NnterhaltungsSlalt des Horwärts Nr. 142. Sonnabend, den 24. Juli. 1909 lvachdrua vervstea.» 181 Die Infelbauern. Roman von AngustStrindberg. Deutsch von Emil Schering. �' Als Frau Flod an die Landungsbrücke hinunterkam, um die aus der Stadt Heimkehrenden zu empfangen, war Carls- son so freundlich und bescheiden, daß die Alte sofort merkte, es war etwas dazwischen gekommen. Nach dem Abendbrot ließ sie ihn in die Stube eintreten, damit er das Geld aufzähle. Er mußte sich setzen und be- richten. Aber das ging träge: der Knecht schien keine Lust zu haben, etwas mitzuteilen: doch die Alte ließ nicht locker, bis er mit seinem Reisebericht herausrückte. ..Nun, Carlsson," forschte sie.„er ist doch auch bei Pro- fessors gewesen, nicht wahr?" „Ja. natürlich war ich dort," antwortete Carlsson, der augenscheinlich von der Erinnerung unangenehm berührt wurde. „Nun, wie geht's ihnen?" „Sie lassen alle auf dem Hof grüßen: sie waren so freundlich, mich zum Frühstück einzuladen. Es war sehr fein in der Wohnung, und wir haben auch was Gutes gekriegt." „Was hat er denn Gutes gekriegt?" „O, wir haben Hummer mit Schwammpignons gegessen und dazu Porter getrunken." „Da hat er wohl auch die Mädchen gesehen, Carlsson?" „Ja gewiß," antwortete Carlsson freimütig. „Und die sind sich gleich geblieben, nicht wahr?" Das waren sie nun allerdings nicht: das würde aber die Alte zu sehr gefreut haben: darum antwortete Carlsson nicht darauf. „Ja, sie waren sehr nett! Wir sind abends in Berns Salon gewesen, um uns die Musik anzuhören: da habe ich sie mit Sherry und belegten Brötchen traktiert. Es war. wie gesagt, sehr nett." In Wirklichkeit war es aber durchaus nicht nett gewesen: die Sache war nämlich ganz anders verlaufen. Carlsson war in der Küche von Lina empfangen worden, denn Ida war ausgegangen: an der Ecke des Küchentisches hatte er dann eine halbe Flasche Bier getrunken. Dabei war die Frau des Professors in die Küche gekommen und hatte zu Lina gesagt, sie solle einen Hummer holen, da abends Besuch komme: dann war sie wieder gegangen. Als Carlsson mit Lina wieder allein war. wurde die etwas verlegen: schließlich kriegte Carlsson aus ihr heraus, daß Ida seinen Brief empfangen und ihn eines Abends, als ihr Bräutigam dagewesen, laut vorgelesen habe: das war in der Kammer geschehen, wo der Bräutigam Porter trank und Lina Champignons reinigte. Und sie hatten sich halb tot gelacht. Zweimal habe der Bräutigam den Brief gelesen, laut wie ein Pastor. Am meisten hatten sie sich über den -„alten Carlsson" und seine„letzten Stunden" amüsiert. Als sie zu der Stelle von„Versuchungen und Irrwegen" kamen, hatte de» Bräutigam— er war Bierfahrer— vorgeschlagen, nach Berns Salon in die Versuchung zu gehen. Und sie waren dorthin gegangen und wurden von dem Bräutigam mit Sherry und belegten Brötchen traktiert. Ob nun Linas Erzählung Carlssons Sinn erregt und sein Gedächtnis erschiittert hatte; oder ob er sich so lebhaft in die Kleider des Bierfahrers gewünscht, daß er sich in dessen angenehme Lage als Wirt versetzt, sich mit dem Hummer essenden Gast verwechselt, den Porter des Bräutigams ge- trunken und Linas Champignons gegessen hatte— genug, er stellte der Alten die Sache so dar, daß er die Wirkung er- zielte, die er beabsichtigte; und das war die Hauptsache. Nachdem er so weit gekommen war, fühlte er sich ruhig genug, um zum Angriff überzugehen. Die Burschen waren auf See, Rundgvist hatte sich niedergelegt, und die Mädchen waren für diesen Tag fertig geworden. „Was ist das für ein Geschwätz, das hier im Kirchspiel umläuft; das ich überall hören muß?" begann er. •„«Was schwatzt man jetzt wieder?" fragte Frau Flod. „Ach, es ist das alte Geschwätz: wir dachten daran, uns zu verheiraten." „Ja. das ist nichts Neues: das haben wir so oft gehört.� „Aber es ist doch ganz unglaublich, daß die Leute be« haupten, was nicht wahr ist! Das ist nur ganz unbegreiflich," sagte der listige Carlsson.' „Ja, was sollte er. der junge, hübsche Kerl, auch mit einem alten Weib, wie ich bin, anfangen?" „O, was das Alter betrifft, damit hat's keine Gefahr. Darf ich für mein Teil sprechen: sollte ich einmal denken, mich zu verheiraten, so wäre es nicht mit einer Dirne, die nichts kann und nichts weiß: denn seht. Tante, die Lust ist eins und sich verheiraten ein anderes! Denn die Lust, die weltliche Lust, vergeht wie ein Rauch, und die Treue ist wie Kautabak, wenn ein anderer kommt, der Zigarren spendiert; Seht, so bin ich, Tante: mit der ich mich verheirate, der halte ich auch Treue; und so bin ich immer gewesen, und wer etwas anderes sagt, der lügt." Die Alte spitzte die Ohren und merkte die Anspielung. „Aber Ida? Ist es nicht Ernst zwischen ihr und ihm?" untersuchte sie.* «Ida, ja, die ist ja an und für sich ganz gut; ich brauchte nur den Finger nach ihr auszustrecken, dann hätte ich siel Aber, Tante, sie hat nicht die rechte Gesinnung; sie ist Welt». lich und eitel, und ich glaube, sie wandelt sogar aus unrechten Wegen. Uebrigens muß ich sagen, ich fange an alt zu werden, und habe keine Lust zum Schäkern mehr. Ja, gerade heraus gesagt: sollte ich ans Heiraten denken, so würde ich eine ältere, verständige Person nehmen, eine, welche die rechte Ge« sinnung hat. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll, aber Ihr versteht mich doch wohl, Tante, denn Ihr habt ja die rechte Gesinnung; ja, die habt Ihr." Die Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, um Carlssons Winkelzüge besser verstehen zu können, damit sie nicht die Gelegenheit versäume, ihr Amen zu sagen, wenn er mit seinem Ja herausrückte. „Aber sag er mal, Carlsson." begann sie ein neues Garn« ende,„hat er denn nicht an die Witwe von Ovassa gedacht, die allein steht und nichts Besieres verlangt, als sich wieder zu verheiraten?" „Ach nein, die kenne ich wohl, aber die hat nicht die rechte Gesinnung: wer mich haben will, der mutz die rechte Gesinnung haben! Geld und äußeres Getue und feine Kleider, das macht auf mich keinen Eindruck, denn so bin ich nicht! Und wer mich wirklich kennt, der kann nichts anderes sagen." Der Stoff schien nun vom allen Seiten benagt zu fein; einer mußte das letzte Wort sagen, solange es noch mög-. lich war. „Nun, an lven hat er denn gedacht, Carlsson?" fragte sich die Frau einen kühnen Schritt vor. „Gedacht? Gedacht! Man denkt dies und das; ich habe überhaupt noch nichts gedacht. Der etwas denkt, der spreche; ich schweige! Man soll nachher nicht sagen können, ich habe jemanden verlockt: von der Gesinnung bin ich nicht." Die Alte wußte jetzt nicht recht, wo sie zu Hause war: und sie mußte sich noch einmal vortasten. „Ja, aber lieber Carlsson, wenn er Ida in Gedanken hat, dann kann er doch nicht in vollem Ernst an eine andere denken." „Ida, nein, die Füchsin will ich nicht geschenkt haben! Nein, etwas Besseres muß es sein; Kleider am Körper muß sie wenigstens besitzen: und hat sie noch etwas mehr, so schadet es auch nichts: doch sehe ich nicht darauf, denn so bin ich, das ist meine Gesinnung." Jetzt war man so viele Male hin- und hergefahren, daß man in die Gefahr kam, sitzen zu bleiben, wenn die Alte sich nicht noch einen Ruck gab. „Nun, Carlsson, was würde er sagen, wenn wir beide uns zusammen täten?"<- Carlsson wehrte mit beiden Händen ab, als wolle er sofort vom ersten Augenblick an jeden Verdacht einer solchen Niedrigkeit verjagen. „Aber das kann doch gar nicht in Frage kommen!" be« teuerte er.„Daran wollen wir nicht einmal denken, ge.« schweige denn davon sprechen. Was würden die Leute — 566— Ichwatzen: ich hätte sie fürs Geld genommen. Aber so bin ich nicht, und das ist nicht meine Gesinnung. Nein, über die Sache wollen wir kein Wort mehr verlieren. Versprecht mir das, Tante, und gebt mir die Hand darauf(er streckte seine Hand aus), daß wir nie wieder davon sprechen! Gebt mir die Hand darauf!" Frau Flod aber wollte ihm nicht die Hand darauf geben, sondern sie wollte gerade die Sache gründlich besprechen. «'-„Warum soll man nicht von dem sprechen, was sich doch zutragen könnte? Ich bin alt, das weiß er, Carlsson, und Gustav ist nicht der Mann dazu, den Hof zu übernehmen. Ich brauche jemanden, der mir zur Seite steht und hilft; aber -ich verstehe wohl, daß er sich nicht für andere verbrauchen und sich nicht für nichts abrackern will: darum weiß ich mir keinen anderen Rat. als daß wir uns verheiraten. Die Leute lasse er nur schwatzen; sie klatschen doch sowieso! Hat er nichts Besonderes gegen mich, Carlsson, so sehe ich nichts, was uns hindern sollte. Was hat er denn gegen mich?" „Gegen Euch habe ich nichts, Tante, durchaus nichts; aber dieses dumme Geschwätz: und übrigens Gustav wird uns das nie vergessen." „Ach was, ist er nicht Manns genug, den Jungen im Zaum zu halten, so werde ich's schon besorgen. In die Jahre bin ich ja schon gekommen, aber so alt bin ich denn doch noch nicht, und ich muß ihm unter vier Augen sagen, Carlsson. wenn's drauf ankommt, bin ich noch ebenso gut wie ein Mädchen." Das Eis war gebrochen. Nun kam eine Flut von Plänen und Beratungen, wie man sich Gustav mitteilen und wie man es mit der Hochzeit machen solle. Die Verhandlungen dauerten lange, so lange, daß die Alte den Kaffeckessel aufsetzen und die Branntweinflasche hervorholen mußte. Bis tief in die Nacht hinein dauerten die Verhandlungen. (Fortsetzung folgt.) lTMchdruck verboien.) 3] Bin Pogrom. Von Aa g e Madelung. Unter diesen Existenzen hatte die Posekin ihre Agenten. Sie blieb zwischen ihnen einen Augenblick stehen, wechselte hastig flüsternd einige Worte und steckte ihnen einen Silberrubel zu. Selbst hielt sie sich im Hintergrund, während ihre verdächtigen Helfers» Helfer sich durch die Menge ein und aus schlängelten und sie stachen wie Schlangen. Es bildeten sich kleine Gruppen. Eine von ihnen wurde größer. Mitten im Kreise stand ein zerlumpter Bursche, der eine Rede hielt: „Ja, weshalb verloren wir den Krieg, frage ich? Waren es etwa nicht die Juden, die Stössel und die anderen Generale und Admirale bestachen, damit sie sich schlagen ließen, daß das ganze Rußland in die Hände der Japaner käme? Die haben ja auch keinen Heiland. Seht, daher kommt das. Aber als die Japaner die heilige russische Erde betraten, mußten sie ja haltmachen, das ist sicher... Aber dann warfen sie und die Juden ihr Geld zusammen und -unterboten alle Eisenbahn- und Postleute, alle Fabrikarbeiter und Studenten und Seminaristen, um Streik und Aufruhr im Lande zu erregen. Ja, und wäyrend sie bei den Streiks verdienen, sitzen alle guten russischen Arbeiter ohne Arbeit da und hungern. Das Brot wird noch mal so teuer, und Tee und Zucker und Tabak werden alle... Was ist das Leben ohne das, was? Man will atbeitcn, aber darf nicht. Aber so kam's, daß Trepow, General Minn und Dubasow in Gottes und des Kaisers Namen angriffen, und da hatten die Juden und die Japaner ja keinen anderen Aus- weg, als den- mit der Duma. Da kamen nur Juden hinein. Sie bezahlten mit dem Golde, das sie den Rechtgläubigen ausgesaugt hatten. Und wovon reden die dadrin, frage ich? Ja, was denn anderes, als worüber immerzu hier im„Volkshaus" gesprochen wird. Das Land soll den Bauern genommen werden, sagen sie, und der Zar gehängt werden, gerade wie früher bei den Deutschen. Freiheit wollen sie haben. Als ob wir nicht frei wären! Sind wir Leibeigene, was?... Nein, sie wollen Freiheit, um— ich will's euch sagen— um den einzig wahren Glauben zu verbieten und alle Rechtgläubigen zu beschneiden. Das wollen sie. Sie ver- bieten unsere alten Feiertage und erfinden neue. Wie jetzt den ersten Mai. Sie wollen die Läden heute schließen und Teufels- «esse halten im..Volkshaus". Ja, ja, sie wollen!— Sollen wir IMS das gefallen lassen? Nein, sage ich, laß sie nur probieren! Wir sind Väterchens, des Zaren, treue Untertanen und recht- gläubige Christen. Sind wir das nicht? Brüder! Ja wir silGSI...",'i' Zwei Bursche kamen mit einem Eimer Branntwein. Sie drängten sich durch die Menge zum Redner. Die„Goldene Garde" kam schreiend hinterher. Der Redner senkte ein Glas in den Eimer und zog es gefüllt heraus. Eine Menge anderer Gläser kamen gleich in Tätigkeit, und der Eimer machte die Runde. „Ja, trinkt nur, Kameraden, ein Glas aus diesem Eimer, den gut russische Hausväter und treue Untertanen am heutigen Markt- tage spendiert haben! Gutes Geschäft, Freunde! Hoch lebe Väterchen, der Zar! Prost! Wir wollen unsere Leiber für ihn aufs Schlachtfeld betten, alle unsere Knochen, uh— uh..." Der Redner kam vor trunkener Rührung nicht weiter, und der Haufe zerstreute sich. Um 6 Uhr öffnete man die Kauffäden, die Bauern gingen hinein, um etwas zu erstehen. Die Straße wurde leerer. Die Leute besorgten ihre Geschäfte. Eine gute Stunde später versammelten sich ungefähr 50 Männer und Frauen im Volkshaus. Auf ihren Gesichtern konnte man lesen, daß sie zur radikalen Jugend gehörten. Die Weiber trugen schmucklose Kleider. Einige hatten sich nach alter nihilistischer Tradition die Flechten abgeschnitten. Die Männer fuhren sich durchs Haar, gestikulierten und unterhielten sich eifrig über die-Bedeutung des Maitages als Festtag für das Proletariat der ganzen Welt. Die schwarzen russischen Blusen, die National» tracht der Fabrikarbeiter, gaben ihnen ein düsteres Gepräge. Man sah, daß sie den sozialistischen Organisationen angehörten. „Wo bleiben nur die andern? Ist die Versammlung abge» sagt? oder soll sie außerhalb der Stadt abgehalten werden?" hörte man vereinzelt fragen.„Der Pförtner sagt's. Sollen wir bleiben oder warten? Wo ist die Miliz?..." Im selben Augenblick kam ein Vorstandsmitglied eilig zur Tür herein. „Ich möchte um einen Augenblick Aufmerksamkeit bitten". begann er schnell und ernst.„Wie Sie wissen, war es ursprünglich unser Gedanke, den Maitag in diesem Hause zu feiern, das mit Recht das unsere heißt. Von hier wollten wir in einer Prozession durch die Stadt marschieren und alle auffordern, die Arbeit ein» zustellen. Aber verschiedene Umstände haben uns veranlaßt, nach Verständigung mit den Leitungen Ihrer Organisationen, diesen Beschluß zu ändern. Gestern abend wurde es beschlossen und, wie ich glaube, allen mitgeteilt. Wie Sie wissen, fällt heuer der Mai- tag mit dem Nikolinmarkt zusammen. Viele Landbewohner sind hereingekommen, und man konnte sich denken, daß die lichtscheuen Elemente der Stadt die Gelegenheit benutzen würden, im trüben zu fischen und Aufläufe und Gewalttätigkeiten herbeizuführen. Die Zeiten sind unruhig und die Gemüter»n Erregung. Eine Kleinigkeit kann unberechenbare Folgen haben, und wir dürfen nicht eine Versammlung von Tausenden von Menschen einer Panik aussetzen. Sie entsinnen sich der Oktobertage im vorigen Jahr. Unsere Miliz ist auch nicht so stark wie früher. Sie kann nicht das Volkshaus gegen eine Menschenmenge von mehreren Tausend verteidigen. Die Gendarmen und die reitende Polizei werden offenbar gegen uns sein. Ich kann Ihnen sagen, daß wir eine Depesche empfangen haben, die da? andeutet. Die Ordnungspolizei ist machtlos. Der Gouverneur hat unS mitgeteilt, daß es nicht in seiner Macht stünde, für die Sicherheit der Versammlung in der Stadt zu garantieren.... Wie meinen Sie? Nein, entschuldigen Siel Der Gouverneur hat sich bei jeder Gelegenheit loyal gezeigt. Unsere Stadt ist die einzige, die in diesen Schreckenszeiten kein Pogrom aufweisen kann, ist die einzige in ganz Rußland, die trotz der steigenden reaktionären Flut konstitutionell nach dem Wort- laut des Freihcitsmanifestes regiert wird... Also die Mai- demonstration findet vor der Stadt im alten Lager statt, und ich bitte diejenigen, die daran teilnehmen wollen, sich dorthin zu be- geben... Ob die Kaufleute nicht aufgefordert werden sollen. zu schließen? Ja, es ist schon eine Deputation gewählt, die sich im geeigneten Zeitpunkt in Bewegung setzt. Man muß warten, bis sich die Bauern mit Waren versehen haben. Viele haben einen weiten Weg gemacht... Und nun,' Kameraden, auf Wiederschen draußen im Lagerl" Alles ging. Im„Volkshaus" blieb nur der Pförtner zurück. Kurz danach ging die Deputation von Laden zu Laden und forderte die Kaufleute auf, zu schließen. Ihr Wunsch wurde augenblicklich erfüllt. Viele von den Angestellten sympathisierten mit den radikalen Ideen, und die Kaufleute fügten sich am liebsten allen Teilen. Wer weiß, wer morgen die Uebermacht hat! Die großen Türen drehten sich knackend, und die gewaltigen Schlüssel und Schlösser rasselten und fielen zu; die Bauern sahen sich ein- ander mit offenem Munde an. Viele von ihnen hatten die be» stellten Waren noch nicht ausgeliefert erhalten. Andere hatten noch gar nicht an den Einkauf gedacht. In weniger als fünf Minuten war in der ganzen Geschäftss straße alles geschlossen und verriegelt.> In den nächsten fünf Minuten folgten die anderen Straßen diesem Beispiel. Die Türen knarrten, die Schlösser schnappten zu. und alles wurde still wie an einem Hohen Festtag. Auch die Bauern standen stumm in Gruppen, umsponnen von denselben Schma- rotzcrn des Pöbels wie vorher. Es lag ein Unwetter in der Luft. Man fühlte den Odem eines großen TiereS. Gleichzeitig mit der Schließung streikten alle Schulen? Gh'nv- nasium, Realschule und die technische. Die ältesten Schüler er- klärten nach der ersten Stunde, sie gingen für heute. Alle anderen, bis zu den Knirpsen in den Vorschulklassen, taten dasselbe. Ein Dutzend kleine und große Schuljungen kamen auf dem Heimweg auf die Brücke, die die alte Stadt mit der Geschäfts« Pratze verbindet. Getrost gingen sie auf die Menschenmauer zu. Ms sie dicht herangekommen waren, rief plötzlich eine wilde und gurgelnde Stimme: „Schlagt sie nieder! Schlagt sie nieder!" und die Mauer tvälzte sich vornüber. Es sah aus, als hätte sie gestanden, mit dem Gleichgewicht gekämpft und plötzlich den entscheidenden Stotz bekommen. (Fortsetzung folgt.) En der Mege der)VIark« Brandenburg an der Havel, die„alte Chnr- und Hauptstadt", wie sie von ihren eingesessenen Bewohnern heute noch nicht ohne heimlichen Stolz genannt ivird, teilt mit anderen alten Städten der Mark das Los, nach einer bedeutsamen Vergangenheit nun schon lange im Schatten der neuen Reichshauptstadt zu stehen, die allen Glanz an sich gezogen hat. Wer heute Brandenburg vom Staatsbahnhof her betritt, fühlt sich zunächst ganz in eine Kleinstadt versetzt, und erst wenn man einige hundert Schritte weiter den Gleisen der auch echt kleinstädtisch anmutenden Pferdebahn ge- folgt ist, wird man durch die ausgedehnten Fabrikanlagen der Brennaborwerke daran erinnert, daß man sich in einer nicht unbedeutenden Industriestadt befindet. Besuchenswert ist aber Brandenburg— von der landschaftlich zum Teil recht reizvollen Umgebung abgesehen— heute doch hauptsächlich nur noch wegen seiner Baudenkmäler aus jener Zeit, wo die Spreestädte Berlin-Cölln noch respektvoll vor der älteren Schwester an der Havel zurücktraten. Zunächst wird freilich das Auge des Besuchers, wenn er der er- Wähnten Pferdebahnlinie weiter folgt, durch einige moderne Bauten angezogen, von denen ein bei der Annenbrücke dicht am Stadtkanal stehendes Wohnhaus, eine Schöpfung Schultze-Naumburgs, sich durch seine harmonische, der Lage prächtig angepaßte Architektur auszeichnet. Die von der Brücke bis zum Rathaus führende breite St. Annenstratze weiß neben meist älteren nüchternen Bürgerhäusern noch einige bemerkenswerte öffentliche Bauten iPost, Bankvercinshaus) auf, sowie verschiedene neuzeitliche Geschäfts« Häuser, zwischen denen das ehemalige Kurfür st enhaus, daS mit seinem reichverzierten Giebel einst gewiß recht.fürnehm" auf die umliegenden Bürgerhäuser herabgeschaut hat, nun zusammen- geduckt steht. DaS gegenüberstehende Rathaus selbst hat vielfache Um- und Anbauten erfahren, die seine ursprüngliche Gestalt kaum noch er« kennen lassen. Nur daS mächtige steilansteigende Dach, zu dem der nachträglich angebrachte Turm, ein sog..Dachreiter", nicht recht paßt, und die breitausladenden Giebel der Ostfront geben noch eine Vorstellung der einstigen charaktervollen Bauart deS Gebäudes, desien Vorderseite übrigens zuerst dort gewesen sein soll, wo jetzt sich die Rückfront befindet. Der gotische Backsteingiebel, der dort über daS Dächergewirr der den ehemaligen Rathaushof bedeckenden Bürger» Häuser emporragt, gibt noch Kunde von den Schildbürgerstreichen, über die noch der alte Z r e g l e r, Brandenburgs demokratischer Oberbürgermeister in der völkermärzlichen Zeit, die Schale seines Zornes ausgoß. Unangetastet aber steht seit Jahrhunderten vor dem Rathause der massige, mit primitiver Kunst aus Stein gehauene Roland, dessen Nachbild jetzt auch den Eingang zum Markischen Museum in Berlin hütet. Er gilt als Wahrzeichen der eigenen Gerichtsbarkeit, die Brandenburg bereits 1324 in seinem weitberühmten Schöppen- stuhl verliehen ward mit der Maßgabe, daß hier.alle Städte der Mark als in oberster Stätte Recht mchen sollten." Vom anderen Ende der Steinstraße, die hier am Rathaus ihren Anfang nimmt, grüßt ein nicht minder ehrwürdiger Zeuge des Mittelalters herauf: der Steintorturm, einer jener dicken, runden Burschen, wie fie dem Wanderer in der Mark häufig in alten Städten begegnen, wenn auch nicht immer in so gut konservierter Saltung wie dieser hier. DaS Weichbild der Stadt, zu besten chutze er einst errichtet ward, ist jetzt weit hinauSgerückt, und der Turm dient nun als Altertumsmuseum. Von Fremden wenig und von Einheimischen noch seltener besucht, pflegt sich um die Sonntags- Mittagszeit, wenn seine Pforte geöffnet ist, die Brandenburger Schuljugend bei dem altersgrauen blinden Turme zum Besuche ein» zufinden, denn seine dunklen Stiegen und Gänge bieten die schönsten Schlupfwinkel. In den kreisrunden Ge- mächern der oberen Stockwerke hat der Historische Verein Brandenburgs mit seinen Lktenbündeln und Schweinsleder- bänden sein Domizil aufgeschlagen, und in den Nischen ringsherum wimmelt eS in dieiem Eulennest historischer Gelehrsamkeit von mehr oder minder intereffanten, auch kunstgewerblichen Altertümern. Von der Zinne des TurmS bietet sich eine hübsche Rundstcht auf die Stadt dar. An den Steintorturm stoßen noch Reste der alten Stadtmauer, die gleichfalls pietätvoll erhalten werden. Die Stadt selbst hat sich, wie schon erwähnt, über diese Grenze bettächtlich hinauSgedehnt, und bei der Fortführung der in dieser Richtung verlaufenden Jakob« stratze stieß man auf ein weiteres Stück Mittelalter: die kleine St. Jakobs-Kapelle. Als Verkehrshindernis hätte sie eigent- lich verschwinden müffen, wenn man fie nicht liebevoll einige Schritte beiseite gerückt hätte. Da steht fie nun behutsam aufbewahrt in ihrer Ecke, wo sie die moderne Welt nicht mehr stört, und eine Ja« schrift kündet den klugen Streich, den man mit ihr vollführt. Kehren«vir nun zum Rathaus zurück und schlagen wir dabei den an der alten Stadtmauer entlang führenden Weg durch die Grabenpromenade ein. die den früheren schlammgefüllten Stadt- graben in üppig grünende Rasen- und Blumenflächen verwandelt hat, so kommen wir an einem der schönsten Baudenkmäler der Mark, der prächtigen St. Katharinenkirche, vorüber. Sie steht ziemlich versteckt an einem mit hoben alten Bäumen bestandenen Platze. Der erst später als Ersatz für seinen eingestürzten Vorgänger angebaute Turm stört mit seiner plumpen Gestalt etwas den har« manischen Eindruck, den das herrliche Bauwerk sonst durch seine reichverzierten Fassaden macht, die wahre Meisterwerke der Backstein» gotik darstellen. Auch das Innere der Kirche ist sehenswert. Um zu jenem Teile Brandenburgs zu gelangen, der als ältester gilt und daher auch als die eigentliche Wiege der Mark bezeichnet werden kann, gehen wir nun am Rathaus vorbei, über den Molken« markt, wieder au einem altertümlichen Torturm vorüber und kommen über den Mühlendamm nach Dom-Brandenburg, dai heute noch einen besonderen Gemeindcbezirk fiir sich bildet. Die beiden Dämme, die jetzt die Stadt mit der Dominsel verbinden, find Menschenwerk: einst flutete hier die Havel, deren Gewässer nun in daS Joch von Mühlenrädern gebeugt find, frei um das Stück Land, von dem die Mark ihren Namen trägt. Denn bicr stand die Brennaburg, das wendische Brennabor, um dessen Besitz vor tausend Jahren Deutsche und Wenden fanatische Kämpfe geführt haben, bis das wechselvolle Kriegsglück die Deutschen dauernd zu Siegern machte. Wer heute den von einem Hauche mittelalterlicher Romantik umwehten Platz betritt, spürt nichts mehr von Er« inneruugen an blutige Schlachten. So still und friedsam ist eS hier, daß kaum der Lärm der nahen Fabrikstadt in diesem Stück traumversunkener Poesie hereintönt. Eine grünumsponncne Mauer umschließt den eigentlichen Dombezirk, in dem die ehemalige Dom- dekanei(jetzt Generalswohnung), die Ritterakademie und die Dom- kirche sich befinden. So unansehnlich die letztere von außen scheint, so sehr überrascht ihr Inneres durch Reichtum an kunstgeschichtlichen Altertümern. Ein kundiger Küster besorgt die Führung. In der Mitte des Hauptschiffes führen einige zwanzig Stufen zu dem Altar« räum hinan, in dem sich die mit heraldischen Schmuck überreich ge« zierten Stühle der zwölf Donihcrrcn befinden, zu denen bekanntlich auch Fürst Bülow gehört. Alljährlich zu Michaelis findet hier eine Zusammenkunft dieser pfründengesegncten Würden« träger statt, wobei auch eine Sitzung unter dem ganz mittelalterlich anmutenden Gewölbe der„bunten Kapelle' abgehalten wird. Hier wie in der Krypta wird das Deckengewölbe von Säulen mit künstlerisch gemeißelten Kapitälen getragen, die symbolisch auf den Schwancnorden, den einstigen Verweser des Stifts, hindeuten. Unter den zahlreichen Reliquien aus katholischer Zeit, die in dem Dome aufbewahrt werden, befindet sich ein Modell der Marienkirche. von der noch au anderer Stelle gesprochen werden soll. ErwähnenS- wert ist schließlich noch ein kleiner Architektensch crz, der sich am Domportal befindet. ES ist die in Stein gemeißelte Fabel vom Fuchs, der den Gänsen predigt, um sie am Ende zu erwürgen, womit offenbar die Rolle der Geistlichkeit im Mittelalter satirisch behandelt ist.— Beinahe wäre der Brandenburger Dom übrigens noch in neuerer Zeit einmal zum politischei, Schau« Platz geworden, wenn die aus dem rebellischen Berlin verjagte preutzische Nationalversammlung, die hier vom 27. November bis 5. De» zember 1848 ihre Sitzungen abhielt, einer Aktion überhaupt fähig gewesen wäre. Vom Dom führt der Grillendamm hinüber nach Altstadt» Brandenburg, in welcher als altertümliche Bauwerke das NichthauS und die St. Gotthardskirche hervorragen. Auch zwei alten Tor» türmen begegnen wir hier noch. Zwischen beiden zieht sich die Wall» Promenade hin, deren Mittelweg auf dem ehemaligen Stadtwall hinführt, während die beiden Seitenwege, von uralten Bäumen be» schattet, den früheren Wallgräben folgen. Vom Ende der Promenade führt, am„Volksgarten"(dem Versammlungslokal der Brandenburger Parteigenossen) vorbei, ein Weg zur.Bismarck» höhe", wie dieser Teil des alten Harlunger- oder Marien» bergeS nun getauft ist, hinan. Zur Zeit der Wendenherrschast hat da oben'das Triglafheiligtum gestanden, später, im katholischen Mittelalter, entstand die Marienkirche, deren Modell noch im Dom aufbewahrt ist, von der selbst aber kein Stein mehr auf dem ehemaligen Standort sich befindet. Dieses Münster muß eine Pracht» volle Zierde des Berges gewesen sein, nicht nur wegen der weithin fichtbaren Lage, sondern auch weil der Bau selbst ein architektonisches Meisterstück war;«ein seltsamer Uebergang von spätromanischem Rundbogenstil zu stüher Gotik, wie er sich nach dem erhaltenen Modell noch leicht vorstellen läßt. Die Geschichte des Verfalls diefeS Bauwerks ist ein drastischer Beleg für den bekannten„Kunst» sinn", den die Hohenzollern in der Mark allezeit bewiesen haben sollen. Die Marienkirche war nämlich trotz der baulichen Verwahrlosung, in die sie nach der Reformation geriet, noch bis ins 13. Jahrhundert hinein so gut erhalten, daß sie wahrscheinlich bis heute den Unbilden der Zeit getrotzt hätte und mindestens eine fchöne Ruine geblieben wäre, wenn nicht der preußische Soldaten- könig Bausteine für einen Potsdamer Garnisonbau gebraucht hätte, wofür ihm die Brandenburger Marienkirche als Steinbruch gerade gut genug erschien. So wurde das unersetzliche Bauwerk ab- gebrochen, das Baumaterial fortgeschleppt und die verödete Höhe .schmückt" nun neben einem als Kriegerdenkmal geweihten AussichtS» türm eine monströse WSmarckwarte, die ein reichgewordener Blech- tzvarenfabrikant errichten liest. Der Marienberg bietet infolge feiner isolierten Lage trotz der «ringen Höhe<64 Meter über dein Meeresspiegel) eine umfassende Mundsicht, die sich zunächst auf die zu Füßen des BergeS malerisch ausgebreitete Stadt(einige Mietskasernen stören nnt ihren häßlichen Hinterfronten das Bild) erstreckt und sodann nach allen Seiten weit hinein ins Wefthavelland und die Zanche reicht. Von rechts und links glänzen die Spiegel niärkischer Seen herauf, die das im Sonnenschein blanleuchtende Band der Havel verbindet: der lang- oestreckte Beetzsee auf der«inen, der fernerliegende Breitling- oder Plauer See auf der anderen Seite. Am schönsten ist es hier oben um die Zeit des Sonnenunterganges, »wo Nebelsäume des BergeS sich heben vom blauhinrollenden Strom"— und der im Westen verglimmende Feuerball seine letzte Glorie über die Ebene breitet, in die die Stadt mit ihren grauen Türmen und rauchenden Fabrikschloten, den Wahrzeichen der Vergangenheit und der Gegenwart, in das dunkle Grün ihrer Parkanlagen eingebettet Wer aber schon zur Mittagszeit die Höhe des Marienberges erreichte, hat noch Zeit genug, um nach einem Rundgang durch die den ganze» Scheitel des Berges umsäumenden neuen Parkanlagen hinunter zur Havel zu gehen und dort mit einem der nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr abgehenden Dampfer oder Motorboote fluß- abwärts zum Planer See zu fahren. Auf dem Wege zur Havel passiere» wir den schmucken Humboldthain, den eine Büste des großen Naturforschers ziert, während die kgl. Strafanstalt einen etwas düsteren Hintergrund bildet. Die Landungsstelle befindet sich dicht an der Langen Brücke, bei der einst jener oben erwähnte„Schöppensluhl" auf einem Pfahlbau stand. Während der Fahrt bietet sich Gelegenheit, die moderne rndusttielle Entwickelung der Stadt und den lebhaften Schiffsverkehr zu beobachten, der hier auf dem Berlin-Hamburger Schiffahrtswege herrscht. Beim.Buhnenhaus", einem beliebten Ausflugsziel, mündet die Havel in den Plauer See. deffen weitgedehnte Wasserfläche, von dunklen Föhrenwäldern umrahmt und von grünen Inseln belebt, bis zur alten Ouitzowburg reicht, deren Stelle jetzt das Plauer Schloß einnimmt. Es gibt hier, trotz der nahen Bahnstationen Gräncrt und Wusterwitz, noch manch idyllische Stelle, wo, fern von großstädtischen LluSflüglerschwärmen, auch am Sonntag nur knarrende Kiefern und raunendes Schilf das Geflüster der Wellen erwidern. R. Perner. Kleines f eirilleton. Geschichtliches. r*"©in Kampf der Leipziger Universität um ihre greiheit. Die Festtage der Leipziger Universität, die Ende dieses Monats ihr SOOjähriges Jubiläum feiert, rücken immer näher heran und beleben die Erinnerung an jene Frühzeit deutschen Geisteslebens da sie gegründet wurde. Da wird man auch der Gefahren und Kämpfe gedenken, in denen die junge Hochschule um ihre Existenz ringen mußte, und darf dabei des Jahres 1446 nicht bergessen, in dem die Universität wohl das schwerste Ringen um ihre Freiheit mannhaft durchgeführt hat. Durch die plötzliche be- deutende Steigerung des Besuches in den 40et Jahren des 15. Jahrhunderts war besonders das Ansehen der Artisten-Fakultät ge- tvachsen, in der fast allein das akademische Leben jener Zeit pul- sierte. Tws erregte den Neid der anderen Fakultäten und beson- d«rs der berühmt« Ordinarius der Juristen Dietrich von BukSdorff wußte das Ohr des Univerfitätskanzlers, des Bischofs von Merfe- bürg, gegen die Artisten einzunehmen, so daß sogar am 5. Junt 1442 ein Baccalaureatsexamcn plötzlich verboten wurde. So ent- stand ein tiefer Zwiespalt in den akademischen Kreisen, au» dem -immer mehr Haß und Ingrimm geboren wurde, bis schließlich der Landesherr der Universität Kurfürst Friedrich und der Bischof von Merseburg eine Kommission zu umfassenden Reformen einsetzten. die aus dem Rektor Konrad Thune, Dietrich von Buksdorff und dem Brandenburger Dompropst Peter Klietzke bestand. Alle drei waren Gegner der Artistenfakultät und die Knebelung der Freiheit war daher ihr Ziel, während man allgemein von ihrem Wirken er- hoffte, daß sie die Gehälter der Dozenten erhöhen und vor allem die lästige Biersteuer wieder aufhoben würden, deren Einfüh- rung die brauenden Professoren und die trinkenden Studenten be- Landers empfindlich berührt hatte. Am 11. Januar 1446 wurden der gesamten Universität die von dem Kurfürst genehmigten Be- Schlüsse vorgetragen. Zunächst bestieg der Dompropst Klietzke das Katheder und hielt eine feierliche Predigt im scholastischen Stil. Er verbreitete sich, so erzählt Zarncke, über die Geschenke, welche die Heiligen drei Könige dem Christuskinde brachten, und schließlich verglich er mit diesen das Triumvirat der Reformatoren, die heute der Universität ebenfalls reiche Geschenke brächten, das Gold des Glanzes und des Reichtums, den Weihrauch des Ruhmes, die Myrrhen gesicherter Daucrhaftig. leit. Freilich, fügte er etwas spitz hinzu— und hier mag schon der «ine und der andere stutzig geworden sein— freilich für einige. gewiß nur wenige, würden ihre Geschenke auch deS bitteren Ge- schmackes der Myrrhe nicht entbehren. Dann verlas Buksdorff die Statuten und da war nichts zu finden von voller Steuerfreiheit des Bieres, nichts von Besoldung des Dekans und des Vizekanzlers, nichts von Sicherstellung der versprochenen Einkünfte, sondern in barschem Ton wurde der Universität eine nahezu klösterliche Zucht von oben herunter vorgeschrieben, zu deren Aufrechtcrhaltung vier Exekuwren vom Fürsten ernannt wurden. Eine gewaltige Auf« regung entstand unter den Professoren und Magistern; man empfand diese Befehle als einen Eingriff in die heiligsten Privi« legien der Selbstverwaltung und lehnte es höflich, aber bestimmt ab, sich das Recht der eigenen Statutengebung irgendwie schmälern zu lassen. Daraufhin versuchte man mit Gewalt, Drohungen und Versprechungen die widerspenstigen Magister umzustimmen, aber das mißlang völlig; alle Mitglieder der Universität verlangten viel- mehr einhellig, direkt an den Kurfürsten Friedrich zu appellieren. In langem Zuge wälzte sich nun die Schar der Magister und Doktoren, umwogt von der gesamten Studentenschaft, in den Schloß- Hof der kurfürstlichen Pleißenburg. Völlig überrascht trat der Fürst der Deputation entgegen in demselben Saale, in dem später die Disputation zwischen Luther und Eck stattgefunden hat. Der Theologe Johannes Kone führte das Wort; er erflärte freimütig, kein König, kein Kanzler habe sich um die Gesetze der UniversitÄ zu kümmern; die Professoren ließen sich nicht behandeln,„gerade wie Ivenn wir Knaben unter der Rute wären". Auch andere leiden- schaftliche Stimmen erhoben sich und riefen. drohend, daß nie und nimmer die Universität dem Fürsten die Aufsicht über sie zu- erkennen werde. Eine wilde Szene entstand, als nun noch die drei vom Kurfürsten eingesetzten Reformatoren hereinstürmten, übel behandelt, ausgepfiffen und verhöhnt von den Studenten, die Straßen und Burghof füllten. Gewaltiger Tumult und starke? Schimpfen Hub an vor des Kurfürsten Majestät. Und sollte er zur Hölle fahren, schrie Johannes Kone, so werde er dcch nie und nimmer diesen Gesehen gehorchen; als ihn der kurfürstliche Kanzler schmähte, antwortete er mannhaft:„Herr Kanzler, man kennt Euch schon als Verleumderl" Indigniert beendete der Kurfürst die grimmige Szene, indem er mit seinem Gefolge den Saal verließ, während die Mitglieder der Universität trotzig, ohne zu grüßen, nach der anderen Seite abgingen. Doch hatte dem Kurfürsten dies ungestüme Aufbegehren der Magister bewiesen, daß cS sich hier um einen harten Kampf handelte. Obgleich die Verhandlungen noch lange hin- und herdauerten, war doch von der Ausführung der Statuten keine Rede mehr. Die Universität hatte einen vollen Sieg über die Staatsgewalt davongetragen. Kunstgewerbe. Die antike Keramik gibt der heutigen Technik diese» Kunstgewerbes manches Rätsel aus. Wer keimt nicht die durch ihre graziösen Formen, durch ihr« mit feinem künstlerischem Verständnis entworfenen Figuren, ausgezeichneten Gefäße, die, trotzdem man fie früher etrurifche nannte, jetzt als griechische Erzeugnisse erkannt find! Die Darstellungen auf diesen Vasen, die Geschichte ihre» Stils ent- hält noch manches ungelöste Rätsel, und nicht nur diese, sondern auch die technische Herstellung der Gefäße ist i» einigen Punkten noch problematisch. Abgesehen von der Schön- heit der Malerei verbinden die Gefäße große Leichtigkeit mit außergewöhnlicher Festigkeit der Masse, und von dem sehr feinen,' schön gefärbten Ton hebt sich der tiefschwarze Glanz des schwarzen Firnisses in einer durch Jahrhunderte ungeschwächten In- tensiläl ab. Von der Leichtigkeit und Festigkeit überzeugen besonders die großen Amphoren oder Krater, mit ihren dünnen Wänden, die mitunter mehrere Fuß hoch find. Man hat angenommen, daß solche Gefäße nicht in einem S:ücke hergestellt worden sind, sondern einem bereits fertigen Teil ein Stück nach dem anderen auf- gesetzt wurde, worauf erst mit der Hand, und dann mit besonders vorgerichteten Instrumenten die Spuren der Zusammensetzung verwischt wurden. So wurde das Faß des Diogenes gleichsam aus- gebaut. Daneben stellte man auch große Amphoren auf der Töpfer- scheibe her, wobei die bervorragende Geschicklichkeit der Töpfer durch die namentlich in Attila vorzügliche Qualität des TonS unterstützt wurde. Ebensowenig wie die Feinheit, Leichtigkeit und Festigkeit der alten Vasen, ist e§ moderner Nachahmung bisher gelungen, das Geheimnis der glänzend schwarzen Firnisfarbe zu finden, die auf dem roten Grunde des menniggefarbten TonS den vorzüglichsten Reiz dieser Gefäße bildet. Der Firnis besteht aus einer leichten und dabei so zähen Masse, daß eS bisher nicht möglich war, sie mit Echeidewasser aufzulösen. Man hat Asphalt und Naphta, auch Eisenoxyd zu finden geglaubt, andere haben die Vermutung ge- Siißett, daß dieser Ueberzug durch besonders eindringende, mit Farbstoffen geschwängerte Dämpfe bewirkt worden sei, aber alle bisher praktisch angestellten Versuche haben nicht das gewünschte Resultat gehabt. So kommt es, daß kein neuerer Fabrikant, die äußerst geschickten neapolitanischen Nachahmer nicht ausgenommen, die Schönheit und Dauerhaftigkeit der antiken Gesäße in ihrer gan-en Vollkommenheit wieder anserffehen lasten konnte. Auf keinem Aebiete lassen sich deshalb auch so leicht FälschuNgeü vom Echten unterscheiden, und der unverhältnismäßig hohe Preis der Nachahmungen trägt nicht dazu bei, ihre Verbreitung zu erhöhen. Die Wiedererweckung dieser verlorenen Kunst brächte miferem Kuusl- gewerbe eine dankenswerte Bereicherung. Kerantw. Redakt.: Wilhelm Düwell, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanftalt Paul Singer Se?o..Berlin SV.