf Gleichberechtigung lächerlich macht. Daß es schon 1641 Frauen gab, die anders als jene Petentinnen des nächsten Jahres, sich den Männern von Autorität und Weisheit gleichzustellen gedachten, erhellt aus einer Schrift des genannten Jahres, wonach bereits sechs Frauen als Prediger aufgetreten waren, und das war, in jener Zeit der kirchlichen Einkleidung von politischen Dingen, die handgreiflichste Vollendung von Auflehnung gegen die männliche Alleinherrschaft im öffentlichen Leben. Das rednerische Auftreten von Frauen, zunächst in den Londoner Straßen, wurde seitdem häufiger. So bemerkt ein Historiker zum Jahre 1645, daß eine„gewöhnliche" Frau eine Volksrede gehalten habe.„Zuerst sagte sie zu den Umstehenden: Wenn jemand ein Wort der Ermahnung hat, so rede er. Als alle schwiegen, fuhr sie fort: Jetzt ist jene Zeit, worin sich erstillt, was Gott versprochen hat: Ich werde meinen Geist in die Mägde er- gießen, und sie werden weissagen." Gang und gäbe wurde das öffent- liche Auftreten von Frauen, als in den fünfziger Jahren die proletarische, kommunistisch gefärbte Sekte der Quäker um sich griff. In ihrer Agitation spielten die Frauen eine so große Rolle, daß anfangs vielfach geglaubt wurde, die neue revolutionäre Sekte bestehe überhaupt bloß aus Frauen. Der angesehenste unter den ersten Ouäkerführern, Fox, bejahte ohne weiteres die Frage, ob die Frau berufen sei, am öffent- lichen Leben teilzunehmen. In demselben Brief, worin er erklärt, daß jedermann ein Priester sei, wirst er die Frage auf:„Sind Frauen Priester?" und antwortet:„Ja, Frauen sind Priester." Die Quäker waren einhellig darin, daß das„innere Licht", d. h. die Vernunft, seine Segnungen über die ganze Menschheit ausgießt und keinen Gcschlechtsunterschied kenne, und daß also das Weib als gleich- berechtigt zu betrachten und zu behandeln sei. Demgemäß besaßen denn auch die Frauen bei den Quäkern ebensogut das Stimmrecht wie die Männer. Mit diesen Ideen waren sie freilich unendlich viel weiter als die große Mehrzahl ihrer Zeitgenossen, denen es gewiß noch unfaßbar vorkam, daß die Frau je gleichberechtigt werden könne mit dem Herrn der Schöpfung. A. C o n r a d y. Die Sonne als Cnergie2enmim.*) Wenn die einzelnen Energieformen auseinander entstehen, sich einander umwandeln können, so liegt ein Gedanke von hohem Interesse nahe. Man kann näml-ch die vorhandenen Energien in ihrer Entstehung rückwärts verfolgen mit der Vermutung, viel- leicht eine gemeinsame Quelle zu finden. Es wäre ein das mensch- liche EinheitsbedürfniS in hohem Maße befriedigendes Resultat, wenn es gelänge, alle Zustände und Vorgänge auf ein Zentrum, auf eine gemeinsame Wurzel zurückzuführen. In der Tat ist dieses Problem gelöst worden. Alle Energieformen haben ihren letzten Ursprung in der Sonne, in der Sonnenenergie. Die Sonne ist die Ursache aller Veränderungen, sowohl in der organischen als auch in der anorganischen Welt. Diese Tatsache hat die Mensch- heit frühzeitig ahnend und gesühlsmätzig erfaßt. Der Sonnenkult der alten Kulturvölker, der Aegypter, der Phönizier, der Babhlonier und Assyrer hat hierin seine Wurzel. Prometheus raubte den kulturbringenden Fcucrfunken aus dem Himmel der olympischen Götter. In dieser Sage liegt das Bewußtsein von der ungeheuren Bedeutung des Feuers für die Menschheitsentwickelung und die Ahnung, daß auch das irdische Feuer dem Glutball der Sonne entstammt. Die Germanen feierten die Wintersonnenwende als das Ende des winterlichen Todes, als Rückkehr des Lebens, und die Sommersonnenwende als den Höhepunkt desselben. Was früher gefühlsbetonte religiöse Ahnung war, das ist gegenwärtig klare Erkenntnis geworden. Die Erde erhält alle Energie in Gestalt von Sonnenstrahlen, die Licht und Wärme spenden. Täglich sendet das Muttergcstirn durch den Weltenraum aus Entfernungen von Millionen Kilo- meiern ungeheure Energiemengen seinen Kindern, den Planeten. Ungehindert gehen die Strahlen durch den Weltenraum. Es ist nichts da, was sie aufhalten und schwächen könnte. Erst wenn die Strahlen aus die Planeten treffen, werden sie aufgefangen, wird der Schatz, der in ihnen ruhenden Energie in Bewegung und Leben umgesetzt. Das Licht tritt nus als eine neue Energieform entgegen. Es steht in inniger Beziehung zur Wärme. In den Sonnenstrahlen nämlich sind Licht und Wärme so innig verbunden, daß sie durch kein Mittel voneinander getrennt werden können. Läßt man in dunkles Zimmer durch einen engen Spalt Sonnenlicht fallen, das man durch ein Glasprisma bricht, so ent- steht das bekannte Sonnenspektrum, ein Band, das die sogenannten Regenbogenfarben zeigt vom Rot bis zum Violett. Mit einem empfindlichen Thermometer kann man zeigen, daß sämtliche farbigen Strahlen, die das weiße Licht zusammensetzen, mit Wärme ver- banden sind. Merkwürdig ist aber, daß die Wärmewirkung weit über das sichtbare Spektrum hinausreicht. Weit jenseit des Rot noch ist ein bedeutendes Steigen des Thermometers zu konstatieren. Das ist nur so zu erklären, daß im Sonnenlicht auch Strahlen enthalten sind, die durch das Prisma anders gebrochen wurden wie die farbigen Strahlen, daß wir jenseit des Rot Wärmestrahlen vor uns haben, die nicht mit Lichtwirkungen verbunden sind. Auch jenseit des Violett gibt es noch Strahlen, deren Vorhandensein man mittels der photographischen Platte nachweisen kann. Das zwingt uns zr» der Annahme, daß Wärme- und Lichtstrahlen nicht wesentlich voneinander verschieden sind. Der Unterschied beruht nicht in den Strahlen an sich, sondern in der Beschaffenheit unseres Auges, das nur Strahlen bestimmter Brechbarkeit wahrzunehmen vermag. Die Strahlen jenseit des Rot empfinden wir nur als Wärme, nicht mehr als Licht. Dirse Auffassung wird klar durch eine Analogie. Wir denken uns eine schwingende Saite. Die Zahl der Schwingungen, der Ton wird höher mit steigender Spannung. Es gibt nun eine bestimmte Grenze der Spannung, eine bestimmte Grenze der Schwingungszahl nach unten, wo wir das Schwingen der Saite nicht mehr mit dem Ohr wahrzunehmen vermögen. Wohl aber können wir die Schwingungen noch mit dem Tastsinn empfinden. Wenn wir den Finger an eine schwingende Saite halten, so haben wir eine ganz bestimmte Tastempfindung. Oberhalb der Grenze haben wir Gehör- und Tastempfindung. unterhalb nur Tasteinpfindung. So ist es auch bei dem durch das Prisma zerlegten Sonnenlicht. Einen Teil der Strahlen empfinden wir als Licht und Wärme, einen Teil nur als Wärme. Die Licht- strahlen sind identisch mit Wärmestrahlen, nur können wir sie zu- gleich mit dem Auge wahrnehmen. Da wir die Wärme als Energieform betrachten, ist leicht ein- zusehen, wie man die Energie der Sonnenstrahlen messen kann. Man braucht sie nur durch einen Körper vollständig aufzufangen und die Erwärmung desselben in Kalorien auszudrücken, um die *) Wir entnehmen diese Ausführungen dem 256. Bändchen der Sammlung„Aus Natur und Geisteswelt"(Verlag von B. G. Teubner, Leipzig): Die Lehre von der Energie von Dr. Alfred Stein(Preis geb. 1 M., geb. 1,25 M.), das in einfacher Weise eine Vorstellung von der Einheitlichkeit zu ver- Mitteln sucht, die durch die Aufstellung des Energiebegriffs und des Energiegesetzes in unsere gesamte Naturauffasjung gekommen ist. Vroße der Sonnenenergie zu bestimmen. Vollständig verschluckt, absorbiert, werden Sonnenstrahlen von Körpern, die kein Licht zurückwerfen, die uns also lichtlos, d. h. schwarz erscheinen. Man benutzt zur Messung das Pyrheliometer, ein Wasser enthaltendes Gefätz aus dünnem Silbeeblech. Dieses wird an einer Fläche mit Nutz geschwärzt, so daß nahezu alle Sonnenstrahlen absorbiert werden. Diese Fläche stellt man senkrecht gegen die Sonnen- strahlen, die eine Erwärmung des Wassers bewirken werden. Wenn seine Menge und Temperaturerhöhung bekannt ist, kann leicht die abgegebene Wärmemenge in Kalorien bestimmt werden. Denken wir uns den Apparat an der Grenze der Atmosphäre aufgestellt. Durch das Ouadratzentimeter der dem Licht senkrecht zugewandten berußten Fläche erhält er in einer Minute eine be- stimmte Wärmemenge, die man die Solarkonstante nennt. Sie beträgt 3 Grammkalorien(eine Grammkalorie ist die Wärmeein- heit, rie imstande ist, ein Gramm Wasser um einen Grad Celsius ln der Temperatur zu erhöhen). Die Energie, die auf diese Weise der Erde bei ihrer gewaltigen Oberfläche zugeführt wird, ist von ungeheurer Größe. Betrachten wir die Energie, die Quadratmeter(10 000 Quadratzentimeter) erhält. Sie beträgt 30 000 Grammkalorien in der Minute oder 500 Grammkalorien in der Sekunde, gleich Vt Kilogrammkalorie. Diese entspricht 213,5 Meterkilogramm pro Sekunde. Das ist ein Effekt von beinahe K Pferdestärken. Es ist allerdings zu beachten, daß nicht jede Flächeneinheit der Erde diese Energiemenge in der Sekunde erhält. Es wird ja immer nur die Hälfte der Erdkugel beleuchtet. Außerdem fallen die Sonnenstrahlen nur in der Gegend des Aequators senkrecht auf. Es läßt sich aber leicht der Durchschnittswert der Energie für die Flächeneinheit der Erde berechnen, wenn man bedenkt, daß die Lichtmenge, die von einer Kugel aufgefangen wird, gleich ist der Lichtmenge, die senkrecht auf den größten Kugelkreis fällt. Man sieht dies leicht ein, wenn man sich das Licht, das auf die Kugel fällt, durch eine Kreisfläche, die senkrecht von den Sonnen- strahlen getroffen wird, abgefangen denkt. Diese Kreisfläche muß gleich dem größten Kugelkreise sein. Der größte Kugelkreis nun ist der vierte Teil der Kugeloberfläche. Die Sonnenenergie, die durchschnittlich auf die Flücheneinheit der Erde kommt, beträgt demnach den vierten Teil von dem Werte der Solarkonstanten. Außerdem ist zu berücksichtigen, daß nicht alle Sonnenenergie durch die Atmosphäre hindurch auf die Erdoberfläche gelangt. Die Strahlung wird beim Durchgang durch die Lufthülle geschwächt, Das beruht auf einer besonderen Eigenschaft der Sonnenstrahlen. Geht Licht von einem Mittel in ein anderes, z. B. aus Luft in Wasser, so wird die Richtung der Fortpflanzung geändert, der Lichtstrahl wird gebrochen. Außerdem aber wird ein Teil der Strahlen an der Grenzfläche zurückgeworfen, reflektiert. Die Atmosphäre nun ist kein in allen Putikten völlig gleichartiges Mittel. Zunächst ist in ihr immer Staub in feinster Verteilung enthalten. Außerdem besteht sie selbst ja aus Molekülen, die durch Zwischenräume getrennt sind. An den Staubteilchen und an den Lustmolekülen wird demnach eine Reflexion der Lichtsirahlen statt- finden. Da diese offenbar nach den verschiedensten Richtungen hin Brfolgt, so wird eine Zerstreuung des Lichtes eintreten. ES werden aber nicht alle Strahlen des Sonnenlichts gleich stark reflektiert. Das liegt daran, daß die reflektierenden Teilchen außerordentlich klein sind. Denken wir uns Wasserwellen von verschiedener Größe. Hindernisse werden auf sie nicht die gleiche Wirkung haben. Wäh- rend eine kleine Welle von einem Hindernis völlig aufgehalten und zurückgeworfen werden kann, kann eine große Welle das Hindernis überschreiten. So werden auch die kleineren Lichtwellen viel stärker reflektiert als die größeren. Es sind demnach die lblauen Strahlen, als die Strahlen kleinster Wellenlänge, auf die sich die Reflexion und damit die Zerstreuung besonders erstreckt. Wohin wir in der Atmosphäre den Blick auch wenden mögen, von allen ihren Punkten gelangen reflektierte blaue Strahlen in unser Auge. Das ist die Erklärung für die Blaufärbung des Himmels. Auch die verschiedene Färbung der Sonne wird dadurch begreif- lich. Am Horizont erscheint sie auffällig rot. Die Zerstreuung des blauen Lichtes ist offenbar um so größer, je größer der Weg ist, den die Sonnenstrahlen in der Atmosphäre zurücklegen. Den längsten Weg in der Lufthülle durchmessen nun die Strahlen der Sonne bei ihrem Auf- und Niedergang. Demnach wird hier der größte Teil des blauen Lichts zerstreut, und es überwiegen die Strahlen vom anderen Ende des Spektrums, also die roten. Wenn die Atmosphäre in dieser Weise auch etwa ein Drittel der Sonnenenergie zerstreut, so ist doch die zur Erdoberfläche ge- langende Menge noch groß genug. Sie würde imstande sein, eine die Erde umgebende Eisschicht von über 30 Meter Dicke im Laufe eines Jahres zu schmelzen. UebrigenS ist die Rolle, die die Atmo- fphäre im Wärmehaushalt spielt, nicht etwa für das Leben der Erde nachteilig, sondern im höchsten Grade zweckmäßig. Das Sonnenlicht wird zum größten Teile hindurchgelassen. Es erreicht die Erdoberfläche und erwärmt hier den Erdboden, der es ab- forbiert. Wärme kann nun auch durch Strahlung abgegeben wer- den. Licht- und Wärmestrahlen sind ja überhaupt identisch. In- folge der Absorption(Verschluckung) aber existieren keine Lichtstrahlen mehr, sondern nur noch dunkle Wärme- strahlen. Für diese aber ist die Atmosphäre viel un- durchlässiger als für jene. So absorbiert die Lufthülle ?8 Proz. der Strahlung der Erde und verhindert die Wärmeabgabe an den Weltraum. Sie tvirkt ähnlich lvie die GlaS- fenster der Wärmehäuser, die auch die leuchtende Strahlung der Sonne leicht einlassen, das Zurückstrahlen aber verhindern, wenn die Sonnenstrahlen in dunkle Wärmestrahlen verwandelt worden sind. kleines femUeton. Geographisches. Europa trocknet aus? Für die Geographen gilt es als eine erwiesene Tatsache, daß große Teile von Asien seit langen Zeiten einer zunehmenden Sustrocknung ausgesetzt gewesen sind. Die Ruinen verschütteter Städte, in denen namentlich deutsche und englische Gelehrte Ausgrabungen vou höchster Wichtigkeit gemacht haben, zeugen vou dieser Verschlechterung des Klimas, die sich auch in der namentlich von Sven Hedin in vielen Fällen festgestellten Verkleinerung der Seen von Tibet kundgibt. Run soll aber auch unser gutes altes Europa von einem ähnlichen Schicksal bedroht sein. Der erste, der diese beunruhigende Meinung geäußert hat, war der bekannte französische Höhlenforscher Martel, der sogar so« weit ging, in einem Vortrag zu erklären, daß ein großer Teil der Menschheit innerhalb weniger Jahrhunderte vor Durst sterben würde, wenn nicht etwas gegen die wachsende Austrocknung ge- schätze. Dieser Warnungsruf hat weitere Untersuchungen ver« anlaßt, die namentlich von Walser an Schweizer Seen ausgeführt worden sind. Auch er ist zu dem Ergebnis gekommen, daß Hunderte von europäischen Seen in der jüngsten Zeit der Erdgeschichte verschwunden, andere auf einen kleinen Teil ihrer stühercn Ausdehnung zusammengeschrumpft sind. Im Kanton Zürich allein, wo vor 250 Jahren noch 149 Seen bestanden, sind heute nur noch 70 vorhanden, und kaum die Hälfte von ihnen hat ihren früheren Umfang unvermindert bewahren können. Von Seen in Deutschland und Rußland wird dasselbe gesagt. Man braucht sich aber über solche Gutachten nicht zu beunruhigen, denn es handelt sich in Europa wahrscheinlich nur um vorübergehende Klimaschwankungen. Außerdem würde man zu durchaus falschen Ergebnissen kommen, wenn man jede AuStrocknung eines Sees als einen Beweis für eine Abnahme der Feuchtigkeit betrachten würde. Es bedarf also kaum der tröstlichen Versicherung, daß bisher wenigstens die Ostsee, die Nordsee und das Mittelländische Meer keine Abnahme ihrer Gewässer gezeigt haben. Technisches. Neuere Talsperren. Die Entwicklung der Talsperren wurde in Deutschland hauptsächlich vom verstorbenen Professor Jntze beeinflußt, der seit dem Jahre 1888 zahlreiche solcher Anlagen haufü- sächlich im Rheinland und in Westfalen ausgeführt hat. Die größte Talsperre in Deutschland, die llrfttalsperre, ist gleichfalls sein Werk. Der Stausee dieser Sperre hat bei einem Fassungsvermögen von 45 Millionen Kubikmeter eine Länge von zehn Kilometer. Die Abspernnauer hat eine Höhe von 50 Meter und eine Stärke von 50 Meter am Fuß. Es sind jedoch mehrere Anlagen im Bau, die die Urfttalsperre zum Teil bedeutend an'Größe übertreffen werden. Zu diesen Anlagen gehört die Talsperre am Bober in Schlesien, die ein Fassungsvermögen von 50 Millionen Kubikmeter haben wird, die noch größere Möhnetalsperre und vor allem die Eder« sperre im Fürstentum Waldeck, die bei einein Stau von 25 Kiloineter Länge 220 Millionen Kubikmeter fassen soll. Die Idee der Talsperren selbst ist uralt, da die Aegypter schon 2000 Jahre vor Christi Geburt einen Riesen- staüsee zu Bewässerungszwcckcn angelegt habeiw Aber erst in den letzten Jahrzehnten des vorigen'Jahrhunderts bat man die große Bedeutung der Talsperren für die Kultur und die Eut- Wickelung des wirtschaftlichen Lebens erkannt. Während die Tal- sperren, die ein natürliches Tal durch einen Damm oder eine Mauer absperren und den Bach oder Fluß dadurch zu einem See anstauen, ursprünglich hauptsächlich zur Wasserreguliernng dienten, wird das Wasser des Slanjees heute vcrsanedcncn Zwecke» nutzbar gemacht. Einzelne Anlagen, wie z. B. die Solinger Talsperren, dienen dazu, Städten und ganzen Gebieten zu einem guten Trinkwasser zu ver- helfen, andere ivieder speisen Schiffahrtskanäle und liefern Nutz- wasscr für landwirtschaftliche Zwecke. Die Hauptaufgabe der Mehrzahl der Talsperren besteht aber hente darin, große Kraftwerke, die zur Erzeugung elektrischer Energie dienen, zu speisen. So wird durch die Talsperre bei Marklissa am Queis in Schlesien, die die furchtbaren Hochivasser des Queis unschädlich gemacht bat, ein Kraftwerk niit einer Leistung von 10 000 Pierde« Iräften betrieben, das bis zum Riescngebirge nach Hirschberg und ins Wannbrunncr Tal elektrische Energie liefert. Gerade in der billigen Erzeugung elektrischer Energie besteht die große Bc« deuhing dieser Anlagen, die den wirtschaftlichen und industriellen Charakter einer Gegend völlig verändern kann. Sie verändern übrigens auch da? landschaftliche Bild einer Gegend fast immer zu deren Vorteil, da die großen Stauseen von hervorragender Schönheit sind. Auch in außereuropäischen Ländern ist der Bau der Talsperren sehr weit vorgeschritten. Zu den größten amerikanischen Sperren gehört die des CrotonflusseS, die New Jork mit Trink« waffer versorgt und ein Fassungsvermögen von 130 Millionen Kubik- meter hat. l.Kerantw. Redakt,: Wilbelm Düwell, Lichtenbera.— Druck il Berfmi* iioriürK Burfiiruck«-«»r L,r l«o»an ttalt Laul Sinaer hSio..Berlin S W«