Nnt«rhaltungsblatt des Horwärts Nr. 141. Freitag� den 23. Juli. 1909 �Nachdruck tz«rboten.j IT] Die Infelbauern* Hloman von A u g u st Strindberg. Deutsch von Emil Schering. Die Alte nahm den ledernen Proviantsack und holte ein schwarzes Buch mit goldenem Kreuz heraus. Wie ein Reise- kästchen, aus dem alten Frauen und Kranken stärkende Tropfen geboten werden, pflegte man dieses Buch vorzu- nehmen. Andächtig, als habe sie ein Stiick von der Kirche in ihre niedrige Hütte gebracht, trug sie das geheimnisvolle Buch, behutsam wie ein warmes Brot, auf ihren beiden Händen: schob vorsichtig die Tasse des Pastors beiseite: wischte den Tisch mit ihrer Schürze ab und legte das heilige Buch vor den schweren Kopf. „Lieber Pastor," flüsterte die Alte, während der Wind im Schornstein lärmte,„da ist das Buch." „Gut, gut," antwortete der Pastor wie im Schlaf: streckte den Arm aus, ohne den Kopf zu heben, tappte nach der Kaffee- tasse und fuhr mit dem Finger so gegen den Henkel, daß er die Tasse umstieß: in zwei Bächen floß der Branntwein über den fettigen Tisch. „Oh oh," klagte die Alte und rettete das Buch:„das geht nicht I Sie sind schläfrig, Herr Pastor, und müssen sich nieder- legen." Aber der Pastor schnarchte schon: er ruhte mit dem Arm auf der Tischplatte und hatte den langen Finger zu einer albernen Gebärde ansgestreckt, als zeige er nach einem unsicht- baren Ziel, das augenblicklich unerreichbar war. „Wie sollen wirs nur anfangen, ihn ins Bett zu bringen?" klagte die Alte den Mädchen. .Sie wußte, in welch furchtbare Laune er geraten konnte, wenn er aus dem Rausch geweckt wurde. Ihn in der Küche zu lassen, ging nicht der Mädchen wegen: auch in die Stube durfte er nicht, denn dann hätte man darüber geklatscht. Die drei Frauen gingen um den Schlafenden herum, wie Ratten die Katze umkreisen, um ihr Schellen anzuhängen, ohne es jedoch zu wagen. Inzwischen war das Feuer im Herd erloschen, und der Wind drang durch Fenster und undichte Wände. Der Alte, der ja in bloßen Strümpfen dasaß, mußte kalt geworden sein, denn eins, zwei, drei erhob sich der Kopf, der Mund öffnete sich gähnend, und drei Aufschreie, die klangen, wie wenn der Fuchs seinen Geist aufgibt, ließen die Frauen zusammen- fahren. „Ich glaube ich habe geniest." sagte der Pastor, erhob sich und ging mit geschlossenen Augen zu einem Fenstersofa: dort sank er nieder, streckte sich auf den Rücken aus, faltete die Hände über die Brust und schlummerte mit einem langen Seufzer ein. Ihn von dort weg zu bringen, daran war nicht zu denken. Auch Carlsson und Robert, die jetzt zurückkamen, wagten nicht, ihn anzurühren. „Er schlägt! Nehmt Euch in acht," sagte Robert.„Gebt ihm nur ein Kissen unter den Kopf und werft eine Decke über ihn, dann schläft er bis zum Morgen." Die Alte nahm die Mädchen mit in die Stube. Robert mußte auf den Heuboden über dem Vorratsschuppen schlafen. Carlsson ging auf seine Kammer. Die Lichter wurden ge- löscht und es ward still in der Küche. Bald lag das ganze Haus im Schlaf, der mehr oder weniger ruhig war. � Am nächsten Morgen, als der Hahn krähte und Frau Flod aufstand, um ihre Leute zu wecken, waren der Pastor und Robert fort. Der Sturm hatte sich etwas gelegt, kalte weiße Herbstwolken zogen von Osten ins Land hinein und der Himmel war wieder blau. Gegen acht begann die Alte ihre Wanderungen nach der östlichen Landspitze hinunter, um nachzuschauen, ob sich kein Boot draußen auf dem offnen Meere zeige. Draußen in der Rinne zwischen den Kobben tauchte das eine und das andere gereefte Rahsegel auf, verschwand und kam wieder züm Vor- schein. Die See lag da blau wie Stahl, und die äußersten Schären dämmerten, hingen wie an luftfarbigen Tüchern, als seien sie aus dem Wasser in die Höhe geflossen und im Be- griff, sich wie Nachtnebel zu erheben. Die jungen Sägegänse lagen auf Buchten und Landspitzen und liefen auf den Seen; tauchten, wenn sie den Meeradler auf seinem schweren Flug über sich sahen, und kamen wieder in die Höhe; liefen von neuem, daß das Wasser sprühte. Sah Frau Flod draußen auf einer Schäre die Möwen fliegen und hörte sie sie schreien, dachte sie: da kommt ein Segel: und es kamen auch Segel, aber alle zogen an der Insel vorbei, entweder nach Norden oder nach Süden. Der kalte Wind und die weißen Wolken peinigten die Augen der Alten: sie ging in den Wald zurück, des Wartens müde. Sie fing an Preißelbeeren in die Schürze zu pflücken, denn sie konnte nicht ohne Beschäftigung sein, sondern mußte etwas haben, mit dem sie sich die Unruhe vertrieb. Der Sohn war ihr doch das Liebste: und sie war nicht halb so bekümmert ge- Wesen an jenem Abend, als sie am Zauntritt stand und eine andere dunkle Hoffnung in der Finsternis verschwinden sah. Heute sehnte sie sich mehr nach ihrem Jungen, denn sie hatte ein Gefühl, er werde sie bald verlassen. Das Wort des Pastors gestern abend über das Geschwätz hatte den Pulverfaden an- gesteckt: bald würde es puff! machen. Wem dann die Augen- brauen versengt würden, war nicht zu bestimmen: daß aber einem etwas geschehen werde, war anzunehmen. Schließlich schlenderte sie langsam nach Hause. Als sie auf die Eichenhöhe kam, hörte sie Stimmen unten von der Landungsbrücke. Durch das Eichenlaub sah sie, wie Menschen sich um den Seeschuppen bewegten, mit einander sprachen, verhandelten, stritten. Es hatte sich, während sie fort war, etwas zugetragen! Aber was? Die Unruhe jagte die Neugier auf, und sie trabte die Anhöhe hinunter, um zu erfahren, was geschehen war. Als sie an den Feldzaun kam, sah sie das Achterstück des Netzbootes. Sie waren also um die Insel herum gerudert! Normans Stimme war deutlich zu hören, wie er den Verlauf schilderte: „Er ging auf den Grund wie ein Stein: dann kam er wieder in die Höhe: da aber kriegte er den Tod mitten durchs linke Auge: es war genau so, als lösche man ein Licht aus." „Herr Jesus, ist er tot?" schrie die Alte und stürzte über den Zaun.> Aber niemand hörte sie, denn Rundqvist setzte die Leichen- rede im Boot fort. «Und dann warfen wir die Dregg und als der Anker- flügel ihn im Rücken packte, da..." Die Alte war hinter die Stangen gekommen, an denen die Netze trockneten, und konnte nicht hindurch; aber sie sah, wie durch einen Schleier vor einem Spiegel, hinter den auf- gehängten Netzen, wie alle Leute des Hofes um einen grauen Körper, der im Boot verstaut war, lagen, knieten, krochen. Sie schrie auf und wollte unter den Netzen durch, aber die Schwimmer blieben in ihren Haarflechten hängen und die Senker schlugen wie eine Geißel. i „Was haben wir denn da in den FluMernetzen ge- fangen?" schrie Rundqvist, der sah, daß das Garn lebendig wurde.„Nein, ich glaube, das ist Tante!" „Jsts aus mit ihm?" schrie Frau Flod so laut sie konnte. „Jsts aus mit ihm?" „Aus, wie mit einem toten Hund!" Die Alte kam endlich los und eilte an die Landungs- brücke. Da lag Gustav mit bloßem Kopf im Boot auf dem Bauch, aber er bewegte sich, und unter ihm war ein großer haariger Körper zu sehen. „Bist Dus, Mama?" grüßte Gustav, ohne sich umzu, drehen.„Sieh, was wir gefangen haben!" Die Alte machte große Augen, als sie einen fetten See- Hund erblickte, dem Gustav gerade das Fell abzog. Seehunde gabs allerdings nicht alle Tage; das Fleisch konnte man essen, wie es jetzt war; der Tran reichte zu manchem Paar Stiefel: das Fell war wohl seine zwanzig Kronen wert. Aber nötiger war doch der Winterströmling, und sie sah nicht eine Flosse im Boot; wurde deshalb etwas verstimmt, vergaß so- wohl den wiedergefundenen Sohn wie den unerwarteten See« Hund und brach in Vorwürfe aus: „Und der Strömling?"- „Dem War nicht beizukommen, antwortete Gustav. Aber den kann man ja schließlich kaufen, während man Seehunde nicht alle Tage kriegt." »Ja, so sprichst Du immer, Gustav! Aber es ist wirklich Sine Schande, drei Tage auszubleiben und nicht einen ein- eigen Fisch heimzubringen. Was sollen wir denn diesen Winter essen?" Sie fand aber keine Zustimmung vom Strömling hatte Man genug bekommen, und Fleisch war Fleisch; außerdem hatten die Jäger durch ihre Erzählung des merkwürdigen Jagdabenteuers alle Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. „Ja," benutzte Carlsson die Gelegenheit, indem er sich Sin Stück vom Aas abhieb,„hätten wir jetzt nicht den Acker- bau, so kriegten wir nichts zu essen!" An diesem Tag fischte man nicht mehr; der große Wasch- kessel wurde aufs Feuer gesetzt, um den Tran auszukochen: in der Küche wurde gebraten und geschmort; dazwischen trank man Kaffeehalbe. Auf der südlichen Wand der Scheune wurde das Fell wie ein Siegeszeichen ausgespannt; Leichenreden wurden, dabei gehalten, und alle kommenden und gehenden Kleingläubigen mußten ihre Finger in die Schußlöcher stecken und anhören: wie das Blei dahin gekommen; wo der Seehund auf den Stein gekrochen war; was Gustav im letzten Augenblick, als der Schuß losgehen sollte, zu Norman sagte; wie sich der sterbende Seehund im letzten Augenblick benahm, als ihm das„Leben wie ein Faden abgeschnitten wurde". Carlsson war kein Held in diesen Tagen, aber er schmiedete heimlich sein Eisen; und als das Fischen zu Ende war, setzte er sich mit Norman und Lotte ins Boot, um nach der Stadt zu fahren. (Fortsetzung folgt.) lNachdruir verboten.) 21 6in Pogrom. Von Aage Madelung., � Klawdia Alexandrowna war mit einem Beamten verheiratet, der außerhalb der Stadt zu tun hatte. Er hieß Posctin und hatte nicht viel Interesse für seine Frau. Es war viel freier und frischer auf dem Lande. Die Wiesen waren grün und weich, und die Mädchen rot und frisch und rund in den Hüften. Das konnte man von seiner Frau nicht sagen. Ja, eS war schwierig, in der Beziehung etwas über sie zu sagen. Wenn Posekin etwas über den Durst getrunken hatte, konnte er auf peinliche Einzelheiten kommen; und man muß gestehen, daß sie nicht an- ziehend war. Sie war ein langes, dürres Frauenzimmer mit männlichen Bewegungen. In ihrem Gesicht lag oft ein Ausdruck, als zöge etwas die Mundwinkel herab und die Augenlider hinauf. Es sah aus, als hätte sie plötzlich und unerwartet in eine seltsame Frucht mit scharfem und stechenden Nachgeschmack gebissen. Sie war nicht mehr jung, hatte aber starke Neigungen, und diese suchte sie in dem Brüllen der„Schwarzen Bande" nach Ge- walt und Blut zu dämpfen. Sie war eine der Frauen, deren Ge- schlecht nicht auf der breiten Karawancnstraße wandert, wo in ge- messcnen Zwischenräumen gute Oasen und Brunnen liegen in der Wüste der Lust. Sie war nie erlöst worden, hatte in keiner Seligkeit geschwelgt Und war also zum Satan und seinen Taten nicdergestiegen. Vorläufig hatte sie nur in den grauenvollen Berichten über Pogrome in anderen Städten schwelgen können; aber es befielen sie heftige Träume von der Möglichkeit eines gleichen oder noch tausendfach wahnsinnigeren gerade hier dicht bei ihr, daß Blut und Geheul über alle Nerven rieseln könne. Sic diente Gott und seinem Stellvertreter auf Erden. Die Welt sollte die Knie vor ihnen beugen, und sie wollte die Geißel schwingen über die Gottlosen. Als Pilgerin oder als Handelsfrau verkleidet predigte sie die Dogmen der„Schwarzen Bande" auf dem Markt und in den Gassen. Sie tauchte mitten zwischen den trunkenen und rasenden Bauern in den Kneipen auf und hetzte sie auf die studierende Jugend, auf die Juden und alle anderen Träger von Freiheitsideen... Von ihnen käme alles Unglück über Rußland. Sie wallten den Bauern die Scholle nehmen. Sie seien des Volkes und des Zaren Feinde!... Zu Haus bei sich versammelte sie eine kleine Gemeinde der unwissendsten Spießbürger, verteilte Embleme und schrieb die Gläubigen in ihre Bücher ein. Es war leicht für sie, Anhänger unter den orthodoxen Kauf- teuten und Handwerkern zu gewinnen. Sie waren von einem un- heilbaren Haß gegen die Revolution und ihre großen Losungen er- füllt. Worte wie: Achtstündiger Arbeitstag, Expropriation des Landes, der Vermögen und Produktionsmittel brachten sie zum Rasen, und sie gingen zu den Flußarbeitcrn, Lastträgern und ihren eigenen Arbeitern und Leuten, um ihnen auf ihre Weise die Nieder- lagen im Kriege, die Revolution und die herrschende Not zu er- klären. Sie führten ihre Sache gut. We?n's die Zunge nicht tat, >2— brauchten sie Branntwein und Geld. Das konnten die Sozialisten nicht bieten. Gefängnis und Hunger war alles, was von denen kam, wenn man nicht gar niedergeschossen wurde wie die Hunde aus der Straße. Vor einem Jahre, unter der ersten revolutionären Begeiste- rung, hatten diese nackten und verrückten Leute mit entblößten Häuptern tote Verbannte zu Grabe geleitet. Jetzt waren sie jeder- zeit bereit,„die Feinde des Zaren" niederzumetzeln. Sie hatten die Geduld verloren. Die Revolution hatte nicht sogleich halten können, was sie versprach. Und die Hefe des Volkes hat sich von jeher sklavisch dem angeboten, der für den Augenblick die Oberhand hatte. Die Bauern waren nicht so leicht umzustimmen. Sie konnten sich in den Gang des Spiels hineinbuchstabicren und verstanden, wer in Wirklichkeit Freund und Feind war. Aber sie waren leicht beweglich wie alle Kinder Asiens. Kam ihnen etwas in den Weg, so wälzten sie es fort, ohne Ansehen der Person. Sie waren zu Scharen in Europa eingerückt, wohnen noch in Dörfern zusammen und nutzen die Erde gemeinschaftlich. Wenn sie sich erheben und in Zug kommen, rücken sie vor wie Horden, ins Blinde hinein, ohne des einzelnen Mannes Ueberlegung, jeder für sich... Frau Posekin verließ ihr Haus. Es lag in der Adelstraße, wo in alten Tagen die Gutsbesitzer ihre Wintcrwohnungcn aus des Waldes schwersten Föhrenstämmen errichtet hatten. Sie hatten damals die Mittel dazu, als sie Leibeigene hielten. Nun war e9 mit ihnen zurückgegangen, und die Kaufleute hatten ihre alten Häuser in der Stadt gekauft. Posekins Haus war auch zu jener Zeit erbaut. Es stand etwag schief, aber das Holz war frisch, als wären IlX) Jahr für es ge« Wesen wie ein Tag. Zwischen den vier dicken Holzfäulen an der Fassade war in halber Manncshöhe vom Erdboden ein großer Balkon mit Glastüren, die ins Haus führten. Gerade gegenüber, hinter der Birkenallee, lag ein großes, rotes Backsteingebäude mit weißem Portal. Das war das„Volks- haus", errichtet von der Vereinigung„Gegenseitige Hilfe". Zwanzig Jahre hatte sie zu diesem Heim für Aufklärung und Geistesbildung gesammelt. Tausend Dilcttantcnvorstellungen und Vorträge, kleine und große Beiträge der Intelligenz der Stadt und nun zum Schluß eine Anleihe beim Magistrat hatten den Gedanken, ein eigenes Haus zu bauen, ermöglicht, wo jeder, der nach Bildung dürstete» eintreten konnte und willkommen geheißen wurde. In der letzten Zeit war es durch die natürliche EntWickelung der Dinge die Heimstätte der Freiheitsbewegung in der Stadt ge-- worden. Der große Versammlungsfaal, mit der Bühne im Hinter» grund, stand den verschiedenen Parteien offen. Jeder hatte gratis Zutritt zur Bibliothek. In der Vorhalle wurden zum besten von Rußlands großer Sache politische und sozialökonomische Schriften in Zweikopeken-Ausgaben verkauft. Dort las man vor einem halben Jahre das Freihcitsmanifest taufenden tiefbewegten Zu- Hörern bor. Dort an seiner Mauer hatten die ersten Kämpfe mit der„Schwarzen Bande" stattgefunden, und Revolverkugeln und Steine hatten die Fenster zertrümmert. Schreie und krampfhaftes Weinen waren aus der dichtgedrängten Menschenmasse gedrungen, während zehn bewaffnete Männer den Pöbel zurückgedrängt hatten.' Dies Haus war des jungen Rußlands Tempel, und deshalb sah es Frau Posekin mit einem haßerfüllten Ausdruck in ihrem mageren und scharfen Gesicht an, als sie auf hie Straße trat. „Dieses Tcufelsnest," dachte sie und knüpfte ihr graues Tuch fest unters Kinn. Sie ging die Birkenallee hinunter. Der sonnen- warme Kies knirschte unter ihren Gummizugstiefeln. An der Verkündigungskirche standen schon die Bauernfrauen und boten ihre Spitzen feil. Die Körbe waren mit feinen Hemd- besätzen, Halskrcmfen und Seidenschals gefüllt. Die Weiber lockten die Käufer mit den besten Proben, legten die fort, die sie eben in den Händen gehabt hatten, und nahmen neue auf. Es wurde tüchtig geklatscht. Neuigkeiten und Gerüchte wurden ausgetauscht zwischen Stadt und Land. Man erzählte sich von Bekannten, die in der Trunkenheit andere Bekannte erschlagen hatten, von Hoch-- zeiten und Wochenbetten, von Versetzen und Kalben, von Tee und Zucker und anderem einschlägigem Geschwätz, alles während mit den „Madams", die die Spitzen kauften, gefeilscht und gehandelt wurde. „Na, Madamken, wollen Se keine Spitzen heute? Sehen Se. hier sind noch'n paar feine für fünfzehn Kopeken de Arschine." riefen sie zu Frau Posekin, als sie durch die Reihen ging. SiH kaufte auch ab und zu Spitzen, aber heute war keine Zeit dazu.; Sie blieb einen Augenblick bei einer der Frauen stehen und ging gleich weiter. „Habt Jhrs gehört?" rief eines der Weiber, als Frau Posekin vorbei war.„Die Studenten wollen die Läden schließen. Wir be» kommen vielleicht auch keine Erlaubnis, heute hier zu stehen. Die Sozialisten wollen den Zaren im Volkshaus beschimpfen und auf die Bauern schießen««, Niederschlagen.sollte man sie, die Räuber..." Die Weiber steckten die Köpfe zusammen. Das Gerücht ging von Mund zu Mund und nahm die wildesten Formen an. „Die Studenten und die Sozialisten wollen die Kirchen in Brand stecken und gotteslästernde Lieder singen. Im VolkshauS soll der Antichrist angerufen werden. Die Bilder des Heilands und des Zaren sollen von den Wänden gerissen und geschändet werden.,, ES kam Bewegung in den Haufen, und bald liefen sie mit Kochgerafften Röcken fort und ließen Spitzen Spitzen fein... Frau Pofekin ging weiter in die Stadt hinein. Die breite Ge» schäftsstrahe war voll von Bauern, die darauf warteten, daß die Läden geöffnet würden, damit sie ihre Einkäufe besorgen könnten. Kaftanbekleidete, bartlose Tataren riefen in einem halsbrecherischen Russisch gefleckte Früchte für billiges Geld aus. Sie trugen den ganzen Laden auf dem Kopfe. Die Stratzenverkäufer boten Messer, Schlösser und Uhrketten aus echtem, gelbem Messing feil. Krüppel krochen auf allen Vieren in den Rinnsteinen oder gingen auf den Händen, wenn ihnen der Unterkörper fehlte. Die„Goldene Garde", Bettler aller Rangklassen, forderten mit heiseren Schnapsstimmen und dem Schwung der Landstraße in den Gliedern Almosen. Die Schmarotzer der Menge, Gewerbetreibende aus dem Keller- hals und dem Hinterhof, bissen sich fest, wo etwas zu holen war. Ehemalige Schreiber, degradierte Polizisten und Gendarmen boten sich als Rechtskonsulenten oder Verfasser von Gerichtsanträgen an. fFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdoten.j Der f lug der fifche. Von C. Schenkling(Berlin). Alle älteren Schriftsteller, die sich mit Naturwissenschaften be- faßten, wie alle Reisenden der neueren und neuesten Zeit, die das Mittelmeer durchkreuzten, wissen von Fischen zu erzählen, die sich plötzlich aus ihrem Element erheben, hundert und mehr Meter über dem Wasserspiegel dahinschießen und danu in der Flut wieder der- schwinden. ES sind Dactylopterus-Arten, Flughähne, die sich zufolge ihrer wie ein Fallschirm wirkender Brustflossen eine Zeitlang schwebend zu halten vermögen. Dieselbe Kunst ist noch einer anderen Gattung von Fischen eigen, den Exocoetus« Arten, Hochflugfischen, Bewohnern der tropischen und subtropischen Meere, die ihrer Aehnlichkeit halber von den Seeleuten »fliegende Heringe" genannt werden. Auch für sie kann » als Hauptcharakteristik angeführt werden: außerordentliche Ent- Wickelung der Flossen, insbesondere der zugespitzten Brust- flössen, deren Länge etwa% und deren Breite ungefähr>/, der Ge- amtlänge des Körpers ausmacht, und die sich auf einem sehr starken, unter dicken Muskeln ruhenden Knochenring freier als bei anderen Fischen bewegen. Ohne Rücksicht auf Luft- und Wasierströmung schießen die Fische pfeilschnell aus der Flut hervor, und zwar immer unter einem kleinen Neigungswinkel. In parabelähnlichem Fluge legten sie in einer Höhe von einem bis zu vier Metern eine Strecke von 200 bis 300 Meter zurück. Sobald sie sich über den Wasserspiegel erheben, spreizen sie die flügelartigen Brustflosien zum Fluge, wobei in nächster Nähe ein deutliches, raschelndes Flattern hörbar ist. Nach einzelnen Beobachtern find die fliegenden Fische sogar imstande, während des Fluges die Richtung der Bahn zu ändern, Kurven zu beschreiben und ihren Kurs den Bewegungen des Wasserspiegels, also den Wellenbergen und Wellentälern anzupassen. Seitlich ein- wirkenden Winden vermögen die Fische gegen da? Ende der Flugbahn nicht mehr zu widerstehen, werden vielmehr durch diese auS der eingeschlagenen Richtung verdrängt und zuletzt von der Windströmung getrieben, auch senkt sich das hintere Körperende allmählich nach unten, so daß die Längsachse des Körpers mit der Fluglinie einen immer größer werdenden Winkel bildet. Die Frage, ob die Flugbewegung aktiv oder Passiv ist, mit anderen Worten, ob die Brustflossen während der Dauer des Fluges ausgespannt in der Ruhe verharren, also einem Fallschirm gleichen. oder ob die fliegenden Fische gleich anderen Fliegern Flügelschläge damit ausführen, ist vielfach erörtert und umstritten worden. Alle Autoren stimmen darin überein, daß die Flugfische blitzschnell aus dem Wasier herauskommen und daß sie diese große Geschwindigkeit bereits im Wasser durch kräftige Wrickbewegungc» des Schwanzes erreichen. Beim Erheben über den Wasserspiegel werden die bis dahin dem Körper dicht anliegenden Brust- und Bauchflossen ge- spreizt und der Flug beginnt. Alexander v. Humboldt, der übrigens als erster auf die an- sehnliche Größe der Schwimmblase dieser Fische aufmerksam machte, versichert, daß man trotz der ausnehmend raschen Bewegung während des Fluges deutlich wahrnehmen könne, wie die Fische ihre Brust- flosien abwechselnd ausbreiten und einziehen. Auch der Kapitän de Fröminville spricht die Ueberzeugung aus, daß die Fische bei der Länge ihrer Flugbahnen aktiv fliegen mußten und keineswegs so große Strecken zurückzulegen vermöchten, falls sie ihre Flosien lediglich als Fallschirme gebrauchen könnten. Dem entgegen sagt Bennett, daß die Hochflugfische nur beim Erheben unter wahrnehmbaren Rascheln Brust- und Bauchflossen ausbreiten und daß während des FlugeS nur eine zitternde Bewegung nicht aber ein Ausbreiten und Zusammenziehen der Flosien wahrnehm« bar sei. Nach diesem Forscher ist die Bewegung der Fische außer- halb deS WasierS kein Fliegen, sondern ein Springen. Die bereits erwähnte Aenderung der Fluglinie wird nach ihm dadurch ermöglicht, daß die Fische schnell einander folgende kleine Sprünge von etiva Meterlänge ausführen und nach dem jedesmaligen Einfallen die Richtung entsprechend ändern. Dieser Anschauung widerspricht namentlich in ihrem letzten Teile Agassiz, nach dem die veränderte Flugrichtung wie die Höhe des Fluges nicht durch Schlagen mit den Brustflossen, sondern infolge Beeinflussung der gesamten Oberfläche des Körpers durch Muskeln bewirkt wird. Das Beschreiben von Kurver. in der Flugbahn werde den Hochflngfischen ermöglicht durch den eigenartigen Bau de» Schwanzflosse, insbesondere durch die Ungleichheit ihrer Lappen. Durch die größere Länge des unteren Lappens werden die Wrick» bewcgungen, die den Fischkörper über die Oberfläche des Wassers und durch die Luft schleudern, erleichtert und die Ausdehnung der Brnstflossen demgegenüber während des Dahineilens in dem dünneren Mittel nur zur Stütze. Möbius endlich hält nicht wie die meisten Autoren die Bewegung der Flugflosien für aktive Muskeltätigkeit, sondern erklärt sie passiver Natur und durch den entgegenwirkenden, relativen Wind veranlaßt; seine Annahme sucht er durch Hinweis auf das ungünstige Gewichtsverhältnis der Brust» muLkeln zum Gelvicht des Gcsamtkörpcrs zu begründen. Man weiß, wie ökonomisch die Natur im Bau deS Vogels vor« gegangen ist. um ihm die„Poesie der Bewegung", wie Pettigrew so schon sagt, zu verleihen, wie sie gespart hat am Rumpfe und hauptsächlich am Kopfe und wie sie namentlich die Brust» Muskulatur ausbildete, damit ein den Flug ermöglichendes günstiges Verhältnis zustande kam. Während dieses Hier 1: 6,22 beträgt, ist es bei den fliegenden Fischen 1: 32,4. Selbst der beste Flieger unter den Vögeln würde sich durch Flügelschläge nicht zu erheben vermögen, wenn er wie die Flugfische belastet iväre, also das Fünffache seines Körpergewichts tragen müßte. Könnten die in Rede stehenden Fische wirklich die reißend schnellen Flügelschläge ausführen, so müßten sie in der Reihe der Flugtiere auf einer ziemlich hohen Stufe stehen. Ferner ist durch Mareys Beobachtungen bekannt, daß sich beim Vogel die Zahl der' Flügelschläge mit der Fluggeschwindigkeit ausfallend ver- ringert. Der Grund dafür liegt darin, daß der Luftwiderstand mit der Fluggeschwindigkeit znnimnit und daß dieser größere Widerstand den Flügelschlag unmöglich macht. Wenn nun(nach den Beobachtungen von Seitz und dem bereits erwähnten Bennett) die vermeintlichen Flügelschläge deS Flugfisches auch nur zn Anfang der Flugbewcguug ansgesührt werden, wie es beim auffliegenden Bogel der Fall ist, so stehen sich doch bei beiden Flugtiercn diese Bewegungen entgegen, indem sich der Bogel durch Flügelschläge erst eine gewisse Fluggeschwindigkeit erwirbt und später unterhält, während die fliegenden Fische den Flug mit der größten Geschwindigkeit(16—20 Meter) fonsetzen, die sie ihrem Körper im Wasser durch den Wrickapparat verliehen haben. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Anatomie der Flugmuskcln der Fische ergeben hat, daß ihre Wirkung auf den Flügel wohl eine hebende, aber keine vorwärts treibende wie bei den Vögeln sein kann. So zeigen die gesamten physiologischen und flug- mechanischen Verhältnisse, daß die fliegenden Fische außerstande sind, aktive Ruderbcwcgimgen auszuführen, die man ihnen bisher zu» schreiben zu müssen glaubte. Was nun den Flug selbst anbelangt, so vergleicht ihn Kittlitz mit dem des Goldannuers und Finken während der rauhen Herbst- Witterung, wenn sie auf Stoppelfeldern einfallen, um hier die letzten Körnlein zu suchen, und Humboldt sagt, daß man die Bewegung eines fliegenden Fisches mit der eines flachen über eine Wasser» fläche hinweggeworfenen Steines, der aufschlagend und wieder ab» prallend meterhoch über dem Wasser hinwegstreicht, ganz richtig ver- glichen hat. Agassiz sieht darin indessen mehr; er sagt:„Die fliegenden Fische sind in der Tat und Wahrheit lebende Federbälle und imstande, durch Drehen der Flossen ihre Flugrichtung zu ver» ändern." Und wenn wir oben erwähnten, daß sich die Fluglinie des Fisches der bewegten Meeresoberfläche anschiniegt, so mag daran erinnert werden, daß sich auch Möwen und andere Secvögel den Hebungen und Senkungen des Meeresspiegels anpassen, ohne dazu eines Flügelschlages zu bedürfen, was sich einfach durch die über dem Wasser lagernde und durch dieses bewegte Luftschicht er» klären läßt. Wenn wir unS nun zum Schlüsse noch fragen: Was bewegt diese Fische, sich aus ihrem eigentlichen Elemente zn entfernen? so haben wir darauf mancherlei Antworten.„Die Hochflngfische", sagt Hum» boldt,„bringen einen großen Teil ihres Lebens in der Luft zu; aber ihr elendes Leben wird ihnen dadurch nicht leichter gemacht. Verlassen sie das Meer, um den gefräßige» Goldmakrelen zu entgehen, so begegnen sie in der Luft Fregattvögeln, Albatrossen und anderen Seefliegern, die sie im Fluge erschnappen." Und Kittlitz meint:„Der Flug dieser Fische scheint das letzte Mittel zu sein, das sie anwenden, um ihren Verfolgern, die man beständig nach ihnen springen sieht, zu entgehen. So groß ihre Zahl, so heftig ist auch ihre Verfolgung durch Raubfische." Bennett widerspricht diesem. indem er ausführt, daß die Hochflieger nicht als Unglückliche(die unmittelbar, nachdem sie sich erhoben haben, von den unzählbaren Schwärmen der Tölpel, Trofikvögel, Fregatten und anderer gefiederten Feinde angefallen werden, während die wenigen, die glücklich entkonnucn und ihr heimisches Element wiederfinden, Delphinen, Tunfischen, Bonitcn und anderen Raubfischen zum Opfer fallen) angesehen werden dürsten, sondern daß sie selbst Jagd machten und darum als Angreifer und nicht als Opfer betrachtet werden müßten, wennschon eS vorkommen könnte. daß namentlich an der Küste die ungezählten Scharen der Flugfische von Raubfischen verfolgt werden. Wenn sich da' Schauspiel deS AufschiefcenS und Wiedervcr- fchwindenS von drei und vier Dactylopterosschwäriuen nach einer Rich- tung hin wiederholt, lätzt sich wohl annehmen, dax die Flughähne von Raubfischen verfolgt werden. Oft ist allerdings u-ahrzunchinen, daß die auffliegenden Fische bald hier bald dort erscheinen, auch keine bestimmte Richtung einhalten, vielmehr die Kreuz und Quer durcheinander fliegen, dann ist der Flug sicher als Spiel anzusehen. So äutzert sich auch Humboldt:»Ich bezweifle aber, daß sich die fliegenden Fische einzig und allein, um der Terfolgtmg ihrer Feinde au entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den Schwalben schieden sie zu Tausenden fort, geradeaus und immer gegen die Richtung der Wellen. In unseren Himmelsstrichen sieht man häufig am Ufer eines klaren, von der Sonne beschienenen Flusses einzelne stehende Fische, die somit nichts zu fürchten haben können, sich über sie Wasserfläche schnellen, als gewähre es ihnen Vergnügen, Luft zu atmen. Wanim sollte dieses Spiel nicht noch häufiger und länger bei den Hochfliegern vorkommen, die vermöge ber Gestaltung ihrer Brustflossen und ihres geringen Eigengewichts sich sehr leicht i» der Lust halten!' kleines fcinlleton. Volkswirtschaft. Die weiße Kohle der Vereinigten Staaten. Die Nordamcrikanische Union ist in manchen Teilen auberordentlich reich an mächtigen Wasserkräften, die den wichtigsten natürlichen Hilft- quellen des Landes beizuzählen sind. Die besonders günstigen Ver» Hältnisse im Staate Wisconsin haben die amerikanische Regierung veranlaßt, die dortigen Wasserlänfe mit Hinblick auf ihre äkoach» barkeit als Kraftquelle genau studieren zu lasse:!. ES liegen bereits Berichte über eine Stromlänge von etwa sechshundert Kilometer vor. Gegenwärtig liefern die Wasser etwa 130 OOO Pferdestärke». Dies stellt jedoch nur einen geringen Bruchteil der verfügbaren Energie dar. Die in Frage stehenden Wasserläufe haben ein Gefälle von 1— 1�/, Meter auf das Kilometer. Trocken« Perioden treten nur etwa alle 25 Jahre auf und übermäßige Dürre nur in jedem 50. Jahre. Allerdings übt hier die immer weiter gehende Waldverlvüstung einen erheblich ungünstigen Einfluß aus. Die Wasserkraft wird vornehmlich in der Papier- und Textilindustrie verwendet, sowie als Antrieb für elektrische Licht- und Kraftanlagen. Im Städtchen Kilbourn am Wisconsin-Flusse ist eine mit Wasser- krast betriebene Zentrale errichtet worden, die einen Umkreis von 50 Kilometern versorgt. Der Saint Croix-Fluß, der einen Wasserfall von über 15 Meter Höhe bildet, betreibt eine Station von 27 000 Pferdekräften und liefert bis zu einer Entfernung von 40 Kilometern Strom. Roch mächtiger wird die Anlage am St. Louis-Flusse sein, wo mit 200 000 Pferdekräften auf Abstände bis zu 75 Kilometern gearbeitet werden soll. DieS Werk würde bann nach den Werken am Niagarafall an zweiter Stelle stehen. Von Fox River aus werden 35 000 Pferdestärken an industrielle Etablissements abgegeben. Die Anlagen find in dieler Hinsicht mustergültig. Ebenso wie in Wisconsin betrachtet man auch ander- tvärts in der Union das Wasser als wirtschaftlichen Hauptfaktor deS Landes. Verkehrswesen. Die»höchsten' Eisenbahnen der Welt. Europa wird sich nie rühmen können, die höchste Eisenbahn der Welt zu be« sitzen; denn selbst wenn die projektierte Bahn aus Europas höchsten Berg, den Montblanc, zur Wirklichkeit wird, so würde sie doch noch hinter den Andenbahncn Südamerikas zurückbleiben, die schon jetzt. der bedeutenden MeereShöhe der Andenpässe- entsprechend. ganz be« trächtliche Steigungen zu überwinden haben. Außerdem handelt eS sich im erstcren Falle nur um solche Bahnen, die zur größeren Bequemlichkeit der Touristen erbaut sind, während die süd« amerikanischen Bahnen einem ernsten Verkehrsbedürfnis ihren Ur« fprung verdanken. Die höchste Eisenbahn der Welt besitzt Peru. Sie verbindet Callao und Lima mit Cerro de PaSco und liegt in dem Meig- Tunnel bei der Piedra-Parodi 4831 Meter über MeereShöhe. Mit welchen Schwierigkeiten überhaupt in Südamerika der Bahnbau zu kämpfen hat. zeigt schon ein Blick auf die Karte dieses Erdteils. Auf dem verhältnismäßig schmalen Küstenstreifen zwischen der Cordillera de loS Sudes und dem Stillen Ozean sieht man. namentlich in Columbia und in Rord-Ehile, zahlreiche Bahnstrecken zwischen Küste und Gebirge, die aber meist in dem letzteren, oder gar an feinem Fuße, ein frühzeitiges Ende finden. Nur wenige durch- queren die Anden. Unter diesen ist die Bahnstrecke, welche Mollendo in Peru mit Puno und weiter, am Titieacaice entlang, mit La Paz und Oruro in Bolivia verbindet, die zweithöchste der Welt; sie er- reicht bei Crucero eine Meereshöhe von 4460 Metern» nach anderen Messungen sogar 4468 Meter. Bon La Paz und Oruro aus durchquert eine zweite Bahn, die n!t der ebeugenannten einen Halb- kreis zur Küste bildet, die Anden in südwestlicher Richtung. Sie überschreitet die Anden bei Ascotan in über 4000 Metern Höhe und endigt in Lntofagasta an der nordchilenischen I Küste deS Stillen Ozeans. Die im Bau befindliche Sirecke Arica-» La Paz in Bolivia erhebt sich an einer Stelle bis zu 4071 Metern. Ein großartiges Werk, das man im Juni 1S10 zu vollenden hofft, ist der Bau der transkontinentalen südamerikanischen Bahn, welche Chile mit Argentinien verbinden soll. Der gesamte Bau bot ganz enorme Schwierigkeiten, die auf der chilenischen Seite namentlich fast unüberwindlich schienen. Bevor die Bahn die Paßhöhe von La Cuntbre, 3842 Meter, erreicht, hat sie unter anderem auch einen Kehrtunnel von über drei Kilometer Länge zu durchlaufen, dessen Einfahrt in 3130 Meter Meereshöhe liegt und dessen Sohle um 75: 1000 steigt. Aus dem Gebiete der Chemie. Opium und Morphin. Der gemeine Mohn(Papaver somniferum), der wegen seiner schönen weißen oder hellvioletten Blüten auch bei uns als Gartenpflanze kultiviert wird, liefert in dem eingedickten Milchsast seiner umfangreichen Fruchtkapseln jenes über die ganze Welt als Medikament und Genußmittel verbreitete, namentlich aber in der Türkei, in Persien und besonders in China mit entsetzlichem Mißbrauch genossene Betäubungsmittel, das Opium. Die Engländer, die in ihren indischen Kolonien einen ausgedehnten Mohnbau haben, betreiben einen sehr schwunghasten Handel mit dem Opium nach China, der ihnen jährlich viele Millionen einbringt und nur, seitdem die Chinesen in ihrem eigenen Lande ungeheuere Mengen des süßen Giftes herstellen, etwas zurückgegangen ist. In der Tat können die Chinesen heute ohne Opium, das sie meist auS langen Pfeifen rauchen, nicht mehr leben und verdanken die Degeneration, unter der sie zweifellos leiden, dieser Pionierarbeit europäischer Kultur. Das Opium enthält an zwanzig verschiedene, mehr oder minder giftige Pflanzenbasen. sogenannte Alkaloide, von denen das giftigste und bekannteste daS Morphin ist. Einige der anderen Opiumalkaloide sind das Narkotin, Thcbain, Kodein. Narzein, denen jedoch allen nicht im entferntesten die Bedeutung zukommt, die das Morphin hat, wenn auch einige von ihnen therapeutischen Zwecken dienen, wie z. B. das Kodein. daS bei starkem Hustenreiz verordnet wird. DaS am stärksten wirkende Alkaloid. das Morphin, ist zugleich auch von allen anderen in größter Menge, zirka 10 Proz., im Opium enthalten. Beide, Opium und Morphin, gehören zu den wichtigsten Medikamenten unsere» Arzneischatzes als schmerzstillende Mittel und können bei manchen schmerzhaften Krankheiten durch nichts anderes ersetzt werden. DaS Opium wird in Foem von Pulvern oder Tinkturen zur inner- lichen Aufnahme verabreicht, während Morphin eingespritzt wird. Die Wirkung ist beide Male die gleiche, da in jedem Fall daS Medikament in den Blutkreislauf, damit auch in die ernährenden Gefäße deS Gehirns gelangt und auf dieses seinen beruhigenden, einschläfernden Einfluß ausübt. Die Giftigkeit mag daran bemessen werden, daß von dem reinen Morphin gemäß der Verordnung deS Deutschen Arzneibuches nicht mehr als drei Hundertstel Gramm sO, 03 Gramm) auf einmal, am ganzen Tag nicht mehr als ein Zehntel Gramm(0,1 Gramm) zu arzneilichen Zwecken gegeben werden darf. Der ungeheure Schaden, den Opium und Morphin an der Gesundheit ganzer Völker stiften, beruht vor allem darauf, daß all:, die dem Laster deS OpiumraucheuS oder Morphinspritzens ein- mal verfallen sind, von diesen«ntjetzllch destruicrend wirkenden Stoffen noch viel weniger loszukommen vermögen als von anderen zu Genußzwccken gebrauchken Giften, etwa dem Nikotin oder Alkohol. Es ist mit ganz unglaublichen Schwierigkeiten verbunden, einen Morphinisten seines Betäubungsmittels zu entwöhnen; meistens mißlingt es vollkommen. Die Tücke des GifteS besteht ferner darin, dag sich unser Organismus nach längerem Gebrauch an seine Wirkung gewöhnt und auf dieselbe Dose immer weniger reagiert, so daß der Opiumraucher oder Morphinist sich genötigt sieht, allmählich immer größere Mengen zu sich zu nehmen, wenn die gewünschte Wirkung des Betäubt- und träumerischen EntrücktseinS noch ausgelöst werden soll. So kommt eS. daß von manchen Opium- räuchern urt't Morphinspritzern ganz unglaubliche Dosen vertrage» werden, Do/ t, die bei jedem narmalen. nicht dem Lasftr verfallenen Dkenschen d.1 sicheren Tod herbeiführen würden. Natürlich gehen alle chronis h mit dem Gift Durchseuchten einer allmählichen Auf- lösung in Energielosigkeit, einem sicheren Verfall ihrer geistigen und körperlichen Kräfte entgegen, wenn sie nicht noch rechtzeitig von ihrem Irrtum zurückgebracht werden können. Verblüffen wird eS vielleicht, sich zu vergegenwärtigen, daß die Samen derselben Pflanze. auS denen die bei uns so beliebten Mohnpilen hergestellt werden, absolut nicht giftig sind und keine Alkaloide enthalten. Nur der Saft, der auS den angeschnittenen, unreifen Mohnkapseln wie dicke Milch heraus« tritt, liefert nach seiner bei Berührung mit der atmosphärischen Luft schnell erfolgenden Erstarrung das berüchtigte Gift, das gleichzeitig eines unserer heroischsten Arzneimittel darstellt. Harmlos ist auch der bei uns als Unkraut auf Kornfeldern zusammen mit der Korn- blume viel verbreitete rote Ackermohn, in manchen Gegenden auch Klatschrose geheißen(Papaver I&oeas). Er blüht in den heißen Sommermonaten in leuchtend roter Farbe und unterbricht an- genehm das eintönige Graugrün der Kernähren, weniger erwünscht dem Landmann, der dieses freudig blühend« Unkraut aus nahe- liegende» Gründen nicht sehr schätzt; im übrigen aber ist er ein harmloser Geselle und besitzt nicht die NasfinementS feines aflatischen BruderS, weder feine schädlichen noch seine heilsamen Wirlungen und macht nur in seiner Kleidung einigen Aufwand.__ Kergntw. Redatt..: Wilhelm Düwell, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruikrti u.VttlagSanstaU Paul Singer LcCo.. Berlin L W.